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Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Rückkehr der Zeitmaschine - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenovelette
authorEgon Friedell
titleDie Rückkehr der Zeitmaschine
publisherDiogenes
year1974
isbn325720177x
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderJohannes Mattmueller at lycosxxl.de
created20081114
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Elftes Kapitel

Zeitreisender landet

Als ich die Tür aufstieß, prallte ich betroffen zurück. Es war heller Tag! Draußen blaute über schneebeglitzerten Tannen ein heiterer, windstiller Wintermorgen. Die Uhr wies tickend auf elf Uhr eins, und der Sekundenzeiger lief. Ich blickte auf den Abreißkalender: er zeigte den fünften Februar. Noch ganz benommen begab ich mich ins Turmzimmer: dort zeigte der Kalender in der Ecke den einunddreißigsten Dezember. Sonderbare Konfusion! Im Untergeschoß war es Nacht, im Obergeschoß Morgen, im Studierzimmer war ein anderer Tag als im Laboratorium und dort wieder ein anderer als im Turmzimmer.

Ich blickte in die andere Ecke. Und dort entdeckte ich etwas, das mich vor Freude fast wahnsinnig gemacht hätte. Denn dort stand, funkelnd im Morgenlicht, intakt und komplett – meine Zeitmaschine! Es hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte sie umarmt und geküßt. Ich fragte nicht viel danach, wie sie von der Hauswand zwei Stock hoch geklettert war, sondern bestieg sie und machte von ihr zum ersten und zum letzten Male einen vernünftigen Gebrauch: ich fuhr mit ihr in meine Heimatzeit.

So, das ist meine Geschichte.«

»Entschuldigen Sie«, sagte ich, »aber das ist nicht die ganze Geschichte. Denn Sie haben mir noch immer nicht erzählt, wie Sie wieder zu Ihrer Maschine gekommen sind.«

»Aber das ist doch höchst verwunderlich, daß Sie darauf nicht schon längst von selber gekommen sind! Bei mir in meiner Depression und halb wahnsinnigen Verfassung war das noch einigermaßen verständlich. Aber Sie hätten doch die jedem Kind bekannte Erscheinung des Älterwerdens nicht übersehen dürfen. Jeder Mensch legt doch jeden Tag eine bestimmte Zeitspanne zurück: eben einen Tag. Hat einer zwanzig Jahre Zeitstrecke (zwei Zeitmeter) zurückgelegt, so bezeichnen wir ihn als zwanzig Jahre ›alt‹; dann wird er dreißig alt und so weiter. Hat einer um zwei Jahre mehr Zeit zurückgelegt als ein zweiter, so sagen wir, er sei um zwei Jahre ›älter‹; und hat dieser zweite selber zwei Jahre zurückgelegt, so sagen wir wiederum, er sei um zwei Jahre älter. Das ist doch bis zur Stupidität einfach. Nun, und so war auch ich täglich um einen Erdtag älter geworden und langsam nachgerückt. Das heißt: die Distanz zu meiner eigenen Zeit konnte ich nicht überwinden, die blieb selbstverständlich immer dieselbe; denn mit jedem Tag, den ich älter wurde, rückte auch meine Zeit um einen Tag vor. Aber meine Zeitmaschine konnte ich einholen, denn von deren Vollendung trennten mich nur knappe sechs Wochen. Hätte ich bei der Katastrophe eine höhere Geschwindigkeit gehabt, so wäre ich weiter geschleudert worden und hätte länger warten müssen. Es war also keineswegs gleichgültig, ob ich im Dezember 1904 landete oder im Zeitalter der Königin Anna, wie Sie vorhin annahmen. Denn dann hätte ich ja um zweihundert Jahre älter werden müssen, bis ich wieder zu meiner Maschine gekommen wäre.«

»Aber Sie vollendeten doch Ihre Maschine Mitte Jänner. Warum zeigte dann der Kalender im Laboratorium den fünften Februar und der im Turmzimmer den einunddreißigsten Dezember?«

»Auch das erklärt sich auf sehr primitive Weise. Der Kalender im Turmzimmer war ganz einfach ein alter Kalender, der nach Ablauf des Jahres 1904 nicht mehr erneuert worden war. Aber das Datum im Laboratorium stimmte. Es war tatsächlich der fünfte Februar. Denn erst an diesem Tage betrat ich den Raum. Ich hatte mich volle drei Wochen zu lange in dem vermeintlichen sechsten Dezember aufgehalten. Hätte ich das Laboratorium regelmäßig aufgesucht, so hätte ich mir diese Überzeit ersparen können. Und vor allem hätte ich mir meine ganze Verzweiflung ersparen können, denn dann hätte ich sofort erkennen müssen, daß mein Abenteuer zeitlich begrenzt war: auf etwa vierzig Tage. So aber waren einundsechzig Tage daraus geworden. Meine Zeit hielt also bereits beim vierten Juli. Um diesen zu erreichen, bedurfte ich bloß der kurzen Fahrt über hundertneunundvierzig Tage, die Differenz, die durch die Katastrophe entstanden war. Ich bin, wie gesagt, schon seit vorgestern hier, aber ich hatte wirklich kein Bedürfnis nach Geselligkeit.«

»Und jetzt verstehe ich auch«, setzte ich eifrig hinzu, »warum die kleine Zeitmaschine trotz richtiger Adressierung nicht ankam. Sie war nämlich falsch adressiert! Als Ihr Telegramm eintraf, war es der zehnte Mai. Ich hätte daher die Maschine nicht in den sechsten Dezember schicken sollen, sondern in den zwölften. Denn dort befanden Sie sich damals gerade.«

»So ist es«, nickte der Zeitreisende, »und Sie trifft, wie gesagt. nicht der geringste Vorwurf.«

»Aber Sie auch nicht!« rief ich ärgerlich. »Schuld ist die Unintelligenz und Rückständigkeit des Menschengeschlechts. Warum hat nicht schon Stephenson zugleich mit dem Dampfroß das Zeitroß erfunden? Und warum hat Marconi nicht herausbekommen, wie man drahtlos in die Vergangenheit telegraphieren kann? Denn es gibt doch auch negative Elektrizität. Also –«

Der Zeitreisende winkte düster ab.

»Das ist jetzt vorbei«, sagte er. »Aber«, fügte er mit resigniertem Lächeln hinzu, »eine kleine Nebenentdeckung habe ich doch gemacht. Wenn man nämlich mit der Zeitmaschine ganz langsam fährt, so kann man mit der Camera bewegliche Bilder aufnehmen.«

»Seien Sie nicht böse«, erwiderte ich, »aber dazu braucht man keine Zeitmaschine. Eine ähnliche Erfindung ist von den Brüdern Lumière schon vor Jahren gemacht worden.«

»Aber mit meiner Zeitmaschine geht die Sache doch unvergleichlich besser.«

»Sicherlich. Aber welchen Sinn sollten solche Zeitphotographien haben? Für wissenschaftliche Zwecke wird das Verfahren schon seit längerem angewandt – ich las erst jüngst wieder davon in einer biologischen Fachzeitschrift. Und für das große Laienpublikum haben doch solche photomechanischen Experimente nicht das geringste Interesse.«

»Na, egal«, sagte der Zeitreisende müde. »Jedenfalls: was von alledem zurückbleibt, ist eine gigantische Blamage. Die Wissenschaft hat wieder einmal ein klägliches Fiasko erlitten. Und das weiß ich: ich werde das mißglückte Ding nie wieder benützen. In die Vergangenheit nicht, aber auch nicht in die Zukunft. Denn was gibt's schon dort? Übertechnik oder Untertechnik! Savoryidioten und Kataraktidioten! Und überhaupt: wie lächerlich ist dieser ganze ›Eroberungsdrang des Forschers‹! Wenn man immer nur äußere Eroberungen in der Welt macht, ob im Raum oder in der Zeit oder in welcher Dimension immer, so versäumt man dabei, die einzige Eroberung zu machen, die sich lohnt, ja, die überhaupt möglich ist: die des eigenen Ich.« –

»Verzeihen Sie«, sagte ich, »aber haben Sie nicht heute abend schon einmal etwas Ähnliches gesagt? Oder nein: es war Miss Gloria.« –

»Möglich«, sagte der Zeitreisende und hüllte sich in Rauchwolken.

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