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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 19
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebenzehntes Kapitel.

Da fügte es sich, daß die schöne Hausfrau Jofridur mit ihrer noch viel schöneren Tochter Helga so eben heimgefahren kam, von einer großen Wäsche, die sie in alt edler Wirthlichkeit am Ufer des Meeres geleitet hatten. Jetzt hielt der Wagen vor dem offenen Thor der Halle, und wie Mutter und Tochter, herrlich angestrahlt vom Abendlicht, herabstiegen, auf ihre Dienerinnen gelehnt, erhob Gunlaugur diesen Sang:

Schon oft sah ich Sonn' und Mond zugleich
    In des Abends stillverträglichem Reich.
Doch standen sie beyde hoch am Himmel,
    Jetzt fahren sie her, vor dem Wagen zwey Schimmel!
Zwen Schimmel, gar schön zum Wettlaufspiel! –
    Doch schöner sind Mond und Sonne noch viel.«

Da sang Thorstein mit lachendem Munde ihm entgegen: 122

Du Jüngling, so sage mir keck und fein:
    Wer ist die Sonne, wer Mond von den Zwey'n?«

Und Gunlaugur sang:

Ey, Mond ist die in dem faltigen Rock,
    Und Sonn' ist die in dem gold'nen Gelock.«

Da sang Thorstein wieder:

»Was nennst du den Mond denn immer zuerst?
    Wie, daß nicht der Sonne den Vortritt gewährst?«

Und Gunlaugur sang:

Die Nacht beginnet den feyernden Lauf.
    Dann wecket erst Morgen die Blumen auf.
Sieh, sieh, voran kommt feyernder Mond,
    Daß schöner nachher junge Sonne thront.«

Da sagte Thorstein lachend:

»Singe das jetzt nicht allzulaut, mein Skalde. Denn obgleich Mond als meine Gemahlinn sich herzlich über die Schönheit unserer Tochter Sonne freut, möchte dennoch Mond wohl eben diese Vergleichung nicht für eines der allerzierlichsten Skaldenstücklein halten.«

Da war Gunlaugur einigermaßen erschrocken, und schwieg still, die zwey edlen Frauen ehrerbiethig grüßend.

123 Es war nun die Rede von häuslichen Angelegenheiten, und Thorstein erfuhr, daß seine Füllen aus der nahen Koppel gebrochen seyen, ein Ackerfeld des Nachbarn mit wilden Sprüngen überschwärmend. Niemand aber getraute sich, die unbändigen Thiere wieder einzufangen, wenn nicht ihr eigener Herr hülfreiche Hand dazu leiste. Gunlaugur wollte mit hinaus: Da sagte Thorstein: »Wie sollen die jungen, raschen Rosse einem jungen, raschen Fremdlinge gehorchen! Vielmehr würden sie wohl nur noch unartiger vor Eurem kecken Bezeigen. Lasset mich machen, und bleibet derweile bey den Frauen. Vielleicht ist Euch die edle Kunst beschieden, in der Schachtafel zu spielen. Meine Tochter versteht sich einigermaßen darauf, und meine Hausfrau mag als Kampfrichterinn walten!«

Damit eilte er von hinnen. Und weil Gunlaugur durch eine Verneigung einwilligte, redete ihn Frau Jofridur mit den Worten an:

»So gehöret Ihr also zu den Edlen des Landes, mein Gast, die ihre schöne Heldenabstammung aus dem Asialande auch dadurch beweisen, daß sie das Abbild des Erdenlebens in dem Schachtafelspiele zu erfassen verstehen?«

»Ja, edle Frau,« sagte Gunlaugur. »Ich 124 weiß mit den Gestalten der Schachtafel umzugehen.«

»Wohlan!« sprach die Hausfrau, und winkte einem Diener, und das Schachbrett stand alsbald zwischen Gunlaugur und Schön-Helga aufgestellt.

Selig lächelnd sahe der Jüngling in die Augen der wunderschönen Jungfrau, wie ihm nun die gegenüber saß, nur das Tischlein mit den räthselhaften Gebilden zwischen ihnen. Aber doch blickte er bald wieder fragend zur Hausfrau empor, als vermisse er noch etwas für das Spiel. »Die Steine der Schachtafel sind alle zur Hand;« sagte Frau Jofridur, seinem Blicke begegnend. »Die Steine wohl, aber die Würfel nicht;« sprach Gunlaugur. Da sahen ihn Mutter und Tochter verwundert an. Endlich, wie auf etwas Längstvergessenes sich wieder neubesinnend, sagte Frau Jofridur: »Ach so! von der uralten Weise des Schachtafelspieles redet Ihr, wie sie die Altvordern kannten, wo der Zufall ordentlich ein Recht haben soll, mit hinein zu sprechen! Das ist ja aber längst vergessen.« »Vergessen ist nicht verloren!« sagte nachdenklich Gunlaugur. »Vermöget Ihr die Dinge in der Welt so zu gestalten, daß nichts mehr zufallen kann und 125 nichts mehr abfallen mag, es seye denn Eurer eigenen Berechnung nach?« »Nein!« sagte Frau Jofridur. »Das vermag ich nicht.« Und ihre Gedanken wurden düster und ihre Augen feucht, wie sie so hinblickte auf ihre schöne Tochter, und ihr dabey die dunkeln Traumeswarnungen vor dem inneren Sinn heraufstiegen, denen zum Trotz die gefahrdrohende Schönheit auferzogen war. Schön-Helga senkte unbewußt das goldlockige Haupt, als rausche etwas mit schwerem, tiefem Fittigschlage dicht über sie hin. Gunlaugur aber sagte keck emporschauend: »Nun dann! wer dem Zufall sein Theil im Leben verstatten muß, der gönne ihr doch auch sein Theil im Spiel. Die Sänger sagen, ein uralter Held im Asialande, Palamedes geheißen, habe das Schachtafelspiel erfunden, und auch das Würfelspiel zugleich. Und von der Zukunft singen die Weissagungslieder – die Lieder, welche nach dem Willen spähen der über uns herrschenden Räthselgewalten – wenn Alles wieder kommen solle aus der Gährung der untergesunkenen Welt – Alles wieder kommen in unendlicher Schönheit und Freude auf einer in noch jüngst vertilgenden Meer neu aufschwellenden seligen Insel, einsam und schwer zu erreichen, wie unser Island hier, aber süßblühend, 126 wie kaum eine Ahnung davon in unsere winterlichen Seelen fällt – wißt Ihr denn nicht? Da künden ja die alten Sagen, eine kleine Zahl von Asiahelden soll dann noch leben, und goldene Würfel finden im duftigen, hohen Grase. Und damit spielen sie ein heilig frohes Spiel. Und die Welt erwacht –«

»O still, Du redest Geheimnisse!« sagte ängstlich Frau Jofridur. Schön-Helga sahe holdweinend vor sich nieder, und lächelte dazu, wie die Sonne durch Mayregen, und sagte endlich sehr freundlich, beynahe lachend:

»Was weine ich denn nur? Es ist ja Alles so sehr hübsch heute Abend!«

Da sagte Frau Jofridur kopfschüttelnd:

»Mit Würfel oder ohne Würfel! die hohe, unverstandene Schickung spielt freylich dennoch lenkend mit. Wollt Ihr also Würfel, mein Fremdling? Ich hohle sie Euch.«

»Die gold'nen im Grase sind ja noch nicht gefunden!« entgegnete Gunlaugur träumerisch. »Laßt uns also nur immer noch ohne sichtbare Würfel spielen.« 127

 


 

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