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Die Rückkehr der Zeitmaschine

Egon Friedell: Die Rückkehr der Zeitmaschine - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenovelette
authorEgon Friedell
titleDie Rückkehr der Zeitmaschine
publisherDiogenes
year1974
isbn325720177x
firstpub1946
correctorreuters@abc.de
senderJohannes Mattmueller at lycosxxl.de
created20081114
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Achtes Kapitel

Die Katastrophe

Ich war wütend. Diese beiden bloßfüßigen Idioten! Erst erzählten sie mir etwas von ihrer hirnverbrannten Schule, wo man zum Tacitus wird, wenn man seinen Nabel betrachtet, dann von Mondkälbern, die Zeitschatten werfen, und von Schneeglöckchen, die Maschinen treiben, und schließlich wollten sie mir die Zeit verbiegen! Und die dunkle Empfindung, daß sie vielleicht sogar irgendworin recht hatten, war nur geeignet, meinen Arger zu verstärken. Denn daß das Licht auf große Entfernungen sich nicht geradlinig fortpflanzt, stimmte. Lag dies an der großen Geschwindigkeit, so mußte es auch auf die Zeit Anwendung finden. Ich beschloß, mir jedenfalls gelegentlich die Sache noch einmal durchzurechnen.

Ich trudelte langsam dahin. Der häufige jähe Luftwechsel tat mir nicht gut. War die Atmosphäre im Jahr 1995 zu ozonarm gewesen, so hatte sie diesmal für meine Ansprüche zuviel Ozon gehabt. Ich war von der narkotischen Duftfülle der Riesenpflanzen fast ebenso benommen wie von den hirnumnebelnden Reden der Ägypter. Andrerseits fühlte ich meine Unternehmungslust gerade durch die fortwährenden Hindernisse gesteigert. Der Plan, das Jahr 1840 aufzusuchen, kam mir auf einmal kleinbürgerlich und armselig vor. Als das mindeste an Fahrtleistung erschien mir jetzt ein Abstecher in die Zeit der Atlantiskultur. Das war doch höchstens eine Angelegenheit von zwanzigtausend, ja vielleicht gar nur fünfzehntausend Jahren. Was mochte damals hier gestanden sein? Vielleicht einer jener zehntausend Türme aus ›Goldkupfererz‹, von denen Plato erzählt, umstampft von trompetenden Elefantenhorden in Messingrüstungen, und vielleicht war gerade wieder Krieg oder Revolution. Immer dasselbe! Es war den zwei Bronzehäuten richtig gelungen, mir die Weltgeschichte zu verekeln. Und nun faßte ich, durch ihre Reden, die noch immer in mir nachklangen, aufgestachelt, einen titanischen Gedanken: ich beschloß, das Problem der Zeit zu ergründen. Ich werde, sagte ich mir, immer tiefer in die Vergangenheit des Planeten fahren – möge die Zeitbewegung sich immerhin dabei krümmen – in die Millionen und Billionen Jahre seiner Entstehungsgeschichte, bis in seinen Gaszustand und darüber hinaus, bis dahin, wo es noch keine Erde gab, auch keine Erde ›anderer Zeit‹! Was würde dann sein? Hier lag der Schlüssel. Denn meine Maschine war doch, solange sie in die Vergangenheit oder Zukunft der Erde fuhr, immer nur eine irdische Maschine: sie besaß Erdzeit, wenn auch millionenfach vervielfältigt. Was aber, wenn die Erde verschwunden war – welche Zeit besaß sie dann? Dann mußte ich auf völlig freie Zeit stoßen, auf Zeit an sich, auf abstrakte Zeit sozusagen, auf den Begriff der Zeit. Das Ganze war eine Folge meines Blumenrauschs. Denn es war eine törichte Idee, nicht wahr;. Aber beruhigen Sie sich; ich kam nicht so weit – nicht annähernd so weit.

Während meiner Fahrt war mit einem Schlage wieder London am Firmament erschienen: es muß einer plötzlichen Katastrophe zum Opfer gefallen sein. Es blieb eine Zeitlang majestätisch auf seinem Wolkensockel stehen, und dann begannen seine imposanten Türme und Häuserblöcke ein Stockwerk nach dem andern zu verlieren, bis sie schließlich gänzlich verschwanden. Und nun schossen Riesenmassen von Schutt und Bruchstein zu unserm guten alten irdischen London zusammen, erst überdacht von gigantischen Luftbauten: hundertstöckigen Rampen, elastischen Schwebebrücken, Betonschleifen, dann immer niedriger und vertrauter in den Formen. Immer näher rückte die eigene Zeit: ich befand mich bereits im Jahr 1911. Ich muß gestehen, daß ich dem Datum meiner Ausfahrt nicht ohne eine gewisse Besorgnis entgegensah. Vielleicht konnte sich beim Überschreiten dieses Punkts doch noch irgend etwas Widriges ereignen: irgendein ›Grenzzwischenfall‹, dessen Möglichkeit ich nicht bedacht hatte. Ich verringerte meine Geschwindigkeit; aber der Zeiger rückte unerbittlich vor: jetzt stand er schon auf November 1905. Ich verlangsamte meine Fahrt immer mehr. Als ich durch den siebenten Mai glitt, erblickte ich den Bruchteil einer Sekunde lang Glorias flammendes Bronzehaar. Sie saß noch immer in derselben unbeweglichen Haltung, in der ich sie verlassen hatte. Das bedeutete nach Erdzeit Stunden. So lange also wartete sie schon! Aber ehe ich Zeit fand, darüber nachzudenken, wies der Zeiger auf den vierten Mai.

Der Apparat machte einen kleinen Hopser, wie wenn ein Rad über einen Stein hüpft, und surrte weiter: in den dritten Mai. Die Passage war gelungen. Die Vergangenheit war erobert. Ihr weites Reich lag offen vor mir.

Ich war in der gewohnten Luft wieder völlig nüchtern geworden und in bester Laune. Eigentlich, dachte ich mir, hätte ich bei Gloria Station machen müssen, ich hatte ihr doch versprochen, an sie den ersten Bericht zu erstatten. Aber eigentlich erst den Bericht über die ganze Reise. Aber wer weiß, wie lange die dauerte! Und sie wartete doch schon so lange. Aber ich brauchte sie ja gar nicht warten zu lassen: ich konnte ja in jeder beliebigen Zeit landen. Ich brauchte bloß, bei meiner Rückkehr, am siebenten Mai zu stoppen. Aber sie wartete doch bereits stundenlang. Wie war das also eigentlich? Wenn ich -

In diesem Augenblick ergriff mich ein heftiger Windstoß, und ich fühlte, wie ich aus dem Apparat gehoben und mit dem Rücken gegen etwas Hartes geschleudert wurde. Ein Sausen und Brausen, das in heftiges Prasseln überging, schlug an mein Ohr, und ein eisiger Schauer durchfuhr meine Glieder. Gleichzeitig wurde es stockfinster, und ich verlor das Bewußtsein.«

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