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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Der Hauser hat die Ochsen gefüttert und getränkt. Jetzt geht er hinauf in die Schlafkammer, zieht den Schlüssel zu der alten, bemalten Truche aus dem Strohsack seines Eheweibs und schließt seufzend auf. Langsam nimmt er aus einem alten, zinnernen Bierkrug ein etlichs paar Silbertaler, sucht ganz zuunterst im Eck das Salbentiegerl von den wehen Augen seiner Liesl, nimmt den hölzernen Deckel ab und langt zwei Goldfuchsen daraus. Dies Geld also tut er in den Zugbeutel, der noch von dem alten Hauser, Gott hab ihn selig, in der Truche liegt, und schiebt's ein für den Simmerl. Darauf schließt er wieder ab, versteckt den Schlüssel und geht hinunter in die Stube. Sinnierend setzt er sich auf das lederne Kanapee und schaut seiner Rosina zu, wie sie weinend Schnitten um Schnitten von dem Brotlaib fetzt und in die irdene Suppenschüssel fallen läßt, Salz und Pfeffer drüberstreut und einen Büschel Schnittlauch dreinschneidet. Sie sagt nichts, er sagt nichts.

Dann trägt die Hauserin ihre Schüssel hinaus in die Kuchel, gießt die Wassersuppe darüber und schmalzt und zwiebelt sie. Und mit beiden Händen faßt sie die dampfende Schüssel, fährt aus den Holzpantoffeln, damit sie nicht stolpern muß, und trägt also die Suppe barfuß in die Stube. Der Dreifuß steht schon auf dem gedeckten Tisch; vorsichtig hängt sie die Schüssel hinein und sagt dazu: »Lenz, geh, schaug, der Bua! Daß er si net versaamt.« Dazu weint sie heftig auf und läuft weg.

Und die alt Kollerin, die Großmutter, steht in der Kuchel vor der Anricht, ordnet die Kaffeeschüsseln und Haferln in eine Reihe und wirft den Zucker darein: drei der Bäuerin, zwei dem Bauern; vier dem Simmerl, vier dem Liesei, zwei sich selber und eins der Magd, der Hanni. Dann schaut sie einmal ins Bratrohr nach den Schmalzkücheln, die zum Aufwärmen drin stehen, und gießt danach den Kaffee ein. Langsam und umsichtig schöpft sie ihn mit einem alten Messinglöffel durch den Seiher in die Schüsseln und Kacherln; und danach die Milch: dem Bauern wenig, der Bäuerin aber viel mitsamt der Haut; dem Simmerl nur ein Tröpferl mit Haut, sich und dem Liesei schier lauter Milch, – und der Hanni den Rest. Dazu seufzt sie immer lauter: »O mei Herr! ... an Lenz ... der Rosina ... mei, wia werd's eahm geh ... an Simmerl ... an Liesei .. O mei, der Kriag ... der andern.« Jetzt ist er eingeschenkt, der Kaffee. Plötzlich fällt ihr ein, daß sie für den andern Tag zum Nachähren ihren Rechen noch nicht eingeweicht hat. »Daß's Gott gsegn!« sagt sie zu sich selber; »dees muaß i glei toa! – Sinst falln eahm morgn bei dera Hitz alle Zähnt außa!« Und sie läuft hinaus zum Brunnengrand vor dem Wurzgarten, den sie selber gepflanzt und mit allerhand Blumen und Sträuchern geziert hat: mit Windpappeln und Rittersporn, Flugs und Dahlien, Nelken und roten Rosen. Mittendrin schreit sie laut auf: »Marixn! – Liesei! Malefixkarwatschn! – Meine scheena Bleame!« Sie rennt ans Gartentürl. »Ja, insa liabe Zeit! Dees ganz Gartl is hi!«

»Noo!« sagt da die Liesl und tappt mit einer ganzen Schürze voll Blumen mitten durchs Gurkenbeet; »i wer wohl no an Simmerl a Bleame ostecka derfa, wo er fürt muaß!« Und beginnt zu heunen: »Gar nix mehr derf ma! – Aber wart no! Bal er derschossen is, nachher siechst es scho! Nachher konnst eahm koa Bleame nimmer gebn!« Worauf die Alte ganz nachgiebig wird und sagt: »Sei staad, sag i! Red koane solchern Dummheitn net! Möcht oan a so schier an Magn abdrucka vor lauter Kümmernis!« Damit läßt sie die Liesl laufen und geht jammernd in ihr Austragstübl. Dort sucht sie ein alts, wächserns Christkindl in einem silbernen Büchslein her. Das wickelt sie samt einem Frauentaler in ein linnenes Tüchlein, mit dem der Herr Pfarrer vor Zeiten unserm lieben Herrn seinen Kelch gehalten hatte, als er den alten Kollervater seligen Angedenkens damit zum letzten Gang verprofitierte. Und sie trägt's andächtig hinüber in die Stube und legt's dem Simmerl an seinen Platz.

Der kommt eben pfeifend und zur Reis fertig aus seiner Kammer und setzt sich munter an den Tisch. Die Hauserin bringt die Schmalznudeln; die Kollerin stellt die Kaffeehaferln an die Plätze, das Liesei steckt den Hut des Bruders voller Nelken und Rosen, und die Hanni kommt zur hinteren Haustür herein und setzt sich summend mit den andern zum Essen. Worauf sie aber die Kollerin scharf anläßt: »Obst glei staad bist, du gottvergessens Weibsbild du! Sie singt und röhrt, wann der oanzig Bua vom Bauern in Kriag furt muaß! Du waarst no so oane! Du hättst no so a Herz in Leib, du!« Aber die Hanni erwidert patzig: »Dees geht di gar nix o, ob i a Herz hab oder koans! I woaß mei Sach, und du muaßt erscht ratn!« Damit gießt sie ihren Kaffee auf einen Zug hinunter, nimmt sich zwei Schmalzküchl und läuft weg. Die Kollerin greint wie das heilig Donnerwetter und ruft ihr nach. »O du ganz miserabige Karwatschn, du!«

»Daß d' gar so grob bist, damit?« meint der Simmerl so nebenbei und löffelt mit dem Hauser die Brotsuppe aus. »Grob!« sagt die Kollerin beleidigt; »grob wer i sei! Weil's wahr aa is! Weil s'alle Tag no bollischer werd und no ohabischer, des Weibsbild, dees ausgschaamt!« – »Du machst es scho bollisch mit dein ewign Geknerr!« mischt sich der Hauser ein und rührt seinen Kaffee um. – »Was willst da? I, sagst! Mit mein Geknerr, sagst? Wer knerrt denn? ...« – »Koa Mensch, wia du!« – »Aha! Weilst mi nur scho wieder hast!« – »Da hab i di gar net. Aber weil's wahr is ...« Er brockt sich ein Küchl in den Kaffee. – »Ja, weil's wahr is! Helfts nur hübsch dazu, zu dem Weibsbild!« Sie löffelt hitzig ihren Kaffee aus. Die Hauserin mengt sich ein: »Jetzt dahacklns halt ananda scho wieder! Wia enk nur der Tag net z'heilig is! Zwegn dem Schlamperl! ...«

Der Simmerl fährt in die Höh. »Hoaßn brauchst es du gar nixn!« sagt er; »werd eahm neamd was Schlechts nachredn kinna, a da Hanni!« – »He, he! Tua di net gar a so z'reißn dafür! ... Für dees herglaaffa ...« Aber der Simmerl fährt dazwischen: »Und i leid's amal net, sag i! Herglaaffa oder net ... d' Arbat tuat s' ...« – »Dessell muaß wahr sei«, bestätigt der Hauser; »da derf scho oane hergeh ...« – »Ja, ja. D' Arbat tuat's. Was's eahm ös zwee oschaffts!« spöttelt die Hauserin. »Weil s' es halt mit die Mannaleut überhaupts besser konn, als wia mit die Weibertn!« ergänzt die Kollerin. Und beide, die Alt und die Jung, schauen sich überlegen an und verlassen zusammen die Stube. Die Lies hat unterdessen schweigend und auflusend ihr Schällein leer getrunken; da sie aber jetzt die Mutter samt der Großmutter hinausgehen sieht, macht sie dem Vater und dem Simmerl ein finsters Gesicht hin, nimmt sich etliche Nudeln aus der Schüssel und läuft gleichfalls davon.

Jetzt sind sie allein, die Mannertn. Und der Simmerl sagt, ohne von seiner Schüssel aufzusehen: »Vadda!« Der Hauser wischt seinen Löffel nachdenklich ans Tischtuch und legt ihn in die Schublade. »Was möchst?« – »I hätt epps z'redn ...« – »Mit wem?« – »Mit dir.« Der Simmerl schiebt die Eßschüssel von sich und steht auf. Der Alt erhebt sich gleichfalls und will 's Kreuz machen zum Beten nach Tisch; da sagt der Simmerl grad: »Mit dir.« – »Mit mir? Zwegn was?« – »Zwegn der Hanni.« Der Hauser setzt sich wieder. »Dees versteh i net ...« Der Simmerl tritt an eins der Fenster. »Ja no; a zwiderne Gschicht is's halt ...« – »Da kenn i mi net aus.« – »Es is halt jetz nix mehr dro z'richten.« Er reißt eine volle Geraniumblüte ab und steckt sie ins Knopfloch. »I woaß gar net ... was d' moanst ...«, sagt der Alt. – »I muaß s' halt heiratn.« – »Wer?! – Wem?! –« Der Hauser fährt in die Höh. – »Ja no! ... Großmuatta!« – »Auf dees hör i net ...« – »Und was s' bei dera Bande da drent redn wern ... bein Ödnhuaber! – Wia si die's Mäu zreißn wern ...« – »Dees braucht ins gar nix z'kümmern. Bal i zruckkimm, ... na heirat I d' Hanni ... und bals net is ... nachher hör i's nimmer, was s' sagn. I hab jetz nimmer Derweil, daß i no länger umananddischbedier; i muaß furt.« Damit geht er zur Tür. Aber der Hauser steht breit davor und schreit hitzig: »Du bleibst mir no da, sag i! Die Sach muaß gschlicht wern! Brauchts durchaus net, daß d' aa no protzi bist bei dera Schand! Oder is 's vielleicht koa Schand net?! Aufhänga kunnt i mi, wenns net grad Kriag waar! Aber a so is's mei oanzige Hoffnung, daß die Bande bei dera ganzen Gaude net a so Derweil habn werd zum Aufpassen. Vielleicht is aa der Kriag bald aus, und du kimmst wieder hoam ... nachher redn mir weiter! ...« Der Simmerl steht ungeduldig vor dem Alten. »Und was is 's bis dorthin?« – »Ja no ...« Der Hauser geht zum Fenster und starrt hinaus. »I tuas net gern; grad, weil i di net a so geh lassen mag; ... muaß i s'halt daghaltn derweil ... und mit der Muader redn.« Er dreht sich um und legt die Händ auf den Buckel. Der Simmerl schnauft erlöst auf. »Herrvergeltsgood. Jetz geh i gern. – Dank dirs Good, Vadda.« Der Alt schiebt die Händ in den Sack. »Ja, gsegn dirs Good, Hallodri! Muaß i halt redn mit der Muada ...« – »Und mit der Hanni, Vadda. Daß s' woaß, wia s' dro is.« – »Wia i sag: Gern tua i's ja net ...« – »I muaß jetz, Vadda. Laß di pfüatn. Und bleib gsund.« – »Muaßt wirkli scho geh!?« – »Ja, i muaß. Woaßt scho, i möcht net gern zsammkemma mit der ganzn Blasn. Bein Ödnhuber drent ham sa si allsamm zsammbstellt. Aber,... wo is denn d' Muatta? ... Muatta! He! Auf gehts!« Er pfeift schrill durchs Haus.

Der Alt folgt ihm in den Hausflöz. »Was i no sagn möcht, Vadda: D' Spreng von den hintern Truchenwagn hab i heunt fruah zum Schmied umi, daß er a paar starke Bänder drüberschlagt; sinst zreißts es gar amal, balst guatding stark auflegst.« Der Hauser nickt. »Is scho recht. Da hat er mi ausgschmirbt, der Wagnermartl, mit der letzten Arbat! D' Loixna taugn aa nixn. Jessas, ... da, ... i hab no epps für di! Werst es scho braucha kinna draußt, oder wost hikimmst.« Damit gibt er dem Buben den Beutel. »Dees konn ma freili braucha!« lacht der Simmerl und schiebt ihn ein; »i sag dir Dankgood dafür. Und jetz Pfüagood. Himmigreizgruzi ... daß jetz do koane zuawageht vo de narrischn Weibatn. Na muaß i a so geh! ...« Er langt noch schnell ins Weichbrunnhaferl drinnerhalb der Stubentür, macht ein gschwinds Kreuz und schreit, indem er aus dem Haus tritt: »Also, pfüat enk! I geh. Bis der Krieg gar is, werds nachher scho amal ausbockt habn, ös bollische Weibsbilder überanand!« In diesem Augenblick blökt das neue Stierkalb. »Jeß, mei Kaibei! – Mei Stierzei! – D' Viecher!« Er rennt noch in den Stall. »Gell, daß si fei nixn feit bei enk!«

Da stehen sie alle und glotzen ihn an, und die vordere Schneiderblassin fährt ihm an den Kopf und holt sich eine von den Blumen. »He, Luada!« schimpft der Simmerl lachend; »friß mi nur net no, bevor mi der Kini kriagt! Säh, ... da habts no epps, ... a Angedenka an mi ....« Und er reißt die Blumen von seinem Hütl und wirft jeder Kuh eine hin. Und dem Kaibl die Geraniumblüh. Dann wischt er sich schnell mit dem Ärmel über die Augen, räuspert und kriegelt rauh, streichelt die Ochsen noch einmal und rennt aus dem Haus.

Aber da stehen die Weibertn und das Liesei im Nachtkittl und heunen und jammern: »Jetz is er furt ... ohne Pfügood und ohne alls ...« – »I bin scho no da!« sagt er und macht einen gschwinden Abschied; »laßts enk koa Traurigkeit gspürn! Und teats net alleweil raaffa! Dees machan jetz nachher scho mir draußt! Und vergeßts mi net ... mitn Schreibn ... und mitn Schicka ...« Er rennt schon dahin – ums Eck.

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