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Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Rückkehr der Zeitmaschine - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenovelette
authorEgon Friedell
titleDie Rückkehr der Zeitmaschine
publisherDiogenes
year1974
isbn325720177x
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderJohannes Mattmueller at lycosxxl.de
created20081114
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Viertes Kapitel

Der Widerstand der Erdzeit

Er sah ein wenig herabgekommen und derangiert aus: bleich, mit tiefliegenden Augen, vernachlässigter Kleidung, gedunsenem Gesicht und rötlicher Nase; und merklich gealtert, so daß ich unwillkürlich denken mußte: vielleicht ist er doch bedeutend länger ausgewesen als zwei Monate. Er bat mich, Platz zu nehmen, und mit ein wenig rauh klingender Stimme sagte er: »Ich bin schon seit ein paar Tagen hier. Aber ich habe mich noch nicht völlig gesammelt. Ich habe viel durchgemacht. Aber das ist ja jetzt vorbei. Die Hauptsache: die Zeitmaschine ist ein Irrtum. Für die Vergangenheit gänzlich unbrauchbar. Aber im streng wissenschaftlichen Sinn eigentlich auch nichts für die Zukunft. Vorbeigelungen. Ein stupides Spielzeug.«

»Aber –« sagte ich.

»Ich werde Ihnen alles erklären. Natürlich hätte ich bei einigem Nachdenken das Ganze im voraus wissen müssen. Übrigens auch Sie. Aber Sie haben wenigstens die Entschuldigung, daß Sie verheiratet sind.«

»Ja aber –«

»Sie werden alles der Reihe nach erfahren. Es strengt mich nur noch etwas an.«

»Möchten Sie nicht ein Glas Portwein nehmen? Sie scheinen sehr abgespannt zu sein.«

Der Zeitreisende winkte heftig ab. »Nein. Keinen Alkohol. Davon habe ich genug abbekommen. Aber eine Pfeife wird mir guttun. Sie gestatten doch, daß ich mir im Erzählen meinen Tabak mische?« Dabei griff er zu einer Tätigkeit, die er immer mit großem Eifer und einer gewissen Wichtigkeit ausübte. Sie bestand darin, daß er etwa ein Dutzend Päckchen verschiedener in- und ausländischer Tabaksorten auf eine sehr gewissenhafte Weise vermischte. Zuerst schüttete er alles zusammen, dann grub und knetete er es mit beiden Händen ineinander, bildete kleine Häufchen, die er ähnlich bearbeitete, und schließlich goß er das Ganze in einen polierten Holzkasten, den er gründlich schüttelte; und diese primitive Beschäftigung schien ihn zu erheitern und zu zerstreuen. Diesmal aber, glaube ich, tat er es aus einem andern Grund, nämlich um eine gewisse Verlegenheit zu verbergen. Es war in sein Wesen etwas Unsicheres und Resigniertes gekommen, das ich früher an ihm nicht gekannt hatte, eine gewisse Gedrücktheit, wie sie Menschen eigen ist, die Blamables oder Kränkendes erlebt haben. Und es war ein sonderbares Schauspiel, wie er da, in die höchst gleichgültige Beschäftigung des Tabakmischens scheinbar angelegentlich vertieft, langsam und tonlos seinen merkwürdigen Bericht begann. Allmählich wurde er aber etwas wärmer, und ich glaube, am Schlusse siegte wieder seine alte Heiterkeit über ihn, jene Heiterkeit, die jedem echten Denker eignet, indem sie ihn lehrt, die Erscheinungen des Lebens von oben zu betrachten.

»Punkt zehn Uhr«, begann er, »natürlich Londoner Zeit, auf die auch meine Maschine abgestellt ist, begab ich mich programmmäßig auf die Reise – oder vielmehr: ich versuchte es. Ich klebte einen Zettel für die Post an die Tür, sperrte als vorsichtiger Mann den Gasmesser ab, begab mich ins Turmzimmer und bestieg den Apparat. Ich schaltete eine mittlere Geschwindigkeit ein und drückte den Hebel für ›Zurück‹ nieder: aber es ereignete sich nicht das geringste. Ich drückte stärker, schließlich, so stark ich konnte, auf die Gefahr hin, eine zu hohe Anfangsgeschwindigkeit zu bekommen und über das Jahr 1840 hinauszuschießen: es rührte sich nichts; der Zeiger des Zifferblatts blieb unbeweglich auf Null. Ich untersuchte die Maschine von oben bis unten in ihren sämtlichen Teilen: es war alles in tadelloser Ordnung. Ich bestieg sie nochmals: sie änderte ihr Verhalten nicht. Ich verwendete den Rest des Tages darauf, alle Formeln noch einmal genau zu überprüfen; aber alles stimmte bis aufs i-Tüpfelchen. Es war klar: irgendein besonderer Umstand, ein prinzipielles Hindernis mußte mir entgangen sein.

In solchen Fällen – es war natürlich nicht das erstemal, daß meine Berechnungen ganz unvermutet durch eine unbekannte Instanz durchkreuzt wurden – pflege ich die Sache zu betrinken. Ich bin nicht der Ansicht der extremen Abstinenzler, daß der Alkohol die menschlichen Geisteskräfte unter allen Umständen brachlegt und schwächt. Wo es auf blitzartiges Erfassen entlegener Zusammenhänge und kühne, bis zur Absurdität neue Kombinationen ankommt – und darauf beruhen ja alle Entdeckungen und Erfindungen –, kann er bisweilen recht gute Dienste leisten. Ich machte mir also einen Grog zurecht, und da es schon Mai war, meinen berühmten ›kalten Grog‹. Das Rezept, nach dein ich dieses vortreffliche Getränk bereite, ist, wie Sie vielleicht schon wissen, ungemein einfach. Ich fülle ein Wasserglas zu einem Drittel mit Eiswasser und ergänze das restliche Volumen mit Jamaikarum: ein äußerst erfrischendes Sommergetränk. Wenn man die Sache komplizierter machen will, kann man noch in jedes Glas zehn Gramm Zucker hineintun; ich halte das aber für eine übertriebene Finesse und außerdem den hundertgrammweisen Genuß von Zucker für unhygienisch. Und nun trank ich langsam und methodisch, indem ich in die Luft starrte und mich bemühte, an gar nichts zu denken. Denn der Geist des Rums arbeitet am besten, wenn man ihn nicht stört.

Ich weiß nicht, beim wievielten Glase ich hielt, als tatsächlich wie ein Blitzschlag die Erleuchtung kam. Ich hatte ganz einfach den Widerstand der Erdzeit übersehen. Wie dieses Hindernis zu besiegen sei, war mir allerdings noch völlig unklar, aber ich war froh genug, wenigstens den Schlüssel des Rätsels in der Hand zu haben; die praktische Lösung der Frage konnte ich ohnehin erst am nächsten Tage mit ausgeruhtem Gehirn in Angriff nehmen. Ich begab mich zu Bette und schlief einen so guten Schlaf, wie man ihn nur nach einem so vorzüglichen Schlummergetränk haben kann.

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