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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 14
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Frau Jofridur stand vor der Thür ihres schönen Gehöftes. Ihr lebte eine große Zuversicht in der Seele, der Ritt ihres Hausherrn nach Hiardarholt zu seiner Schwester müsse Alles gar schön und friedlich lösen. Ob sie ihm sein Kind dorten absichtlich zeigen würden, oder ob irgend ein anderes Geschick es ihm in den Weg führen solle – wie er die That aufnehmen möge, welche er allerdings Ungehorsam gegen seine Befehle nennen konnte, denn damahls übte ein jeder Hausvater auf Island in seinen vier Wänden und seinen Marken schier königliches Recht – das Alles stand in buntverwobner, zum Theil schreckender Möglichkeit vor ihrer Seele. Dennoch war es, als breite von obenher eine schirmende Hand etwas darüberhin, wie einen großen, mildernden Schleier, so daß die Gestaltungen um Vieles minder schroff nebeneinander aussahen, als 83 sie wohl sonst vor einem ängstlich harrenden Auge zu bilden pflegen.

Zwar flüsterte ihr bisweilen ein schlimmer Ahnungsgeist den Gedanken zu:

»Du bist ja so ruhig, du arme Frau!
Ist ruhig der Mensch, wird das Leben rauh!«

Und das erhob sich in ihr zu einem Klingen und Singen, das nun und nimmer aufhören wollte, sondern im recht schwindlichen Kreislauf wieder von Neuem zu tönen anhub, so wie er nur kaum verhallt war.

Frau Jofridur verstand sich nicht so recht auf's Anrufen der allerhöchsten Gewalt; wie wir das wohl schon früher an ihr bemerkt haben. Sonst wäre sie des häßlich mißtönenden Klingens um sehr vieles leichter bar und ledig geworden. Für jetzt konnte sie dem störenden Gefühl nur mit mannigfach andern Weisen begegnen, fröhlicheren Inhaltes, die sie nach besten Kräften aus sich hervorrief, ohne daß jedoch ein Laut über ihre Lippen drang.

So ward sie nach und nach von streitenden Traumes- und Liebesnetzen überwoben, bis sie schlummernd auf den Sitz am Gehöftesthore, sonst mehr zur augenblicklichen Ruhe der 84 Vorüberziehenden bestimmt, niedersank, und endlich sehr fest einschlief; aber keinesweges traumleer.

Denn ihr ward es, als ströme ein ganzer Zug von sehr eiligen, tief in graue Gewande vermummten Wandersleuten an ihr hin. Sie wollte sich aufrichten, und ihnen den Ruhesitz leer lassen, aber die lähmende Ohnmacht des Traumes vergönnte ihr es nicht. Da strebte sie wenigstens mit Wink und Rufen, ihnen anzudeuten, daß sie sich auf den Rasen vor dem Gehöfte niederlassen möchten, bis man sie gastlich erquicke, auf ihrer, wie es schien, ängstlichen und sorgenvollen Fahrt. Aber sie schüttelten die vermummten Häupter, und eilten nur um so schneller vorüber. Da ward der edlen Träumenden ganz bange zu Sinn, und meinte sie, das könne die Gastlichkeit des Thorsteinherdes in gar üblen Ruf bringen, wenn aus so vielen Vorüberziehenden kein Einziges einen Labungstrank empfange oder eine kräftigende Speise. Voll steigender Herzensangst hub sie an, die seltsamen Gestalten zu beschwören, daß sie anhalten möchten; oder doch Einige aus ihnen, und es ward ihr endlich, als sänge eine weise alte Frau ihr folgende Worte in's Ohr, und sie sänge sie nach: 85

»Ihr grauen Eilenden, ihr
    Im trüblichem Einerley
    Einhüllender Schleier, steht!
    Schwenket euch zu mir heran!
    Meint ihr, ich möge zittern vor euch?
    Mit nichten zittert Jofridur.
    Tapf'rem Manne vertrautes Weib,
    Trau' ich auch Muth mir zu.
Ich beschwör' euch, ihr schattigen
    Schaurigen Wand'rer!
    Wohin ihr auch wandelt,
    Ob Weh, oder Wonn' ihr bringt,
    Mir und Manchen der Menschen –
    Mögt, oder könnt ihr nicht weilen,
    Herunter von jeglichem Haupt
    Das häßlich verhüllende Grau!« –

Da neigten sie Alle die Häupter, wie bezwungen von einem sieghaften Geboth, und jedes der Eilenden ließ seine Schleiergewande niederwallen, so wie es an Jofridur vorüber ging. Die ersten Gestalten zeigten helle, munterleuchtende Gesichter. Aber dann kamen Einige nach, mit grausenvoll verzerrten Zügen. Einige heulten ingrimmig. Wohl gab es mitunter gar schöne, stattliche, freundlich winkende Erscheinungen. Andere jedoch wieder sahen ganz blutbesudelt aus, und knirschten mit den Zähnen. Dann 86 kamen wieder ganz hohle, schrecklich lange Leichengestalten. Und endlich war es, als wollten sich Alle bey den Händen fassen, und einen Ringeltanz rings um das Gehöft herum anstellen, mit zurückgeschlagenen, wild empor flatternden Schleiern. Da sagte Jofridur – und ein tiefes Entsetzen schüttelte sie, indem sie so im Schlaf ihre eigne Stimme zu hören vermeinte:

»Halt, ihr Stunden meines Lebens! ich habe zu viel schon von euch vernommen. Ihr sollt mir nicht noch Einmahl vorüberschweben in grausenvollerem Reigentanz!«

Aber da hub der Tanz schon an, feyerlich langsamen, strenge gemessenen Ganges. Denn ob man auch von weitem sehen konnte, wie mancher Gestaltung Haargelock vor wilden Sprüngen flog, sahe man doch auch zugleich, wie keines der seltsamen Wesen eigentlich rascher, als das andere, von der Stelle kam. Und vorerst erschienen wieder die freundlich frischen Kindergesichter, und als Jofridur die Arme sehnsuchtsvoll nach ihnen ausstreckte, wie um sie aus dem Reigen herauszuziehen und bey sich festzuhalten, funkelten sie ihr so licht und hold in die Augen, daß sie darüber süß erschrocken emporfuhr. Da fühlte sie auch wirklich ein schmeichelndes, 87 kleines Wesen von ihren Armen umfaßt, und die niedergehende Sonne blitzte sie vollends erweckend mit den scharffunkelnden Strahlen an, und was sie in den Armen hielt, war Helga, ihr holdes, wiedergefundenes Kind. Vor ihr aber stand segnend und freudeleuchtend ihr geliebter Ehegemahl.

Ja wohl war das einmahl eine Wonnestunde des Lebens! 88

 


 

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