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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Der Hauser hat seinem Simmerl den Tod der Großmutter gemeldet und ihn ums Kommen gebeten; allein das Regiment ist nicht mehr in der alten Stellung, und also dem Sohn die Heimreise nicht möglich. Doch kommt nach geraumer Zeit ein Schreiben von ihm an den Vater, darin er den Heimgang der Großmutter betrauert und gleichzeitig bittet: Nachdem also jetzt unser Ähnl nicht mehr lebt, mußt du jetzt bald mit der Mutter reden wegen der Hanni. Richtet alles gut zu für das Kind, gebts der Hanni ein Geld in die Händ und bringts sie gut unter, vielleicht bei ihrer alten Wabn. Laßts ihr nichts fehlen und es grüßt euch euer treuer Sohn Simon Hauser.

Der Hauser kratzt sich hinterm Ohr. Herrschaftseiten! Jetz gang alles so schee und ruhi dahin, und jetz soll i der Rosina die zwiderne Gschicht ausdeutschen! Naa, i tuas net! Dees konn i mit der Hanni alloa aa richten. So denkt er und sucht nach einer Gelegenheit, mit der Dirn über die Geschicht reden zu können.

Diese Stunde schickt sich auch eine Woche vor Lichtmeß, da die Hauserin aufs Amtsgericht fährt wegen eines Prozesses mit der Ödenhuberin und also der Hauser mit der Hanni allein ist. Grad sitzt er beim Tisch und wartet aufs Essen. Die Lies ist in der Schule, von der sie vor dem späten Nachmittag nicht heimkommt. Da tritt die Hanni ein, die Schmarrenschüssel in der einen Hand, den Apfeltauch in der andern, das Gesicht vom Kochen heiß und gerötet, die Ärmel des Wollspenzers weit über die runden Ellbogen aufgestülpt. »Wartst scho auf d' Mahlzeit, gell!« sagt sie, indem sie ihm die Schüssel hinreicht. »Aber, woaßt, es braucht halt do hübsch beißen, daß ma firti werd mit der ganzen Arbat, alloanig.« Der Alt betrachtet sie wohlgefällig. »Ah was! Du werst ja alleweil firti! Du hast es halt los!« Die Hanni lacht geschmeichelt. »Mei, is net so gfahrli!« sagt sie. »Aber an Bauernhof wia den dein trau i mir scho z' regiern! Da wer i scho firti! Da fürcht i mi net, bal i amal Hauserin bin!« Er zuckt doch zusammen, der Alt, bei diesem Wort. Aber ihre Augen blicken ihn fest an, ihr ganzes Gesicht lacht und läßt eine Fröhlichkeit von sich ausgehen, die ihm auf ja und nein den Ernst nimmt. »Ja ja. Der kann lacha, der Simmerl!« sagt er und erfaßt ihren Arm; »der kriagt amal die Recht an dir! Sakra, waar mir gar net zwider, wenn i mei Bua waar!« Die Hanni rückt mit ihrem Stuhl ganz nahe an seine Knie. »Du scho! – Du bist scho so a Schlankl!« – Der Hauser tut verwegen. »Mei, grad a Heiliger bin i gar nia gwen!« meint er. »Da is do nix dabei, wenn ma a saubere Dirndl guat leidn konn!« – »Is mir scho recht«, erwidert die Dirn; »nachher kriag i koa schlechte Zeit bei dir. Dees is was wert, wenn der Schwieger guat is!« Sie ißt mit gutem Appetit, indes der Hauser sie begehrlich betrachtet. »Geh, iß! Sinst werd dir der Magn kalt!« mahnt sie ihn. Er läßt seine Augen über ihre ganze Gestalt hingehen; über die dunklen Haarzöpfe, über das Gesicht, den Nacken, die Brust, den Rücken ... »Daß d' du net breater bist da umma?« fragt er plötzlich und mißt mit dem Blick ihre Hüften. Und tappt mit der Linken darüber. Da schlägt sie ihn auf die Hand. »Obst dei Pratzn wegtuast!« sagt sie lachend. »Mit die Händ schaugt ma nixn o, hoaßts!« Der Hauser wird nüchtern und kommt ins Betrachten, wie er gewohnt ist, sein Vieh zu betrachten. »Wia viel Zeit hast jetz?« Die Hanni steht gekränkt auf. »Bist firti mitn Essen?« fragt sie. »Nachher geh i.« Der Hauser wendet keinen Blick von ihr. Und er fragt wieder: »Is net bald d' Zeit bei dir? I frag grad, weil der Simmerl gschriebn hat, i soll di guat versorgn ...« Die Dirn ist wie mit Blut übergossen. »Naa, dei Gfrag is mir scho so zwider ...« – »Jetz muaß amal drüber gredt werdn!« – »Dees waar aa ohne viel Grederts gangen!« Sie will hinaus. Der Bauer lehnt an der Stubentür. »Jetz redst, sag i! – Wia lang hast no?«- »A vier – fünf Wocha. Aber jetz laß mi außi!« – »Daß d' gar so gschaami bist?« – »Du sollst von der Tür weggeh!" Der Hauser hört nicht. Er schaut die Dirn um und um an, schaut, mißt, denkt und rechnet. Und schüttelt mittendrin den Kopf. Indes die Hanni immer erregter wird, schimpft, schreit, droht, mit den Füßen stampft und seltsam absticht von dem starr dastehenden Alten. –»Daß d' di denn gar a so gstellst?« meint dieser. »Du bist do sunst net so gschaami gwen? Da hast di do nix z' fürchten, wenn i di oschaug! I wundert mi ja nur ...« – »Vo mir aus!« schreit sie ihn an. »I laß mir do net d' Seel vom Leib außerschaugn!«

Da geht er langsam weg von der Tür. Sie läuft hinaus. Er blickt ihr nach. Und schüttelt den Kopf. Etwas steigt in ihm auf ... ein Verdacht ...

 

Die Hauserin kommt am Nachmittag heim und berichtet freudig, daß die Ödenhuberin den Prozeß verloren hat. Sie ist überaus gut aufgelegt und lobt die Hanni für ihr gutes Haushüten. Diese meint bescheiden: »Hats scho tan, Hauserin!« und fügt dann bei: »A Bitt hätt i. Ob i net heunt no zu meiner Eahl ummeschaugn derf. Sie is net guat beinand.« – »Da brauchst do net fragn!« sagt die Bäuerin, »dees is do gwiß, daß d' zu deiner Großmuater geh konnst, bal ihr epps feit.«

Also läuft die Hanni gleich nach der Stallarbeit hinüber zur alten Rumplwabn. Die sitzt hinterm Ofen und strickt.

Und der alt Hufschmied hockt neben ihr und redet vom Krieg und von seinen beiden Buben, die er bereits gefressen hat, dieser blutige Maahder, der nimmer Derweil hat, die Sense zu wetzen, vor lauter Mähen und Morden. Da die Hanni kommt, steht er auf. »Jetz kimmt d' Jugend«, meint er müd; »jetz verziag i mi. I paß net zu dee junga Leut mit mein Gewinsel. Und winseln muaß i...« Er geht ohne Gruß. Die Alte nickt ihm nach. Dann wendet sie sich an die Hanni. »Daß d' du heunt kimmst? Bist scho wieder ausgjagt wordn?« – »Naa«, sagt die Hanni. »Bist selber davon?« – »Naa.« – »Was möchst nachher, heunt am helllichten Werktag?« Die Hanni hockt sich auf einen niederen Schemel. »Eahl, i brauch a Kind! I muaß a Kind habn! Glei, auf der Stell!« Der Alten fällt das Strickzeug aus der Hand. »Was muaßt? ...« – »A Kind muaß i habn. Du muaßt mir oans verschaffa! Bringst es her, wo derwillt, her muaß oans!« Das Ähnl muß sich mit beiden Händen an der Ofenbank festhalten. »Ja ... in Gottes Himmis Christi Willn ... Hanni! Bist denn narrisch! A Kind! A kloans Kind?« – »Ja, a kloans Kind. Oans, dees wo grad auf d' Welt kemma is.« – »Ja, zu was denn? Ums Christi, zu was denn?« Die Hanni wird zornig.

»Also, gstell di do net so dumm! Verstehst mi denn net? Der ganz Hauserhof steht aufn Gspiel für mi!« Die Alte steht zitternd auf. »Naa, i versteh di net ...« Die Dirn springt in die Höh und rennt die Stube auf und ab. »Geh, wia konn ma denn. Dees is doch ganz einfach! I muaß Hauserin werdn! Gehts, wies mag. Und dazu brauch i a Kind. Vom Simmerl. Verstehst es jetz?« Die Rumplwabn bleibt starr stehen. »Ja, hast di denn du mitn Simmerl ... ?« Die Hanni fährt ihr dazwischen: »Dees is do mei Sach! Dees geht do neamd was o! Um dees handelt ja si jetz aa net. I und der Simmerl sand oans. I und der Hauser sand aa oans. Und für dees weitere muaß i a Kind habn.« Sie beginnt, dem Ähnl zu schmeicheln. »Geh, Eahl, sei do net so gspaßi! Du bist do so gscheit und woaßt allerhand Zauberei und hast so viel solchene Büacher, wo dees alles drin steht, geh, hilf mir halt! Oder schaug anorts, daß d' oane findst, die grad in d' Wochen kimmt! Gaab oft oane ihra Schand gern her, wenn do nixn zahlt wird dafür, und i brauch 'hn so nötig, so an Schrazn. Geh, Eahl! Sei do barmherzi! Möchst mi denn net aa gern als Bäuerin sehng? Hättst du koa Freid, wenns mir guat gang?« Sie bettelt, bittet, bestürmt die Alte.

Aber die hockt wieder auf der Bank, starrt ihre Enkelin an wie ein Gespenst und murmelt: »Also ... so schlecht bist du. So gottverlassen. An Schwindel hast gmacht ... um an Bauernhof ... und an Schwindel ... um an Menschen ... der da draußen ehrli sein Kopf hinhalt vor d' Kugeln!« Der Hanni wird ungut zumut. »Es hilft di nix, Eahl!« sagt sie hart; »du muaßt mir helfa!« Die Alte schüttelt den Kopf und wehrt mit beiden Händen ab. – »Du richst mi z'grund, Eahl!« – »Und i misch mi net ei in so epps!« – »Eahl! Staudnschneiderin hätt i werdn kinna! Reiserin, Burgamoasterin hätt i werdn kinna! Der Reiserfranzl is ganz narrisch gwen in mi! Der Staudnschneidergirgl hätt mi vom Fleck weg genomma! Net hab i mögn! In Hauserhof bin i eingwohnt, der Simmerl is a guater Lapp, der Alt hat an Affen gfressen an mir, sie is froh, wenn s' nix arbatn muaß,- und die Alt is tot. D' Liesl ghalt i zu der Arbat. Oder zum Kindsen. – Also, Eahl! Gell, du hilfst mir!« Die alte Wabn sitzt so seltsam starr am Ofen, ihre Augen suchen in weiter Ferne etwas, ihre Hände haben sich ineinander verschlungen. Und mittendrin kommt's tonlos von ihren Lippen: »Hundert Jahr is's her. Da hat mei Muatta dees nämliche gmoant. Und hat aa denkt, es brauchet net mehra, als wia sagn: Haferl! Nachher waar d' Wurst aa scho drinn. Insa Muatta is Kindsdirn gwen beim Stoamüller von Kreiz. Dees warn zwee Bauernhöf, a Mahlmühl, a Schneidsäg und a Sandmühl. Er hat 's zwoate Wei ghabt und Zwilling von ihr. Von der ersten Mühlnerin hat er grad oan Buam ghabt; der hat scho an Mühlburschen gmacht. Auf den is dees halbert Sach scho von der Muatta aus gschriebn gwen. Ja, da hat insa Muatta aa gmoant: Mühlnerin sein is besser wie kindsen und hat den Burschen richtig ogankerlt und eingfadelt. – Derweil is der groß Napoleon mit seine Soldaten daherkemma, d' Österreicher ham von der andern Seiten eahna Armee daherbracht, und in unserm Landl hats gräusli ausgschaut. Da hat sie mei Muatta denkt: jetz is 's an der Zeit, daß d' Mühlnerin werst. Überall hats schlechte Mentscha gebn, die gmoant habn, a napolischer oder a österreichischer waar besser als wia a boarischer Bursch; und a solchs Weibsbild, sie is Stallmentsch gwen beim Stoamüller, hat meiner Muatta gholfa zu ihran Werk. Der Hochzeiter hat alles glaabt, hat scho eingebn zum Heiratn, hat si schon von der Kanzel her verkünden lassen, da hats gschnackelt. Dees is a so ganga: er is a Rothaareter gwen und sie a Strohgelbe. Und das Kindl is schwarz wordn, kohlschwarz, wia a Zigeunerbalg. Is ja aa oana gwen. I selber bins. Die ander, mei rechte Muatta, is drei Tag nach mein Kemma gstorbn. Weil sie si nix omirka lassen hat derfa. Und die oa is im Bett glegn, hat si gestellt wia a Wochnerin – und is dennoch die Bschissene gwen. Denn er hat mi net okennt als sein Kind. Und hat s' ausgjagt. Siebn Monat darnach hat s' a rothaarets Büaberl ghabt, aber es is halt scho z' spaat gwen. Der Stoamüllerbua is unter d' Soldaten ganga, und hoam kemma is er nimmer. Jetz woaßt es. – Und drum misch i mi net ein.«

Die Hanni hockt am Tisch. Und sieht vor sich ein großes Loch – eine Grube, in die sie jetzt fallen soll. Und sie stöhnt auf. Aber – nicht lang sitzt sie so. Plötzlich strafft sie sich zur Höh. »Macht aa nix. Gehts a so net, nachher gehts anderscht. Aber geh muaß's. – Nachher brauch i koa Kind. Na werdn mirs scho sehng, wias geht ...« Sie läßt die Wabn sitzen und geht. Ihr Plan ist fertig.

Am Lichtmeßtag in der Früh sagt sie zur Hauserin: »Bäuerin, wenn i di bitten durft: Stell dir a anderne ei. I bin net guat beinand. I muaß mi a Zeitl legn. Vielleicht konn i bald wieder. Nachher bleib i gern wieder da bei enk. Aber jetz muaßt mi geh lassen.« Die Hauserin will nichts davon wissen. »Geh! Schaugst aus, wia's Lebn! Wia werst denn du krank sei! Bei mir hättst di ja aa haltn kinna!« Aber die Hanni deutet an, daß sie was angestellt hätt und daß sie fürchte, es möchte an der Zeit sein. Da muß sie freilich nachgeben, die Hauserin. Aber sie ist gar nicht erzürnt über die Hanni; es mangelt die Kollerin zum Schüren. »Ja, mei Herrgott!« sagt sie. »A so a Unglück! Is 's do a Richtiger?« – »Ja. A Bauerssohn.« Sie sagts dreist, die Dirn. Die Hauserin wär gern neugierig. Aber die Hanni läßt nichts verlauten. Und so wundert sich die Bäuerin bloß, daß sie es so geheim halten konnte, die Hanni. Und freut sich drüber; denn dann kommt es doch nicht so unter die Leut.

»Aber darnach kimmst wieder!« sagt sie zur Dirn beim Abschied. »Der Bauer werd schaugn! Der is in aller Fruah scho auf Tuntenhausen zum Markt. Ja no. Werdn mir scho firti werdn, derweil, bis d' wieder kimmst. I wünsch dir Glück!« Das ist ein anderer Ton gegen früher!

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