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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 18
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Da lachte nach einigem Besinnen Gunlaugur freundlich, und sagte: »Gewiß, edler Thorstein, Ihr könntet mich Vieles lehren, und ich würde auch sehr gern von Euch lernen. Aber was die Skaldenkunst betrifft, zu der ich mich ganz absonderlich getrieben fühle – da muß doch ein junger Mensch erst die Fremde sehen, außerordentliche Dinge erlebend, erduldend und ausführend, bevor er außerordentliche Dinge in die Saiten tönen darf.«

Thorstein antwortete:

»Es scheint, mein Gast, Ihr hegt gar gewaltig kühne Einbildungen von den Vorrechten und den äußerlich kühnen Schwüngen der edlen Kunst, welcher Ihr Euch ergeben wollt, und doch auch zugleich sehr mäßige, um nicht zu sagen: schwächliche Begriffe von der ihr wundersam 105 inwohnenden, tief inneren Gewalt. Wir wollen es näher besprechen beym Abendtrunke, wenn es Euch so gefällt. Mißhagt Euch aber das, oder gefällt Euch irgend ein anderer edler Zeitvertreib besser, so habt Ihr als Gast nur zu gebiethen.«

»Ihr könntet Einen ganz irre machen, mit großer Huld und großer Strenge in einen und denselben Worten!« entgegnete der überall seine bisherige Art heut sanfte und nachgiebige Gunlaugur. »Bestimmet Ihr, o Herr, wie wir die Stunden verbringen sollen, in denen Euer gastliches Dach mich umfängt. Aber wenn Ihr mir eine Wahl frey läßt, blieb ich gern dabey, mit Euch von der edlen Skaldengabe zu verhandeln.«

Sie hatten derweil auf dem Hochsitz in der Halle Platz genommen, und auf des Hausvaters Wink wurden ihnen edle Speisen und Getränke vorgesetzt. Thorstein sprach zu den letztern Worten seines jungen Gastes:

»Ich wüßte nicht leicht Etwas in der Welt, wovon ich so gern redete, als von der schönen Skaldengabe, wenn gleich sie mir eben nicht in reicherem Maße zu Theil geworden ist, als sie im Ganzen uns Islandskindern allzumahl angeboren zu seyn pflegt. Aber für Euch, Gunlaugur, ahne ich etwas glücklicheres, und wäre Euch 106 eben deßhalb recht herzlich gern behülflich auf Eurer Bahn. Denn je höher der Schwung, je tiefer der Fall, wenn es zum Fallen kommt. Was die fliegenden Fische betrifft, die fallen niemahlen sehr tief, weil sie im dichten Überhinfliegen, ob der See noch immer vom Salzwasser bespritzt werden, und also nicht eigentlich recht wissen mögen: rudern sie mit ihren Flossen im Meere fort, oder haben sie sich wirklich mit ihren sogenannten Flügelein in die Luft erhoben. Aber wenn eine Lerche, noch vor einem Stündlein tirilirend und jubilirend, ermattet in die allzuweite und allzuöde Salzfluth sänke, und schlüge nur noch, im bangen Untergehen stumm geworden, so mit den zarten Fittigen links und rechts auf die gefühllosen Wogen, wie um Hülfe bittend und doch vergeblich – nicht wahr, es wäre ein Anblick zum Weinen?«

»Mag seyn, lieber Herr!« sagte Gunlaugur, halb gerührt und halb verdrießlich. »Was aber soll das mir? Ich bin keine Lerche.«

»Sey Du meinethalb ein Schwan!« sagte Thorstein. »Auch Schwäne sahe man schon ermatten, auf den langen, tönenden Zuge vom Nordland nach den würzigen Blüthenauen des Südens hinüber. Vorzüglich, wenn etwa 107 irgend ein frevelnder Pfeil ihnen die edelzarte Bildung verletzend gestreift hatte. Untersanken sie dann in die trügende Fluth, und erschauten nimmermehr die seligen Küsten und Eilande voll Sonnenglanz und Goldfrucht und Blumenduft!«

»Mein edler Wirth,« sprach der Jüngling staunend, »mir ist zu Sinn, als sänget Ihr meinem Leben ein weissagendes Skaldenlied!«

»Das verhüthe Allvater im Himmel!« sagte Thorstein. »Laß es Dir lieber ein Warnungslied werden, mein junger Schwan, wenn Dir mein Wort nun doch einmahl wie Gesang vorkommen will. Es geht bisweilen mit ganz schlichtgemeinten Reden so, daß sie sich unwillkürlich beschwingen, und das pflegt dann freylich allemahl seine gar ernste Bedeutung mit sich zu führen. D'rum laß Dich halten, junger Schwan. Fleuch nicht zu früh aus dem Neste; am mindesten gleich über Meer.« – »Zu Lande kommt man aber nicht eben sehr weit auf unserem guten alten Eilande!« sprach Gunlaugur trotzig. – Aber da entgegnete Thorstein sehr ernsthaft: »O Du junger Skalde, da bist Du ja dennoch nur kaum eine Lerche, und ganz gewißlich kein Schwan, wenn Deine Sangesgabe sich nach den Meilen ausmessen läßt, in denen Du herum 108 gekommen bist oder nicht herum gekommen! Dann rathe ich Dir lieber gleich: laß von dem ganzen Gesinge Du ab, und trachte zu werden, was Du werden kannst: ein kühner Raubvogel etwa. Der Mensch, in welchem ein solcher Habichtssinn Wohnung genommen hat, wird ziemlich rüstig davon zu allerhand Zank und Streit, aber nicht eben innerlich stark zu Freude und Frieden und anderen wahrhaft hohen Dingen. Ein Solcher muß immer in äußerlich weiten Kreisen herumflattern mit den unbändigen Schwingen, wenn er überhaupt nur Luft behalten will und Frische. Der Schwan dagegen, der schwebt, wann er gehörig erstarkt ist, auf mackelfreyen Fittigen von Island bis nach Ausonien hinein, und wieder von Ausonien her nach Island. Und erfasset ihn dabey im schönen Wechselringen endlich die Ermattung, daß er hinabschwankt in die Todesfluth – doch immer tönend schwankt er hinab, und oftmahl wird sein allerletzter Klang sein allerschönster Klang. Nicht auch bedarf er durchaus des endlosen Wechselns von Luft in Luft, von Land zu Land; auch oft im stillen, silberklaren, schilfumkränzten Teiche wohnt er lange. Da stärken ihm sich jene engelreinen Fittige, womit er späterhin so Land als Fluth durchmißt, 109 viel weiterhin nach seliger Ferne, als Habicht, Falk und Geier – vielleicht oft Adler kaum – wohl je gestrebt. Da schwellen jene Lieder ihm in stiller Brust, womit er noch am Ziel sich ein unsterblich Abschiedslied zu singen die wunderbare Gabe hegt. – Das sind die echten Liedesschwäne, mein junger, ungeduld'ger Freund.«

Staunend sah ihn Gunlaugur an. Endlich fragte er:

»Da will ich nun Eines von Euch wissen. Gibt es denn wirklich solche Liedesschwäne in der Welt? So sanfte, kraftbegabte Liedesgeister in des Menschen Brust, mein' ich, als die, von welchen Ihr jetzt eben gesprochen habt? Aber Ihr sollt mich nicht mit der Antwort fern hinaufweisen, etwa nach den uralten Saga's empor. Möglich, daß damahls die Leute besser in ihrem Geiste waren! möglich auch, daß sich Leute und Thaten – mitunter wohl gar manche Lieder immer besser ausnehmen, je weiter man von ihnen absteht.«

»Das ist ein trüber Glaube, junger Mensch, welchen Du da angenommen hast!« sagte Thorstein mit einem schmerzhaften Zucken seiner freundlichen Lippen. »Sich zu den großen Ahnherrn hinaufstrecken, mit treulichem Ringen, das 110 bildet eben so kraftgeübte als demuthsvolle, und gerade deßhalb sehr freudige Menschen. Die großen Ahnherrn dagegen zu sich herunterreißen wollen, um sie zu bestauben in unserem alltäglichem Gewühl – das ist gottlos kindische Ungezogenheit. Und ob so Etwas auch die alten Heldenbilder um keinen Zoll breit von ihrem erhabenem Standpunkte verrücken kann, den kleinen Frevlern wird es doch in ihrem heftig wirren Treiben fast zu Muth, als wankten die riesigen Gebilde und würfen einen tief bedrohlichen, schwindelerregenden Schatten hin über dieß ganze, mit Zwergenschritten leicht ausgemessene Bischen Erdenleben.«

»Ihr möget nicht Unrecht haben!« sagte Gunlaugur nachdenklich. »Wohlan denn, mein edler Wirth, nehmt meine Hand an Gelübdesstatt, ich will mich ins künftige solcher hochfahrenden Reden gegen die Altvordern enthalten, so gut ich es vermag. Aber die Leute sprechen, ich hätte überhaupt eine scharfe, wildverletzende Zunge. Meiner Großmutter Vater, nachdem ich Gunlaugur geheißen bin, war nicht besser in dieser Art, als ich, ob er gleich ein herrlicher, weitberühmter Skalde war. Die Leute 111 nannten ihn seiner herben Worte halber gewöhnlich nur Gunlaugur Drachenzunge.«

»Ich wußte davon längst ehe Du geboren wurdest;« sagte Thorstein. »Aber Du mußt Dir nicht etwa einbilden, das sey ein hübscher Beynahme: Drachenzunge

»Die wenigsten Beynahmen sind von sehr schmeichelhafter Bedeutung!« sagte Gunlaugur scharf lächelnd, und warf einen wunderlichen Seitenblick auf seinen Wirth. Da sagte dieser: »Nun merk' einmahl, Gunlaugur, wie Du Dir ordentlich schon selbst darin gefällst, den Nahmen Drachenzunge zu verdienen. Da willst Du mich nun daran erinnern, daß ich auf unserem Eilande der schöne Thorstein geheißen bin, und daß man daraus allerhand Spöttisches hernehmen kann. Aber sieh, mein Knabe, so leicht bringt dennoch Deinesgleichen nicht Meinesgleichen in Harnisch. Nun ja, man hat darüber gespaßt, daß ich in früheren Jahren ein sehr schöner Mensch war, und daß ich es wußte und gern daran dachte, und manchmahl in reiferen Jahren es nicht vergessen konnte – vielleicht auch jetzt noch immer ganz gern daran denken mag. Aber was ist das weiter Übles? Schöne Leute muß es einmahl in der Welt geben, denn seit Menschengedenken, 112 haben sie zur allgemeinen Lust und Ergötzung bestanden. Aber Drachen und Drachenzungen wachsen nur aus häßlicher Hexerey empor, und ärgern und vergiften alle Welt. Nein, lieber Junge, Du mit Deinen noch immer ganz freundlichen Augen, thue Du mir den einzigen Gefallen, und verdiene Dir den gräulichen Beynahmen: Drachenzunge nicht; wenigstens mit Willen nicht!« »Nein, wahrhaftig,« sagte Gunlaugur gutmüthig, »mit Willen mag ich nun nicht mehr so heißen. Und sollte es dennoch ganz von ungefähr kommen – aber seht mich nicht so unzufrieden an, mein edler Wirth, und minder noch wendet Euch von mir ungezogenen Knaben weg. Fürwahr, ich spüre den besten Willen in mir, artiger zu werden. Darum nennt mir doch ohne weiters ein so zartes, freundliches und dennoch mit hohen Himmelsgaben beliehenes Sängergemüth, das man lebendigerweise ansehen könnte, um sich für gleich milden Wandel zu demüthigen und zu erheben an ihm.« –

Da fragte Thorstein: »Hast Du von dem Oenundur reden gehört, der sein Gehöft an der Südspitze des Eilandes bewohnt, in der Gegend, Mosfelli geheißen?«

»O ja wohl!« entgegnete Gunlaugur. »Und 113 als einen gar wackeren Mann preiset ihn das Gerücht. Ist er nicht einer der Hausväter auf Island, welche es über sich genommen haben, den neuen Glauben auf priesterliche Weise zu verkündigen?«

Thorstein nickte bejahend, aber Gunlaugur setzte kopfschüttelnd hinzu: »Daß der ein Skalde seyn soll, davon habe ich in meinem ganzen Leben nichts vernommen.«

»Er könnte deßwegen doch ein Skalde seyn,« sprach der Hauswirth. »Denn mit Deinem ganzen Treiben, Freund Gunlaugur, ist es bis jetzt doch nur immer noch ein schnippisches und etwa spannenlanges Wesen. Davor kann sich vieles auf Island ereignet haben, und in der ganzen Welt, ohne daß in Dein winzigkleines Lebenchen – ich weiß es vor der Hand nicht besser zu nennen – auch nur ein einziges Lichtlein hineinfiele. Aber für dasmahl wollte ich nicht sowohl von dem frommen Priester und Hausvater Oenundur selbst reden, als von seinem ältesten Sohne, welcher den Nahmen Rafn führt. Siehe, der ist so ein frommer und dennoch sehr gewaltiger Liedesschwan, wie ich möchte, daß Du Dich zu seinesgleichen gestalten könntest.«

»Ich aber möchte nicht gern zu 114 meinesgleichen in die Schule gehen,« erwiederte Gunlaugur trotzig. »Und Euer hochgerühmter junger Skalde Rafn kann eben nicht viel älter seyn, als ich.«

»Ja, wenn Du so willst!« sagte Thorstein halb lachend, halb ärgerlich. »Das kommt davon, wenn man sich mit Knaben einläßt zum Hin- und Wiedersprechen. Wenn es auf's Alter ankäme, da hätt' ich ja mehr als dreyfache Gewalt über Dich, mein Knabe!

»Seyd Ihr denn dreymahl so alt als ich?« sagte Gunlaugur. »Doch ja! Ihr könnt Recht haben. Wenn ich mir's gehörig überzähle, Ihr mögt wohl in Wahrheit die dreyfache Alterswürde über mich behaupten. Und wenn man so bloß seinen eigenen, einfältigen Augen vertrauen will, mein edler Thorstein, da erscheint Ihr wohl gar vier bis fünfmahl älter als ich, obgleich ich wohl weiß, daß Ihr ehedem für den Schönsten aller Myramannen gegolten haben sollt. Stampft doch nicht so zornig wider den Estrich Eurer eigenen Halle. Wahrhaftig, es ist keine Schmeicheley, die ich Euch vortragen möchte, ich freylich sehr Hülfsbedürftiger, Verlassener! fragt bey der nächsten Gerichtsversammlung alle Anwesenden, wenn Ihr wollt, und – meine Bürgschaft 115 dafür – als einen Sechzigjährigen mindestens, lieber, ehrwürdiger Herr, lassen sie Euch allesammt durch jubelnden Zuruf gelten!«

»Du verwünschter Gunlaugur Drachenzunge!« sagte Thorstein halb lachend, halb ärgerlich. »Aber Du magst mir gut thun mit Deinen wunderlichen Reden. Einen um sich haben, der uns bisweilen die Kissen unter dem Kopfe wegzieht, wenn wir uns allzubequem gelagert hatten, ist gar kein übles Ding. Willst Du Dich etwas in meinem Gehöfte aufhalten, Gunlaugur?«

»Ihr hört's, daß ich in's Ausland will!« sagte der Jüngling unmuthig.

»Das hab' ich freylich gehört,« sagte Thorstein. »Aber im Auslande sind sie daran gewöhnt, in jeglichem Isländer einen gar kundigen und vielerfahrnen Mann zu finden. Worauf verstehest Dich Du, mein Knabe?«

»Fechten kann ich und reiten, und Lieder singen.«

»Das sind freylich drey schöne Dinge, und wer sie recht vollständig inne hätte, schlüge sich schon allenfalls gut damit durch die Welt. Aber Du kannst es noch nicht vergessen haben, daß Dir vorher statt acht Zeilen in einer Wendung neun aus dem Munde strömten.«

116 »Das hat Euch gewaltiges Ärgerniß gegeben, wie es scheint, Meister Thorstein!«

»Ja wohl. Mich ärgert's allemahl, wenn ein Mensch sich einbildet, er könne das oder jenes, und kann's dann nur halb. Begegnet doch dergleichen so leicht nicht einmahl einem Thier! Und vorzüglich ärgert's mich, wenn ich bedenke, daß ein ungezügelter Bursche den Ausländern etwas zu lachen geben soll, durch Islands Lieder.«

»Wer draußen über mich lacht, den trifft mein Schwert.«

»Du! die Ausländer haben auch Schwerter.«

»Freylich. Sonst läg' mir auch nicht viel daran, ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Da will ich Dich noch Eins fragen, Gunlaugur. Und wenn Du mir darauf mit Ja antworten kannst, so tritt meinethalb zu Morgen Deine Abentheuerfahrt an. Verstehst Du Dich gut auf unsere isländischen Gesetze?

»Es geht wohl noch an damit.«

»Wir wollens einmahl versuchen, wie weit Du gekommen bist. Höre, mein Knab, wenn ein armer Mann im Lande ein Banner aufhebt, und ruft: Herbey Ihr Edlinge und Wehrfester! und all' Ihr angesessenen Mannen! Ich führe Euch zu einer herrlich kühnen That!«

117 Da rief Gunlaugur unterbrechend d'rein mit den Worten:

»Wohl Alle sollen sie dann ihm folgen! Edlinge und Wehrfester und alle angesessene Mannen! denn Niemand ist so reich, daß er nicht dem Armen folgen solle zu einer herrlichkühnen That. Schmach aber dem Reichen, der alsdann hinter dem Herde sitzen bleibt, und sein Gut seye verfallen dem tapfern Armen, welcher das Banner aufhob!«

»Du bist mir ein schöner Rechtskundiger!« sagte Thorstein. »Laß mich doch erst ausreden. Von alle dem, was Du da so ungestüm vorgebracht hast, handelt sich ja noch gar nicht die Frage, sondern davon: Wenn der Zug nun unglücklich abläuft, oder Buße dafür zu zahlen ist, wer soll die Kosten tragen, der Arme, welcher das Banner aufwarf, oder die Reichen, die ihm folgten?«

»Die Reichen, die ihm folgten!« entgegnete unbedenklich Gunlaugur. »Denn erstlich hat der Arme nichts, und wer nichts hat, kann nichts geben. Und dann –«

Er stockte eine Zeitlang nachdenklich. Darauf brach er heftig los:

»Und dann müßten ja die Reichen ganz 118 niederträcht'ge Schufte seyn, wenn sie nicht unbedenklich für ihren kühnen Anführer bezahlen wollten. Der ist schon als solcher mehr werth, als sie all' zusammengenommen, die erst hinterdreinklapperten, als er feindanziehend gerufen hatte: Vorwärts!«

Thorstein sah ihn etwas verwundert an, sprechend: »Diese Rechtsgründe sind auf sehr ungewöhnliche Weise vorgebracht; aber schlecht sind sie doch wahrhaftig keinesweges. Künde mir dann weiter, Du junger Rechtsgelahrter: Wie viel Hauptlösen gibt es nach einem absichtlichen Todtschlage?« »Wie viel?« sagte Gunlaugur ärgerlich. »Ihr wollt mich wohl zu einer albernen Antwort verlocken. Höchstens Eine. Denn ist das Haupt des Erschlagenen nicht etwa bey dem blutigen Tanze gleich von selbst abgeflogen, so hat er doch nur Eines auf dem Rumpfe sitzen, und also nur Einmahl kann es ihm nachher noch etwa der Todtschläger oder Jemand anders vom Rumpfe lösen.«

Thorstein sahe verdrießlich aus. »Spaß oder Ernst!« murmelte er. Was es auch seyn soll, es war verrückt geantwortet. Weißt Du denn wirklich nicht, mein Knabe, daß man Hauptlösen die Bußen zu nennen pflegt, welche ein 119 Todtschläger an die gesammte Gemeinde zahlen muß, damit man ihm nicht an's eigene Leben komme?« »Nein, guter Herr!« entgegnete freundlich Gunlaugur. »Ich habe auch wirklich noch Niemanden todtgeschlagen.« Aber Thorstein sagte ernsthaft: »Wollte Gott, daß ein übermüthiger Bursch Deiner Art dieselbe Versicherung nach ein oder zwey Wintern noch mit gleich freudiger Stirn geben könne! Zudem soll ein weiser Isländer die Landesrechte, nicht nur erlernen, um sich selbst zu verantworten, sondern vorzüglich deßhalb, damit er Andern beyspringen könne, die etwa Noth oder Beleidigung zu erdulden hätten.« »Solchen Bedrängten helfe ich lieber gleich frisch mit dem Schwert!« sagte Gunlaugur. »Denn am Ende kommen doch Redensarten wiederum in der Hauptsache auf des Schwertes Entscheidung an.« »Auch wo man den Stabgang walten läßt?« fragte Thorstein. Ich meine, da wo ein entführtes Frauenbild zwischen zweyen Stäben steht, auf den Einen ihres Vaters Nahmen, auf den Andern ihres Entführers Nahmen mit Runen eingeschnitten. Und wo sie durch ihre Wendung zu jenem oder diesem entscheidet, ob sie mit Gewalt von hinnen geführt worden sey oder freywillig! Künde mir, entscheiden auch da 120 die Waffen?« »Im Wesentlichen doch!« entgegnete Gunlaugur. »Denn ist des Entführers Nahme groß in den Waffen, so wendet sich die Schöne gewißlich gern zu dem Runenstäblein, das einen jugendlichen Heldennahmen trägt, mag sie nun mit Willen entführt gewesen seyn, oder nicht. Und so mache ich mir denn gar nicht viel aus Eurer Gesetzkenntniß; vielmehr denke ich, ohne selbige in die Welt hinaus zu segeln frisch und frank, und bitte Euch, laßt uns von was hübscherem sprechen, als von jenen alten, so gut als waffenlosen Verhandlungen.« »Wie Ihr wollt! sagte Thorstein. »Ihr seyd für dasmahl der Gast.« »Und wenn Ihr etwa einstmahl der meinige werdet,« sagte Gunlaugur, »vielleicht auf einer eroberten Heldenburg in der Fremde, will ich es Euch gleichfalls an nichts Gutem fehlen lassen. Und wenn es Euch dann so behagt, sollt Ihr mich in den isländischen Gesetzen überhören dürfen, vom Morgen bis in die Mitternacht.«

Thorstein schüttelte stark den Kopf über seinen wunderlichen jungen Gast, aber er konnte doch nicht dazu kommen, ihm böse zu werden. 121

 


 

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