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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Der Hochzeiter murmelt einen Schimpf, einen Fluch, und läuft gegen den Wald zu, wo zwei von seinen Mägden Streu arbeiten. Die findet er lachend und schwatzend auf dem Moos hockend; und er hört grad noch die eine sagen: »Ja, moanst eppa, daß 'hn i möcht! – A so a schiachs Mannsbild, und so bollisch und zwider, und a so a Gnack, a hungrigs! – Naa, liaber als harwene Büaßerin umanandlaaffa, als wia an solchem! ... Mariand Josix! ...« Sie springt erschrocken auf und greift nach der Mooshaue ... Aber das Wetter bricht schon los mit Donnern und Blitzen und Schreien und Schelten; und die Aufsag für die nächste Lichtmeß hat auch jede im Ohr.

Er geht fuchsteufelswild heim, der Girgl, und richtet sich aufs neue zur Brautschau, von der er leider spät in der Nacht immer noch als freier, lediger Jungherr sternhagelvoll heimfahrt. Indes die Rumplhanni zufrieden ihre Arbeit tut und des dienenden Standes Bitternisse nicht gar zu schwer nimmt in der Erwägung: Ewig dauert nix, und als Hauserin schmeckt mir amal mei Erdäpfelschmarrn grad so guat, wia der künftigen Staudenschneiderin ihra Bratl! Denn als Hauserin hab i d' Hosen o, und als Staudenschneiderin woaß i net amal, obs allezeit zu an Kittel glangt!

Der Frauendreißiger, die Spanne zwischen Mariä Himmelfahrt und Mariä Namen, ist für die Landleut eine heilige und gesegnete Zeit. Kräuter, zu dieser Zeit geweiht, sind ein Abwehrmittel gegen Feuersgefahr und Wetterschaden, eine Arznei gegen Krankheit und Siechtum bei Mensch und Vieh und eine sicher wirkende Hilf zur Abtreibung aller Zauberei und Verhexung in Haus und Stall. Kälber, unterm Frauendreißiger gezogen, sind gesünder und fruchtbarer wie andere, und man soll sie aufstellen. Die Kühe geben um diese Zeit ihre beste Milch, das Schmalz hat einen besseren Kern wie um Georgi und Jakobi und läßt sich gut einrühren als Winterschmalz und für die Kirchweih. Die Hennen aber legen in diesen Tagen ihre größten und schönsten Eier, die sogenannten Fraueneier. Diese gelten der Bäuerin soviel wie geweihte, ja, schier noch mehr. Denn ihnen haftet nicht die Vergänglichkeit alles Irdischen an – sie sind ohne allen Keim der Fäulnis und halten sich frisch bis Allerheiligen, also daß sie mit jedem Tag rarer und kostbarer werden und in den Geldbeutel der Bäuerin frei den Segen Gottes tragen zu einer Zeit, wo die Natur alljährlich aufhört mit dem Geben und Schenken, und also auch die Hennen ihr »Gagagagei! ... Henn legt ihr Ei, ga gei« immer seltener rufen und schließlich ganz damit aufhören bis zur Weihnacht, da sie dann der Hausmutter gemeiniglich die ersten Christkindleier ins Nest legen.

Darum machen auch die Karrner und Kirmtrager, die jahraus, jahrein von Hof zu Hof wandern und für die Städter Schmalz und Eier zusammenkaufen, unterm Frauendreißiger viel Tritt und Weg umsonst und haben oft zu guter Letzt, wenn sie vom frühen Tag bis in die Nacht bei Sonnenhitz oder Regenschauer bergauf und talab gewandert sind, Kirm und Karren leer, die Ohren aber voll von grober, protziger Absag und Antwort. – So gings auch dem Buschenreiteranderl in diesen Wochen, und er schnauft erleichtert auf, da er am Samstag, dem dreizehnten September, die Glocken von Schönau und Tuntenhausen den letzten Tag des Dreißgers einläuten hört. Jetzt kommt die Zeit der Bratgickerl, der Enten und der Suppenhennen. Und er lädt seine Kirm und Körb auf den Schubkarren und beginnt seine Wanderschaft, dahin, dorthin, und auch nach Öd.

Da kehrt er zuallererst einmal beim Ödenhuber ein; denn er ist rechtschaffen müd worden und hat Hunger und Durst. Der Ödenhuber ist grad im Schlachthaus; denn da er für den Jackl noch keinen rechten Aushilfsmetzger gefunden hat, muß er selber schlachten und wursteln. Die Wirtin steht im Gemüsgarten und schneidet Gurken ab für den Sonntagssalat. Dabei schaut sie neugierig und verstohlens hinter den Johannisbeerbüschen am Zaun hinüber zum Hauserhof, wo die Kollerin und die Rumplhanni eben wieder wie ein paar Kampfgockel aufeinander loshacken. Die Resl sitzt schwermütig am offenen Fenster und strickt neue Fersen in ihre blauen Strümpfe, indes die Kucheldirn am Ofentisch das Voressen für den andern Tag schneidet. Die Wirtsleni aber hat grad mit großer Hast ein Päcklein verschnürt, eine Adresse mit dem Vermerk »Feldpost« daraufgeklebt und steckt es jetzt rasch unter einen Haufen Flickwäsche hinten im Eck, wo eine taube Störnähterin unermüdlich auf der Maschine werkt und rasselt.

Der Buschenreiter trinkt langsam und schiebt bedächtig Brocken um Brocken zwischen die Zähn; bald einen von der Wurst – bald einen vom Brot, jeden aber erst in das bläuliche Salzfaß tunkend, damit er würziger schmecke. Die Leni setzt sich zu ihm. »Wo kimmst her, Anderl?« – »Vo Vogelriad uma.« – »Tuast kaaffa?« – »Bal i was kriag, scho.« – »Gibts scho hübsch Anten und Gickerl?« – »Mei, – no konn ma nixn sagn.« Er zündet seine Tabakspfeife an. – »Bist z'Öd scho umanandgwesn?« – »Naa.« – »Beim Staudenschneider aa no net und beim Hauser?« – »Naa – warum?« – »I moan halt. – Werst scho was kriagn beim Staudnschneider, denk i.« – »Ja, konn scho sein.«

Die Resl muß in die Schenke. Die Maschine rasselt; die Dirn schneidet, ohne aufzuschauen. Die Leni holt eilends das Paket hervor. »Anderl – i hätt a Bitt an di.« – »Sags nur!« – »Geh, gib mir z' Schönau dees Packl auf. Es is von der Hauserhanni und ghört an Simmerl. Sie wills net wissen lassen drent, daß s'eahm aa hi und da was schickt. Jetz hat sie 's mir gebn. Aber i kimm aa grad net ummi auf Post.« – Der Anderl nimmt das Paket und schiebt es in den Joppensack. »Soo; von der Hanni, sagst. Und fürn Simmerl. – Is scho recht nachher.« Er trinkt aus. – »Tuas aber net vergessen, Anderl!« – »Naa, naa.« – »Und jetz trinkst no a Halbe!« – »Naa, dees leidts nimmer.« – »Die geht nachher auf mein Nama!« – »Für was denn?« – »No – für d' Hanni!« – »Dees hätts net braucht, Leni. Aber – balst moanst ...« – Die Leni trägt das Krügl an die Schenke. »A Halbe no fürn Anderl, Resl; die kriagst vo mir.« – Der Buschenreiter bedankt sich. Dann fragt er nach Vater und Mutter, nach dem Geschäft, nach Hof und Stall. »Hat er guat kaaffa kinna, der Vata, beim letzten Markt?« – »Ja, – vier Kaibe und a Kalbn.« – »Was hat er zahlt?« – »Für d' Kaibe a Fuchzgerl, – und für d' Kalbn glaab i siebazg.« – »Wia schwaar?« – »Guate Zentnerkaibe; d' Kalbn vierthalbe.« – »Vo wem hat er s'?« – »I woaß net gnau. Vo Sindlhausen auffa glaab i.« – »Aha. Dees werd d' Moserkalbin sei. Und zwoa Kaiben aa. Dee müassn verkaaffa.« – »Warum dees?« – »Ja no; er is krank, sie is krank, der Sepp is in Kriag, d' Urschl alloa konn aa net alles dakraftn.« – »Freili net.« – »Is der Sepp net mit enkan Knecht beinand gwen z' Münka?« – »Freili. Bei dee Leiber.« – »Wo is na enka Jackl?« – »Der is aa bei dee Leiber.« – »Was, deraa! –Jetz hab i gmoant,... ja so. –... Ja, du, is net der Simmer vom Hauser ... ?« Er will das Paket aus der Tasche ziehen. Aber die Leni wehrt ihm hastig ab. Denn eben kommt die Ödenhuberin in die Gaststube. »Der is aa dabei. Jawoi. Der und insa Jackl sand in oana Kompanie.« – »Was d'net sagst!« – »Ja. In der viertn.«

Die Wirtin mischt sich drein: »Werd eahm zwider gnua sei, insan Buam, wenn er mit dem beinand sei muaß!« – »Dees ko ma gar net wissen, Wirtin!« – »Du moanst, daß si die zwoo ...« – »Da draußt ganz guat vertragn, moan i. In der Not gibts koa Feindschaft – zwischen guate Charakter!« – »Ah! Da schau her! – Da werst aber falsch gratn habn! Zwischen mein Jackl und dem ...« – Die Leni unterbricht sie: »Er hat aber gar net grob gschriebn, drüber, in sein letzten Schrieb! Da ...« Sie langt einen zerknitterten Brief aus dem Sack und liest: »Der Reiser, der Hauser und ich, mir stehen zusammen bei Saarburg, wo wir stark gekämpft haben. Große Schlacht. Es ist grimmig hergangen. Aber mir leben noch. Ist gut, daß mir wenigstens drei Kameraden von einem Ort sind...« Die Wirtin reißt ihr den Brief aus der Hand. »I will nix mehr hörn, sag i! – Hoffentli hats bald a End... die Kameradschaft ... I wünsch neamd nix Schlechts... aber ...« Sie geht in die Kuchel.

Der Anderl zieht den Geldbeutel. »Geh, zahln tua i.« Die Resl rechnet: »Zwanzg ... dreiadreißg ... sechsadreißg.« Die Leni legt wortlos dreizehn Pfennig dazu und geht aus der Stube. »Pfüa Good«, sagt der Anderl. »Kehr wieder ein!« erwidert die Resl. – Und die Leni flüstert ihm draußen im Hausflöz zu: »Vergiß fei net, Anderl ... und kimm auf d' Woch wieder!« – »Feit si nix«, sagt der Buschenreiter. Und er legt sich den Traggurt ums Genick, geschirrt sich an den Schiebkarren und fährt weg – hinunter zum Staudenschneider. Da ist die Haushalterin, die Susann, grad ganz allein; der Alt tut seinen Schlaf, und die Ehhalten samt dem Girgl sind auf dem Feld. Also hat sie freie Hand. Und sie nützt den Augenblick. »Was möchst denn habn, Anderl?« – »Was d'halt hast: Oar, Butter, Schmalz, a Henn, an Gockel, a Anten ...« Sie verschwindet in der Speis. Er folgt ihr mit einem Korb. »Um fünf Mark gib i dir Oar. Wiaviel gibt ma denn jetz? Zwölfe?« – »Naa, naa! Scho no vierzehne!« – »Dreizehne gib i dir.« – »Ja no. Is scho recht nachher.« – Sie läuft hinauf in eine Kammer. Und bringt einen großen Weidling voll Schmalz. »Sechs Pfund gehngan eine«, sagt sie, indem sie unter die Haustür tritt und einen raschen Blick auf die Straße tut; »a Mark fufzge 's Pfund.« – »A Mark dreißge zahlt ma jetz!« Der Anderl stellt den Weidling auf den Tisch im Hausflöz, zieht sein Messer und sticht das Schmalz kunstgerecht heraus. – »Nachher gibst mir halt acht Mark dafür.« – »Hast an Butter aa?« – »A bissl oan scho.« Sie läuft in den Keller und bringt einen Wecken. »Fünfe wiegt er.« – »Nachher sans sechs Mark.« – »Naa, sechs Mark fuchzg!« Der Karrner packt ihn samt dem Schmalz ein. »Fünf mal zwölf is sechzge. Also macht er sechs Mark. Hast no was?« – »Naa, Anten hab i no koa abto, und d' Henna legn alleweil no ganz guat.« – »Alsdann: nachher ham mir fünfe, und acht sands dreizehne, und sechs sands neunzehne.« – »I hab denkt, zwanzge waarn's?« – »Balst ma no um a Mark Oar gibst, nachher scho.« – Sie legt noch dreizehn in seinen Korb. »Brauchst aber nixn z' sagn vor eahm, daß i dirs selber gebn hab, gell! Sinst schimpft er. I gib nachher 's Geld dem Alten!«

Er zählt ihr vier Fünfmarkscheine hin. – »Hast es net in Silber da?« – »Warum?« – »No, weil eahm halt 's Papier so zwider is, dem alten Mo. Weil ers so schlecht siecht.« »Heunt hab i 's net anderscht.« – »Ja no, nachher wechsels eahm halt i aus.« – »Wenn derf i denn wieder kemma?« – »Bis in a vierzeha Tag, denk i.« – »Soo. Aha. Is scho recht nachher. Pfüate Good.« – »Pfüa Good aa. Gehst zum Hauser aa umme?« – »Ja.« – »Aha. Is scho recht. Pfüate.« Sie schließt die Haustür und riegelt ab. Dann läuft sie in ihre Kammer, versteckt das Geld hastig in ihrem Koffer und geht danach ruhig hinab in die Kuchel.

Und da der junge Staudenschneider heimkommt, riegelt sie ihm das Haus auf und sagt: »Hast an Karrner troffa?« – »Naa.« – »Oar hätt er braucht.« – »Hast eahm oa gebn?« – »Naa. Er hätt fufzehne wolln, und mir gibt grad mehr zwölfe.« – Der Girgl freut sich über den haushalterischen Geist seiner Susann. »Hast scho recht to«, sagt er. – »I hab mir denkt, der werd scho amal wiederkemma, balst selber da bist.« – »Is mir aa liaber.« – »Dees hab i mir a so denkt. Drum hab i eahm aa gar net lang aufg'riegelt.« – »Is aa gscheiter.« – »Weils es net braucht, bal ma eahm do nixn gebn will.« – »Der kimmt scho amal wieder.«

Unterdessen ist der Buschenreiter zum Hauser gefahren. Die alt Kollerin bürstelt eben ihre Zeugstiefel ab für den Kirchgang. »Grüaß di Good, Muatta.« – »Grüaß di Good.« – »Is die Hauserin da?" – »In Stall is s'.« – Er geht in den Stall. »He! Hauserin!« Die Hauserin richtet grad eine Strohschütt her, legt den Kälberstrick und ein Ziehholz zurecht und stellt ein Schaff Wasser hinter den Stand einer kreißenden Kuh. »Hauserin!« – »Was gibts?« – »Hast nix für mi?« – "Ah, der Anderl! Naa, gar nix! jetz, im Fraundreißger kaam er zum Kaaffa!« – »Oar hätt i braucht.« – »Gib koa her, koane Frauaoar.« – »Schmalz – Butter?« – »Ja! – Wo mir koa Milli net habn! Da, siechst es ja selber! D' Bleamlin hat vor vierzehn Tag kalbet, d' Blaß kalbet heunt, der Bachmoarin sei Kaibe is aa no dro, und zwee kalben auf d'Nachst. – Im Oktober gibts wieder Milli grad gnua.«

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