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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 30
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Acht und zwanzigstes Kapitel.

Der häusliche Abend wollte dennoch nicht so schön werden, als es wohl mancher frühere schon geworden war.

Es lag etwas Ahnendes, der Gewitterschwüle vergleichbar, auf jeder Brust in der Halle. Mutter und Tochter arbeiteten so sehr fleißig, und Wirth und Gast blickten so sehr ernst auf ihre Becher, ohne sie doch oft zu leeren. Es war, als wöben Jene an einem Schicksalsgewebe, und wollten Diese in dem Tranke magische Bilder erschauen, wie aus Mimer's weissagenden Bronnen herauf.

Einzelne Sprüche ließ wohl abwechselnd Jedes dazwischen fallen. Aber sie blieben meist unerwiedert, verhallend wie der sparsame Tropfenfall von der Decke unterirdischer Berghöhlungen, 212 Abgeschiedenheit und Schweigen nur trüblicher noch kund gebend.

Vergeblich hoffte Gunlaugur, irgend einen holdseligen Blick Schön-Helga's für sich zu gewinnen. Die lieben Augen blieben gesenkt, ohne auch nur ein einzigesmahl in sonst gewohnter Heiterkeit empor zu tauchen. Selbst bey dem Bewillkommungsgruß, war es nicht besser damit für Gunlaugur ergangen, und so dachte er endlich in seiner trüben Ungeduld: »Ich will nur machen, daß mir der Gutenachtgruß bald zu Theile wird. Vielleicht sieht sie dabey freundlicher aus. Und thut sie das nicht – nun, da reit' ich alsbald von hinnen, und besteige dann rasch meines Schiffes Bord, und sehe nicht Helga, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Island, und am allerwenigsten den Meister Thorstein je in meinem Leben wieder. Aus meinen Thaten von fernherüber mag Schön-Helga – nein, so hab' ich sie lange genug im treuen Hoffen geheissen! – mag Helga dann einst bereuend vernehmen, welch einen Helden sie von sich gewiesen hat!«

Er stand auf, und wünschte gute Nacht, zugleich erklärend, ihn rufe ein wichtiges Schaffen morgen in aller Frühe aus dem Gehöfte fort. Schön-Helga neigte sich sittig grüßend sammt 213 den Andern. Aber sie sahe nicht auf. Gunlaugur wandte sich noch einmahl an der Thüre um. Schön-Helga suchte nach dem ihr entglitt'nen Weberschiffchen am Boden, und sahe nicht auf. Da murmelte Gunlaugur, die Halle verlassend, unhörbar in sich hinein: »Nun dann! so such' auch ich mein Schiff! Mein Seeschiff! Mein hölzernes Meer-Roß! Und hoffentlich find' ich es eben so schnell auf, als das zimperliche Fräulein dort ihr Weberschifflein finden mag.«

Und rasch hatte er seinen Renner bestiegen, und rascher, als noch je er von Thorsteins Gehöfte weggeritten war, spornte er den Gaul von hinnen. Sie hörten von d'rinnen sein wildes Jagen, und Schön-Helga seufzte leise dazu. Thorstein sagte mürrisch: »Der Bursch ist ein Narr!«

Gunlaugur aber jagte nicht etwa nach seinem Schiffe, sondern nach seines Vaters Gehöfte; wie es ihm vorkam, unversehens, durch ein ihm sonst gar nicht gewöhnliches Verirren. Und wie er so nach einigen nachtdurchtrabten Stunden seinen Vater schon wach fand unter den Bäumen vor dem Hause, und die erwachenden Morgenlichter so fröhlich durch das Laub funkelten, sprang er vom Rosse, fiel dem Vater um 214 den Hals, und sagte: »Ach, vordem, wenn mich diese Schimmer als Knaben bestrahleten, war ich immer so sehr vergnügt!« »Und warum wärest Du es heute nicht eben so?« fragte Illugi der Schwarze. Da klagte ihm Gunlaugur sein ganzes Leid, und der Vater sagte: »Was wäre denn daran so Schlimmes? Freylich muß es vernünftigern Leuten als Du bist, und dem gemäß auch dem Thorstein, sehr toll vorkommen, daß Du in selber Zeit Dich der See verloben willst und einer Braut! Ein Schiff in die wundersame Ferne hinauslenken, und zugleich daheim Dich ansiedeln zu holder Häuslichkeit! Das freylich auf einmahl kommt sehr verrückt heraus.« »Ich aber,« sagte Gunlaugur trotzig, »will mich durchaus mit Schön-Helga verloben, und auch verheirathen mit ihr, und zu gleicher Zeit will ich auch hinaus segeln in die weite Welt. Kann ja doch Schön-Helga mitfahren, wenn sie Lust hat.« Illugi schüttelte den Kopf. Doch sagte er: »Wohlan! ich will mir ein Pferd satteln lassen, und hinreiten, geziemend für Dich zu werben. Und Du sollst mitreisen. Und was gilt es, ich stelle Dich bey uns'rer Heimkehr als Schön-Helgas Bräutigam der Mutter und den Geschwistern und Hausleuten vor!«

215 Da sahe Gunlaugur seinen Vater voll staunenden Dankes an, und voll seliger Hoffnungen, und sprach endlich: »Was auch immer ein junger Bursch sich Großes einbilden mag, es ist und bleibt doch wahrhaftig wahr: Die Ältern sind um Vieles klüger als die Kinder!« 216

 


 

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