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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Beim Martlbräu geht's heiß her; denn drüben in der Au ist Jakobidult, und der erste Sonntag bringt schon eine Menge Gäste zum Mittag, so daß die Wirtsstuben dicht besetzt sind. Da geht's in der Küche an ein Kochen und Braten, Werken und Plärren, Klopfen und Hacken; die Wirtin befiehlt, die Frieda grandelt, die Hanni läuft und schwitzt, und die Hausmagd klappert und rasselt mit dem Geschirr, daß man kaum das Rufen und Schreien der Kellnerinnen und der Tochter vom Büfett her versteht. »Drei Leber-, eine Nockerlsupp! Zwei Fleisch mit Koirabi, ein Niern-, ein Brust-, ein Schloßbratn, Gröst'te, Kartoffel- und Gurkensalat!« Das Fräulein Berta wiederholt diese Bestellungen; die Frieda gibt sie an die Wirtin weiter, und diese ruft: »Hanni, a Nockerl- und drei Lebersuppn kriagt d' Aushilfmarie! An Gschloß-, an Niern- und an Brustbratn herrichten! Zwoa Ochsenfleisch hat s' aa bstellt! San die Gröst'n hergricht? Zwoa Koirabi, an Gurken- und an Kartoffelsalat hin!« – »Und i kriag an Rindsbratn mit Ganze, zwei Schweinskarree mit Gmischten und ein Hackbratn mit Andivi, Frau Martl!« ruft die Lina; »und fürn Herr Amtsrichter an Schweinsbratn aufhebn! Der Herr Rat is aa no net da! Seine gfüllte Brust fei net hergebn! An Andivi, hab i gsagt, zum Hackbratn! Habts an Herrn Kommissär sei brat'ne Haxn reserviert?« – »Ja, ja!« sagt die Frieda grandig; »der werd s' scho kriagn, sei ewige Haxn!« Und sie wendet sich an die Wirtin: »Frau Martl, schreibn S' auf, bittschön: an Kommissär sei Haxn, an Rat sei Brust und an Amtsrichter sein Schweinsbratn.« – »Und an Statzionsmoasta sein Kopf bis um oans bacha!« erinnert die Tochter in dem Augenblick. »Wenn der sein Kopf net kriagt, macht er an Krach, und was für oan!« – »Is scho wahr!« sagt die Wirtin erschrocken; »Herrschaft, den hätt i jetz bald vergessen! Hanni! Gschwind an Statzionsmoasta sein Kalbskopf auslösen! Und an Kommissär sei Haxn in a Degerl nei! Können S' an Rat sei gfüllte Brust aa glei dazutoa und den Schweinern vom Amtsrichter!« Derweil bestellen die Kellnerinnen schon wieder aufs neue eine Menge Fleisch, Salat, Suppen und Gemüse, und die in der Küche wissen schier nimmer, wo sie zuerst anpacken sollen. Aber es geht dennoch alles seinen Gang; eins ums andre wird fertiggemacht, und schließlich ist auch dieser Sturm vorüber, die Küche wird still und leer, und auf das Getriebe folgt die Ruhe des Nachmittags für alle, auch für die Hanni. Die Wirtin aber ist voller Anerkennung und sagt: »Hanni, i bin recht zfrieden mit Eahna. I wollt, mei zukünftige Schwiegertochter wär amal so tüchtig wie Sie! Aber wer weiß, was mei Ferdl für eine heirat ... « Aha. Die Hanni wüßts schon ein wenig, wie sie ausschaut, und daß sie keiner Martlbräuin gleichsieht! Aber – Schweigen. Und die Hanni lächelt nur zufrieden und tut weiter ihre Pflicht. Indes der Metzgerhansi immer mehr den Narren an ihr frißt und sich fest und steif in den Kopf setzt: »D' Hanni oder gar koane!«

 

Etliche Tage später tritt ein Soldat zum Martlwirt in die Stube. »Herr Martl, morgn geht's dahin – ins Feld. Heut auf d' Nacht derfan S' uns no an kloan Abschiedsschmaus und a guate Maß herrichten. Fünfasiebazg Mann san ma.« Der Martlbräuwirt reibt sich diensteifrig die Hände und meint: »An Abschiedsschmaus sagst. Ja, is scho recht. Gefreut mi, wanns kemmts. Werd scho richtig auftragn. Da, magst vielleicht schnell a Wetschinia? A guate Zigarrn raucht ma alleweil gern. Und a Maß trinkst schnell. Die ghört nachher für 's Ansagn.« Und dann geht er hinaus in die Küche, wo der Metzgerhans eben allerhand Fleischbrocken aus dem Sudhafen nimmt und zur Hanni sagt: »Geh, Hannerl, sperrn S' mir 's Schlachthaus auf!« »Hans! Hast ghört! Unserne LandwehrIeut von der sechsten ham eahnan Abschied heunt auf d' Nacht. Machst mehra Milzwürst, gell. Und richst a paar gspaltene Haxen her und etliche Kalbsschäuferl. D' Hanni kann dir ja helfa, daß d' fertig wirst bis um fünfe.« Also gibt der Wirt seine Befehle, und alles richtet sich danach: Die Wirtin stellt die Speiskarte zusammen, das Fräulein Berta zählt die Bierzeichen und die Zahlmarken, die Frieda stellt eine Menge Häfen und Tiegel auf den Herd, die Küchenmägd putzt Salat ein und wäscht Kartoffel, und die Hanni geht mit dem Hans hinab ins Schlachthaus, um ihm zu helfen bei seiner Arbeit. Da heißt's Fleisch wiegen, Zwiebeln schneiden, Gewürze richten, Netze waschen, Milz und Bries in Stücklein hacken und das Wurstbrat rühren. Und der Hans sagt: »Hannerl, a Zitrona reibn! Hannerl, an Petersil fein schneidn! Hannerl, hast jetz du no gar koan Hochzeiter im Sinn?« – »I? O mei! An so was denk i gar net! Wo ham S' denn an Pfeffer, Hans?« – »Da is er drin. Wie wärs denn, wannst jetz amal a bißl an oan denkn tätst, Hannerl?« Er schneidet etliche Zwiebeln und wischt sich das Wasser aus den Augen. »I wüßt dir an recht an braven Hochzeiter, Hannerl. An recht an ordentlichen.« – »Jetz fangt er halt scho wieder mit dem Gschwatz an!« sagt die Hanni; aber sie fragt doch nach einer Weile, während er anfängt, die Kalbsnetze zu waschen: »Kann er a Frau ordentli ernährn?« Der Hansl wirft sich in die Brust. »Ah mei! Ernährn! Was willst denn! Heut no kaaf i dir an Martlbräu, wannst es habn willst! Heut no!« Die Hanni schmunzelt. Aber sie sagt scheinbar verwundert: »Ah so! Also bist du der Hochzeiter!« – »Ja, allerdings. Weil i moan, daß 's dir am End do net gar so ernst gwesn sein kunnt, 's letztemal ... Mit deiner Absag ... « – »Aha.« Sie arbeiten eine Weile schweigend dahin. Bis die Hanni fragt: »Lebt dei Vata no, Hans?« – »Ja. Warum?« – »Und dei Muatta?« »Naa; scho lang nimmer. A Schwiegermuatta hättst net z' fürchten ... « – »Die fürchtet i a so net. Wia, hast 's Brat gsalzen? Naa! Also, schaug oana nur den gedankenlosen Tropf an!« – »Dees macht d' Liab, Hannerl.« – »Oder dei Dummheit. Für dees da is net zum helfa, und für dees ander aa net.« – »Dees wollt i aber bezweifeln. Denn wennst mi aa gern hättst, nachher bräucht i ja nimmer dumm z' sein!« Die Hanni lacht voll Spott. Aber sie schaut ihn doch so an mit ihren Augen, daß er sich wie verhext vorkommt und schwer schnauft. Doch sie hält ihn am Schnürl. »Wo hast dein Spagatt? Sand die Netzln sauber? Tua fein net wieder so viel nei, wie 's letztemal! Net daß 's wieder oane zreißt!« Doch nach einer Zeit fängt sie abermals an zu fragen: »Is dei Vater no aufn Gschäft?« Der Hans erwidert: »Ja. Aber dees schadt ja nix. I nimms gar nia, dees sein'. I bleib alleweil in München herobn.« »Aha. Was moanst jetz, daß der Martlbräu kosten tät? I moan bloß ... « – »Ja mei ... a so a zwoamalhunderttausad scho; und alleweil seine fufzg, sechzg Anzahlung.« – »Mhm.« – Aha. So viel hat er also mindestens zu kriegen als Heiratsgut. Das ist nicht schlecht. Gar nicht schlecht. »Mei, da brauchetst halt aa wieder oane mit an Geld«, sagt sie lauernd; »mit ana armen Kucheldirn kunntst da alleweil net anfanga!« Sie spaltet mit festem Hieb eine Kalbshaxe. Der Hans lacht; denn er kennt das Kapital, das in ihr steckt. »Moanst!« sagt er scheinheilig. »Moanst, daß alleweil der Geldsack wieder nur zum Geldsack taugt? Naa, mei Liabe! Die, wo mir i einbild, die braucht gar nix z' habn als a bißl a Liab zu an braven Hochzeiter. Und an guaten Humor.« – »Ja no. Aber oane, die net amal a richtige Hoamat hat, und net amal gscheite Eltern, die möchst halt aa net ... « – »Für dees kunnst ja du nix, wenns bei dir a so der Fall waar ... « – »Aa scho. Recht hättst scho. Wieviel Haxen soll i denn spalten?« »Viere. Und nachher hilfst mir no a bißl beim Z'sammputzen. Und am Sonntag gehst mit mir ins Apollo, Hanni. Und wenn 's dir recht is, nachher schreib i's mein Vater ... « – »Hm ... Was schreibst eahm denn?« Sie lacht leise in sich hinein. Und schaut ihn doch wohlgefällig von der Seite an. »No ... daß i jetz a Hochzeiterin hab ... Hannerl ... Dees hoaßt ... wennst mi magst mit mein Glasaug ... « Ob sie ihn mag? Sie blinzelt schmunzelnd zu ihm hin und sagt langsam: »Wenn i di mag, sagst. – Ja, Hansl, i mag di ganz gern. I kann di ganz guat leidn. Aber i bin halt grad a Pfannaflickersdirndl. Und mehra wie fünftausend Mark Bargeld hab i aa net ... « Der Hansl fährt herum. Und nimmt sie lachend um den Hals. »O du liabs Schaf!« sagt er und küßt sie frisch auf den Mund; »du bist mei Hanni, und damit Punktum! Und auf Kirchweih heiratn mir.« Also ist die Rumplhanni Hochzeiterin und hat, was sie gewollt: a Haus und a Kuah und a Millisupperl in der Fruah.

 

Die Martlwirtin und ihre Tochter gehen zusammen auf den Markt, und die Frieda folgt mit dem großen Armkorb hintendrein. Es ist nicht mehr lange hin auf Martini, auf die Zeit, wo die Gänse am besten schmecken und am leichtesten zu haben sind. Und also kauft die Wirtin fünf Stück, indem sie meint: »Heut glangens. Aber wenn unser Hanni Hochzeit hat, derf ma keck zehne bsorgn. Denn der Hans hat viel Bekannte. Mi gfreuts, daß die zwoa zsammkommen.«

Unterdessen sitzt der Wirt daheim in seinem Bräustüberl und liest fröstelnd die Zeitung. Doch ist er nicht so recht dabei, denn er starrt alle Augenblick nachdenklich vor sich hin und seufzt hie und da tief auf. Wo mag jetzt der Ferdl sein, der Bub? ... Seit vier Wochen ist keine Karte, keine Nachricht mehr von ihm gekommen. Da tritt ein Telegrammbote ein. »Herr Martl ...« – Er ist schon wieder dahin. Und der Alte dreht das Papier unschlüssig zwischen den zitternden Fingern ... »Was werd dees ... no ... so geh halt auf ... es werd do net der Bua ... Herrgott ... der Ferdl ... mei Bua ... is tot... « Wie ein Baum fällt der Wirt in einen Stuhl. »Mei Bua... Mei Ferdl ... «

»Hans, geh, bleib mir heut in der Schenk. Mir is net guat.« Der Martlbräu legt sich todmüd hin auf sein Bett und hält das Telegramm in Händen. Und bohrt und sinniert, und bringt doch keinen andern Gedanken zuweg, als: »Mei Bua is nimmer da ... « Ob er's seiner Frau sagt? – »Naa. I kann net. I kann's net. O mei Muatta. Jetz ham mir halt den aa umsonst aufzogn. I kann dir's net sagn, daß mir 'hn nimmer ham.« Er schiebt das Telegramm ein. Und schließt die Augen. Wie das hämmert – und zuckt – und werkt ...

 

Die Martlbräuin kommt müd heim. »Vata! ... Wo is denn mei Mann, Hans?« – »Der Herr is net guat beinand, Frau Martl; er hat si niederglegt.« – »Unser liabe Zeit! Es wird do nix Ernstlichs sein! I will glei schaugn..." Sie läuft hinauf in die Wohnung. Und hinein ins Schlafzimmer. »Vater! – Vater! – Is dir net guat?« Nichts rührt sich. »Schlaft er? Dees wär recht. Der Schlaf richt 'hn am ehesten wieder zsamm ... « Sie beugt sich über ihn. Aber – »Allmächtiger! – Vater! Ums Christi, Vaterl! – Naa ... heiliger Himmel, naa! – Es kann ja net sein.. .«

Bleich und stumm liegt der Wirt vor ihr. Und hat die Augen für immer zu.

 

»Frau Martl, in der Joppen vom Herrn, Gott hab 'hn seli, is no allerhand Sach drin.« Die Küchenmagd sagt's. Und die Wirtin holt leise weinend die Dinge heraus: die Tabakdose, das Schnupftuch, den Fleischstempel, das Einschreibbuch, ein Telegramm. Sie faltet's befremdet auseinander. Und tut einen tiefen Seufzer. »Unser Bua mei Ferdl « –

 

Tage schwerer Krankheit, heftigen Fiebers kommen über sie, so daß die Hanni mit der Frieda ganz allein die Küche versorgen muß, indes der Hans die Schenke und das Schlachthaus unter sich hat. Und so wird die Hochzeit noch hinausgeschoben auf eine bessere Zeit.

 

»Auf Mariä Verkündigung
Kehren d'Schwaiberl wieder um!«
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