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Die Rote Lilie

Anatole France: Die Rote Lilie - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/france/rotlilie/rotlilie.xml
typefiction
authorAnatole France
titleDie Rote Lilie
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
printrun4. Auflage
year1974
translatorFranziska Gräfin zu Reventlow
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090917
projectid3581907b
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7

Der Schnellzug nach Marseille stand zur Abfahrt bereit. Alles war voller Rauch und Getöse, die Gepäckträger liefen eifrig hin und her, und dazwischen rollten Gepäckkarren. Durch die Glasscheiben der Bahnhofshalle fiel fahles Licht. Vor den geöffneten Coupétüren gingen Reisende in langen Mänteln auf und ab. Am äußersten Ende der Halle, die von Ruß und Staub blind geworden war, erschien, wie durch ein Fernrohr gesehen, ein Stückchen Himmel – winzig klein, und doch bedeutete es die unendliche Ferne der Reise. Die Gräfin Martin saß schon mit Madame Marmet in ihrem Abteil. Ihre Reisetaschen waren in dem Gepäcknetz untergebracht, die mitgenommenen Zeitungen lagen neben ihnen auf den Kissen.

Choulette kam immer noch nicht, und Madame Martin erwartete ihn auch nicht mehr, obwohl er versprochen hatte, sich auf dem Bahnhof einzufinden. Er hatte all seine Vorbereitungen für die Reise getroffen und sich von seinem Verleger das Honorar für die »Blandices« auszahlen lassen. Paul Vence hatte ihn eines Abends mit zu Madame Martin in das Haus am Quai Debilly gebracht. Er war so höflich, so liebenswürdig und geistvoll heiter gewesen und hatte eine so naive Freude an den Tag gelegt, daß Madame Martin sich wirklich darauf gefreut hatte, mit diesem originellen und genialen Menschen zu reisen. Seine Verrücktheiten waren so amüsant, und selbst in seiner Häßlichkeit lag etwas Künstlerisches. Choulette war ein großes verwahrlostes Kind, ein sonderbares Gemisch von Unschuld und offenherziger Verderbtheit.

Jetzt wurden die Coupétüren geschlossen, und sie gab es auf, ihn noch länger zu erwarten. Wie hatte sie sich auch auf diesen impulsiven, unsteten Geist verlassen können.

Aber in dem Augenblick, als die Lokomotive anfing, ihren keuchenden Atem auszustoßen, sagte Madame Marmet, die zum Fenster hinausgeblickt hatte, in aller Ruhe:

»Ich glaube, da kommt Monsieur Choulette.«

Mit einem alten, gestickten Reisesack in der Hand kam er den Bahnsteig entlang. Er hinkte auf einem Bein, sein Hut saß ganz hinten auf dem gewölbten Schädel, und der Bart hing ungepflegt und struppig herab. Er bot einen beinahe furchterregenden Anblick; dabei sah er trotz seiner fünfzig Jahre noch beinahe wie ein Jüngling aus. Die blauen Augen waren so klar und leuchtend, und auf seinem gelben, durchfurchten Gesicht lag ein Zug von unschuldig naiver Kühnheit. Die ganze Erscheinung dieses abgelebten, alten Mannes strahlte etwas von der ewigen Jugend des Dichters und Künstlers aus.

Als Thérèse ihn herankommen sah, bereute sie es, sich einen so sonderbar aussehenden Reisegefährten ausgesucht zu haben.

Choulette ging den Zug entlang und sah in alle Waggons hinein. Sein Blick wurde dabei immer böser und mißtrauischer. Schließlich erreichte er das Coupé, wo die beiden Damen saßen, erkannte Madame Martin, und jetzt flog ein so schönes Lächeln über sein Gesicht, und es lag ein so gewinnender Ton in seiner Stimme, als er ihr guten Tag sagte, daß von der wüsten Vagabundengestalt, die eben noch über den Bahnsteig gestrichen war, nichts zurückblieb, nichts als die alte gestickte Reisetasche, die er an den halbzerrissenen Henkeln hinter sich her schleppte.

Mit peinlicher Sorgfalt brachte er sie oben in dem Netz unter. Sie war aus blutrotem Stoff, mit gelben Blumen übersät und sah zwischen den tadellosen, mit grauem Segeltuch überzogenen Gepäckstücken der Damen wie ein schmutziger, schreiender Farbenfleck aus.

Choulette schien sich sehr wohl zu fühlen und machte Madame Martin Komplimente über die weiten Schulterkragen ihres hellbraunen Reisemantels. »Ich bitte die Damen sehr um Entschuldigung«, sagte er, »ich fürchtete schon zu spät zu kommen. Aber ich war heute früh in meiner Pfarrkirche Saint-Séverin zur Sechs-Uhr-Messe, in der kleinen Kapelle der Heiligen Jungfrau mit ihren absurd gewundenen und doch hübschen Säulen, die auf Umwegen zum Himmel aufsteigen – wie wir armen Sünder.«

»Aha«, sagte Madame Martin, »Sie haben heute Ihren frommen Tag.« Und sie fragte ihn, ob er den Strick des Ordens trüge, den er neu begründete.

Er schaute ernst und zerknirscht drein.

»Ich fürchte, gnädige Frau, daß Paul Vence Ihnen darüber eine Menge lächerlicher Unwahrheiten erzählt hat. Es ist mir zu Ohren gekommen, daß er in den Salons ausstreut, mein Strick sei die Schnur einer Klingel. Und was für einer Klingel! Ich wäre untröstlich, wenn man ihm diese elenden Märchen glauben würde. Mein Strick, gnädige Frau, ist ein symbolischer Strick. Er wird versinnbildlicht durch einen simplen Faden, den man unter dem Rock trägt, nachdem ein Armer ihn berührt hat. Ein Zeichen, daß die Armut heilig ist und die Welt retten wird. Außer ihr ist nichts gut. Seit ich das Geld für meine ›Blandices‹ bekommen habe, fühle ich mich ungerecht und böse. Es tut mir wohl, zu wissen, daß ich in meinem Reisesack einige solche mystische Schnüre mitgenommen habe.«

Und er deutete mit der Hand auf seine schreckliche bestickte Handtasche in der Farbe eingetrockneten Blutes und sagte:

»Ich trage auch eine Hostie bei mir, die mir ein böser Priester geschenkt hat; außerdem die Werke de Maistres, ein paar Hemden und noch verschiedenes andere.«

Madame Martin sah etwas erschreckt auf, aber die gute Madame Marmet ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Während der Zug durch die häßlichen Vorstädte fuhr, die schwarz und freudlos die Stadt umsäumen, zog Choulette ein altes Portefeuille aus der Tasche und fing an, darin herumzuwühlen. Jetzt kam der Schriftsteller in ihm zum Vorschein, der sich für gewöhnlich hinter der Maske des Landstreichers verbarg. Choulette gehörte, obgleich er es nicht zugeben wollte, zu denen, die jeden Fetzen Papier aufheben. So vergewisserte er sich jetzt, daß er nichts verloren habe, weder die Zettel, auf denen er sich im Café Ideen für seine Gedichte zu notieren pflegte, noch das Dutzend schmeichelhafter, schmutzig, fleckig und brüchig gewordener Briefe, die er beständig bei sich trug. Wenn er irgendwelche seiner Bekannten traf, war er jederzeit bereit, ihnen dieselben beim Scheine einer Straßenlaterne vorzulesen. Als er sich überzeugt hatte, daß nichts fehlte, nahm er einen Brief heraus, der zusammengefaltet im Umschlag steckte. Erst schwenkte er ihn eine Zeitlang mit geheimnisvoller, beinahe lüsterner Miene in der Luft, dann hielt er ihn der Gräfin Martin hin. Es war ein Empfehlungsschreiben, das ihm die Marquise de Rieu an eine Prinzessin des königlichen Hauses mitgegeben hatte, an eine nahe Verwandte des Grafen von Chambord, eine alte Witwe, die zurückgezogen in der Nähe von Florenz lebte. Choulette sonnte sich in dem Effekt, den er durch diesen Brief hervorzubringen hoffte, und sagte dann, vielleicht würde er die alte Prinzessin aufsuchen, sie sei eine gute Frau und so fromm.

»Ja, sie ist eine wahrhaft vornehme Frau«, setzte er hinzu, »aber sie trägt ihre Vornehmheit nicht in Kleidern und Hüten zur Schau. Ihre Hemden trägt sie sechs Wochen und manchmal noch länger. Die Herren ihres Gefolges haben gesehen, daß sie schmutzige weiße Strümpfe trug, die ihr bis auf die Schuhe heruntergerutscht waren. Die Tugenden der großen spanischen Königinnen sind in ihr wieder aufgelebt. Oh, diese schmutzigen Strümpfe – welch echter Ruhm liegt darin!«

Damit nahm er den Brief wieder an sich und steckte ihn in sein Portefeuille. Dann zog er ein Messer mit Horngriff aus der Tasche und fing an, die Krücke seines Stockes damit zu bearbeiten, an der ein menschliches Gesicht in groben Umrissen angedeutet war. Während er daran arbeitete, hielt er Lobreden auf sich selbst: »Oh, in den Künsten der Landstreicher und Bettler bin ich sehr bewandert. Ich kann jedes Schloß mit einem alten Nagel aufmachen und verstehe mit einem alten Küchenmesser zu schnitzen.«

Der Kopf fing jetzt an, deutlich hervorzutreten – es war ein verhärmtes weinendes Frauengesicht.

Choulette wollte damit das menschliche Elend darstellen; aber nicht einfach und rührend, wie die Menschen es ehemals hatten fühlen können in einer Welt, die aus Härte und Güte gemischt war – nein, häßlich und geschminkt, in seiner abschreckendsten Gestalt, in dem Zustand, in den es die bürgerlichen Freidenker und die Militärpatrioten, die Nachfolger der Französischen Revolution, versetzt hatten. Seiner Meinung nach bestand das augenblickliche Regime lediglich aus Heuchelei und Gemeinheit. Der Militarismus flößte ihm Abscheu ein.

»Die Kaserne ist eine widerliche Erfindung der Neuzeit. Sie stammt erst aus dem siebzehnten Jahrhundert. Früher hatte man nur die gute alte Wachstube, wo die Soldaten Karten spielten und sich Geschichten erzählten. Ludwig der Vierzehnte ist der Vorläufer des Konvents und Bonapartes. Aber das Übel hat seinen Höhepunkt erreicht mit der scheußlichen Einrichtung der allgemeinen Wehrpflicht. Daß Kaiser und Republiken den Menschen die Pflicht zu morden auferlegt haben, ist ihre ewige Schande, das Verbrechen der Verbrechen. In den sogenannten barbarischen Zeiten vertrauten Fürsten und Städte ihre Verteidigung den Söldnern an, die als gewitzigte, kluge Leute ihre Kriege führten. Es gab in großen Schlachten mitunter nur fünf oder sechs Tote. Und die Ritter, die in den Krieg zogen, taten es doch wenigstens nicht gezwungen, sondern weil es ihnen Vergnügen machte, sich umbringen zu lassen. Zweifellos waren sie auch zu nichts anderem nütze. Zur Zeit Ludwigs des Heiligen wäre es keinem Menschen eingefallen, einen Mann von Wissen und Bildung in den Krieg zu schicken. Man riß auch nicht den Landmann von seiner Scholle, um ihn in ein Kriegsheer einzureihen. Aber heute macht man es jedem armen Bauern zur Pflicht, Soldat zu werden. Man verbannt ihn von seinem Haus, dessen Dach in der goldenen Abendsonne raucht, reißt ihn von den fetten Triften, wo sein Vieh weidet, von Feldern und väterlichen Wäldern; man lehrt ihn im Hof einer häßlichen Kaserne nach dem Reglement Menschen zu töten. Man bedroht ihn, beleidigt ihn, wirft ihn ins Gefängnis; man erzählt ihm, es sei eine Ehre für ihn; und wenn er auf solche Art keine Ehre gewinnen will, schießt man ihn tot. Er gehorcht, weil er ein Kind der Furcht und von allen Haustieren das sanfteste, freundlichste und lenksamste ist. Wir in Frankreich sind Soldaten und Bürger. Auch ein Grund zum Hochmut, daß man Bürger ist! Den Armen liegt es ob, die Reichen in ihrer Macht und ihrem Müßiggang zu erhalten. Dafür dürfen sie arbeiten unter der majestätischen Gleichheit des Gesetzes, das Reichen wie Armen verbietet, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen. Wieder eine Wohltat der Revolution. Diese Revolution ist von Narren und Idioten zugunsten von Erraffern nationaler Güter gemacht worden, und sie läuft schließlich nur hinaus auf die Bereicherung gerissener Bauern und wucherischer Bourgeois. Sie errichtete im Namen der Gleichheit das Reich der Reichen. Sie hat Frankreich den Geldleuten ausgeliefert, die es seit hundert Jahren auffressen. Sie sind die Meister und Herren. Die Scheinregierung, bestehend aus armseligen, trübseligen, unseligen, scheuseligen armen Teufeln, steht im Solde der Finanz. Seit hundert Jahren gilt in diesem verseuchten Land als Verräter an der Gesellschaft, wer die Armen liebt. Man ist schon ein gefährliches Subjekt, wenn man sagt, daß es Elend gibt. Ja, man hat sogar seine Gesetze gegen Entrüstung und Mitleid gemacht. Und was ich jetzt hier sage, dürfte nicht gedruckt werden.«

Choulette ereiferte sich und fuchtelte mit dem Messer herum, während unter der frostigen Sonne die braunen Äcker, die violetten Sträuße der vom Winter entlaubten Bäume und die Pappelvorhänge an den silbernen Flüssen vorüberzogen.

Er schnitzte mit großem Eifer und blickte sein Werk dann voll Zärtlichkeit an: »Arme Menschheit«, sagte er, »ja, so siehst du aus – abgemagert, verweint, durch Schande und Elend abgestumpft –, das haben die aus dir gemacht, die über dich herrschen: die Soldaten und die Reichen.«

Die gute Madame Marmet, deren einer Neffe, ein reizender junger Mann, Artilleriehauptmann war und mit ganzer Liebe an seinem Beruf hing, war entsetzt über die Heftigkeit, mit der Choulette die Armee angegriffen hatte. Madame Martin sah in alledem nichts als ein amüsantes Spiel der Phantasie. Sie ließ sich durch die Ideen Choulettes nicht erschrecken; sie fürchtete sich vor nichts. Aber sie fand sie ein wenig lächerlich und glaubte nicht, daß die Vergangenheit jemals besser gewesen war als die Gegenwart.

»Ich glaube, Monsieur Choulette, daß die Menschen zu allen Zeiten so gewesen sind wie heute, egoistisch, gewalttätig, geizig und mitleidlos. Ich glaube, Gesetze und Sitten sind von jeher für die Unglücklichen hart und grausam gewesen.«

Zwischen La Roche und Dijon ging man in den Speisewagen, um zu frühstücken. Dann ließen die Damen Choulette mit seinem Glas Benediktiner, seiner Pfeife und seiner stürmisch erregten Seele allein und kehrten wieder in ihr Abteil zurück.

Madame Marmet begann jetzt mit stiller Zärtlichkeit von ihrem verstorbenen Gatten zu reden. Er hatte sie aus Liebe geheiratet und sehr schöne Gedichte auf sie gemacht, die sie noch aufbewahre und niemand zeigte. Und so lebhaft und heiter war er gewesen. Wer ihn in späteren Zeiten gesehen hatte, wo er schon durch Arbeit und Krankheit erschöpft war, hätte es gar nicht für möglich gehalten. Bis zum letzten Augenblick hatte er studiert. Da er an Herzerweiterung litt, konnte er zuletzt nicht mehr im Bett liegen, sondern brachte die Nächte, von seinen Büchern umgeben, im Lehnstuhl zu. Noch zwei Stunden vor seinem Tode versuchte er zu lesen. Er war gut und liebevoll; auch im Leiden blieb er voller Sanftmut.

Madame Martin wußte nicht recht, was sie darauf erwidern sollte, und sagte schließlich: »Sie sind lange Jahre hindurch glücklich gewesen, und jetzt leben Sie in Ihren Erinnerungen. Das ist schon ein gut Teil Glück hier auf Erden.«

Aber die gute Madame Marmet seufzte, und ein Schatten flog über ihre klare Stirn.

»Ja«, sagte sie, »Louis war der beste Mensch und der beste Gatte. Und doch hat er mich sehr unglücklich gemacht. Er hatte nur einen einzigen Fehler, unter dem ich aber schwer gelitten habe – er war eifersüchtig. Und diese schreckliche Leidenschaft machte ihn, der von Natur so gut, so zärtlich und großherzig war, oft tyrannisch, heftig und ungerecht. Sie dürfen mir glauben, daß ich ihm nie Grund dazu gegeben habe. Ich bin niemals kokett gewesen. Aber ich war jung und blühend, ich galt sogar beinahe für schön. Und das genügte; er ließ mich niemals allein ausgehen und verbot mir, in seiner Abwesenheit Besuche zu empfangen. Wenn wir zusammen auf einen Ball gingen, zitterte ich schon im voraus, daß er mir auf der Heimfahrt Szenen machen würde.

»Es ist wahr«, fügte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, »ich tanzte sehr gerne – aber ich habe darauf verzichten müssen. Er litt zu sehr darunter.«

Die Gräfin Martin konnte ihr Erstaunen nicht verbergen. Sie hatte sich Marmet immer als einen alten, schüchternen, ausschließlich in seine Arbeiten vertieften Herrn vorgestellt, der zwischen seiner runden, rosigen und so sanften Frau und dem Skelett des etruskischen Kriegers im Helm aus Gold und Bronze eine etwas komische Figur abgab. Aber die gute alte Witwe vertraute ihr an, Louis sei noch ebenso eifersüchtig wie am ersten Tage gewesen, als er schon fünfundfünfzig und sie dreiundfünfzig Jahre zählte.

Und Thérèse dachte daran, daß Robert sie niemals mit Eifersucht gequält hatte. War es nur sein Taktgefühl und sein unbedingtes Vertrauen in sie gewesen – oder liebte er sie nicht genug, um sie auch unter seiner Liebe leiden zu lassen? Sie wußte es nicht, und sie hatte nicht das Herz, es wissen zu wollen; sie fühlte keine Neigung, diese verborgensten Schubfächer seiner Seele weiter zu durchstöbern. Ohne daran zu denken, was sie sagte, murmelte sie vor sich hin: »Wir sehnen uns nach Liebe, aber sobald ein Mann uns wirklich liebt, quält er uns – oder er langweilt uns.«

Den Rest des Tages brachten sie mit Lektüre zu oder hingen ihren Gedanken nach. Choulette war noch nicht wieder erschienen. Allmählich deckte die Nacht mit grauer Asche die Maulbeerbäume der Dauphine. Madame Marmet schlief längst den Schlaf des Gerechten; sie ruhte in ihrer Fülle wie auf weichen Kissen. Thérèse sah sie an und dachte: »Ja, sie ist wirklich glücklich, denn sie denkt gerne an die Vergangenheit zurück.«

Die Trauer der Nacht schlich ihr ins Herz. Der Mond ging auf über den Olivenhainen; sie sah die sanftgeschwungenen Linien der Ebenen und Hügel vorüberziehen, sah die blauen Schatten fließen. Und in dieser Landschaft, in der alles von Frieden und Vergessen sprach, nichts von ihr, nichts zu ihr redete, sehnte sie sich nach der Seine, dem Are de Triomphe mit seinem Stern von Avenuen und nach den Alleen im Bois, wo wenigstens die Steine und die Bäume sie kannten.

Plötzlich kam Choulette stumm und wild in das Abteil gestürzt. Kopf und Gesicht in einen roten Wollschal gehüllt und mit dem dicken Knotenstock in der Hand, flößte er ihr beinahe Schrecken ein. Und das war gerade das, was er wollte. Sein ungestümes Auftreten und die Wildheit seiner äußeren Erscheinung waren immer einstudiert. Er bemühte sich unaufhörlich um seltsame und kindische Effekte und gefiel sich darin, furchtbar zu erscheinen. Da er selbst sehr empfänglich für jeden Schrecken war, wollte er, daß auch die andern sich fürchten sollten. Er hatte eben am Gangfenster gestanden, seine Pfeife geraucht und den Mond zwischen Wolken über die Camargue wandern sehen. Und da war plötzlich jene grundlose Angst, jene Kinderangst über ihn gekommen, die manchmal seine leichtbewegte, phantastische Seele aufwühlte. Er war zu Madame Martin zurückgekehrt, um sich wieder zu beruhigen.

»Arles«, sagte er. »Kennen Sie Arles? Es ist reinste Schönheit. Ich war im Kloster Saint-Trophime und habe gesehen, wie die Tauben sich den Statuen auf die Schultern setzten; ich habe gesehen, wie die kleinen, grauen Eidechsen sich auf den Sarkophagen des Gräberfeldes von Aliscamps sonnten. Zu beiden Seiten des Weges, der auf die Kirche zuführt, liegen sie wie große Wannen; nachts dienen sie manchem Unglücklichen als Lagerstatt. Als ich dort eines Abends mit Paul Arène spazierenging, trafen wir eine alte Frau. Sie bereitete sich gerade in dem Sarkophag einer antiken Jungfrau, die am Tage ihrer Hochzeit gestorben war, ein Lager von trockenen Blättern. Wir wünschten ihr eine gute Nacht, und sie antwortete: ›Möge Gott euch erhören! Aber das Unglück hat gewollt, daß dieser Stein gerade nach der Seite, wo der Mistral herkommt, eine Spalte hat. Wenn die Spalte auf der anderen Seite wäre, würde ich hier ruhen wie die Königin Johanna.‹«

Thérèse gab keine Antwort. Sie war eingeschlafen. Und Choulette schauderte in der Kälte der Nacht; er hatte Furcht vor dem Tode.

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