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Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Rückkehr der Zeitmaschine - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/friedell/zeitmasc/zeitmasc.xml
typenovelette
authorEgon Friedell
titleDie Rückkehr der Zeitmaschine
publisherDiogenes
year1974
isbn325720177x
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderJohannes Mattmueller at lycosxxl.de
created20081114
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Schluß

Eine naheliegende Korrespondenz

1.

Mr. Anthony Transic

London

... und so brauche ich Ihnen wohl nicht nochmals zu versichern, zu wie tiefem und dauerndem Danke ich Ihnen verpflichtet bin. Trotzdem scheinen mir einige wenige Punkte noch der Aufklärung bedürftig, und ich bitte Sie daher, nicht ungehalten zu sein, wenn ich, durch Ihre große Liebenswürdigkeit ermutigt, einige ergänzende Fragen an Sie richte.

Erstens: Es ist vollkommen klar, warum die Maschine Mr. Mortons bei seinem Start am vierten Mai 1905 nicht funktionierte. Ebenso klar ist es, warum sie bei seinen Rückfahrten aus den Jahren 1995 und 2123 funktionierte. Hingegen ist es nicht klar, warum sie am siebten Mai versagte. Denn da war sie doch schon mit Vorsprung geladen, besaß also eine genügende Energie, um den Widerstand zu überwinden.

Zweitens: Der Zeitreisende erklärte, seine Maschine nie wieder besteigen zu wollen. Aber seitdem sind nahezu drei Jahre vergangen, und es sieht fast so aus, als hätte er seitdem seinen Entschluß geändert. Die Zeit vermag ja viel, selbst der Schneckengang unserer geringfügigen Erdzeit. Es wäre doch auch jammerschade, wenn Mr. Morton seinen Apparat, der sich ja für die Zukunft – zumindest für die nahe – sehr gut bewährt hat, nicht gelegentlich zu kleinen Entdeckungsfahrten benützte. Und ich vermute stark, daß er sich derzeit auf einer solchen befindet. Denn was sollte »gone on a journey« bei ihm anderes bedeuten? Daß er zu einem Naturforscherkongreß oder auf die Löwenjagd gefahren ist, ist ihm doch nicht gut zuzutrauen.

Drittens – aber das ist eigentlich eine Privatangelegenheit –: Was ist aus Gloria geworden? Haben die beiden ›sich gefunden‹, wie man zu sagen pflegt?

Gerne hätte ich mich bei Ihnen mit einem besonders interessanten Bericht aus Wien revanchiert, aber mir fällt nichts ein. Der Kaiser nimmt noch immer zum Gabelfrühstück ein Glas saure Milch und zum Mittagessen ein halbes Huhn, und das Parlament beschäftigt sich noch immer mit der böhmischen Sprachenfrage. Die Metternich veranstaltet noch immer Wohltätigkeitsakademien, und das Burgtheater spielt noch immer Komtessenstücke. Peter Altenberg trägt jetzt Sandalen.

Ich muß mich darauf beschränken, Sie meiner besonderen Ergebenheit zu versichern.

Friedell

2.

Hrn. Egon Friedell

Wien

Sehr geehrter Herr,

Ihre erste Frage zeigt eine eingehende Beschäftigung mit dem Gegenstand, die wiederum auf ein lebhaftes Interesse schließen läßt. Ich bin daher gern bereit, sie zu beantworten. Da ist nämlich Mr. Morton ein Lapsus passiert, wie sie bisweilen auch den größten Gelehrten unterlaufen. Er hatte die Erdzeit errechnet, indem er s durch t dividierte: 40.000 Kilometer durch 86.400 Sekunden. Das ergab weniger als eine halbe Kilometersekunde. Aber er hatte ganz übersehen, daß die Erde eine erheblich größere Leistung an Zeitenenergie vollbringt. Denn sie dreht sich ja nicht bloß um ihre eigene Achse, sondern auch um die Sonne, indem sie in 3651/4 Tagen 936 Millionen Kilometer zurücklegt, das sind fast dreißig Kilometer in der Sekunde. Das bedeutet zwar immer erst den zehntausendsten Teil eines Zeitmeters; aber andrerseits sind 19.710 Meter plus 463 Meter (die Zeitenenergie der Achsendrehung, die natürlich dazugerechnet werden muß), also 30.173 Meter in der Sekunde doch 651/6 mal soviel als das Energiequantum, das Mr. Morton angenommen hatte. Also war sein Ansatz viel zu niedrig und Gloria hatte instinktiv das Richtige getroffen, als sie ihm riet, einfach weiterzufahren.

Was nun diese anlangt, so ist Ihre Anfrage in der Tat sehr privat! Und außerdem: was glauben Sie denn eigentlich? Ich schicke Ihnen einen wissenschaftlichen Expeditionsbericht, und Sie verlangen eine Liebesgeschichte mit happy end! Ich referiere Ihnen über Formeln und Gleichungen, die aufgehen (oder auch nicht aufgehen), und Sie erwarten, daß zwei sich kriegen! Es scheint, daß bei Ihnen in Wien alles mit einem ›G'spusi‹ enden muß: so nennt man ja wohl bei Ihnen einen Flirt, wie mir Laura erzählt hat, die zwar aus Dresden stammt, aber den Wiener Dialekt sehr gut beherrscht. Übrigens haben Gloria und der Zeitreisende selbstverständlich geheiratet.

Und dies enthält zugleich die Beantwortung der dritten Frage:

Mr. Morton befindet sich gegenwärtig auf der banalsten und interessantesten aller Reisen: nämlich auf der Hochzeitsreise. Er forscht derzeit, wie Ihr überspannter Peter Altenberg sagen würde, in den Meeraugen seiner jungen Gattin. Wie es dazu kam? Ja, das ist nun wirklich ein Roman; aber den erwarten Sie nicht von mir, denn über Romane denke ich ähnlich wie Mr. Wells.

Ganz ergebenst

Transic

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