Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich de la Motte Fouqué >

Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 13
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Eilftes Kapitel.

Nicht eben sehr lange nach diesem Ereigniß kam Thorstein einmahl nach Hiardarholt geritten, um seine Schwester Thorgerdur zu besuchen. Er ward wohl empfangen, wie sich das ziemte, und so lud auch Olaf seine nächsten Freunde und Genossen zusammen, daß sie sich an dem Feste mitfreuen sollten, und die kamen Alle gern. Dazu gaukelten die drey kleinen Mädchen – Olafs Töchter und Schön-Helga – wie drey Elfen, welche man auf Island Lieblinge zu nennen pflegt, durch die leuchtende Halle.

Frau Thorgerdur dachte immer, ihr Bruder solle sie nach Schön-Helga fragen, und vorzüglich, wenn er bisweilen seine großen blauen Augen recht ernsthaft auf die großen blauen Augen des Kindes heftete, und das Kind wieder eben so gegen ihn that – beynahe, wie wenn 71 Himmel in die Seefluth schaut, und Seefluth gegen den Himmel.

Thorstein aber wandte sich dann schnell wieder ab, als habe er etwas Unheimliches gesehen, und als ihn seine Schwester neckend fragte: »Das ist ja ordentlich, als ob Du vor dem wunderschönen Kindlein dort erbebtest?« – flüsterte er ihr entgegen: »Auch vor den Lieblingen schauern die Menschen oft!«

Er mochte wirklich die Kleine für eine Elfe halten, oder wohl gar für die nur ihm ganz deutliche Erscheinung seines ausgesetzten, in Meeres- und Stromesgeroll verkommenen Kindleins.

Wie dem auch sey: er verstummte endlich ganz auf die Fragen seiner Schwester, und wandte sich zu den Männern, die mitsammen traulich bey dem kreisenden Becher verhandelten, ob Illugi, wegen seines dunkeln Haupt- und Bartgelockes, der Schwarze genannt, es nicht endlich zu einer übergroßen Macht auf der Insel bringen werde. Zwar stand er an Reichthum nicht ganz dem Thorstein gleich, aber sein stolzes Wesen und manche tapfere That zu Land und See gaben ihm ein starkes Ansehen unter den Hausmännern allzumahl. Und dazu war er seinen Freunden so sehr freundlich und seinen 72 Feinden so sehr fürchterlich. Da meinten im Kreis ein Paar der Besorglichsten: und wenn nun vollends dereinst unter seinen Söhnen die zwey Jüngsten, die wunderbar starken und muthigen Knaben Hermundur und Gunlaugur heranwüchsen, könne es zuletzt geschehen, daß der Illugi mit den Seinigen mehr Gewalt in der Gegend weit umher gewänne, als selbst das Heldengeschlecht der Myramannen.

Darüber stieg ein großer Zorn in des Myramannen Thorsteins Seele auf, und er hätte wohl ein sehr hartes Wort gesprochen. Ein Wort vielleicht von denen, die unter kühnen Kriegsleuten nur mit Blute recht aus dem Grunde zu sühnen stehen. Glücklicherweise jedoch bedachte Thorstein, daß hier der Hauswirth sein Schwager war, und die Hausfrau seine Schwester. Und somit, sich selber stark und freundlich bezähmend, sagte er ganz gelassen:

»Für jetzt mag Illugi der Schwarze anfangen, was er will. Von viel andern Dingen hab' ich meiner Schwester Thorgerdur ein paar Worte zu sagen.«

Und damit grüßte er freundlich, und ging nach dem Hochsitz im Hintergrunde der Halle hinauf, von wo die Hausfrau das Zechergelag, 73 wie man es auf den Bänken zu beyden Seiten einander gegenüber hielt, ruhig übersah, solange sie es für anständig erachtete, um sich nachher in ihre Kammern still zurückzuziehen.

Thorstein ließ sich neben Thorgerdur nieder auf die mit Binsen und Blumen bestreuete Bank, und dort besprachen sich Bruder und Schwester ganz traulich still miteinander von Diesem und Dem, so wie es nun eben die Reihe traf.

Aber von dem, was die Schwester dem Bruder am allerliebsten verkündigen wollte, fing Thorstein immer noch nicht an.

Da wurden endlich die drey kleinen Mädchen vor dem kühntönenden, in der Halle sich erhebenden Sange der Männer scheu, und kamen nach dem Hochsitz herauf, wo ein Bänkchen für sie stand, gerade der Hausfrau gegenüber. Da setzten sie sich, Klein-Helga in der Mitte, und flüsterten und sangen leise wechselweis voll behaglicher Sicherheit, Lieder und Mährchen und allerhand schuldlose Geheimnisse aus blühendem Mündchen einander in's Ohr.

Aber Thorgerdur, als sie ihren Bruder wiederum ganz vertieft sah in seines ihm unerkannten Töchterleins Anschauen, konnte sein Schweigen nicht länger ertragen.

74 »Thorstein,« hub sie an, Du sollst mir jetzt aufrichtig sagen, welche von diesen drey kleinen Mädchen gegen uns über Dir am besten gefällt.«

Da sprach er staunend: »Siehst Du denn wirklich drey Mägdlein vor Dir? Und weißt Du, woher die in der Mitte stammt?«

»Wie sollt ich das liebe Kind nicht sehen, und nicht von ihrer Abstammung wissen?« entgegnete mit Lachen Thorgerdur. »Ist es ja doch mein.«

»Dein!« wiederhohlte Jener, immer noch verwunderter. »Nun ist es doch gewißlich ein gaukelnder Elfengeist, diese süße Erscheinung! Denn Du hast ja nur die zwey Töchter, die ich kenne. Und das holde Geschöpflein in ihrer Mitten – zwar ist es blond und weiß und anmuthig, wie Du und fast alle Frauen aus dem Stamme der Myramannen! Aber ob es gleich wegen seiner Schönheit die Tochter Olafs des Pfaues zu seyn verdiente – es gleicht ihm doch mit keinem Zuge. Laß mich, Schwester! Ich will mich dem trügerischen Liebling nahen, der uns Allen die Sinne verwirret, und Du sollst sehen, wie das seltsame Dinglein verschwinden wird: Luft in Luft!« –

75 »Bruder,« sagte Thorgerdur, »und wenn dieß holde Wesen nun wirklich verschwände, Luft in Luft, und der dritte Platz auf dem Bänklein zwischen meinen Kindern würde urplötzlich leer – wie möchte Dir da zu Sinne seyn?«

Und leise murmelte Thorstein: »Entsetzlich! Entsetzlich müßte mir zu Sinne seyn; wie einem Menschen, der keine Ruhe mehr fände durch all seinen trüben Lebenslauf, weil er im Traum etwas Herrliches gesehen hätte, das ihm keine Lust und Freude mehr ließe an den schönsten Herrlichkeiten der sichtbaren Welt!« –

Damit hatte er die Hand dicht vor seine Augen gedrückt, und blickte doch plötzlich mit rascher Bewegung wieder auf, nach der kleinen Helga hinüber, als befürchte er, sie könne verschwunden seyn, Luft in Luft. Wie er sie noch fand, lächelte er, und auch die Kleine lächelte sein wieder entschattetes Gesicht sehr freundlich aus den großen blauen Augen an.

Da erhub sich folgendes Gespräch zwischen ihm und Frau Thorgerdur:

»Schwester, plage mich nicht länger mit diesem kleinen, ängstlich schönen Räthsel, sondern sage mir frey das Lösungswort heraus.«

»Nun denn, in Gottes Nahmen, mein 76 Bruder. Die Kleine dort ist Deine Tochter; und Helga, oder eigentlich Schön-Helga wird sie bey uns genannt.«

»Ist meine Tochter? Nun siehst Du, Frau Thorgerdur, wie der kleine, schöne Lügenliebling Neckens und Versteckens mit Euch spielt. Ich habe ja keine Tochter mehr. Das Kind ja ist schon längst begraben durch Sturmesgewalt in Meeresfluth, und sein treuer Geleiter, mein Knecht Thorwardur, mit.«

Da winkte ihm aber Frau Thorgerdur, und sagte leise: »Rede doch nicht so laut. Du erschrickst mir ja die kleine Helga sonst.«

Und Thorstein ward ganz still, und verlor kein Wort von Allem, was ihm jetzt seine Schwester erzählte, wie Frau Jofridur ihr das Kind zugeschickt habe, und was sonst schon auf diesen Blättern berichtet worden ist. – Als aber die Erzählung zu Ende war, und er noch immer stumm und unbeweglich blieb, sagte endlich Frau Thorgerdur etwas ängstlich:

»Bruder, bist Du denn so ganz ingrimmig gegen uns, daß Du Dich gar nicht über Dein schönes Kindlein freuen willst?« –

Denn sie befürchtete fast bey ihm einen Ausbruch von dem, was man im Nordland 77 Berserkerwuth nennt, und dem auch meist immer eine tiefe Stille vorauszugehen pflegt, wie auf Meergewässern dem Sturm.

Aber Thorstein sagte sehr sanft und freundlich:

»Was sollt' ich doch nur mit Einem von Euch Allen schelten um das Geschehene! Der Träumer Bardur hatte wohl Recht: die Träume wollen ihr Recht. Und muß nun in künftigen Tagen Heldentod empordämmern aus dieser meiner süßen Helga-Blüthe – was kann nun ich dafür! Ich that, was ich thun zu müssen glaubte. Ihr Alle folgtet einem Zuge, dem Ihr folgen zu müssen glaubtet. Und der wackre Knecht Thorwardur gehorchte dem Geboth seiner Herrinn, wie er zu gehorchen schuldig war. Segen mit ihm, wohin er auch wandle! Segen mit uns Allen! O Du Unsichtbarer droben in den dunkeln Wolken – nein: über den dunkeln Wolken hätt' ich sprechen sollen, aber wir in Finsterniß Befangnen, wir kennen Dich noch so gar wenig – und noch so gar dicht um uns her lauern und hausen die Gebilde der alten, bösen Nacht! – Ha, wahrlich, aus allen düstern Winkeln des Gehöftes grinzen sie im rothen Wiederscheine des Herdes hervor.« –

78 »Bruder,« sagte Thorgerdur ängstlich, »Dein schönes Kind fängt an, vor Deinem wunderlichen Gemurmel zu erbeben!« –

Und vor dieser holden Sorge gewann der Thorstein alsbald Raum in sich selbst, aus gespenstiger Beengung frey zu werden für ein höheres, beseeligendes Licht. Wohl aber faßte er sich in eigner, angeborner Myramannenkraft stark zusammen, und wie er nun so muthvoll die Arme nach Helga ausstreckte, leuchtete das uredle Gefühl der Vater- und Kinderliebe den Zweyen von Auge in Auge, und Beyde lagen einander in den Armen, ehe sie selbst noch wußten, wie.

Da sagte Thorstein, sie liebkosend:

»Helga, hat Dir schon Jemand verkündet, daß ich Dein Vater bin?« –

»Wer sollte mir das verkündet haben, Held?« entgegnete das schöne Kindchen. »Weiß ich doch nur kaum, bey welchem Nahmen sie Dich rufen. Aber Du sagst es ja selbst, mein Herzensvater, daß Du es seyest, und darüber freue ich mich so sehr.«

Da umfaßten sich Vater und Kind noch herzlicher, und ein sanfter Thau der schmerzlichen Freude quoll süß aus Beyder Augen.

»Willst Du nun zu Morgen heimreiten, 79 mein Kind, mit mir?« fragte Thorstein nach einer Weile.

»Ja freylich!« entgegnete die Kleine, und hub die großen Blauaugen freudig keck empor. »Wie wird nicht schon die liebe schöne Mutter auf uns warten! – Was siehst Du mich so staunend an, Herzensvater? Ich habe die Base Thorgerdur sehr lieb. Aber zur Mutter haben sie doch ja hier meine beyden lieben Gespielen nur.«

»That ich Dir jemahl weh, mein Pflegekind?« fragte schmerzhaft bewegt, Frau Thorgerdur.

»Nimmer!« sagte die kleine Helga, und streckte die Ärmchen nach ihr aus. »Ach, was konntest denn Du dafür, daß Du nicht meine Mutter bist?« –

Da war nun Alles schön und anmuthig geschlichtet, und Niemand hatte einen stechenden Schmerz mehr in seiner Seele oder einen nagenden Wurm. Auch daß Thorstein die Rückfahrt nach Borg auf Morgen mit dem Frühesten schon festsetzte – wie hätten ihm Schwager und Schwester es verdenken sollen, daß er möglichst eilte, der Gattinn ihr liebes, schönes Kind wieder zuzuführen! – Sie beeiferten sich, ihm und der Kleinen edle Gastgeschenke mit auf den Weg zu geben.

80 So reichte Olaf der Pfau seinem Schwager ein breites spiegelblankes Schwert, und sprach dazu:

Nimm es! Und schwing es
Klingend im Vorderreihen!
Und wenn die Schlacht nun
Schweigt auf der Haide –
Wische das Blut weg
Vom gewetzten Spiegel,
Schwert genannt in den Schaaren
Schlachtlustiger Kämpfer.
Schau' dann hinein scharf!
Schaue Dich selbst an!
Kennen sich klar muß
Kühnlicher Streiter
Gräm' Dich, wenn Grausen
Umgränzt Deine Siegerstirn!
Freu' Dich, wenn frisch Dir
Funkelt das Augenpaar
Wem Grausen erweckt
Die ersiegte Wahlstatt,
Der focht im Frevelwahn
Für krankes Recht.
Wer würdiges Recht
Auf der Wahlstatt ersiegt hat,
Lächelt gar lustig selber sich an
Aus leuchtendem Schwert.«

81 Frau Thorgerdur hatte unter andern schönen und zierlichen Gaben auch einen großen Schleier edlen und sehr festen Gewebes an Helga verehrt, und manch andere hübschen Geschenke wurden da hineingepackt. Als nun Thorgerdur jetzt der bisherigen Pfleglinginn das gesammte zierliche Gepäck übergab, sprach sie dazu nach alter Nordlandsweise im Halbgesang:

»Dir geb' ich reiche Gaben zur Hand,
    Und hüll' sie Dir ein in zartes Gewand.
    Aber so macht es ja immer das Leben! –
Die Gaben sind schwer. Der Schleier ist zart.
    Kaum, daß der Schleier die Gaben bewahrt!
    Aber so macht es ja immer das Leben!
Leicht rollen köstliche Gaben in Sand,
    Zerreißend das zierliche Schleiergewand!
    Aber so macht es ja immer das Leben!
Ach, Mägdlein, so wahre den Schleier gut.
    All Glück hienieden braucht sorglicher Huth.
    Aber so macht es ja immer das Leben!«

Darauf nahm Thorstein freundlichen Abschied, und ritt mit der kleinen, wiedergefundenen Helga nach seinem ehrenwerthen Heldensitz und Hausmannsherde heim. – 82

 


 

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.