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Die russischen Bauern. Novellen

Anton Tschechow: Die russischen Bauern. Novellen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Tschechow
titleDie russischen Bauern. Novellen
publisherMusarion Verlag/München
seriesGesammelte Romane und Novellen
volumeDritter Band
printrun1.?5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1920
translatorAlexander Eliasberg/Korfiz Holm/Wladimir Czumikow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130914
projectid6d42552d
wgs9110
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Agafja

Deutsch von Alexander Eliasberg

 

Als ich im S–schen Landkreise war, besuchte ich oft in den Dubowschen Gemüsefeldern den Wächter Ssawa Stukatsch oder Ssawka, wie man ihn nannte. Diese Felder waren mein Lieblingsplatz für den sogenannten »großen« Fischfang, wenn man beim Weggehen von zu Hause nicht weiß, an welchem Tage und zu welcher Stunde man zurückkehren wird, wenn man alle nur denkbaren Fischereigeräte mitnimmt und sich auch mit Proviant versorgt. Mich reizte im Grunde genommen weniger der Fischfang, als das sorglose Herumstreifen, das Essen zu allen möglichen Tagesstunden, die Gespräche mit Ssawka und das lange Alleinsein mit den stillen Sommernächten. Ssawka war ein Bursch von etwa fünfundzwanzig Jahren, gut gewachsen, hübsch, gesund und fest wie ein Feuerstein. Man hielt ihn allgemein für vernünftig, er konnte lesen und schreiben, trank nur selten Schnaps, aber als Arbeiter war dieser junge und kräftige Mensch keinen roten Heller wert. In seinen wie Stricke festen Muskeln wohnte neben der Kraft eine schwere, unüberwindliche Faulheit. Er lebte wie alle Leute im Dorf in einem eigenen Hause, hatte einen eigenen Landanteil, bestellte ihn aber nicht und übte auch kein Handwerk aus. Seine alte Mutter bettelte von Haus zu Haus, er aber lebte wie ein Vogel unter dem Himmel: am Morgen wußte er nie, was er zu Mittag essen würde. Man kann nicht behaupten, daß es ihm an Willen, Energie oder Mitleid mit der Mutter fehlte; er hatte einfach keine Lust zu arbeiten und konnte den Nutzen der Arbeit nicht einsehen ... Seine ganze Gestalt atmete Sorglosigkeit und eine angeborene, beinahe künstlerische Leidenschaft, in den Tag hinein zu leben. Und wenn der junge, kräftige Körper Ssawkas ein physiologisches Bedürfnis nach Muskelarbeit fühlte, so gab sich der Bursche ganz irgendeiner freien, doch zwecklosen Tätigkeit hin: er schnitzte irgendwelche Pflöckchen, die kein Mensch brauchte, oder lief mit den Weibern um die Wette. Der von ihm bevorzugte Zustand war der einer gespannten Unbeweglichkeit. Er war imstande, stundenlang ohne sich zu rühren auf dem gleichen Fleck zu stehen und auf den gleichen Punkt zu starren. Er bewegte sich überhaupt nur dann, wenn der Geist über ihn kam, und auch das nur, wenn sich ihm die Gelegenheit bot, irgendeine schnelle Bewegung zu machen: einen laufenden Hund am Schwanze zu packen, einem Weibe das Kopftuch herunterzureißen oder über einen breiten Graben zu springen. Es versteht sich von selbst, daß Ssawka bei diesem Mangel an Bewegung bettelarm war. Mit der Zeit schuldete er der Gemeinde so viel an rückständigen Steuern, daß man ihm, trotz seiner Jugend und Kraft, eine Stellung zuwies, die sonst nur von alten Leuten bekleidet wurde: die eines Wächters und einer Vogelscheuche an den gemeindlichen Gemüsefeldern. Die Leute lachten viel über seine frühzeitige Versetzung ins Greisenalter, doch er machte sich nichts draus. Diese ruhige, für unbewegliche Kontemplation geeignete Tätigkeit entsprach durchaus seiner Natur.

An einem schönen Maiabend war ich bei diesem Ssawka wieder zu Besuch. Ich erinnere mich noch, wie ich auf einer zerrissenen, alten Decke dicht vor seiner Hütte lag, aus der es stark und atembeklemmend nach trockenen Kräutern roch. Ich hielt die Hände im Nacken verschränkt und blickte gerade vor mich hin. Zu meinen Füßen lag eine hölzerne Mistgabel. Hinter der Gabel hob sich als schwarzer Fleck Ssawkas kleiner Hund Kutjka ab, und höchstens zwei Klafter hinter der Kutjka fiel der Boden steil zum Flusse hinab. Im Liegen konnte ich den Fluß nicht sehen. Ich sah nur die Wipfel der Weiden, die sich auf unserem Ufer drängten, und den gewundenen, gleichsam abgenagten Rand des anderen Ufers. Weit hinter dem Ufer schmiegten sich auf einem dunklen Hügel wie erschrockene junge Rebhühner die Häuser des Dorfes aneinander, in das mein Ssawka gehörte. Hinter dem Hügel erlosch gerade das Abendrot. Nur ein einziger blaßroter Streif war übriggeblieben, und auch der wurde allmählich von kleinen Wölkchen überzogen wie Kohlenglut von Asche.

Rechts vom Gemüsefeld dunkelte ein Erlengehölz, das leise flüsterte und vor jedem Winde erzitterte; links zog sich unendliches Wiesenland hin. Dort, wo das Auge im Finstern den Himmel von der Erde nicht mehr unterscheiden konnte, leuchtete ein helles Flämmchen. Ssawka saß in einiger Entfernung von mir. Er hatte die Beine auf Türkenart untergeschlagen, hielt den Kopf gesenkt und blickte nachdenklich auf seine Kutjka. Unsere Angelschnüre mit lebendem Köder waren schon längst ausgelegt, und es blieb uns nichts anderes zu tun, als die Ruhe zu genießen, die Ssawka, der sich niemals anstrengte und ewig ausruhte, so sehr liebte. Das Abendrot war noch nicht ganz erloschen, aber die Sommernacht umfing schon die ganze Natur mit ihrer zärtlichen, einschläfernden Liebkosung.

Alles erstarb im ersten tiefen Schlaf, und nur ein mir unbekannter Nachtvogel ließ im Gehölz träge und gedehnt eine Reihe von artikulierten Lauten erschallen, die wie die Worte klangen: »Ist's Ni-ki-tas Fiedel?« worauf er gleich selbst antwortete: »Fiedel! Fiedel! Fiedel!«

»Warum schlagen heute die Nachtigallen nicht?« fragte ich Ssawka.

Ssawka wandte sich langsam zu mir um. Sein Gesicht war etwas roh, aber heiter, ausdrucksvoll und weich wie das eines Weibes. Er richtete seine sanften, nachdenklichen Augen auf das Gehölz und das Weidengestrüpp, holte aus der Tasche langsam eine Lockpfeife, steckte sie sich in den Mund und begann wie ein Nachtigallenweibchen zu trillern. Sofort erklang als Antwort am anderen Ufer das Schnarren eines Wachtelkönigs.

»Da haben Sie die Nachtigall ...« spottete Ssawka. »Der schnarrt so, als ob er an einem Eisenhaken rüttelte, und dabei bildet er sich wohl ein, daß er singt.«

»Mir gefällt dieser Vogel ...« sagte ich. »Weißt du, in der Strichzeit fliegt der Wachtelkönig nicht, sondern läuft auf der Erde. Er fliegt nur über die Flüsse und Meere, sonst aber legt er den ganzen Weg zu Fuß zurück.«

»So'n Hund ...« brummte Ssawka, mit Respekt in die Richtung blickend, aus der das Schnarren kam.

Da ich wußte, wie gerne Ssawka Geschichten hörte, erzählte ich ihm alles, was ich aus den Jagdbüchern über den Wachtelkönig wußte. Vom Wachtelkönig kam ich unmerklich auf die Wanderung der Vögel zu sprechen. Ssawka hörte mir aufmerksam, ohne mit den Augen zu zwinkern, zu und lächelte die ganze Zeit vor Vergnügen.

»Welches Land ist für den Vogel die Heimat?« fragte er. »Das unsrige oder das fremde?«

»Selbstverständlich das unsrige. Der Vogel kommt hier zur Welt und brütet hier seine Jungen aus; hier ist seine Heimat, in die Fremde fliegt er aber nur, um hier nicht zu erfrieren.«

»Interessant!« sagte Ssawka und streckte sich. »Was man auch sagen mag, alles ist interessant. Ob's ein Vogel, ein Mensch, oder dieses Steinchen da, in allen Dingen steckt Verstand! ... Ach, Herr, wenn ich gewußt hätte, daß Sie heute kommen werden, hätt' ich das Frauenzimmer nicht bestellt ... Eine bat heute, kommen zu dürfen ...«

»Aber ich bitte dich, ich will nicht stören!« sagte ich. »Ich kann mich auch im Gehölz hinlegen ...«

»Was Ihnen nicht einfällt! Sie stirbt nicht, wenn sie bis morgen wartet ... Wenn sie noch ruhig dasitzen und uns zuhören wollte, aber sie wird mit ihren Weibergeschichten kommen. Wenn sie dabei sitzt, kann man gar nicht ordentlich reden.«

»Erwartest du die Darja?« fragte ich nach einer Pause.

»Nein ... Heute bat eine Neue herkommen zu dürfen ... Agafja, die Weichenstellerin ...«

Ssawka sagte dies mit seiner gewöhnlichen, leidenschaftslosen, etwas dumpfen Stimme, als spräche er von Tabak oder Grütze, ich aber sprang vor Erstaunen auf. Agafja, die Weichenstellerin, kannte ich ja ... Es war ein noch ganz junges Weibchen, neunzehn bis zwanzig Jahre alt; sie hatte erst vor einem Jahre den Weichensteller, einen jungen und braven Burschen, geheiratet. Sie lebte im Dorfe, und ihr Mann kam jede Nacht von der Bahn nach Hause.

»Schlecht werden alle deine Weibergeschichten enden, mein Lieber!« sagte ich mit einem Seufzer.

»Und wenn auch ...«

Ssawka dachte eine Weile nach und fügte hinzu:

»Ich hab' den Weibern gesagt, aber sie hören nicht auf mich ... Den Dummen geht es wohl zu gut!«

Wir schwiegen beide ... Das Dunkel verdichtete sich indessen immer mehr, und die Gegenstände verloren ihre Umrisse. Der Streifen hinter dem Hügel war schon erloschen, und die Sterne wurden immer heller und strahlender ... Das melancholische und eintönige Zirpen der Grillen, das Schnarren des Wachtelkönigs und der Schrei der Wachtel störten diese nächtliche Stille nicht, sie machten sie nur noch eintöniger. Es schien, als gingen diese leisen und das Gehör bezaubernden Töne nicht von den Vögeln und Insekten aus, sondern von den Sternen, die vom Himmel auf uns herabblickten ...

Ssawka brach als erster das Schweigen. Er richtete seinen Blick langsam von der schwarzen Kutjka auf mich und sagte:

»Sie langweilen sich, Herr, wie ich sehe. Wollen wir zu Abend essen.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, kroch er auf dem Bauche in seine Hütte und scharrte dort herum, so daß die ganze Hütte wie ein Blatt erzitterte, dann kam er wieder herausgekrochen und stellte vor mich meine Schnapsflasche und eine irdene Schüssel. In der Schüssel lagen gebackene Eier, Roggenmehlfladen in Speck, Stücke Schwarzbrot und noch etwas ... Wir tranken zunächst Schnaps aus dem schiefen Gläschen, das nicht ordentlich stehen konnte, und machten uns dann ans Essen ... Das Salz war grau und grobkörnig, die Speckfladen schmutzig, die Eier fest wie Gummi, aber wie gut schmeckte das alles!

»Du lebst wie ein armer Junggeselle und hast doch alle diese guten Sachen,« sagte ich, auf die Schüssel zeigend. »Wo nimmst du das alles her?«

»Die Weiber bringen's mir ...« brummte Ssawka.

»Warum bringen Sie es dir?«

»So ... aus Mitleid ...«

Nicht nur das Menü allein, auch die Kleidung Ssawkas verriet Spuren des weiblichen »Mitleids«. So bemerkte ich an ihm an diesem Abend einen neuen Gürtel und ein grellrotes Bändchen, an dem er an seinem schmutzigen Halse sein Messingkreuz hängen hatte. Ich kannte die Schwäche des schönen Geschlechts für Ssawka, ich wußte auch, wie ungern er davon sprach, und setzte darum mein Verhör nicht fort. Es war auch nicht die Zeit zu sprechen: Kutjka, die sich an unseren Beinen gerieben und geduldig auf einen Bissen gewartet hatte, spitzte plötzlich die Ohren und begann zu knurren. Ein fernes Plätschern ließ sich vernehmen.

»Jemand watet durch den Fluß ...« sagte Ssawka.

Kutjka begann nach drei Minuten wieder zu knurren und gab einen Ton von sich, der wie Husten klang.

»Ruhig!« schrie sie ihr Herr an.

Im Finstern tönten dumpf scheue Schritte, und aus dem Gehölz kam eine weibliche Silhouette zum Vorschein. Ich erkannte sie, obwohl es stockfinster war, – es war Agafja, die Weichenstellerin. Sie ging schüchtern auf uns zu, blieb stehen und holte tief Atem. Sie keuchte wohl weniger vor Ermüdung als vor Angst und dem unangenehmen Gefühl, das jeder Mensch empfindet, wenn er nachts durch einen Fluß watet. Als sie neben der Hütte statt einem Menschen – zwei erblickte, schrie sie leise auf und taumelte einen Schritt zurück.

»Ach so, du bist es!« sagte Ssawka, einen Fladen in den Mund stopfend.

»Ja ... ich,« murmelte sie, ein kleines Bündel fallen lassend und nach mir schielend. »Jakow läßt Sie grüßen und Ihnen dieses da bringen ...«

»Was lügst du? Jakow?« lächelte Ssawka. »Brauchst nicht zu lügen, der Herr weiß, wozu du hergekommen bist. Setz dich, sei unser Gast!«

Agafja schielte wieder nach mir und setzte sich schüchtern hin.

»Ich dachte schon, daß du heut' nicht mehr kommst ...« sagte Ssawka nach längerem Schweigen. »Was sitzt du so da? Iß! Oder soll ich dir ein Gläschen Schnaps einschenken?«

»Was dir nicht einfällt!« versetzte Agafja. »Was bin ich für eine Trinkerin ...«

»Trink nur ... Wirst dir deine Seele erhitzen ... Nun!«

Ssawka reichte Agafja das schiefe Gläschen. Sie trank den Schnaps langsam aus, aß aber nichts dazu, sondern blies nur laut vor sich hin.

»Hast etwas mitgebracht ...« fuhr Ssawka fort, das Bündel aufbindend und seiner Stimme einen herablassend-scherzenden Ton verleihend. »Ein Frauenzimmer muß ja immer etwas mitbringen. Ach so, Kuchen und Kartoffeln ... Die Leute leben nicht schlecht!« sagte er seufzend und sein Gesicht mir zuwendend. »Sie sind die einzigen im Dorf, die noch Kartoffeln vom Winter her haben!«

Im Finstern konnte ich Agafjas Gesicht nicht sehen, aber ich erriet an der Haltung ihrer Schultern und ihres Kopfes, daß sie ihre Augen von Ssawkas Gesicht nicht losriß. Um nicht als Dritter das Stelldichein zu stören, wollte ich etwas spazieren gehen und erhob mich. Aber in diesem Augenblick erklangen plötzlich aus dem Gehölz zwei tiefe Kontraalttöne einer Nachtigall. Nach einer halben Minute ließ sie einen hohen, feinen Triller los; nachdem sie auf diese Weise ihre Stimme ausprobiert hatte, begann sie zu singen. Ssawka sprang auf und lauschte.

»Es ist die gestrige!« sagte er. »Warte nur!«

Wie von einer Kette losgelassen, rannte er lautlos ins Gehölz.

»Was willst du von ihr?« schrie ich ihm nach. »Laß sie doch!«

Ssawka winkte nur mit der Hand, als wollte er sagen: »Schreien Sie doch nicht« – und verschwand im Finstern. Ssawka war, wenn er nur wollte, ein ausgezeichneter Jäger und Fischer, aber er verschleuderte auch diese Talente ebenso zwecklos wie seine Kraft. Er war zu faul, um irgend etwas nach der Schablone zu machen, und gebrauchte seine ganze Jagdleidenschaft zu unnützen Kunststücken ... So fing er die Nachtigallen nicht anders als mit der Hand, schoß die Hechte mit Schnepfenschrot, oder stand manchmal stundenlang am Ufer und bemühte sich, irgendein kleines Fischchen mit einem großen Haken zu fangen.

Als Agafja mit mir allein zurückgeblieben war, hüstelte sie und fuhr sich einigemal mit der Hand über die Stirne; der ausgetrunkene Schnaps war ihr schon in den Kopf gestiegen.

»Nun, wie lebst du, Agascha?« fragte ich sie nach längerer Pause, da ich mich schämte, noch länger zu schweigen.

»Gott sei gedankt ... Erzählen Sie es niemand, Herr ...« fügte sie plötzlich flüsternd hinzu.

»Aber hör doch auf!« beruhigte ich sie. »Wie furchtlos bist du doch, Agascha ... Und wenn es Jakow erfährt?«

»Er erfährt es nicht ...«

»Und wenn er es doch erfährt?«

»Nein ... Ich werde vor ihm zu Hause sein. Er ist jetzt auf der Strecke und kommt heim, erst wenn der Postzug vorüber ist. Von hier kann ich hören, wann der Zug kommt ...«

Agafja fuhr sich noch einmal mit der Hand über die Stirn und blickte in die Richtung, in der Ssawka verschwunden war. Die Nachtigall schlug noch immer. Irgendein Nachtvogel flog tief über der Erde vorbei; als er uns bemerkte, fuhr er zusammen, rauschte mit den Flügeln und flog über den Fluß.

Die Nachtigall war schon verstummt, aber Ssawka kam noch immer nicht zurück. Agafja stand auf, machte unruhig einige Schritte und setzte sich wieder hin.

»Wo steckt er denn?« fragte sie ungeduldig. »Der Zug wird ja heute und nicht morgen kommen. Ich muß gleich gehen!«

»Ssawka!« rief ich. »Ssawka!«

Selbst das Echo gab mir keine Antwort. Agafja rückte unruhig hin und her und stand wieder auf.

»Ich muß gehen!« sagte sie in höchster Erregung. »Gleich kommt der Zug! Ich weiß ja, wann die Züge kommen!«

Die Arme hatte sich nicht geirrt. Nach kaum einer Viertelstunde ließ sich ein fernes Dröhnen vernehmen.

Agafja richtete den Blick auf das Gehölz und bewegte ungeduldig die Arme.

»Wo steckt er denn!« sagte sie, nervös auflachend. »Wo hat ihn der Teufel hingeschleppt? Ich gehe! Bei Gott Herr, ich gehe!«

Das Dröhnen wurde indessen immer lauter. Man konnte schon das Klopfen der Räder von den schweren Seufzern der Lokomotive unterscheiden. Es ertönte ein Pfiff, der Zug rasselte über die Brücke, noch eine Minute, und alles war wieder still ...

»Ich warte noch eine Weile ...« sagte Agafja aufseufzend und sich entschlossen wieder hinsetzend. »Gut, ich warte!«

Endlich erschien im Finstern Ssawka. Er trat lautlos mit seinen bloßen Füßen auf die weiche Erde und summte leise vor sich hin.

»Dieses Pech!« sagte er, lustig lachend. »Kaum war ich am Busch und zielte mit der Hand hin, als sie plötzlich zu singen aufhörte! So'n räudiger Hund! Ich wartete und wartete, daß sie wieder zu singen anfängt, und gab es schließlich auf ...«

Ssawka ließ sich neben Agafja plump zu Boden fallen und faßte sie, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, mit beiden Händen um die Taille.

»Und was machst du für ein finsteres Gesicht, als hätte dich deine Tante geboren?« fragte er.

Ssawka verachtete trotz seiner Weichherzigkeit und Gutmütigkeit die Frauen. Er behandelte sie nachlässig, von oben herab und erniedrigte sich zuweilen zum Spott über die Gefühle, die sie seiner Person entgegenbrachten. Gott weiß, vielleicht war dieses nachlässige, verächtliche Benehmen eine der Ursachen des starken, unwiderstehlichen Zaubers, den er auf die Dorfschönen ausübte. Er war gut gewachsen und hübsch, seine Augen leuchteten immer, selbst wenn er die von ihm so verachteten Frauen ansah, still und freundlich, aber seine äußeren Eigenschaften genügten noch nicht, um diesen Zauber zu erklären. Es ist anzunehmen, daß außer dem vorteilhaften Aeußeren und der sonderbaren Art, mit den Frauen umzugehen, auch die rührende Rolle Ssawkas als des von allen anerkannten Pechvogels, den man aus seinem Hause auf die Gemüsegärten verbannt hatte, auf die Frauen solchen Eindruck machte.

»Erzähl einmal dem Herrn, wozu du hergekommen bist!« fuhr Ssawka fort, Agafja noch immer um die Taille haltend. »Erzähl es nur, du verheiratete Frau! Ja, ja ... Sollen wir nicht noch einen Schnaps trinken, Freund Agascha?«

Ich erhob mich und ging zwischen den Beeten das Feld entlang. Die dunklen Beete sahen wie große, plattgedrückte Grabhügel aus. Ihnen entströmte der Geruch der aufgewühlten Erde und die zarte Feuchtigkeit der Pflanzen, die sich eben mit Tau bedeckten ... Links leuchtete noch immer das rote Flämmchen. Es funkelte freundlich und schien zu lächeln.

Ich hörte ein glückliches Lachen. Es war Agafja.

– Und der Zug? – fiel es mir ein. – Der Zug war ja schon längst da. –

Ich wartete eine Weile und ging dann zur Hütte zurück. Ssawka saß unbeweglich mit untergeschlagenen Beinen und summte ganz leise, kaum hörbar ein Lied, das aus lauter einsilbigen Worten bestand. Agafja lag, vom Schnaps, von den herablassenden Liebkosungen Ssawkas und von der Schwüle der Nacht berauscht, an seiner Seite auf dem Boden und schmiegte das Gesicht krampfhaft an seine Knie. Sie war von ihrem Gefühl so ganz hingerissen, daß sie mich gar nicht kommen sah.

»Agascha, der Zug ist ja schon längst dagewesen!« sagte ich.

»Es ist Zeit für dich,« griff Ssawka meinen Gedanken auf und schüttelte den Kopf. »Was liegst du so da? Du Schamlose!«

Agafja fuhr auf, riß den Kopf von seinem Knie los, blickte mich an und schmiegte sich wieder an ihn.

»Es ist schon längst Zeit!« sagte ich.

Agafja rückte hin und her und richtete sich auf ein Knie auf ... Sie litt furchtbar ... Eine halbe Minute lang drückte ihre ganze Gestalt, soweit ich im Finstern sehen konnte, einen inneren Kampf und ein Schwanken aus. Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als wäre sie zum Bewußtsein gekommen: sie streckte sich und war im Begriff aufzustehen; aber eine unwiderstehliche und unerbittliche Gewalt warf sie um, und sie schmiegte sich wieder an Ssawka.

»Daß ihn der Teufel!« sagte sie und lachte mit wilder, tiefer Bruststimme auf. In diesem Lachen klangen wahnsinnige Entschlossenheit, Ohnmacht und Schmerz.

Ich ging langsam ins Gehölz und stieg von dort zum Flusse hinab, wo unsere Angeln ausgelegt waren. Der Fluß schlief. Irgendeine weiche, gefüllte Blüte auf hohem Stengel berührte zärtlich meine Wange wie ein Kind, das sagen will, daß es noch nicht schläft. Um irgend etwas anzufangen, fand ich eine der Angelschnüre und zog sie heraus. Ich fühlte keinen Widerstand, und die Schnur blieb lose in meiner Hand hängen, – es hatte sich nichts gefangen ... Das andere Ufer und das Dorf waren nicht zu sehen. In einem der Häuser leuchtete ein Flämmchen auf und erlosch gleich wieder. Ich fand tastend am Ufer eine Vertiefung, die ich mir schon am Tage ausgesucht hatte, und setzte mich hinein wie in einen Sessel. Lange saß ich so ... Ich sah, wie die Sterne blasser wurden und ihren Glanz verloren, wie ein kühler leichter Hauch über die Erde zog und die Blätter der erwachenden Weiden berührte ...

»A–gaf–ja!« klang vom Dorfe her eine dumpfe Stimme. »Agafja!«

Der Mann war wohl heimgekehrt und suchte besorgt seine Frau im ganzen Dorfe. Vom Gemüsefelde her klang aber ein unaufhaltsames Lachen: die Frau hatte alles vergessen, war berauscht und bemühte sich, sich mit dem Glücke der wenigen Stunden für die sie morgen erwartende Qual zu entschädigen.

Ich schlief ein.

Als ich erwachte, saß neben mir Ssawka und rüttelte mich vorsichtig an der Schulter. Der Fluß, das Gehölz, die beiden grünen, reingewaschenen Ufer, die Bäume und das Feld – alles war vom grellen Morgenlicht übergossen. Zwischen den dünnen Baumstämmen hindurch fielen die Strahlen der eben aufgegangenen Sonne auf meinen Rücken.

»So fangen Sie Fische?« sagte Ssawka lächelnd. »Nun, stehen Sie doch auf!«

Ich stand auf, reckte mich, und meine erwachte Brust begann gierig die feuchte, duftende Luft einzuatmen.

»Ist Agascha fort?« fragte ich.

»Da geht sie gerade,« sagte Ssawka, und zeigte auf die Furt.

Ich sah hin und erkannte Agafja. Mit hochgerafftem Kleid, ganz zerzaust, mit heruntergerutschtem Kopftuch, watete sie durch den Fluß. Sie konnte die Beine kaum bewegen ...

»Die Katze weiß, wessen Fleisch sie gefressen hat!« murmelte Ssawka, sie mit zusammengekniffenen Augen anblickend. »Darum hat sie auch den Schwanz eingezogen ... Lüstern sind diese Weiber wie die Katzen und feig wie die Hasen ... Warum ist die Dumme nicht gestern abend gegangen, als Sie es ihr sagten?! Jetzt erlebt sie was, und auch mich wird man wieder am Dorfgericht wegen des Frauenzimmers bestrafen ...«

Agafja trat ans Ufer und ging übers Feld dem Dorfe zu. Anfangs schritt sie ziemlich rüstig aus, bald bemächtigten sich ihrer aber Angst und Aufregung: sie wandte sich scheu nach uns um, blieb stehen und holte Atem.

»Das glaube ich, daß sie Angst hat!« sagte Ssawka mit traurigem Lächeln, auf die hellgrüne Spur blickend, die Agafja im taubedeckten Grase zurückließ. »Hat keine Lust heimzugehen! Der Mann steht schon seit einer ganzen Stunde da und wartet auf sie ... Haben Sie ihn denn nicht gesehen?«

Ssawka sprach die letzten Worte lächelnd, mir wurde es aber kalt ums Herz ... Vor dem letzten Hause des Dorfes, an der Landstraße stand Jakow und blickte gespannt seiner Frau entgegen. Er rührte sich nicht und stand unbeweglich wie ein Pflock. Was dachte er sich wohl, als er sie anblickte? Was für Worte bereitete er für den Empfang vor? Agafja stand noch eine Weile da, sah sich noch einmal um, als erwartete sie von uns Beistand, und ging weiter. Noch nie habe ich einen Menschen, weder einen Betrunkenen noch einen Nüchternen so gehen sehen. Agafja wand sich unter den Blicken ihres Mannes gleichsam in Krämpfen. Bald ging sie im Zickzack, bald stampfte sie mit eingeknickten Knien und gespreizten Armen auf einem Fleck, bald wich sie zurück. Nachdem sie noch an die hundert Schritt gegangen war, blickte sie noch einmal zurück und setzte sich hin.

»Versteck dich doch wenigstens hinter einem Busch,« sagte ich zu Ssawka. »Sonst wird dich noch der Mann sehen ...«

»Er weiß auch ohnehin, von wem Agascha kommt ... Nachts pflegen die Weiber keinen Kohl vom Gemüsefeld zu holen, das weiß jeder.«

Ich sah Ssawka an. Sein Gesicht war blaß und drückte ein mit Ekel gemischtes Mitleid aus, mit dem man zuweilen ein gepeinigtes Tier betrachtet.

»Wenn die Katze lacht, muß die Maus weinen ...« sagte er und seufzte.

Agafja sprang plötzlich auf, schüttelte den Kopf und ging tapfer auf ihren Mann zu. Sie hatte wohl ihre ganze Kraft zusammengenommen und war zu allem entschlossen.

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