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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Herrgott! Gehts da zu! Ein Lärm! Ein Rauch und Qualm! Und ein Duft! An schmierigen Tischen sitzen allerhand verwegene Burschen, verlotterte Mannsbilder und freche, plärrende Weiber. Dazwischen gehen und stehen ärmliche Händler und Hausiererinnen herum, bieten ihre elendigen Waren an und unterhalten sich mit dem und jenem. Bald steht hier, bald dort ein Streit auf, erlischt wieder und wird aufs neue angefacht, dazu rattert, bläst, pfeift und scheppert in einem hohen Kasten die überlaute Musik, und über dem ganzen Trubel hängt der dicke, beißende Tabaksqualm, der dem Neuankommenden für den Augenblick jede Einsicht hindert, jedes Suchen nach Bekannten unmöglich macht. Die Luft ist erfüllt von diesem Rauch, vom Dunst der Speisen, vom Geruch abgestandenen Bieres, vom Lärm der Menschen und der Musik. Betäubt steht die Hanni am Eingang, wird bald von einem gestoßen, von dem andern geschoben und gerät auf Ja und Nein mitten in einen Knäuel streitender, schimpfender Burschen und Mädchen. Vergebens sucht sie daraus zu entkommen und den Ausgang zu gewinnen; der Streit wird zum Geräufe, Stühle, Krüge, Körbe fliegen, Schläge fallen dumpf auf die Köpfe etlicher Angegriffener, Weiber kreischen auf, und dann fährt gewichtig die Faust eines Hausknechts dazwischen, der die ganze Gesellschaft in wenig Augenblicken auseinandertreibt und an die Luft setzt. Die Hanni steht eingezwängt zwischen Tischen und umgeworfenen Stühlen, unfähig, sich zu rühren. Die Bänder ihres Hutes sind abgerissen, ihr Gewand ist voll verschütteten Bieres. Und in ihrem Gesicht steht der Schrecken des Augenblicks.

Da sagt eine bekannte Stimme: »Hanni! – Rumplhanni!« Sie schaut um sich. Einer von Vogelried! Ein Landsmann! »Gell, du bist vom Ropfer z'Vogelried?« fragt sie ihn.

»Freili bin i's! Und du bist d' Rumplhanni vo Öd, gell? « – »Ja.« Gott seis gedankt! Ein Bekannter! Ein Schulkamerad! Die Hanni besinnt sich noch gut auf den Ropferflorian von Vogelried. »Gell, du bist selbigsmal davon ... durchbrennt ... wia s' di wegn dera Gschicht ... bei der Kramerin ozoagt habn?« fragt die Hanni weiter. Und sie erinnert sich wieder des Tages, da man die alte Haschermutter in ihrem Laden schier ohne Besinnung aufgefunden hatte. Das abergläubische Weiblein zitterte vor Angst und berichtete, der Teufel wär eben leibhaftig bei ihr im Laden gewesen und hätt ihr gedroht: »Entweder du gibst mir zwanzg Mark, oder i pack di auf der Stell z'samm und nimm di mit in d' Höll! « Der Florian lacht. »Mei, i habs ihr ja net gschafft, daß sie's glaabn soll!« sagt er; »aber braucha hab i 's Geld scho könna. Sie hat mirs ja freiwillig gebn!« Und damit ist die Geschichte für ihn wieder tot. »Wo kimmst her und wo gehst aus? Wia kimmst da rei' in d' Stadt und in die Boazn?« Das ist seine weitere Frage. Die Hanni seufzt. »Mei, an Platz suach i in der Stadt herin. Und a Wirtshaus zum Übernachten.« Der Florian ist hocherfreut. »Du hast 's Dableibn im Sinn? An Platz möchst? Ah, da woaß i dir glei Rat! Ja, da schau her! Und übernachten kannst glei in der Näh. Glei in dem Haus, wo i wohn. Und jetz gehst mit mir um a Häusl weiter, nachher lad i di ei zum Essen. Und zu an Kaffee. Is 's dir recht?« Obs ihr recht ist! Freilich! So allein in der endsgroßen, fremden Stadt, in dieser Roßschwemm!

Zwar ist er nicht viel Gescheites, der Ropferflori; es ist auch etwas in seinem Wesen, was ihr nicht recht gefällt, aber er ist halt doch ihr Landsmann, das einzige bekannte Gesicht unter viel hundert fremden. Und so geht sie gern mit ihm in eine andere Wirtschaft, ißt und trinkt, lacht und erzählt und erschrickt ganz, als die Zeit der Polizeistunde da ist. Nun heißt's heimgehen. Heim! – Wo mag heut ihr Heimatl sein? Wo morgen? Ein leiser Seufzer entfährt ihren Lippen. »Moanst, daß i z' Münka an richtign Platz kriag, Flori?« – »Freili! Grad gnua! Oan besser wia den andern!« – »Gott sei Dank! Is mir scho schier loade worn beim Drodenka! Aber wennst du a so sagst, nachher werds scho a so sein.« Sie überläßt ihm willig ihren Reisesack, den er ritterlich trägt.

So schreiten sie frisch dahin durch den leise fallenden Schnee, die Hanni immer ein paar Schritte hinter ihrem Begleiter, der ihr den Weg weist. Grad biegt er hinten beim Kloster am Anger ums Eck, indem er sagt: »Jetz wern mir glei da sein. Muaßt aber a bissl warten da herunten, bis i mit der Hausfrau gredt hab!«, da geschieht etwas ganz Unerwartetes. Der Florian stößt plötzlich einen kurzen Fluch aus, dreht sich blitzschnell um und rennt an ihr vorbei, zurück, um die Ecke, davon.

Mit ihrem Zegerer, ihrer ganzen Habe! Und vor ihr stehen zwei in Uniform, die ihr den Weg versperren, vor und zurück. Und fragen: ob sie den Burschen gesehen hätt? »Freili hab i 'hn gsehgn!« Wo er hin wär? »Da hint ums Eck! Was woaß i!« Ob sie vielleicht zu ihm gehöre? »Mei ... ja und naa. Wias d'es nimmst!« Aber: »Was? Sie wolln uns derblecka, scheints! Sie habn eine ordentliche Antwort zu gebn, daß Sies wissen! Wie heißen S'?« Die Hanni will weiter, dem Tropfen nach, der ihren Reisesack mitnahm. »Dees geht koan Menschen nix o, wia i hoaß! Und überhaupts hab i mit enk gar nix z' toan! I will zruck, dem oan nach, der mei Sach hat!« Aha! Sie ghört also zu ihm! »Sie bleibn jetz amal bei uns da, Frailein! Verstanden! Sie wissen guat, wo S' Eahna Sach darnach suacha müassen! Und jetzt sagn S', wie Sie heißen!« – »Naa, ganz gwiß net! Da kunnt a jeder kemma und fragn, wia i hoaß! Gar, wo ma mi so saudumm oredt! Als wia wenn i wissen tat, wo der oa mit mein Zegerer hin is!« Sie gerät in die Hitze. »Mein Ruah will i habn, sag i! Suachts enk a anderne aus zum Fürannarrnhalten!« Und da die beiden immer noch nicht gehen, kommt sie immer mehr in Zorn und Wut und beginnt zu schimpfen und zu schreien. »Mein Fried sollts mir lassen! Schaugts liaber, daß's hoam kemmts, anstatt daß's d' Weibsbilder drangsalierts! Ös ghörts überhaupts net da her! Ös ghörts scho lang in Schützengrabn auße! Seids groß und stark gnua! Und bals mi jetz net glei guatwilli steh laßts, nachher zoag i's enk, wer i bin! Aber richti!« Sie ballt die Fäuste, stampft, wütet. Und da die beiden gar verlangen, sie solle mitgehen auf die Wache, als sie vom Verhaften reden und von grober Widersetzlichkeit, da ist es aus mit ihrer Fassung. »Grob! Wer is denn grob? Koa Mensch wia ös! Ös waarts mir no so Soldaten! Schaama derfts enk! Da waar insa Kini sauber aufgricht, wenn er lauter solchene hätt! ... « Und schließlich bricht sie in Tränen aus, weint um ihr Sach, um ihre Ruh, um ihr Öd. Es ist nichts mehr mit ihr zu machen, und da schließlich den beiden Polizisten etliche Kameraden in den Weg kommen, packen sie die Hanni, heben sie in einen herbeigeholten Wagen und bringen sie trotz ihres Sträubens zur Polizei als ein »aufgegriffenes Frauenzimmer, welches sich nicht ausweisen konnte und Widerstand gegen die Staatsgewalt verübte«.

So sitzt also die lautweinende Hanni im Polizeiarrest bei noch etlichen andern, die gleich ihr im Verlauf der Nacht aufgegriffen und eingeliefert wurden. Neben ihr hockt eine alte, betrunkene Hadernsammlerin aus Giesing auf der Bank und schimpft über den sozialen Tiefstand des Wirtschaftsbetriebes, über die ungleiche Verteilung von Geld und Bier und über die ungalante Schutzmannschaft Deutschlands. Daneben unterhalten sich ein paar auffällig gekleidete Mädchen mit einer dicken Wäscherin, die sich ihnen als Hauswirtin anbietet. Indes in einer Ecke eine Hausiererin steht und mit viel Tränen einem Mädchen der Gasse ihr elendigs Schicksal und ihre Not schildert. Und da sie dies getan, geht sie auf die Hanni zu und sagt: »Gehngan S' zua, Frailein, woanan S' do net a so! Deswegn werds do net anders! Sie müassn Eahna akkrat a so denka wia i: Der Arme is ein Opfer des Kapitulierns. Mit den Arma tuat a jeder, was er mag. Bsonders wann oana koan Pfenning Geld hat und an schlechtn Leumund. Daß er sei Straf net zahln konn; daß er s' absitzen muaß, wia i. Ja, wenn i net so a Rindviech waar! Aber a so hab i halt wieder um a Glasl z'viel ghabt, a Wort hin und oans her, und der Widerstand is fertig gwen. Und der Alt hockt dahoam und huast, d' Kinder plärrn um was z' essen, und d' Hund winseln ums Fuatta. Und i hock da und wart auf morgn früah, wenn s' mi heunt nimmer auslassen! Wo kommen S' denn her? Warum sand S' denn da?«

Die Hanni hört allmählich zu weinen auf. Das Weib da vor ihr hat eine größere Kirm zu tragen. Die ist nimmer frei und ledig. Und dennoch überkommt die Dirn noch mal ein heftiges Schluchzen, als sie der andere erzählt von ihrer Reise, von ihrem Zusammentreffen mit dem Ropferflori, von ihrem Unglück. »Hättst es halt die Schutzleut gsagt, wiast hoaßt!« meint ihre Genossin. Aber: – »Wenn i gmoant hab, Soldaten sand s'! Was woaß i von dee Schutzleut! Bei uns hat ma halt Greane, Schandarm hoaßt man s'«, erwidert die Hanni. Und es währt nicht lang, da sind die beiden Weiberleut gut Freund geworden. So daß die Hanni wieder ganz munter ist und ruhig den Morgen und das Verhör erwartet.

Da redet sie frei und ehrlich, sagt auch, wer sie ist und was sie vorhätt, und empfängt mit viel Freude ihren Reisesack, den der Flori wohl in der Eile von sich geworfen und den ein Straßenkehrer gefunden hatte. Freilich, die Strafe für ihre Widerspenstigkeit gegen die Staatsgewalt muß sie wohl bald erleiden! Doch tröstet sie ihre Leidensgenossin, die Hausiererin. »Was wolln s' dir viel macha!« sagt sie, »wennst viel kriagst, nachher kriagst a Woch. Dees hast schnell abgsessen! Mei, was sollt denn da i sagn: i muaß jeden Winter meine sechs, acht Wocha macha. Weil i d' Straf net zahln konn. Weil i a arma Teife bin. Und 's Gschäft geht halt amal in dene Straßen am besten, wos Hausieren verboten is.«

Ja ja. Aber es ist halt doch eine Woche, wenn's auch bloß eine Woche wird. Und sie muß mit den vier Mauern bekannt werden, die sie mehr scheut als ein langs Siechenbett! Herrgott! Die in Öd wenns wüßten! Der Staudnschneider, die Hauserischen, der Simmerl! Oder die Leni! Die Schand! Das Gerede!

Es ist gut, daß die Hausiererin ihr Sinnieren und Bohren unterbricht, indem sie sagt: »Übrigens, was i dir sagn will: Du kunntst leicht bei mir a paar Wocha bleibn als Kindsmagd! Oder aa zum Obstverkaaffa! I gib dir's Essen dafür und 's Schlaffa. Wennst willst, kannst jederzeit komma. I wohn in der Au, beim Lilienberg. Wennst nach mir fragst, a jeds Kind zoagt dir dees Häusl von der Weinzierlfranzi!« Die Weinzierlfranzi. Vom Lilienberg. In der Au. Ein Heimatl. Die Hanni sagt zu.

 

Draußen bei der Kirche Maria Hilf in der Au sind die Herbergen vieler alter Bürger unserer Münchnerstadt. Und entlang dem Lilienberg lehnen noch allerhand Hütten und Häuslein, in denen schon die Urväter mancher noblen Palastbesitzer und Wagerlprotzen ihre ärmlichen Hosen zerrissen und die Wänd bekritzelt haben. Ein winziger Geißenstall, ein morscher Holzschupfen, ein alter Röhrlbrunnen oder eine mürbe Holzaltane und ein wilder Holunderstrauch in dem armseligen Wurzgärtlein weist noch dem Beschauer die Genügsamkeit der Bewohner dieser Herbergen mit ihren zwei, drei Kammern und dem Küchenloch. Da hinaus führt nun die Weinzierlfranzi ihren Schützling, die Hanni. Es ist um die Zeit am Morgen, da die Fabriken ihre Signale zum Beginn der Arbeit heulen und die Bäckerburschen mit den Milchmädchen an Straßenecken schwatzen. Durch die Gassen hinkt ein alter Lichtanzünder und verlöscht das Morgenlicht in den Laternen, und fröstelnd trippeln fünf, sechs Mädchen in dünnen Fähnlein ihrer Arbeitsstätte zu. Aus den Fenstern der Häuser blinkt da und dort ein mageres Öllicht, und aus den rußigen Kaminen steigt leicht und bläulich dünner Rauch in die beißend kalte, klare Morgenluft. Auf den hohen Giebeldächern liegt der festgefrorene Schnee, und von den Dachrinnen, die so nieder sind, daß man den Hausschlüssel darin verwahren kann, ohne einen Schemel zu brauchen, hängen dicke Eiszapfen schier bis zum Boden.

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