Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 27
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünf und zwanzigstes Kapitel.

Als Gunlaugur um die Abendstunde heimkehrte, war ihm doch ein wenig bedenklich um's Herz geworden. Einen Mann hatte er erschlagen – zwar nur einen sehr gräulichen und sehr tückischen Knecht, und die Sache war gesühnt nach aller Rechtsordnung und nach beyderseitigem Vertrag; – aber es war doch immer der erste Mensch, welchen er zum Tode getroffen hatte, und bisweilen war es ihm, als grinze das häßlich höhnende Angesicht des Leichnams zwischen den abendlich dunkelnden Gebüschen am Wege hervor. Zudem stand nun einmahl sein ganzer Sinn darauf, eben so gut in das Meer hinauszusegeln, als Rafn der Skalde, und durch seine kecken Äußerungen gegen Thorstein kam es ihm vor, als hätte er seine Ehre mit darauf eingesetzt, daß diese Fahrt in's Werk trete. Sehr aber blieb es die Frage, 181 ob sein Vater nach der vorgefallenen raschen That auch nur entfernt von einem Entwurfe hören wolle, dem er schon früherhin kein günstiges Ohr geliehen hatte, so oft Gunlaugur ähnliches zur Sprache brachte. Der immer düst'rer werdende Jüngling dachte deßhalb in sich selber:

»Ey nun, wenn er mir kein Schiff geben will und keine Genossen, versuch' ich auch wohl das Ding einmahl auf eigne Hand und auf eignen Fuß. Schwimm ich ja doch wie ein Fisch, und habe niemahlen die mindeste Mattigkeit empfunden, wenn ich so zu meiner Lust rang mit dem lieben, schönen, erquickenden Meer! Zwar wollen alle Leute behaupten, kein Mensch könne so weit schwimmen, als ein Schiff oder Fisch, und auch für den besten Schwimmer liege alles and're Land von Island viel zu fern, um sich bis dahin durchzurudern. Sie wollens behaupten. Nun ja! Aber hat's denn schon irgend einer von ihnen versucht? Weislich immerdar sind sie umgekehrt, noch längst ehe der schützende Strand aus ihren Augen verschwunden war. Meinen Gedanken indeß kommt es jetzt sehr vergnüglich vor, einsam auf dem Meere zu schwimmen, ausgerüstet mit nur ganz eigener Kraft, über sich nichts als den Himmel, nichts um sich her, als die Fluth! – 182 Wer also vermag mir es abzustreiten, daß ich nicht weiter hinaus zu schwimmen vermöchte in meiner kühnen Lust und Gewalt, als irgend bis heute Jemand sich's eingebildet hat! Einen ganz hübschen Anfang für künftige Heldenbahnen gäb' es, wenn ich so als gewaltiger Schwimmer am Norwegsufer landete oder an den Däneninseln. – Aber Meister Thorstein sagt, man solle den mildesten Weg immer zuerst versuchen, wenn man im Rechte zu bleiben gedenke. Wohlan denn! Ob es mir dießmahl freylich wohl nur blutwenig helfen wird!«

So dachte er, und wiederum einmahl kam es ganz anders damit; wie nun das auf dieser vielbewegten Welt beynah' immer zu ergeh'n pflegt, vorzüglich wenn die Leute meinen, die Zukunft recht sehr klug entziffert zu haben.

Denn äußerst freundlich trat Illugi der Schwarze seinem Sohn entgegen, und sprach, noch ehe dieser sich aus dem Sattel schwang:

»Siehe da, Gunlaugur! Nun hast Du Dein erstes Kämpfer- und Rechtsgelahrtenstück bestanden, und beydes gar nicht schlecht. Der Thorkill hat mir alles ausführlich und nach der Ordnung erzählt. Zwar hättest Du Dich wohl ein Bischen minder herb und hastig aufführen mögen – 183 aber junges Blut thut nicht allemahl gut, und ich hätte mir eigentlich noch weit Schlimmeres von Dir vorgestellt, Du wunderlicher Bursch. Sage nun an, ist es noch immer Dein Verlangen, in die Fremde hinauszufahren? Nach diesem Probestück mag ich hoffen, daß Du Dich schon durcharbeiten wirst, zu Ehren Deines ehrbaren Stammes und uns'rer ganzen edlen Nordlandsinsel.«

»Vater, das will ich gewiß!« rief der Jüngling, vom Rosse springend, und faßte feurig Illugi's Hand, daß der kräftige Vater eine abermahlige Überzeugung von der Kraft seines Sohnes gewann, und ordentlich die Zähne darüber ein wenig zusammenbiß; so tüchtig war der Druck durch Bein und Mark gedrungen.

Als man nun das Nähere über die Fahrt mitsammen beredete, sprach Illugi: »Ich will dieser Tage nach dem Hafenplatz Gufar-Oes reiten. Da liegt ein neues Schiff, beynahe segelfertig, dem wackern und vielerprüften Seemanne Oedun gehörig. Davon gedenke ich die Hälfte für Dich zu erkaufen. Dann laß' ich es noch für Deine Part mit Handelsgütern und Waffen beladen, stelle die halbe Schiffsbemannung dazu, und Du segelst freudig unter verständiger Leitung auf Deine erste Fahrt hinaus.«

184 »So!« – entgegnete Gunlaugur nachdenklich, und blieb ganz stille.

»Gefällt Dir das?« fragte nach einer Weile Illugi, und der Jüngling antwortete sehr trocken: »Nein, ganz und gar nicht.« Da begann der Vater glühroth zu werden vor Zorn. Doch zügelte er sich noch, und sagte: »Ich will Dir erlauben, die Gründe Deiner wunderlichen Antwort anzugeben. Aber sogleich und kurz und ehrerbiethig

»Das ist viel gefordert auf einmahl, Vater!« sagte Gunlaugur. »Und könnte also nicht Eins oder das And're davon abgehen?«

Illugi besann sich einen Augenblick. Dann sprach er:

»Auf's Ehrerbiethige will ich eben im Voraus nicht allzustrenge halten. Das werd' ich mir schon von selbst wieder zu nehmen wissen, wenn Du nur dabey über die Grenze kämest. Also nur, sogleich und kurz!«

»Wohlan, Vater. Halb ist nur halb. Ich aber will was Ganzes. Und vollends einen Zuchtmeister über mir brauch' ich nicht und mag ich nicht zu der Fahrt.«

»Da wirst Du denn wohl ganz und gar hier bleiben, mein Sohn. Aber hast Du nicht sonst 185 noch etwas zu sagen? Wenn Du das Ehrerbiethige vielleicht noch nachbringen könntest, mag seyn, daß es zu Deinem Besten geriethe.«

»Freylich, Vater, kann und will ich das. Bedenkt doch nur selbst, ob es zu Euern Ehren geriethe, wenn Euer Sohn unter eines fremden Mannes Aufsicht, und zwar mit eines halben Schiffes Antheil nur, in die Welt hinaussegelte, während Oenundur, der priesterliche Hausvater, seinem kecken Sohne Rafn, welchen sie den Skalden nennen, ein Schiff für sich allein ausgerüstet und ihm den unbeschränkten Oberbefehl darüber anvertraut hat. Nein, wahrhaftig, um den Preis der ganzen Welt möcht' ich nicht, daß mein Vater dem priesterlichen Oenundur nachstände.«

»Sieh einmahl«, sprach Illugi, seltsam lächelnd, »da willst Du mich wohl gar mit freundlich holden Redensarten fangen! Aber das kleidet Dich nicht, mein wilder Gunlaugur. Wisse nun Du auch Deinerseits: Um den Preis der ganzen Welt möcht' ich es nicht, daß wer mit Recht behaupten könnte, Illugi habe irgend einem Andern etwas nachgemacht. Mein Sohn, unsre Südlandsfahrer haben in den fernesten und häßlich heißesten Mittagslanden Bestien 186 gefunden, welche man Affen nennt. Das sind schwarze, gräuliche Dinger, aber doch uns Menschen ähnlich – etwa wie es die Saga von den spuckenden Schwarz-Alfen singt. Wenn nun ein Mensch lebhafte Geberden macht, sey es in Lieb oder Zorn, in Lust oder Leid – gleich ist Meister Aff hinterher, und thut es ihm nach, und pflegt dabey auf ganz abscheuliche Weise zu grinzen, so daß man fast ein Grauen vor dem eignen Thun und Schaffen empfinden möchte. Siehst Du? So häßlich ist das Nachmachen. Jeder hübsch auf seine angeborne Art, die ihm selbst gehört, und keinem Andern. Du sollst mir also nicht in die Welt hinausfahren, wie der Oenundursohn, sondern wie der, welcher Du bist, der Illugisohn. Ist Dir das nun so recht?«

Und sich ehrerbiethig neigend, sagte Gunlaugur: »Bestimme Du das Wie und Wann, mein edler Vater. Das Ausrichten ist alsdann an mir.«

Da sprach Illugi: »So bist Du mein wack'rer Knab! Ein halber Mondwechsel und ein paar Nächte drüber, so viel mag wohl noch vergeh'n, bis ich Dein Schiffgeräth in Ordnung habe. Dann aber fahr hinaus und zeig' Dich groß und mild und stark und klug an fernen Küsten.«

»Das will ich, herzenslieber Vater!« 187 entgegnete Gunlaugur. »Und darf ich bis dahin auch des edlen Myramannen Thorstein Gehöft noch recht oft besuchen? Es ist nur, um mich gehörig in der Rechtskunde zu üben. Denn darin – wie ich vernommen habe – erwarten die Fremden von uns Isländern eine ganz absonderliche Gelahrtheit.« »Reite nur hin!« sagte Illugi. »Mir ist das ganz lieb.«

Und ohne sein Pferd erst in den Stall zu zieh'n, saß Gunlaugur wieder im Sattel, sagte: »Grüßt mir die Mutter schönstens!« und sprengte dann gleich nach Borgarfiörde zurück. 188

 


 

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.