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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 26
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vier und zwanzigstes Kapitel.

Als Gunlaugur vor seinem Meister Thorstein den ganzen Hergang seines Streites ansagte, schüttelte der Hausherr sein Haupt, und sprach:

»Schlimm waren jene zwey alten Männer berathen, die noch vor kurzem, als Du Dich so höflich in meiner Halle aufführtest, ihre Hände dafür in's Feuer legen wollten, Du würdest keine wilde That mehr begehen.« –

»So kommt Euch denn meine That wie eine wilde That vor?« sagte Gunlaugur. »Es fehlt ihr doch eigentlich an keiner strengen Gestaltung des Rechtes – wenigstens in Betrachtung der Sühne nicht. Oder ich müßte denn wenig erlernt haben bey Euch.« –

Thorstein entgegnete: »Ich habe von einer wilden That gesprochen; von einer rechtlosen eben nicht.« –

175 »Wild!« wiederhohlte Gunlaugur ärgerlich. »Ey nun, dafür rinnt auch eben in meinen Adern nicht Greisenblut, sondern frisches Jünglingsblut. Wer ruhig schlafen will, muß sich keine Jünglingsbrust zum Kopfkissen wählen.«

»Keine Gunlaugursbrust!« sagte Thorstein. »Denn für Dich nur und für wilde Knaben Deines Gleichen gilt dieser Spruch. Wohl gibt es der Jünglinge noch auf unserem Eiland, an deren Brust auch des müdesten Wanderers Haupt in heiterer Sicherheit ruhen möchte, und die dennoch voll hochkühner Gewalt in den Waffen leuchten, wo es gilt, und begabt sind mit der süssesten Fülle blühender Gesänge. – Aber was hast Du, Gunlaugur? Was beissest Du mit eins in die Lippen so grimm, und rollest so wild Deine Augen? Soll es denn auf ganz Island keine bessern und gesetztern Jünglinge geben als Dich? – Wahrhaftig,« setzte er lachend hinzu, »da wär' es gar schlimm und toll um die Ruhe der gesammten Heimath bestellt.« –

Doch Gunlaugur murrte verdrießlich zurück:

»Schlimm oder gut! Toll oder klug! Und wenn Ihr andere Jünglinge loben wollt, und sie mir vorziehen – lobt meinethalben ihrer so 176 viel auf Einmahl, als Ihr Sterne zählen könnet an der nächtigen Himmelsfeste, und stellet als den Geringsten mich unter ihre Füße hin – ich weiß doch, wer ich bin und bleibe, und Eure gelassenen Jünglinge bringen mich unter ihre Füße dennoch nicht. D'rum, Herr, das schadet mir nichts. Aber ich merk' es schon – und das ärgert mich in die tiefste Seele herein – ich merk' es: Ihr redet schon wieder von dem Haupt-Jüngling!« –

»Von dem Haupt-Jüngling? Was meinst Du damit für ein Wesen? – Ey, Gunlaugur, bist Du wahnsinnig oder berauscht?« –

»Das alles Beydes nicht. Aber kennt nun Ihr selbst Euern Haupt- und Staatsjüngling nicht mehr? Euern Rafn, den Skalden, den Priestersohn? Den Oenundursohn? – Den, der Alles macht, wie man's ihm nachmachen soll? Den unangenehmen Vortänzer für uns andere Islandsjünglinge allzumahl! – Fürwahr, noch heute will ich zu dem nie von mir erblickten Trefflichen hinreiten, um durch die That zu erlernen, wie man sich auf die zarteste Weise zu benehmen hat, wenn ein mindervortrefflicher Jüngling zu Einem spricht: »Ihr seyd ein unausstehlicher 177 Bursch, und mir vollends durch und durch in der Seele zuwider!« –

»So, Freund Gunlaugur! Das hättet Ihr dem Skalden Rafn in's Angesicht zu sagen Lust?«

»Lust und Muth! So viel kann ich Euch versichern.«

»Du brauchst es eben mit keinem Eide zu besiegeln, Du ungestümer Jüngling. Deinen raschen Zorn kenn' ich, und Deine störrige Dreistigkeit auch.«

»Das klingt mir beynah wie ein Lobspruch, was Ihr da über mich vorbringt, lieber Meister Thorstein.«

»Je nachdem Einer es nehmen will. So Halbjünglinge Deines Alters lobt oder schilt nur höchstselten der Spruch eines verständigen Mannes durchaus. Morgenträume sind es, die uns erscheinen, und erst der Mittag muß lehren, was daraus werden will. Oder vielmehr eigentlich der Abend erst!« –

»Da müßte man ja um die Morgendämmerung nicht einen Schritt aus dem Hause thun, Meister Thorstein, wenn man erst in der Abenddämmerung erfährt, ob er was getaugt hat oder nicht. Und wiederum in der Abenddämmerung auszugehen, ist es meist immer zu spät.« –

178 »Ganz recht, mein junger Freund. Und eben daraus besteht des Menschenlebens Elend.«

»Dennoch lobt Ihr Euern lieben Skalden Rafn in seines Lebens junger Morgenstunde.«

»Gunlaugur, laß mir von Deinem wunderlichen Grimm gegen Rafn den Skalden. Zu antworten Dir – ey nun, das würde er wissen; männlich und stark. Aber es wäre Schade um jeden von Euch, der etwa drüber umkäme! Und zudem fändest Du ihn jetzt nicht einmahl; selbst, wenn Du auch noch zu dieser Stunde im tollen Muth nach seiner Heimath rittest. Weit über fernes Meer ist Rafn der Skalde hinaus.«

»So? – Hat er Jemanden todtgeschlagen, daß er um der Blutrache willen aus dem Lande mußte?«

»O Freund Gunlaugur, Du hassest diesen holdbegabten Jüngling, und dennoch vermeinest Du, er seye Dein Spiegelbild? Nein, nein, Gottlob! so ist es nicht mit ihm. Gebenedeyet von des frommen Vaters Segen zog er auf eine schöne Abentheuerfahrt hinaus, sein Schiff gefüllt mit reichen Schätzen, wo es Handel und Wandel an altbefreundeten, oder sonst an freundlichgrüßenden Küsten gilt. Seine tapf're Hand aber, und all seiner wackern Genossen Hand ist 179 wohlbewehrt, mit schönen, scharfen, herrlich leuchtenden Waffen, um günstigen Gruß zu erzwingen und allenfalls demüthigen Zins, wo man sich den edlen Seefahrern unfreundlich widersetzen will.«

»So will er wohl gar ein Seekönig werden?« fragte wildlachend Gunlaugur. Und Thorstein erwiederte lächelnd: »Ey nun! das kommt darauf an, wie Muth und Glück und Sterne dergleichen gestalten.«

»Da habt Ihr Recht!« sprach der Jüngling. »Und eben deßhalb will nun auch ich auf dieselbe Art in die Welt hinaussegeln, wie Rafn der Skalde.«

»Das willst Du!« sagte Thorstein. »Ey ja! Ich glaub's wohl! Aber wer gibt Dir die Mittel dazu?«

»Das hab' ich nicht mit Euch zu besprechen!« erwiederte Jener. »Darüber geziemt es mir, mit meinem Vater zu reden. Und eben deßhalb – denn ich hätte gern raschen Bescheid – habt gute Nacht für dießmahl, Meister Thorstein.«

Damit ging er schnellen, aber sehr gesetzten Schrittes aus der Halle, und man hörte bald darauf, wie er flink auf seinem schönen Rosse von hinnen trabte. 180

 


 

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