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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Unterdessen hat die alte Rumplwabn die Hanni erkannt. Sie steht so gschwind auf, wie es ihre alten Beiner erlauben, und humpelt mit zornfunkelnden Augen auf die Hanni zu. »Wia kimmst denn du da eina? – Zum Wirt!« »Ah! D' Groß'...! 's Eahlei! Du bist aa da!« – »Was daß du da herin z' suacha hast, frag i!« – »Nixn, Groß'! Zwegn deiner bin i eina!« Die Hanni schaut ganz unschuldig drein. »Grad, weil i di herin gsehng hab, Eahlei!« Aber das Ähnlein, die Großmutter, glaubt ihr nicht recht. »Daß d' mir auf amal a so nachlaafst?! – Du kimmst do sinst aa nia zu mir ...« – »Bal i nia Derweil hab!« – »Daß d' nachher heunt Derweil hast? jetz – um die nachtschlaffat Zeit!« »No – wenn s' mi außagsperrt habn!« – »Außagsperrt wern s'di habn!« – »Wenn i dirs sag, Eahlei! I hab an Simmerl no sei Kuferl a Stuck Wegs tragn helfa, und wia i hoamkimm, is des ganz Haus zua, – hint und vorn. Und allsamm schlaffen s'.« – »Daß d' es na net aufweckst?« »Moanst, daß i mi oplärrn laß! – Wo s' a so so grob san mit mir!« Ihre Stimme klingt weinerlich.

Die Wabn horcht auf. »Grob san s', sagst?!« – »Na, sag i! – Am liabstn jagetn s' mi a so auf der Stell aus, weil i neamd hab zum Schutz!« Die Alt ist plötzlich auf Hannis Seite. »Was! Ausjagn! Die solln si untersteh! Dees glaab i! – Dees kinnan s' ja gar neta! Dees kinnan s' ja überhaupts gar neta!«

Dem Pauli, der inzwischen seinen Freunden erklärt hat, daß er freiwillig mitginge, dauert der Disputat zu lang. Er faßt die Hanni unterm Arm und will sie fortziehen. »Geh, tratschts morgn, ös zwee! Jetzt gehn ma!« Aber die Hanni schaut ihn groß an. »He, he, Büaberl! Net so gach! Nachher gehst halt, balst geh willst!« Und die Großmutter greint: »Du bist mir aber amal a grober Lackl, a ohabischer! Glei laßt es steh, mei Hanni! Moanst, daß dee auf di wart! Da bist gstimmt, mei Liaber!« Aber der Pauli packt die Hanni nur fester. Und lacht. »Geh, Wabei, sei stad! – Du verstehst ja nix! Du woaßt ja nix! Bei ins zwee is d' Warterei vorbei!« Und damit zieht er auch schon die Hanni aus der Stube und läßt die Alte wie angewurzelt stehen.

»Geh zua, Dirndl!« sagt er zur Hanni; »druck' ma uns! Mir wissens gwiß – und die oan müassn erscht ratn!« Aber die Hanni kann auf einmal nicht mehr länger mit dem Heimgehen verziehen. Sie muß ihm den Abschied geben. »Pauli«, sagt sie draußen vor dem Haus; »jetzt müass' ma uns aber pfüatn! 1 muaß hoam.« – »Hoam! – Du muaßt jetz mitgeh, daß d' es woaßt!« – »Naa, Pauli. I ko net. Ganz gwiß net!« – »Grad no a kloans Wegei, Hanni!« – »I muaß hoam, Pauli! Ohne Bedingnis!« – »Und mi laßt alloa datschn! Du bist ausgschaamt!« – »Ja no ...« – »Hanni! ...« – »Guate Nacht! Und viel Glück!« Sie läßt sich nicht mehr halten und läuft ihm unter den Fingern weg, durch den Wirtsgarten, hinüber zum Hauserhof, wo sie auflachend hinterm Wagenschupfen stehen bleibt.

Indes der Pauli Derweil hat, auf einem einsamen Weg nachzudenken über zwei Weibsbilder, oder trübsinnig auf die andern zu warten. Davon ihm das eine so lieb ist wie das ander, so daß er giftig ausspeizt, ein paarmal flucht und danach langsam vorausgeht, bis die andern nachkommen. Was nimmer gar lang dauert; denn drin in der Wirtstube sagen sie grad noch dem Wirt und der Leni Pfüagood, verwundern sich plötzlich, daß der Jackl schon fort ist, und dann ziehen sie lachend und singend dahin, indes der Ödenhuber trübschauend unter der Haustür steht und die Resl samt der Leni drin das Geschirr zusammenräumt, ohne Red, ohne Eil.

Der Hufschmied und die Rumplwabn gehen schwatzend heimzu, der Pauli mischt sich unauffällig unter die lärmende Gesellschaft, und die Wirtin öffnet dem Wirt die Schlafkammertür, worauf sie wieder ins Bett steigt, sich gegen die Wand kehrt und auf den Schlaf wartet, den sie selber verscheuchte.

Drüben aber, beim Hauser von Öd, schleicht die Hanni am Haus entlang und sucht nach einem offenen Fenster. Und da alles zu ist, macht sie sich hinten beim Stadel eine Leiter los, lehnt sie an eine zerbrochene Fensterluke beim Heuboden und steigt hinauf, worauf sie durch den Kriadaboden in die Dachkammer schlüpft und von da über die Speicherstiege hinabschleicht ins Haus und in ihre Kammer. Dort legt sie gemächlich ihr Gewand ab, löst die Nadeln aus dem Haar und macht das Fenster auf, so daß die stille Nachtluft das ferne Singen und Spielen wie einen Hauch herüberschickt und ein herber Geruch von Grummet, Scholle und Dung in die Kammer dringt. Dann zieht sie summend die Schuhe und Strümpfe aus und legt sich zufrieden und lächelnd auf die armselige Lagerstatt, wie einer, der sein Sach wohlgemacht hat. Und da der harte Strohsack mit der rupfenen Zieche und dem härwenen Linnen sie rauht und drückt, da sagt sie halblaut für sich hin: »Laßts enk nur Zeit; als Hauserin lieg i scho besser!« Danach freut sie sich noch, daß sie der da drüben, der Resl, ihren Pauli noch so schön ausgespannt hat, gähnt und schläft ein, gut und fest.

 

»Kikerikih!« Dem Ödenhuber sein Gockel schreit den Tag an, so laut er kann. Der Hauserbauer, dem in der Nacht bald schwül und ängstig, bald fröstelnd und ungut zumut war, so daß er erst lang nach Mitternacht den Schlaf fand, dreht sich aufschreckend im Bett herum. »Sakramontsviech, verfluachts! Dir drah i do no d' Gurgel um! Plärrats Luada, plärrats!« Er schaut auf die Uhr. Drei vorbei. Die Hauserin liegt noch im guten Frühschlaf neben ihm. Das feiste, rotwangige Gesicht mit der stumpfen Nase fest zwischen die karierten Kissenzipfel vergraben, den Mund etwas geöffnet und unterm Kinn das geblümelte Kopftüchl zu einem lockeren Knoten verschlungen. Wieder kräht der Nachbarsgockel. Der Hauser springt fluchend aus dem Bett. »Wann di nur mitsamt deiner ganzen Sippschaft der Deixel holn tat!«

Die Hauserin schließt den Mund, öffnet die Augen und fährt in die Höhe. »Was gibts? – Ja so. – Is's eppa scho halbe viere? – Daß d' scho aufstehst, Lenz?« – »Da möcht i scho lang fragn!« grandelt der Alt; »bal di dees Schinderviech, dees miserablige, net schlaffa laßt! Koan solchern gschroamauletn Gockl mußt ja auf der ganzn Welt nimmer finden!« – »Kikerikih!« Der Hausergockl gibt dem Ödenhuberischen Antwort. Und die Hauserin sagt gelassen: »Is eh scho Zeit. Hat a so der insa aa scho gschrian. – Gelobt sei Jes' Christ. – Na stehn ma halt wieder auf in Gotts Nam.« Sie setzt sich auf und schlieft in den vielfach geflickten wollenen Unterkittel mit dem abgenähten Kattunleib dran, den sie seufzend zuknöpft. »O mei Herr. – Wo werd jetzt insa Bua sei! – Daß er gar nixn hörn laßt, jetz is er scho glei a Woch furt, und no net hat er geschriebn.« Sie steht vollends auf und legt das schleißige, pichige Werktagsgewand an. »Der werd scho net Derweil habn zum Brieafschreibn«, sagt er und fährt in die Holzschuhe. »No, a Postkartn hätt er grad scho schreibn kinna, moanat i«, erwidert die Hauserin, knöpft das Schlaftüchl ab und fährt mit einem pappigen, pomadigen Kamm über den Scheitel. Dann bindet sie das schwarze Kopftuch auf und besprengt sich mit dem Weichbrunn, worauf beide die Schlafkammer verlassen und ihr Tagwerk anheben; er mit dem Futtermähen, sie mit dem Kochen der Morgensuppe.

Also nimmt der Alt die Sense von dem Aststumpf des Birnbaums hinter der Holzschupfe, wetzt sie und beginnt, auf dem Anger hinterm Haus das Gras des Obstgartens zu schneiden. Weit ausholend und scharf anreißend mäht er in großen Strichen. Aber er ist nicht recht bei der Sache; erst reißt er mitten durch den größten steinigen Scherhaufen durch, danach schneidet er in die Hollerstauden, daß er langmächtig wetzen und schärfen muß, um die Endsscharten wieder auszuschleifen, – und zuletzt steht er da, vergißt auf die Arbeit und stiert grad vor sich ins Weite.

Die Geschichte mit dem Simmerl und der Hanni geht ihm nicht aus dem Kopf. »Daß aa der Tropf so was ohebn muaß! ... Der Hannakn, der saudumme! ... Wia ma nur so damisch sei konn! ... Und heiratn! ... Aa no heiratn! Statt daß ma s' außezahlt, a so a Weibsbild ... Waar mir gwiß net auf a paar Hunderter zsammganga!... Gwiß net! – Aber ... mit dem Buam is ja nix z' richten; ... der ghört ja von Grund aus ins Narrnhaus! – Und jetz sollst aa no drüber reden! ... Mit ihr ... der Hanni – und mit der Rosina. – Und die Alt hat doch aa mitz'reden, wo s' no dees Geld aufn Haus steh hat ...« Er fängt wieder hitzig zu mähen an. »Wenn ma wenigstens amal mit der oan gredt hätt! – Aber ...«

Ein zorniges Schreien und Schelten läßt ihn aufhorchen: »Schaug sie net o! Sie flaggat no im Bett, wenn ander Leut scho lang bei der Arbat san! Du moanst vielleicht, daß ma di grad zu der Regerazion fuadert!« Und die Hanni dazwischen: »Plärr net a so! – I steh um halb viere auf, – und koan Augnblick net ehander!« – »Du hast aufz'steh, bal mir aufstehngan, daß d' es woaßt, du fäu's Trumm, du fäu's (faules)!« – »Und du brauchst mi gar nix z'hoaßn, daß d' es aa woaßt!« – »Balst moanst, daß ma di faulenzen laßt und herfuadert, bis d' foast bist, da brennst di!« – »Dees is gar ninderscht der Brauch, daß ma mitten bei der Nacht mit der Arbat ofangt!« – »Dees glaab i! – Aber daß ma d' Deanstboten fürs Faulenzen zahlt!« – »Durchaus net! Aber so ausnutzerische Leut, wias du oans bist, muaß's ja überhaupts nimmer gebn!« – »Und koa so a ausgschaamte Goschen, wias du hast, aa nimmer!« – »I laß mi ganz oafach net a so hunzen!« – »Wer hunzt di denn?« – »Naa, sag i! – Wia a Stuck Viech werd ma hergnomma!« In dem Augenblick fährt die keifende Fistelstimme der alten Kollerin drein: »Was gibts da scho wieder! Was möchst du scho wieder, du ausgschaamts Weibsbild, du ganz ausgschaamts du!« Worauf die Hanni patzig auffährt: »Und du nachher? Was gehts denn di o! Di gehts überhaupts nixn o!« Der Alten schnappt die Stimm über. »Was sagst du? Was möchst du? 's Mäu möchst aufreißn! – Daß i di net glei nimm und drisch dir oane eine in dei Bappen ...« Sie kann nicht mehr weiter. Die Luft geht ihr aus. Aber die Hauserin löst sie ab und schimpft weiter. Freilich umsonst; denn die Hanni läßt sie ganz einfach stehen, packt den Schiebkarren und fährt ihn hinaus auf den Anger hinterm Haus, wo der Alt eben die letzte Mahd schneidet. Und sie murmelt halblaut einen höchst unrespektierlichen Wunsch, greift nach dem Rechen und dem Korb und faßt also das Morgenfutter fürs Vieh ein, das bereits zu brüllen beginnt. »A Goschen hats, a guate!« denkt sich der Hauser, indes er die Sense mit einem Grasbüschel reinigt. »Gfalln laßt sie die amal nix! Dees gfallt mir!« –

Die Stallarbeit und das Melken ist geschehen. Die Hauserischen sitzen schweigend beim Morgenkaffee; der Bauer mit gutem Appetit essend, die Bäuerin mit hochrotem Kopf hastig trinkend, die Kollerin gelb vor Zorn und nach jedem Löffel voll, den sie ißt, die Hanni mit giftigem Blick messend, und die Hanni gelassen und gleichmütig einbrockend und ebenso gelassen Brocken um Brocken auslöffelnd, grad als wär nie was gewesen. Was wiederum die Kollerin so aus der Scharnier bringt, daß sie mittendrin den Löffel hinwirft, ein Schimpfwort herausstößt und davonläuft. Worauf die Hauserin ebenfalls austrinkt, schier blaurot im Gesicht wird und auch geht. Indes die Hanni sich ruhig noch einen Keil Brot abschneidet und gemächlich zu End ißt. –

Und da sie fertig ist, wischt sie sich mit dem Handrücken den Mund ab, macht's Kreuz und sagt aufstehend: »Hauser, was soll ma toa: Haber umdrahn oder Erdäpfel ausgrabn? Sie hat gestern gsagt, daß ma amal ofanga kunnt, – mit dee Rosenkartoffel wenigstens.« Der Hauser trinkt seine Schüssel leer. »D' Erdäpfel konn d' Muatta aa außatoa«, sagt er; »gar so viel brauchen s' net. – Du tuast Habern umdrahn, und i werd drunt bei der Niederloatn ritzen. Mit dem neuen Pfluagmesser werds scho geh, wenns aa guatding trucka is.«

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