Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 25
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Drey und zwanzigstes Kapitel.

Es mochten jedoch wohl von Gunlaugur's Mäßigung und jetzigen milden Sitten, seitdem er in Thorstein's Schule gegangen war, auch noch Leute sonst fast eben so günstig denken, als jene zwey alten Männer.

Unter Andern kam ein gewisser Thorkill, auch auf Gilsbacka wohnhaft, und Illugi des Schwarzen Anverwandter und Dienstmann, eines schönen Tages zum Gunlaugur gegangen, und sagte:

»Da Ihr meines Lehnsherrn und Vettern Sohn seyd, und man von Euch behauptet, Ihr hättet unter dem weisen und sanftmüthigen Thorstein die Rechte sehr schön zu handhaben erlernt, scheint es mir nicht unbillig, daß Ihr mit mir hinaus reiten möchtet auf eine Rechtsfahrt. Ich habe da im Norden unseres Eilandes eine Erbschaft gethan: in der Gegend Watnasthal 158 genannt, und zwar im Dorfe As, welches wohl noch nach den uralten Asahelden so heißen mag. Die Asahelden aber, unsere Altvordern, ließen nie das mindeste, was ihnen nach Rechten zukam, aus ihrer starken Hand, es sey denn, sie hätten es im freyen, großmüthigen Willen fortgeschenkt. Hier nun handelt es sich um einen Erbstreit für mich, und da will ich das kleine Erbe durchaus behaupten, sey es auch vielleicht nur kaum an und für sich des Rittes werth. Wollt Ihr mir dazu helfen, Vetter Gunlaugur?«

»Versteht sich!« antwortete dieser, und sattelte rasch sein Roß, und sie ritten mitsammen von hinnen.

Die Angelegenheit war bald und gut in Stand gebracht. Auf Gunlaugur's Auseinandersetzung und Fürsprache bekam Thorkill alsbald, was ihm von der Erbschaft zukam, und ritt nebst seinem jugendlichen Anwald sehr vergnügt wieder heimwärts.

Da kamen sie in eine Gegend am Meeresstrand; die sahe von der einen Seite wüst und traurig aus, weil Sand in Meer, und Meer in Sand verrann, und von der andern schaurig, dichte, schier undurchdringbar wilde Haine schatteten.

159 Und Thorkill sagte: »Hier mißfällt es mir sehr.«

Gunlaugur aber erwiederte: »Hier gefällt es mir sehr.«

Thorkill sprach: »Ihr scheint Behagen am Widersprechen zu finden.«

Gunlaugur sagte: »Schlecht hätte es heute um Eure Erbschaft gestanden, hätte ich nicht Behagen gefunden am Widersprechen.«

»Das ist ein sehr wahrhaftes Wort!« sagte Thorkill. »Und wenn es Euch denn so gut hier gefällt, bin ich im Stande, Euch in dieser Gegend ein Nachtlager zu verschaffen. Denn ich weiß wohl, Ihr möchtet Euer schönes Pferd nicht gern ohne Noth ermüden.«

»Recht gerathen!« sagte Gunlaugur. »Mein silbergraues Roß stammt von dem edlen Schlachthengst Grani ab, welcher Sigurd des Schlangentödters Leibroß war. Aber es ist viel sanfter, als sein Stammvater. Kühn freylich brauset es und stolz über Hecken und Gräben und Bergesspalten hin, wo es seines Reiters tapfere Lust dazu verspürt. Doch hat es denn wieder einen so mildfreundlichen Sinn, und zwar gegen alle Menschen ohne alle Ausnahme, daß ich wahrhaftig befürchte, auch eines unedlen, ungeschickten, 160 unentschlossenen Thoren Aufsitzen und Ansprengen würde es in milder Demuth erdulden; wenn gleich gewiß jede falsche Hülfe, die ihm so ein Jammerding von Reiter gäbe, es in unwillige Gluth brächte. Aber ich glaube wahrhaftig, er schmisse dennoch solchen elenden Burschen nicht mit gehöriger Zorneskraft ab. Und ich gestehe Dir, deßwegen ist er mir weniger lieb, als manch ein anderes, wilder und verderblicher im edlen Zorn aufloderndes Roß. Dennoch rührt es mich wieder, daß er so gar mild und freundlich ist.«

Und den schlanken Nacken des Silbergrauen streichelnd, setzte er liebkosend hinzu:

»Gewiß, Du sanfter Grani-Sprößling, ich will schon dafür sorgen, daß Dir nie im Leben ein roher und ungeschickter Reiter zu nahe kommen soll. Darauf hast Du mein Wort. Damit aber auch Ihr, Vetter,« sprach er zu Thorkill gewendet, »nicht etwa Arges aus meinen Worten denkt, als hielte ich Euch für minder edelgewandt, als mich, so bitte ich Euch, laßt uns ein wenig die Rosse wechseln, und erprobt meinen lieben Silbergrauen selbst.« Thorkill sagte: »Die Leute haben doch wahrhaftig nicht unrecht, wenn sie Euch für ein Muster der Artigkeit ansehen, seitdem Ihr in des edlen Thorstein Schule gewesen 161 seyd. Bleibt nur auf Euerm Silbergrauen; ich glaub' Euch alles Gute auf Euer Wort. Aber um so lieber lad' ich Euch ein, hier ein nahes Nachtlager zu nehmen bey einem Hausvater, der mein Freund ist. Da Euch die seltsam einsiedlerische Gegend hier gefällt, und Ihr Euer sanftes Pferd gern schonen wollt, mag Euch das Erbiethen wohl gut zu Passe kommen!« »Ja freylich!« sagte Gunlaugur. »Zeigt mir nur unsern Pfad nach dem Gehöfte.«

Und wie sie nun so im behaglichen Reiten waren waldein, fragte Gunlaugur: »Wie ist der Gastfreund geheißen, zu dem Ihr mich führen wollt? Und welcher Art sind seine Sitten beschaffen?« Thorkill antwortete: »Er ist Oedgills geheißen, und Grimstungi nennt man seine Wohnung. Er selbst gehört zu den mildesten aller Menschen, so viel ihrer wohl auf dem ganzen Erdboden wohnen. Und eben so friedliebend sind all seine Hausgenossen mit, einen Einzigen ausgenommen. Wie das nun ihn und die ganze stille Gemeinschaft freuen wird, wenn ich ihnen den Gunlaugur so sanft und artig herein bringe! den Gunlaugur, von welchem bisher auf der ganzen Insel die Rede ging, als sey er ein junger Feuerbrand!« –

162 »Dachten die Leute so von mir auf Island?« sprach Gunlaugur. »Höret, mein Vetter, das gefällt mir, und ich möchte eben nicht, daß sie jemahls viel anders von mir dächten?« Thorkill aber sagte: »Nun mein junger Vetter, man soll ja doch nicht gegen All' und Jeden ein Feuerbrand seyn. Zum Beyspiel: Für den Ritt, zu dem wir uns jetzt gewendet haben, würde sich dergleichen gar nicht schicken.« »Versteht sich, Vetter, wo sich die Leute so mild und freundlich aufführen!« sprach Gunlaugur. »Aber von Einem doch redetet Ihr, der im Gehöfte wohne, und nicht so friedliebend sey. Wer ist nur der? Und ob wir ihn wohl dießmahl zu Hause treffen?« »Zu Haus? O ja!« erwiederte Thorkill. »Er ist ein ziemlich mißgestalteter Leibeigener, den man zu gröbern Hausdiensten braucht, weil man Fremde nicht gern durch seinen häßlichen Anblick und seine rauhen Sitten belästigen will. Oedgills behält ihn nur, weil der Bursche mit seinem widerwärtig frechem Wesen, falls man ihn in die Freyheit verstieße, vermuthlich früher in Noth und Armuth umkäme, als etwan abermahl ein Herr sich fände, der ihn in Zucht und Pflege nehmen wollte.«

»So? Ist es nur solch ein Ding?« sprach 163 Gunlaugur. »Nun gewiß, ich will mich äußerst höflich und sittsam gegen Jedermann im Gehöfte betragen.« –

Sie ritten so eben zum Thorweg hinein, und sahen wie ein unförmlich häßliches Wesen, in schwarzbraunen Pelz verhüllt, sehr unbehülflich und träge über den Hof hinwankte, Heu nach den Ställen schleppend.– »Hält sich der Hauswirth etwa einen gezähmten Bären?« fragte Gunlaugur seinen Genossen. Dieser aber entgegnete lachend: »Nein! Das hier ist eben der widerwärtige Knecht, von dem wir sprechen.« Und sogleich winkte und rief er dem häßlichen Gesellen, daß er herbeykomme, und ihnen die Pferde abnehme. Der Bursch warf murrend seine Bürde ab, und kam sehr langsam heran, sich bäurisch hinter den Ohren kratzend und verdrießlich in sich hineinredend. Und als man nun vollends deutlicher in sein überaus häßlich verzerrtes Antlitz schauen konnte, sagte Gunlaugur unwillig: »Bleib mir weg von meinem schönen Rosse. Deine Hand soll es nun und nimmermehr berühren. Weit lieber führ' ich es selbst zu Stall.« – Da lachte der Häßliche höhnisch, wandte den Gästen den Rücken, und ging wieder an seine Knechtesarbeit.

164 In diesem Augenblick aber kam ihnen Oedgills, der freundliche Hauswirth, selbst entgegen, nahm ihnen die Rosse mit eigner Hand ab, und rief einen wohlgezogneren Knecht herbey, für die edlen Thiere auf's beste zu sorgen. Dann führte er seine Gäste in die Halle zu den Seinigen, wo es die allerbeste und freundlichste Bewirthung gab.

Man genoß edle Speisen und lautern Trank. Man erzählte sich allerhand schöne Sagen, und sang einander wunderbare Lieder vor, so daß man erst nach Mitternacht inne ward, nun sey es Zeit, sich zur Ruhe zu legen.

Die Lagerstatt Gunlaugurs stieß aber mit dem Kopf-Ende ziemlich nah an das Fuß-Ende der Lagerstatt seines Vetters und Reisegenossen Thorkill. Deßhalb, als dieser im Traum ein wenig mit den Füßen gegen das Bettgestelle stieß, kam es dem Gunlaugur seinerseits im Traume vor, als träte Jemand auf seinen Kopf. Er fuhr deßhalb mit einem zornigen Waffengeschrey empor, und nur mühsam konnte ihn Thorkill beruhigen, und ihm, als sie beyderseits vollkommen wach wurden, begreiflich machen, wie das gekommen sey. – »Ich will es mir allenfalls noch gefallen lassen!« sagte Gunlaugur und 165 schlief wieder ein. Aber dieselbe Unruhe ging aber und abermahl los, und endlich, als es schon gegen Morgen ging, stand Gunlaugur vom Lager auf, und sagte: »Das ist die albernste Nacht, die ich noch je nach einem hübschen Abende verlebt habe. Und sie wird mir vermuthlich einen stürmigen Tag bedeuten. Meinethalb! Im Grunde hab' ich auch nun schon fast überlange Frieden gehabt mit aller Welt. – So für einen ehrbaren jungen Menschen meines Alters, mein' ich nur.« – »Gunlaugur,« sagte Thorkill, etwas scheu vom Lager emporfahrend – »Du wirst doch in diesem gastlichen Hause keine Händel anfangen wollen?« – »Behüthe!« entgegnete Gunlaugur ganz freundlich. »Auch spricht ja mein Traum keinesweges davon, daß ich Jemanden unter mich treten möchte, wohl aber davon, daß Jemand mir auf dem Kopf herumtreten will. Daß Ihr es nicht seyn könnt, lieber Vetter, weiß ich wohl, wenn auch Eure seltsamen Traumbewegungen Eure eignen Füße zu dem warnenden Lärmen brachten. Doch eben, weil mir so etwas bald bevorsteht – glaubt mir, es ist schon wie vor der Thüre! – so lasset uns nur sogleich von hinnen reiten, damit wir nicht etwa unsern freundlich sanften Wirth mit hineinverflechten.« –

166 »Wie Ihr wollt, Vetter!« sagte Thorkill, und fing an, das Hab' und Gut, welches er von gestern her durch seines Genossen Vermittelung aus der Gegend Watna'sthal mit nach Hause nahm, zusammenzusuchen, während Gunlaugur nach dem Stalle ging, das Satteln und Zäumen und Herausführen der Rosse zu betreiben.

Er konnte in so junger Morgenfrühe nicht gleich eines andern Knechtes ansichtig werden, als des häßlich widerspänstigen von gestern her, welcher auf dem Hofe Holz zerhackte. Den wollte Gunlaugur nicht anreden. Als er still an ihm vorüber nach dem Stalle ging, lachte das gräuliche Wesen, schielte mit den verdrehten Augen seitwärts nach ihm hin, und zeigte ihm die Zähne. Verachtend schritt Gunlaugur seines Weges.

Doch als er nun die Stallthore weit aufthat, damit das hineinfallende Morgenlicht ihm gleich sein schönes, silbergraues Roß recht im hellen Glanze zeige – da stand das edle Pferd mit fast unter die Krippe hinabgesenktem Kopfe, das zarte, sonst so glatte, wohlgepflegte Haar von Schweiße triefend, die Seiten ihm schlagend vor Erhitzung – wohl kein Reitersmann, der seinen ritterlichen Beruf versteht, und also es auch gut mit seinem Thiere meint, wäre bey 167 solch einem Anblick ruhig geblieben. Wie viel minder der Gunlaugur, der obenein erst gestern seinem sanften Pferde so feyerlich Schutz zugesagt hatte.

Schnell stand er wieder neben dem holzhauenden Knechte, und fragte: »Kannst Du die Menschensprache, Bursche?« – »I nun freylich!« erwiederte Der grinzend, und ohne sich einen Augenblick in seiner niedern Arbeit stören zu lassen. »Aber«, setzte er voll frechen Trotzes hinzu, »es muß auch ein vernünftiger Mensch seyn, der sie mit mir reden will. Sonst versteh' ich dennoch kein Wort – merkt's Euch, junges Herrlein – und zwar weil ich alsdann kein Wort verstehen will. Am wenigsten wenn Jemand anders mich befragt, als mein eigner Herr.« – »So!« erwiederte Gunlaugur, mit aller äußern Stille des auf die letzte Staffel beschwornen Zornes. »So, so! Nun da sage mir nur kurz: Wer hat mein Pferd zu Nacht so heiß geritten?« – »Ich, Herr.« – Gunlaugurs Hand zuckte bereits. Doch gingen ihm noch einige Rechtslehren Thorsteins wie freundlich spuckende Geister durch den Sinn. Deßhalb ward das Verhör auf folgende Weise fortgesetzt:

»Warum rittest Du mein Pferd zu Nacht!« –

168 »Weil mich die Lust dazu ankam.«

»Wie kam Dich die Lust dazu an?«

»Das weiß ich nicht, und es lohnt auch nicht der Mühe, allzulange darüber nachzudenken. Ich hatte mindestens dreyßig Ursachen dazu.«

»Sage mir Eine davon, wenn Du Herz hast.«

»Nun, die beste Ursach war, weil Ihr, junges Herrlein, mir es verbothen hattet, Euer blankes Pferd anzurühren. Und seht, ich hab' Euch den Spaß zum Hohn angethan.«

Darauf wand ihm Gunlaugur sehr gelassen die Axt aus der Hand, und hieb ihm damit durch den Kopf, daß er gespaltnen Schädels todt zwischen seinem gespaltnem Holze lag. –

Gunlaugur, auf die Waffe gelehnt, sahe nachdenklich den Leichnam an, und rief bisweilen mit abgemessenen Tönen:

»Heraus der Hausherr in's Morgenroth! –
Hier schlug ein Gast seinen Knecht ihm zu todt! –
Dem Gast aber ist nicht zum Fliehen Noth. –
D'rum heraus, Du Hausherr, in's Morgenroth!«

Wie furchtbarlich erweckt von plötzlichem Kriegs- und Brandgeschrey stürzte die Hausgenossenschaft aus allen Thüren und Pforten auf 169 Gunlaugurs grausigen Liedesruf hervor. Und Alles blieb erschrocken stehen, so wie man den häßlichen Erschlagnen in seinem Blute schwimmen sah, und den düstern Todtschläger daneben, auf die blutige Axt gelehnt, Blicke um sich her sprühend, die zu bedeuten schienen: »Ich hoffe, es wird sich Niemand hier finden, der mich zwänge, noch Einmahl diesen wilden Tanz aufzuspielen. Aber sonst – noch immer sehr scharf ist dieses Beil, und immer noch sehr gewaltig zu schwingen vermag es mein Arm!« – Sie starrten ihn ringsherum schaudernd und wie träumend an. –

Endlich gedachte Thorkill, sein Reisegefährt, wohl ihn mit einigen ermahnenden Worten anzusprechen. Aber so wie er sich nur etwas aus dem Kreise hervormachte, sang Gunlaugur ihm leise, so zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, entgegen:

»Hab' ich Dir einen Hieb gethan
In Dein Haupt, oder in Dein Gut?
Ey, ich weiß ja, auch Du bist fremd hier wie ich auch.
Halte denn Du Dein Hauchen an.
Hauchen auch selbst wird oft zu viel,
Wo uns das Wort nicht ziemt. D'rum wahr' Deine Lippen.«

170 Und Thorkill trat verlegen vor dem zürnenden Recken wieder zwischen die übrigen Zuschauer zurück, dem Hausherrn winkend, daß nun er die Unterhandlung versuche. Da kam der friedfertige Oedgills sehr bewegt heran, und fragte:

»Ist das wohl hübsch, o Gunlaugur, daß mir ein so wildes Erwachen bereitet ward?«

»Nein, das ist gar nicht hübsch;« erwiederte Jener.

»Nun, so wirst Du mich also dafür entschädigen. Nicht wahr?«

»Nicht wahr! So nähmlich sollt' ich Dir eigentlich antworten, Freund Oedgills. Das ist gar nicht wahr, daß ich Dich dafür zu entschädigen habe. Da! – Schau in den Stall hinein! Bald wirst Du sehen, wie Dein häßlicher Knecht mir mein schönes Roß so freventlich heiß geritten hat. – Da! – Schau in Deines erschlagenen Knechtes Angesicht! Da wirst Du sehen, wie er, statt sich zu entschuldigen über seine That, recht freventlich grob gegen mich geworden ist. Denn mein Beilschwung ging Blitzesrasch, und hielt die Runenschrift seiner häßlichen Gesichtszüge fest, als er so recht überfrech gegen mich höhnte. Da! Siehe hin! Er muß keinen Todesschmerz empfunden haben, so gut hab' ich ihn 171 getroffen. Wär' es nicht gräßlich, einen Todten zu schlagen, man könnte noch Einmahl das verzerrte Bild mit einem Waffenschwunge zu bessern versuchen. – Und hättest etwa Du ihn geliebt? – Ich weiß: Dir und den Deinigen war er abscheulich. Nun dann, ohne weitere Umstände: So nimm das Lösegeld, welches ich für Deinen erschlagenen Knecht Dir biethe, und laß uns in Frieden auseinander gehen. Denn ich verkünde Dir: Jetzt ist die Angelegenheit großmüthig von meiner Seite abgemacht, und Du hast von Glück zu rühmen, daß Du nicht schlimmer davon kommst.«

Und damit hielt er ihm eine Mark löthigen Silbers hin.

Aber der absprechende Ton, mit welchem der Jüngling die Lösung darboth, und das unwillige Murmeln des Hausgesindes umher, entflammte den sonst so sanftmüthigen Oedgills dergestalt, daß er in ein verächtliches Lachen ausbrach, und sich unwillig abwandte. Da sprach Gunlaugur im zürnenden Liedesschwunge:

»Eine Mark Dir both ich: Das Sühnungsmaß
Muthig erschlagenen Mannes.
Da grinsest Du grimmig mich an
Mit gräulichem Zorn, Du! 172
Warte nur! Freundlicher Wirth jüngst,
Wandelst Du wild die Gestaltung,
Warte nun bange! Statt Geldeswährung,
Winket Walküre zu Todeswunden Dir.«

Und Oedgills nahm stillschweigend die dargebothene Lösung aus Gunlaugurs Hand; mochte es nun seyn, daß er den rechtsgelahrten Schüler Thorsteins fürchtete, oder den zornigen Illugi's-Sohn und Eigills-Enkel, wie Der so mit dem blutrauchenden Beile vor ihm stand. Vermuthlich kam Beydes zusammen, und kurz: Die Sühne ward geschlossen. –

Als die zwey Reisegenossen wieder fürdertrabten, sagte Thorkill: »Ein bedenkliches Ding bleibt es dennoch, o Gunlaugur, Euch als Gast einzuführen in eines friedlichen Mannes Gehöft.«

Gunlaugur antwortete: »Was Dir bedenklich vorkommt, magst Du künftighin bleiben lassen. Doch hast Du das ganz allein mit Dir zu berathen, und keinesweges mit mir. Für jetzt reite Du nach Gilsbacka zu meinem Vater, und berichte ihm nach der Wahrheit, was vorgefallen ist. Denn sonst lügt ihm wohl manch eine alberne Zunge – auf unserm Eilande gehen die Gerüchte um, wie ein Wirbelwind: schnell und 173 verwirrend – noch Vielerley mehr vor, als was sich ereignet hat. Reite! Dorthin geht Dein Weg. Ich will zum Thorstein nach Borgarfiörde reiten, und ihn gleichfalls über die Sache in's Klare bringen.«

»Wollt Ihr nicht lieber selbst zu Euerm Vater und mich derweile nach Borgarfiörde senden?« fragte Thorkill.

Aber Gunlaugur wiederhohlte mit einem so strengen Ausdruck: »Reite!« daß sein Vetter und Schützling sich ohne die mindeste Einrede auf den Weg nach Gilsbacka begab. 174

 


 

 << Kapitel 24  Kapitel 26 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.