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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Der Frühling kommt gemach über die Münchnerstadt, und der Metzgerhans bestellt das Aufgebot. Also verkündet drunten in der Pfarrkirche zu Maria Hilf der Priester am Sonntag, der genannt ist Lätare, von der Kanzel herab: »In den heiligen Stand der Ehe haben sich versprochen der ehrenhafte Jüngling Johann Niederhuber, Metzger von Rottalmünster, mit der Jungfrau Johanna Rumpl, Köchin von Öd.«

Und die Hanni läuft von Laden zu Laden, besorgt dies und das, hat den Kopf voller Pläne und die Hände voller Arbeit und ist so zufrieden und gut aufgelegt, wie noch nie im Leben. Der Hans aber verhandelt mit der Martlbräuin, die von Tag zu Tag müder und verdrossener im Geschäft wird, wegen des Verkaufs. »Also, was is's, Frau Martl! Jetz wär i halt da und saget: Gebn S'mir die ganz Putschari! – Nachher habn S' Eahnan Ruah!« Und die Martlin sagt nicht nein. »Dees stimmt«, meint sie. »Und a bessere Wirtin wüßt i mir eigentli gar net, als wia d'Frailn Hanni. Ja, i bin recht müad. Recht froh, wenn i mein Ruah kriag.« Also wird die Sache richtig gemacht, und am zweiten Sonntag im Mai laufen etliche Kinder draußen in der Au und droben beim Martlbräu treppauf und –ab und werfen in die Briefkästen der Leute Karten, auf denen zu lesen ist: »Zu ihrer Hochzeit am Samstag, den zwanzigsten Mai 1916, im Martlbräukeller, laden ergebenst ein Johann Niederhuber und Johanna Rumpl. Zugleich geben wir bekannt, daß wir die Martlbrauerei käuflich erworben haben... «

 

»Musikanten, laßts Landler erschallen,
Spielts auf in die Martlbräuhallen!
Teats blasen und pfeifen,
In d' Soatn frisch greifen,
Teats trommeln und zithern und harpfan
Und hockts net grad da wia die Karpfan!«

Der alte Niederhuber, ein beleibter, weißhaariger Bauernwirt, steht vor den Musikanten, schnalzt mit den, Fingern, schnackelt und singt und zahlt für sein Lieblingsstücklein einen blanken Taler. Dann geht er lachend an die lange, dichtbesetzte Tafel, wo die Basen und Tanten des Hochzeiters als Ehren- und Kranzljungfern in ihrer bäuerlichen Pracht und ihrer verlegenen Schweigsamkeit wie Krippenheilige dahocken und kaum einmal laut lachen oder den Mund auftun zu einer Red. Ringsum ist der Saal gedrückt voll von Gästen und Geladenen, Alten und Jungen, Frauen und Männern, Burschen und Mädchen. Alles unterhält sich, lacht, schwatzt und scherzt, und die Jungen wagen trotz der Kriegszeit hie und da ein kurzes Tänzlein auf dem winzigen Fleck vor dem Musikpodium.

Aber der Hochzeiter? Und die Hochzeiterin? Ei ja! Da steht der Hans in der Schenke, im Bratenrock und weißer Binde, den Rosmarinstrauß im Knopfloch, füllt die Krüge, entkorkt Flaschen, rollt Banzen und schafft und werkt, daß ihm der helle Schweiß auf der Stirn steht! Und draußen in der Küche hantiert die Hochzeiterin im silbergrauen Brautgewand mit Myrtenkranz und Schleier, rührt in den Tiegeln, riegelt die Pfannen, schneidet den Braten und klappert mit Tellern und Platten, indem sie befiehlt, fragt und bald dem einen, bald dem andern Hochzeitsgast aus dem frischgefüllten Krug oder Glas lachend Bescheid tut. Und sie regiert mit fester Hand und lauter Stimm, indes die alte Martlbräuin still und betrachtend auf einem Polstersessel in einer Ecke sitzt und denkt: »Ja, ja. So hab i mirs alleweil vorgstellt... meim Buam sei Hochzeiterin ... die junge Martlin... «

Also beginnt der Ehestand der Frau Johanna Niederhuber, geborene Rumpl, mit viel Arbeit und fröhlichem Schaffen, und da sie endlich spät in der Nacht das grüne Kränzlein und den Schleier vom Haar löst, sagt sie zu sich selber: »Alsdann. In Gottsnam hab i angfangt. In Gottsnam tean ma weiter. Guate Nacht, Himmelvater, guate Nacht, Himmelmuatta, guate Nacht, Schutzengel. Amen.« Und dann läßt sie sich willig von ihrem Eheherrn hineingeleiten in die Schlafkammer als seine liebe Hausfrau und Martlbräuin.

 

Ein schwüler Sommertag. Die Sonne brennt nieder auf die Straßen der Münchnerstadt und läßt die Menschen seufzen und nach einem frischen Trunke lechzen. Und einer um den andern: der Ratsherr wie der Kaufherr, der Richter wie der Arbeitsmann, sie alle tun ein festes Gelöbnis: »Heut geh i aber nach'm Feierabend auf an Keller und trink a Maß!« Ja ja. Die Brauherrn haben ihre Sach nicht schlecht gemacht, da sie ihre Lagerkeller außerhalb der Altstadt auf grünende, luftige Anhöhen bauten, mit schattigen Baumgärten umgaben und also nicht nur für den dürstenden Leib sorgten, sondern auch dem müden und ermatteten Geist eine wohltuende Erfrischung boten. Da breiten mächtige Kastanien ihre Kronen aus, da ruht das Auge zufrieden auf saftiggrünen Wiesenflecken, auf gemütlichen, hohen Hausdächern, auf den glitzernden, grünen Wassern unseres Isarflusses und auf dem großmächtigen Schattenbild der Münchnerstadt mit ihren Giebeln und Türmen, die ruhig und erhaben in die leichtgetrübte laue Abendluft hineinragen. Hier sitzt der Reiche bei dem Armen, der Hohe neben dem Niederen; und alle Standesunterschiede verschwinden bei der beschaulichen Ruhe, die über allem liegt und jeden überkommt, der da zufrieden seinen Rettich oder Käs verzehrt und dazu sein Häflein trinkt; und kein anderer Wunsch wird laut als nur der eine: »Wenn's doch draußen auch einmal wieder still und ruhig würde! Wenn halt mein Sohn, mein Freund einmal wieder hiersitzen möcht bei mir und mir Bescheid tun auf die Losung: 'Auf eine friedsamen glückhafte Zeit!'«

Droben im Martlbräukeller gibt's an heißen Tagen viel zu tun. Da klappern in der Schenke die Krüge, rollen die Banzen, hallen die Schläge des Schenkkellners, der den Schlegel schwingt und frisch anzapft, bald ein Faß Dunkel, bald ein Faß Hell ... Und der junge Wirt geht zufrieden durch den Garten, begrüßt seine Gäste und plaudert mit Bekannten, indes seine Wirtin, die Hanni, an dem großen Schiebefenster steht und werkt und schafft.

Da tritt einer zu ihr, ein alter, schneeweißer Griesgram, der mit einem bitteren Lächeln sagt: »So so. Da is s' ja, d' Rumplhanni von Öd. Na, Hanni, du hast es, scheints, besser derraten wie d' Ödenhuberleni!« Es ist der Hufschmied von Öd, den die Hanni mit fröhlicher Lebhaftigkeit begrüßt und dann fragt: »Warum wie d' Leni, Schmied?« Der erwidert: »Weilst an gsunden Mo hast, der no seine gradn Glieder hat. Der Hausersimmerl hat s' nimmer. Dees hoaßt: grad wärn s' scho; aber fehln tean halt a paar ... a Hand ... a Hax ... Aber sonst geht's eahm net schlecht ... « Und dann geht er hinein zur Martlbräuin, die ihn nicht gehen lassen will und ihn mit Speis und Trank bewirtet. Und erzählt ihr von der Heimat, von den Hauserischen, von allen. »Und der Staudnschneidergirg hat sei Susann gheirat«, sagt er; »aber sie hausen net guat mitanand.« Die Martlbräuin lächelt. Und denkt an jene Fraueneier, an das Schmalz und an den Buschenreiteranderl, den Karrner. »Und d' Hauserin und die alt Ödnhuaberin san jetz die besten Freund«, fährt der Schmied fort; »und d' Mannetn natürli aa. Und i leb halt so oaschichti im Austrag beim Pauli und denk an meine Buam und wia lang als's no dauert ... « Die Hanni will ihn trösten, aber er sagt: »Naa, Hanni, sag mir nix. Wia s' mir mei Wei auße ham in Gottsacker, da ham s' mir aa mei Hoamat furt. Und die mir wieder oane macha hättn könna, san aa furt ... Und a so geh i halt umanand wia oana, dem d' Henna 's Brot gnommen habn, und schaug oamal ums andermal auf d' Uhr, ob 's no net bald Zeit wird zum Hoamgeh für alleweil.«

Ja ja. So redet das Alter. Die Hanni aber ist jung und denkt: Dees hat no Zeit. Mir gfallts in dera Hoamat no recht guat, und i hab koa Verlanga nach was andern. Und wenn amal dees Kloane ... vielleicht a Bua... 's Martlbräu hat ... nachher hat 's erscht recht no Zeit ...

Ihr ehelicher Hausherr bringt sie aus ihrem Sinnieren, indem er zu ihr tritt und sagt: »Hanni, der Herr Postrat hat seine Fleischmarken vergessen. Geh schick d' Marie nüber zu seiner Frau und laß s' holn. Dann kriegt er a abbräunte Milzwurst mit Gurken und Gröst'te. Und i mag oane in der Brotsuppen, Hannerl, gell ... « – Und die Hanni gibt ihre Befehle und richtet danach ihrem Hans die Brotsuppe mit der Milzwurst. Indes draußen im Garten die Gäste still sitzen und auf die Töne der Musik lauschen, die der Abendwind vom Petersturm herüberträgt zum Martlbräu.

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