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Die Rumplhanni

Lena Christ: Die Rumplhanni - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Rumplhanni
authorLena Christ
year1988
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10904-1
titleDie Rumplhanni
pages5-170
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1916
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Sie nickt befriedigt. »Jawoi. Entweder – oder. Jetz muaß was ausanandgeh, sinst werd mir die alt Hex no Herr. Sicher is sicher ...« Rasch steckt sie den Brief in den Umschlag und macht ihn zu. Dann läuft sie eilig dahin, Schönau zu, wirft ihn dort in den Postkasten und geht danach aufrechten Haupts in die Kirche, wo sie sich breit in den Betstuhl der Hauserbäuerin setzt, als wär er schon ihr eigner.

Unter der Predigt überdenkt sie ihren weiteren Plan, und nach der Kirch, unterm Heimgehen, sagt sie – eins mit sich – zu sich selber: »Alsdann, morgn werd gredt und ghandelt. Nachher kann s' knerrn und röhrn, die Alt, soviel s' mag. Und am Irta (Dienstag) muaß der Hauser mit mir zum Notar. – Wer woaß's, wia lang daß der Kriag dauert ... und wia er sie auswachst. Und bal er fallt, der Simmerl, – was is's nachher? – Was Schriftlichs is alleweil am besten, so lang i no net Hauserin bin. Darnach gib i mi mit scheene Wort aa zfriedn!«

Auf dem Weg nach Öd begegnet ihr die Wirtsleni. Die läuft schier atemlos durchs Holz und trägt in ihrer Schürze ein Päcklein. Und da sie die Hanni sieht, will sie eilends ausweichen; doch diese hat sie schon erkannt und ruft ihr zu: »Möchst an Pfarrer no gschwind 's Meßbuach bringa, bevor ma zwölfe läut't, daß er dir a Extraamt liest? Da derfst roasen, sinst is er grad bei der Vesper, balst kimmst!« Die Ödenhubertochter hat nicht viel Antwort bei der Hand. »Du muaßt alleweil was zum Derblecka habn!« sagt sie verächtlich und trachtet dabei, ihr Päcklein möglichst gut vor den Augen der Rumplhanni zu verbergen. Aber die ist schon wieder mit ihrer eigenen Sorg beschäftigt und geht weiter, so daß die Leni erlöst aufschnauft und eilends ihren Weg dahinläuft.

In Schönau geht sie in die Post und schreibt die Adresse auf ihr Paket: An den Gefreiten Simon Hauser vom Leiberregiment Infanterie, erstes Baion 4te Komponi. Dann geht sie nochmals heraus auf die Straße, gibt das Päcklein einem Kind und beschenkt's mit einer Münze dafür, daß es die Liebesgab am Postschalter abgibt. Worauf sie selber einen Augenblick in die Kirche eintritt, dann zum Grab ihrer Voreltern geht und schließlich sich wieder heimzu wendet, froh und zufrieden, daß auch diesmal das Päcklein den Weg dahin findet, wohin sie es vermeint.

Unterdessen ist die Hanni nach Öd gekommen und will grad neben dem Backofen des Ödenhubers ums Eck biegen, als sie aus dem Wurzgarten der Hauserin lautes Schelten und Schimpfen hört. Sie bleibt horchend stehen. »Ja, was is denn dees!« greint eben die Hauserin; »die ganzen Salatpflanzl sand hin! Und d' Gurkenstaudn sand ganz zerrupft! Und meine Astern liegn heraußt! Deixelsviecher, verflixte! Naa, i sags ja! Solcherne Henna muaßt ja auf der ganzen Welt nimmer finden, als wia dera da drent die ihran! Akkrat wia sie selber! Wo s'oan was otoa kinnan, da tean sie's! Aber i derwisch scho amal a paar so gschopfate Luader! Nachher drah i eahna 's Gnack um, dees woaß i!« Drüben steht die Wirtin hinter dem Gartenzaun, gut gedeckt von Bohnenstauden und Dahlienstöcken, und lust auf. Und jetzt fährt sie auf die Hauserin los: »Aha! 's Gnack draht s' eahna um, sagt s'! So, da is also die Betreffadi, wo mir meine ganzen Henna umbringt! Aber jetz geh i zum Wachtmoaster! Glei! Auf der Stell!« – »Ja, geh nur zua!« schreit die Hauserin. »Vo mir aus zum Teife! Aber daß nachher i aa geh, dees mirkst dir! Moanst, i woaß's net, wer ins die ganzen Stallhasen wegagfangt hat!« Die Ödenhuberin reißt eine Bohnenstange aus vor Zorn. »O du ganz niedertrachtigs, verleumderischs Weibsbild!« ruft sie aus; »mir hätten ihrane Stallhasen! Sag liaber, wost insane zwölf Anten hinbracht hast! Und wer insan ganzen Gartenzaun übern Haufen gfahrn hat, die vergangene Woch!« Jetzt ist's die Hauserin, die nach Luft schnappt vor Gift und Grimm. Und sie ist unfähig, der Wirtin noch eine ergiebige Antwort auf die Beschuldigung zu geben; ein hartes, trockenes Weinen kommt sie an, und sie muß an den Worten würgen, da sie sagt: »Mir?! Mir hätten dees to ...« Die Ödenhuberin betrachtet triumphierend diese Wirkung, und sie sagt: »Aha! Gell, jetzt hab i di troffa, du alte Speckschwarten! Jetz kommen dir d' Krokodilzachern! Bläck nur, daß d' net so z' schwitzen brauchst, wannst drobn hockst, am Amtsgricht!«

Aber da ist plötzlich die Hanni. »Daß d' di nur net z' früah freust, Wirtin!« sagt sie; »mir henkt koan, hoaßts, bal man 'hn net zuvor hat! Wo hast denn deine Zeugn?« Die Ödenhuberin fährt zusammen ... »Wer redt denn mit dir?« murmelt sie; »was hast di denn du da einzmischen?« – »Gar net viel!« erwidert die Hanni; »bloß so weit, daß i der Hauserin an Zeugn abgebn kann! An gwissen, verstehst! Moanst, daß uns mir alles gfalln lassen von enk! Gwiß net! Und jetz red i! – Wer hat seine Heißen (Pferde) die ganze Zeit in unsern Groamat drin? Wer hat seine Henna in unsern Troad drinna ghabt? Wer hat unserm Dirndl znachst an Hund oghetzt? ... Gell, jetz gehst! jetz willst nix mehr hörn! ...«

Die Wirtin hat eilig den Garten verlassen und schlägt laut schimpfend die Haustür hinter sich zu; die Hauserin aber steht da wie eine Siegesgöttin, schaut der verschwundenen Nachbarin noch eine Weile befriedigt nickend nach und wendet sich danach um nach der Hanni, um ihr zu sagen: »Dees hast aber guat gmacht; i sag dir mein scheen Dank!« Aber die Hanni ist schon droben in ihrer Kammer, legt das Kirchengewand ab und geht danach in den Stall, die Kälber zu tränken und das Vieh zu füttern. Erst zum Mittagessen erscheint sie in der Stube. Aber da ist sie wie immer: wortkarg und, wie die Kollerin zu sagen pflegt, ein unausstehlichs, anhabischs Weibsbild, das aus dem Haus gehört.

»Was is's nachher jetz mit dera?« fragt sie nach dem Essen, als die Hanni mit dem Geschirr in die Kuchel gegangen ist, »wia lang willst es jetz no fuadern für nix und wieder nix?« Aber die Hauserin hört diesmal nicht; sie fragt vielmehr sehr interessiert ihren Lenz, ob er das Fortgehn im Sinn hätt. »Willst no auf Schönau, heunt?« – »Warum?« Der Hauser liest gedankenlos die Zeitung. »I moan halt. Weil morgn Viechmarkt is z' Schönau. Vielleicht woaß oana was zwegn an Ochsen.« – »Ja so«, sagt der Hauser, »freili. Schaugn kann i ja. Dees kost't ja nix.« Und er legt die Joppe an, bürstet den Plüschhut aus und geht. Die Hauserin aber sagt zur Alten: »Muatta, heunt muaßt du in Rosenkranz geh!«, riegelt sich in ihre Schlafkammer ein und legt sich aufs Bett, indes die Liesl zum Staudenschneider in den Heimgarten geht und also die Hanni Hüterin des Hauses ist und des Hofs, von dem sie im stillen schon jetzt sagt: »Mein Haus, mein Hof.«

 

Beim alten Wirt zu Schönau ist die Gaststube schier übervoll von Gästen, Rauch und Qualm, so daß der Hauser nicht unrecht hat, da er zum Meßmer von Niklasreuth sagt: »Bruader, in der Höll bals amal a so zuageht und dampft, nachher kennt si leicht der Teife selber nimmer aus!« Kein Platz ist mehr da zum Sitzen; die Bauern haben den Herrgottswinkel und das Ofeneck ausgefüllt, und an den übrigen Tischen hocken die Jüngeren und die Dienstigen. Man redet vom Krieg. Und der eine meint: »Ja no; 's Belgien ham mir scho. 's Frankreich ham mir aa scho glei; Paris kriagn man auf d' Woch und 's Rußland aufn Kirta. Bis Allerheiling ham mir nachher an Engländer umbrachte und z' Weihnachten sauf i mir mein Friedensrausch o.« – »Wenn dir der Italiener net 's Krüagl aus der Hand haut, derweil!« meint der Meßmer von Niklasreuth; »woaßt, den Schlawiner tat i scheucha!« Aber: »Was!? Den Katzlmacha!« heißt's da; »den Polantifresser! Den Maronibruada möchst ferchten! Was willst denn! Was will denn der macha! Hat ja grad oa Loch, wo er außikann, der Italiener!« – »Und dees is zuapitschiert!« meint der Hauser. »Dees ham eahm d' Österreicher a so verpappt, daß er a Jahr braucht, bis er si durchefrißt!« Und so wird weiter disputiert und politisiert, bis jeder voll ist und jeder genug hat und der Wirt sagt: »Feiramd, meine Leutln! Ins Bett werd gangen.« Da wünscht einer um den andern allerseits eine »guate Nacht«, der Wirt zündet seine Laterne an, nimmt den Schlüsselbund aus der Schenke und geleitet die letzten noch hinaus bis auf die Straße. »Alsdann, kemmts guat hoam und kehrts wieder zua!« sagt er noch; dann schlägt er die Haustür zu, indes die Gäste draußen noch eine Weile verhandeln, einen alten Brauch ehren und dann ihren Weg dahintrotten, der Heimstatt zu.

Der Hauser von Öd und der Meßmer von Reuth gehen zusammen. Sie sind so mittendrin in der Schlacht von Sedan anno siebzig und warten einander mit so viel Erlebnissen und Trümpfen auf, daß an ein Fertigwerden nicht zu denken ist. Ganz unversehens stehen sie plötzlich vor der Kirche zu Niklasreuth. »Ja, Herrschaft! Mir san ja scho da!« sagt der Meßmer verwundert, »mir san ja scho dahoam!« Da reißts den Hauser. »Dahoam!« ruft er; »dees glaab i! Du bist freili dahoam! Aber i! Himmeseitn! Jetz derf i den ganzen Weg no amal geh! A so a Viecherei! Renn i mit auf Reuth und sollt auf Öd!« – Er hört gar nimmer auf die Trostreden des Meßmers; brummend und mit sich selber hadernd geht er zurück, den Kopf tief zwischen die Schultern gesteckt, die Arme etwas nach rückwärts gestreckt, bald über den einen Fuß stolpernd, bald über den andern. »Herrschaftseiten!« brummt er für sich selber; »heunt glaab i gar, hab i an kloan Wurf! Heunt hat er scho glei wieder a so a guats Gsüff gehabt, daß 's ganz aus is! Zu an Krüppi kunntst di saufa! ... Aber die Alt! Sakra, die Alt werd grohna! Heunt werd s' scho richti' zwider sein, bal s' mir aufriegeln muaß! Am liabsten tat i gar nixen sagn dazu! ...« Unter solchen Betrachtungen und Erwägungen stiefelt er gemach seinen Weg dahin, braucht die ganze breite Straße, rumpelt wohl auch einmal an einen Zaun oder Baum an, und steht doch zu guter Letzt ganz munter vor seinem Hauserhof.

Da setzt er sich eine Weile auf die Hausbank und überlegt: Sollst klopfen, oder pfeifen, oder still sein? Und bedenkt: jetzt schlaft sie, die Rosina, und du weckst si auf; und wegen eines Ochsen hast auch nicht geschaut und gefragt, und zu viel aufgelegt hast auch.- Und ist also schließlich so weit, daß er halblaut für sich hinmurmelt: »Naa, klopfa tuast ihr net, der Rosina. Schaugst liaber, daß di d' Hanni einlaßt.« Damit hat er auch schon eine Leiter aus der Schupfe genommen und lehnt sie unters Kammerfenster der Hanni. Schwitzend steigt er hinauf. Die eine Scheibe ist nur angelehnt. Der volle Mondschein wirft seinen Schatten in die Kammer der Dirn. Die liegt fest schlafend, die Arme überm Kopf verschlungen, auf ihrer Lagerstatt. Der Hauser öffnet leise die Scheibe und starrt auf das Maidl. Und mittendrin fährt ihm das Wort »Kammerfensterln« durchs Hirn; ganz gähend, daß es ihm die Hitze in den Kopf treibt. Ein Gedenken an weit hinten liegende, junge Jahre kommt über ihn. Kammerfensterln!

Die Hanni wird unruhig. Sie wirft den Kopf herum, daß ihr die kohlschwarzen wirren Haare ins Gesicht hängen, läßt die Arme auf die Zudeck fallen und kehrt sich danach aufschnaufend auf die Seite. Der Hauser steht starr wie ein Wandheiliger; ein ganz seltsames Gefühl überkommt ihn und preßt ihm mittendrin den heiseren Ruf: »Hanni!« heraus. »Hanni!« flüstert er wieder. Das Maidl fährt in die Höhe. »Was gibt's?« Der Hauser beugt sich weit hinein in die Kammer. »Hanni! I bins, der Hauser! Der Bauer! Außagsparrt ham s' mi! Magst mi net einlassen?« Die Hanni sitzt erschrocken und schlaftrunken aufrecht im Bett und reibt sich die Augen. »Was? Du bist es, Hauser?« – »Ja, i bins. Durchlassen sollst mi durch dei Kammer!« Allmählich begreift sie. »Ja so! Du hast d' Uhr nimmer kennt!« sagt sie in ihrer Art, »und jetz muaßt di vor dein' Nachtwachter fürchten! – Mei, wannst moanst, daß d' durch den Türstock leichter aufn Strohsack kimmst, als wia anderscht, nachher geh nur durch. Vo mir werd neamd nix inne!« Der Hauser muß lachen. »Du bist es ja scho gwohnt, 's Staadsein!« sagt er, indem er sich mühsam durch den Fensterstock zwängt. »Is ja der ander aa leicht öfters auf dem Weg hoamganga, – der Bua!«

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