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Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden

Friedrich de la Motte Fouqué: Die Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden - Kapitel 12
Quellenangabe
typelegend
booktitleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
authorFriedrich de la Motte Fouqué
year1826
firstpub1826
publisherAnton Pichler
addressLeipzig
titleDie Saga von dem Gunlaugur genannt Drachenzunge und Rafn dem Skalden
pages645
created20120417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Das kleine verschollene Mädchen ward derweil durch seine Vaterschwester Thorgerdur edel und sorgsam erzogen. Anfangs zwar, damit der Thorstein gar nichts von dem wahren Zustande der Sache merken sollte, gab Frau Thorgerdur ihr liebes armes Nichtlein in die Pflege eines ihrer Unterthanen, fern zu Leysingiastöd, am Meere wohnhaft. Der Mann und die Seinigen waren gut und treu. Auch sahe Frau Thorgerdur oft nach dem süßen, wunderschönen Kindlein, Helga benannt, und Olaf, ihr Hausherr, welchen man, wegen seines edelstolzen Betragens, auch wohl den Pfau zu heißen pflegte, ging ihr in dieser anmuthigen Sorge mit gewissenhafter Treue zur Hand.

Als nun sechs Jahre ziemlich herum waren, kam es der Frau Thorgerdur fast unerträglich 68 vor, daß ihr holdes Pflege-Kindlein so weit von ihr wohne, und sie sprach endlich einmahl zu ihrem Ehemann:

»Wenn es auf mich ankäme, so nähmen wir nun Klein-Helga zu uns in das Haus. Oder man spräche wohl besser: Schön-Helga!«

»Wohl recht!« entgegnete Olaf. Und Niemanden könnte es lieber seyn, als mir, wenn das holdselige Kleinchen hier alle Tage mit unsern Töchterlein spielte. Aber Du wirst doch nimmer Deinem edlen Bruder Deine Thür verschließen wollen, Thorgerdur!«

»Ey Olaf, da seye Gott vor. Und wer denkt an so was?«

»Du, Thorgerdur! denn wenn er nun zu uns hereinkommt, und findet Schön-Helga hier – was soll man ihm denn darüber antworten? Fragen wird er doch gewiß nach dem allerliebsten Kinde. Und Du und ich, wir können nicht lügen.«

Pfuy doch, Freund Olaf! Wer von uns beyden wird denn zu den Worten Du und Ich im selben Athemzuge das häßliche Wort setzen. »Lügen!«

»Nun also, Thorgerdur. Dann erfährt ja Dein Bruder, daß ihm das schöne Kindlein gehört.«

69 »Ja. Und darüber wird er sich freuen.«

»Er, welcher das Kindlein auszusetzen befohlen hat?«

»Olaf, die Leute, welche vor sechs Jahren wunderlich dachten, denken nicht allemahl noch heutzu Tage wunderlich.«

»Hat Dir je Dein Bruder etwas gesagt, woraus man eine solche Veränderung hoffen dürfte?«

»Nein, Olaf. Aber wenn er unsere Töchterlein ansieht und liebkos't, liegt bisweilen der Gram um seine entschwundene Kleine ganz deutlich auf seinem Gesicht.«

»Nun gut, wir wollens versuchen, Thorgerdur. Und verwürfe er dennoch sein schönes kleines Kind – wohlan, so blieb es unser schönes kleines Kind in unserer Pfleg' und unserem Schutz.«

»Olaf,« sagte Frau Thorgerdur, ihn liebkosend, »Du bist stolz wie ein Pfau, aber sanft, wie ein Lamm, und freundlich wie eine gezähmte Taube.«

Und da ward die kleine Helga in Olafs Gehöfte aufgenommen, und lebte mit den zwey Töchterlein des Hauses, als ob sie ihr Schwesterchen sey. 70

 


 

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