Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lena Christ >

Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
Schließen

Navigation:

Die Kollerin rührt wirklich nicht mehr aus; ja, sie läßt sich auch für den Tag nicht mehr im Haus blicken, sondern riegelt sich in ihre Austragkammer ein und verschmäht sogar das Essen. Die Hauserin aber schafft und werkt, schwitzt und seufzt, und hockt endlich abends ums Gebetläuten wie tot auf der Hausbank, kaum mehr fähig, sich zum Schlafengehen aufzuraffen. Da kommt plötzlich, wie hergeschneit, die Hanni. Sie geht quer durch den Obstgarten, kommt aufs Haus zu, geht ohne ein Wort an der Hauserin vorbei und hinein, läuft die Stiege hinauf in ihre Kammer und riegelt hinter sich ab. Die Hauserin ist völlig starr. Langsam wendet sie den Kopf, schaut der Dirn nach und sagt halblaut: »Ja, was is denn jetz dees!? Ja, die is guat!« – Erst nach und nach erfaßt sie die Dinge; und sie steht auf und geht in die Schlafkammer, wo ihr Lenz bereits in den Federn liegt und schnarcht. Sie schüttelt ihn. »He! Du! – Lenz!« Der Alt brummt etwas und dreht den Kopf. »Du! Hörst mi? Sie is da... d' Hanni!« »No, laß s' da sein!« sagt er verschlafen. »Was die da no verlorn hat? Net amal an Gruaß hat s' ghabt für mi!« Der Hauser schnarcht schon wieder. Da kommt sie abermals ein Weinen an. »Er schlaft halt scho wieder! Und mit mir kann die ganz Welt toa, was s' mag! I bin der Depp hint und vorn! Und derf mi aa no alles hoaßn lassn! ...« Sie horcht hinaus. »Ja – bleibt denn die über Nacht da!?« Ganz leise schleicht sie sich an die Tür. Spähend schaut sie durchs Schlüsselloch. Da steht die Hanni beim Licht ihres Wachsstocks und packt langsam ihre Sachen in den armseligen Koffer. Danach zieht sie das Bettzeug ab, legt es mit der andern Schmutzwäsche auf ein Häuflein zusammen und wirft ein Stück Seife dazu. Und am End zieht sie sich ruhig aus und legt sich in das grobe, unüberzogene Bett, löscht das Licht ab und reckt sich auf dem knarrenden Lager. Die Hauserin geht gedankenverloren in ihre Kammer zurück. Also, sie will noch ihre Fähnlein waschen. Und das Bettgewand. Eigentlich ist es ja schön von ihr, daß sie an das Bettzeug denkt, daß sie ihren Dreck hinausputzt! Überhaupt denkt sie an die Arbeit, die Hanni! Da darf schon eine hergehen! – Aber – die Unverschämtheit, die Goschen ... Sie kann kaum einschlafen, die Hauserin, vor lauter Denken und Sinnieren. Ja ja, das Maulwerk! Direkt eine Sau hat sie einen geheißen! Einen Scherben! Nein, das kann man nicht angehen lassen! – Da gibts keine Gnade mehr! Sie gähnt müd. Nein – die Arbeit in den letzten Tagen! Wenn das so weiterging? Freilich gehts so weiter, wenn nicht eine Dirn ... die Hanni ... Die Hauserin schläft. Mitten unterm Grübeln und Bohren sind ihr die Augen zugefallen.

 

»Rosina! – He! – Außa! – Zeit is's zum Aufsteh!« Der Hauser weckt seine Bäuerin. »Is ja no Nacht!« sagt diese müd und verschlafen. Aber es hilft nichts; sie muß aus den Federn. Wenn man kein Dienstvolk hat, muß man selber werken; und wenn man mit einem kurzen Tag Arbeit nicht zurecht kommt, muß man anstückeln. Geschehen muß das Tagwerk, so oder so. Freilich, wenn halt die Dirn noch da wär ... »Jessas, d' Hanni! – Du, Lenz, woaßt es, daß d' Hanni da is?« Der Hauser brummt bloß: »Vo mir aus gnua!«, schlüpft in die Haferlschuhe und geht hinab, um das Gras fürs Vieh zu mähen. Die Hauserin schaut ihm wild nach. »O, du Erzlackl, du grober!« murmelt sie. »Naa, den bekümmert dees Weibsbild nix, dees kenn i. Da hat d' Muatta scho irr gsehng.«

Aber – die muß doch schließlich heraus! Die hat ja eigentlich gar nichts zu suchen da! Herrgott, jetzt geht halt die verflixte Schinderei wieder von vorn an! Und es kunnt doch alles ganz anders sein, wenn das lausig Ding da nicht so unverschämt gewesen wär. Ob sie nicht doch schon Reue hat, die Hanni? Man sollte sie doch aufwecken, heraustreiben! – Drunten brüllen schon die Kühe, plärren die Kälber. Und der Kaffee soll gekocht werden, und das Holz soll erst hereingetragen werden, und Wasser gepumpt, und Gras eingefahren, und Mist breiten soll man ... ah was!

Sie steht plötzlich an der Kammertür der Hanni. Und klopft hart an. »Hast du da einigheirat?!« Die Dirn rührt sich nicht. Da reißt die Hauserin an der Klinke. »Was hast denn du überhaupts no da z' suacha bei ins?« Diesmal antwortet ein undeutliches Gemurmel. »Woaßt du net, daß d' ausgjagt bist?«

Die Hanni ist längst auf und wollte eben mit ihrem Päcklein Wäsche fortschleichen, als die Hauserin klopfte. Jetzt sitzt sie unschlüssig auf dem Bett und überlegt, was sie entgegnen soll. »Obst net woaßt, daß i di ausgjagt hab?« tönt nochmals die Frage der Bäuerin hinein. »I wer wohl mei Sach zsammpacka derfa!« erwidert jetzt die Dirn. Und im stillen denkt sie: »Am End is's doch besser, i kehr mi auf die feine Seiten; mit der groben werd nix z' richten sein.« – »Hat dees so lang dauert, daß d' über Nacht dazu braucht hast?« fragt die Bäuerin. »Ja no, auf der Straß konn i aa net schlafa.« – »Wo hast nachher bis jetz gschlafa?« – »Bei der Ähnl. Aber sie hat gsagt, unterm Jahr derf i net geh.« Sie horcht gespannt hinaus. Was wohl die Hauserin jetzt für ein Gesicht macht? Vielleicht lenkt sie doch wieder ein? Wär ihr schon recht, wenn sie um den Bauern herum sein könnt! Der Alt ist ein Hallodri – den muß man am Schnürl haben! »D' Ähnl hat mi recht gschimpft, weil i nimmer bei enk bin!« sagt sie mit kleinlauter Stimme hinaus und horcht wieder. »Da hat s' scho recht ghabt!« meint die Hauserin und denkt: Z' kriegen wär s' scho wieder; braucha kunnt i s' aa wieder; und mögen? – No ... mei... – »Kunnst ja leicht no da sein bei uns, wennst net a so a ausgschaamte Goschen hättst!« – »Ja no ...« – »Für was brauchst mi denn du an alten Scherbn z' hoaßn?« – »Ja no...« – »Und a gwamperte Sau hast mi ghoaßn!« – »Ja no...« –- »Also! – Gell, jetz siechst es ein, daß d' a ganz a ausgschaamts Weibsbild bist?« – Die Hanni steht schmunzelnd an der Tür. »Freili siech i's ein!« sagt sie mit weinerlicher Stimm. »No, wennst es nur einsiechst. Und jetz schaugst, daß d' abe kimmst zu deiner Arbat! Und hoaßn tuast mi nix mehr, daß d' es woaßt!« Sie muß eine Rührung niederkämpfen, die Hauserin; denn sie denkt mittendrin an das Evangeli vom verlorenen Sohn, von der Magdalena, von andern Sündern.

Die Hanni aber riegelt eilends die Tür auf, trägt beschämt den Kopf tief gesenkt und geht an ihre Arbeit. Der Hauser geschirrt eben die Ochsen ein, als sie in den Stall geht zum Melken. Sie schaut ihm herausfordernd ins Gesicht. Da blinzelt er sie an, sagt: »So so! – Na, alsdann!« und schlägt ihr das Leitseil um die Schultern. »Auweh!« sagt die Dirn mit einem leisen Lachen. Und sie geht zufrieden an ihr Tagwerk, indem sie denkt: Ein Riß in der Freundschaft schadet nicht, wenn der recht Schneider bei der Hand ist zum Flicken.

 

»Der Sommer geht ummi, – fallt's Laab von die Baam;
Der Bua is in Kriag draußt, – kimmt nimmermehr hoam!
Der Bua is Soldat wordn und werd Kriagsgeneral;
Ja, wer liabt na dees schwarzauget Dirndl derweil?«

 

Hell singend verrichtet die Hanni ihr Tagwerk. Die Zeit geht hin, die Tage werden gemach kürzer und voll Nebel, und auch im Hauserhof richtet man sich für den Winter mit Daxenhacken, Torffahren und Holzklieben. Die Hauserin staubt die Spinnräder ab und legt die silberigen Flachszöpfe dazu, und der Hauser richtet die letzte Feldarbeit, bevor sich die große weiße Zudeck darüberbreitet und die werdende neue Saat vor Reif, Frost und Erfrieren schützt. Es ist ein geruhigs Arbeiten und Schaffen bei den Hauserischen; denn der Bauer und seine Rosina sind zufrieden mit dem, was die Hanni zuweg bringt, die Dirn wiederum hat keine Ursach zur Klag über ihre Dienstherrschaft, und die alte Kollerin ist schon seit Wochen krank und serbend (siech) und liegt in dem alten ledernen Lehnstuhl droben in ihrer Austragkammer, jammernd, seufzend und ächzend. Dazu hat sie die kleine Lies bei sich und läßt sich von ihr fleißig berichten, was im Haus und Ort vorgeht.

Dann und wann kommt auch der Buschenreiter Anderl, der Karrner, zum Hof, erhandelt bald dies und bald das, weiß viel zu erzählen vom Krieg, von den Soldaten drin in der Stadt, von den Verwundeten und Gefallenen des Gaues, und hat auch daneben allerhand gute Ratschläge für die alte Kollermutter und ihr Gebresten, welches er als den stillstehenden Gichtfluß erkennt, von dem aber die Hanni sagt: »Ah was! D'Gall is ihr halt in d'Boaner kemma, weil s'mi net ausn Haus bringa kann!« – Der Buschenreiter Anderl trägt übrigens noch dienstbeflissen die Päcklein für den Hausersimmerl auf die Post in Schönau; jene Päcklein, von denen die Hanni nichts weiß und die dennoch nach den Worten der Ödenhuberleni »die Rumplhanni bitten läßt, sie auf die Post zu bringen für den Simmerl«. Hie und da kommt auch ein Brief vom Simmerl; an die Hauserischen, an die Hanni und an die Leni, die er ganz zufällig einmal als die Absenderin seiner Liebesgabe entdeckte. Sein Kamerad, der Ödenhuberjackl, hatte eines Tages von der Leni ein Päcklein mit Kuchen erhalten, in den ein Zettel eingebacken war mit dem Verslein:

»A Büscherl zum Abschied und an kurzen Pfüagood;
Ob wohl meine Rosen scho welk san und tot?
Obst wohl no ans Dirndl beim Bachofa denkst?
Und obst eahm wohl oamal an Grüaßdigood schenkst?«

Mit der nämlichen Post war auch für den Simmerl ein Päcklein angekommen; es lag gleichfalls ein Kuchen drin und dabei eine Karte: »Lieber Bruder, nimm einen Gruß von deiner Schwester Leni.« Da hatte der Simmerl den Jackl angelacht, und der Jackl den Simmerl, und in der nämlichen Stund legte sich eine hundertjährige Feindschaft nieder zum Sterben. –

Nun ists um die Zeit, da der Sturm die Wolken peitscht, die Bäume schüttelt und Mensch und Vieh erschauern läßt im ersten Frost. Auf dem Gottesacker hängen die Fetzen der Allerheiligenkränze, und in den Kachelöfen der Bauernstuben kracht und knistert das Feuer. An den Fensterläden klappert der Klaubauf, dem heiligen Nikolaus sein wilder Ziehbruder, und in den Spinnstuben erzählt man sich jene alten Geschichten, bei denen es schon unsern Vorfahren, da sie noch jung waren, eiskalt über den Rücken lief und das Gruseln sie beutelte. So kommt die Weihnacht und mit ihr die Sorge um die, welche da draußen in ihren Schützengräben wachen und frieren. Und die Hauserin stellt den Backtrog in die Kuchel, die Hanni schneidet die Kletzen, gedörrte Birnen und Äpfel, klein, die Lies schlägt Nüsse auf, und der Hauser heizt den Backofen gut aus, damit dem Simmerl auch draußen im Krieg das süße Brot der Weihnacht nicht mangle. So geht das Jahr hinüber, und das neue nimmt das Regiment in die Hand, bringt allerhand Leid und Trübsal und trägt in den Hauserhof die Totentruh für die alte Kollerin. Die ist mittendrin ganz still hinübergegangen in die ander Welt; beklagt von der kleinen Lies, betrauert von der Hauserin, gesegnet und in alle Himmel gewunschen von der Hanni, die ein übers andere Mal murmelt: »Der Herr gib ihr die ewig Ruah! Weil nur grad der alte Predigtstuhl nimmer da is! Die wär imstand gwen und hätt mi no um alles bracht: um mein Platz, um mei Hoffnung und um an Simmerl! Der Herr gib ihr an guaten Platz in der Ewigkeit!«

Nun liegt sie aufgebahrt in der Wohnstube, die Alte; umgeben von blühenden Stöcken, umspielt von dem flackerndenden Schein der Kerzen. Ernste Männer trinken den Totenschnaps, jammernde Basen knien in der Stube, schnaufen hart in dem süßlichen Geruch, der die qualmende Luft erfüllt, und beten für die arme Seel der Heimgegangenen. Dann trägt man sie aus dem Haus, hinunter zur ewigen Ruhstatt im Freithof zu Schönau. –

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.