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Die russischen Bauern. Novellen

Anton Tschechow: Die russischen Bauern. Novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorAnton Tschechow
titleDie russischen Bauern. Novellen
publisherMusarion Verlag/München
seriesGesammelte Romane und Novellen
volumeDritter Band
printrun1.?5. Tausend
editorAlexander Eliasberg
year1920
translatorAlexander Eliasberg/Korfiz Holm/Wladimir Czumikow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130914
projectid6d42552d
wgs9110
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Die Bauern

Deutsch von Alexander Eliasberg

I

Der Kellner am Moskauer Restaurant »Slavischer Bazar«, Nikolai Tschikildejew, wurde krank. Seine Füße versagten oft ihren Dienst, so daß er einmal im Korridor stolperte und mit dem Tablett, auf dem er Schinken mit jungen Erbsen trug, hinfiel. Nun mußte er die Stelle aufgeben. Alles Geld, das er und seine Frau besaßen, war für Arzt und Apotheke draufgegangen, er hatte nichts mehr zu leben, langweilte sich auch ohne Arbeit und entschloß sich, in sein heimatliches Dorf zurückzukehren. Daheim würde er die Krankheit leichter tragen und auch billiger leben können; nicht umsonst heißt es, daß zu Hause selbst die Wände helfen.

Er kam in Schukowo gegen Abend an. In der Erinnerung erschien ihm sein heimatliches Nest so licht, heimlich und bequem, doch als er jetzt ins Haus trat, mußte er erschrecken: so finster, eng und schmutzig war es darin. Seine Frau Olga und seine Tochter Sascha blickten erstaunt und verständnislos den großen schmutzigen Ofen an, der beinahe die halbe Stube einnahm und vor Ruß und Fliegen ganz schwarz war. Die vielen Fliegen! Der Ofen stand schief, auch die Balken der Wände lagen schief, und es schien, daß das Haus jeden Augenblick einstürzen müsse. An der Vorderwand neben den Heiligenbildern waren Flaschenetiketten und Zeitungsfetzen angeklebt: sie sollten Bilder ersetzen. Diese Armut! Von den Erwachsenen war niemand zu Hause, alle waren beim Mähen. Auf dem Ofen saß ein Mädchen von etwa acht Jahren, mit weißem Flachskopf, ungewaschen und gleichgültig; sie blickte die Eintretenden nicht einmal an. An der Ofengabel rieb sich eine weiße Katze.

»Miez, Miez!« lockte Sascha. »Miez!«

»Sie hört nichts,« sagte das Mädchen. »Sie ist taub.«

»Warum?«

»So. Man hat sie einmal durchgeprügelt.«

Nikolai und Olga begriffen auf den ersten Blick, was hier für ein Leben war, sagten aber nichts; schweigend luden sie ihre Bündel auf dem Boden ab und traten schweigend auf die Straße. Ihr Haus war das drittletzte und sah ärmer und älter als alle anderen aus; auch das nächste war nicht besser; dafür hatte das letzte ein eisernes Dach und Vorhänge an den Fenstern. Dieses stand ohne Zaun abseits von den anderen, und darin befand sich eine Wirtschaft. Alle Häuser standen in einer Reihe, und das ganze stille und verträumte Dörfchen mit den Weiden, Holunderbüschen und Ebereschen, die aus den Höfen hervorlugten, bot einen angenehmen Anblick.

Hinter den Bauernhöfen fiel der Boden steil zum Flusse ab, und im Lehm des Abhanges waren hie und da große Steine zu sehen. Um diese Steine und die von den Töpfern gegrabenen Löcher herum wanden sich Fußwege, lagen Haufen brauner und roter Geschirrscherben, und unten breitete sich eine weite hellgrüne, schon abgemähte Wiese, auf der die Dorfherde weidete. Der sich schlängelnde, von herrlichen lockigen Birken umsäumte Fluß lag eine Werst vom Dorfe entfernt, und am anderen Ufer war wieder eine weite Wiese mit einer Herde und langen Zügen weißer Gänse zu sehen; dann kam wieder ebenso wie diesseits ein steiler Abhang, und oben lag ein anderes Dorf mit einer fünftürmigen Kirche und einem etwas abseits liegenden Herrenhaus.

»Schön habt ihr's hier!« sagte Olga, sich beim Anblick der Kirche bekreuzend. »So schön und frei, mein Gott!«

In diesem Augenblick begann man zur Abendmesse zu läuten (es war Sonnabend). Zwei kleine Mädchen, die unten einen Eimer mit Wasser schleppten, blickten auf die Kirche zurück und lauschten den Glocken.

»Um diese Stunde beginnen im Slavischen Bazar die Diners,« sagte Nikolai verträumt.

Nikolai und Olga saßen am Rande des Abhanges und sahen, wie die Sonne unterging, wie der goldene und blutrote Himmel sich im Flusse und in den Fenstern der Kirche spiegelte und die ganze Luft erfüllte, die so mild, still und unsagbar rein war, wie sie es in Moskau niemals ist. Und als die Sonne sich gesenkt hatte, die Herde brüllend und blökend vorbeigezogen war und die Gänse vom anderen Ufer zurückkamen, wurde alles still, das milde Licht in der Luft erlosch, und die Abenddämmerung senkte sich schnell herab.

Indessen kamen die Eltern Nikolais heim; sie waren beide mager, gebückt und zahnlos und vom gleichen Wuchs. Auch die Weiber – die Schwägerinnen Marja und Fjokla, die beim Gutsbesitzer am anderen Ufer arbeiteten, kamen nach Hause. Marja, die Frau des Bruders Kirjak, hatte sechs Kinder, und Fjokla, die Frau des Bruders Denis, der beim Militär war, hatte ihrer zwei. Als Nikolai in die Stube trat und die ganze Familie, alle diese großen und kleinen Körper sah, die sich auf den Pritschen, in den Wiegen und in allen Ecken regten, als er sah, mit welcher Gier der Alte und die Weiber das Schwarzbrot aßen, das sie vorher in Wasser tunkten, begriff er, daß es gar keinen Sinn gehabt hatte, krank, ohne Geld und dazu noch mit der Familie herzukommen – gar keinen Sinn!

»Und wo ist Bruder Kirjak?« fragte er nach der Begrüßung.

»Er dient bei einem Kaufmann als Waldhüter,« antwortete der Vater. »Ist kein übler Mensch, trinkt aber viel.«

»Ist kein Verdiener!« versetzte die Alte mit weinerlicher Stimme. »Es ist ein Unglück mit unseren Männern: sie bringen nichts ins Haus, schleppen aber alles aus dem Haus. Kirjak trinkt, und auch der Alte, – was soll ich's verschweigen? – kennt den Weg zur Schenke. Die Himmelskönigin zürnt uns wohl.«

Den Gästen zu Ehren setzte man den Samowar auf. Der Tee roch nach Fischen, der Zucker war angenagt und grau, und über das Geschirr und das Brot liefen Schwaben; es war so ekelhaft, den Tee zu trinken, und auch die Unterhaltung war ekelhaft: man sprach nur von der Armut und den Krankheiten. Kaum hatte man die erste Tasse getrunken, als vom Hofe her ein lautes gedehntes Schreien erklang:

»Ma–arja!«

»Es wird wohl Kirjak sein,« sagte der Alte. »Wenn man vom Wolfe spricht ...«

Alle verstummten. Etwas später erklang der gleiche rohe und gedehnte Schrei, der von unter der Erde zu kommen schien, wieder:

»Ma–arja!«

Marja, die ältere Schwiegertochter wurde blaß und drückte sich an den Ofen, und es war so seltsam zu sehen, wie das Gesicht dieser breitschultrigen, starken, unschönen Frau sich vor Angst verzerrte. Ihre Tochter, das Mädchen, das auf dem Ofen gesessen hatte und so gleichgültig schien, fing plötzlich laut zu weinen an.

»Was heulst du, du Cholera?« schrie sie Fjokla an, ein hübsches, ebenso starkes und breitschultriges Weib. »Er wird dich doch nicht umbringen!«

Nikolai erfuhr vom Alten, daß Marja sich fürchtete, mit Kirjak im Walde zusammenzuleben, und daß er, wenn er betrunken war, immer herkam, um sie zu holen, und dabei großen Skandal machte und sie erbarmungslos prügelte.

»Ma–arja!« erklang es dicht vor der Türe.

»Rettet mich, ihr Lieben, um Christi willen!« lallte Marja. Sie atmete dabei so, wie wenn man sie in sehr kaltes Wasser tauchte. »Rettet mich, ihr Lieben ...«

Alle Kinder, die in der Stube waren, begannen zu heulen, und auch Sascha fing zu weinen an. Nun ertönte ein trunkenes Husten, und in die Stube trat ein großer, schwarzbärtiger Mann in Pelzmütze; da sein Gesicht im trüben Scheine des Lämpchens nicht zu sehen war, machte er einen sehr schrecklichen Eindruck. Es war Kirjak. Er ging auf seine Frau zu, holte mit der Faust aus und schlug sie ins Gesicht; sie aber gab keinen Ton von sich, war vom Schlage wie betäubt und hockte sich nur hin; aus ihrer Nase kam sofort Blut.

»Diese Schande, diese Schande,« murmelte der Alte, auf den Ofen kriechend, »vor den Gästen! Diese Sünde!«

Die Alte aber saß schweigend da und schien an etwas zu denken; Fjokla wiegte ihr Jüngstes ... Kirjak, der sich wohl des schrecklichen Eindrucks, den er machte, bewußt und damit zufrieden war, packte Marja bei der Hand, schleppte sie zur Tür und brüllte dabei, um noch schrecklicher zu erscheinen, wie ein Tier; in diesem Augenblick erblickte er aber die Gäste und blieb stehen.

»So, ihr seid da ...« sagte er, seine Frau loslassend. »Mein lieber Herr Bruder mit Familie ...«

Er bekreuzigte sich vor dem Heiligenbilde, riß seine trunkenen, roten Augen weit auf und fuhr schwankend fort:

»Mein lieber Herr Bruder mit Familie sind also ins Elternhaus gekommen ... aus Moskau. Moskau ist ja die ältere Hauptstadt und die Mutter aller Städte ... Entschuldigen Sie ...«

Er ließ sich auf die Bank vor dem Samowar nieder und begann laut schlürfend den Tee aus der Untertasse zu trinken. Alle schwiegen ... Er trank an die zehn Tassen, sank dann auf die Bank hin und begann sofort zu schnarchen.

Nun gingen alle schlafen. Nikolai bekam als Kranker einen Platz auf dem Ofen neben dem Alten; Sascha legte sich auf den Fußboden, und Olga ging mit den anderen Weibern in die Scheune.

»Ach, meine Liebe,« sagte sie, sich auf das Heu neben Marja legend, »Tränen helfen nicht viel! Du mußt eben dulden. Auch in der Heiligen Schrift steht geschrieben: wer dich auf die rechte Backe schlägt, dem biete die linke dar ... Ja, meine Liebe!«

Dann erzählte sie leise in singendem Tonfalle von Moskau und von ihrem Leben als Dienstmädchen in einer Pension.

»In Moskau sind die Häuser groß und aus Stein,« erzählte sie. »Und es gibt so viele Kirchen: vierzigmal vierzig, meine Liebe, und in den Häusern wohnen lauter Herrschaften, und die sind so hübsch und so anständig!«

Marja erzählte, daß sie noch nie in Moskau gewesen war, selbst in der nächsten Kreisstadt nicht; sie konnte weder lesen noch schreiben, verstand nicht zu beten und kannte nicht einmal das Vaterunser. Sie und die andere Schwägerin, Fjokla, die etwas abseits saß und zuhörte, waren stumpfsinnig und konnten nicht viel verstehen. Beide liebten ihre Männer nicht; Marja fürchtete ihren Kirjak; sie zitterte, so oft sie mit ihm allein war, vor Angst und bekam in seiner Nähe immer Kopfschmerzen, da er stark nach Schnaps und Tabak roch. Und Fjokla antwortete auf die Frage, ob sie sich ohne ihren Mann nicht langweile, geärgert:

»Daß ihn der Teufel!«

So sprachen sie eine Weile und verstummten ...

Es war kühl, und in der Nähe krähte immer ein Hahn, der sie nicht einschlafen ließ. Als das bläuliche Morgenlicht durch alle Ritzen eindrang, stand Fjokla leise auf und ging hinaus; dann hörte man sie auf ihren bloßen Füßen fortrennen.

 

II

Olga ging zur Kirche und nahm Marja mit. Als sie den Fußpfad zur Wiese hinuntergingen, war es beiden lustig zumute. Olga freute sich über die freie Natur, und Marja fühlte in ihrer Schwägerin eine nahe und verwandte Seele. Die Sonne ging eben auf. Ganz tief über der Wiese schwebte ein verschlafener Habicht, der Fluß war noch dunkel, hie und da stand noch der Nebel, aber jenseits des Flusses, oben auf dem Abhang lag schon ein Lichtstreifen, die Kirche strahlte, und im Garten des Herrenhauses schrien wie besessen die Krähen.

»Der Alte ist nicht schlecht,« berichtete Marja, »aber die Alte ist streng und haut immerzu. Mit dem eigenen Brot sind wir bis zur Butterwoche ausgekommen, jetzt kaufen wir das Mehl in der Wirtschaft. Nun schimpft sie, daß wir zu viel essen.«

»Ach, meine Liebe! Du mußt eben dulden. Es steht auch geschrieben: kommet alle, die ihr mühselig und beladen seid.«

Olga sprach bedächtig und singend und bewegte sich schnell und hastig wie eine Wallfahrerin. Sie las jeden Tag im Evangelium, sie las laut und singend wie ein Küster, sie verstand vieles nicht, aber die heiligen Worte rührten sie zu Tränen, und wenn sie auf gewisse unverständliche altertümliche Ausdrücke stieß, erstarb ihr Herz vor Wonne. Sie glaubte an Gott, an die Muttergottes und die Heiligen; sie glaubte, daß man keinen Menschen auf Erden kränken dürfte, weder einfache Leute noch Deutsche, weder Zigeuner noch Juden, und daß es selbst denen, die mit den Tieren kein Mitleid haben, schlecht ergehen wird; sie glaubte, daß dies alles in den heiligen Schriften geschrieben sei, und darum nahm ihr Gesicht, wenn sie irgendwelche ihr unverständliche Worte aus der Schrift anführte, einen gerührten, andächtigen und strahlenden Ausdruck an.

»Und wo stammst du her?« fragte Marja.

»Aus dem Wladimir'schen. Bin aber schon mit acht Jahren nach Moskau gekommen.«

Sie kamen zum Fluß. Am anderen Ufer stand dicht am Wasser eine Frau und zog sich aus.

»Das ist unsere Fjokla,« sagte Marja. »Sie war eben auf dem Herrenhofe drüben gewesen. Bei den Arbeitern. So ausgelassen ist sie und flucht so abscheulich ...«

Die schwarzbrauige Fjokla mit den aufgelösten Haaren, jung und prall wie ein Mädchen, warf sich vom Ufer ins Wasser und schlug mit den Beinen so kräftig aus, daß sich um sie her Wellen bildeten.

»So furchtbar ausgelassen!« wiederholte Marja.

Ueber den Fluß führte ein schwankender Brettersteg, und unter diesem zogen im reinen, durchsichtigen Wasser ganze Scharen dickköpfiger Aeschen vorbei. An den grünen Büschen, die sich im Wasser spiegelten, glänzte der Tau. Ein warmer Hauch kam gezogen, und beide fühlten sich so wohlig. Ein herrlicher Morgen! Und wie herrlich wäre wohl das ganze Leben auf dieser Erde, wenn es nicht diese Not, diese schreckliche, zwingende Not gäbe, vor der man sich nirgends verstecken kann! Sie brauchte nur auf das Dorf zurückzuschauen, und alles Gestrige erstand wieder in der Erinnerung, und der ganze Zauber des Glückes, das hier zu schweben schien, verflog in einem Augenblick.

Sie kamen in die Kirche. Marja blieb bei der Türe stehen und wagte sich nicht weiter vor. Sie wagte sich auch nicht hinzusetzen, obwohl die Messe erst nach acht begann. So stand sie die ganze Zeit.

Als die Vorlesung aus dem Evangelium begann, geriet das Volk plötzlich in Bewegung und machte der Gutsbesitzersfamilie Platz; zwei junge Mädchen in weißen Kleidern und breitkrempigen Hüten und ein wohlgenährter, rosiger Junge im Matrosenanzug kamen in die Kirche. Ihr Erscheinen rührte Olga; sie sagte sich gleich auf den ersten Blick, daß es anständige, gebildete und schöne Menschen seien. Marja blickte sie aber finster an und runzelte die Stirne, als ob es keine Menschen sondern Ungeheuer wären, die sie zermalmen könnten, wenn sie nicht zur Seite getreten wäre.

Und wenn der Diakon mit seiner Baßstimme in den Gottesdienst einfiel, hörte sie jedesmal den Schrei »Ma–arja!« und fuhr zusammen.

 

III

Im Dorfe hatte man schon von der Ankunft der Gäste erfahren, und gleich nach der Messe kamen viele Leute ins Haus. Es kamen die Leonytschows, die Matwejitschows und die Iljitschows, um sich über ihre Verwandten, die in Moskau dienten, zu erkundigen. Alle Bauernjungen von Schukowo, die zu lesen verstanden, wurden immer nach Moskau gebracht und dort zu Kellnern und Gasthausdienern ausgebildet (während das jenseits des Flusses liegende Dorf lauter Bäckergesellen lieferte); so war es seit langem, seit der Zeit der Leibeigenschaft eingeführt, als ein gewisser sagenhafter Luka Iwanowitsch, ein ehemaliger Bauer von Schukowo, Oberkellner in einem der Moskauer Klubs wurde und ausschließlich seine Landsleute in Dienst zu nehmen pflegte; sobald aber diese einen gewissen Einfluß erlangten, ließen sie ihre Verwandten nachkommen und verschafften ihnen Stellungen in Gasthäusern und Restaurants; seit jener Zeit wurde Schukowo von den Bewohnern nicht anders als »Lakaiendorf« genannt. Nikolai war mit elf Jahren nach Moskau gekommen und verdankte seine Karriere einem Mitglied der Familie Matwejitschow, Iwan Makarytsch, der damals als Logenschließer im Etablissement »Eremitage« angestellt war. Nun sagte er salbungsvoll, sich an die Matwejitschows wendend:

»Iwan Makarytsch ist mein Wohltäter, und ich muß Tag und Nacht für ihn zu Gott beten, denn ihm habe ich es zu verdanken, daß ich ein anständiger Mensch geworden bin.«

»Väterchen,« sagte mit weinerlicher Stimme eine großgewachsene Alte, die Schwester des Iwan Makarytsch, »er läßt aber gar nichts von sich hören!«

»Im Winter diente er im Theater Aumont, und in dieser Saison soll er irgendwo in einem Gartenetablissement draußen vor der Stadt angestellt sein ... Alt ist er geworden! In früheren Zeiten pflegte er im Sommer täglich an die zehn Rubel heimzubringen, jetzt ist aber das Geschäft überall still, und der Alte hat es recht schwer.«

Die alten und die jungen Weiber blickten auf die mit Filzstiefeln bekleideten Füße und das bleiche Gesicht Nikolais und sprachen traurig:

»Auch du bist kein Verdiener mehr, Nikolai Ossipytsch! Hast nicht mehr die Kraft ...«

Und alle liebkosten Sascha. Sie war schon zehn Jahre alt, aber klein und sehr schmächtig und sah wie eine Siebenjährige aus. Unter den anderen sonnenverbrannten, schlecht geschorenen, mit langen verschossenen Hemden bekleideten Mädchen nahm sie sich mit ihrer weißen Hautfarbe, den großen dunklen Augen und dem roten Bändchen im Haar drollig aus, wie ein kleines, wildes Tier, das man draußen im Felde gefangen und in die Stube gebracht hätte.

»Sie kann auch schon lesen!« prahlte Olga mit einem zärtlichen Blick auf die Tochter. »Lies uns mal vor, Kind!« sagte sie, das Evangelium vom Brett holend. »Lies, und die Rechtgläubigen werden zuhören.«

Das Evangelium war alt, in schwerem Ledereinband mit abgeriebenen Ecken, und es roch auf einmal so, als ob in die Stube Mönche getreten wären. Sascha hob die Brauen und begann laut mit singender Stimme:

»Da sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Stehe auf und nimm das Kindlein und seine Mutter ...«

»Das Kindlein und seine Mutter,« wiederholte Olga, ganz rot vor Erregung.

»Und fliehe ins Aegyptenland und bleibe allda, bis ich dir sage ...«

Beim Worte »allda« konnte sich Olga nicht mehr beherrschen und begann zu weinen. Auch Marja mußte, als sie sie ansah, schluchzen; dann schluchzte auch die Schwester Iwan Makarytschs. Der Alte begann zu husten und herumzukramen, um seiner Enkelin etwas zu schenken; er fand aber nichts und winkte nur mit der Hand. Als die Vorlesung zu Ende war, gingen die Nachbarn gerührt und mit Olga und Sascha über die Maßen zufrieden, nach Hause.

Dem Sonntag zu Ehren blieb die Familie den ganzen Tag zuhause. Die Alte, die der Mann, die Schwiegertöchter und die Enkelkinder »Großmutter« nannten, bemühte sich alles selbst zu machen: sie heizte selbst den Ofen ein und bereitete den Samowar, sah sogar um die Mittagszeit nach dem Vieh und jammerte hinterher, daß man sie mit Arbeit zugrunde richte. Und sie paßte immer auf, daß niemand ein Stück zu viel nehme und daß der Alte und die Schwiegertöchter nicht müßig herumsäßen. Bald kam es ihr vor, daß die Gänse des Gastwirts in ihren Gemüsegarten gekommen seien, und sie lief mit einem langen Stecken in der Hand aus der Stube und schrie eine halbe Stunde lang gellend bei ihrem Kohl, der ebenso mager und krank war wie sie selbst; bald schien es ihr, daß eine Krähe ihre Kücken überfallen wolle, und sie stürzte sich fluchend über die Krähe. Sie schimpfte und brummte vom Morgen bis zum Abend und erhob oft solches Geschrei, daß die Leute auf der Straße stehen blieben.

Ihren Alten behandelte sie gar nicht freundlich und nannte ihn bald Faulenzer, bald Cholera. Er war ein unsolider, unzuverlässiger Bauer, und hätte wohl, wenn sie ihn nicht ständig antriebe, überhaupt nicht gearbeitet, sondern ständig auf dem Ofen gesessen und geredet. Er erzählte seinem Sohn lange und ausführlich von den Feinden, die er angeblich hatte, beklagte sich über die Kränkungen, die ihm die Nachbarn tagtäglich zufügten, und es war furchtbar langweilig, ihm zuzuhören.

»Ja,« erzählte er, sich an die Hüften fassend. »Ja ... Eine Woche nach dem Fest der Kreuzeserhöhung verkaufte ich mein Heu zu dreißig Kopeken für das Pud, aus freien Stücken. Ja ... Gut ... So fahre ich des Morgens mit dem Heu, rühre keinen Menschen an, da sehe ich, zur unglücklichen Stunde, wie aus dem Wirtshaus der Dorfälteste Antip Ssedjelnikow kommt. ›Wo willst du mit dem Heu hin?‹ sagt er und haut mir eine herunter.«

Kirjak hatte aber nach dem gestrigen Rausche fürchterliches Kopfweh und schämte sich vor seinem Bruder.

»Was der Schnaps alles macht. Ach du, lieber Gott!« stammelte er, seinen schmerzenden Kopf schüttelnd. »Verzeiht es mir, um Christi willen, lieber Bruder und liebe Schwester, ich bin selbst nicht froh darüber.«

Dem Sonntag zu Ehren kaufte man im Wirtshause einen Hering und kochte aus dem Heringskopf eine Suppe. Um die Mittagsstunde setzten sich alle an den Samowar und tranken so lange Tee, bis der Schweiß kam und sie alle anschwollen. Nach dem Tee aßen sie die Suppe, alle aus einem Topf. Aber den Hering selbst tat die Alte auf die Seite.

Abends brannte der Töpfer am Abhang seine Töpfe. Unten auf der Wiese tanzten die jungen Mädchen einen Reigen und sangen Lieder. Die Burschen spielten Ziehharmonika. Auch drüben, jenseits des Flusses brannte ein Feuer und tönte Mädchengesang, der aus der Ferne schön und harmonisch erschien. Im Wirtshause und vor dem Wirtshause lärmten die Bauern; sie sangen mit trunkenen Stimmen, alle durcheinander, und fluchten so, daß Olga jeden Augenblick zusammenfuhr und sagte:

»Mein Gott, mein Gott ...«

Sie staunte darüber, daß das Fluchen für keinen Augenblick verstummte und daß die Alten, die doch an den Tod denken sollten, lauter und schlimmer als alle fluchten. Die Kinder und die jungen Mädchen hörten aber ganz ruhig zu, und es war ihnen anzusehen, daß sie es von der Wiege her gewohnt waren.

Mitternacht war vorüber, die Feuer auf dieser wie auf der anderen Seite waren schon erloschen, aber unten auf der Wiese und im Wirtshause vergnügte man sich noch immer. Der Alte und Kirjak kamen beide betrunken, sich an den Händen haltend und einander mit den Schultern anstoßend, zur Scheune, wo Olga und Marja schliefen.

»Laß,« redete der Alte auf seinen Sohn ein. »Laß ... Sie ist ein stilles Weib ... Eine Sünde ist es ...«

»Ma–arja!« schrie Kirjak.

»Laß ... Eine Sünde ist's ... Sie ist ein ordentliches Weib.«

Sie standen eine Minute vor der Scheune und gingen dann weiter.

»Ich liebe die Blumen des Feldes!« begann der Alte plötzlich mit hoher, durchdringender Tenorstimme zu singen. »Ich liebe der Wiesen Duft!«

Dann spuckte er aus, schimpfte unflätig und ging ins Haus.

 

IV

Die Großmutter stellte Sascha beim Gemüsegarten hin und befahl ihr, aufzupassen, daß die Gänse nicht hereinkommen. Es war ein heißer Augusttag. Die Gänse des Wirtes, die von hinten hereinkommen konnten, waren jetzt aber anderweitig beschäftigt: sie pickten vor dem Wirtshause, friedlich schnatternd, Haferkörner auf, und nur der Gänserich reckte den Hals, wie wenn er sehen wollte, ob nicht die Alte mit dem Stecken käme; und die anderen Gänse, die von der anderen Seite kommen konnten, weideten jetzt weit hinter dem Fluß, eine weiße Girlande auf der Wiese bildend. Nachdem Sascha eine Weile dagestanden hatte, wurde ihr die Sache langweilig, und sie ging zum Abhang.

Am Abhang traf sie die ältere Tochter Marjas, Motjka, die unbeweglich auf einem großen Stein stand und auf die Kirche starrte. Marja hatte schon dreizehnmal geboren, es waren ihr aber nur sechs Kinder geblieben, lauter Mädchen, kein einziger Junge, und die Aelteste war acht Jahre alt. Motjka stand barfuß in langem Hemd auf dem Stein, die Sonne brannte ihr auf den Scheitel, sie merkte es aber nicht und war wie erstarrt. Sascha stellte sich neben sie hin und sagte mit einem Blick auf die Kirche:

»In der Kirche wohnt der liebe Gott. Bei den Menschen brennen Lampen und Kerzen, bei Gott aber kleine Lämpchen, rot, grün, blau wie die Aeuglein. Nachts geht Gott in der Kirche herum, und mit ihm die heilige Mutter Gottes und der heilige Nikolai ... Dem Kirchenwächter ist es ganz bange, wenn er sie herumgehen hört! Ja, ja, meine Liebe,« fügte sie hinzu, ihre Mutter nachahmend. »Und wenn der Jüngste Tag kommt, fliegen alle Kirchen in den Himmel hinauf.«

»Mit den Glocken?« fragte Motjka mit ihrer Baßstimme, jede Silbe dehnend.

»Mit den Glocken. Am Jüngsten Tag werden aber die Guten in's Paradies kommen, und die Bösen im ewigen Feuer brennen, meine Liebe. Meiner Mutter und der Marja wird Gott sagen: Ihr habt niemand was zu Leide getan, und darum dürft ihr nach rechts ins Paradies gehen; zu Kirjak und zur Großmutter wird er aber sagen: geht nach links ins Feuer. Und wer am Fasttag Fleisch oder Milch gegessen hat, der kommt auch ins ewige Feuer.«

Sie blickte mit weit aufgerissenen Augen zum Himmel empor und sagte:

»Schau in den Himmel, ohne zu zwinkern, dann kannst du die Engel sehen.«

Motjka sah nun auch auf den Himmel, und eine Minute verging in Schweigen.

»Siehst du sie?« fragte Sascha.

»Ich sehe nichts,« antwortete Motjka mit ihrem Baß.

»Ich sehe sie aber. Kleine Engelchen fliegen durch den Himmel und bewegen die Flügelchen wie kleine Mückchen.«

Motjka blickte zu Boden, dachte eine Weile nach und fragte:

»Wird Großmutter brennen?«

»Gewiß, meine Liebe.«

Der steil abfallende Boden war vom Stein bis ans Ufer mit weichem grünem Gras bewachsen, und man hatte Lust, das Gras mit der Hand zu streicheln oder darauf zu liegen. Sascha legte sich hin und rollte hinab. Auch Motjka legte sich mit ernstem, strengem Gesicht auf das Gras und rollte pustend hinab. Ihr Hemd rutschte dabei bis zu den Schultern hinauf.

»Wie lustig!« rief Sascha entzückt.

Als sie wieder hinaufgingen, um noch einmal hinunterzurollen, erklang oben die bekannte kreischende Stimme. Dieses Entsetzen! Die zahnlose, knochige, bucklige Großmutter mit den kurzen grauen Haaren, die im Winde flatterten, trieb mit dem langen Stecken die Gänse aus dem Gemüsegarten und schrie:

»Den ganzen Kohl haben sie zerstampft, die Verfluchten! Krepieren sollt ihr, dreimal Verdammten, die Pest komme über euch!«

Als sie die Mädchen erblickte, warf sie ihren Stecken weg, ergriff eine lange Rute, packte Sascha mit ihren trockenen und harten Fingern am Hals und begann sie zu schlagen. Sascha weinte vor Schmerz und Angst; der Gänserich ging mit gerecktem Hals wackelnd auf die Alte zu, zischte ihr etwas vor und kehrte zu seiner Herde zurück, und alle Gänse begrüßten ihn mit beifälligem Geschnatter. Die Großmutter nahm dann Motjka vor, der das Hemd wieder hinaufrutschte. Sascha ging ganz verzweifelt, laut weinend ins Haus, um sich zu beklagen; ihr folgte Motjka, die gleichfalls weinte, doch im Baß; sie wischte sich die Tränen nicht ab, und ihr Gesicht war so naß, als ob man sie ins Wasser getaucht hätte.

»Lieber Gott!« rief Olga erstaunt, als die beiden in die Stube traten. »Heilige Himmelskönigin!«

Sascha begann zu erzählen, in diesem Augenblick kam aber auch die Großmutter kreischend und fluchend in die Stube, auch Fjokla begann zu schimpfen, und die Stube füllte sich mit Geschrei.

»Macht nichts, macht nichts!« tröstete Olga, blaß und erregt, ihrer Tochter den Kopf streichelnd. »Sie ist ja deine Großmutter, und es ist Sünde, ihr zu zürnen. Macht nichts, Kind.«

Nikolai, der vor diesem ewigen Geschrei, Hunger, Ofendunst, Gestank noch mehr heruntergekommen war, der die Armut haßte und verachtete und sich vor seiner Frau und Tochter für seine Eltern schämte, ließ die Beine vom Ofen hinunterhängen und wandte sich mit gereizter, weinerlicher Stimme an die Mutter:

»Sie dürfen sie nicht schlagen! Sie haben gar kein Recht, sie zu schlagen!«

»Krepier nur dort oben auf dem Ofen!« schrie ihm Fjokla gehässig zu. »Was hat euch auch der Teufel hergebracht, ihr Fresser??!«

Sascha, Motjka und alle Mädchen, die in der Stube waren, verkrochen sich in die Ofenecke hinter Nikolais Rücken und hörten schweigend, voller Angst zu, so daß man ihre kleinen Herzen klopfen hörte. Wenn es in einer Familie einen Schwerkranken gibt, dessen Zustand hoffnungslos ist, so kommen manchmal Augenblicke, wo alle Angehörigen schüchtern und heimlich, in der Tiefe ihrer Seelen seinen Tod wollen; und nur die Kinder allein fürchten den Tod des ihnen nahestehenden Menschen und erzittern beim Gedanken, daß er sterben könnte. Die Mädchen sahen atemlos, mit traurigen Augen Nikolai an, dachten daran, daß er bald sterben müsse, und wollten weinen und ihm irgend etwas Freundliches oder Tröstendes sagen.

Er schmiegte sich an Olga, wie wenn er bei ihr Schutz suchte, und sagte leise, mit zitternder Stimme:

»Olja, liebe Olja, ich kann nicht mehr. Es geht über meine Kraft. Um Gottes willen, um Christi willen, schreib deiner Schwester Klawdija Abramowna, sie möchte alles, was sie hat, verkaufen oder versetzen und uns das Geld schicken, und wir gehen von hier weg. Mein Gott!« fuhr er traurig fort: »ach, wenn ich doch nur einen einzigen Blick auf Moskau werfen könnte! Wenn es mir wenigstens im Traume erscheinen wollte!«

Als aber der Abend anbrach und es in der Stube finster wurde, wurde es allen so trübe zumute, daß niemand mehr sprechen konnte. Die böse Großmutter weichte sich einige Brotrinden in Wasser auf und sog an ihnen lange, eine ganze Stunde. Marja molk die Kuh und brachte den Eimer mit der Milch in die Stube; die Großmutter goß lange, ohne Uebereilung die Milch aus dem Eimer in die Krüge um und schien sehr zufrieden, daß heute, am Fasttage vor Mariä Himmelfahrt niemand die Milch anrühren und so der ganze Vorrat bleiben würde. Nur ein klein wenig tat sie in eine Untertasse auf die Seite für Fjoklas Jüngstes. Als sie und Marja die Milchkrüge in den Keller hinuntertrugen, fuhr Motjka plötzlich auf, sprang vom Ofen herunter, ging zur Bank, wo die Holzschale mit den Brotrinden stand, und tat etwas Milch aus der Untertasse hinein.

Die Großmutter kam zurück und machte sich wieder an ihre Brotrinden; Sascha und Motjka sahen ihr vom Ofen herab zu und freuten sich, daß sie den Fasttag verletzte und nun ganz gewiß in die Hölle kommen würde. So trösteten sie sich und legten sich schlafen. Sascha stellte sich im Einschlafen das Jüngste Gericht vor: es brannte ein großer Ofen, einem Töpferofen ähnlich, und ein schwarzer Teufel mit Kuhhörnern trieb die Großmutter mit einem Stecken ins Feuer, genau so wie sie vorhin die Gänse getrieben hatte.

 

V

Am Tage Mariä Himmelfahrt, gegen elf Uhr abends erhoben die Mädchen und Burschen, die unten auf der Wiese spazierten, plötzlich ein Geschrei und rannten ins Dorf hinauf; diejenigen aber, die oben am Rande des Abhanges saßen, konnten im ersten Augenblick gar nicht verstehen, was los war.

»Es brennt! Es brennt!« schrie man unten verzweifelt: »Das Dorf brennt!«

Die oben saßen, sahen sich um und erblickten ein schreckliches, ungewöhnliches Bild. Auf dem Strohdache eines der letzten Häuser stand eine Feuersäule, einen Klafter hoch, und warf wie eine Fontäne nach allen Seiten Funken um sich. Gleich darauf brannte auch das ganze Dach lichterloh, und man hörte deutlich das Knistern des Feuers.

Der Mondschein verdunkelte sich, und das ganze Dorf war von einem roten, zitternden Licht übergossen; über die Erde huschten schwarze Schatten, und es roch nach Gebranntem; die von unten gelaufen kamen, waren ganz atemlos, zitterten so, daß sie kein Wort aussprechen konnten, stießen sich an, fielen hin und waren vom grellen Licht so geblendet, daß sie einander nicht erkannten. Allen war es unheimlich zumute. Einen besonders unheimlichen Eindruck machte es, daß im Rauche über dem Feuer die Tauben herumflogen und daß die Leute im Wirtshause, die von der Feuersbrunst noch nichts wußten, noch immer sangen und Ziehharmonika spielten, als ob nichts los wäre.

»Beim Onkel Ssemjon brennt's!« rief eine laute, rauhe Stimme.

Marja lief weinend, händeringend, vor Angst mit den Zähnen klappernd, vor ihrem Hause hin und her, obwohl die Feuersbrunst weit entfernt, am anderen Ende des Dorfes war; Nikolai kam in seinen Filzstiefeln heraus, auch die Kinder in ihren Hemdchen. Beim Hause des Schulzen begann man auf ein eisernes Brett zu schlagen. Bim, bim, bim ... zog es durch die Luft, und dieses unaufhörliche, schnelle Läuten ließ alle Herzen sich zusammenkrampfen und erkalten. Die alten Weiber standen mit den Heiligenbildern vor ihren Häusern. Man trieb die Schafe, Kälber und Kühe aus den Ställen auf die Straße und trug die Koffer, Schafpelze und allerlei Hausgerät hinaus. Der Rapphengst, den man nicht zu den anderen Pferden ließ, weil er immer ausschlug und die anderen verwundete, rannte wiehernd zweimal durchs Dorf, blieb plötzlich vor einem Wagen stehen und begann ihn mit den Hinterbeinen zu bearbeiten.

Auch in der Kirche drüben begann man zu läuten.

In der Nähe des brennenden Hauses war es heiß und so hell, daß man jeden Grashalm auf dem Boden unterscheiden konnte. Auf einem der Koffer, die man gerettet hatte, saß Ssemjon, ein rothaariger Bauer mit großer Nase, in kurzem städtischen Röckchen und einer tief über die Ohren gestülpten Mütze; seine Frau lag ohnmächtig mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden und stöhnte. Ein wohl achtzigjähriger, kleiner Greis mit großem Bart, der hier fremd war, aber irgendeine Beziehung zu der Feuersbrunst zu haben schien, ging ohne Mütze, mit einem weißen Bündel in der Hand, auf und ab; in seiner Glatze spiegelte sich das Feuer. Der Dorfälteste, Antip Ssedjelnikow, schwarzhaarig und braun wie ein Zigeuner, kam mit einer Axt vor das Haus, schlug, ohne ersichtlichen Grund, alle Fenster ein und begann dann auf die Treppe einzuhauen.

»Weiber, Weiber her!« schrie er. »Die Maschine her! Rührt euch!«

Die gleichen Bauern, die sich soeben im Wirtshause vergnügt hatten, schleppten die Feuerspritze herbei. Alle waren betrunken, stolperten und fielen hin, alle blickten hilflos drein und hatten Tränen in den Augen.

»Mädels, Wasser!« schrie der Schulze, der auch betrunken war. »Rührt euch, Mädels!«

Die Frauen und die Mädchen liefen hinunter zur Quelle, schleppten volle Eimer und Bottiche hinauf, gossen das Wasser in die Spritze und liefen wieder fort. Auch Olga, Marja, Sascha und Motjka halfen mit. An der Spritze arbeiteten Weiber und Jungen, der Schlauch zischte, der Schulze richtete den Strahl bald auf die Türe, bald auf die Fenster und drückte zuweilen den Finger auf die Mündung, und der Schlauch zischte dann noch lauter.

»Gut so, Antip!« ermunterte man ihn: »Gib dir Mühe!«

Antip stürzte sich in den schon von den Flammen ergriffenen Hausflur und schrie von dort:

»Pumpt! Gebt euch Mühe, ihr Rechtgläubigen, anläßlich eines solchen Unglücksfalles!«

Die Bauern drängten sich vor dem Hause, rührten keinen Finger und sahen ins Feuer. Niemand wußte, was anzufangen, niemand konnte etwas, in der Nähe gab es aber Getreideschober, Scheunen und Haufen Heu und Reisig. Auch Kirjak und der alte Ossip, sein Vater, standen, beide angeheitert, dabei. Um zu zeigen, daß er doch nicht ganz teilnahmslos sei, redete der Alte der Frau, die auf dem Boden lag, zu:

»Was grämst du dich so, Gevatterin? Das Haus ist doch versichert, brauchst dich nicht zu sorgen! ...«

Ssemjon wandte sich bald an den einen, bald an den anderen und erzählte, wie die Feuersbrunst angefangen hatte:

»Dieser alte Mann mit dem Bündel war mal leibeigener Koch beim General Schukow, Gott hab ihn selig. Kommt abends zu mir und bittet: ›Laß mich bei dir übernachten ...‹ Nun, wir tranken je ein Gläschen, wie es so geht ... Meine Alte setzte den Samowar auf, um den alten Mann mit Tee zu bewirten, und ließ den Samowar zur unglücklichen Stunde im Hausflur stehen. Die Funken flogen aus dem Rohr direkt aufs Dach, und so fing das Feuer an. Um ein Haar wären wir selbst verbrannt. Dem Alten ist die Mütze verbrannt, dieser Jammer!«

Man schlug noch immer auf das eiserne Brett, und auch drüben hörte das Sturmläuten gar nicht auf. Olga blickte entsetzt die roten Schafe und die rosa Tauben an, die im Rauche herumflogen, und lief atemlos herauf und hinunter. Es war ihr, als hätte dieses Läuten ihr Herz durchbohrt, als würde diese Feuersbrunst niemals aufhören, als hätte sie ihre Sascha verloren ... Und als im brennenden Hause krachend die Decke einstürzte, wurde sie vor dem Gedanken, daß nun das ganze Dorf niederbrennen würde, ganz schwach; sie konnte kein Wasser mehr schleppen, setzte sich am Rande des Abhanges und stellte die beiden Eimer neben sich. Neben ihr und tiefer saßen andere Weiber und jammerten wie im Hause eines Verstorbenen.

Da kamen aber vom Gute am anderen Ufer Arbeiter und Angestellte in zwei Wagen gefahren und brachten ihre eigene Feuerspritze mit. Hoch zu Roß kam ein sehr junger Student in offener weißer Litewka. Sie begannen sofort mit den Aexten zu arbeiten, lehnten an das brennende Haus eine Leiter an, und fünf Mann kletterten zugleich hinauf, an der Spitze der Student, der ganz rot war und mit heiserer Stimme schrie, in einem Tone, als ob das Feuerlöschen seine gewohnte Beschäftigung wäre. Man zerlegte das Haus in einzelne Balken; ebenso demolierte man den Stall, den Zaun und den nächsten Schober.

»Warum zerstören!« klang es aus der Menge unzufrieden. »Laßt es nicht zu!«

Kirjak ging entschlossen auf das Haus zu, als wollte er die Fremden hindern, das Haus zu demolieren, aber einer der Arbeiter drehte ihn um und schlug ihn auf den Nacken. Viele lachten, und der Arbeiter versetzte ihm noch einen Schlag. Kirjak fiel hin und kroch auf allen Vieren zurück.

Von drüben kamen auch zwei hübsche junge Mädchen in Hüten, offenbar die Schwestern des Studenten. Sie standen in einiger Entfernung und sahen zu. Die auseinandergenommenen Balken brannten nicht mehr, aber rauchten noch; der Student, der mit dem Schlauch arbeitete, richtete den Strahl bald auf diese Balken, bald auf die Bauern, bald auf die Weiber, die das Wasser herbeischleppten.

»George!« riefen ihm die jungen Mädchen vorwurfsvoll und besorgt zu: »George!«

Die Feuersbrunst war zu Ende. Als die Leute auseinandergingen, merkten sie, daß schon der Morgen dämmerte und daß alle Gesichter ungewöhnlich bleich und leicht gebräunt erschienen; so kommt es einem immer am frühen Morgen vor, wenn am Himmel die letzten Sterne erlöschen. Die Bauern lachten und machten Witze über den Koch des Generals Schukow und über seine verbrannte Mütze; sie faßten das ganze schon als eine Unterhaltung auf, und es tat ihnen beinahe leid, daß die Feuersbrunst so schnell zu Ende war.

»Sie haben gut gelöscht, Herr!« sagte Olga zum Studenten. »Sie sollten zu uns nach Moskau kommen: da ist wohl jeden Tag eine Feuersbrunst.«

»Sind Sie denn aus Moskau?« fragte eines der jungen Mädchen.

»Gewiß. Mein Mann war im Slavischen Bazar angestellt. Und das ist meine Tochter,« sagte sie, auf Sascha zeigend, welche fror und sich an die Mutter schmiegte. »Ist auch eine Moskauerin.«

Die beiden jungen Mädchen sagten dem Studenten etwas auf Französisch, und dieser reichte Sascha ein Zwanzigkopekenstück. Als der alte Ossip es sah, leuchtete in seinem Gesicht eine Hoffnung auf.

»Man muß Gott danken, Euer Hochwohlgeboren, daß kein Wind war,« sagte er, sich an den Studenten wendend, »sonst wären wir alle in einer Stunde verbrannt. Euer Hochwohlgeboren, liebe gnädige Herrschaften,« fügte er verlegen, etwas leiser hinzu, »der Morgen ist so kalt, und ich möchte mich gerne wärmen ... wenn Euer Gnaden mir für eine halbe Flasche spendieren wollten ...«

Man gab ihm nichts. Er räusperte sich und ging langsam nach Hause. Olga stand am Abhang und sah, wie die beiden Wagen durch den Fluß heimfuhren und wie die Herrschaften über die Wiese zur Equipage gingen, die sie am anderen Ufer erwartete. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte sie ihrem Mann entzückt:

»So vornehm! Und so hübsch! Und die Fräuleins sind wie die Engel Gottes!«

»Zerspringen sollen sie!« versetzte die verschlafene Fjokla gehässig.

 

VI

Marja hielt sich für unglücklich und sagte oft, daß sie sterben möchte; Fjokla dagegen fand an diesem Leben Geschmack: die Armut, der Schmutz, das unaufhörliche Fluchen gefielen ihr gut. Sie aß alles, was man ihr gab, schlief, wo es sich gerade traf, goß das Schmutzwasser dicht vor der Haustüre aus und ging mit bloßen Füßen durch jede Pfütze. Gleich vom ersten Tage an fing sie Nikolai und Olga zu hassen an, weil ihnen dieses Leben nicht gefiel.

»Will mal sehen, was ihr hier fressen werdet, ihr Moskauer Edelleute!« sagte sie schadenfroh. »Das möchte ich sehen!«

Eines Morgens – es war Anfang September – brachte Fjokla zwei Eimer Wasser von unten herauf; als sie rosig vor Kälte, hübsch und kräftig in die Stube trat, saßen Marja und Olga am Tisch und tranken Tee.

»Wohl bekomm's euch!« versetzte Fjokla spöttisch. »Diese vornehmen Damen,« fügte sie hinzu, die Eimer auf den Boden absetzend: »eine neue Mode haben sie eingeführt, jeden Tag Tee zu trinken. Daß ihr vom Teetrinken nur nicht zerspringt!« fuhr sie fort, Olga mit Haß anblickend. »Was die in Moskau für Fett angesetzt hat!«

Sie holte mit dem Tragjoch aus und traf Olga auf die Schulter; die beiden Schwägerinnen schlugen die Hände zusammen und sagten nur:

»Ach, mein Gott!«

Fjokla ging darauf zum Fluß, Wäsche zu spülen, und fluchte unterwegs so laut, daß man im Hause jedes Wort hören konnte.

So verging der Tag. Ein langer Herbstabend brach an. Die ganze Familie war in der Stube versammelt und haspelte Seide; alle waren mit der Arbeit beschäftigt bis auf Fjokla: sie war wieder aufs andere Ufer gegangen. Die Seide holten sie sich von der nahen Fabrik, und die ganze Familie verdiente mit der Arbeit an die zwanzig Kopeken die Woche.

»Als wir noch den Gutsherren gehörten, hatten wir es viel besser,« sagte der Alte bei der Arbeit. »Wir konnten arbeiten, essen und schlafen, alles zu seiner Stunde. Zum Mittag gab es Kohlsuppe und Grütze, und zum Abendessen wieder Kohlsuppe und Grütze. Gurken und Kraut hatte man, so viel man wollte. Auch die Sitten waren damals viel strenger. Ein jeder paßte selbst auf sich auf.«

Das einzige trübe Lämpchen, das in der Stube brannte, qualmte. Wenn sich jemand vor das Lämpchen stellte und auf das Fenster ein großer Schatten fiel, konnte man das grelle Mondlicht sehen. Der alte Ossip erzählte bedächtig, wie man in dieser Gegend, wo das Leben jetzt so langweilig und armselig war, zur Zeit der Leibeigenschaft gelebt hatte: wie man Treibjagden veranstaltete und die Bauern, welche mithalfen, mit Schnaps traktierte; wie man ganze Wagen mit geschlachtetem Geflügel den jungen Herrschaften nach Moskau schickte, wie man die Bösen mit Ruten züchtigte oder auf ein anderes Gut verschickte, die Guten aber belohnte. Auch die Großmutter erzählte manches. Sie konnte sich an alles erstaunlich gut erinnern. Sie erzählte von ihrer Herrin, einer guten und gottesfürchtigen Frau, deren Mann ein Trinker und Lüstling war und deren sämtliche Töchter unglücklich heirateten: die eine bekam einen Säufer, die andere einen gewöhnlichen Kleinbürger, die dritte aber wurde entführt (die Großmutter selbst, die damals jung war, hatte bei der Entführung mitgeholfen); und alle drei starben bald aus Gram, ebenso wie ihre Mutter. Als die Großmutter diese Erinnerungen auffrischte, vergoß sie sogar einige Tränen.

Plötzlich klopfte jemand an die Türe, und alle fuhren zusammen.

»Onkel Ossip, laß mich übernachten!«

Ein kleiner kahlköpfiger Greis, der Koch des Generals Schukow, derselbe, dem bei der Feuersbrunst die Mütze verbrannt war, trat in die Stube. Er setzte sich hin, hörte zu und gab auch einige von seinen eigenen Erinnerungen zum besten. Nikolai ließ die Beine vom Ofen herunterhängen und fragte den Alten nach den Gerichten aus, die man vor Zeiten zu kochen pflegte. Man sprach von Klops, Kottelets, verschiedenen Suppen und Saucen, und der Koch, der auch ein gutes Gedächtnis hatte, nannte Speisen, die es nicht mehr gab; so hat es zum Beispiel ein Gericht gegeben, das aus Ochsenaugen bereitet wurde und »Erwachen am Morgen« hieß.

»Verstand man damals Kottelets à la Marechal zu machen?« fragte Nikolai.

»Nein.«

Nikolai schüttelte vorwurfsvoll den Kopf und sagte:

»Das sind mir schöne Köche!«

Die Mädchen saßen und lagen auf dem Ofen und blickten, ohne mit den Augen zu zwinkern, herab; es sah so aus, als ob ihrer eine ganze Menge wäre, wie die Engel aus den Wolken blickten sie herab. Die Erzählungen gefielen ihnen gut; sie seufzten, zitterten und erbleichten bald vor Entzücken, bald vor Entsetzen; wenn aber die Großmutter erzählte, deren Berichte die interessantesten waren, hielten sie den Atem an und erstarrten zu Stein.

Schweigend gingen alle schlafen; die Alten, von den Erzählungen erregt, dachten daran, wie schön doch die Jugend sei, die, wie sie auch ausfalle, doch nur das Freudige, Rührende, Lebendige in den Erinnerungen zurücklasse, und wie schrecklich kalt der nicht mehr ferne Tod, – an den soll man lieber gar nicht denken! Das Lämpchen ging aus. Die Dunkelheit, die beiden vom Monde hell erleuchteten Fenster, die Stille, das Knarren der Wiege sprachen davon, daß das Leben schon vorüber ist und nie wiederkehren wird ... Man schlummert ein, man vergißt sich, und plötzlich berührt jemand die Schulter, haucht die Wange an, – und der Schlaf ist augenblicklich verflogen, man hat im Körper ein Gefühl, als ob man ihn sich wund gelegen hätte, und lauter Gedanken an den Tod ziehen durch den Sinn; man dreht sich auf die andere Seite um, der Tod ist schon vergessen, dafür kommen aber die alten, langweiligen, trüben Gedanken an die Not, die Nahrung, und daß das Mehl teurer geworden ist, und nach einer Weile denkt man schon wieder daran, daß das Leben vergangen ist und nie wiederkehrt ...

»Mein Gott!« seufzte der Koch.

Jemand klopfte ganz leise ans Fenster. Fjokla war wohl heimgekommen. Olga stand auf, ging, gähnend und ein Gebet flüsternd, hinaus und entriegelte die Haustüre. Es war niemand zu sehen; von der Straße wehte Kälte herein, und der Flur wurde vom Mondlicht erhellt. Durch die offene Tür war die stille, leere Straße zu sehen und der Mond, der am Himmel stand.

»Wer ist da?« fragte Olga.

»Ich,« klang es zurück. »Ich bin's.«

Neben der Türe stand, sich an die Wand drückend, Fjokla; sie war splitternackt. Sie zitterte am ganzen Körper, klapperte vor Kälte mit den Zähnen und erschien im grellen Mondlichte auffallend blaß, schön und seltsam. Die Schatten und der Mondglanz auf ihrem Körper hoben sich grell ab, und ihre dunklen Brauen und die junge, feste Brust fielen besonders deutlich in die Augen.

»Die ausgelassenen Burschen drüben haben mich ausgezogen und so laufen lassen ...« sagte sie. »Nun bin ich nackt nach Hause gekommen, so wie die Mutter mich geboren hat. Bring mir irgend etwas zum Anziehen.«

»Komm doch in die Stube!« sagte Olga leise. Auch sie begann zu zittern.

»Daß mich die Alten nicht sehen.«

Die Großmutter war schon in der Tat wach und brummte, und der Alte fragte: »Wer ist da?« Olga brachte ihr ihr eigenes Hemd und einen Rock, half ihr beim Anziehen, und dann traten sie beide leise in die Stube.

»Bist du es, du Schamlose?« brummte die Großmutter, die schon erraten hatte, wer es war. »Herumtreiberin ... daß du zugrunde gehst!«

»Macht nichts, macht nichts,« flüsterte Olga, ihre Schwägerin einhüllend. »Macht nichts, meine Liebe.«

Und es wurde wieder still. Hier im Hause schlief man immer schlecht; ein jeder hatte etwas Zudringliches, das ihn nicht einschlafen ließ: der Alte die Kreuzschmerzen, die Großmutter – ihre Sorgen und ihren Aerger, Marja – die Angst, und die Kinder – das Jucken und den Hunger. Auch jetzt schliefen sie unruhig; sie wälzten sich von der einen Seite auf die andere, phantasierten und standen oft auf, um Wasser zu trinken.

Fjokla begann plötzlich mit lauter, rauher Stimme zu schreien, beherrschte sich aber gleich wieder, und schluchzte nur ab und zu, immer stiller und dumpfer, bis sie ganz verstummte. Marja stand auf und ging hinaus, und man hörte, wie sie draußen die Kuh molk und ihr sagte: »Halt!« Auch die Großmutter ging hinaus. In der Stube war es noch dunkel, aber man konnte schon alle Gegenstände unterscheiden.

Nikolai, der die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, stieg vom Ofen. Er holte aus dem grünen Koffer seinen Frack heraus, zog ihn an, trat ans Fenster, glättete die Falten und lächelte. Dann zog er ihn vorsichtig aus, tat ihn in den Koffer und legte sich wieder hin.

Marja kam zurück und begann den Ofen zu heizen. Sie schien noch nicht ausgeschlafen und wachte im Gehen allmählich auf. Sie hatte wohl etwas geträumt, oder die gestrigen Erzählungen kamen ihr in den Sinn, denn sie reckte sich wohlig vor dem Ofen und sagte:

»Nein, die Freiheit ist doch besser!«

 

VII

Der »gnädige Herr« kam gefahren, – so nannte man im Dorfe den Kreispristaw. Daß er kommen würde und zu welchem Zweck, wußte man schon seit acht Tagen. In Schukowo gab es bloß vierzig Höfe, aber die Rückstände an den Staats- und den Semstwo-Steuern betrugen schon mehr als zweitausend Rubel.

Der Pristaw stieg in der Wirtschaft ab, trank zwei Glas Tee und begab sich dann zu Fuß zum Hause des Dorfältesten, wo auf ihn schon eine ganze Gesellschaft von Bauern, die mit der Steuer im Rückstande waren, wartete. Der Dorfälteste, Antip Ssedjelnikow war trotz seiner Jugend, – er war kaum über dreißig Jahre alt – sehr streng und hielt es immer mit der Obrigkeit, obwohl er selbst arm war und seine eigenen Steuern gar nicht pünktlich bezahlte. Daß er der Gemeindeälteste war, machte ihm viel Freude, und das Bewußtsein seiner Macht, die er nur durch Strenge zu zeigen verstand, amüsierte ihn. Die Bauern fürchteten ihn und gehorchten ihm; manchmal erwischte er auf der Straße oder vor dem Wirtshause einen Betrunkenen, fesselte ihm die Hände und sperrte ihn in Arrest; einmal steckte er auch die Großmutter für ganze vierundzwanzig Stunden ins Loch, weil sie statt Ossip zur Bauernversammlung gekommen war und ein großes Geschrei erhoben hatte. Er hatte zwar niemals in der Stadt gelebt und auch keinerlei Bücher gelesen, hatte sich aber irgendwie eine ganze Menge gebildeter Worte angeeignet, die er gerne im Gespräch gebrauchte; die Bauern achteten ihn dafür, obwohl sie seine Worte nicht immer verstanden.

Als Ossip mit seinem Steuerbuch ins Haus des Dorfältesten kam, saß der Pristaw, ein hagerer alter Mann mit grauem Backenbart in grauer Litewka am Tisch und schrieb etwas. In der Stube war es sauber, an den Wänden klebten aus Zeitschriften herausgeschnittene Bilder, und an sichtbarster Stelle neben den Heiligenbildern prangte das Bildnis des gewesenen Fürsten von Bulgarien, Alexander von Battenberg. Neben dem Tisch stand mit gekreuzten Armen Antip Ssedjelnikow.

»Er schuldet noch hundertneunzehn Rubel, Euer Hochwohlgeboren,« sagte er, als die Reihe an Ossip kam. »Vor der Osterwoche hat er einen Rubel eingezahlt, und seither keine Kopeke mehr.«

Der Pristaw sah Ossip an und sagte:

»Warum ist es so, mein Bester?«

»Erweisen Sie mir die göttliche Gnade, Euer Hochwohlgeboren,« begann Ossip in höchster Erregung: »Gestatten Sie mir, alles zu erzählen: vergangenes Jahr sagte mir der Gutsherr von Ljutoretzk: ›Ossip, verkauf mir dein Heu ...‹ Warum auch nicht? Ich hatte damals an die hundert Pud zum Verkauf, die die Weiber bei der Schlucht gemäht hatten ... Wir wurden handelseinig ... Alles war ordentlich und freiwillig ...«

Er beschwerte sich über den Dorfältesten und wandte sich jeden Augenblick zu den anderen Bauern um, als riefe er sie zu Zeugen an; sein Gesicht war rot und schweißig, und die Augen blickten böse und stechend.

»Ich verstehe nicht, wozu du mir das alles erzählst,« sagte der Pristaw. »Ich frage dich ... ich frage dich, warum du die Steuer nicht zahlst! Ihr alle zahlt nicht, und ich soll für euch haften?«

»Ich kann nicht ...«

»Diese Worte sind ohne jede Konsequenz, Euer Hochwohlgeboren,« sagte der Dorfälteste. »Die Tschikildejews gehören allerdings zu der unvermögenden Klasse, aber belieben nur die anderen zu befragen: der Hauptgrund ist der Schnaps; furchtbar ausgelassen sind die Leute. Haben gar kein Verständnis.«

Der Pristaw schrieb sich etwas auf und sagte zu Ossip so ruhig, wie wenn er ihn um ein Glas Wasser bäte:

»Scher dich hinaus.«

Bald darauf fuhr er ab; als er sich in seinen einfachen Wagen setzte, konnte man selbst seinem hageren Rücken ansehen, daß er den Ossip, den Dorfältesten und alle Steuerrückstände schon vergessen hatte und nur noch an seine eigenen Angelegenheiten dachte. Kaum war er eine Werst weit gefahren, als Antip Ssedjelnikow aus dem Hause der Tschikildejews den Samowar forttrug; die Großmutter ging ihm nach und zeterte mit gellender Stimme:

»Ich geb ihn nicht her! Ich geb ihn dir nicht her, du Verdammter!«

Er ging schnell, mit großen Schritten, und sie verfolgte ihn keuchend, wütend, mit krummem Rücken, beinahe hinfallend; das Kopftuch war ihr auf die Schultern gerutscht, und ihre grauen, grün angelaufenen Haare flatterten im Winde. Plötzlich blieb sie stehen, begann sich wie eine echte Aufrührerin mit den Fäusten vor die Brust zu schlagen und schrie mit lauter singender Stimme:

»Ihr Rechtgläubigen, die ihr an Gott glaubt! Man hat uns beleidigt! Man erdrückt uns, ihr Lieben! Tretet doch für uns ein!«

»Großmutter, Großmutter,« sagte der Dorfälteste streng, »hab doch Verstand in deinem Kopf!«

Ohne Samowar wurde es bei den Tschikildejews sehr traurig und langweilig. In dieser Entbehrung lag etwas Erniedrigendes, als hätte man das ganze Haus um seine Ehre gebracht. Wenn der Dorfälteste den Tisch mit allen Bänken und alle Töpfe davongetragen hätte, wäre es in der Stube doch nicht so leer geworden. Die Großmutter schrie, Marja weinte, und auch die Kinder heulten, als sie sie weinen sahen. Der Alte, der sich schuldig fühlte, saß traurig in der Ecke und schwieg. Auch Nikolai schwieg. Die Großmutter liebte und bemitleidete ihn; jetzt hatte sie aber ihr Mitleid vergessen: sie fiel über ihn plötzlich mit Flüchen und Vorwürfen her und fuchtelte mit den Fäusten vor seinem Gesicht. Sie schrie, daß er an allem schuld sei; warum hätte er aus Moskau so wenig geschickt, wenn er sogar selbst in seinen Briefen geprahlt hatte, daß er im Slavischen Bazar ganze fünfzig Rubel im Monat verdiene? Warum sei er jetzt hergekommen, und noch dazu mit Familie? Und wenn er hier sterben sollte, wo nimmt man das Geld für die Beerdigung her? Es war ein Jammer, Nikolai, Olga und Sascha anzusehen.

Der Alte räusperte sich, nahm die Mütze und ging zum Dorfältesten. Es dunkelte schon. Antip Ssedjelnikow stand mit geblähten Backen am Ofen und lötete etwas, und in der Stube war es dunstig. Seine mageren, ungewaschenen Kinder, die nicht besser als die Tschikildejewschen aussahen, balgten sich auf dem Fußboden; seine unschöne Frau mit Sommersprossen im Gesicht und dickem Bauch haspelte Seide. Es war eine unglückliche, arme Familie, und nur Antip allein sah hübsch und unternehmungslustig aus. Auf einer Bank standen in einer Reihe fünf Samowars. Der Alte bekreuzigte sich vor dem Bilde des Fürsten Battenberg und sagte:

»Antip, sei barmherzig, gib mir den Samowar wieder! Um Christi willen!«

»Bring erst drei Rubel, dann kannst du ihn haben.«

»Ich kann nicht!«

Antip blähte die Backen, das Feuer zischte und spiegelte sich in den Samowars. Der Alte zerknüllte seine Mütze in den Händen, dachte eine Weile nach und sagte:

»Gib ihn her!«

Der Dorfälteste sah ganz schwarz aus und erinnerte an einen Zauberer; er wandte sich zu Ossip um und sagte schnell und streng:

»Alles hängt vom Semstwo-Vorsteher ab. In der administrativen Sitzung am sechsundzwanzigsten dieses kannst du dich mündlich oder auch schriftlich beschweren.«

Ossip verstand kein Wort, gab sich aber damit zufrieden und ging nach Hause.

Nach zehn Tagen kam der Pristaw wieder gefahren, verbrachte in Schukowo eine Stunde und fuhr weiter. Das Wetter war in jenen Tagen kalt und windig; der Fluß war schon längst eingefroren, Schnee war aber noch nicht gefallen, und die Leute plagten sich ohne Schlittenweg furchtbar ab. Eines Abends, es war ein Feiertag, versammelten sich bei Ossip die Nachbarn. Sie unterhielten sich im Finstern, denn es war Sünde zu arbeiten, und ohne Not machte man kein Licht. Es gab einige nicht sehr erfreuliche Neuigkeiten. In zwei oder drei Häusern hatte man der Steuerrückstände wegen die Hühner konfisziert und in die Gemeindekanzlei gebracht, wo sie, da man sie nicht fütterte, krepierten; man hatte auch einige Schafe genommen, und während man sie gefesselt transportierte und in jedem Dorfe von neuem umlud, ging eins von ihnen ein. Und nun diskutierten sie über die Frage: wer ist an allem schuld?

»Das Semstwo!« sagte Ossip. »Wer denn sonst?«

»Gewiß, das Semstwo.«

Das Semstwo wurde für alle verantwortlich gemacht: für die Steuerrückstände, für alle Bedrückungen und für die Mißernten, obwohl keiner von ihnen genau zu sagen wußte, was das Semstwo eigentlich sei. Diese Unzufriedenheit hatte aber damit begonnen, daß einige reiche Bauern, die eigene Fabriken, Läden und Wirtshäuser besaßen und eine Zeitlang als Semstwo-Abgeordnete fungiert hatten, mit dem Semstwo unzufrieden waren und in ihren Fabriken und Wirtschaften darüber schimpften.

Man sprach auch davon, daß Gott keinen Schnee schicke: man muß Holz für den Winter fahren, die Straße ist aber so holprig, daß man weder fahren noch gehen kann. Früher, vor fünfzehn, zwanzig Jahren waren die Gespräche in Schukowo viel interessanter gewesen. Damals sah jeder Alte so aus, als ob er irgendein Geheimnis hütete, als ob er etwas wüßte oder erwartete; man sprach damals von einem Zarenerlaß mit goldenem Siegel, von der Austeilung des Bodens, von neuen Ländereien, von vergrabenen Schätzen und erging sich in Andeutungen; jetzt hatten aber die Bauern gar keine Geheimnisse mehr; ihr ganzes Leben verlief allen sichtbar, und sie konnten nur von ihrer Not und von der Nahrung sprechen, und daß es keinen Schnee gäbe ...

Sie schwiegen eine Weile, brachten dann die Rede wieder auf die Hühner und Schafe und begannen von neuem zu untersuchen, wer an allem schuld sei.

»Das Semstwo!« sagte Ossip traurig. »Wer denn sonst?«

 

VIII

Die Pfarrkirche befand sich sechs Werst weit, in Kossogorowo, und die Bauern gingen nur im Notfalle hin, wenn es sich um eine Kindtaufe, eine Trauung oder die Einsegnung einer Leiche handelte; zum Gottesdienst gingen sie aber in die nächste Kirche jenseits des Flusses. An Feiertagen bei gutem Wetter putzten sich die jungen Mädchen aus und zogen in großer Schar zur Messe, und es war sehr lustig anzusehen, wie sie in ihren roten, gelben und grünen Kleidern über die Wiese gingen; bei schlechtem Wetter saßen sie aber zu Hause. Zur Fastenzeit bereiteten sie sich auf die Beichte in der Pfarrkirche vor, und wenn einer keine Zeit hatte, zu beichten und zu kommunizieren, so erhob von ihm der Geistliche, wenn er in der Osterwoche einen Rundgang durchs Dorf machte, nachträglich fünfzehn Kopeken.

Der Alte glaubte nicht an Gott, weil er fast nie an ihn dachte; er glaubte wohl an übernatürliche Dinge, meinte aber, daß diese nur die Weiber allein angingen; wenn man zu ihm von der Religion oder von Wundern sprach oder an ihn irgendeine Frage richtete, so sagte er ärgerlich, sich den Nacken kratzend:

»Wer kann das wissen!«

Die Großmutter glaubte wohl, aber ihr Glaube war dunkel und verworren. In ihrem Gedächtnisse war alles durcheinander gekommen, und wenn sie mal anfing, an ihre Sünden, den Tod und das Seelenheil zu denken, so wurden diese Gedanken von der Not und den Sorgen erdrückt, und sie vergaß gleich alles, was sie sich eben gedacht hatte. Sie konnte sich auf kein einziges Gebet mehr besinnen; wenn sie abends vor dem Schlafengehen vor den Heiligenbildern stand, flüsterte sie nur:

»Heilige Mutter Gottes von Kasan, Heilige Mutter Gottes von Smolensk, Heilige Mutter Gottes mit den drei Händen ...«

Marja und Fjokla bekreuzigten sich, gingen jedes Jahr zur Beichte, verstanden aber nichts. Sie lehrten ihre Kinder nicht beten, sagten ihnen nichts von Gott, prägten ihnen keine Gebote ein und beschränkten sich auf das Verbot, an Fasttagen Fleisch und Milchspeisen zu essen. Auch in den anderen Familien war es nicht anders: fast niemand glaubte an Gott, nur sehr wenige verstanden etwas von der Religion. Zugleich liebten aber alle die Heilige Schrift; sie liebten sie zärtlich und andächtig, es war aber niemand da, der sie lesen und erklären konnte; Olga genoß dafür, daß sie zuweilen aus dem Evangelium vorlas, allgemeine Achtung, und alle sagten zu ihr und zu Sascha »Sie«.

Olga ging oft zu Kirchenfesten und Gottesdiensten in die Nachbardörfer und in die Kreisstadt, in der es zwei Klöster und siebenundzwanzig Kirchen gab. Sie war zerstreut und vergaß jedesmal, wenn sie sich auf so eine Wallfahrt begab, daß sie eine Familie hatte; wenn sie heimkehrte und die Entdeckung machte, daß sie einen Mann und eine Tochter hatte, erstrahlte sie vor Freude und sprach:

»Gott hat mir seine Gnade erwiesen!«

Alles, was im Dorfe vorging, erschien ihr widerlich und quälte sie. Am Tage des Propheten Elias wurde getrunken, zu Mariä Himmelfahrt wurde getrunken, zur Kreuzeserhöhung wurde getrunken. Zu Mariä Schutz und Fürbitte war in Schukowo Kirchweih, und die Bauern tranken aus diesem Grunde drei Tage lang; sie vertranken fünfzig Rubel aus der Gemeindekasse und sammelten dann in allen Häusern Geld, um noch mehr Schnaps zu kaufen. Am ersten Tage schlachtete man bei den Tschikildejews einen Hammel und aß ihn dann am Morgen, zu Mittag und abends; man aß furchtbar viel, und die Kinder standen auch in der Nacht auf, um noch mehr zu essen. Kirjak war diese drei Tage sinnlos betrunken; er vertrank alles, selbst die Mütze und die Stiefel und verprügelte Marja so schrecklich, daß man sie mit Wasser begießen mußte, um sie zur Besinnung zu bringen. Und später empfanden alle nichts als Scham und Uebelkeit.

Einmal wurde aber in Schukowo, in diesem Lakaiendorf, ein echtes religiöses Fest gefeiert. Es war im August, als man durch den ganzen Landkreis, von Dorf zu Dorf das Gnadenbild der Lebenspendenden Mutter Gottes herumtrug. An dem Tage, als man sie in Schukowo erwartete, war es trüb und windstill. Die jungen Mädchen gingen schon am frühen Morgen in ihren grellen Kleidern der Prozession entgegen und geleiteten das Gnadenbild gegen Abend mit Gesang und unter dem Geläute aller Kirchenglocken am anderen Flußufer ins Dorf. Eine große Menge Einheimischer und Fremder überschwemmte die Dorfstraße; es gab einen Lärm, ein Gedränge und viel Staub ... Der Alte, die Großmutter, Kirjak – alle streckten die Hände zum Gnadenbilde aus, blickten es sehnsüchtig an und riefen unter Tränen:

»Fürbitterin, Mütterchen! Fürbitterin!«

Es war, als hätten alle plötzlich verstanden, daß der Raum zwischen Himmel und Erde doch nicht ganz leer sei, daß die Reichen und Mächtigen doch nicht alles an sich gerafft hätten, daß es noch einen Schutz gegen die Kränkungen, die Knechtschaft, die schwere, unerträgliche Not und den schrecklichen Schnaps gäbe.

»Fürbitterin, Mütterchen!« schluchzte Marja. »Mütterchen!«

Nachdem man aber einen Gottesdienst abgehalten und das Gnadenbild wieder weggetragen hatte, blieb alles wieder beim alten, und aus dem Wirtshause klangen wieder rohe, trunkene Stimmen.

Angst vor dem Tode kannten nur die reichen Bauern, die, je reicher sie wurden, immer weniger an Gott und an das Seelenheil glaubten; nur aus Furcht vor dem irdischen Ende stifteten sie für jeden Fall Lichter und ließen Messen lesen. Aber die ärmeren Bauern fürchteten den Tod nicht. Dem Alten und der Großmutter sagte man oft ins Gesicht, daß sie zu lange leben und daß es für sie Zeit wäre, zu sterben, und sie machten sich nichts daraus. Man scheute sich nicht, in Nikolais Anwesenheit zu Fjokla zu sagen, daß, wenn Nikolai stürbe, ihr Mann Denis vom Militärdienst befreit werden und heimkehren würde. Marja aber hatte nicht nur keine Angst vor dem Tode, sondern grämte sich, daß er so lange auf sich warten ließ, und freute sich, so oft ihr ein Kind starb.

Den Tod fürchtete man nicht, hatte aber dafür eine übertriebene Angst vor jeder Krankheit. Aus dem nichtigsten Anlasse, bei Magenverstimmungen oder leichtem Frösteln legte sich die Großmutter auf den Ofen, wickelte sich in Decken und begann laut und unaufhörlich zu stöhnen: »Ich sterbe!« Der Alte holte dann schnell den Geistlichen, und die Großmutter bekam die letzte Oelung. Man sprach oft von Erkältungen, von Bandwürmern, von Skropheln, die im Magen herumkollern und gegen das Herz drücken. Ueber alles fürchtete man aber Erkältung; daher kleidete man sich selbst im Sommer sehr warm und wärmte sich ständig am Ofen. Die Großmutter ließ sich gerne ärztlich behandeln und fuhr oft ins nächste Spital, wo sie ihr Alter nicht mit siebzig sondern mit achtundfünfzig Jahren angab; sie fürchtete nämlich, daß der Arzt, wenn er ihr wahres Alter wüßte, sie nicht mehr behandeln und ihr sagen würde, daß es für sie Zeit sei zu sterben. Ins Spital begab sie sich immer mit zwei oder drei Kindern am frühen Morgen und kam böse und hungrig am Abend wieder heim und brachte Tropfen für sich und Salben für die Kinder mit. Einmal schleppte sie auch Nikolai mit; er nahm nachher vierzehn Tage lang irgendwelche Tropfen ein und behauptete, daß er sich besser fühle.

Die Großmutter kannte sämtliche Aerzte, Feldschers und Kurpfuscher im Umkreise von dreißig Werst, und keiner von allen gefiel ihr. Als der Geistliche am Fest Mariä Schutz und Fürsorge mit dem Kreuze eine Runde durchs Dorf machte, sagte ihr der Küster, daß in der Stadt neben dem Zuchthause ein alter ehemaliger Regimentsfeldscher wohne, der alle Krankheiten mit Erfolg behandle, und riet ihr, sich an ihn zu wenden. Die Großmutter folgte dem Rat. Als der erste Schnee fiel, fuhr sie in die Stadt und brachte den Feldscher mit, einen kleinen, alten getauften Juden mit langem Bart und langschößigem Rock, dessen ganzes Gesicht von blauen Aederchen durchzogen war. An diesem Tage arbeiteten in der Stube Taglöhner: ein alter Schneider mit furchtbar großer Brille schnitt aus Lumpen eine Weste zu, und zwei jüngere Burschen fertigten aus Schafwolle Filzstiefel an; Kirjak, den man wegen Trunksucht entlassen hatte und der jetzt zu Hause wohnte, saß neben dem Schneider und besserte ein Kummet aus. In der Stube war es eng, schwül und dumpf. Der Getaufte untersuchte Nikolai und sagte, daß man ihm Schröpfköpfe setzen müsse.

Er setzte die Schröpfköpfe, der alte Schneider, Kirjak und die Mädchen standen dabei und glaubten zu sehen, wie aus Nikolai die Krankheit herauskomme. Auch Nikolai beobachtete, wie die Schröpfköpfe an seiner Brust sich allmählich mit dunklem Blut füllten; er spürte, daß aus ihm tatsächlich etwas herauskam, und lächelte vor Vergnügen.

»Es ist gut so,« sagte der Schneider. »Gebe Gott, daß es nützt.«

Der Getaufte setzte zwölf Schröpfköpfe an, dann noch einmal zwölf, trank Tee und fuhr heim. Nikolai begann zu zittern, sein Gesicht schrumpfte ein und wurde, wie die Weiber sagten, so klein wie eine Kinderfaust; seine Finger liefen blau an. Er hüllte sich in die Decke und in den Schafspelz, aber es fror ihn immer mehr. Gegen Abend begann er zu jammern; er verlangte, daß man ihn auf den Fußboden lege und bat, daß der Schneider zu rauchen aufhöre; dann wurde er unter seinem Schafspelz still. Gegen Morgen starb er.

 

IX

So furchtbar streng, so furchtbar lang war dieser Winter!

Zu Weihnachten war man schon mit dem eigenen Mehl zu Ende und mußte welches kaufen. Kirjak, der jetzt zuhause wohnte, machte Abend für Abend Skandal und jagte allen Angst ein; des Morgens quälten ihn aber Kopfweh und Scham, und es war ein Jammer, ihn anzusehen. Im Stalle brüllte Tag und Nacht die hungrige Kuh, und der Großmutter und Marja brach schier das Herz entzwei, wenn sie sie hörten. Wie zum Trotz wollte der Frost gar nicht abnehmen, der Schnee lag in großen Haufen, und der Winter zog sich ungewöhnlich in die Länge: zu Christi Himmelfahrt heulte ein richtiger Schneesturm, und in der Osterwoche schneite es noch.

Endlich war aber der Winter doch zu Ende. Anfang April waren die Tage warm, die Nächte aber kalt; der Winter wollte noch nicht nachgeben. Aber ein warmer Tag gewann schließlich doch die Oberhand, und überall begannen die Bäche zu rauschen und die Vögel zu singen. Das Wiesenland und das Gebüsch am Flußufer war überschwemmt, und der ganze Raum zwischen Schukowo und dem gegenüberliegenden Dorfe war von einem riesengroßen See eingenommen, auf dem sich Schwärme von Wildenten tummelten. Die feurigen Sonnenuntergänge mit den prunkvollen Wolkengebilden boten jeden Abend ein neues, ungewöhnliches und unwahrscheinliches Bild; es waren die gleichen Farben und Wolken, die man für unmöglich hält, wenn man sie auf einem Bilde dargestellt sieht.

Die Kraniche zogen mit traurigen Schreien schnell vorbei, und es war, als forderten sie jeden auf, mit ihnen zu fliegen. Olga stand am Rande des Abhanges und blickte lange auf das Hochwasser, auf die Sonne, auf die strahlende, gleichsam jünger gewordene Kirche; Tränen liefen ihr die Wangen herab, und ihr Atem stockte, weil sie den leidenschaftlichen Wunsch hatte, irgendwohin fortzuziehen, ganz gleich wohin, wenn auch ans Ende der Welt. Es war aber schon beschlossen, daß sie nach Moskau zurückkehren und als Dienstmädchen in Stellung gehen würde; auch Kirjak sollte mit ihr mitziehen, um sich einen Hausknechtposten oder etwas anderes zu suchen. Ach, wenn sie schon fort könnte!

Als es trocken und warm geworden war, machten sie sich auf den Weg. Olga und Sascha brachen in Bastschuhen, mit Säcken auf den Rücken, in aller Frühe auf. Marja begleitete sie vor das Dorf. Kirjak war unwohl und wollte noch acht Tage zu Hause bleiben. Olga blickte zum letztenmal die Kirche an und verrichtete ein Gebet; sie dachte an ihren Mann, weinte aber nicht, ihr Gesicht wurde nur runzlig und unschön wie bei einem alten Weibe. Während des Winters war sie abgemagert, ein wenig ergraut, und ihr Gesicht zeigte statt der früheren Anmut und des angenehmen Lächelns den demütigen und traurigen Ausdruck des durchgemachten Leids, und in ihrem Blicke war etwas Stumpfes und Unbewegliches, als hätte sie das Gehör verloren. Der Abschied vom Dorfe und von den Bauern fiel ihr schwer. Sie erinnerte sich, wie man Nikolais Leiche durchs Dorf trug und wie die Bauern vor jedem Hause eine Totenmesse lesen ließen, wie sie weinten und mit ihr mitfühlten. Im Laufe des Sommers und des Winters hatte es manchen Tag und manche Stunde gegeben, wo es ihr vorkam, daß diese Menschen schlimmer als das Vieh seien und daß es entsetzlich sei, unter ihnen zu leben; sie sind roh, unehrlich, schmutzig, dem Trunke ergeben und zanken sich immer, weil sie einander mißachten, fürchten und verdächtigen. Wer ist der Schankwirt und vergiftet das Volk mit Schnaps? Der Bauer. Wer unterschlägt und vertrinkt Gemeinde-, Schul- und Kirchengelder? Der Bauer. Wer bestiehlt seinen Nachbarn, wer legt Feuer an, wer läßt sich mit einer Flasche Schnaps zu einer falschen Aussage vor Gericht bestechen? Wer tritt in den Semstwo- und den anderen Versammlungen gegen die Interessen der Bauern auf? Der Bauer. Ja, es ist entsetzlich, mit ihnen zu leben, aber sie sind immerhin Menschen, sie leiden und weinen wie Menschen, und in ihrem Leben ist nichts, wofür man nicht eine Rechtfertigung finden könnte. Die schwere Arbeit, von der der Körper nächtelang schmerzt, die strengen Winterfröste, die schlechten Ernten, das enge Beisammenwohnen, – und es ist keine Hilfe da, und man kann sie von keiner Seite erwarten. Die, die reicher und mächtiger sind als sie, können nicht helfen, da sie selbst roh, unehrlich und dem Trunke ergeben sind und ebenso abscheulich fluchen; der kleinste Beamte oder Angestellte behandelt die Bauern wie Vagabunden, sagt selbst zu den Dorfältesten und Kirchenvorstehern »du« und glaubt ein Recht darauf zu haben. Kann man denn auch irgendeine Hilfe oder ein gutes Beispiel von eigennützigen, geldgierigen, verdorbenen, faulen Menschen erwarten, die ins Dorf nur dazu kommen, um die Bauern zu beleidigen, auszuplündern oder einzuängstigen? Und Olga erinnerte sich, welch ein unglückliches, gedrücktes Aussehen die Alten gehabt hatten, als man Kirjak im Winter mit Ruten bestrafte ...

Auch jetzt taten ihr alle diese Menschen leid, und sie sah sich im Gehen nach allen Häusern um.

Marja begleitete sie drei Werst weit; dann kniete sie nieder, berührte mit dem Gesicht den Boden und jammerte:

»Wieder bleibe ich allein, ich Arme, Unglückliche ...«

Lange schrie sie so, und Olga und Sascha konnten lange sehen, wie sie, noch immer kniend, sich immer wieder verbeugte, den Kopf mit beiden Händen umfassend, und wie über ihr die Krähen kreisten.

Die Sonne stieg immer höher hinauf, und es wurde heiß. Schukowo lag schon weit zurück. Es ging sich leicht, Olga und Sascha dachten bald nicht mehr ans Dorf und an Marja, es war ihnen lustig zumute, und alles bot ihnen Zerstreuung. Bald war es ein Hünengrab, bald eine Reihe von Telegraphenstangen, die eine nach der anderen, Gott weiß wohin, liefen und in der Ferne verschwanden und deren Drähte geheimnisvoll summten; bald tauchte in der Ferne ein Gut auf, ganz im Grünen gelegen, ein Hauch von Kühle und Hanf kam von dort gezogen, und man hatte aus irgendeinem Grunde das Gefühl, daß dort lauter glückliche Menschen wohnen; bald lag ein weißes Pferdegerippe einsam im Felde. Die Lerchen schmetterten aber unermüdlich, die Wachteln riefen einander etwas zu, und die Stimme des Wiesenschnarrers klang so, als ob er an einem alten eisernen Riegel rüttelte.

Zur Mittagsstunde kamen Olga und Sascha in ein großes Kirchdorf. Auf der breiten Dorfstraße begegneten sie dem alten Koch des Generals Schukow. Er schwitzte, und seine rote Glatze glänzte in der Sonne. Olga und er erkannten sich zuerst nicht, dann blickten sie gleichzeitig zurück und erkannten einander; sie sagten aber kein Wort, und ein jeder ging seinen Weg. Olga blieb vor den offenen Fenstern eines Hauses, das reicher und neuer als die anderen aussah, stehen, verbeugte sich und sagte laut, mit hoher, singender Stimme:

»Rechtgläubige Christen, gebt ein Almosen um Christi willen, soviel ihr könnt, der Herr gebe euren Eltern das Himmelreich und die ewige Ruhe.«

»Rechtgläubige Christen,« sang auch Sascha, »gebt um Christi willen, soviel ihr könnt, der Herr gebe das Himmelreich ...«

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