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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 3
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Thorstein hieß ein Mann auf der Insel Island. Sein schönes und festes Gehöfte war Borg geheißen; in der jetzigen deutschen Sprache würde man es Burg benennen, und mit seiner hohen geräumigen Flurhalle, seinen mannigfachen Gemächern, sammt der hohen Verwallung von mächtigen Balken, welche Haus und Vorrathkammern und Stallungen schirmend einhegte, möchte es wohl auch ganz recht so geheißen seyn. Borgarfiörde nannte man die unferne Meeresanfurth und auch die nächste Gegend bey diesem reichen und starken Hause. Der Gau im Ganzen aber hieß Myr, und als die Vornehmsten darin trugen die Leute von Thorsteins Geschlecht den Nahmen Myramannen.

Thorstein hatte eines stürmigen Herbstabendes seine Stelle auf dem Hochsitz der Halle eingenommen, und noch außer dem Herdesfeuer 12 mußten seine Knechte eine frischleuchtende und angenehm wärmende Gluth in Mitten der Bänke unterhalten, die rechts und links des Hochsitzes, einander gegenüber, an beyden Seitenwänden der Flurhalle befestigt waren, und worauf die Gäste bey fröhlichen Mahlen zu sitzen pflegten. Heute zwar ließ noch kein Gast sich blicken, aber der Hausherr mußte wohl Fremde erwarten, denn die Hausfrau ging fleißig mit ihren Mägden hin und wieder, allerhand Gutes und Erquickliches an Speise und Trank bereitend; ihre Kindlein, deren sie unterschiedliche hatte, standen ihr fröhlich gehorsam bey. Jofridur hieß die Hausfrau, und war ein schönes, muthbegabtes Weib, ihrem Hausherrn von ganzer Seele zugethan, und immerdar edel entschlossen zu allem Guten und Schönen, wo es etwas zu dulden, oder zu berathen oder zu unternehmen gab.

Da sie nun Alles für heute besorgt hatte, wie es sich zu einem edlen Feste eignete und gebührte, winkte sie die Kinder etwas abseit, setzte sich neben ihrem Eheherrn auf dem Hochsitz, und sagte freundlich:

»Thorstein, das ist doch aber nun beynahe zu arg. In die dritte Nacht gehet es, daß Du anrichten lassest, als ob uns aufgegeben wäre, 13 ein ganzes Heldengefolge zu bewirthen, und kommt dennoch kein einziger Gast zu uns herein. Ey, Thorstein, was lassest Du Dich denn von so lügenhaften Träumen bewältigen! Einem tapfern Manne geziemt es, daß er ächte und wahrhafte Träume habe! Träume, die zutreffen! Andere dürfen gar nicht an ihn heran. Und bisher bin ich auch das an Dir gewohnt gewesen. Mein erster Eheherr, der edle Thoroddur hatte auch immer sehr richtige Träume.«

»Jofridur,« entgegnete Thorstein lächelnd, »davon kannst Du Dir wohl nicht mehr so viel besinnen. Achtzehn Winter zähltest Du, hübsche Blume, als ich Dich ehlichte, und dazumahl warest Du schon Thoroddurs Wittib, und hattest ihm bereits die kleine Hungerda geboren. Da möchte ich nun gerne wissen, wie ein kaum erwachsenes Kindchen, als welches Du doch zum erstenmahle geheirathet hast, von richtigen Träumen wissen will. Die bestätigen sich gewöhnlich immer nur sehr spät in ihrer ganzen Kraft. Und Du sollst schon noch erleben, Jofridur, daß die Fremden kommen werden, von denen es mir geträumet hat; auch daß sie bey uns überwintern, und uns ein wichtiges Gastgeschenk hinterlassen, wann sie am nächsten 14 Frühlinge wieder fortschiffen. Sey es nun eine Waffe, ein Kleinod, ein Buch oder eine Weissagung – das weiß ich noch nicht so recht. Ich weiß auch nicht, ob Trauriges oder Lustiges daraus wird. Aber gewaltig muß es mitwirken an unserem zukünftigen Lebenshimmel; das weiß ich gewiß.«

»Das weißt Du gewiß, Thorstein?« sagte Jofridur; und es trat ihr fast wie Thränen in die Augen, weßhalb sie die schattigen Wimpern tief gegen den Estrich senkte. Denn sie war in der Regel viel zu hochmüthig zum Weinen. D'rum hub sie auch alsbald die großen blauen Augen stolz wieder empor, und sagte halbsingend:

»Komm', was da kommen will!
Königinnen kämpfen, wie Könige!
Wenn nicht auch mit Waffen und Wehr,
Weben sie geistig Walkürengewebe zum Sieg!«

Darauf lachte sie. Aber Thorstein lachte nicht mit. Dem schienen die Bilder sehr wundersamer künftiger Geschichten vor dem Geiste vorüberzugehen. Und er sang ihr entgegen, und viel lauttönender, als sie es gewagt hatte:

»Könige schützen im Kampfe Königinnen!
Komme, was kommen will – der Kampf bringt Lust. 15
Weben aber die Weiber mit ein,
Die weben den Helden oft weichlich Gewaffen zum Weh!« –

»Du singst kein hübsches Lied heute Abend, Thorstein!« – sagte schaudernd Jofridur.

Und Thorstein erwiederte mit schwermüthigem Lächeln. »Da möcht' ich doch wissen, wer ein Sangesgewebe hübscher und lustiger flechten kann, als die unsichtbaren Gewalten es ihm bescheeren, mit welchen er zu schaffen hat.« –

»Das ist wahr!« sagte Jofridur. «Wohl auch ich habe so Wunderliches singen müssen, was ich eigentlich nicht wollte. Und weißt Du, Thorstein –?«

Sie verstummte, und sahe nach einigen halbverloschenen Gebilden hin, die an den dunkeln Holzwänden der Halle seit alten Tagen mit Streitäxten eingehauen waren, oder mit Messerspitzen eingegraben.

»Ich weiß schon, was Du meinst, Jofridur!« sagte Thorstein sehr ernst. »Aber mein Weib muß sich vor Niemanden fürchten, sichtbar oder unsichtbar, so lang ich bey ihr bin. Und in ihren eignen vier Pfählen darf sich die Thorsteinsgattinn überhaupt vor gar nichts auf der Welt fürchten.« –

16 »Du hast sehr recht!« sagte Frau Jofridur keck, und fuhr dann mit erhobner Stimme und Seele zu sprechen fort:

»Laß sie nur verdrießlich d'reinsehen, die alten Göttergebilde, daß es Christenpriester hier auf der Insel gibt, und daß es uns vor den Augen wie Tagesdämmerung schwebt nach überstandner Nacht. Sieh, Thorstein, ich denke, das ist nun eigentlich der Kampf, den die Lieder und Saga's die Götterdämmerung nennen, und worin Odin mit allen Asen untergehen muß vor einer neuen, hochherrlichen Macht.«

»Er wehrt sich noch hartnäckig um sein Leben!« entgegnete Thorstein nachdenklich.

»Freylich wohl!« sagte Jofridur.« Und deßhalb werden jetzt die Träume so verworren und die Stürme wilder, als je. Horch, wie da wieder ein unbändiger Windstoß von der See heraufras't! – Thorstein greif in die Saiten Deiner Harfe. Du kannst ja das Sturmgebrüll damit recht gut übertönen, und vielleicht sind Deine Gäste Schiffbrüchige. Da vernehmen sie denn von Weitem, hier wohne Liedesklang und Gastlichkeit, und kommen desto früher und zuversichtlicher an Deinen Herd.« –

»Du hast wohlgeredet, Jofridur!« sagte 17 Thorstein, und schon hatte ihm die Hausfrau die Harfe in den Arm gelegt. Während er nun die Saiten stimmte, sahe sie ihm wohlgefällig zu, und sagte endlich mit freundlichem Lächeln:

»Du bist doch immer noch ein gar hübscher Mann, Thorstein, mit Deinen goldgelben Haaren und sanftleuchtenden Augen! Und wie Du so zierlich die Harfe da in den Armen hältst! – Du mußt mir nicht verdrießlich darüber aussehen. Ich sag' es ja keinesweges, um Dich zu necken, denn wahr und wahrhaftig, Du siehest hübsch aus.«

Aber Thorstein entgegnete verdrießlich: »Ich wollte lieber, ich sähe aus, wie mein Vater Egill und mein Großvater Skallagrimur und Andere noch viel aus dem Stamme der Myramannen sonst: etwas grauenvoll nähmlich zum Schrecken aller Leute; hoch und kahl die Stirn, wie ein wüstes Vorgebirg ob zorniger See, und furchtbar rollend die Augen darunter.«

»Was könnte Dir das sonderlich helfen, Thorstein?« sagte die Hausfrau. »Und mir ist es lieber, so wie es ist.«

»Mein Nahme in Waffen ist nicht so groß, wie der meines Vaters und Großvaters!« sagte Thorstein, und senkte das schöne Haupt.

18 Da blickte aber die Hausfrau zürnend umher, und sprach: »Ich hoffe, kein Wiederhall unterfängt es sich, etwas von diesen kleinmüthigen Worten festhalten und weiterplaudern zu wollen!– Nicht hätte Jofridur, die Gunnarstochter und die Thoroddurswittib, einen Mann erwählen mögen, anders, als rühmlich bekannt in den Waffen. Ob mehr, ob minder berühmt, – das fällt vom Himmel, wie Regen und Thau. Aber Dein Lebenslauf ist auch lange noch nicht zu Ende, Thorstein, und man weiß nicht, was kommen mag bis dahin.«

Da faßte Thorstein dankend ihre Hand, und sagte: »Du hast mir das Herz recht groß gemacht, Jofridur.«

Und zugleich begann er gewaltig herrlichen Klanges die Harfe zu schlagen, wie ein Skalde, wenn er den Kriegsleuten den Ruf durch die Seele tönen will: »Vorwärts in den Feind!«

Und die Kinder kamen auf den Harfenklang ihres Vaters freudig herbeygelaufen, und stellten sich achtsam horchend um ihn her. 19

 


 

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