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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Nun sitzen sie also alle beieinander, die Burschen samt ihren Weiberten: der Hufschmiedkaspar bei der Schustermirl, der Müllermartl bei der Schneidersusann, der Reiserfranzl bei der Seilerchristl, der Wirtsknecht bei der Bachmaurerlies, der bei dieser, und der ander bei der andern.

Und zuoberst an der langen Tischreih sitzt die uralt Rumplwabn, die Großmutter der Rumplhanni. Eigentlich ist sie ja schon seit Jahr und Tag nimmer in des Ödenhubers Wirtshaus gekommen; denn da gemeiniglich einerseits Dienstboten, wenn sie was taugen sollen, zu der Herrschaft helfen müssen, also des Hausers Feind auch der Hanni ihr Feind war; andererseits aber wiederum Feindschaften gewöhnlich sich auch auf die Freundschaft und Sippe der Verfeindeten ausdehnen, so hatte die Wabn als Ahnl der Hanni nicht grad bsunders große Gastfreundschaft von seiten der Ödenhuberischen vorausgesetzt, also auch dieselbe gar nicht lang auf die Probe gestellt. Heute aber, da ein ganzes Trumm jugendlichen bodenständigen Lebens durch den Krieg der Heimat entrissen wurde, da wollte sie nicht abseits stehenbleiben; wollte vielmehr als eine, die es gut mit ihnen meinte, noch die letzte Abschiedsstunde mitten unter ihnen verbringen und jedem ein Stümperlein Trost und Hoffnung – und dazu ein Häuflein ehrlicher Segenswünsche mit auf den weiten Weg geben. Darum schert sie sich heute auch rein gar nichts um Haß und Streit, tut, als wär sie erst gestern das letztemal hier als Gast gesessen, und zwar als ein wohlangesehener.

Und da eben die Resl fragt: »Hat jetz a jeds sei Sach?« und dazu prüfend von einem zum andern schaut, da ruft die Wabn: »Was is's denn mit mir, Resl? – Kriag i heunt gar nix? – Mei Stamperl möcht i!« Die Resl lacht. »Ach, liabe Zeit! D' Wabn! Di hätt' ma jetz bald vergessen, Wabn! Vor lauter Kriag! Was magst denn für oan: an Kräuter oder an Zwetschben oder an Kronawitta?« Worauf die Alt aufsteht, ein nachdenklichs Gesicht macht und sagt: »Was für oan welchan, fragst; ja, – wart amal: heunt ham mir Mariä Schnee, da tuat oan der Kräuter nimmer weh, hoaßts. Sinst kunnt i ja aa an Zweschben trinka. Vorgestern hat ma Steffanie Auffindung gfeiert, und mir sagt: Nach der Auffindung von Sankt Steffanus macht oan der Zweschbn koa Bitternus.« Die Resl wird ungeduldig. »Ja, – was willst nachher trinka?« Da mischt sich der Wirtsjackl drein: »Bring nur glei alle zwee Sorten, Resl! Oder bring an Kronawitter aa no mit! Is ja der Abschiedstrunk!« Die Resl will eilig nach der Schenke. Doch die Wabn schüttelt den Kopf so heftig, daß ihr die endsgroße schwarze Spitzenhaube mit den Perlenfransen und Bändern daran wackelt und das Augenglas schier von der Nase rutscht. »Naa, naa! Resl! Um Gottswilln, naa, sag i! Durchaus gar net! Der Kranawitt taugt mir net! In dera Woch scho überhaupts net!« – »Aber, Wabn!« schreit in dem Augenblick der Schmiedkaspar drein; »wiast nur a so redn magst! Net taugn! Heunt – an Reservisti Auszug!« Alles lacht. Aber die Wabn bleibt tiefernst. »Naa, sag i, – durchaus gar net! Vor Laurenzi, hoaßts, laß den Kranawitt steh, – sinst muaßt an Tiburzi zum Aderlaß geh!« – »Ja no«, meint der Wirtsjackl schmunzelnd; »dees is freili ganz epps anderschts. – Vo dene Bauernregeln verstehngan halt mir junge Leut no z' weni! – Aber, woaßt was? – Na, trinkst ganz oafach um a Stamperl Kräuter mehra! – Und laßt dir von der Muatta a Braterl gebn oder a Bröckl Gselchts.« Die Wabn setzt sich und sucht umständlich in ihrem Rocksack nach der Tabakdose; denn sie nimmt nicht ungern hie und da eine kleine Prise. Besonders, wenn sie was zu überdenken hat. »Balst moanst, Jackl; i sag net naa zum Kräuter!« meint sie, langsam und mit Überlegung redend; »aber dees Braterl – dees laß ma liaber steh, moan i. Es kunnt mir net taugn!« – »Net taugn! – Warum denn net?« Der Jackl winkt der Resl. »No, – bei dera Liab, die dei Muatta zu mir und zu meiner Hanni hat, Jackl, – da is's net gwiß, ob s' mir net eppa an guatn Glückwunsch mit drunter schneidt!« Die Resl bringt den Kräuter. »Geh, Resl, bring der Rumplwabn an Bratn!« befiehlt der Jackl. »Is koana mehr da!« tönt's vom Kuchlschiebfenster her. »Nachher bringts a Gselchts!« Die Ödenhuberin läßt das Schiebfenster herab.

Die Resl läuft hinaus in die Kuchel. Aber sie kommt leer zurück und ist verlegen um die Red; und sie flüstert dem Jackl ins Ohr: »Jackl ... mir ham nixn... sie gibt nix her ... hat s' gsagt ... für d'Wabn ... sie soll beim Hauser drent schauen ... hat s' gsagt ... und bei der Hanni.« Die Wabn lust auf und versteht gar gut, wenn sie's gleich nicht hört. »Ja, ja«, sagt sie; »i woaß's scho. Aber i bin ja gar net kemma zwegn der Ödnhuaberin ihran Bratn! Grad zwegn insane Buam! – Gell ja, Buam!« Und die Burschen nicken ihr zu, schutzen geringschätzig die Achseln gegen die Kuchel und geben ihr Bescheid mit einem Trunk: »Mach dir nix draus, Wabn! – Zum Wohlsein!« Der Jackl aber springt auf und rennt hinaus zur Wirtin. »Wo ist der Bratn?« – »Im Röhrl drin!« sagt die Dirn. Aber die Ödenhuberin fragt: »Für wem?« und stellt sich vor die Bratröhre. – »Frag net lang! – An Bratn will i!« – »I hab koan Bratn für die alt Hex.« – »Du gibst oan her!« – »Naa, sag i!« – »Muatta! – Tua mi net ärgern!« – »Soll nur zu dene da drent ume geh!« – »Du gibst eahm an Bratn, sag i!« »Naa, gar nia net.« – »I wills habn!« – »Dees kümmert mi gar nix.« – Der Jackl wird langsam bleich. Seine Red ist heiser. »Du gibst eahm koan?« – »Naa. – Durchaus gar net.« – »Guat. – I geh heunt. – Du tuast mir die letzte Bitt, wo i hätt, net z'liab. – Guat. – Alsdann konn i nimmer einigeh zu meine Kameraden, konn i mi nimmer sehgn lassen. Muaß i alloa geh. – Aber... daß d' es woaßt ... mit dir ... hab i nix mehr zum verhandeln ... mi siechst nimmer ...« Draußen ist er in der Schenke, – reißt den Hut vom Nagel, packt das Kofferl und rennt durch die Schenktür davon. Der Ödenhuber läuft ihm nach. Die andern haben's nicht bemerkt. Grad die Wabn hat ihn fortrennen sehen. Die zieht den zahnlosen Mund zusammen, wirft einen herben Blick hinaus in die Kuchel und tut danach, als wäre nichts gewesen. –

Die Ödenhuberin hat den Jackl reden hören, greinen, drohen. Jetzt ist er weg. Sie steht starr am Herd, – eine ganze Weile. Auf einmal hört sie die Schenktür zuschlagen, – sieht den Wirt hinausrennen. Da murmelt sie: »Mariand ... er werd do net am End ...« Und sagt schnell laut zu der Magd: »Richt an Bratn her fürn Jackl!« Und eilt hinaus – aus der Kuchel – aus dem Haus.

Da kommt ihr der Wirt entgegen, zürnend und greinend. »Narrets Weibsbild, narrets! – Net amal an Buam sei letzte Stund dahoam is dir heili gwen ... dir ... du ...« Sie starrt ihn an. »Is er furt? ...« – »Hast 'hn ja triebn dazua!« Er geht müd ins Haus. Sie schaut gradaus »Hast 'hn ja triebn dazua ... Jess' Maria ... er is furt ...« Sie rennt plötzlich dahin. »Jackl! – Jackl! – Bua!« Sie horcht. Da tönt ihr ein spöttisches Lachen in die Ohren. Und eine Stimm sagt höhnend.- »Was plärrst denn a so, Wirtin? – Hast leicht dein Buam verlorn!?« Die Hanni! Die Rumplhanni! – Das ... ! – »Werst 'hn kaam mehr daschrein kinna, dein Jackl! – Der is scho leichtli z' Voglriad! – Und renna tuat er, wia wann der leibhafte Teife hinter eahm her waar! – Aber ... der Teife dawischt 'hn nimmer, denk i! –Mitsamt sein Gschroa: Jackl! – Bua!« Fort ist sie.

Die Ödenhuberin aber schluchzt wild auf, wird plötzlich ganz still, wird abermals laut und beginnt zu jammern, zu schreien, zu fluchen; auf die Alt, die Rumplwabn, auf die Hanni, auf die Hauserischen, – auf alles. Und sie geht zurück ins Haus, – hinauf in die Schlafkammer. Da riegelt sie sich ein, legt sich zu Bett und zieht die Zudeck fest über die Ohren, daß sie nichts mehr hört von dem Lärmen und Singen. –

Mittlerweil haben die drunten in der Wirtsstube lachend und stänkernd ihr Freimahl gehalten, und einer um den andern fängt gemach an, Trutzgstanzln abzusingen. Da ist einmal der Müllermartl; der läßt sich zuerst hören:

»Leut, habts nur koa Angst net,
Es hat ja koa Gfahr!
A boarische Watschn
Gspürt ma zworavierzg Jahr!«

Worauf der Schmiedkaspar dreinsingt:

    »Bua, der Russ' bal mi siecht,
Na' roast er wia a Has;
Denn wo a Schmiedpratzn hihaut,
Wachst drei Jahr lang koa Gras!«

Der alte Schmied lacht still in sich hinein. Er betrachtet seinen Kaspar mit blinzelnden Augen. Und mittendrin sagt er aufschnaufend für sich hin: »D' Welt muaß boarisch bleibn, – sinst is's ja nimmer schee!« Wobei er aber der Welt hübsch enge Grenzpfähl steckt: so vielleicht von Holzkirchen über Sauerlach und der Münchnerstadt auf Wasserburg, – und von da etwan über Rosenheim, den Wendelstein und über Miesbach wieder Holzkirchen zu; also daß sein Heimatl samt seiner Hütten hübsch gutding in der Mitten liegt. – Und die alt Rumplwabn gibt ihm recht. Bloß der Tag des Auszugs paßt ihr nicht recht. »Ja ha, Buam!« sagt sie ein übers ander Mal; »daß's jetz gar grad allsamm heunt roasen müaßts? Grad auf Mariä Schnee! Dees werd enk koa guats Zoacha, fürcht i! – Dees bedeut enk koa Hoamkemma vor'm Winter!« Worauf der Reiserfranzl sie beruhigt: »Dees macht nix, Wabn! Strickst uns halt derweil hübsch warme Wintersöckl!« Das verspricht sie hoch und teuer. Dann trinkt sie ihr drittes Stamperl leer und schnupft danach eine kleine Gefälligkeitsprise aus der Dose des Hufschmieds.

 

Unterdessen hat sich der Ödenhuberknecht, der Sepp, hübsch nahe an die Alt heran gemacht. Jetzt fragt er sie halblaut: »He, du, Wabei, – du woaßt do allerhand simpathetische Sachan; kunntst mir da net vielleicht epps a Trumm gebn – oder so an Spruch oder a Gweichtl, woaßt, daß i halt a bißl a Glück hätt da draußt. Du brauchst es ja net umasinst toa, verstehst, Wabei. – Auf a Markl hi oder zruck gangs mir net zsamm, bals was helfat.« Die Alt hört ihm aufmerksam zu. Jetzt sagt sie: »Aha. – I versteh di scho. Du bist halt aa oana, der wo moant, er hat d' Himmelschlüssel mitsamtn Seligkeitsverschrieb in sein Geldbeutl drin. Aber i fürcht alleweil, du hast falsch graten! Den's treffa muaß, den triffts, – da hilft eahm koa Sanktus und koa Benediktus!« Der Sepp aber läßt sich nicht so leicht abwehren. »Naa, dees is net wahr, Wabei! – Dei Sach hat no alleweil an gwissn Triffauf ghabt! Du woaßt ganz gwiß a Hilf oder an Segn!« Er sagt's so laut, daß es die andern hören können. Und da tönt's auch schon durcheinander: »Was gibt's da? Was hat d' Wabn? He, da möcht' ma fei aa epps!« Sie stehen auf und drängen sich um die Alt. Aber die jammert: »Marixn! – ös derdruckts mi ja! – Da geht oan ja glei der Adam aus, bei enkerm Wildtoa!« Sie kramt umständlich in ihren Rocktaschen herum. Die Burschen aber schreien: »Wabn! Mir! He! Mir aa epps!« Und die Maidln tun jämmerlich und bitten mit Blicken und Gebärden. Der Sepp vom Wirt stößt die Wabn in die Seite: »Gell, Wabei! – Grad an Betbriaf balst hättst! – Oder an Ablaßpfenning! ...« Aber da sind auch schon die andern; da möcht der Kaspar einen gewissen Segen, daß ihn keine Kugel trifft, – der Reiserfranzl ein starkes Russengift, – der eine dies und der ander das. Und der Martl vom Müller sagt: »Ein wirksams Marschierpulverl für d' Franzosen wannst hättst, Wabn, – dees waar mir dees allerliaber!« Darauf aber der Wirtsknecht meint: »Du waarst ja net viel gschlecki! Kunnst ja d' Oblatn aa glei verlanga und an Löffel zum Eingebn!« Die Rumplin schmunzelt. »Teats enk nur net z'keiln, Buam! Laßts enk nur Derweil! Auf oamal haut ma koan Baam net um, hoaßts! Da jetz kimmt ja scho was: a Josephsringl! ...« Sie zieht ein gewundenes, rundes Beinringlein aus dem Sack und hält Umschau unter den Burschen. »Aha! Franzl, – dees gib i gar dir! Auf daß d' deiner Christl net untreu wirst unter dem Kriag!« Sie reicht's dem verlegen Lachenden.

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