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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 17
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Skalden des Nordlandes hatten es an der Art, bisweilen mit sich selbst zu reden, oder mit umgebenden Thieren und auch selbst mit leblosen Dingen. Vielleicht geht das eigentlich allen sangbegabten Leuten in allen Sprachen und Landen so.

Gunlaugur, als er voll heftiger Bewegung auf seinem Rappen strandnieder sprengte, und zwar nach Borgarsfiörde hinüber, wo die fremden Schiffe liegen sollten, erzählte sich laut vor, wie er nun ganz unerhörte Abentheuer in fremden Gegenden bestehen wolle, theils seinem eigenen Ruhme zu Liebe, theils seinem halsstarrigen Vater zum Trotz. Er ritt so immerfort, und zwar den ganzen Tag hindurch. Weil es ihm nun in der stilleren Abendstunde, da er schon dem Meeresstrande näher kam, ward, als 99 streckten die Hainesstämme – damahls gab es noch viel der hochherrlichen Waldungen auf Island – ihre laubigen Äste ordentlich wie flüsternd und bittend nach ihm aus, daß er doch hier bleiben möchte, sang er, an ihnen rasch vorübersprengend:

»Ihr haltet mich nicht! Auf Wiederseh'n!
    Aber bis dahin muß noch viel andres gescheh'n.
Grünet derweil hübsch munter, ihr lieben Bäume! –
    Euch wurzelt so leicht kein Menschenarm aus.
    Und ob er es könnt' – euch brächt' es Graus,
Und ihr stürbet dann gar des Todes, ihr lieben Bäume!
    Sonst nähm' ich wohl gern welche von euch mit;
    Aber mich treibt es einsam zum fernen Ritt!
    Komm' ich wieder, so grüßt mich hübsch grün, ihr Bäume!«

Der wildfreudige, wehmüthig zürnende Jüngling hätte vielleicht noch manch ein Lied von dieser Art hervorgetönt: etwa an das Wild im Walde, oder an den Heimathstrand, oder an sein liebes Pferd, oder an das hölzerne Seeroß – so pflegten die Isländer damahls ein Schiff zu nennen – welches er nun bald zu besteigen gedachte. Aber zum Trost aller Liedeshasser unter den Lesern – und es gibt wirklich solche arme Leute, und sie thun sich bisweilen ordentlich 100 etwas zu gut auf ihr inneres Elend – ward der wunderliche Knabe Gunlaugur im Singen und Reiten gehemmt. Denn gegen Abend trat ihm aus seinem Gehöfte der edle Thorstein entgegen, gerade in des Eilenden Weg, und sagte freundlich:

    »Wohin, du stürmender Wandersmann?
Lab' dich ein wenig, und halt was an.
Es rauschen auch hier so recht erquicklich die Bäume.«

Da kam es dem Gunlaugur vor, als sey er in seinem tiefsten Innern gesänftigt und gestillt, und müsse er nun wirklich hier etwas ausruhen. Vorzüglich, da er es im Sinne trug, auf so manchen Tag von der trauten mütterlichen Heimathinsel zu scheiden, und dabey nicht einmahl von seiner lieben Mutter Abschied genommen hatte. »Ich will doch wenigstens nicht ganz Island ohne Scheidegruß verlassen,« dachte er bey sich. »Zudem hat man uns Isländer immer meist Alle an fernen Orten und Küsten für sittig höfliche Leute gelten lassen, und schlecht anfangen hieße es, meine Fahrt in die Fremde, wenn ich das gastliche Anerbiethen dieses freundlichen und vornehmen Hausvaters zurückwiese.« Und unter solcherley anständigen Gedanken, war er mit höflichem Gruß vom Pferde gestiegen, und 101 folgte dem Hausvater nach dem Gehöfte, wo er sein Roß an einem der Ringe festbinden wollte, die zu diesem gastlichen Zweck in dem Bollwerke um das Haus her angebracht waren. Aber Thorstein sagte: »O nicht doch! das ist nur für schnell vorüberziehende Reiter. Du munterer Illugissohn wirst Dir doch mindestens den Abendtrunk in meiner Halle gefallen lassen? Wohl hörte ich aus Deinem wilden Liede, daß schon in so jungen, beynahe noch knabenhaften Jahren, Du fort willst von unserem heimathlichen Inselstrande. Nun, das Ja und Nein darüber, steht einzig und allein Deinem edlen Vater zu.« Aber Gunlaugur entgegnete nach seiner oft eben so spöttischen als hochfahrenden Weise: »Ich hätte doch vermeint, Ihr geständet einem freygebornen Knaben ein ganz klein Bischen eigenes Recht über sein eigenes Thun oder Lassen mit zu.« – »Das muß ich wohl«, entgegnete der freundliche Thorstein lachend, »wenn es Deinem Vater so recht ist. Aber wenn Du etwa für jetzt mir Deinen Besuch nicht aus eigner Lust gönnen willst, so gönne mindestens Deinem schönen Rößlein die Ruhe bis morgen Mittag. Vor morgen Abend – mein gastlich Wort darauf – segelt dießmahl kein fremdes Schiff aus 102 Borgarfiörde, und dafern Du dieses edle Thier mit einschiffen willst, geht solch ein Werk – vorzüglich zum erstenmahle – nicht sonder große Erschöpfung ab für ein feuriges Roß. Da mußt Du ihm also verstatten, sich vorerst recht zu erfrischen in meinen Ställen.« – Und auf des Hausvaters Wink nahm ein Knecht mit geziemender Verneigung den Zügel des Rappen aus Gunlaugurs Hand, und führte das vom raschen Ritt wildschäumende Pferd besänftigend umher, damit er es nachher ohne dessen Nachtheil zu Stall und Krippe leiten könne. Gunlaugur aber neigte sein Haupt vor Thorstein, und sprach in Sangesweise:

»Knabe, recht kühn und wild,
Konnte nicht rasten am Herd,
Ritt übereilig rasch
In die rollende Welt hinaus.
»Halt!« sprach ein Hausvater
Holden Sinnes ihm zu –
Winkt ihn an wirthlichen Herd –
Und wie eingefangenes Wild
Wandelt der Knabe ihm nach.«

Thorstein entgegnete:

»Wohl um der Sprüche Wahl
Weiß der Knab' und um Lieder! 103
Aber noch rollten statt acht
Anfangszeilen der Wendung,
Über die Lippen, ein Überfluß
Üppiger Jugend, ihm neune hin.
Maß lernen mußt du halten,
Mein junger Mann, in jeglichem Machwerk!« 104

 


 

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