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Die Sabinerin

Richard Voß: Die Sabinerin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
booktitleRömische Dorfgeschichten
titleDie Sabinerin
publisherEngelhorns Allgemeine Romanbibliothek
seriesEine Auswahl der besten modernen Romane aller Völker
volumeSechster Jahrgang. Band 11
year1889
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid014035fd
created20061220
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Erstes Kapitel.

An der Tibermündung, wo alles Land ringsum Sumpf und Wildnis ist, erhebt sich unmittelbar hinter den Dünen einer jener festen Türme, von welchen im Mittelalter die ganze Meeresküste besetzt war. Die meisten dieser Schutz- und Trutzbauten sind jetzt entweder verfallen oder gänzlich vom Erdboden verschwunden und zerstört; nur wenige stehen noch an dem schönen, aber öden Gestade, vergessenen Wachtposten gleich, inmitten von Morästen und Buschwäldern. So – um einige der bekanntesten zu nennen – zwischen Nettuno und dem Circekap der berühmte Turm von Astura; gegen Civitavecchia hin Torre Flavia und von der heiligen Insel nach Porto d'Anzio zu Torre Paterno und Torre San Michele.

Aber auch die übriggebliebenen sind mehr oder minder Ruinen. Fischer und Jäger, Vogelfänger und Kohlenbrenner bewohnen sie; oder es ist in dem einen und dem andern alten Steinhaufen eine Station für Strandwächter errichtet worden. Polizisten, die einen flüchtigen Verbrecher verfolgen, nächtigen in dem öden Gemäuer; und nicht selten dient der einsame Bau einer wohlorganisierten Banditenbande zum Schlupfwinkel.

Im Hochsommer und Herbst jedoch, wenn in dem weiten Lande zwischen Gebirge und Meer die Malaria wütet, sucht sogar der Bandit und der verfolgte Mörder einen andern Zufluchtsort; dann gehört die ganze wilde Gegend den Ochsen und Büffeln und einigen wenigen fremden Arbeitern, welche, die Schatten von Lebenden, diese Gefilde des Todes bevölkern,

Ein einziger civilisierter Mensch verharrt das ganze Jahr über in jenem Gebiet des Siechtums und des Fiebers, das ist der Wächter von Torre San Michele, welcher mittelalterliche Mauerrest wegen seiner Lage an der Tibermündung als Leuchtturm und als eine – freilich wenig wichtige – Station für nautische Beobachtungen dient.

Der Turm ist ganz aus den Steinen antiker Ruinen aufgeführt. Herrliche Gebälkstücke, Inschrifttafeln und Ornamente wurden bei dem Bau als Material verwendet, die Schwelle bildet eine geborstene Grabstele, den Rand der Cisterne schmückt das Hochrelief eines Sarkophages, und vor der Thür, über welcher ein Medusenhaupt eingemauert ward, dienen zwei korinthische Kapitale als Sitzplätze.

Eine halbzerstörte Treppe führt zum obersten Stockwerk hinauf, welches das Observatorium enthält; in der mittleren Abteilung wohnt der Beamte und zu ebner Erde befindet sich außer einer Kammer die Küche. Im zweiten Stockwerk hat man in jede der vier Wände ein Fenster eingebrochen; nur die notwendigsten Dinge sind vorhanden, und diese bestehen zumeist in Gerümpel. Die Mauern zeigen tiefe Risse, Fußboden und Decke sind stark beschädigt.

Rings um den Turm ist weder Baum noch Strauch zu erblicken; aber die Blumen der wilden Steppe ziehen einen breiten leuchtenden Saum um das graue Gemäuer, und die mit Cistusrosen und Asphodelen bewachsenen Dünen legen sich wie ein Wall von Blüten zwischen das stille Haus und die rauschenden Meeresfluten...

Ungefähr vor einem Jahrzehnt bekleidete das Wächteramt in Torre San Michele, dafür der Staat nur mit Mühe und Not einen Beamten findet, der Römer Salvatore Barozzi, ein Name, unter dem sein Träger, jedoch aus guten Gründen, weder den Herren von der Regierung noch den Landleuten bekannt war.

Der junge Mann, den das Schicksal in diese Oede verschlagen hatte, führte auf seinem Posten ein Leben so sonderbarer und abenteuerlicher Art, als befände er sich nicht wenige Meilen von einer europäischen Hauptstadt entfernt, sondern mitten in den Prärieen des Arkansas oder an irgend einer wilden Küste des Ozeans. Von seinem hohen Wachtposten aus überblickte er das Meer bis zu den Ponzainseln, und den Strand von Civitavecchia bis zum Circekap; auf der andern Seite dehnte sich das römische Land, teils Morast, teils Steppe in gewaltigem Halbkreis, umschlossen von den Höhen des Ciminiwaldes, von den Sabiner-, den Albaner- und Volskerbergen, besät mit den Trümmern antiker Bauwerke.

Salvatore hauste mutterseelenallein, seine tägliche Kost sich selber bereitend und wie ein Soldat, Kolonist oder Einsiedler für die geringen Bedürfnisse seines primitiven Haushaltes sorgend. Im Winter und Frühling hatte er in seiner Einsamkeit wenigstens Genossen: die Fischer von Fiumicino, die Hirten auf der heiligen Insel, die Kohlenbrenner von Fusano, und sämtliche Bewohner sowohl des alten wie des neuen Ostia. Allerdings beschränkte sich die Einwohnerschaft der antiken Stadt auf einen einzigen Mann, einen sogenannten Wächter der Ruinen, während das moderne Ostia, wenn es hoch kam, dreißig Köpfe zählte, zum größten Teile Knechte und Jäger, die meisten fieberkrank.

Auch an Zerstreuungen fehlte es dem Eremiten von San Michele in der bessern Jahreszeit nicht. Er konnte nach Herzenslust fischen, jagen und den Wachteln Netze stellen, wenn diese, im Mai von Afrika zurückkehrend, in dichten Schwärmen die Küste bedeckten; er konnte in den Buschwäldern von Laurentum dem Eber und dem Stachelschwein auflauern, in den Ruinen des alten Ostia Füchse fangen und in seiner eignen Behausung, außer auf Falken, Käuzchen und Fledermäuse, die ergiebigste Jagd auf Skorpione, Nattern und allerlei andres Getier halten.

Nicht minder abwechslungsvoll gestaltete sich Salvatores Leben auf seinem Wachtposten. Da war das Meer mit Segelschiffen, Dampfern und Fischerbooten, die Tibermündung, welche Schwärme von Möwen umkreisten, die heilige Insel und die ostiensische Prärie, von Herden in halber Wildheit werdender Pferde und Ochsen belebt. Oder es gab einen Sturm auf der See oder einen Waldbrand zu beobachten.

Einförmiger verlief die Führung des Haushaltes. Hatte Salvatore nichts zu braten noch zu rösten, so bereitete er sich eine Oelsuppe. Ricotto, Käse und Milch brachten ihm die Hirten, Brot und Oel holte er sich jede Woche aus Ostia, wohin ihm aus Rom monatlich sein Gehalt gesendet wurde, wie auch alles Material, dessen er für Leuchtturm und Observatorium bedurfte. Bei diesen Gelegenheiten erfuhr Salvatore die Neuigkeiten im Lande: wer vom Fieber befallen worden, und wer am Fieber gestorben war; daß die Carabinieri in die Gegend gekommen, um nach einem Banditen zu fahnden, und daß irgend jemand wieder irgend einen erschlagen hatte.

Mit der heißen Zeit kam die ungeheure Einsamkeit. Das Signal zum Beginn der Schreckensherrschaft der Malaria und des Todes im ganzen römischen Lande wurde am ersten Sonntag im Juni zu Rom gegeben. Salvatore sah es von seiner Warte aus durch die Nacht emporsteigen: ein Chaos gewaltiger Feuergarben und Flammensäulen, ein Himmel farbiger Sterne, in die Luft geschleudert, Strahlenfontänen, aufsprühend und langsam wieder niederrieselnd: kreisende Sonnen, flammende Riesenbuchstaben, Kränze und Kronen, ein in Glanz und Glorie schwebendes Kreuz, leuchtende Zeichen und Wunder.

Kurze Zeit nach der Girandola wird das ganze Land zur ungeheuren Wüstenei; die Gebirge verschwinden hinter einer dicken, mißfarbigen Dunstschicht, Himmel und Erde scheinen in Feuer zu stehen, selbst die Wogen qualmende Gluten auszuatmen. Wer fliehen kann, flieht. Die Einwohner Ostias wandern aus, ziehen nach Ariccia oder Albano; Castel-Fusano liegt ausgestorben, ausgestorben liegen Portus und Fiumicino. Selbst die Hirten reiten des Abends viele Meilen weit den römischen Hügeln zu, um nicht auf den todbringenden Gefilden zu übernachten. Die wenigen fremden Knechte, welche zurückbleiben, werden von den Davonziehenden für verlorne Menschen gehalten.

Dann vernahm Salvatore während vieler Monate keine andern Laute, als das Rauschen des Meeres, das heisere Gekrächz der Möwen, den klagenden Schrei der Falken und das dumpfe Brüllen der Ochsen und Büffel. Aber wahrhaft grausig waren die Töne, die beim Beginn der Ernte zu dem Einsiedler herüberdrangen, wild und furchtbar, ein Geheul wie von Bestien und Wahnsinnigen: der Gesang der sabinischen und volskischen Arbeiter, die in der Nähe von Castel-Fusano Weizen schnitten. Sie sangen, sich gegenseitig überschreiend, um sich im Sonnenbrande bei Bewußtsein zu erhalten – eine Schar zum Fieber und zum Tod Verdammter.

Salvatores Natur leistete der giftbringenden Luft seines Wohnorts Jahr für Jahr Widerstand. Allerdings lieferte ihm die Regierung eine starke Quantität Chinin, das sogar ziemlich unverfälscht war, und sein Vorrat an getrockneten Eukalyptusblättern, daraus ein wirksamer Trank gegen das Fieber bereitet wird, ging nie aus. Der Beamte von Torre San Michele war stark wie ein jugendlicher Herkules, strotzend von Kraft und Lebensfülle, mit einer Mähne rötlicher Locken und langem brandroten Bart.

Er hatte sein gefährliches Wächteramt inmitten der pontinischen Sümpfe nicht freiwillig angetreten. Seine Eltern, wohlhabende römische Bürgersleute, hinterließen ihm ein kleines Vermögen, welches den jungen Mann nach römischer Anschauung berechtigte, weder einen Beruf zu erwählen, noch sonst irgend etwas zu thun. Die Folge davon war, daß Salvatore mit andern seinesgleichen die Tage in den Cafés, auf den Plätzen und Straßen, in den Theatern und den Meerbädern verbrachte. Er war ein leidenschaftlicher Spieler und besaß ein Temperament, das ihn beständig in Liebeshändel verwickelte, sei es mit verheirateten Frauen, oder andern gefälligen Damen.

Einmal hatte er das Unglück, sich auf das heftigste in eine junge Schauspielerin zu verlieben. Die Schöne war Mitglied der berühmten Gesellschaft Belotti-Bon, die jedes Jahr im Teatro Valle einen Cyklus von Vorstellungen gab; sie nahm eine ziemlich untergeordnete Stellung ein, besaß indessen Talent. Da sie weder schön noch tugendhaft war, konnte niemand die Leidenschaft des jungen Mannes begreifen. Man hielt die Person für überaus gefährlich; sie war sinnlich und eine raffinierte Kokette.

Von einem langen Schmachten konnte bei einem Menschen von der Natur Salvatores nicht die Rede sein. Es dauerte in der That nicht lange, so befand er sich in dem schrankenlosen Besitze des üppigen Geschöpfes. Der erste Taumel war noch nicht vorüber, als er bereits anfing, sich in den Qualen einer wütenden Eifersucht zu verzehren. Er vermutete eine Untreue der leichtfertigen Schönen, drang bei ihr ein, als sie gerade einen zweiten Liebhaber empfangen hatte, und tötete diesen vor ihren Augen.

Die Sache machte Aufsehen. Der Gemordete war Offizier und der einzige Sohn eines vornehmen Geschlechts; Salvatore floh, die Schauspielerin wurde von dem spekulativen Direktor sofort als erste Liebhaberin engagiert und hatte in der »Kameliendame« einen sensationellen Erfolg.

Mehrere Jahre brachte der flüchtige Mörder, auf dessen Person ein Preis gesetzt worden, im Auslande zu; sein Vermögen wurde konfisziert, er geriet immer tiefer ins Elend, er verkam allmählich.

Trotz der ihm drohenden Gefahr kehrte Salvatore endlich in sein Vaterland zurück; er kam sogar nach Rom, wo er sich einem Freunde zu erkennen gab. Dieser versteckte ihn einige Tage bei sich, vernahm von dem Wächterposten auf Torre San Michele, der gerade wieder einmal zu besetzen war, verfiel auf den tollen Gedanken, aus dem verfolgten Mörder einen Angestellten der Regierung zu machen, that mit Einwilligung Salvatores die nötigen Schritte und erreichte es, daß sein Freund unter dem Namen Baldassare Leste aus Viterbo auf dem einsamen Leuchtturme Beamter des einigen Königreiches ward.

Salvatore blieb nichts übrig, als seinem Freunde für jenen Dienst dankbar zu sein. Mit seiner römischen Eckensteherei und dem schönen Müßiggang war es doch für alle Zeiten vorbei; überdies reizte es Salvatore, angesichts der Hauptstadt, angesichts der Regierung, die ihn suchte und verfolgte, im sicheren Amt zu sitzen. Die auf der Flucht verbrachten Jahre hatten ihn unstät und verwildert gemacht, Einsamkeit und Oede schreckten ihn nicht, die Malaria flößte ihm keine Furcht ein, seine abenteuerliche Existenz in der verrufenen Gegend hatte sogar etwas Verlockendes für ihn. Also bezog er das alte Gemäuer.

Es dauerte nicht lange, so hatte er sich in die neuen Verhältnisse vollständig eingelebt. Alles, was in seiner eigenen Natur unkultiviert, unbändig und leidenschaftlich war, wurde durch die ungeheuerlichen Zustände des Landes weiter entwickelt. Schließlich verfiel er dem Banne der Gewöhnung in einem Maße, daß ihm jeder Gedanke an Rom, an die Civilisation und an Menschen, die nicht Hirten, nicht Jäger oder Fischer waren, unerträglich wurde. Er bekam niemals eine Zeitung in die Hand, wußte von nichts, was in der Welt vorging, und hätte sich am liebsten, gleich seinen Genossen aus dem Sabinergebirge, in Ziegenfell gekleidet. Nur eins entbehrte er in seiner Einsamkeit: eine Gefährtin. Die wenigen Frauen, die in Ostia und Fiumicino lebten, waren verwilderte, häßliche Geschöpfe. Seitdem Salvatore zum zweitenmal aus Rom entwichen war, hatte er keine reizvolle jugendliche Frauengestalt vor Augen bekommen.

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