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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Aber da ist eine lange Nacht auf hartem Lager – und ein langer Tag und noch zwei Ewigkeiten schier, bis endlich der Riegel für sie zum letztenmal zurückgestoßen und die Zellentür geöffnet wird; bis die Aufseherin da drunten in der Kleiderkammer wieder sagt: »Ausziehen! Wieder ankleiden!« Bis sie den Zettel in Händen hat gleich einer Quittung, daß sie ihre Schuld gebüßt, gezahlt hat. Bis sie endlich wieder außerhalb des hohen Gittertores auf der Straße steht, tief Atem schöpft und schließlich wie erlöst von dannen geht, ihrem Heimatl zu, drunten in der Au.

 

He juche, is der Graf z'Irlbach gstorbn,
He juche, mitsamt seine Knecht;
He juche, jetz kunnt i Graf z'Irlbach werdn,
He juche, wann mi d'Frau möcht!«

 

Die Hanni geht singend durch die Gassen, hinauf zum Martlbräuwirt. Leise summend tritt sie ins Haus, betrachtet im Hof die vielen Bauernfuhrwerke, schaut dem Hausknecht zu, wie er ein Roß eingeschirrt, und sucht danach die Küche.

Da steht die feiste Wirtin eben an dem großmächtigen Herd und kostet die Speisen, wobei sie sagt: »Salz her! Essig her! Da is ja koa Saft und koa Gschmach drin in dem Bifflamod! Dees schmeckt akkrat so fad, wias du bist, du zwiders Frauenzimmer! Du waarst no so a Köchin! Da kann amal oana a Freud habn, wenn er di kriagt, du fade Nockn, du fade! Geh, mach, daß d' mir aus der Küch kommst! 's Blaukraut is net gsalzen, die G'röst'n habn koane Rammerl, der Salat is lauter Gnatsch ... geh zu dein Schepperkasten nauf, is mir liaber! Lern dein Walzer, daß d'was konnst, wenn amal der Kriag gar is!« Das Mädchen, ein blasses, hochaufgeschossenes Ding von vielleicht sechzehn Jahren, zieht der Wirtin den schweren silbernen Schlüsselhaken aus dem Schürzenbund. »I brauch d' Schlüssel! Bei dir kann ma überhaupt nix recht macha! Oamal is dir z' süaß kocht, und oamal z' sauer. Da bin i scho liaber beim Vater in der Schenk drin. Oder in der Stund. Übrigens, was i sagn möcht, Mutter: A neue Operette is wieder gspielt wordn! Die schau i mir an, und wenns was is fürs Klavier, nachher kaaf i mirs, gell?« Die Wirtin rührt heftig in der Grießsuppe herum. Jetzt schielt sie ein wenig hin zu ihrer Tochter. »Soo, a neue Operettn, sagst! Die schaugn mir uns an, jawohl. Kathi, richten S' d' Teller und d' Plattl her, und schneiden S' an Schnittlauch für d' Suppen! Fanny, läuten S' der Kellnerin, daß i ihr's Essen ansag! Fräulein, was möchten S' denn?« Sie schaut forschend nach der Hanni, die schüchtern an der Tür steht und einen Grüaß Good herauswürgt. »D' Verdingerin hat gsagt, Sie brauchen wem zu der Arbat, da in der Kuchl ... « – »Naa, sag i! Seit drei Tag wart i scho drauf, daß s' mir oane schickt! Heut hätt i mir um a andere Verdingerin gschaut!« Sie betrachtet die Hanni mit scharfem Auge. »San Sie scho lang in der Stadt?« – »Naa, i komm vom Land«, erwidert diese und befolgt damit einen Rat der Weinzierlin, die noch vor ihrem Weggang sagte: »Wenn s' di ums Dienstbüacherl fragn, nachher sagst, du hast no koans, und du bist vom Land. Dees hört jede gern.« Damit hatte sie nicht unrecht, denn die Wirtin mustert ziemlich wohlwollend das ganze Äußere der Hanni und sagt dann: »Aha. Vom Land. Wo sand S' denn her? – Soo, von Öd bei Aibling. Wie alt? – Vierazwanzg. Aha. Was verlangen S' denn Lohn? – Fünfazwanzg Mark! Dees is a bißl viel! I zahl eigentli koana mehra wia zwanzg. – Aber da kann ma ja no redn drüber. – Sagn mir halt jetz amal: zwanzg Mark, kassenfrei und an Liter Bier im Tag. Und d' Arbeit: 's Gmüas putzen, 's Fleisch herrichten, der Köchin flink in d' Händ arbatn, der Hausmagd helfen und an Metzger helfen. Können S' glei dableibn?« Die Hanni meint: »Mei Sach hätt i halt no holn müassn.« Aber die Wirtin sagt schnell: »Dees soll Eahna nachher der Hausl holn. Is's weit? – Am Fischerbergl? Bei der Quellngassen drübn? – Ja, ja, dees geht scho. – An Schurz kann Eahna ja d' Frieda gebn. Wia hoaßen S' denn? – Hanni. Soo. Also. Frieda, an Schurz für d' Hanni! Nachher zoagn S' ihr glei die Keller, 's Schlachthaus, 's Fleisch, d' Speis und eure Zimmer. Und dann kann s' glei die Ranna hobeln und Kartoffel schäln.«

Die Tochter der Wirtin steht immer noch mit dem Schlüsselbund an der protzigen Silberkette da, betrachtet die Hanni neugierig und läuft dann eilends hinein in die Gaststube zum Wirt: »Vata, jetz ham mir schon a Küchenmädl. Hanni heißts. A ganz netts Madl. I glaub, die kann i guat leidn.« Also tritt die Hanni ihren neuen Platz an und denkt. Wird schon gehen mit Glück und Geschick, und vielleicht hängt's jetzt doch auch einmal wieder auf die gute Seiten.

 

Die Karwoche ist vorbei mit ihren Trauermetten und Bußpredigten, mit ihren Fasttagen und Fischgerichten; man läutet die Auferstehung unsers Herrn mit allen Glocken ein zu Sankt Ludwig und Sankt Kajetan, im Damenstift und vom Dom unserer lieben Frau. Und es folgt das eherne Geläute von Sankt Peter und von Paul, von Matthäus und Sankt Markus, von Lukas und Johannes. In den Läden stehen die Osterhasen und die Zuckerlämmer mit ihren Fähnlein, und in den Wirtshäusern hocken die Arbeiter, schimpfen auf die Feiertage, auf den Krieg, auf alles, was nach ihrer Meinung Ursache ist zum Klassenunterschied, zur Armut und zur Notwendigkeit der Arbeit; schimpfen, brummen und trinken, und gehen zum Metzger, wo sie sich so ein, drei, vier Pfund Schweinernes oder Kälbernes kaufen als Osterbraterl: weil's gleich is, weil der Arbeiter alleweil der Hanswurscht is! Auf den Bahnhöfen wurlt's und wimmelt's von Soldaten, fortziehenden und heimkehrenden, von lachenden Frauen, weinenden Müttern; und über dem ganzen österlichen Getriebe der Münchnerstadt schwebt der laue Hauch des Frühlings und eine stille Sehnsucht nach einer friedlichen, glückhaften Zeit.

Droben beim Martlbräu platzen die Knospen der Kastanien, treibt der Flieder seine Dolden, gurren die Tauben auf dem Dach der Stallungen. Und die Hanni steht mit heißem Gesicht und geröteten Armen am Herd, wendet den Braten, rührt die Brüh, klappert mit den Deckeln und wischt an den Tellern, indes die Wirtin den goldenen Zwicker auf die dicke Stumpfnase setzt, die Zeitung durchblättert und nebenbei zufrieden nach der Hanni schaut, wie sie schafft und werkt, ein heiteres Gesicht macht und doch alles unter ihre Fuchtel zwingt, sogar die Köchin, die Frieda.

Eben kommt der Metzger aus dem Schlachthaus in die Küche, trägt eine große Mulde mit Nieren, Lebern, Fleisch und Milzwürsten zur Anricht und sagt: »Jetz bin i fertig. Da sand no zwoa Schweinslebern zu der Suppen auf morgn. Wer hilft mir 's Schlachthaus z'sammräuma?« Die Frieda fährt ihn ungnädig an: »Dees können S' Eahna denka, daß mir heut für Eahna Zeit habn! D' Marie muaß draußen im Garten d' Tisch und d' Stühl putzen und aufstelln, und d' Hanni muaß mir d' Leber wiegn zu der Suppen! Werden S' Eahna scho alloa a net z' weh toa, denk i!« Die Wirtin schielt über den Zwicker weg zu den beiden hin. Und zwischen den Brauen graben sich ein paar unmutige Falten ein. »Weils nur scho wieder streiten müaßts!« Da sagt die Hanni: »I werd leicht fertig mit meiner Leber! Wenns Eahna recht is, Frau, nachher hilf i an Hans schnell zsammputzen.« Die Falten sind verschwunden, die Wirtin nickt bejahend und befriedigt. »Ja, Hanni, helfen S'. Was gschehgn is, is gschehgn. Nachher kommt er in d' Schenk, der Hans. Mei Mann sitzt si aa gern a bißl nieder.« Der Frieda fährt die Röte des beleidigten Stolzes übers Gesicht. »Vo mir aus konn s' ja helfa, d' Hanni! Vo mir aus tuat s' überhaupt glei alles! Mei Arbat aa! Mi gfreuts a so nimmer! Wann i Eahna nimmer paß, nachher derfan S' es grad sagn, Frau! I kann ja geh aa!« Die Wirtin wirft die Zeitung weg und reißt den Zwicker von der Nase: »Jetz is halt scho wieder Feuer am Dach! Nachher gehn S' halt! Vo mir aus zum Teife! So a fade Bries krieg i alleweil wieder, wia Sie sand!« Aber die Hanni meint: »Dees brauchts do net, Frau! D' Frieda moants do gar net a so! Sie siecht si halt mit der Arbeit net recht naus! Aber mir werdn scho ferti! Vorwärts, Hans, schnell a Wasser in den Kübel! Bis mir lang schwatzen, ham mirs!«

Der Metzger schmunzelt: Herrschaft, die verstehts! Das ist ein Leut! So eine als Frau kriegen, in so ein Gschäftl, wie der Martlbräu! Da gäb der Alt daheim gern seinen Segen und die notwendigen Pfandbriefe dazu! Dann bräucht man als reicher Bauernsohn nimmer andern Leuten in den Sack hausen! Man hätt selber sein Sach und seine Familie! Er schleppt das heiße Wasser hinunter ins Schlachthaus. Die Hanni folgt mit Seife und Bürste, Sand und Putzhadern. »Hanni!« – »Was is's?« – »Du gfallst mir.« – »Soo. Dees is freundli von Eahna.« – »A so a Weiberl kannt i glei braucha.« – »Aber i no koan Mo.« Sie beginnen zu wischen, zu putzen und zu fegen, zu kratzen und zu kehren. Und der Bursch beginnt wieder: »Hanni!« – »Ja, was is's?« –»Gell, dees gfallt dir gar net, daß i a gläserns Aug hab?« – Die Hanni erschrickt. Denn schon etliche Male hatte sie den sauberen, nicht unebenen Burschen still betrachtet und gedacht: Wenn er net grad a Metzgerbursch wär und wenn er net a Glasaug hätt ... nachher wär er gar net so übel, der Hans. – »Warum? Dees konn doch mir ganz wurscht sein, was Sie für Augn habn!« Sie werkt und schrubbt, daß alles schäumt und spritzt. »Is dei Schatz aa in Kriag, Hanni?« – »Was is's? I hab koan Schatz!« – »So sagt jede!« – »Dees kann scho sein vo mir aus! Aber i hab koan! I kunnt gar koan braucha. Weil i den do net kriag, den i möcht.« Der Bursch horcht auf. »Was möchst nachher du für oan?« Die Hanni lacht. Ihr helles, lustiges Lachen. »Mei, dees is glei gsagt: Der mei muaß amal sauber sein, richtig sein, a Geld habn, und a Schneid, daß ma zu was kommt. Denn i brauch a Haus und a Kuah und a guats Millisupperl in der Fruah ... « Der Metzger schaut ihr begehrlich ins Gesicht. »Du verlangst freili viel. Aber wenn jetz i dees alles hätt, was du verlangst ... « – »Sie! Was i verlang! Mei Liaber, Sie hätten dees gar nia, was i verlang! Sie gwiß net!« – »Warum net?« – »Fragn tuat er aa no! Der oaschichtige Metzgerbursch, der Deanstbot! Mei Liaber! A Deanstbot bin i ja selber! Also brauch i oan, der mi draus erlöst! Der mi zu ana Frau macht! Naa, Freunderl, dees schlagn S' Eahna nur glei wieder ausm Kopf! Mit uns zwoa is's nix; ganz gwiß nix.« So sieht eine Absag aus. Eine richtige Absage. Und doch ist der Hans nicht zornig, nicht gekränkt. Er schweigt, räumt seine Messer auf und pfeift danach einen Landler. Und denkt bei sich: »A so und net anders muaß amal die meinige sein.«

 

»Der Wirtin Töchterlein,
Die trägt ein himmelblaues Kleid,
Sie schwärmt fürs Blaue
Zum Zeitvertreib.«
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