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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 31
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neun und zwanzigstes Kapitel.

Meister Thorstein mochte es sich wohl nicht vorgestellt haben, daß Illugi der Schwarze gleich nach wenigen Stunden als Freywerber für seinen Sohn angeritten kommen würde. Und doch hatte Meister Thorstein seine eig'nen Kinder ausnehmend lieb, und hätte wohl mindestens eben so viel für jedes von ihnen gethan.

Aber der Mensch pflegt sich von andern Menschen selten einzubilden, daß sie in vorkommenden Fällen just eben so thun würden, als er. Und eben darum wird man so oft aneinander irre, und verwundert sich dann sehr unnöthigerweise.

Meister Thorstein also ward auch von Illugi's Ankunft sehr überrascht; vorzüglich da er den wilden Gunlaugur gleich mit in seines Vaters Gefolge herankommen sahe, welches aus zwölf sehr stark und schön gewappneten Reisigen 217 bestand, gleichsam, als gäbe es nun keine andere Lösung des Verhandelns mehr, als: »Ja!« von der einen Seite, oder: »Krieg!« von allen beyden Seiten. –

Thorstein zeigte, wie billig, seinen Gästen ein freundliches Gesicht, und dachte dazu gar ehrbar bey sich: »Zwingen soll mich ein Gast zu gar nichts. Und wär' er mir auch übrigens lieb, wie Helga's und meiner Frau und mein eig'nes Leben zusammengenommen. Doch gäb' es ihrer auch hundert, bewirthen will ich sie, so lange sie sich höflich aufführen, von ganzem Herzen gern!«

Die Gäste jedoch hatten nur kaum den Ehrentrunk eingenommen; da fing Illugi schon folgendermassen zu sprechen an:

»Gunlaugur hier, der mein Freund und mein Sohn ist, erzählt mir, er sey als Freywerber vor Dich getreten, Dich um Deine Tochter Helga zu bitten. Und nun will ich wissen, wie das Ding ein Ende nehmen soll. Sein Geschlecht und dessen Besitzthum mußt Du kennen. Du weißt: ich hab' ein Gutwort mit d'rein zu reden, wo über irgend wichtige Sachen auf unserem Eilande verhandelt wird, und übe nicht nur Hausvaterrecht an meinem Herd, sondern auch Priesterrecht, sobald es mir einfällt. Das vermag ich 218 so gut, als jener berühmte priesterliche Wehrfester Oenundur auf Mosfelli, dessen kühner Sohn, Rafn der Skalde, jetzt in die Welt hinausgesegelt ist.«

Da rasselten ungestüm klirrend Harnischringe in der Halle zusammen. Und wie man sich darnach umsah, kam es vom Gunlaugur her, welcher die Nahmen des Oenundur und des Rafn überhaupt nicht gut vertragen konnte; minder noch in diesem Augenblick. Und da mußten seine mächtigen Panzerstücke in Erz erdröhnen von den stolzen Bewegungen seines zornigen Herzens und seiner kräftigen Glieder.

Sein Vater aber winkte ihm gebiethend zu, und Gunlaugur stand wieder still, daß er anzusehen war, wie eine schöne Eisenrüstung, von menschlichem Geiste noch unbewohnt und unbelebt.

Illugi, sich zum Thorstein wendend, sprach weiter:

»Da soll nun bey diesem Ehebunde meine Hand nichts sparen, und an keiner Würde noch Herrlichkeit soll es fehlen. Sprich also: Hast Du gegen meinen Sohn Gunlaugur etwas einzuwenden? Oder gar wider unser Geschlecht, o stolzer Myramanne? Aber das hoff' ich doch nicht!«

219 Und da klirrten auch Illugi dem Schwarzen seine Harnischringe stark, und ein gleiches Klirren rasselte durch die Eisenschar seiner Geleiter.

Aber Thorstein winkte lächelnd ernst, wie etwan ein Beschwörer, welcher die stürmige See zum Schweigen zu bringen wüßte. Und weil er dabey sehr feyerlich aussah, in seinem schon etwas greisenden, zu beyden Seiten der Stirn schön herabwallenden Lockenhaar, empfand Jedermann tief das heilige Recht des Wehrfesters an seinem friedlichen Herde. Die Panzergebilde standen wieder bewegungslos da.

Thorstein sagte:

»Dein Knab Gunlaugur wäre mir im Ganzen schon recht zum künftigen Schwiegersohn. Aber höchst ungerathen ist er in Einem Dinge. Nähmlich, er hat keinen festen Rath. Bald dieses will er und bald jenes, und dann will er wiederum jenes und dieses zugleich. Kurz, er ist kein Mann wie Du. Und weil er das nicht ist, so weis' ich ihm sein Freywerbergeschäfte zurück.«

Da rasselten Gunlaugurs Harnischringe sehr stark. Und Illugi, ohne diesen Kampfeston abermahl zu hemmen, trat selbst in seinen tönenden Waffen einen Schritt gegen Thorstein vorwärts und sagte:

220 »Noch ist Friede zwischen mir und Dir. Mache, daß der Friede bestehe. Ich denke, das soll Dir das Beste und Wünschenswertheste seyn.«

»Drohest Du einem Myramannen?« fragte Thorstein. »Drohest Du einem Myramannen mit Fehde, und meinest ihm abzudrohen sein geliebtes Kind? Du schwarzer Illugi, Du stolzer Gunlaugursvater, was verstummest Du? Ich begehre Ja oder Nein von Dir auf meine strenge Frage.«

Illugi entgegnete:

»Das ist nicht meine noch meines ganzen Stammes Weise, uns ein Ja oder Nein herauspressen zu lassen. Was? Du bist unwirsch bey dem Gedanken, daß man Dich bedrohe, und im selben Athem doch fällt es Dir, mich zu bedrohen, ein! Du wundersam gesinnter Mann? willst Du Dir Fehde in Haus und Hof ziehen, so künde sie uns an, oder dringe auch meinethalben gleich mit Waffen los auf uns. Dann hast Du die Fehde. Oder willst Du Frieden, so rede freundlich mit uns, wie es ja ohnehin Deine Art gegen die mehrsten Menschen ist. Ausschlagen werden wir nicht. Aber gnaden alle Mächte des Himmels Dem, der uns zum Wiederschlagen zwingt. Warum willst Du überhaupt den 221 Frieden der Insel verstören? Waren wir ja doch mild und sanft als freundliche Freywerber zu Dir geritten. Unnützes Gezänk ist echten Nordlandsmannen ein Gräuel. Friede, Freund Thorstein! Schlag ein in meine dargeboth'ne Freundeshand, und verlobe Dein schönes Helgatöchterlein meinem kühnen Gunlaugur!« Thorstein sahe nachdenklich vor sich nieder, und sagte: »Du hast eine seltsame Art zu werben, Illugi. Es ist wohl Freundliches darin, aber auch etwas vom Herben mit dabey.« »Ja, das klingt aus allem Werben auf der Welt hervor!« sagte Illugi mit einem Lächeln, das weit mehr nach Wehmuth aussah, als nach Scherz. »Und selbst in das Sterben drängt es sich noch mit ein. Ja in das Erben sogar! Hast Du schon je eine süße Frucht genossen, ohne herbe Schale?«

»Du sprichst nach meinem Sinn;« entgegnete Thorstein. »Wohlan denn! So wollen auch wir dem Süßen das Herbe mischen, Deinem Spruch und unserer aufblühenden Freundschaft zu Ehren. Verheißen will ich meine Tochter Helga Deinem Sohne Gunlaugur, nicht aber sie ihm verloben. Drey Jahre lang soll sie harren, ob der Jüngling wiederkehre von der Fahrt, die er jetzt zu beginnen hat, und auf welcher 222 hoffentlich er so vielerley Menschen begegnen mag, und so mannigfachem Weltgedränge, daß er recht anmuthig heimkehre, vergleichbar einem scharfen, zum blanken Kleinod abgeschliffenen Kieselstein. Kommt er uns aber in dieser Zeit nicht zurück, so will ich sammt meiner Tochter all meines Gelübdes gegen ihn und Dich ledig seyn. Denn alsdann gilt es mir für ausgemacht, er habe sich lieber den wilden Wellen verlobt, als meiner holden Helga, und wolle lieber mit fremden Strandbewohnern in Mord und Kampf und Blutvergießen ringen, als mit mir und meiner Gattinn und meiner Tochter und unserer zahlreichen Sippschaft ein verträglich heimathliches Leben führen.«

Da seufzte Gunlaugur sehr schwer, und Thorstein sah ihn verwundert an. Der Jüngling entgegnete dem Blicke mit den Worten:

»Ach lieber Meister, Ihr deutet da auf so entsetzlich viel der lieben Leute hin, denen ich zu Gefallen leben soll. Dennoch habe ich Schön-Helga dergestalt lieb, daß ich um ihretwillen auch sogar das versuchen will. Sehet mich nicht so kopfschüttelnd an. Es wird schon gehn. Ihr sagt ja selbst, ich würde bis dahin noch trefflich abgeschliffen in der Fremde. Und wahrhaftig, 223 es ist recht schön und weise von Euch, daß Ihr mich mit der sänftigenden Gewißheit hinausziehen laßt, Schön-Helga sey mir verheißen. Es soll mir gut bekommen in der Schleifanstalt, davon Ihr redet! denn so werd' ich mich wohl in Manches, daraus sonsten nichts geworden wäre, geduldig fügen. Und auch den fremden Küstenlanden mag es gut bekommen. Die haben nun gewiß einen weit verträglicheren Gast an mir, als sie es außerdem zu hoffen hätten.«

Da sagte Thorstein mit freundlichem Lächeln:

»Du bist mir ein wilder Wunderling, Freund Gunlaugur. Aber ganz eigentlich böse kann Dir wohl nur ein solcher werden, den Du etwa an Ehre, Leib oder Freunden schädigst. Und vollends wer Dich so oft an seinem Herde geseh'n hat, als ich, und bemerken konnte, wie viel der treuen Sterneslichter durch Deines Lebens krause Sturmgewölke ziehen, der thäte ja ärger, als arg, wenn er Dich nicht im Herzensgrunde lieb behielte, was Du auch Seltsames reden oder schaffen magst. Wohlan!«

Und er faßte bestätigend Illugi's und Gunlaugur's Hände, und ließ dann Frau Jofridur und Schön-Helga in die Halle bescheiden.

Als die beyden schönen Frauengestalten 224 hervortraten, und Thorstein ihnen die Lage der Dinge im leisen Gespräche kund gab, sagte Illugi in seines Sohnes Ohr:

»Eine Schwiegermutter hast Du Dir ausgesucht, wie Frigga, und eine Braut, wie Freia, o Knabe! So würde ein Skalde singen, der noch an die alten Götterbilder glaubte, und wie Skaldengesang umtönet es mich vor diesem Anblick.«

Gunlaugur flüsterte zurück:

»Lieb ist es mir, daß sie Euch gefallen, Vater, und wahrlich, sie verdienen's auch. Aber nehmt Euch mit den Vergleichungen in Acht. Bey der ersten Bekanntschaft wollt' auch ich die zwey schönen Gestalten mit Mond und Sonne vergleichen; natürlich die Tochter mit der Sonne. Aber das wäre mir von Mutter- und Mondesseiten fast übel bekommen. Ein wahres Glück, daß Meister Thorstein mich damahls bey Zeiten mahnte, meine Skaldengedanken für mich zu behalten!«

Illugi hätte fast über seinen Sohn gelacht. Aber es sahe doch allzu schön und feyerlich ernst aus, wie der edle Myramanne Thorstein so zwischen den zwey holden Frauengestalten vom Hochsitze der Halle herabgeschritten kam, und nun nach allen schönen Formen des Isländischen Rechtes die Verheißung – aber keinesweges noch die 225 Verlobung – seiner holdseligen Tochter gegen den kühnen Gunlaugur aussprach.

Der Bund war geschlossen. Die zwey künftigen Mitväter zechten in der Halle. Frau Jofridur ordnete alles für eine fröhliche Abendmahlzeit an. Gunlaugur und Helga, die zwey einander Verheißenen, saßen beysammen unter einem schattigen Baume des Vorhofes, und ihre seltsam bewegten Seelen erhuben sich, dem Sternenhimmel entgegen, in folgendem Wechselgesange:

Gunlaugur.
Es tönt – es tönt in mir das Liedeswort,
Und will doch nicht aus der Seele fort.

Helga.
So laß verstummen in der Seele dein Wort,
Sieh stumm nach der Sterne seligem Port.

Gunlaugur.
Wo wär' ich selig, als nur bey dir?
Was sollen mir die Sterne! Hier blüh' ich! Hier! 226

Helga.
Du blüh'st! Doch giftige Blumen auch
Erblühen in des Nachtwindes Elfenhauch.

Gunlaugur.
Du hältst für eine giftige Blume mich?
O brich denn mich tödtend! O Elfe, brich!

Helga.
Vor Drachen erzittert der Jungfrau'n Hand,
Und du bist Drachenzunge genannt.

Gunlaugur.
Nur Zunge? Das ist noch wenig werth.
Im Männerzwist heiß' ich Drachenschwert.

Helga.
Hu, wie singest du wild! Wie ein Drach' im Streit.
Ich weiß nicht: bist du mir lieb oder leid?

Gunlaugur.
Das weiß ich noch selbst nicht. Im fernen Land
Werd' ich dir geschliffen zum Kieseldemant. 227

Helga.
Du bist ja so zornig, doch oft auch so hold,
Fahr' wohl, kehr' heim als geläutert Gold.

Gunlaugur.
Leb' wohl, du sprach'st ein recht liebliches Wort.
Ich fahre nun hinaus an den waldigen Port.«

Und damit war er verschwunden, ohne von irgend sonst Jemanden Abschied zu nehmen, und hatte sein Schiff erreicht. Dort machten die Leute einige Umstände, so rasch in See zu stechen. Aber der Gunlaugur wußte sie schon dahin zu bringen; theils in Güte, theils in Gewalt.

Dunkel auf der mondhellen See wogte das Schiff gen Westen hinaus, aber mit Schwanen-weißen Segeln, und silberhell blitzten die über den Bord hinausgereiheten Schilder der Kriegsleute in den Schimmern der Nacht.

 

 

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