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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 21
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel.

Um diese Zeit kam Thorstein wieder nach seinem Gehöfte zurück, und wie er vor der Thür vom Roße stieg, und seine Tochter so mild und silberhell singen hörte, sagte er heiter: »Das ist ein gutes Zeichen, und erquickt Einem das ganze Herz.« – »Ja, Herr« sagte schmunzelnd der alte Knecht, welcher ihm das Roß abnahm, »sie singt recht wie ein Schwan.« –

Thorstein jedoch murrte unzufrieden vor sich selbst hin: »Wie ein Schwan? – Was doch den Menschen bisweilen für thörichtes Zeug über die Lippen springt! Ein Schwan singt ja nur Sterbegesang. – Und – wunderlich! – war es nicht auch ein Schwan in jenem seltsamen Traume, um den die zwey schönen Heldenadler stritten ihren blutigen Todesstreit?– Ich wollte, der alte 132 Mann hätte einen fröhlicheren Ausdruck gebraucht!« –

Aber da klang Schön-Helga's Lied immer anmuthiger durch ihres Vaters stillwerdende Seele, und mit dem letzten Klange desselben trat er sehr heiter zu den Seinigen in die Halle. Heiter auch ward er empfangen, und man verzehrte mitsammen gar fröhlich das Abendbrot.

Als nun die Frauen sich zur Ruhe begeben hatten, und die zwey Männer nach altnordischer Sitte noch etwas bey den Bechern zusammen saßen, sprach Gunlaugur:

»Höret an, Herr Hauswirth, ich möchte Euch wohl gern Etwas vertrauen.«

»Vertraue!« sagte Herr Thorstein; und darauf ging das Gespräch auf folgende Weise fürder:

»Ich möchte nur nicht gern, Herr Hauswirth – nein, um Alles in der Welt nicht möcht' ich es, daß Ihr mich für einen wankelmüthigen Burschen hieltet, der zu Abend wieder bereuet, was er am Morgen begonnen hat.«

»Da kommt Alles auf die Weise an, wie Du Dich in Zukunft aufführest, mein Gast.«

»Herr« – und er gerieth dabey ein wenig in's Stocken – »seht, ich denke schon jetzt 133 Etwas zurückzunehmen, was ich mir am Frühmorgen vorgenommen hatte.«

»Wenn Du Dir etwas Thörichtes vorgenommen hattest, so laß alsdann ohne Reue dem Frühmorgen die Albernheit, und erfreue Dich an der Weisheit des Abends. Versteht sich, daß Du nicht etwa einem Ehrenmanne Dein Wort darüber gegeben hättest.«

»Einem Ehrenmanne just nicht, Herr. Aber einem ehrbaren Jünglinge doch. Und Der bin ich selber.«

»Ich glaube mit dem kannst Du Dich abfinden. Aber es richtet und rathet sich schlecht im Dunkeln. Binde mir die Augen auf, wenn ich Dir als ein wackrer Bahnweiser taugen soll.« –

Da sagte Gunlaugur frisch vom Herzen weg:

»Nun, Herr, ich möchte jetzt lieber noch etwas auf unserem Eilande verbleiben, als schon hinausfahren in die weite Welt.«

»Das ist gut gedacht, mein Gunlaugur. Wann Du Dich hinlänglich bey mir wirst ausgeruhet haben, so reite wieder heim zu Deinem Vater, und künde ihm, daß Du Dich eines Besseren und Klügeren bedacht hast, und er wird 134 sich darüber von Herzen freuen, und Alles ist gut.« –

Aber Gunlaugur schüttelte wildverneinend seine dunkeln Locken wie ein sehr verdrießlicher Mensch, und schwieg still.

Da sagte Thorstein nach einer Weile lachend: »Immerfort Recht zu behalten scheint mir wirklich auf die Weise, welche Du jetzt angenommen hast, gar leicht. Nur daß man Dir gegenüber Ähnliches thun kann, und dann ist Keinem von Beyden geholfen. Sieh, Freund, Du schweigst und schüttelst den Kopf, zu meiner Rede. Nun steht es mir eben so frey, zu Deinem Schütteln wieder meinerseits zu schütteln und zu schweigen. Dann wären aber Du und ich um nichts besser, als zwey holzköpfige Puppen, die man während einer langweiligen Abendstunde hinter dem Herde halbträumend zurecht schnitzen kann. – Nein, lieber Freund Gunlaugur, es gibt zwischen zwey ordentlichen Menschen, die eine entgegenstehende Meinung in sich tragen, nur eben so viel Fälle, als Leute: nähmlich Zweye. Du hast Recht, oder ich hab' Recht. Und was sich anstellen will, wie eine andere Entscheidung, ist ein Kuckukstreiben. Denn es höhnt Einen wie den Andern, und wirft Jedwedes 135 beste Gedanken aus dem Nest in ein unsicheres Nebelgewirr hinaus.«

Da sagte Gunlaugur lächelnd: »Ihr seyd ein freundlicher Mensch nach meinem Herzen, Ihr gastlicher Thorstein, wie streng' Ihr auch bisweilen zu mir sprechen mögt. Nun denn – so faß' ich mir ein frisches, liebes Herz zu Euch, und bitt' Euch, hört auch frisch und lieb mich an.«

Da lag die starke Rechte Thorsteins in Gunlaugurs Hand, und Dieser sprach weiter:

»Mit den Rechtskenntnissen – das merk' ich, wenn ich's ordentlich überlege, nun recht gut – ist es nur schwach bey mir bestellt. – Die edle Sitte könnte gleichfalls schöner und wohlbegründeter hervorleuchten aus mir. Und beym Schachtafelspiel verfahr' ich auch immer allzurasch und ungestüm. Da mein' ich nun so: in den Landesrechten solltet Ihr mich belehren, in der zarten Sitte Eure gestrenge Hausfrau, und im Schachtafelspiel Eure Tochter Helga. Dazu gehörte dann aber natürlich, daß Ihr mich hier behalten möchtet, und mein Vater seine Einwilligung dazu gäbe.« –

»Das kann sich wohl so gestalten, mein Jüngling!« sagte der freundliche Thorstein. »Zerbrich Dir einstweilen den Kopf darüber 136 nicht, sondern gib die Sache ganz in meine Hand. Dann schlafe für heute ruhig ein, und wache zu Morgen wieder fröhlich auf unter meinem gastlichen Dach.«

Und so geschah es. In der Frühe des nächsten Tages war Thorstein bereits auf dem Wege zu seines Gastes Vater, Illugi dem Schwarzen. 137

 


 

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