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Alexander Sergejewitsch Puschkin: Die Russalka - Kapitel 1
Quellenangabe
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typepoem
authorAlexander Sergejewitsch Puschkin
booktitlePuschkins Dichtungen
titleDie Russalka
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
translatorFerdinand Löwe
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Alexander Sergejewitsch Puschkin

Die Russalka

 

Übersetzt von Ferdinand Löwe

 

Einleitung

Alexander Ssergéjewitsch Puschkin ist am 26. Mai 1799 geboren. Mütterlicher Seits floß afrikanisches Blut in seinen Adern, und zwar verhält es sich damit so. Der Urgroßvater Puschkins, der jüngste von 20 Söhnen eines reichen Häuptlings, war als achtjähriger Knabe von der afrikanischen Küste geraubt und nach Konstantinopel geführt worden, wo ihn der russische Gesandte loskaufte und dem Zar Peter dem Großen zum Geschenk sandte. Dieser ließ den Knaben in Wilna taufen und weigerte sich, seinen Täufling, jetzt Abram Petrówitsch Hannibal, einem Bruder desselben auszuliefern, der nach Petersburg gekommen war, um ihn auszulösen. Als der junge Hannibal achtzehn Jahre alt war, wurde er vom Zar nach Frankreich geschickt, von wo er als Lieutenant zurückkam. Seitdem war er von der Person seines kaiserlichen Herrn unzertrennlich. Er starb nach wechselnden Schicksalen als pensionirter General en chef unter der Kaiserin Katharina II. im 92. Lebensjahre. Puschkin selbst berichtet von ihm, daß seine heißen Leidenschaften und sein grenzenloser Leichtsinn ihn in große Verirrungen gestürzt, und wenn der Dichter Selbstbekenntnisse macht, so spielt er auch gern auf das afrikanische Blut an, das in seinen Adern fließe. – Dagegen waren die Puschkins ein altes russisches Adelsgeschlecht, und nicht ohne Stolz blickte der Dichter auf diese seine Abstammung von väterlicher Seite. »Wie weit ist denn – so fragt er einmal in einem Briefe – unser Freund N. mit seinem Geschichtswerke? Etwa bei der Erwählung der Romanofs?« und fährt mit tragikomischem Pathos fort: »O diese Undankbaren! Sechs Puschkins haben die Wahlurkunde unterzeichnet, und zwei ihr Kreuz darunter gesetzt, weil sie nicht schreiben konnten. Und ich, ihr schriftkundigergrámotny. So heißt jeder des Lesens und Schreibens Kundige – dann bezeichnet das Wort überhaupt die erste Bildungsstufe. Nachkomme, was bin ich? wo bin ich?« (Puschkin war damals seiner frondirenden Haltung wegen auf sein Gut verwiesen worden.)

Seine erste Ausbildung erhielt Puschkin im elterlichen Hause, Im Jahre 1811 wurde er dem eben damals vom Kaiser Alexander I. neu gegründeten Lyceum zu Zárskoje-Sseló bei St. Petersburg übergeben. Diese Anstalt hat, mehr noch als das gleichzeitig ins Leben gerufene Richelieu'sche Lyceum in Odessa, für Rußland eine Bedeutung gehabt, wie etwa die Württembergische Karlsschule für Deutschland. Wie diese militärisch organisirt, sollte das Lyceum gleichwohl tüchtige Civilbeamte heranbilden. Es war mit ausgesuchter Pracht eingerichtet und wurde im Ganzen freisinnig geleitet, da Kaiser Alexander damals noch keine Veranlassung gefunden, seine liberalen Tendenzen in den Hintergrund zu stellen. Wie aus der Karlsschule der eine der deutschen Dichter-Dioskuren, so ging also aus dem Lyceum von Zárskoje-Sseló der erste wahre und bis jetzt größte Dichter Rußlands hervor. Ueberhaupt aber verdankt Rußland viele seiner ausgezeichnetsten Männer diesem Lyceum. – Nicht ungeeignet war der Aufenthalt zu Zárskoje-Sseló, eine poetische Begabung zu fördern. Die weiten Gänge des herrlichen Parks gewähren die freieste, selbst im Winter kaum gehemmte Bewegung; man hat ein gewisses Gefühl räumlicher Ungebundenheit, das auf die Seele übergeht. Früh entstanden hier die ersten dichterischen Erzeugnisse des jungen Lyceisten – Ergüsse der Freundschaft, der Liebe, des Witzes, des jugendlichen Taumels und – der heißen Sehnsucht nach unvergänglichem Ruhme. Charakteristisch und an das Horazische Desipere in loco erinnernd sind folgende Stellen aus einer poetischen Epistel an einen Freund (aus dem Jahre 1817):

Für Alles ist 'ne Zeit zur Hand,
Und Alles trägt der Stunde Zeichen –
Der Greis ist lächerlich als Fant,
Der Jüngling – will er ehrbar schleichen;

Die Menge weiß nicht, daß sich wohl verträgt
Die Karte mit dem Vers, der Wein mit Plato's Feier,
Und daß auch unter loser Streiche dünnem Schleier
Noch Geistesadel und Gemüth sich regt.

Die in Zárskoje-Sseló verlebten Jahre hat Puschkin immer zu den glücklichsten seines Lebens gezählt; er errang sich hier schon durch seine dichterischen Leistungen die segnende Anerkennung des greisen Dersháwin. Nach Beendigung des sechsjährigen Kursus kam Puschkin nach St. Petersburg und trat hier in den Staatsdienst im Kollegium der auswärtigen Angelegenheiten. Der junge Dichter, dem sein Ruhm vorangegangen war, fand in den höheren Kreisen der Residenz, denen er ohnehin durch seine Geburt angehörte, die zuvorkommendste Aufnahme. Minder günstig war die Aufnahme, welche seine freiheitathmenden, abschriftlich über ganz Rußland sich verbreitenden Verse und Pasquille bei der Regierung fanden. Puschkin wurde anfangs nach Kischinéf, sodann nach Odessa versetzt, und da er sich auch hier mit seinem Chef, dem Grafen Woronzóf, nicht zu stellen wußte, so erfolgte 1824, nicht ohne daß der Dichter Anlaß gegeben hätte, seine Verweisung auf sein väterliches Gut Michailofski im opótschkosschen Kreise des Gouvernements Pskof. Im Ganzen war der unfreiwillige Aufenthalt im südlichen Rußland durchaus fruchtbar für des Dichters Entwickelung. Hier lernte er auf seinen Exkursionen die Steppe in ihrer erhabenen Oede und die wilde Schönheit des Gebirges kennen; hier wurde er mit Wesen und Sitten der einheimischen wie der stammfremden Bewohner vertraut. Die Natur und das Volksleben dieser Gegenden reflektiren sich in seinen Dichtungen: »Die Zigeuner«; »Der kaukasische Gefangene«; »Maseppa«; »Poltawa« und anderen.

In die Decemberverschwörung des Jahres 1824 war Puschkin, obwohl mit einigen Häuptern derselben eng befreundet, zu seinem und zum Heile der russischen Literatur nicht verwickelt. Es scheint, daß jene Freunde groß genug von seinem Dichterwerthe dachten, um ihn an der Schwelle ihres Geheimbundes festzuhalten, obwohl Puschkin selbst diese Ausschließung eine Zeitlang als Kränkung empfand. Das war aber jedenfalls nur eine momentane Verkennung seines wahren Berufs, Er durfte in einem Briefe von 1826 sagen, daß er nie Aufruhr und Revolution gepredigt habe, er durfte mit vollem Rechte sich auf den Ausspruch Alfieri's beziehen, daß der Schriftsteller mehr zur Kontemplation als zur Aktion neige, oder, wie Puschkin selbst es einmal dichterisch ausspricht:

Nicht zu des Weltgewühls Bemeistrung,
Nicht zu der Habgier blut'gem Ringen –
Geschaffen sind wir zur Begeistrung,
Um lieblich und um fromm zu singen.

Man hat in und außer Rußland Puschkins Wunsch, sich mit der Regierung auszusöhnen, als einen Abfall von seinen früheren Ueberzeugungen angesehen. Mit Unrecht, Puschkin ist aus einem Tadler niemals ein Schmeichler geworden, er hat keine Palinodie angestimmt. Dafür würde schon sein unaufhörlicher Hader mit der Censur Zeugniß ablegen, dem erst der Kaiser Nikolaus dadurch ein Ende machte, daß er selber die Censur Puschkins in die Hand nahm, wobei sich der Autor jedenfalls besser stand. Wenn Puschkin der hochherzigen Aufforderung des jungen Kaisers Nikolaus, welche 1826 an ihn erging, Gehör gab und sich als Historiograph Peters des Großen besolden ließ, ja sogar eine Hofcharge annahm, so ist das nicht Puschkin, der seinen Idealen untreu wird, sondern Puschkin, der über der idealistischen Wolkenhöhe die reale Basis nicht aus dem Auge verliert. Sein großer Verstand – und große Dichter sind nie ohne solchen – sagte ihm, daß für Rußland auf dem Wege der Konspirationen und Emeuten nichts zu hoffen sei, und daß das russische Volk doch immer am besten fahre, wenn es sich fest um seine Dynastie schaare. Er erkannte, daß »die Regierung immer voran sei auf der Bahn der Civilisation«, mußte aber freilich auch beklagen, daß das Volk zaudernd und oft widerwillig folge. Daß diesem nicht normalen Verhältniß nur eine durchgreifende Volksbildung abhelfen könne, wußte Puschkin sehr wohl; es wurde ihm besonders fühlbar, als im Jahre 1830 die Cholera ausbrach und die verblendeten Massen sich den bekannten Excessen überließen. »Freilich – schreibt Puschkin – protestiren die Zeitungen gegen den Irrwahn, aber leider liest das Volk keine Zeitungen, weil es nicht lesen kann.« In andern Ländern konnte damals das Volk lesen und – machte es doch nicht besser.

Puschkin siedelte also im Jahre 1826 zum zweiten Male nach St. Petersburg über. Hier gab er Vollendetes heraus, schuf Neues und beschäftigte sich ziemlich ernsthaft mit historischen Studien. Nach einer abermaligen Reise in den Süden Rußlands gründete Puschkin zu Anfang des Jahres 1831 in St. Petersburg seinen eigenen Herd. Sein Glück war vollständig und wurde nur getrübt durch die schmerzliche Erinnerung an den unlängst gestorbenen Baron Delwig, den begabten Dichter, der schon auf dem Lyceum Puschkins vertrautester Freund gewesen war. Im Jahr 1833 unternahm Puschkin eine Reise an den Ural, um den Schauplatz der Pugatschésschen Wirren, mit deren geschichtlicher Darstellung er beschäftigt war, in Augenschein zu nehmen. Dem Aufenthalt in Orenburg verdanken wir die meisterhafte Erzählung, welche den Titel führt »Die Tochter des Kapitäns« und die das altrussische Leben in seiner ganzen beschränkten Naivetät, in seiner patriarchalischen Gebundenheit wie in seiner gemüthlichen Tüchtigkeit so wunderbar spiegelt.

In das Jahr 1836 fällt die »Russalka«. Kaum wird irgend eine Literatur ein Erzeugniß aufzuweisen haben, in dem sich Sage und Wirklichkeit lieblicher vermählen. In demselben Jahre verlor Puschkin seine geliebte Mutter, an deren Seite er sich wie in trüber Ahnung einen Ruheplatz bestellte. Nur zu bald sollte er ihr folgen, während der Vater das Unglück hatte, den Sohn zu überleben. Puschkin verschied am 29. Januar 1837 an den Folgen eines Duells mit einem fremden in russischen Diensten stehenden Offizier, dem der Genius keine Achtung einflößte. Man hat es beklagt, daß jüngst Ferdinand Lassalle seine großen Geisteskräfte dem blinden Kugelspiele preisgab. Lassalle hat mit eigenwilligem Uebermuth heraufbeschworen und im Widerspruch mit seinen eigenen Principien vollführt, was Puschkin, in seinen intimsten Verhältnissen aufs schnödeste angegriffen, nach Zeit- und Standesbegriffen von Ehre nicht mehr vermeiden konnte. So hat den großen russischen Dichter, an dem die lauernde Gefahr politischer Verstrickung so glücklich vorübergegangen war, eine elende Intrigue dahin gerafft in der Blüthe seines Lebens und Strebens. Aber auch von ihm gilt:

Er hat den Besten seiner Zeit genügt
Und hat genug gelebt für alle Zeiten.

Ein unermeßlicher Schmerz durchzuckte ganz Rußland bei der Nachricht von Puschkins Ende. Nicht nur die Gebildeten, auch die Massen trauerten, die man sich nicht so roh und unempfindlich vorstellen darf, wie Unkenntniß und Ueberhebung sie schildern, und die so manche Strophe des Dichters schon zu ihrem Eigenthum gemacht hatten.

Puschkin ist, wie Goethe, der Abschluß einer Literaturepoche und der Begründer einer neuen, noch fortwirkenden. Wie Goethe fand Puschkin einen Kreis von Dichtern und Denkern vor, an dem er sich bildete und heraufrankte; wie Goethe fand er eine gereinigte und durchgearbeitete Sprache vor – aber wie Goethe wuchs er riesengroß über alle Zeitgenossen hinaus. Es ließe sich die aufgestellte Parallele ins Einzelne verfolgen, wenn man den pathetischen Dersháwin mit Klopstock, den sentimentalen Karamsin mit Herder, den romantisirenden Shukófski mit Wieland zusammenstellen wollte, immer in den allgemeinsten Zügen und ohne die große Verschiedenheit der Begabungen und Leistungen zu übersehen. Sogar etwas wie ein russischer Lessing war diesen Dreien vorausgegangen in dem kühnen, das gesammte Wissensgebiet seiner Zeit beherrschenden Lomonóssof, in dessen Programm nur an Stelle der Theologie die Naturforschung Platz griff. – Es regte sich, als Puschkin auftrat, in weiteren Kreisen; mit Ideen und Kenntnissen, mit den Geistesschätzen des Auslandes war die Nation beschenkt, aber sich selbst hatte sie noch nicht gefunden. Als Goethe mit seinen Liedern, seinem Werther, seinem Götz sich vernehmen ließ, da jauchzte die Nation ihm als dem Herolde einer Offenbarung zu; er hatte ihr die tiefsten Geheimnisse ihres Wesens und ihrer Sprache aufgeschlossen. Das waren die deutschen Laute, aber sie erhielten neue Bedeutung, neue Weihe, neuen Wohlklang, das waren die Gefühle und Leidenschaften, von denen man auch früher »gesungen« hatte, aber in welcher Tiefe und Wahrheit! Die Natur, wie die innerste Empfindung der Menschenbrust fanden ihr Echo. Aehnlich trat Puschkin in die Mitte seiner lauschenden Landsleute, und der Eindruck, den er auf Alles, was damals las, hervorbrachte, erklärt sich, weil

– es ihm aus der Seele drang
Und mit urkräftigem Behagen
Die Herzen aller Hörer zwang.

Wie Goethe schöpfte Puschkin früh aus dem Born der Volkssage, des Volkslebens, der Volkssprache; wie Goethe griff er in die Geschichte seiner Nation zurück. Wie viel Anregung und Belehrung auch Puschkin durch ausländische Muster empfangen hat, – und nur der einzige Shakespeare scheint eines solchen Impulses nicht bedurft zu haben, – so ist doch der russische Dichter durchaus original, weil national. Nur der unvergleichliche und unübersetzbare Fabeldichter Koylóf giebt in gleicher Stärke und Treue den Typus des russischen Volkslebens, wenn schon auf niederer Stufe, wieder. Puschkin ist so wenig bloßer Nachahmer wie Goethe, auf den denn doch auch Shakespeare, und wie Schiller, auf den Beide mächtig eingewirkt haben. Er selbst mahnt mitstrebende Freunde von der Nachahmung fremder Vorbilder ab. »Laß die Ausländer fahren – schreibt er einmal – und halte Dich zu uns Russen«, wörtlich Rechtgläubigen.Prawosslawnüje. Dies Wort ist ein Synonym für »volksthümlich, national« geworden, und man denkt dabei im gewöhnlichen Leben ebenso wenig ans Dogma, wie wenn man in Deutschland von Christenheit oder Christenmenschen spricht.

Wenn man Puschkin für einen bloßen Nachahmer Byrons ausgiebt, so ist das ein so seichtes Urtheil, wie es nur je ein Kritikus »in Steifleinen« hat fällen können.

Es ist zunächst hervorzuheben, daß in der englischen Aristokratie ein Dichter überhaupt eine Ausnahme war und ist, während die meisten russischen Poeten geborene Edelleute waren und sich nicht erst, wie deutsche Dichter und Schriftsteller, in den Adelsstand »erheben« zu lassen brauchten. Dann aber steht Byron seinem Lande und Volke polemisch, antipathisch gegenüber – die Notabilitäten der russischen Literatur sind von inniger freier Liebe zu ihrem Lande und Volke durchdrungen. Vor allen aber Puschkin, dem, obwohl er sonst nie weinte, doch ein einziges Mal patriotische Verse Jasýkofs auf Rußlands Wehr gegen Napoleon Thränen entlockten.Nach der Erzählung Gogols, der es erlebte. Puschkin hat sich ganz vertieft in das Leben seines Volkes, und »wo er's packt, da ist's interessant«, in der grauen sagenhaften Vorzeit, wie im kerzenhellen Salon der Gegenwart, im Klein- und Stillleben des Bauern und Arbeiters, wie in dem Treiben der guten und bösen Gesellschaft. Puschkins »Jewgénii Onégin«, auf den man vorzüglich die angebliche Nachahmung Byrons hat gründen wollen, war fertig, als Puschkin erst fünf Gesänge des Don Juan gelesen hatte, und hat weit mehr Familienähnlichkeit mit Goethe's Wilhelm Meister als mit Byrons Don Juan. Onégin ist ein Dilettant in der schweren Kunst zu leben, aber ein unglücklicher, während Wilhelm Meister, wenn auch nach vielen Irrgängen, das Ziel einer harmonischen Befriedigung erreicht. Wilhelm Meister schwingt sich aus dem soliden, aber schwerfälligen und philisterhaften Bürgerstande durch seine Talente und sein Streben in eine höhere Lebenssphäre hinauf – Onégin, Aristokrat von Geburt, geht an dem Lebensglück, das sich ihm darbietet, in unglücklicher Verblendung vorüber und kommt erst zur Erkenntniß, als es zu spät ist. Was sonst Onégin genossen, gelernt, gestrebt, kann die Leere seines Herzens nicht ausfüllen, und so verherrlichen beide Gedichte die Verbindung eines hochstrebenden Mannes mit einem edlen, sympathischen Weibe als das höchste Lebensziel und die Quelle wahren Glückes. – Puschkin selbst erklärte den Onégin für das Beste, was er geschrieben. In der That, wenn man die wunderbare Leichtigkeit und Anmuth der Verse, den ungesuchten, schlagenden Witz, die treue lebendige Schilderung des alltäglichen Lebens und der Gesellschaft, die tiefe und ergreifende Psychologie der Charaktere in Anschlag bringt, so wäre man geneigt, ihm beizustimmen, wenn nicht so viel Anderes sich wieder vordrängte, seine lyrischen Schöpfungen, seine poetischen Erzählungen, seine Novellen, sein »Boris Godunof«. Uebrigens ist der Onégin der poetische Ahnherr einer Reihe von ähnlichen Helden geworden, die am Leben scheitern. Leider sind es ebenso viel »Lebensläufe in absteigender Linie« von Lérmontofs »Held unsrer Tage« bis zu den blassen Karikaturen alles ernsteren Strebens, die uns Turgénief mit mehr oder weniger Uebertreibung vorführt.

Es erhellt schon aus den bisherigen flüchtigen Andeutungen, daß man aufhören muß, Puschkin zu den Romantikern zu zählen. Wenn in Deutschland die Romantik eine krankhafte Nachgeburt der großen Dichterepoche war, so hatte Rußland seine an den Westen sich anlehnende Romantik schon hinter sich, als Puschkin erschien, welcher der wahrhaft klassische, weil wahrhaft moderne und nationale Dichter ist. Es sei uns jetzt vergönnt, das Puschkinsche Drama, welches unser Bändchen bringt, noch etwas näher ins Auge zu fassen.

Vom Boris Godunof hat Puschkin selbst gesagt, es sei keine Tragödie für Damen. Er hat damit andeuten wollen, daß es sich hier um mehr handle als um einen ästhetischen Genuß, daß vielmehr das Gedicht eine ernste Vertiefung in die wehevolle Vergangenheit Rußlands bedinge. Nun ist allerdings Boris Godunof kein architektonisch gebautes Kunstwerk, es fehlt ihm die dramatische Spannung und Gipfelung, auch läßt sich der Vorwurf erheben, daß das Interesse zu sehr zwischen Zar und Afterzar getheilt wird. Allein der Dichter hat auch kein kunstgerechtes Drama beabsichtigt. Wie Goethe's Götz von Berlichingen, der in einer Reihe von Bildern und Scenen den Blick eröffnet in eine Zeit, wo Altes und Neues mit einander in gewaltigem Kampfe liegt, so führt uns auch Boris Godunof mitten in eine verhängnißvolle Epoche. Eine uralte Dynastie ist mit einem frommen schwachen Zar erloschen, unter welchem sein schlauer energischer Schwager die Gewalt ausgeübt hat. Den berechtigten Thronerben hat Boris aus dem Wege räumen lassen. Die Bojaren hassen den Emporkömmling, dessen starke Hand sie schon gefühlt haben, allein er ist der Mann der Situation und besteigt den Thron. Sein früher Tod stellt Alles wieder in Frage. Der Erbfeind des russischen Namens, das römisch-katholische Polen, reicht gern dem kecken Betrüger die Hand, der sich für den ermordeten Dimitri ausgiebt und durch den es hofft Rußland in Polen aufgehen zu lassen. Aber der russische Volksgeist widerstrebt. Wie sehr es am Schlusse des Dramas den Anschein hat, als ob das Spiel für Polen gewonnen sei, so fühlen wir doch durch das ganze Stück hindurch das mächtige Wehen dieses Volksgeistes, der sich sogar in dem mit den Polen verbündeten Pseudodimitri nicht verleugnet. Wie ein Chorus geht dieser Volksgeist durch das Drama. Wir vernehmen seine Stimme in der stillen Klosterzelle, wo der fromme Pimen seine Chronik niederschreibt: es ist, als ob man Nestor reden höre, den ehrwürdigen Vater der russischen Geschichte. Eine andere, aber nicht minder anschauliche Verkörperung dieses Volksgeistes tritt uns in dem feurigen, beweglichen, klugen Grigorii entgegen, den keine Gefahr schreckt, den Unglück nicht beugt und der, aufs Haupt geschlagen, noch Zeit und Stimmung hat, sich um sein sterbendes Streitroß zu kümmern; der sich sorglos unbekümmert im Walde bettet, um am nächsten Morgen mit neugesammelten Schaaren den Feind wieder aufzusuchen. Das ist die unverwüstliche Natur des Russen, der noch heute, nach allen Drangsalen eines Jahrtausends, so elastisch dasteht, daß er nun erst mit ganzer Kraft an die Vollendung seiner welthistorischen Aufgabe geht – die Civilisation in den Orient zu tragen. – Der russische Volksgeist blitzt auf in den schneidenden Reden, die der gefangene Russe dem prahlenden Polen entgegen wirft; hell strahlt dieser Volksgeist in der ritterlichen Heldengestalt des jungen Kursbki, der den Fehl des Vaters sühnen will, durch einen edlen Irrthum, dem er zum Opfer fällt. Der Volksgeist schlägt an unser Ohr als schauriges Verdikt im Munde des Wahnsinnigen – und am Schluß legt das Volk durch sein beredtes Schweigen Protest ein gegen das grausame Wüthen einer verrätherischen Aristokratie.

In das düstere Chaos der Begebenheiten läßt dann der Dichter – als rückwärts gekehrter Prophet – einen Lichtstrahl fallen, indem er die künftige Wiedergeburt des Landes an die Romanofs knüpft. Daß die nationale Idee triumphirend aus allem Unheil ersteht, muß man als den innersten Kern des Drama festhalten. Während Schiller den Stoff zu seiner großartigen Wallensteintrilogie durch mühsame Vorarbeiten sich gewinnen mußte, war Puschkin so glücklich, eine Verarbeitung seines Stoffes bei Karamsin fertig vorzufinden, er konnte sich an das Geschichtliche anschließen, ohne daß die poetische Auffassung darunter litt. In der That schreiten Poesie und Geschichte als zwei gleich anmuthsvolle, gleich hehre Zwillingsschwestern durch diese wahrhaft nationale Tragödie.


Stellen wir zum Schluß noch einige Züge aus dem Charakter des Dichters zusammen, um die gegebene Skizze zu ergänzen. Puschkins Lieblingsstadt war nicht die, mehr einen allgemein europäischen Anstrich tragende, Residenz an der Newa, sondern die alte »steinweiße« Moskwa, die Wiege des Reichs und der Brennpunkt des nationalen Lebens. So wie diese Wiege Rußlands liebte der Dichter auch mit der den Russen eigenen Innigkeit seine alte Amme, die er bis an ihr Ende pflegte und der er oft vorlas, was er eben geschaffen hatte. Ueberhaupt befriedigte ihn die vornehme Gesellschaft als solche nicht, er war darum lieber in Kischinéf, als in Odessa, lieber in Moskau, als in Petersburg. Die Eindrücke frischen mannigfaltigen Lebens suchte er in der Natur wie unter Menschen. Obwohl immer aufgelegt zu einer Spielpartie und zu einem heiteren Gelage, hatte er doch eigentlich keine Leidenschaft für solche Belustigungen. Gern an jeder Unterhaltung theilnehmend, belebte er sich doch erst wahrhaft, wenn das Gespräch geistige Interessen, Poesie und Literatur berührte. Eifrig und gewandt wußte er unterrichteten Personen abzulocken und abzulauschen, was sein positives Wissen erweitern konnte. Realistisch verfocht er die Berechtigung der modernen Sprachen gegenüber dem exklusiven sogenannten klassischen Philologenthum. – Kriegerische Thaten, Beweise von Helden- und Opfermuth erregten stets sein höchstes Interesse, er selbst, leidenschaftlich wie er war, blieb kalt wie Eis, wenn er der Pistolenmündung eines Gegners im Duell gegenüber stand. In den sogenannten ritterlichen Uebungen war er gewandt und übte sie gern, wie Reiten und Fechten.

Unter den Eigenschaften seines Gemüths ragt vor Allem die Fähigkeit ernster und tiefer Freundschaft hervor; sein neidloses russisches Herz gab sich ohne Rückhalt, wo es bewundern und lieben konnte. Ein neuerer unverwerflicher Zeuge fällt über den Menschen Puschkin folgendes Gesammturtheil: »Puschkin stand unendlich höher und war ohne Vergleich besser, als er erschien und auch als er sich in seinen Werken dargestellt hat.«

 


 

Die Russalka.

Erste Scene.

Ufer des Dnjepr. Mühle. Der Müller und seine Tochter.

Müller. Ja ja, so seid ihr all', ihr jungen Dinger,
Seid unvernünftig. Wenn einmal ein Mann,
Der fürnehm ist, um den euch Andre neiden,
Sich eingefunden – müßtet ihr ihn halten.
Wodurch? Durch kluges, sittiges Betragen,
Bald streng ihn nehmen, bald ihn schmeichelnd locken,
Müßt unvermerkt, mit kluger Wendung oft
Von Hochzeit sprechen – und vor allen Dingen
Bewahren streng der jungfräulichen Ehre
Unschätzbar Kleinod, das ja, wie das Wort,
Nicht mehr zurückzubringen, wenn's entschlüpft ist.
Und ist durchaus auf Hochzeit nicht zu rechnen –
So läßt sich irgendwie ein Vortheil doch
Für sich und für die Sein'gen wohl erspähen.
Sprächt ihr nur so zu euch: »Er wird nicht ewig
Mich lieben und verhätscheln« – aber nein,
Euch fällt's nicht ein, bei Zeiten zu bedenken.
Euch schwindelt gleich der Kopf, ihr seid nur froh,
Den Wunsch ihm ohne Rückhalt zu erfüllen,
Den lieben langen Tag zu kosen mit
Dem Herzgeliebten – und der Herzgeliebte,
Eh ihr's euch noch verseht, ist fort, verschwunden,
Und ihr habt nichts – ach, ihr seid alle thöricht!
Hab' ich dir nicht wohl hundertmal gesagt,
Gieb, Tochter, Acht! sei solche Närrin nicht,
Verpasse träumend nicht dein Lebensglück!
Den Fürsten laß nicht los und stürz' dich nicht
Einfältig ins Verderben! Aber half's?
Jetzt kannst du sitzen und dich ewig härmen,
Denn hin ist hin, da hilft nichts.

Tochter.                                           Und warum
Glaubst du, daß er mich aufgegeben hat?

Müller. Warum, fragst du? Wie oft kehrt' er nicht sonst
Die Woche über in der Mühle ein –
Was? Jeden Gottestag, zuweilen gar
Zweimal am Tage – darauf immer seltner
Erschien er, und jetzt ist's der neunte Tag,
Daß wir ihn nicht gesehn. Was sagst du drauf?

Tochter. Er hat zu thun, ihn drückt gar manche Sorge.
Er ist kein Müller und für ihn wird nicht
Das Wasser schaffen. Oftmals sagt' er mir,
Daß seine Müh' die schwerste sei von allen.

Müller. Ja trau' du ihm. Wann mühen wohl sich Fürsten?
Und was ist ihre Mühe? Hasen jagen
Und Schmause geben, und die Nachbarn plündern,
Und euch, ihr armen Närrinnen, verführen!
Er schaffet selber! Ja 's ist zum Erbarmen,
Für mich schafft 's Wasser. Und doch habe ich,
Bei Tag, bei Nacht nicht Ruhe: sieht man nach,
So giebt es überall etwas zu flicken:
Hier fault's, dort leckt's. – Wahrhaftig besser wär' es,
Wenn du verstündest von dem Fürsten dir
Ein Sümmchen für den Umbau auszubitten.

Tochter. Ah!

Müller.           Nun, was giebt's?

Tochter.                                       Horch auf, es ist das Stampfen
Von seinem Roß – er ist's, er ist's!

Müller.                                                   Hör', Tochter,
Vergiß nicht, was ich dir gerathen, denk' daran.

Tochter. Da ist er, da!

        (Der Fürst tritt ein; der Stallknecht führt sein Pferd fort.)

Fürst.                           Wie geht's, mein liebes Kind?
Wie geht es, Müller, euch?

Müller.                                       Mein gnäd'ger Fürst,
Sei hoch willkommen! Lange schon, daß wir
Dein helles Antlitz nicht gesehen haben –
Ich gehe, dir den Imbiß zu bereiten. (Geht ab.)

Tochter. Ach, endlich hast du meiner doch gedacht!
Wie brachtest du es über's Herz, so lange
Zu quälen mich durch der Erwartung Pein!
Was ging mir Armen nicht durch meinen Kopf!
Welch Schreckbild gab's, das ich mir nicht geschaffen!
Bald dacht' ich, daß dein Roß dich fortgetragen
In Sümpfe, wilde Schluchten – daß ein Bär
Im Waldesdickicht dich bewältigt habe –
Daß krank du wärst, daß du mich nicht mehr liebtest –
Doch Gott sei Dank, du lebst, bist unversehrt,
Und liebst wie sonst mich noch! Nicht wahr?

Fürst.                                                                     Wie sonst?
O nein, noch mehr, mein Kind.

Sie.                                                 Doch du bist traurig.
Was ist mit dir geschehn?

Fürst.                                       Ich wäre traurig?
Das kommt dir nur so vor. Nein, ich bin froh,
Sobald ich dich nur seh' –

Sie.                                           Nein, wenn du froh bist,
Beschleunigst du den Schritt von Weitem schon,
Und rufst mit heller Stimm': Wo ist mein Täubchen?
Wie geht es ihm? und küssest mich alsbald
Und forschest, ob ich mich auch deiner freue,
Und ob ich dich so früh wohl auch erwartet.
Doch jetzt hörst du mich an und sagst kein Wort,
Umarmst mich nicht, küssest mir nicht die Augen.
Gewiß hat etwas deinen Sinn getrübt –
Was ist es? Du bist doch nicht bös auf mich?

Fürst. Was hilft es, daß ich länger mich verstelle –
Ja, du hast Recht, es drückt mich schwerer Kummer,
Und du vermagst durch Liebesschmeicheln nicht
Ihn zu zerstreun – kannst ihn nicht mit mir theilen.

Sie. Mich aber schmerzt es, daß ich nicht dein Leid
Mit tragen soll. Thu' kund mir dein Geheimniß!
Kann's dir denn frommen, wein' ich; magst du's nicht,
Fall' ich mit keiner Thräne dir beschwerlich.

Fürst. Was zaudr' ich auch? Je schneller, desto besser!
Geliebtes Kind, du weißt, kein Erdenglück
Hat sichre Dauer – weder alt Geschlecht,
Noch Schönheit, weder Macht, noch großer Reichthum.
Nichts kann des Schicksals Schlägen widerstehn.
Auch wir – ist es nicht so, mein trautes Herz?
Wir waren glücklich, mindestens war ich
Durch dich, durch deine Liebe hoch beglückt.
Und was auch fürder für mich kommen mag.
Wo ich auch sei – stets werd' ich dein gedenken,
Mein holdes Kind, und nichts auf Erden kann.
Was ich verliere, jemals mir ersetzen.

Sie. Noch weiß ich deine Worte nicht zu deuten,
Und schon wird mir so bang. Das Schicksal droht –
Bereitet uns ein ungeahntes Weh.
Trennung vielleicht?

Fürst.                               Nun ja, du hast's errathen.
Es ist vom Schicksal Trennung uns beschieden.

Sie. Wer trennt uns denn? Steht's nicht in meiner Macht,
Dir überall auf deinem Pfad zu folgen?
Als Knabe angethan will ich dir dienen
Mit aller Treue, sei es auf der Reise,
Sei es im Krieg – ich fürchte nicht den Krieg,
Bist du nur da. Nein, nein, ich glaub' es nicht.
Entweder willst du meinen Sinn erforschen,
Oder du treibst mit mir nur eitlen Scherz ...

Fürst. Zum Scherzen bin ich heute nicht gestimmt,
Dich auszuforschen hab' ich keinen Anlaß –
Zu weiter Reise rüste ich mich nicht,
Noch auch zum Krieg: ich gehe nicht von Haus –
Und doch muß ich auf ewig von dir scheiden.

Sie. Halt' ein – Jetzt erst versteh' ich endlich Alles!
Du nimmst ein Weib?
        (Der Fürst schweigt.)
                                  Du nimmst ein Weib?

Fürst.                                                                 Was hilft's?
Urtheile selbst – wir Fürsten sind nicht frei,
Wie ihr es seid, und die Gefährtin wird
Nach Neigung nicht gewählt, nur nach Berechnung,
Von fremden Leuten und zum Nutzen Fremder.
Gott und die Zeit wird deinen Kummer lindern.
Vergiß mich nicht. Hier nimm zum Angedenken
Ein Stirnband – komm, ich leg' es selbst dir an.
Noch hab' ich einen Halsschmuck mitgebracht,
Nimm ihn – und dann noch eins: dies hier versprach
Ich deinem Vater. Gieb es ihm,
        (Giebt ihr einen Beutel voll Gold in die Hand.)
                                                  Leb wohl.

Sie. Wart' doch, ich hab' dir etwas noch zu sagen –
Ich weiß nicht was –

Fürst.                               Besinne dich.

Sie.                                                         Für dich
Bin ich bereit ... nein, das ist's nicht – doch wart' nur.
Unmöglich ist es, daß du mich auf immer
Wirklich verlassen kannst – auch das war's nicht.
Jetzt hab' ich es. Es hat sich, theurer Freund,
Mir unter'm Herzen heut dein Kind gereget.

Fürst. Unglückliche! Was thun! Du mußt dich schonen,
Schon um des Kindes willen. Und das glaub' nur,
Ich werde Kind und Mutter nicht verlassen.
Wenn's sich so macht, so komm' ich auch wohl selbst,
Euch zu besuchen. Bleibe standhaft denn.
So laß zum letzten Male dich umarmen.
        (Im Weggehen)
Das wär' vorbei! Ich athme endlich leichter.
Ich war auf Sturm gefaßt – doch leidlich ruhig
Lief es noch ab.

        (Geht ab. Sie bleibt unbeweglich stehen.)

        (Müller tritt ein.)

Müller.                       Ist es euch nicht gefällig,
Jetzt bei uns ein – wo aber ist er denn?
Sag', wo ist unser Fürst? Ei, ei, sieh da!
Was für ein Stirnband, ganz voll edler Steine!
Das blitzt nur so! Und Perlen – nun fürwahr,
Ein königlich Geschenk ist dir geworden!
Und was ist das? Ein Beutel – wohl gar Geld?
Doch du, was stehst du da, erwiederst nichts?
Sagst nicht ein Sterbenswörtchen? Oder hat
Die unverhoffte Freude dich verwirrt?
Erfaßte dich ein Krampf?

Tochter.                                   Ich kann's nicht glauben,
Es kann nicht sein – ich hab' ihn so geliebt!
Ist er ein wildes Thier? Hat er ein Herz
Von Stein?

Müller.               Wer ist es denn, von dem du sprichst?

Tochter. Sag', Väterchen, wie hab' ich ihn denn wohl
Erzürnen können? Ist denn meine Schönheit
In einer Woche hingeschwunden? Oder
Hat man's durch einen Trank ihm angethan?

Müller. Was ist dir?

Tochter.                   Er ist fort, da sprengt er hin!
Und ich, ich Rasende, ich ließ ihn ziehn!
Ich klammerte mich nicht an sein Gewand,
Ich hing mich nicht an seines Rosses Zaum!
Mocht' er mir dann in seinem Zorne auch
Den Arm abhaun, mocht' er mich auf dem Fleck
Durch seines Rosses Huf zertreten lassen!

Müller. Was hat sie nur?

Tochter.                           Ja, Fürsten sind nicht frei,
Wie unser eins, sie wählen nicht nach Neigung
Ihr Weib – wohl aber steht es ihnen frei.
Durch Schwüre und durch Thränen uns zu locken,
Zu flüstern: traun, ich bring' dich auf mein Schloß,
Da harrt ein trauliches Gemach, ich kleide
In schwere Seide dich und rothen Sammet.
Sie dürfen uns verleiten, Mitternachts
Auf das gegebne Zeichen aufzustehn,
Zu sitzen bei der Mühle bis zum Morgen.
Sie finden's süß, ihr fröhlich Herz zu laben
An unsrem Elend – und zuletzt: Leb wohl,
Geh, Täubchen! geh, wohin es dir gefällt,
Und liebe, wen du magst.

Müller.                                     So steht die Sache?

Tochter. Und wer ist seine Braut? Für wen hat er
Mich hingegeben? O ich werd's erfahren,
Ich dringe zu ihr, ruf' ihr zu, der Bösen,
Laß ab von uns – du siehst, es hausen nicht
Zwei Wölfinnen in einer Schlucht –

Müller.                                                     Du Thörin!
Hat mal 'ne Braut der Fürst sich ausgesucht,
Wer kann ihm darin wehren? Siehst du's jetzt?
Hab ich's dir nicht gesagt?

Tochter.                                     Und konnte er
Als wackrer Mann es wagen, so zu scheiden,
Daß er Geschenke bot? Was denkt er sich?
Und Geld! Damit meint er sich loszukaufen!
Durch Silber will er mich verstummen machen,
Daß Schlimmes über ihn sich nicht verbreite,
Und nicht der jungen Frau zu Ohren komme!
Ja so – bald hätt' ich es vergessen – hier
Läßt er dies Geld dir übergeben – dafür,
Daß du ihm wohl gewollt, daß du der Tochter
Gegönnt ihm nachzulaufen, daß nicht strenger
Du sie gehalten – Sieh, es kommt zu Gute
Dir mein Verderben!
        (Gibt ihm den Beutel.)

Müller (in Thränen).           Was muß ich erleben!
Was legte Gott mir auf zu hören! Sünd' ist's,
Daß du so bitter schmähst den eignen Vater!
Du bist ja doch mein einzig Kind auf Erden,
Die einz'ge Freude meiner alten Tage,
Wie hätt' ich dich wohl nicht verwöhnen sollen?
Jetzt straft mich Gott dafür, daß ich zu schwach
Die Vaterpflicht geübt.

Tochter.                               Ach, ich ersticke!
Die kalte Schlange würget mir den Hals,
Mit einer gleißnerischen Schlange hat,
Mit Perlen nicht er mich umwunden .  .  .
        (Sie reißt die Perlen ab.)                        So
Möcht' ich, du arge Schlange, dich zerreißen.
Dich, du verfluchte Feindin meines Glücks!

Müller. Fürwahr, du redest irre!

Tochter (nimmt das Stirnband ab).   Da, da ist
Mein Kranz! Ein Kranz der Schmach, mit ihm hat uns
Der böse Feind getraut, als ich mich losriß
Von Allem, was ich heilig sonst gehalten!
Wir sind geschieden, welke hin, mein Kranz!
    (Wirft das Stirnband in den Dnjepr.)
Und jetzt ist Alles aus!
    (Stürzt sich in den Fluß.)

Der Alte (fällt hin).                   Ach wehe! wehe!

Zweite Scene

                Saal des Fürsten

        Hochzeit; das junge Paar sitzt am Tisch. Gäste. Chor von Mädchen.

Freiwerber. Das war einmal ein lustig Hochzeitsfest!
Nun Fürst, ich wünsche Glück zur jungen Fürstin,
In Lieb' und Eintracht lasse Gott euch leben,
Und lasse uns recht oft noch bei euch schmausen!
Ihr aber, schmucke Mädchen, warum schweigt ihr?
Ihr weißen Schwänlein, warum seid verstummt ihr?
Habt ihr schon alle Lieder durchgesungen?
Sind euch vom Singen schon die Kehlchen trocken?

Chor. Freiwerberlein, Freiwerberlein,
Närrisches Freiwerberlein!
Wir gingen der Braut zu warten,
Wir kamen in den Garten,
Haben ein Fäßlein Bier vergossen,
Haben alle den Kohl begossen.
Vor dem Zaune verbeugten wir uns,
Vor dem Pfosten verneigten wir uns,
Baten: o du lieber Pfosten,
Weise uns den Pfad,
Wo das Bräutchen naht.
Freiwerberlein mußt nicht abschweifen,
Sollst in das Beutelchen greifen.
Im Beutelchen klinget Geld,
Hübschen Mädchen wohl gefällt.

Freiwerber. Ihr Schelmenvolk, was singt ihr da für Stücklein!
Da habt ihr, und nun laßt mich ungescholten.
        (Er beschenkt die Mädchen.)

Eine Stimme. Ueber Kiesel, über gelben Sand
Rann dahin das schnelle Flüßlein,
Im schnellen Flüßlein plätschern zwei Fischlein,
Zwei Fischlein, zwei muntre Kärpflein.
Hörtest du schon, Schwester Fischlein,
Was sich zutrug bei uns im Flüßlein?
Wie 'ne schöne Maid sich gestern hier ertränkte
Und noch im Sinken dem Buhlen fluchte?

Freiwerber. Ihr Schönen, was ist das für ein Gesang?
Das ist ja doch fürwahr kein Hochzeitslied!
Wer hat das Lied gewählt, sagt an!

Die Mädchen.                                         Nicht ich,
Nicht ich, wir nicht . . .

Freiwerber.                         Wer hat es denn gesungen?

        (Gemurmel und Verwirrung, unter den Mädchen.)

Fürst. Ich weiß es, wer.
        (Steht vom Tisch auf und raunt dem Stallknecht zu)
                                Die Müllerin muß hier sein:
Führ' sie sogleich hinaus und frage nach,
Wer sie hereinzulassen wagte?

        (Stallknecht geht an die Mädchen heran.)

Fürst (für sich).                                   Wahrlich,
Sie wär' im Stande, solchen Lärm zu machen,
Daß ich nicht wüßte, wo vor Schande mich
Zu bergen!

Stallknecht.       Fürst, ich konnte sie nicht finden.

Fürst. Such' nur! Ich weiß es, sie ist hier, sie war's,
Die jenes Lied gesungen.

Ein Gast.                                 Bringt doch Meth!
Es fuhr der Schrecken mir durch alle Glieder.
Fort mit dem Aergerniß – versüßen wir's...

        (Das junge Paar küßt sich. Ein schwacher Schrei läßt sich hören.)

Fürst. Sie war's! Es war ihr eifersücht'ger Schrei –
Wie steht's?

Stallknecht.         Ich kann sie nirgends finden.

Fürst.                                                                   Dummkopf!

Schaffner (aufstehend).
Wär' es nicht Zeit, die Fürstin dem Gemahl
Zu übergeben? und das junge Paar
Mit Hopfen auf der Schwelle zu bestreun?

        (Alle stehn auf.)

Freiwerberin. Ja freilich ist es Zeit. Tragt auf den Hahn!

        (Man setzt dem jungen Paar einen gebratenen Hahn vor,
        bestreut es mit Hopfen und führt es dann ins Schlafgemach.)

Freiwerberin. Nun Fürstin, Herzchen, weine nicht, sei ruhig
Und füge dich.

        (Das junge Paar begiebt sich ins Schlafgemach.
        Alle entfernen sich, außer Freiwerberin und Schaffner.)

Schaffner.                 Wo mag die Flasche sein?
Soll ich die Nacht durch unter'm Fenster wandern,
So ist 'ne Stärkung wahrlich nicht vom Uebel.

Freiwerberin (schenkt ihm ein).
Da trink' und wohl bekomm's.

Schaffner.                                     Ah, danke schön!
Es ging doch Alles hübsch von Statten, nicht?
Ein prächtig Hochzeitsfest!

Freiwerberin.                             Ja, Gott sei Dank,
's war Alles gut – nur Eines war nicht gut.

Schaffner. Und was?

Freiwerberin.             Das dumme Lied, das sie da sangen –
Kein Hochzeitslied, Gott weiß, was für ein Lied.

Schaffner. Ach diese Mädchen! Können sie doch nie
Die Possen lassen. Ist es wohl erhört,
Ein fürstlich Hochzeitsfest mit Fleiß zu stören?

Dritte Scene.

        Gemach. Die Fürstin und die Amme.

Fürstin. Horch, wird da nicht geblasen? – Nein, er kommt nicht.
Ach, liebe Amme, wie war er als Bräut'gam!
Nicht einen Schritt wich er mir von der Seite,
Das Auge konnt' er gar nicht von mir wenden –
Seit wir vermählt sind, ist es Alles anders.
Jetzt weckt er mich in aller Frühe schon.
Und giebt sofort Befehl, sein Pferd zu satteln,
Und schweift bis in die Nacht, Gott weiß wohin!
Kommt er zurück, so hat er kaum für mich
Ein freundlich Wort, und kaum noch streichelt er
Mit sanfter Hand wie sonst mein weißes Antlitz.

Amme. Ach, Fürstin, laß! Der Mann ist wie der Hahn –
Er lockt, schlägt mit den Flügeln und – fort ist er!
Das Weib dagegen gleicht der armen Henne –
Da sitze hin und brüte deine Küchlein!
Als Bräutigam, da will er gar nicht weg,
Er ißt nicht, trinkt nicht, kann nicht satt sich sehn.
Ist er getraut – dann gehn die Sorgen an.
Bald giebt es einen Nachbar zu besuchen,
Bald gilt es, auf die Falkenjagd zu gehn –
Dann führt ihn gar sein Unstern in den Krieg.
So ist er überall – nur nicht zu Haus –

Fürstin. Sag', Amme, nährt er nicht geheime Glut
Für eine Andre?

Amme.                       Still und sünd'ge nicht!
Und welcher Andern könnt' er dich wohl opfern?
Dein ist der Preis – an Witz, an holder Schönheit,
An Sitte und Verstand – sag' selber doch.
Du Herzenskind, in welcher Andern wohl
Könnt' einen solchen Schatz er wiederfinden?

Fürstin. Wenn Gott mein heißes Flehn erhören wollte
Und Kinder mir gewähren – o dann könnt' ich
Von Neuem den Gemahl wohl an mich fesseln.
Doch sieh, das Jagdgefolge füllt den Hof –
Mein Mann ist heimgekehrt. Was kommt er nicht?
        (Ein Jäger tritt ein.)
Der Fürst, wo ist der Fürst?

Jäger.                                         Der Fürst gebot uns,
Nach Haus zu reiten.

Fürstin.                             Wo ist er denn selbst?

Jäger. Er blieb allein im Wald am Dnjeprufer.

Fürstin. Und ihr habt es gewagt, den Fürsten dort
Allein zu lassen? Ist das euer Eifer?
Kehrt schleunigst um, eilt spornstreichs hin zu ihm,
Und meldet ihm, ich sei's, die euch gesendet.
        (Jäger geht ab.)
Ach Gott! im Wald bei düstrer Nacht, da schweift
Das wilde Thier – der grimme Mensch! Es lauert
Der Waldgeist, und wie bald ist Unheil da!
Schnell, zünde vor dem Heil'genbild die Kerze!

Amme. Sogleich, mein Kind, sogleich.

Vierte Scene.

        Dnjepr. Nacht.

Die Russalken.
    Wir tauchen so fröhlich
    Herauf aus dem Grunde,
    Es wärmet der Mond uns
    Zur nächtlichen Stunde.

Lust gewährt es uns, zu meiden
Nacht für Nacht des Stromes Bette,
Freien Hauptes zu durchschneiden
Seiner Fluten Spiegelglätte;
Uns zu rufen Paar um Paar,
Daß die Luft erklingt wie Glocken –
Und das feuchte grüne Haar
Schütteln wir und machen's trocken

Eine. Still, es hat in dichten Zweigen
Sich ein Vögelein geregt.

Eine Andere. Zwischen Mond und unsrem Reigen
Jemand sich heranbewegt.
        (Verstecken sich.)

Fürst. Zu diesen schauerlichen Ufern zieht mich
Unwiderstehlich eine dunkle Macht.
Wohl ist die öde Stätte mir bekannt –
Vertraut ist Alles mir, was mich umgiebt.
Da ist die Mühle, doch sie liegt zerfallen,
Der Mühlstein ruht, es starb auch wohl der Alte,
Die arme Tochter hat er lang beweint!
Hier wand ein Fußpfad sich – er ist verwachsen,
Ihn hat seit lange schon kein Fuß betreten.
Hier war ein eingehegtes Gärtchen – sollte
Zu solch 'nem Hain es aufgeschossen sein?
Da steht die Eiche, unsrer Liebe Zeuge –
Hier sank das Mädchen stumm an meine Brust!
Ists möglich? . . .
        (Geht auf die Thür zu; die Blätter fallen.)
                              Was heißt das? Die dürren Blätter,
Sie rascheln plötzlich von der Eiche nieder
Und fallen wie ein Regen mir aufs Haupt!
Da steht sie nackt und schwarz vor meinem Auge,
Wie ein verfluchter Baum!

        (Der Alte, in Lumpen und halb nackt, tritt auf.)

Alter.                                         Wie geht es, Sohn?

Fürst. Wer bist du denn?

Alter.                                 Ich bin des Ortes Rabe.

Fürst. Ist's möglich? Ist's der Müller?

Alter.                                                   Ach was Müller!
Den Hausteufeln verkauft' ich meine Mühle,
Und das gelöste Geld gab in Verwahrung
Ich der Russalka, meiner weisen Tochter.
Es ist im Dnjeprsande wohl verscharrt.
Gehütet wird's von einem Einaug-Fischlein.

Fürst. Der Unglücksel'ge, er ist toll. Wie Wolken,
Vom Sturm zerstreut, so irren die Gedanken.

Alter. Was bist du gestern denn nicht hergekommen?
Es gab 'nen Schmaus, wir haben lang gewartet.

Fürst. Wer harrte mein?

Alter.                               Wer? Ei nun, meine Tochter.
Du weißt, ich seh' zu Allem durch die Finger
Und lass' euch Freiheit; mag sie immer sitzen
Mit dir die ganze Nacht – bis Hahnenschrei –
Ich sage nicht ein Wörtchen . . .

Fürst.                                                 Armer Müller!

Alter. Was soll's denn mit dem Müller? Hörst du's nicht,
Ich bin der Rabe und kein Müller. Seltsam!
Als sie – du weißt doch noch – sich in den Fluß
Gestürzt, da folgt' ich sinnlos ihrer Spur –
Und wollte eben von dem Fels hier springen,
Da fühlt' ich plötzlich, wie zwei starke Flügel
Mit jäher Kraft mir aus den Schultern wuchsen,
Und in der Luft mich hielten. Seit der Zeit
Flieg' ich bald hier-, bald dahin, picke bald
An einer todten Kuh, bald sitz' ich krächzend
Auf einem Grabe.

Fürst.                           O! was für ein Jammer!
Wer ist denn, der dich pflegt?

Alter. Ja mich zu pflegen,
Das thut wohl Noth, denn ich bin alt geworden
Und wunderlich. Mich pflegt die liebe kleine
Russalka . . .

Fürst.                     Wer?

Alter.                                 Das Enkelkind.

Fürst.                                                         Unmöglich,
Ihn zu verstehn! Hör', Alter, hier im Walde
Stirbst Hungers du, wenn nicht ein wildes Thier
Dich frißt – willst du nicht in mein Schloß mir folgen
Und bei mir leben?

Alter.                               In dein Schloß? Ich danke!
Du lockst mich hin und meinst mich dann zu würgen
Mit einem Halsband. Hier bleib' ich am Leben,
Bin satt und frei. Ich will nicht in dein Schloß –
        (Geht ab.)

Fürst. Und alles das hab' ich verschuldet! Schrecklich,
Um den Verstand zu kommen – besser sterben!
Den Todten schauen wir mit Ehrfurcht an
Und sprechen ihm Gebete: Alle macht
Der Tod ja gleich. Doch der ist nicht mehr Mensch,
Der seiner Sinne nicht mehr mächtig ist,
Umsonst hat er die Rede! Er beherrscht
Das Wort nicht, ihres Gleichen sehn in ihm
Die Thiere nur – die Menschen spotten sein.
Ihn schützt die Welt nicht, und ihn richtet Gott nicht.
Unsel'ger Greis! sein Anblick hat in mir
Der Reue Qualen alle angefacht!

        (Jäger tritt auf.)

Jäger. Da ist er – Mühsam war's, ihn aufzufinden.

Fürst. Was willst du hier?

Jäger.                               Die Fürstin sendet uns,
Sie ist um dich in Sorgen.

Fürst.                                       Unerträglich
Ist ihre Aengstlichkeit. Bin ich ein Kind denn.
Daß keinen Schritt ich thun kann ohne Wartfrau?

        (Er geht. Die Russalken erscheinen auf dem Wasser.)

Russalken. Sagt, ihr Schwestern, soll'n wir streifen
Ihnen nach in Feld und Rain,
Und mit Spritzen, Kichern, Pfeifen
Ihre Rosse machen scheu'n?
Nein, 's ist spät. Kühl wird die Welle,
Fern her kräht der Hahn schon helle,
Abwärts ist der Mond gezogen,
Dunkel ist der Himmelsbogen.

Eine. Laßt uns noch ein wenig weilen.

Eine Andere. Nein, wir müssen eilen, eilen.
Denn es harrt auf ihrem Thron
Unsre strenge Schwester schon.

Fünfte Scene.

        Dnjeprgrund. Saal der Russalken.
        Die Russalken sitzen rings um ihre Königin und spinnen.

Die Königin-Russalka. Hört auf zu spinnen, Schwestern. Die Sonne sank.
Voll glänzt schon über uns der Mond. Genug!
Taucht nun hinauf, zu spielen unter'm Himmel,
Doch rührt mir heute keine Seele an.
Vermeßt euch nicht, den Wanderer zu kitzeln,
Des Fischers Netze tückisch zu beschweren
Mit Schilf und Schlamm – noch locket mir ein Kind
Mit Märchen von den Fischlein in die Tiefe.
        (Eine kleine Russalke kommt.)
Wo warest du?

Tochter.                   Es rief mich ein Geschäft
Hinauf zur Erde. Gestern bat er mich,
Im Grund des Flusses ihm das Geld zu sammeln,
Das einstmals er zu uns hinab ins Wasser
Geworfen. Lang hab' ich darnach gesucht.
Was aber Geld ist, weiß ich freilich nicht.
Doch hab' ich ihm dafür heraufgebracht
Von schillernd bunten Muscheln eine Menge,
Er hatte große Freude dran.

Russalka.                                   Hirnloser Geizhals!
Nun höre, Tochter, heute bau' ich ganz
Auf dich. Es wird zu uns ans Ufer kommen
Ein Mann, den laß nicht aus den Augen – geh
Ihm gleich entgegen. Wiss', er steht uns nah,
Er ist dein Vater!

Tochter.                     Ist's derselbe, der
Dich einst verließ und dann ein Weib gefreit?

Russalka. Derselbe. Zärtlich schmiege dich an ihn,
Erzähle Alles ihm, was du durch mich
Von deiner Herkunft weißt – desgleichen auch
Von mir. Und wenn er dir die Frage thut,
Ob ich ihn wohl vergessen oder nicht –
So sag' ihm, daß ich stets noch sein gedenke,
Ihn liebe und erwarte. Hast verstanden?

Tochter. O wohl verstanden.

Russalka.                             Geh denn. – Von der Zeit an,
Wo sinnverwirrt ich in die Flut mich stürzte
Als ein verzweifelnd und beschimpftes Mägdlein,
Dann in des Dnjepr tiefem Grund erwachte
Als eine kalte mächtige Russalka –
Da sann ich unablässig nur auf Rache,
Und heute endlich, scheint es, schlägt die Stunde.

Sechste Scene.

        Ufer.

Fürst. Zu diesen schauerlichen Ufern zieht mich
Unwiderstehlich eine dunkle Macht.
Hier mahnt mich Alles an vergangne Dinge,
An meiner freien schönen Jugendzeit
So holdes und so trauriges Erlebnis.
Hier war es, wo in jenen Tagen mich,
Den Freien, freie Liebesglut umfing.
Da war ich glücklich! Und ich Rasender,
Ich konnte frevelnd dieses Glück verscherzen.
Es hat die schwermuthsvollen Bilder mir
Die gestrige Begegnung aufgefrischt.
Unsel'ger Vater! schrecklich anzusehn!
Vielleicht daß ich ihn heute wieder treffe,
Und daß er sich entschließt, den Wald zu lassen,
Wohnung bei uns zu nehmen . . .
        (Die kleine Russalka kommt ans Ufer.)
                                                      Was erblick' ich?
Von wannen kommst du, wunderlieblich Kind?

(Hier bricht das Original ab, und der Natur des behandelten Stoffes gemäß muß das Ganze als Fragment erscheinen.)

 


 








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