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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 22
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Die Saga hat uns früher schon verkündet, wie Thorstein der Myramanne und Illugi der Schwarze einander eben nicht sehr lieb hatten, und zwar weil Jeder von ihnen gern für den Angesehensten in der Gegend gegolten hätte, und lieber noch für den Angesehensten auf der ganzen Heimath-Insel allzumahl.

Im Hinreiten nach Gilsbacka, dem Wohnort Illugi's, mußte nun Thorstein bey sich selber denken: »Das Ding wird hier nicht gut, und bringt vermuthlich die lang' schon glimmende feindliche Brunst zum offenbaren Ausbruch in zorniger Fehde. Es ist nur, daß mir gestern gleich der trotzigmuntre Knabe so ausnehmend wohlgefiel. Was aber hatt' ich denn eigentlich mit seinem wunderlichen Ritt zu schaffen, und vollends mit seiner Schifffarth! Ihn zu bewirthen 138 nach besten Kräften – ey nun, das war eines ehrbaren Islandmannes Pflicht, und jedes ehrbaren Wehrfesters Pflicht, so weit die Erde reicht. Und in unserem uralten Stammland Asia haben sie's eben so gemacht. Da wissen die ältesten und schönsten Lieder davon zu sagen. Aber daß ich mich in die Verhandlung des unbändigen und unbärtigen Knaben mit seinem Vater mischte, und, daß ich sogar dem Gunlaugur auf jeden Fall an meinem Herde Schutz verhieß – ob auch nicht mit ausdrücklichen Worten: mein innerster Wille war und ist es wahrhaftig dennoch! – ja, das ruft die offenbare Fehde zwischen Illugi und mir herauf. Da wird nun manches Blut fließen auf Island, und schartig hauen wird manch kühner Armesschwung manch uraltschöne Islandswaffe. – Ey, wer kann helfen! Und wär' auch wieder zum Zweyten- oder Drittenmahl darüber zu wählen – ich macht' es wohl dennoch wieder just eben so. Freylich, daß ich die Dinge so ausnehmend klar voraussehe, wie sie durchaus kommen müssen – nicht nach gaukelnden Träumen, denn die behalten fast allemahl Unrecht! – sondern so im Verstande recht deutlich und tief – es ist eine oft lästige Gabe. Niemand aber kann für seine Gaben! – O ich sehe Schritt vor Schritt wie 139 es kommen muß. Zuerst nun wird der Illugi auf der Dingstatt wider mich klagen, daß ich seinen unartigen Sohn wider ihn beschütze. Da geb' ich nicht nach. Dann ist die Fehde geboren. Siehe, da sprengt er wohl schon mir entgegen! –

So war es auch. Aber es kam dennoch viel anders, als Thorstein gedacht hatte.

Denn Illugi der Schwarze both ihm schon von Weitem sehr freundlich die Hand entgegen, und sagte, als sie nun beysammenhielten:

»Die Nachbarn wollen mir versichern, mein wilder Gunlaugur wäre bey Euch eingekehrt, und Ihr hättet ihn gütig aufgenommen, seine Abfahrt in die weite Welt verzögernd bis auf diesen Augenblick.«

»Die Nachbarn haben recht gesagt,« entgegnete Thorstein. »Gerade so hab' ich es gemacht.«

Und Illugi sprach zurück: »Wohl geziemt es sich, wo ein Vater mit seinem kühnheranwachsenden, allenfalls etwas ungezognem Knaben in großen Unfrieden geräth, daß ein anderer Hausherr sich dazwischen stelle, und als Anwald des Sohnes dem Vater einen Ausweg lasse, das Ding in der Güte beyzulegen. Die Ehre des Vaters geht freylich vor. Aber gern behielte er doch auch ein ungebrochnes Herz dabey. Und wie sollte das 140 ungebrochen bleiben, wenn der Sohn ihm so wild und unberathen davonliefe in die ferne Welt, wie das gar leicht in kühner Knaben Gedanken hineinfällt, und wie auch mein wilder Gunlaugur es mir gedrohet hat. Nun, den schönsten Dank für Euch, mein edler Thorstein! Nicht wahr, Ihr kommt mir als ein Friedensbothe von meinem wilden Kinde?« –

»Ja freylich,« sagte Thorstein, »so komm ich. Aber wie seyd doch Ihr so gar lieb und mild und gut? Ich hab' mir Euch immer als einen viel anderen Menschen vorgestellt.«

»Als einen rechtzornig Fehdesüchtigen wohl?« – sagte Illugi, und setzte freundlich hinzu: »Dagegen seyd wiederum Ihr, wenn wir auf der Dingstätte oder sonst wo in öffentlicher Angelegenheit zusammentrafen, mir vorgekommen, wie ein sehr hochmüthiger Mann, eingebildet auf Euern Myramannen-Reichthum, und auf Eure ehemahlige Schönheit, welche die Weiber gern sahen, und auf – nun, was weiß ich auf was sonst noch mehr. Denn wer sich einmahl etwas Großes von sich selbst einbilden will, dem kann es an klugen und tollen Ursachen dazu gar nicht mehr fehlen.« –

»Ganz recht!« erwiederte Thorstein lachend. 141 »Wär es auch nur daß Einer es für etwas Großes hielte, Illugi der Schwarze zu heißen, und so dunkelgelockt zu seyn, als mein Vater Egill, und dazu mit Streitaxt oder Schwert etwa ein Paar Gegner in's Blut geworfen zu haben!« –

Da hätte fast Illugi seine Hand im Unwillen aus Thorsteins Hand gerissen, und sein Roß abgewendet zum Heimritte nach Gilsbacka, auf Nimmerwiedersprechen und Nimmerwiedersehen anders, als in der Gerichtsversammlung oder im Kampfesfeld. Aber Thorstein hielt die einmahl dargebothene Hand sehr fest, so daß Beyde hätten von den Rossen fallen müssen, wär' Illugi durchaus bey dem Umwenden und Losreissen geblieben. Deßwegen hielt Dieser lieber still, und Thorstein sagte:

»Wollt' ich ja doch nur ganz deutlich aussprechen, wie Du mir ehemahl vorgekommen bist. Und Du hast ja Ähnliches oder noch Seltsameres gegen mich ausgesprochen. Was aber dem Einen recht ist, ist dem Andern billig. Jetzt haben wir Alles vom Herzen hinuntergeredet, und dürfen bekennen: wir dachten ganz irrig. Da sieh nun, wie hübsch fröhlich wir uns von diesem Augenblick an vertragen können.« »Mir recht!« sagte Illugi. »Aber Du behältst vor der Hand 142 das beste Theil dabey. Denn ich habe nur noch zu danken, und Du hast mir bereits etwas sehr Liebes erzeigt.« –

Da waren die Männer einig miteinander. Thorstein ritt mit Illugi vollends nach Gilsbacka hinüber, und bey einem sehr fröhlichen Mahle besprachen sie sich, wie es künftig mit dem jungen, überkecken Gunlaugur gehalten werden sollte. Auch kam zur Frage, warum denn eigentlich bisher Entfremdung oder wohl gar Ingrimm zwischen den zwey Hausvätern obgewaltet habe. Keiner von Beyden aber wußte eine vernünftige Ursach' davon anzugeben. So legten sie zu Abend sich mit dem Gedanken zur Ruhe, die Zwietracht seye wohl überhaupt nur Hexen und Tollkraut im Lebensgarten, und man könne dergleichen immer sehr leicht ausroden, wenn man ordentliche Lust in sich verspüre zu der wackern Friedensarbeit. 143

 


 

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