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Die Rose der Sewi

Ludwig Steub: Die Rose der Sewi - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorLudwig Steub
booktitleDie schönsten Erzählungen
titleDie Rose der Sewi
publisherAlbert Langen, München
printrunErstes bis fünftes Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9ad311b1
created20070517
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Ludwig Steub

Die Rose der Sewi

(Eine ziemlich wahre Geschichte)

1879


I.

Im Unterinntal, welches ein Teil der gefürsteten Grafschaft Tirol ist, lebte vor vielen Jahren ein reicher Wirt, der eine schöne Tochter hatte. Er schrieb sich Hechenplaickner und sie hieß Rosi. Wenn die Rosi am Fronleichnamstage mit dem großen Umgang andächtig durch die Fluren wallte, den Lilienkranz auf dem Haupte und in der Hand die brennende Kerze, da konnte man noch wochenlang hören, wie sauber und fein sie wieder ausgesehen habe.

Was aber ihre gewöhnliche Erscheinung betrifft, so erzählen die Alten, welche sie noch in ihrer Jugend gekannt, ihre Haare seien blond, ihre Augen blau, ihr Gesicht sehr lieblich und die Gestalt zwar hoch, jedoch ungemein zierlich gewesen.

Der Ort aber, wo die Rosi damals aufwuchs, heißt noch heutigestages die Sewi. Derselbe dürfte nun zwar durch diese Erzählung und den poetischen Hauch, den sie über ihn verbreiten möchte, allen schönen Seelen fortan lieb und teuer werden, aber da ihn die Mappierer bisher noch nicht in ihre Landkarten aufgenommen haben, und auch nicht feststeht, wie sie es in diesem Stücke künftig halten wollen, so scheint es gleichwohl sehr ratsam, die Lage der Sewi hier etwas näher zu erörtern.

Wenn der freundliche Leser oder sonst ein Wanderer aus dem einsamen Reut im Winkel, welches hinter Markwartstein noch in den bayerischen Voralpen liegt, gegen das herrliche Inntal hinausgeht, so kommt er zunächst an die tirolische Grenze und dann über Kössen und Walchsee, die gastlichen Dörfer, in eine waldige Schlucht, welche der forellenreiche Jenbach durchströmt und das hohe Kaisergebirge überragt. Am Ausgang dieser Enge liegt eine schmale, aber anmutige Landschaft, welche die Sewi heißt, und hat dieselbe ihren Namen von einem kleinen See erhalten, der hier in der Vorzeit flutete, aber jetzt längst abgelaufen ist. Einige Forscher behaupten zwar, er sei nicht abgelaufen, sondern der Schotter, den der Bach herbeigeführt, habe ihn allmählich aufgefüllt und sei dazu auch das üppige Wachstum der Wasserpflanzen behilflich gewesen; indessen ist hier nicht der Ort, diese Frage, welche für unsere Geschichte ganz gleichgültig, näher und gründlicher zu untersuchen.

Die Bewohner der hiesigen Gegend bis hinüber in die Tiersee erfreuen sich übrigens des uralten grammatischen Herkommens, der angestammten sprachlichen Freiheit, den See nicht, wie wir andern, als männlich, sondern als weiblich behandeln zu dürfen, und sie sagen also von unvordenklichen Zeiten her: in der Sewi, oder in die Sewi, und zwar weil der mittelhochdeutsche Dativ und Akkusativ Sewe lautete.

Indem wir für dieses Scholion um Entschuldigung bitten, gehen wir in unserer Schilderung weiter und beeilen uns zu berichten, daß in der Sewi ein altehrwürdiges, sieben Fenster breites, hochgiebeliges Wirtshaus steht, welches sich herrschend auf einer kleinen Anhöhe erhebt. Auf der einen Seite, gegen Norden, steigt gleich über dem Sträßchen eine niedere Felsenwand empor, welche teils kahl heraustritt, teils mit Nadel- und Laubholz bekleidet ist. Auf der andern dagegen, über dem rauschenden Alpenbach, stehen die waldigen Höhen der Nußhammer auf, die übereinander fortdämmern, bis sie sich an die steilen Wände des Wilden Kaisers anlegen. Auf diesen Hügeln oder Vorbergen wachsen die Fichten, die Tannen und die Lärchen in buntem Wechsel zwischen dem Ahorn und der Buche. Die stille Schönheit der Gegend wird ungemein gehoben und gleichsam geadelt durch die lange Kette des Kaisergebirges, welches zwar schroff und öde ist, aber in großartiger und doch wohlgefälliger Zeichnung viele Stunden weit dahinzieht.

Nach wenigen hundert Schritten hat sich aber der Wanderer, der dem Inntal zustrebt, aus jener schattigen Waldeinsamkeit wieder vollständig herausgeschält. Dort, wo die Wege nach Ebbs und nach Niederndorf auseinander gehen, meint der Pilger plötzlich mitten in der weiten Welt zu stehen oder wenigstens aus nächster Nähe in sie hineinzusehen. Es überrascht ihn da die Ansicht des breiten, grünen Inntals mit seinen großen, weiß schimmernden Dörfern, aus denen sich mächtige Dorfkirchen und schlanke Kirchtürme erheben. Dort stehen auch die reinlichen, schönen Häuser, wo die Rosen und die Veigelein zu allen, die wohlgestalteten Mädchen aber wenigstens zu einigen Fenstern herausschauen. Als hohe Wächter ziehen links und rechts die vielfach eingeschnittenen Bergreihen auf und ab, aus denen der Pendling und der Brünstein hervorragen wie zwei ehrwürdige Großväter unter zahllosen, aber achtbaren Söhnen und Enkeln. Wer die rechte Richtung weiß, der kann von jener Stelle auch leicht hineinsehen in die stillen Gründe des feurigen Tatzelwurms, jenes berühmten, aber kleinen Alpenhotels, das unser seliger Freund, der vielgehetzte Simon Schweinsteiger, vor fünfzehn Jahren eröffnet hat und jetzt seine Tochter Anna löblich fortführt.

Übrigens gab es auch damals schon Landschafter und Genremaler, welche aus der kunstreichen Hauptstadt München im Sommer nach dem wunderbaren Land Tirol zu wandern pflegten. Sie wußten fast alle von dem schönen Mädchen in der Sewi und gingen ihm oft zuliebe. Nicht wenige schlugen dort auch für mehrere Wochen ihr Standlager auf und malten Tannenbäume, Felsenwände, Wasserstürze und die – Rosi, letztere aber erst im Lauf der Zeit. Das Wirtshaus liegt nämlich, wie wir ausführlich dargetan, sehr einsam in seinem Walde, und wer dort aufwächst, kann leicht, wenn auch innerlich heiter, doch äußerlich etwas menschenscheu werden. Es darf daher nicht auffallen, wenn man z.B. erzählen hört, die Rosi von der Sewi habe anfangs die »Herrischen« nicht ausstehen können. Deren kecke Manier, deren lustige Art war ihr wirklich in den ersten Mädchenjahren zuwider bis ins Herz hinein. Sie ließ sich daher auch selten sehen, vermied ihren Umgang, soweit es möglich war, und schenkte ihnen nur wenig gute Worte. Als sich aber herausstellte, daß diese Gattung von Gästen doch auch viele angenehme Eigenschaften mitbringe und jedenfalls nicht mehr zu vertreiben sei, so gab sie ihr widerspenstiges Wesen allmählich auf und wurde freundlicher mit den städtischen Fremden. Diese suchten sie dann auch immer mehr an sich herzuziehen und es war zuletzt nichts Ungewöhnliches mehr, das gefeierte Mädchen des Abends die Zither schlagen und dazu singen zu hören. In ihrer Stimme lag zwar keine Schule, aber ein so unwiderstehlicher Zauber, daß jedes Ohr, das ihr zum ersten Male nahe kam, ganz hingerissen wurde. Auch wenn die Gäste früh zur Ruhe gegangen, vernahm man nicht selten, wie sie sich noch einsam in ihrer Stube auf den Saiten übte. Der Wiener Flügel, auf welchem Fräulein Ludmilla Beethovens Sonaten spielt, steht jetzt am selben Fenster, aus dem damals der abendliche Wanderer Rosis Zither flüstern hörte.

Um diese Zeit fing sie auch Bücher zu lesen an, denn die Maler ließen einmal ein Bändchen auf dem Simsen liegen, woraus sie hineinguckte und mit Vergnügen fand, daß sie eigentlich leichter darin fortkomme, als sie sich zugetraut. Eines Abends gab sie sogar deutlich zu erkennen, daß sie »Das Mädchen aus der Fremde« nicht allein gelesen habe, sondern auch zu verstehen glaube, was bekanntlich seitdem nicht wieder vorgekommen ist. Von diesem Tage an zeigte sie überhaupt eine lebendige Neigung zu den deutschen Dichtern, und der König von Thule war ihr bald ebenso bekannt wie der Gang nach dem Eisenhammer. Einmal, um Johannis herum, gab ihr Herr Hans Hansen, ein berühmter Landschafter aus Holstein, auch den Ritter Ivanhoe von Walter Scott zu lesen, welchen sie nach geduldiger Überwindung der langweiligen Einleitung mit Begierde verschlang und bald für die schönste Geschichte erklärte, die man hienieden lesen könne.

In jenen Tagen begannen nun die Maler sie zu fragen, ob sie nicht auch einmal sich malen lassen wolle. »Warum nicht gar!« sagte sie dagegen, »eine gemalte Bauerndirn? das wäre ja zum Lachen für die ganze Welt.« Dabei hatte es auch trotz aller wiederkehrender, freundlicher und ehrenvoller Zumutungen sein Bewenden, bis endlich ein gar lieber Junge, ein kleiner einschmeichelnder Sachse zugezogen kam. (Man weiß nicht mehr recht, ob er aus Zittau, Zwickau oder Züllichau gewesen – wenn letzteres überhaupt in Sachsen liegt – und auch der Name ist vergessen.) Dieser benützte nun eine schwache Stunde der Maid und brachte sie mit seiner gewinnenden Mundart so weit, daß sie ihm ihren Hut und ihr Feiertagsmieder lieh. »Sitzen« jedoch wollte sie nicht, ums Leben nicht, weil es ihr nach wie vor ganz unschicklich bedünkte, weil es auch die Mutter schwerlich und weniger noch der Vater zugegeben hätte; dagegen nahm sie aber der kleine Sachse, so oft sie ihm ein Seidel Wein auftrug, bei ihrer kleinen Hand und bat sie mit dringender Herzlichkeit: »Schau mich nur ruhig an, du schöne Rosi, um Gottes willen, schau mich nur an, nur eine Minute!« Dies tat sie ihm denn auch zu Gefallen, aber länger als eine Minute hielt sie nicht aus, weil ihr immer das Lachen kam, worauf sie kichernd davonsprang. Gleichwohl brachte der Maler auf diese Weise mit Hilfe des Huts und des Mieders ein liebliches Bild der anmutigen Wirtstochter zustande, welchem selbst ihr eigener Beifall nicht entging. (Es kam zuerst nach Hamburg und soll jetzt in der Galerie des Earl von Durham hängen.) Nachdem es aber dem ersten so gut gelungen, so versuchten es auf dieselbe Manier auch andere, die ihm folgten, und so entstand in der stillen Sewi noch manches Konterfei des schönen Mädchens, und so geriet die junge Inntalerin in verschiedene weitentlegene Sammlungen, deren Eigentümer nie erfahren haben, daß es eigentlich die Rosa Hechenplaickner ist, welche sie so stolz und doch so minniglich anschaut.

Als teures Andenken an jene Tage hängt jetzt noch in der oberen Stube der Sewi ein weibliches Bildnis, welches nur weniger Verklärung bedarf, um uns die ganze Lieblichkeit der längst entschwundenen Erscheinung wieder lebhaft vor Augen treten zu lassen.

Es ist also nicht wahr, was man später manchmal hören mußte, nämlich, daß die Rosi oft und viel »gesessen« sei, um sich porträtieren zu lassen. Dies ging damals so gut gegen Herkommen und Landesbrauch, wie jetzt. Eine Wirtstochter, sagte die alte Traubenwirtin zu Kufstein, deren Urteil in Anstandsfragen sehr hoch geachtet wurde, eine Wirtstochter soll aufwarten und ihre Gläser spülen, in freier Zeit nähen und stricken, aber sich nicht stundenlang unter vier Augen zu einem jungen Menschen hinsetzen und nachher ihre gemalte Schönheit in wildfremde Länder verkaufen lassen.

Obgleich also die Rosi nie gesessen ist, so fanden sich immerhin etliche mißgünstige Mütter aus dem Bauernvolke und etliche scheelsüchtige Nähterinnen, wie sie dort »auf die Stör« gehen, welche bei ihrer Flickarbeit tagtäglich die Sitten und Sünden der Nachbarschaft besprachen und dann öfters behaupteten, der Jungfrau wahre Reinheit sei mit dem neu angeschwemmten herrischen Leben in der Sewi nicht vereinbar. Die Strenge dieser Moral schien sich mitunter auch in allerlei Gerede zu spiegeln, das vielleicht gegen die schöne Rosi einnehmen konnte, das sich aber, wenn man ihm auf den Grund ging, jeweils als eine bösliche Erfindung der ledigen Burschen erwies, denn diese waren mit dem Mädchen nie so recht zufrieden, weil es ihnen nicht so viele Aufmerksamkeit schenkte, als sie wünschenswert erachteten. Von den gesetzten und rechtschaffenen Leuten, die seit Jahren in der Sewi aus- und eingingen, hörte man dagegen nie ein Wörtlein, das die Sittsamkeit der vielbesprochenen Rosi hätte in Zweifel ziehen können.

Weil sie aber doch einmal der Liebling der Gegend war, so wußte diese außer ihrer Sittsamkeit auch manche andere Tugend, die sie hatte, zu rühmen und zu preisen. So war sie z.B., wie man sagte, der Kinderwelt sehr ergeben und konnte so fröhlich mit ihr scherzen und spielen, als ob sie selbst nur ein fröhliches Kind wäre. Wenn die Büblein und die Mägdelein aus der Nachbarschaft zu ihren jüngern Geschwistern in den Heimgarten kamen, so hatte sie immer genug Äpfel und Haselnüsse oder gar etliche Haller Törtelen bereit. Des Steffelbauern Margaret, ihrer kleinen Freundin, die mit sechs Jahren schon in die Schule nach Niederndorf mußte, ihr lieh sie im Winter immer ihren Schliefer (Muff), damit sie sich die Fingerlein nicht erfriere, und des Schusters kleinen Leonhard, den hatte sie einmal im tiefsten Winter auf dem Schulweg halb erstarrt gefunden, ganz weit nach Hause getragen und unbestritten vom Tode gerettet. Dafür mußte ihr dann der Knabe alle Weihnachten einen Birnzelten bringen, den seine Mutter eigens für sie gebacken.

Gegen Leute, die ihr nicht gefielen, gegen unmanierliche Bauernburschen oder ungezogenes Herrenvolk wußte sich die Rosi sehr stolz und fürnehm zu halten; mit bescheidenen und achtbaren Gästen in jeder Gattung war sie dagegen stets sehr artig; ja, wenn's ihr darauf angekommen, behaupten die ländlichen Verehrer, die noch vergangener Tage gedenken, da habe keine so lieb dreinschauen können, wie sie. Armen alten Leuten gab sie immer Speis und Trank umsonst, jungen Strolchen aber, die da betteln wollten, nur strenge Worte. Mit arbeitsscheuen Trunkenbolden, die auch in den Alpenländern nicht so selten, verstand sie es besonders gut; denn sie durften nie länger bleiben, als sie nüchtern waren. Das wußte man weit und breit und deswegen hatte das Haus auch in dieser Beziehung den besten Ruf. Selbst der Herr Landrichter behauptete unverhohlen, von allen Wirtshäusern seines Bezirks sei ihm die Sewi das liebste, weil es da so ordentlich zugehe, weil das Töchterlein so freundlich aufwarte und so anmutig zu plaudern wisse. Nicht minder war der Herr Pfarrer von Niederndorf der Rosi sehr gewogen; er lobte namentlich, daß sie am Sonntag immer in die Kirche komme und in seiner Predigt nie schlafe. So hatte jedes Alter und jeder Stand an dem Mädchen seine Freude.

Wir wollen übrigens von unsrer jungen Freundin jetzt nicht scheiden, ohne ihre Stellung im elterlichen Hause noch etwas mehr ins Licht gesetzt zu haben. Es sei also zuvörderst erwähnt, daß sie mit ihrem achtzehnten Lebensjahre als »Herrenkellnerin« in Amt und Pflicht getreten war. Eine Herrenkellnerin hat bekanntlich nur im Herrenstübel aufzuwarten und geht sohin nur mit gebildeten Gästen um, einmal mit den Reisenden oder Wanderern, die aus der Ferne, und dann mit allen Honoratioren, die aus der Nähe kommen, also mit den geistlichen Herren, den Beamten und anderen angesehenen Leuten. Man kann von den Herrenkellnerinnen, ja von den tirolischen Kellnerinnen überhaupt nichts Schöneres und nichts Wahreres sagen, als daß sie ganz anders sind als die Kellnerinnen der übrigen Welt, denn ihre Sittlichkeit kommt gar nie in Frage. Sie sind überdies fast alle von angenehmer Gestalt und holden, lieblichen Manieren. Früher, als zu Thurnfeld bei Hall noch nicht jene Erziehungsanstalt bestand, in welcher jetzt die Töchter der »besseren Leute« für ein feineres Leben vorgebildet werden, waren die Kellnerinnen in der Tat die ersten und einzigen Trägerinnen der eingeborenen Grazie. Die natürliche Anlage, die selten fehlte, die Gelegenheit mit Menschenkindern jeder Gattung umzugehen, die heitere, scherzende Art, die dieser Umgang mit sich brachte, die Aufgabe, mit aller Welt freundlich zu sein und sich doch nichts zu vergeben, alles dies half zusammen, um Schliff und Anmut, Witz und Schalkhaftigkeit dieser Mädchen dermaßen zu entwickeln und auszubilden, daß sie die ebenso tugendhaften, aber schwerfälligen Jungfrauen des höheren Bürger-, Beamten- und Ritterstands weit überstrahlten. Ja, manche Kellnerin im Land Tirol wußte sich so liebenswürdig und geistreich zu geben, daß gelehrte Touristen sie gerne mit jener Aspasia verglichen, welche einst ganz Hellas bezaubert hat. Derartige Vergleichungen konnten aber die aufrichtige Achtung, welche diesen seinen Blüten der Weiblichkeit ohnedem schon entgegenkam, in Stadt und Land nur noch erhöhen. Es ist daher nicht zu wundern, daß sich damals immer Freier fanden, welche aus den höheren Ständen, wie die Götter Griechenlands zu den Töchtern der Menschen, herniederstiegen, um jene Huldinnen zu sich emporzuziehen. Männer der Wissenschaft, Kriegshauptleute, Rittergutsbesitzer und andere Vertreter der Bildung und des Wohlstandes pflegten sich oft erst im Reich der Kellnerinnen umzusehen, um dann, wenn ihnen die Liebesgöttin hold gewesen, aus dem Herrenstübel irgendeine vielbewunderte Maid herauszunehmen und an den Altar zu führen.

Soviel also vorderhand von der schönen Rosi in der Sewi. Fast hätten wir zu erwähnen vergessen, daß die Maler diesem Namen bald eine kleine, feine Wendung zu geben suchten und die Tochter des Hauses oft und gern die Rose der Servi nannten – ein Tropus, der sehr nahe lag, da einerseits schon ihr Taufname zu ihm hinführte, andrerseits die Dichter von jeher blühende Mädchen nicht ungern mit blühenden Rosen verglichen haben.

II.

Im Unterinntal und zwar auf der linken Seite des Stromes, zu Langkampfen, in dem Dorf, lebte vor vielen Jahren ein reicher Wirt, welcher einen einzigen Sohn hatte. Dieser hieß Florian und schrieb sich Weitenmoser. Er war als ein unbeachteter Junge aufgewachsen und eben ins zwölfte Lebensjahr eingegangen, als ihn der Herr Kaplan von Langkampfen zum Gegenstand seiner Ratschlüsse erwählte. Wenn nämlich wohlhabenden Eltern, wie es hier der Fall, ein einziges Kind und zwar ein Sohn geworden ist, so gilt es als ein gnadenreiches Zeichen höherer Erleuchtung, wenn sie diesen dem Priesterstande zuwenden und der Kirche Gottes weihen. So nimmt allerdings das Geschlecht hienieden ein Ende, aber nur um jenseits desto herrlicher wieder aufzustehen und der irdische Mammon, der in weltlichen Händen oft nur unheiligen Zwecken dient, oft so bald verschwindet, er träufelt sanft und leise in die milden Hände der Kirche, die ihn nur zu Aufgaben verwendet, welche dem Himmel wohlgefällig sind und den Ruhm des Namens erhalten, auch wenn dessen Träger längst vergangen.

Nicht ohne Mühe führte der Herr Kaplan die gute Mutter in den Dunstkreis seiner Gedanken ein. Es wäre aber, meinte er, doch zu versuchen, ob man den wohlgeschlachten und begabten Jungen nicht dem bäuerischen Leben entziehen und einer höheren Laufbahn zuweisen könnte. Gelänge der Versuch, so würde sie den Sohn vielleicht einmal als k.k. Landrichter, vielleicht auch, je nach seiner Richtung, als Priester, Dechant, Domherrn, ja als Bischof begrüßen können. Gerade jetzt sei die Zeit, wo die obersten Kirchenlichter mit Vorliebe aus dem Stande der Landleute gezogen würden.

Solchen Vorstellungen antwortete eines Abends die Wirtin von Langkampfen, sie meine nicht, daß sie ihr Söhnlein auf den Landrichter studieren lassen solle, denn da könnte das meiste draufgehen bis es etwas würde und ferner hätten die Landrichter gewöhnlich sehr viele Kinder, aber immer sehr wenig Einnahme. – Ein geistlicher Herr dagegen würde ihr nicht mißfallen. Zwar wäre es fast schade um »das schöne Sach«, allein wenn sich wirklich, wie der Herr Kaplan zu wissen glaube, durch Aufopferung der irdischen Güter eine angenehme Stellung in der Ewigkeit bezwecken ließe, so müsse ein vernünftiger Mensch diese letztere schon wegen der längeren Dauer vorziehen. Sie werde übrigens mit dem Wirte sprechen.

Der Herr Kaplan von Langkampfen fühlte sich sehr glücklich, sein Beichtkind endlich so weit gebracht zu haben. Er wies die Wirtin, um sie in ihrer guten Meinung zu bestärken, namentlich auf den hochherrlichen Tag der ersten heiligen Messe, auf die Provinz hin, wo die geistlichen Heerscharen aus dem ganzen Inntal, vielleicht auch bis vom Bayerland hereinkommen, sie als beneidete und benedeite Mutter des Helden die Honneurs des Festes machen und die ganze Freundschaft wie die übrigen hochansehnlichen Gäste aus dem Klerus und dem Laienstande bei Forellen, Spanferkeln und Rehziemern, bei Muskat und Roussilon von ein Uhr mittags bis neun Uhr abends an der Tafel sitzen würden – – Einem solchen heiligen Tage schlägt jedes Mutterherz entgegen!

Der Wirt war aber diesen Anschauungen nicht so zugänglich. »Wer weiß,« sagte er, »wie ihm der geistliche Stand anschlüge? Wer hat denn ein schöneres Leben als ein reicher Wirt? Und kann er nicht auch in Kirchen gehen und die Religion in acht nehmen wie ein anderer? Und was geschähe denn nachher mit Haus und Hof? Sollt' es etwa gar verkauft werden – an fremde Leute? Da müßt' ich schon bitten!«

Indessen war der Wirt nun doch einmal von jenem Gedanken gestreift und konnte ihn auch nicht mehr ganz los werden. Dies zeigte sich z.B., als er in der nächsten Zeit einmal beim Ledererbräu zu Rattenberg mit einem alten Bekannten zusammentraf, den er wohl auch seinen Freund nennen durfte. Dies war der betagte Herr von Klebelsberg, ein etwas sonderbarer, aber kluger und erfahrener Mann, ehemals Landrichter in Enneberg und anderswo, der den Bauernstand fast schwärmerisch verehrte und ihn allen andern vorzog. Deswegen kam er auch in seinen hohen Jahren noch zu einem seltsamen Entschluß. Als er nämlich in den wohlverdienten Ruhestand getreten war, nahm er seinen Wohnsitz in der salzreichen Stadt Hall bei Innsbruck und sprach dort gleich in den ersten Tagen den Vorsatz aus, von nun an seine früheren Ehren und Würden sämtlich zu vergessen und seine Tage als ein Tiroler Bauer zu beschließen. Er kaufte auch sofort ein niedliches Gütlein mit einigen Feldlein, fuhr mit dem Pfluge beharrlich über diese hin, säete dann eigenhändig und erntete, wenn die Zeit gekommen war – im Schweiß des Angesichts, den er sich lächelnd abtrocknete. In diesem Sinne verwarf er auch die herrischen Kleider, mit denen er sich bis dahin bedeckt, und legte sich andre bei, wie sie in der Haller Gegend die Bauern tragen. So unterzog er sich also einer vollkommenen, übrigens schmerzlosen Häutung, an der er seine große Freude hatte. Ein fransiger Seidenhut mit breiter Krempe, ein brauner Janker mit silbernen Knöpfen, eine kurze lederne Hose, blaue Strümpfe, stark beschlagene Schuhe mit silbernen Schnallen und ein blauer baumwollener Regenschirm, den er auch beim schönsten Wetter unter dem nervigen Arme trug, verschönerten, ja vergoldeten noch den Spätherbst seines Lebens. Die nackten Knie, die zwischen der kurzen Lederhose und den blauen Strümpfen so schalkhaft hervorguckten, sie bestätigten doch auch nur den tiefen Ernst seines Strebens. Die Gesellschaft der Honoratioren vermied er zwar nicht grundsätzlich, denn er zeigte sich nicht selten bei der Frau Ulrich zum goldenen Stern, wo damals der beste Wein war, zitierte dort auch mitunter, um sein gelehrtes Wissen ahnen zu lassen, einen lateinischen Klassiker und versuchte sich sogar in Etymologien tirolischer Ortsnamen, aber er meinte denn doch, der Umgang mit den Landleuten stehe ihm jetzt ungleich besser an. In angenehmster Laune gab er sich jeweils, wenn er mit einem jener tüchtigen und wohlhabenden Wirte, die ja der Stolz des tirolischen Bauernstandes sind, zusammenkommen und mit ihm über ländliches Dichten und Trachten plaudern konnte.

Ein solcher Wirt war aber gerade der Virgil Weitenmoser von Langkampfen.

Damals also, beim Ledererbräu zu Rattenberg fing dieser selber in munterer Stimmung an, was doch die Weiber mitunter für Einfälle hätten! Die seinige wolle jetzt den Buben gar studieren lassen, damit er ein Bischof werden könnte. Sei das nicht zum Lachen? Der Landrichter von Klebelsberg aber, der den Wirt, wie schon angedeutet, von Jugend auf kannte und sein volles Vertrauen genoß, dieser zeigte sich dem Wunsche der Mutter gleichwohl nicht so abhold. »Nun,« sagte er, »lieber Freund! in dem Stück möcht' ich's fast mit deiner Wirtin halten. Für was hast du denn dein Geld, wenn du den Buben nicht etwas lernen läßt? Was schadet's ihm denn, wenn er einmal einen ordentlichen Brief schreiben kann und etwas lesen über Viehzucht und Ackerbau? Wenn du ihn jetzt schon zu Haus behaltst, so macht er dir doch nur Dummheiten und Verdruß. Zu tun hat er ja nichts; da kann er ein schöner Lümmel werden! Laß ihn also in Gottes Namen ein paar Schulen studieren – er braucht deswegen noch nicht Bischof zu werden. In ein paar Jährlein kannst dich ja wieder besinnen.«

Diese Worte schlugen ein. »Schau, schau, Euphrosyne,« sagte der Wirt, als er nach Hause kam, zu der Wirtin von Langkampfen, »jetzt geht dir der Wunsch auch wieder naus! Der Bue muß wahrhaftig auf ein paar Jährlein zur Studi. Mir ist jetzt erst eingefallen, daß er sonst ein schöner Lümmel wird, und daß es ihm gar nichts schadet, wenn er einen ordentlichen Brief schreiben kann oder etwas lesen über Viehzucht und Ackerbau. Später kann ich mich ja wieder besinnen!«

Es war Herbst und der Anfang der Schulen stand bevor. Und bald darauf ward unser Florian den ehrwürdigen Vätern des heiligen Franziskus übergeben, welche seit langer Zeit zu Hall im Inntal ein den Landesbedürfnissen entsprechendes Gymnasium unterhielten. Er kam nicht immer unter die ersten, war aber auch nie der letzte. Sein deutscher Aufsatz wurde allerdings belobt, aber im Lateinischen waren seine Fortschritte doch nur mäßig. »Was braucht ein Bauernwirt lateinisch?« fragte er mitunter seine Mitschüler, denn von dem Gedanken, daß er nichts anders werden solle als sein Vater, nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Wirt von Langkampfen, davon ließ er niemals ab. Der Wunsch der Mutter, ihn als Opfer auf dem Altar der Kirche zu schlachten, blieb ihm gnädig verhüllt, bis er nicht mehr auszuführen war.

Nebenbei zeigte sich aber eine andre Richtung. Er begann nämlich, wie es bei tirolischen Jungen so häufig vorkommt, gewisse künstlerische Triebe an den Tag zu legen, indem er Figuren zeichnete oder Bilder ausschnitt. Seine ländliche Herkunft und die Erinnerung an die Heimat ließ ihn dabei besonders das Rindvieh bevorzugen, so daß man in seinen Heften oft ganzen wandelnden Herden dieser Gattung begegnen konnte. Allerdings gab er ihnen zur Abwechslung gern etliche »Rösser« bei. Auch die Gemsen soll er nicht übel gezeichnet haben.

So war er drei lange Jahre auf den Schulbänken gesessen, als ein unangenehmer Lehrgegenstand, nämlich das Griechische, herankam und das Gleichgewicht seiner Seele störte. Er verweigerte jedes nähere Eingehen auf diese Sprache, und nachdem er sich wegen seines beharrlichen Unfleißes eine Strafe zugezogen, lief er eines Morgens gar davon und kam desselben Abends in Langkampfen an. Er war jetzt sechzehn Jahre alt, und diese angehende Reife verlieh ihm auch schon einiges Selbstgefühl.

»Lieber Vater!« sagte er nach dem ersten Gruße, den er ihm und der Mutter geboten, »lieber Vater! es geht nicht mehr bei den Franziskanern! Das Lateinische hätt' ich vielleicht noch derlernt, aber jetzt kommen sie mit einer ganz neuen Sprache daher, aus dem alten Griechenland, und das ist keine Sprache für einen Bauern. Was täten wir in Langkampfen mit dem jonischen Dialekt und der äolische ist noch weniger nutz. Mit dem Properispomenon kannst auch kein gutes Wetter machen und mit dem Spiritus asper keinen alten Geißbock füttern in der größten Hungersnot. Ja, Vater, da magst sieben Jahr' lang studieren und nachher weißt kaum, was Kyrie eleison heißt. Ich möchte lieber etwas Richtiges lernen von der Landwirtschaft; denn etwas andres als ein Bauer werd' ich nicht.«

»Schau, schau,« sagte da der Vater, »du kommst mir gar nicht ungelegen, Florian! Jetzt ist gerad' die Zeit, wo ich mich hab' wieder besinnen wollen – jetzt hast du dich besonnen und jetzt lassen wir's gut sein. Bleib nur da! Einen Brief wirst jetzt schon schreiben können, einen ordentlichen?«

»O je!« rief Florian heiter, »darfst nur sagen, was drin stehen soll; das andre macht sich von selber!«

So blieb der Sohn wieder im Hause seines Vaters. Nach den Wünschen der Mutter wurde allerdings nicht gefragt, aber es ist kaum anzunehmen, daß sie entgegengestanden wären. Der Herr Kaplan war schon im vorigen Herbst versetzt worden und damit ihr häuslicher Polarstern untergegangen. Die gute Frau gestand sich jetzt wohl selbst ein, daß ihr lieber Florian am Ende doch besser zu einem Bauernwirt tauge, als zu einem Bischof.

Und doch war es ihm damals nicht recht behaglich in seines Vaters Haus. Er war schon angekränkelt von der Sucht, sich zu bilden und dem Trieb nach Wissen. Der Winter kam und fand ihn sehr unbefriedigt. In den Heimgarten zu gehen und beim Spanlicht mit den Spinnerinnen zu plaudern, das füllte seinen Geist nicht aus. Er glaubte sich nach der Feldarbeit zu sehnen, aber die Flur lag unter tiefem Schnee. Er hätte gerne landwirtschaftliche Schriften gelesen, aber für solche hatte Vater Weitenmoser sein gutes Geld nie ausgegeben. Hin und wieder besuchte er den Herrn Pfarrer, um sich etliche Bücher zu entlehnen, aber dieser besaß nur wenige, die ihm belehrend schienen. Auch seine künstlerischen Anlagen rief er zur Hilfe, um den kurzen Tag und die langen Abende auszufüllen – er zeichnete oft und gerne, nicht nur Rinder, Rosse und Gemsen, sondern jetzt auch manche menschliche Gestalten, so z. B. den Oberknecht und die Kellnerin, letztere wie sie eben ein Seidel Wein in die Gaststube trug. Erstere lehrte ihn dagegen das Zitherspiel, welches er bald zu einiger Meisterschaft brachte. Dazu hörte man ihn auch singen und jodeln, was gar nicht übel klang, da ihm eine angenehme Stimme verliehen war. Aber wenn er auch manchen Tag mit Ländlern und Almenliedern heiter beschlossen hatte, so gestand er sich doch des andern Morgens, daß die Langeweile, die ihn umgebe, unerträglich sei.

So lebte er geraume Zeit ohne Erleuchtung dahin, aber endlich kam auch diese. Es war um Lichtmeß, als er wieder einmal nach der Stadt Kufstein fuhr, welche bekanntlich nicht sehr groß, aber sehr gut gebaut, freundlich und wohlhabend ist. Sie liegt zu Füßen eines mächtigen freistehenden Felsen, auf welchem eine alte Feste ruht, die in früheren Kriegszeiten gar oft berannt und beschossen worden ist. Diese Festung hat hier auch die Landesgrenze der gefürsteten Grafschaft Tirol zu bewachen, denn jenseits des Innstroms beginnt schon nach einer halben Stunde das liebwerte und glorreiche Bayerland, dessen Geschichte jetzt unser Sigmund Riezler (in Donaueschingen) preiswürdig beschreibt. Die Gegend selbst ist wegen ihrer großartigen Schönheit berühmt und ein herrlicher Vorhof der Alpenwelt. Es ließe sich in der Tat sehr viel darüber sagen, wenn wir nicht für nötiger hielten, unsre Geschichte weiterzuführen. Von Langkampfen sind übrigens nach der Stadt Kufstein anderthalb Stunden abwärts zu gehen, und die Langkampfener standen von jeher unter ihrem Gericht, wie nebenbei gesagt, auch die Bewohner der Sewi. Diese haben aber dorthin zwei kleine Stunden aufwärts zu wandern, wie denn die besagte Stadt Kufstein zwischen beiden Orten fast in der Mitte liegt.

Als der Florian damals in die Stadt gefahren und zuerst bei einigen Handwerkern herumgegangen war, um die Aufträge seines Vaters zu bestellen, kehrte er zuletzt bei den drei Königen, oder, kürzer gesagt, beim Dreikönig ein und setzte sich in die warme Stube, um sich durch ein Seidel jenes kräftigen Weines, durch ein Paar jener saftigen Würstchen, wie sie der Dreikönig von alters her zu spenden pflegt, für den kalten Heimweg vorzubereiten. Dort fand er auch schon eine kleine aber angenehme Gesellschaft. Es war nämlich die Zeit der ersten Dämmerung, und um diese Zeit gingen damals die reputierlichen Bürger zum ersten Trunk, um abzuwarten, bis zu Hause die Lichter angezündet worden, so daß auch diese kurze Weile nicht ungenützt verstrich. Der Florian kannte damals die Herren noch nicht so genau, aber wahrscheinlich war der Herr Bürgermeister, der Herr Seifensieder, der Herr Bürstenbinder, vielleicht auch der Herr Nagelschmied unter ihnen, da diese den Dreikönig ebenso hoch zu schätzen wußten als dieser sie. Jedenfalls scheint damals viel Vernünftiges gesprochen worden zu sein, denn der Florian hatte, als er heimfuhr, von Kufstein bis Langkampfen darüber nachzudenken, wie er denn auch seinen Vater, der ihn unter der Haustüre in Empfang nahm, sogleich mit folgenden Worten ansprach:

»Vater, jetzt gibt's was Neues! Jetzt hab' ich mich wieder besonnen und bin der Meinung, daß ich noch weiter studieren muß, aber nicht bei den Franziskanern, sondern – Ja, du hättest heut nur beim Dreikönig sein sollen, bei den Kufsteiner Bürgern, wie die gesprochen haben, von einer landwirtschaftlichen Lehranstalt da draußen in Bayern, drei Stunden unterhalb München, Schleisheim heißt sie, was man da alles lernen kann, alles, was der Landwirt braucht und vielleicht noch mehr. Da laß mich hingehen, Vater! Da wirst schauen, was aus mir wird!«

Florian setzte dann seinem Vater und der Mutter, die auch herbeigekommen, sehr verständlich auseinander, warum ihm das Leben am heimischen Herde noch nicht so recht behage. Er versicherte, daß nach der Meinung der Kufsteiner Herren jetzt auch der Bauer mehr lernen müsse, als vorher, denn es kämen andre Zeiten, sage der Bürstenbinder, die von der Menschheit mehr verlangen, und es sei gut, wenn man sich darauf gefaßt mache.

Hatten Vater und Mutter ganz vernünftig gefunden, daß ihr Florian seine Studien abbreche, so fanden sie es nunmehr ebenso vernünftig, daß er dieselben wieder aufnehmen wolle. Daß er deshalb so weit in die Fremde gehen müsse, stimmte sie freilich mitunter etwas trübe, allein da das Land Tirol damals noch keine landwirtschaftliche Schule besaß, so mußte wohl die höhere Weisheit der bayerischen Nachbarn zu Hilfe genommen werden.

Am andern Tage ging aber schon ein »ordentlicher« Brief an den Herrn Vorstand der Schleisheimer Schule ab, und fragte der Florian darin sehr artig, ob und wann er etwa eintreten könne, auch ob und wie er sich bis zum Eintritt noch etwa vorbereiten solle, worauf ihm der Herr Vorstand unverzüglich ein halb' Dutzend seiner eigenen trefflichen Schriften schickte, ihm einige Anweisungen über deren Studium gab und zugleich eröffnete, daß er nächste Ostern, wenn er eintreten wolle, ganz freundliche Aufnahme finden werde.

Florian nahm aber auch die übersandten Bücher ganz freundlich auf und versenkte sich bald dermaßen in dieselben, daß er im Dorfe fast gar nicht mehr gesehen, auch zu Hause immer einsilbiger wurde und nur noch mit dem Schulmeister, wenn dieser zum Abendtrunk kam, über Fruchtwechsel, Rassenverbesserung und Agrikulturchemie ebenso lange als tiefe Gespräche führte, denen der Vater gerne zuhörte, obwohl er wenig davon verstand.

Und nachdem das langersehnte Osterfest noch zu Hause gefeiert worden war, setzte sich der Vater in seinen Einspänner, ließ auch den Sohn einsteigen und führte ihn drei Stunden unterhalb München hinunter nach Schleisheim, wo dieser drei Jahre blieb.

III.

Als aber die drei Jahre um waren, kam der Florian wieder nach Langkampfen in das Dorf, und dann auch öfter nach Kufstein, in die Stadt. Die Augen seiner dortigen Zeitgenossen, sowohl der männlichen als der weiblichen, sowohl der herrischen als der bäuerischen, waren damals scharf auf ihn gerichtet, denn jedermann wußte, daß er viel Geld gekostet, und jedermann wollte die Rechnung machen, wieviel dabei herausgekommen. Der erste Eindruck war übrigens allenthalben sehr günstig. Die Luftveränderung schien ganz vorteilhaft gewirkt zu haben. Von seinem Leben an der Schule hörte man zwar nur wenig, aber dies wenige klang sehr gut. Der Direktor sollte ihn besonders lieb gehabt und öfter ehrenvoll ausgezeichnet haben, wie er denn auch am Schluß des letzten Jahres einen feierlichen »Spruch« halten durfte, die Abschiedsrede nämlich, welche der Zerstreuung der Jünger voranzugehen pflegt. Dieser und ähnlichen Aufgaben solcher Art, behaupteten die Langkampfener, sei es zuzuschreiben, daß er, wenn er wolle, »ganz tief nach der Schrift«, oder, nach einer anderen Meinung, »wie von der Kanzel runter« reden könne. Indessen kam man über diese Frage sieben Jahr lang nicht ins reine, da Florian mit den Langkampfenern immer nur in ihrer Mundart und mit den Kufsteiner Herren gerade so sprach wie sie.

Auch nach der berühmten Hauptstadt München schien der strebsame Jüngling öfter hinaufgekommen und dort nicht selten in den öffentlichen Sammlungen gewesen zu sein. So erzählte man, er sei eines Abends in dem damals schon sehr angesehenen Gasthof »Zum Auracherbräu«, der jetzt noch eine höchst lobenswerte Wirksamkeit entfaltet, mit den Herren zusammengetroffen und habe, da man die Kirche in der Schwoich eben mit einem neuen Altarbild ausschmücken wollte, über alte wie neue Malerei und insonderheit über etliche berühmte Maler aus früheren Zeiten nicht anders gesprochen, als wenn er bei ihnen gelernt hätte und ihr Schüler gewesen wäre, so daß der Herr Dechant, die Herren vom Landgericht und der Bürgermeister in ungewöhnliches Erstaunen verfallen seien. Dabei habe der Florian zugleich die Aufgaben und die Zukunft der tirolischen Malerei besprochen und geäußert, es wäre endlich Zeit, daß sie auch noch etwas anderes male als krebsrote arme Seelen, glutäugige Teufel und höchst alltägliche Heilige; warum sie denn nicht aus der vaterländischen Geschichte schöpfe – nicht z. B. darstelle, wie des Speckbachers Bue bei St. Johann zu seinem Vater komme, oder wie die Zillertaler auswandern? – Gerade aus diesen Fragen geht hervor, wie richtig der Florian in die Zukunft gesehen, denn die beiden Aufgaben, die er damals stellte, sind ja nunmehr nebst vielen andern durch Franz Defregger und Mathias Schmid ganz meisterhaft gelöst worden.

Überdies schien der Florian in Schleisheim zu dem Zeichnen auch das Malen, wenigstens in Wasserfarben, gelernt zu haben, denn er hatte von dorther auch ein zierliches Kästchen mitgebracht, welches allerlei Farben und verschiedene Pinsel enthielt. Da aber der Vater gegen diese künstlerische Richtung, sobald er sie zuerst gewittert, einige Abneigung verspüren ließ, so mischte der gute Sohn seine Farben nur, wenn jener über Land gegangen war, aber dann immer zur Freude der lieben Mutter, welche gerne zusah, wie er seine Bilder entstehen ließ. Doch konnte er jetzt schon weiter gehen, als einst in den Kinderjahren, denn er vermochte z. B. die Langkampfener Burschen auf der Kegelbahn oder einen kleinen sich in mäßigen Grenzen bewegenden Faustkampf auf der Kirchweih und derlei ländliche Vorkommnisse ganz artig darzustellen.

Einen sehr herzlichen Empfang gewährte dagegen der alte Weitenmoser den schöngebundenen Büchern, die der junge mit aus der Fremde gebracht. Wie blendend strahlten da auf drei neuen Rahmen die goldverbrämten Rückendeckel dem guten Vater entgegen, der noch nie so viele Bücher beisammen gesehen, auch nie geahnt hatte, daß die Wissenschaft einer Bauernstube solchen Glanz verleihen könne! Er schlug verwundert die Hände zusammen.

Aber auch einen blau und weiß getünchten Pflug und eine ebenso blasonierte Egge – beide von der neuesten Erfindung – brachte der Florian damals nach Hause und mit dem Schulmeister sprach er wieder über Fruchtwechsel, Rassenverbesserung und Agrikulturchemie, aber noch viel tiefer und eingehender als dazumal.

Nicht minder wurde auch der väterliche Einspänner, der damals bis nach Schleisheim vorgedrungen war, einer eingehenden Umarbeitung unterzogen, ja fast neu hergestellt, in gefälligen Farben bemalt und mit einer neuerfundenen Bremse versehen, welche allgemeine Aufmerksamkeit erregte.

Wenn der Florian auf diesem eleganten Wägelein über die lange Brücke in Kufstein einfuhr, so schauten ihm alle, die desselben Weges waren, eindringlich nach, und die Herren, die Frauen und die Fräulein des Städtchens musterten ihn nach allen Richtungen. Die Führung seines Gespanns war keck, aber sicher. Die graue Joppe mit den grünen Schnüren, die er von München mitgebracht, verriet die Hand eines überlegenen, jetzt leider schon vergessenen Schneiders, und zeigte allen, daß der junge Wirtssohn auch gebührend auf sein Äußeres achte; das spitze Hütchen mit der Spielhahnfeder und dem Gemsbart sollte dagegen auf verwegenen Sinn und jugendliche Kampflust deuten – ( proelia destinat, wie Horatius singt). Viele schöne Augen, die seine Physiognomie mit kritischen Blicken betrachtet, sollen sie ganz regelrecht und mustergültig gefunden haben. Ja, die Frau Landrichterin, welche eine geborne Boznerin, zwar ziemlich geistreich, aber sehr boshaft war und einen alten Verdruß auf die Bayern nie mehr loswerden konnte, sie äußerte, als sie ihn einst auf der Brücke gesehen und einige Worte mit ihm gewechselt hatte, gegen ihre Vertraute, die Frau Adjunktin, sie finde es unerklärlich, wie man da draußen so interessant werden könne.

Aber wenige Wochen danach, als der Florian zu seinen Eltern heimgekehrt war, begab es sich, daß der Vater, der biedre Virgil Weitenmoser, von einem Schlage getroffen und am Morgen leblos im Bette gefunden wurde. Er hatte an seinem Sohne viele Freude erlebt, diesem nie ein böses Wort gegeben und blieb daher in bestem Angedenken.

Aber wie der Mensch ein unberechenbares Wesen ist, so standen jetzt auch in unserem Florian ganz neue und unerwartete Gedanken auf. So sehr er mit der Aufnahme und der Behandlung, die er von den Kufsteiner Herren erfahren hatte und erfuhr, zufrieden war, so wenig genügte ihm die Stellung, die er im heimatlichen Dorfe einnahm. Daß die Langkampfener und zumal jene, die mit ihm in die Schule gegangen, über seinen blauweißen Pflug und die gleichfarbige Egge, seinen Farbenkasten und seine Bücher sich lustig machen würden, das hatte er wohl erwartet und nahm es daher auch nicht so übel; aber daß die ledigen Burschen ihm bei jeder Gelegenheit »die Schneid« absprachen und ihn nicht als einen der ihrigen gelten lassen wollten, das stimmte ihn ärgerlich. Er fühlte, daß ihm der Nimbus jugendlicher Kraft und Verwegenheit fehle und daß er, wie die homerischen Helden, eine Aristeia durchleben müsse, um jenen gleich zu werden. Es schien ihm eine moralische Notwendigkeit, dies nunmehr nachzuholen und sich »auszutoben«.

Vorerst war nun zu bemerken, daß er die Malerei fast gänzlich und das Zitherspiel mehr oder weniger zurückstellte und dafür mit großer Gewissenhaftigkeit den Schuhplatteltanz erlernte, der zwar an und für sich nicht lebensgefährlich ist, aber doch sehr oft zu lebensgefährlichen Händeln führt. Nunmehro erschien er auch alle Sonntage auf der Kegelbahn und wurde bald einer der berühmtesten Kegler zwischen Brixlegg und Kiefersfelden. Nicht minder besuchte er die Scheibenschießen im Inntal auf und ab, wobei er sich ebenso bald zum trefflichen Schützen ausbildete. Nachdem er hier die ersten Preise verdient, streifte er auch öfter »ins Bayern«, d. h. ins bayerische Gebirge hinüber, um da heimlichen Weidmannsfreuden nachzugehen und sich als Wildschützen zu vervollkommnen. Ferner zeigte er sich auf allen benachbarten Kirchweihen und mischte sich kämpfend unter die Kämpfenden, an denen es damals selten fehlte. Einmal trat er auch in Bayerisch Zell auf, dem idyllischen Dörflein am Fuß des Wendelsteins, welches in jener Zeit noch einen großen Namen hatte. Damals wurden nämlich dort, wie zu Olympia, welches jetzt ausgegraben wird, noch jene schwer verschmerzten, internationalen Kampfspiele abgehalten, in denen die bayerischen und die tirolischen Jünglinge jeden Sommersonntag gegeneinander standen, um zu erproben, auf welcher Seite der Mut und die Kraft und mit ihnen der Sieg und der Ruhm. Da wurde unser Florian am Feste der Apostelfürsten Peter und Paul (29. Juni) des Abends blutend und halbtot aus dem Wirtshause getragen und lag mehrere Tage in Lebensgefahr beim Landarzt, ein Abenteuer, das den urteilsfähigen Langkampfenern um so rühmlicher schien, als er vorher einen der bayerischen Epheben mit dem steinernen Maßkrug derart auf den Kopf gehauen, daß dieser ebenfalls bewußtlos zum Landarzt gebracht werden mußte. Der Florian ließ zwar damals den Schullehrer des Ortes gleich nach Hause schreiben und diktierte ihm, daß er nur unfreiwillig ins Gefecht verwickelt worden und nicht ganz gut weggekommen sei, jedoch in wenigen Tagen wieder seine Genesung feiern und die Gelegenheit benützen werde, um eine Erholungsreise nach München zu unternehmen, nach deren glücklicher Vollendung er wieder ganz wohlbehalten in der Heimat einzutreffen hoffe; aber diesen Brief hatte er eigentlich nur so schreiben lassen, damit ihn die Mutter nicht selbst in Bayerisch Zell aufsuche und über seinen Zustand Angst und Kümmernis empfinde. Indessen war sie doch in der äußersten Unruhe, wartete zwar einige Tage, wollte aber dann, als sie gar nichts mehr hörte, gleichwohl sich aufmachen und nach jenem Orte begeben, als der Florian plötzlich in der Türe stand und ihr fast wie ein Geist erschien, weil er zwar seine ganzen Glieder hatte, aber totenbleich und schwach war.

»Jetzt hast so viel gelernt,« sagte da die Mutter, »und machst solche Dummheiten! Wäre mir schon lieber, wenn du wieder etliche Ochsen malen möchtest!«

»Mutter,« versetzte aber der Florian, »jetzt leg' ich mich drei Tage ins Bett und erhole mich; dann hab' ich ausgetobt. Es war eine moralische Notwendigkeit.«

Und so legte er sich denn ungesäumt zu Bette und stand nach drei Tagen hechtgesund wieder auf, nur mit einem Stich im Arm und mit einem andern im Bein, welche aber vollkommen geheilt waren und ihm keine Beschwerden mehr verursachten. Auch im Gesicht, ums Kinn herum, hatte er einen kleinen Ritz, den aber die Frau Landrichterin – doch nur im Scherz – verführerisch nannte.

Über solchem Rittertum waren drei Jahre vergangen. Bei seinen engeren oder engsten Landsleuten, bei den Jünglingen und Männern von Langkampfen, hatte ihm diese Heldenzeit wirklich erklecklichen Ruhm eingetragen und seine Stellung vollkommen umgestaltet. Früher hatten ihn seine Altersgenossen, sozusagen nur wie ein halb mißratenes Studentlein angesehen, jetzt galt er als das unumschränkte Haupt und der Führer der dortigen Burschenschaft.

In der Stadt aber, wo er sich in jenen Zeiten freilich seltener zeigte, war man fast irre geworden an ihm. Man konnte diese späten Flegeljahre nicht verstehen; man meinte, er werde ganz und gar verwildern, sein Vermögen verschwenden und um Haus und Hof kommen; als er aber so plötzlich wieder umschlug – doch diese Umwandlung ist ja noch gar nicht berührt!

Als er nämlich damals von seiner Erholung aufstand, sagte er zu der Mutter: »Jetzt ist's vorbei! jetzt häute ich mich wie eine Kupfernatter und von heute an bin ich ein anderer Mensch! Es war eine moralische Notwendigkeit!«

Alsbald ging er an den Schrank, aus welchem er seinen Malkasten herauszog, denn er fühlte, daß die alte Neigung zur Kunst wieder erwacht sei. Um ihr nachzuhängen, eilte er, seine Farben und Pinsel wieder herzurichten, begann dann zu malen und malte drei Tage lang vom Morgen bis zum Abend. Dieses Mal hatte er auf den Wunsch der Mutter einen Gegenstand aus dem Evangelium gewählt und zwar den heiligen Petrus, wie er weinet. (Matthäus 26. 75.) Gute Freunde, die ihn näher kannten, behaupteten damals allerdings, er habe sich nur ausmalen wollen, wie sich unser Goethe mitunter auszuschreiben pflegte, und der reuige Petrus deute eigentlich nur auf die Reue hin, die er selbst empfunden über so manche verlorene Zeit und so viel vergeudetes Geld. Das Bild könnte übrigens noch heutigestages zu Langkampfen in der schönen Stube hängen, wenn es nicht ein unmoralischer Tourist einmal heimlich mitgenommen hätte. Es ist überhaupt sehr traurig, daß das ehrliche deutsche Volk von der üblen Gewohnheit, fremde Bilder und Bücher einzustecken, gar nicht lassen will. Herr Hans Heiß zum Elefanten in Brixen beklagt sich bitter, daß es ihm nicht einmal mit fühlbaren Opfern möglich sei, seine kleine, aber auserwählte Bibliothek von Reisebeschreibungen und Handbüchern vollzählig zu erhalten, da alle Jahre gerade die besten Schriften in Abgang kämen. Herr Roman Steger zu Mühlbach und die Jungfer Scholastika am Achensee ergehen sich in denselben Klagen. Manche gebildete Wirte in Tirol erklären auch, sie würden nie mehr Bücher anschaffen und auflegen, weil sie doch alle den Weg des Fleisches gingen. Dies könnte allerdings nur eine gute Ausrede sein, wie denn der Mensch alles Denkbare aussinnt, um seine Nachlässigkeit in der Anschaffung neuer Bücher möglichst zu maskieren.

Wir aber hätten vielleicht den wunden Fleck nicht berühren, sondern in unserer Geschichte fortfahren sollen, zumal da diese eben erzählen wollte, daß der Florian dazumal in den Abendstunden wieder zur Zither zurückkehrte, die er, wie schon erwähnt, auch etwas hintan gesetzt hatte, und der Mutter wieder die alten lieben Weisen vorspielte, so daß sie sich oft eine Träne wegwischte.

Für seine ländliche Umgebung suchte er aus dem früheren Wesen nur soviel beizubehalten, als zur Sicherung der errungenen Lorbeern notwendig schien. Er ging selten mehr zu den Scheibenschießen, zeigte sich aber desto öfter auf der Kegelbahn. Auch die Einladungen zu den Jagden waren ihm nicht unwillkommen. Den Faustkampf hatte er gänzlich eingestellt, aber auf den Vieh- und Jahrmärkten saß er gerne ein paar Stündlein unter seinen Freunden, denen er dann bereitwillig etliche Halbe Wein zum besten gab. Zum Vorteil, vielmehr zur Erziehung seiner bäuerlichen Gesellschaft suchte er auch noch die Trümmer seines Lateins zu retten. Wenn z. B. seine Stammgäste in der Zechstube zu Langkampfen einen Streit erhoben, heftig wurden und sich gegenseitig niederzuschreien suchten, so stand er plötzlich auf und rief in den Lärm hinein ein donnerndes: de gustibus non est disputandum, was die Leute so erschreckte, daß sie sofort stille wurden und ihn erstaunt betrachteten. Wenn sie ihn dann um den Sinn dieser Zauberformel befragten, so erklärte er ihnen, was sie bedeute, und setzte lächelnd hinzu, da sie, die Bauern, doch immer nur über Geschmackssachen stritten, so sei es nicht der Mühe wert, so viel Getöse zu machen.

In ein anregendes Verhältnis trat damals der Florian von Langkampfen zu dem Valentin Hinterbichler von Walchsee. Diesen hatte er als Mitschüler bei den Franziskanern kennen gelernt und war mit ihm den langen Weg, der sie nach Hall und heimwärts führte, zu öfteren Malen auf und ab gewandert. Der Valentin war eigentlich auch zum geistlichen Stande bestimmt gewesen, wie unser Florian, war aber ebensowenig ans Ziel gekommen, wie dieser und zuletzt bei seinem Vater geblieben, um ihm bei der Haus- und Feldarbeit zu helfen. Doch zeigte sich binnen kurzer Frist, daß ihm diese Tätigkeit nur wenig mehr entspreche, denn auch sein Gemüt hatte einen poetischen Strich, und wenn er zu Hause war, sehnte er sich immer in die blaue Ferne, in Gottes weite Welt. Darum suchte er seinen Vater lange zu überreden, daß er ihm etliche hundert Gulden auf die Hand gebe, und als er dies erreicht, fing er allerlei Handelschaft mit Vieh und Holz an, wobei er nicht unglücklich war und reichlich Gelegenheit hatte, gar weit umeinander zu fahren.

Übrigens behielt auch der Valentin, wie der Florian, noch als Bauernknecht oder als Vieh- und Holzhändler, eine hohe Achtung vor einem ordentlichen Briefe bei und um in diesem Fache nicht zurückzukommen, setzten die beiden Freunde einmal auf dem Markt zu Kundl untereinander fest, sich alle sechs Wochen wenigstens einmal und zwar ausführlich zu schreiben, um sich auf diese Weise mitzuteilen, was sie wieder gelesen und gelernt, auch etwa welche Reisen sie unternommen und wie diese ausgefallen seien. Im übrigen ergab der Florian sich jetzt ganz und gar der Landwirtschaft und trachtete, alles, was er gelernt hatte, nützlich anzuwenden. Kam er in die Stadt, so suchte er zumeist die bessere Gesellschaft auf, welche bald da, bald dort zu treffen war, je nachdem der Wein bald da, bald dort für besser erachtet wurde. Da er nun so entschieden umgeschlagen hatte, so wurden auch seine Beziehungen zu den Honoratioren, welche wohl etwas erkaltet waren, leicht wieder wärmer. Man vergaß so manchen jugendlichen Streich, der ihm ausgekommen, und sah in ihm nur mehr den strebsamen und gediegenen Landwirt, den man in seinem wohleingerichteten Gasthaus zu Langkampfen wohl auch gerne besuchte. Sein Keller, den er selbst besorgte, stand in ebenso gutem Rufe wie seine Küche, über welche noch die Mutter waltete. Frau Euphrosyne Weitenmoser war namentlich für ihre Speckknödel, das Nationalgericht der Tiroler, berühmt, und auch jenen dunklen Trank, der aus Arabien stammt, dessen Namen aber idealisierende Schriftsteller so gerne umgehen, teils wegen seines unedlen Klanges, teils auch, weil sie nicht wissen, wie sie ihn schreiben sollen, auch ihn verstand sie so zu bereiten, wie ihn der geläuterte Geschmack unserer Zeit verlangt. Eines schönen Morgens hatte sie nämlich den heroischen Entschluß gefaßt, mit Zichorien und Feigen für immer zu brechen und den Cafe oder Cafee, Caffe oder Caffee, Café oder Caffe, Kafe oder Kafee usw. – jetzt müssen wir den leidigen Namen doch verwenden – nur rein und echt auf den Tisch zu bringen, ein Entschluß, der vielen andern schönen Wirtinnen von Tirol noch so ferne liegt, daß sie ihm wahrscheinlich in diesem Jahrhundert nicht mehr nahe kommen werden.

Auch den Frauen war Florian sehr sympathisch, denn er besaß die Gabe, ihnen ungemein zu gefallen. Es geschah gewiß nur ihnen zuliebe, daß er, sie mochten kommen, wann sie wollten, immer einen frischgewaschenen Hemdkragen und reinliche schmucke Kleider trug, wogegen andre Wirte im Gebirge, welche zugleich Fleischer sind, den Gast nur zu oft in blutiger Schürze empfangen. Drum führte auch die Frau Landrichterin alle ihre Sommergäste so gerne nach Langkampfen, wo sie der Florian mit seiner Aufmerksamkeit bewirtete und in jeder Weise zu ehren suchte. Dort saßen sie in der Gartenlaube an schönen Abenden oft bis der Mond aufging und ergötzten sich an heitern Reden und Gegenreden. Die jugendlichen Schönen ließ der junge Wirt nie scheiden, ohne ihnen ein Sträußchen zu überreichen, das er selbst gebunden hatte. Mitunter entfiel ihm auch ein geistreicher Aphorismus, der gerade bei den Damen Glück machte. Einmal, als er mit dem Herrn Adjunkten über den Menschen und seine Schicksale sprach, auch seine eigene Laufbahn leise berührte und der andre dann bemerkte, jetzt werde er wohl froh sein, seine Ruhe gefunden zu haben und nur der Landwirtschaft leben zu können, sagte Florian: »Und doch beruhte jenes Treiben auf einem wohlbedachten Entschlusse. Es war eine moralische Notwendigkeit. Um nicht lächerlich zu werden, mußt' ich imponieren.«

Diese Worte verfehlten ihren Eindruck nicht; sie gingen vielmehr von Mund zu Munde, und als sie, was bald geschah, auch der Frau Landrichterin zugetragen worden, sagte diese beifällig: »Sehr schön ausgedrückt! er hat fast allen Geist mit hereingenommen!«

So lebte denn unser Florian wahrhaftig in Floribus, in der Blüte seiner Jahre dahin, und das Glück schien ihm hold auf allen Seiten. Einmal nahm seine Wirtschaft in Haus und Feld einen Fortgang, wie er ihn nicht besser wünschen konnte, und dann erreichte er selbst, wenn dies auch ein Glück ist, allmählich eine Berühmtheit, welche wenigstens zwischen Rattenberg und Rosenheim ihresgleichen suchte. Seine persönlichen Beziehungen erweiterten sich mit jedem Jahre und wurden mit jedem Jahre bedeutender. Deswegen namentlich erzählten sich die Bauern ganz unerhörte Geschichten über den Wirt von Langkampfen. Alles laufe ihm zu, die vornehmsten Herren aus der Stadt, die Jungen und die Alten, die Jäger, die Maler und die Zitherspieler; mit allen wisse er umzugehen. Dann sei er auch ein Duzbruder zu vielen, ja zu den meisten dieser hochverehrten Gäste, die ihm »das vertrauliche Du« alle selber angetragen. Wenn die Fürsten und Herren im bayerischen Gebirge ihre Jagden hielten, so werde der Florian immer dazu geladen und schieße immer am besten. Einmal sei auch ein bayerischer Herzog gekommen mit sehr seinem Gefolge und mit einer Zither und da hätten sie den ganzen Abend miteinander die Zither geschlagen und am andern Tage sei große Tafel gewesen, an der auch der Florian gesessen, und abends seien des Hinterbauern Lisi und des Moosers Töchter und andere Mädeln mit ihren werten Vätern und Müttern eingeladen und dann bis halber zwölf Uhr gesungen und getanzt worden. Und der Herzog sei so ein freundlicher Herr!

Da bei unserm einfachen Landvolke die Namen wirklich nichts zur Sache tun, so konnten kritische Leute nur selten herausbringen, wer denn eigentlich gemeint, wer die interessanten Persönlichkeiten seien, die über Florians Hofleben einen so märchenhaften Glanz verbreiteten, allein bei der ländlichen Bevölkerung hatte dieser Umstand nur die Folge, daß jene Erzählungen immer sagenhafter wurden und daß sich zuletzt um den jungen Helden eine Legende wob, die ihn auf Erden schon fast zum Range eines Halbgottes emporhob.

Da wir aber dem Geburtsort der schönen Rosi einige freundliche Zeilen gewidmet, so sind wir der Heimat unseres Florians wohl die gleiche Aufmerksamkeit schuldig. Wir waren auch im Verlaufe dieses und des vorigen Hauptstücks ohne Unterlaß bedacht, eine mehr oder minder gelungene Beschreibung des Dorfes Langkampfen und seiner Lage irgendwo an passender Stelle unterzubringen, fanden aber keine Ritze, keine Spalte und keine Lücke, in welche sie sich zwanglos eingefügt hätte. Es blieb daher nichts übrig, als sie hier ans Ende zu setzen, was denn auch geschieht.

Das Dorf Langkampfen (eigentlich Unterlangkampfen) liegt auf der linken Seite des Innstroms, und, wie schon früher gesagt, etwa anderthalb Stunden oberhalb der Stadt und Festung Kufstein. Wenn die Gegend der Sewi einer melancholischen Waldromanze gleicht, welche plötzlich anhebt und bald verklingt, so erfreut sich dagegen die Landschaft von Langkampfen einer heitern epischen Breite, und es ist daher kaum ihr Verschulden, wenn sie nicht gerade so wie die Ebene von Troja der Schauplatz von vierundzwanzig Heldengesängen geworden. Es streicht da nämlich am Wasser eine stundenlange Niederung hin, welche zwar wenig bebaut ist, aber als Weidegrund einen großen Viehstand ernährt und viele schöne Eichen trägt. Links steigt der hohe Pendling empor, der unten einigermaßen, oben sehr wenig bewaldet ist und daher viel kahles Geschröfe zeigt. Zur Rechten erhebt sich jenseits des Innstroms der Wilde Kaiser, der aber hier nicht wie an der Sewi in langen, schön liniierten Wänden dahinzieht, sondern in verschiedene mißgestaltete Buckel zerfällt, aus denen nur eine herrliche riesenhafte Pyramide zweifelhaften Namens aufragt. Gegen Norden erscheint auch die Festung Kufstein auf ihrem buschigen Felsen.

Wegen dieser Lage im langen Felde hieß der Ort schon bei den Römern longus Campus und aus diesem Namen ist der jetzige entstanden.

Das Dorf Langkampfen liegt jetzt so wenig im großen Weltverkehr wie dazumal, ist vielmehr sehr still und einsam. Seine Häuser, ihrer vierzig an der Zahl, sehen sehr idyllisch aus, da ihr Oberstock meistens aus Holz besteht und noch mit langen Lauben, sowie verschiedenen Schnitzereien verziert ist. Auf den Lauben prangen des Bauernvolkes beliebte Blumen, welche die Tochter des Hauses pflegt. Aus den sanft ablaufenden Schindeldächern, die mit wuchtigen Steinen beschwert sind, erhebt sich ein schlanker Glockenstuhl, den ein feines Spitzhütlein bedeckt. Das Glöcklein, das er birgt, ruft die Dienstboten des Hofes jeweils zu gemeinschaftlicher Mahlzeit. Wohlgenährte Hühner gackern in den engen, schattigen Gassen, zuweilen läßt auch ein rüstiger Haushund, der unter den Obstbäumen ein Nachmittagsschläfchen hält, seiner Stimme tiefen Laut erschallen, nicht um zu schrecken, sondern nur um zu zeigen, daß er selbst im Schlummer der Wachsamkeit eingedenk sei.

Das Wirtshaus endlich, in welchem der Florian geboren wurde, ist ein sehr ansehnliches Gebäude, zu dem man auf einer hohen Freitreppe hinansteigt. Die Wände sind reinlich geweißt, und das Giebeldach springt weit hervor. Die Wirtschaft ist so ziemlich geblieben, wie sie Frau Euphrosyne Weitenmoser eingerichtet; sie zählt zu den besten der Gegend und wird deswegen auch, zumal an Sonn- und Feiertagen, aus der Stadt sehr gerne besucht.

IV.

Auf diese Weise war der Florian in sein siebenundzwanzigstes Lebensjahr hineingeraten.

In jenen Seiten und in jenen Tagen, ja eigentlich gerade in dem Jahre, von dem jetzt die Rede ist, wurde aber in der Kufsteiner Gegend sehr oft und sehr viel von einem angeblichen Liebespaare gesprochen und zwar von dem Florian und der Rosi. Die Rose der Sewi war jetzt einundzwanzig Jahre alt und mußte heiraten – das sahen alle ein – sie konnte aber keinen andern nehmen als den Florian – das war klar.

Als derlei Reden einmal im Umlauf waren, gewannen sie auch täglich an Bestimmtheit; die einen wollten wissen, die Hochzeit sei schon auf Jakobi angesetzt, die andern behaupteten, auf Barthelmä. Der Valentin Hinterbichler von Walchsee erregte daher zu Sommersanfang kein geringes Aufsehen, als er in der blauen Traube zu Kufstein diesen Gerüchten mit Nachdruck widersprach und am Ende, ärgerlich über das Geträtsch, das gar nicht aufhören wollte, in einen Tisch voll Bauernleuten mit der Faust hineinschlug und mit kräftigster Stimme dazu erklärte: »Ob es da einmal eine Hochzeit gibt, das weiß unser lieber Herrgott; aber daß sich die zwei auf dieser Welt noch nie gesehen haben, das weiß ich!«

Wer jedoch jenen Glaubenssatz zuerst erfunden und ausgesprochen, das war schon damals nicht mehr zu erfragen und ist jetzt um so weniger festzustellen, aber er ging so reißend schnell in die Bevölkerung über, daß ihn bald im ganzen Landgericht und in der bayerischen Nachbarschaft von der reiferen Jugend an bis zum höchsten Greisenalter jede christgläubige Seele bekannte und festhielt.

Wer diese Erscheinung mit ruhiger Überlegung betrachten will, der wird sie auch nicht auffallend finden. Die Rosi war wie der Florian in einem reichen, von alters her angesehenen Wirtshause geboren und so gehörten beide der bäuerlichen Aristokratie an, welche auf Reinheit des Blutes nicht weniger bedacht ist als die ritterliche. Er galt für den saubersten Burschen, sie für das schönste Mädchen des Gaues, und darin lag für den ländlichen Verstand wieder eine Aufforderung, sie zusammenzustellen und vereinigt zu denken. Ferner hatte die ästhetische Erziehung, die ihnen durch Lektüre, durch Pflege der Musik und Umgang mit Malern und andern gebildeten Leuten geworden, sie beide aus der Niederung des bäuerlichen Treibens zu einer geistigen Höhe emporgehoben, zu der ihre schlichte und unentwickelte Umgebung nur schwindelnd hinaufschauen konnte. Wer daher seine Augen spähend in die Runde gehen ließ, der fand für den Florian keine andere Möglichkeit, als die Rosi und für die Rosi keine andre als den Florian.

Die beiden jungen Leute hörten nun allmählich auch davon, daß die ganze Umgegend, das ganze Landgericht mitsamt dem bayerischen Grenzsaum sie miteinander verheiraten wolle und bereits zusammengesprochen habe, aber diese Kunde wirkte in Langkampfen ganz anders als in der Sewi. Der Florian nämlich ließ sich von solchen Reden gar nicht anfechten. Einmal glaubte er bei seinen Jahren den heiligen Ehestand nicht werktätig und geflissentlich heranziehen, sondern warten zu sollen, bis er sozusagen selber käme. Deswegen ließ er es auch unbefolgt, wenn ihm etwa ein guter Freund geraten hatte, doch einmal auf die Brautschau zu gehen und sich das Mädchen zu besehen. Überdies war es ihm ärgerlich, daß einerseits die Bauern und die Bäuerinnen so ungefragt über seine Hand und sein Herz verfügen wollten und daß anderseits der alte Hechenplaickner, den er auf den Märkten öfter traf, ihm gar keine Ehre erwies und ihn niemals in die Sewi einlud, denn da der Florian, wie die meisten seiner Mitmenschen, auch etwas eitel war und sich auf seine gesellschaftliche Stellung unter den Landleuten doch einiges einbildete, so meinte er, der alte Wirt dürfte einen solchen Schwiegersohn wohl einmal eine freundliche Ansprache gönnen. Dann aber, und dies gab den Ausschlag, hatte der junge Mann über die Rose der Sewi gar mancherlei gehört, was ihm nicht recht gefallen wollte. So blieb er denn ferne von ihr, obgleich seine Mutter nach einzelnen zerstreuten Äußerungen dem Mädchen gar nicht abgeneigt schien. Doch war Frau Euphrosyne weit entfernt, ein mahnendes oder gar ein drängendes Wörtlein fallen zu lassen.

In der Sewi dagegen fand jenes ländliche Gerede einen Boden, der viel empfänglicher war. Man glaubt, daß die ersten Neckereien dieser Art ungefähr damals aufgetaucht seien, als die Rosi im neunzehnten Jahre stand. Damals pflegte sie zwar über die Scherze und die Prophezeiungen ihrer Gäste noch unbefangen zu lachen, aber später, nachdem sie jenes Jahr zurückgelegt und die gleiche Weissagung so oft vernommen hatte, da fing sie doch selber an, ihr einigen Glauben zu schenken. Sie gestand sich allmählich, daß es sehr wünschenswert wäre, diesem ausbündigen Burschen zu gefallen, von ihm umworben und gefreit zu werden. Sie lauschte immer wonniglich, wenn die Bauernleute von seinem großartigen Leben erzählten und das Glück seiner künftigen Hausfrau priesen, gab sich aber freilich alle Mühe, sich nicht zu verraten. War es nun nicht eine ganze und vollständige Liebe, was sie damals erfüllte, so war es doch eine hochgespannte Sehnsucht, den sagenhaften Helden einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Als sie aber wieder um ein Jahr älter geworden, da hatten sich ihre Hoffnungen wohl doch schon in die feste Zuversicht umgesetzt, daß sie für einander geschaffen, daß ihr nur der Florian bestimmt sei. An dieser Überzeugung hielt sie umso inniger fest, als sich – kein andrer zeigte. An dem lachenden Himmel ihrer Zukunft zog nur eine anfangs leichte und lichte Wolke auf, die aber immer schwerer und schwärzer wurde, nämlich die einfache, aber täglich wiederkehrende Frage: Warum kommt er nicht?

Ebensooft und vielleicht noch öfter dachte damals an den Florian Frau Anastasia Hechenplaickner, die Mutter. Sie wußte sich auch kein höheres Glück zu denken, als wenn ihre Rosi Wirtin zu Langkampfen würde und sie meinte ebenfalls, es könne ja gar nicht anders gehen. Aber auch sie fand nur so unerquicklich, daß man in der Sewi noch immer nicht wisse, wie der Mann der gemeinschaftlichen Sehnsucht eigentlich aussehe. Wenn Herr Karg, der Photograph und jetzige Bürgermeister zu Kufstein, damals schon wie heutzutage alle Zelebritäten der Gegend abgebildet und zur Auswahl an sein Fenster gestellt hätte, so wurde Frau Anastasia, da ihr kein Nadelgeld ausgemacht war, ihr Liebstes, vielleicht ihre schönste Pelzkappe als Tauschware für den photographierten Florian geboten haben.

Es muß aber leider gesagt werden: die schöne Rosi fühlte nachgerade, daß ihre Zeit gekommen sei und daß sie eigentlich aus dem Hause sollte. Eine jüngere Schwester, welche die Maler als einen fast ebenbürtigen Ersatz begrüßten, drängte nach und wünschte je bälder je lieber an ihre gebieterische Stelle zu treten. Obgleich die ganze Familie noch in voller Eintracht zusammen lebte, so meinte die älteste Tochter doch zu ahnen, daß sie allmählich der Stein des Anstoßes werden könnte, und der Gedanke, überflüssig oder gar lästig zu sein, war ihr fürchterlich. Aber freilich schien die Zukunft nachgerade mit Brettern vernagelt und jeder hochzeitliche Auszug aus dem väterlichen Hause hermetisch verschlossen.

Nicht als ob es damals in der Sewi an Freiern gefehlt hätte – man nannte vielmehr einige sehr achtbare Namen aus dem Bauernstände, allein wenn diese Verehrer sich zum ersten Seidel niedergesetzt, so wußte sie die Rosi so kühl und vornehm zu behandeln, daß sie keine Lust mehr fühlten, auch nur ein anzügliches Wörtlein fallen zu lassen. So zogen sie freilich ab, ohne einen ausgesprochenen Korb zu erhalten, aber ihre Absichten hatten unter den Vertrauten doch für zweifellos gegolten.

Unter diesen Abgelehnten wurden damals namentlich hervorgehoben: erstens der Ahorner Peterl von Oberndorf, ein gesunder und tugendhafter Jüngling von dreißig Jahren, der für sehr annehmbar galt, da in seines Vaters Ställen fünfzig Rinder brüllten – zweitens der Dillersberger Hansel von der Sparchen, der erst vor kurzem die dortige Sägmühle übernommen hatte, und drittens der Thaddäus Wiesentaler, ein junger Witwer, der einen großen und schönen Hof am Erlerberg sein eigen nannte. Den Weitpreis hätte jedenfalls der bekannte Jenewein Mittersackschmöller erhalten müssen, eines wohlhabenden Weinbauern Sohn aus der Rungatsch bei Bozen, ein gottesfürchtiger und kräftiger Bursche, der zwar im Lesen und Schreiben etwas schwach war, aber am Fronleichnamstage schon etliche Male die große Fahne getragen hatte. Wer in seinem Herzen die bezüglichen Flammen angezündet und ihn zu der damals noch so weiten Reise über den Brenner gereizt, ist nicht mehr bekannt. Er teilte freilich das Schicksal der übrigen.

Ums Verkennen besser, sagt man, ging es damals dem Obermaier Toni, von bayerisch Audorf, demselben, der später als Johannes Duldenhofer die Geschichte mit der Trompete in Es erlebte. Dieser hatte eben die väterliche Färberei übernommen und war daher keineswegs unter die gewöhnlichen Bauern zu rechnen, auch sonst von angenehmen Manieren und gebildeter Art. Wenn der Toni, meinte man damals allgemein, nicht Färber in Audorf, so wäre er wahrscheinlich ein Eßlair oder Urban in München geworden. Er schwärmte nämlich für die deutsche Bühne und hatte das ganze damalige Bauerntheater zu Audorf seinem Geschmacke unterworfen, welcher klassisch war. Und obwohl er so eilig, mit solcher Überstürzung zu sprechen pflegte, daß ihm nur die wenigsten Hörer zu folgen vermochten, so hatte er doch schon einmal den Don Carlos und ein andermal sogar den Prinzen Hamlet von Dänemark so trefflich gespielt, daß ihm die Audorfer, die sonst schwer zu befriedigen sind, ihren Beifall nicht versagen konnten. Unsre Rosi wußte solche Verdienste ebenfalls zu würdigen und unterhielt sich ganz herablassend mit dem jungen Färbermeister, der ihr die Einrichtung seines Theaters gesprächig auseinandersetzte und ihr die schönsten Stellen aus dem Don Carlos rezitierte, aber, wenn auch die boshaften Maler den ländlichen Mimen nicht immer hinterrücks wegen seiner übersprudelnden Sprache verspottet hätten, so gefiel es dem Mädchen doch eigentlich gar nicht, da ohne besondere Not nach Audorf, »ins Bayerische« hinaus zu heiraten. Die Mutter nahm daher den wackern Toni freundlich beiseite und sagte ihm flüsternd, es sei nichts; die Tochter hänge noch zu sehr an der Heimat; er könne jedoch übers Jahr wieder nachfragen.

Aber die Maler? Diese zogen zwar mit jedem Sommer häufiger in die Sewi, aber auch die wichtigsten darunter konnten höchstens als platonische Verehrer gelten, denn sie vertrauten ja der Rosi selber nur zu oft, daß ihnen das Geld schon wieder ausgegangen sei, und manches junge Talent mußte sie gar lange in der Kreide halten. Damals hatte nämlich das deutsche Volk auch für die guten Bilder, ja für die stimmungsvollsten Landschaften noch keine Erübrigungen, und der Kunstverein zu München konnte leider auch nicht alles, was in der stillen Sewi erstanden war, in sein Schatzhaus aufnehmen. Obgleich nun die arme Rosi mit den Malern noch immer viel lieber umging, als mit den Bauern, so kam ihr denn doch zuletzt die ganze Gesellschaft etwas verdächtig vor. »Da haben sie mich jetzt,« sagte sie eines Abends zu sich selber, »mit ihren Reden und mit ihren Schmeicheleien hoffärtig gemacht und von ihnen nimmt doch keiner ein Mädel aus einem Bauernhaus. Und mit ihrem Geld – da müßte man schon vor der Hochzeit betteln gehen. Die Bauern aber kann ich nimmer leiden und wäre vielleicht mancher brave Bursche darunter. Ja, ja, wären die Maler nicht ins Haug gekommen, da wär's anders gegangen, da wär' ich längst verheiratet!«

Sie saß damals in dem Garten, wo ihre Zither auf einem Tischlein lag, spielte dem Wilden Kaiser ihre Melodien vor und weinte dazu. Da kam die Mutter, die sich eine solche weiche Stunde längst gewünscht hatte, auch des Weges, setzte sich zu der Tochter und sprach:

»Rosi, du bist jetzt einundzwanzig Jahre alt!«

Die Rosi fühlte das erdrückende Gewicht dieser Worte. Sie antwortete erschreckt und leise:

»Ja, ja, Mutter, ich weiß es, aber ich kann nichts dafür.«

»Einundzwanzig Jahre – und da solltest halt heiraten!«

»Ja, ja, Mutter, du darfst nur sagen, wen?« entgegnete die Rosi und stützte das Haupt schwermütig in die Hand. »Nur einen Bauern nehm' ich nicht!«

»Aber den Florian?«

»Den kenn' ich ja nicht!« erwiderte die Rosi herb und gereizt.

»Wenn du nur den nähmst!«

»Ja, richt's doch lieber so, daß er mich nimmt!«

»Daß er denn gar nicht kommt?«

»Ist ihm halt der Weg zu weit.«

»Mein Gott! mein Gott! liebe Rosi!« jammerte die Mutter, »was wird das noch werden?«

»Ich weiß es schon; auf Micheli muß ich halt in einen Dienst und – dann geh' ich in Gottes Namen.«

»Nein, nein, Rosi,« sprach da die Mutter schmeichelnd und legte ihr die Hand begütigend auf die Schulter – »nein, nein, so lang er lebt, sagt der Vater, muß keine aus dem Haus, wenn sie nicht selber will!«

Die Rosi nickte dankend und begann wieder die Zither zu spielen.

Die Mutter aber horchte trübsinnig zu, denn sie durfte sich immerhin gestehen, daß diese erste Beratung die Sache nicht gefördert habe.

Es ist wohl zu erwarten, daß manche empfindsame Leserin die Art und Weise, wie die Mutter an jenem Abend zur armen Rosi sprach, sehr unzart und verletzend findet, allein auf dem Lande werden solche Dinge wirklich nicht mit mehr Schonung behandelt. Die Verheiratung und Versorgung der Wirtstöchter, namentlich wenn diese hübsch und reich sind, ist eine öffentliche Angelegenheit, in welche jeder Vorübergehende hineinredet. Nicht selten hört man daher in der Bauernstube, wie irgendein Gast, der bei seinem Seidel sitzt, das Töchterlein fragend anspricht: »Ja, was ist's denn, Burgel, wenn heiratst denn? ist's nichts mit dem Franzel? Muß halt schauen, daß ich dir einen z'wegen bring!« usw. Die Mädchen sind auf solche Ansprachen schon »eingeschossen« und erteilen schalkhafte, oft ganz witzige Antworten, an welchen sich das Gespräch dann ebenso sicher fortspinnt, als an unsern mehr städtischen Bemerkungen über die Witterung und den kalten Wind.

Als wir vor vielen Jahren einmal mit dem Herrn Bergrat Sennhofer zu Zell am Ziller vor dem ersten Wirtshaus des Dorfes ausstiegen, kamen zur Begrüßung leicht sechs oder sieben Personen, nämlich die Wirtsleute und all ihr Zubehör, darunter auch das Moidele, die Tochter, heraus, welche damals hinter unserer Rosi an Alter und Anmut nicht weit zurückblieb und von dem muntern Herrn Bergrat mit den Worten begrüßt wurde: »Aber Moidele, geht denn gar nichts vorwärts? warum heiratst denn nit?« Das Mädchen war über diese Fragen ganz und gar nicht empfindlich, sondern antwortete mit hellem Lachen, in das wir alle einstimmten: »Ja, heiraten! bal' ich nicht derwisch!« (wenn ich nichts erwische!)

Seitdem ist schon viel Wasser den Zillerbach hinunter geronnen, aber oft fällt uns noch das anmutige Moidele und mit ihm die Frage ein, ob es wohl zur rechten Zeit noch etwas erwischt hat?

Aus der Unbefangenheit, mit der solche Sachen von den Unbeteiligten angefaßt werden, ist wohl zu schließen, daß man im Schoße der Familie noch weniger Zurückhaltung nötig findet. Es ist daher kaum zu bezweifeln, daß die Mütter mit solchen erwachsenen Töchtern alles Einschlägige genau und oft bereden; die Mahnungen, die rechte Zeit nicht zu versäumen und keiner unverständigen Neigung nachzuhängen, dürften wohl ebenso häufig sein, wie die Gespräche über einen möglichen Bräutigam oder über die vernünftigste Auswahl, wenn mehrere Freier vorhanden sind. Kurz jede Frage in diesem Bereich ist »diskutierbar«.

V.

In jenen Zeiten trafen der Florian und der Valentin Hinterbichler auf dem Markt zu Kufstein zusammen. Sie waren sehr froh, sich wieder einmal zu sehen, begrüßten sich freundlich und setzten sich in den Schatten des Hirschengartens, um eine Halbe Wein zu trinken. Sie waren allein an ihrem Tische, was beiden sehr angenehm schien, denn es drängte sie – den einen wie den andern – die Lage einmal offen zu besprechen.

Der Valentin begann:

»Du, Florian, jetzt reden sie ja gar nichts anderes mehr, als von dir und von der Rosi.«

»Was mir recht zuwider ist,« unterbrach der Florian.

»Hab' mir's selber denkt, und letztenmal in der blauen Traube haben sie mich so falsch gemacht, daß ich in den Tisch hineingeschlagen Hab'. Der Florian, hab' ich gesagt, hat die Rosi noch gar nie gesehn und sie nicht ihn.«

»Hast recht gehabt, Valentin!« schaltete der Florian mit beifälligem Nicken ein; »ich hätt' auch nichts anders sagen können.«

»Aber anschauen sollst sie doch einmal.«

»Zieht mich nicht recht hinüber in die Sewi –«

»Nu, sauber ist sie schon!«

»Das sind andre auch.«

»Und reich –«

»Ah reich? 's sind sieben Kinder; was wird sie kriegen? Vielleicht so sechs-, vielleicht siebentausend Gulden. Ich bin nicht in der Not.«

»Und sonst wär' sie auch ganz recht für dich, weil sie gerad so einen – Streich hat.«

»Nu,« sagte der Florian lachend, »ich hab' an dem meinigen schon genug.«

»Ein' andre wird dir doch nicht taugen –«

»Ich hätt' eigentlich nichts gegen das Mädel, aber es gefällt mir halt nicht recht, wie's da drüben zugeht, in der Sewi. Die Maler –«

»Ja, ja, da geht viel Gerede von den Malern. Wird auch so bös nicht sein.«

»Da laßt sie sich zum Beispiel alle Jahre drei-, viermal malen! Da muß sie ja ganz hoffärtig werden und ganz verruckt. Und was hilft's mir nachher, wenn sie bei dem englischen Grafen in der Galerie hängt? Weiß mir leicht ein schöneres Vergnügen!«

»Das ist alles noch nichts Unrechtes!« »Und nachher, daß sie sie so hernehmen, wie eine Komödiantin – daß sie gar noch die Germania spielen muß, »den Lorbeerkranz auf dem Scheitel mit aufgelösten Haaren und wallendem Busen«, wie neulich so ein norddeutscher Maler erzählt hat in der Klausen, ein guter Freund vom Pauli. Und nachher deklamiert sie die Verslein, die ihr die Maler anlernen, und tritt auf wie im Theater! Ein Bauernmädel, das deklamiert – 's ist ja zum Lachen!«

»Das gehört halt auch zum G'spiel.«

»Und wer legt ihr denn nachher das Gewand an, bei solchen Gelegenheiten? »Die faltige Tunika und den seidenen Festrock« hat der gesagt. Werden ihr wohl die Maler die Strumpf anziehen?«

»Aber, Florian! heut bist nicht gut aufgelegt!«

»Nu, man weiß ja, wie solche junge Herren solche Mädeln zurichten. Was kann da alles geschehen sein! Ich bedank' mich.«

»Wenn's dich nur nicht reut« – »Nein! Von mir aus kannst überall auf den Tisch neinschlagen und öffentlich behaupten: es wird nichts daraus. Da kann ein anderer hingehen, der's leichter nimmt. – Jetzt reden wir aber etwas anderes.«

Dies geschah auch und zwar in der Weise, daß sie zunächst die Briefe besprachen, welche sie nach dem Vertrag von Kundl einander zuletzt geschrieben hatten. Sie sagten sich dabei gegenseitig viele freundliche Worte und hoben namentlich den guten Stil und den reichen Inhalt hervor, über den der eine wie der andre in seinen schriftlichen Arbeiten gebiete.

Als das Zwiegespräch zu Ende, ging der Florian seinen Geschäften nach, während der Valentin allein beim Glase blieb. Dieser verfiel aber bald in folgenden beachtenswerten Monolog:

»Der nimmt sie einmal nicht! und wenn sie ihn auch noch so gern hat, so hilft's ihr nichts! So ist's g'scheiter, man treibt die zwei gleich recht weit auseinander, damit das Schmachten in der Sewi ein Ende hat. Die Rosi bleibt deswegen doch nicht über!«

Dieses Selbstgespräch ist zwar schon ohne Erläuterung nicht sehr dunkel, zu seiner völligen Aufhellung mag aber doch dienen, daß der Valentin, der ja so oft an der Sewi vorüberging und dort immer einkehrte, die Rosi schon seit jungen Jahren kannte und daß sie ihm ebensogut gefiel, wie der sämtlichen Jugend des starken Geschlechts. War er bisher nicht hervorgetreten, so hatten ihn wohl die trüben Erfahrungen der andern abgehalten, und in letzter Zeit, da man die Rosi nie ohne den Florian nannte, dachte er in der Tat nicht daran, sich als Nebenbuhler seines Freundes aufzuspielen. Jetzt dagegen, da dieser unverleitet und unverhetzt das liebliche Mädchen aufgegeben, schien ihm das Feld ganz frei und ein glücklicher Erfolg nicht unwahrscheinlich; zumal da in jenen Tagen allgemein die Rede ging, die Rosi, die bekanntlich einundzwanzig Jahre alt, sehne sich nunmehr aus dem Hause, und wenn's mit dem Florian nichts werde, so nehme sie wohl auch einen einfachen Bauernsohn, denn ihr Stolz und ihre Hoffart werde dann bald verfallen. Die Malerfrage, die den Florian so stark beschäftigte, die nahm der Valentin gar nicht in seine Erwägungen auf.

Sonst war dieser ein ganz gut gelittener und gut beleumundeter Bursche. Die paar Jahre, die er bei den Franziskanern in Hall verlebt, hatten auch ihm einen feineren Schnitt verliehen und diesen wußte er, wenn er wollte, ganz vorteilhaft herauszukehren. In seiner Gestalt lag nicht der ritterliche Schwung, der den jungen Wirt von Langkampfen auszeichnete, aber der Valentin war immerhin ein wohlgeschlachter, angenehmer »Bue«. Darum hätte ihm auch jedes Mädchen seines Standes wohl gerne die Hand gegeben, allein er konnte leider nicht jede Hand brauchen, denn unter etlichen tausend Gulden ging es nicht, da der väterliche Hof seinem älteren Bruder bestimmt war und er einen eigenen Herd begründen wollte. In so ferne wäre ihm die Rosi allerdings immer obenan gestanden, nur daß die Blume der Sewi, wie wir wissen, an etwas anderes dachte. Nun aber setzte er sich von Stund' an gerade diese vor und begann auch schon mit seiner Zukunft ernsthaft zu rechnen.

Fünftausend Gulden hatte ihm sein Vater versprochen, siebentausend brachte vielleicht die Rosi ein, und mit solchen Mitteln konnte er leicht einen hübschen Hof, der eben feil stand, in dem anmutigen Niederndorf erwerben und dort mit der lieben jungen Frau die schönsten Tage verleben.

In diesen Gedanken beschloß er mit seiner neuen, vielmehr alten Liebe unverzüglich Fühlung zu suchen und da er, wie schon erwähnt, auch sonst nie an der Sewi vorübergegangen, so kehrte er dieses Mal auf dem Heimweg um so lieber ein, und setzte sich in den Garten. Die Rosi brachte ihm den Wein, ließ sich neben ihm nieder und sagte als artige Schenkin:

»Grüß dich Gott, Valentin! Kommst aus der Stadt?«

»Ja, vom Viehmarkt.«

»Hat's viel Leut' gegeben heut?«

»Ja, viel Leut'; sind viel Oberländer dagewesen und viel bayerische Händler; der Florian hat sich auch sehen lassen, haben eine Halbe Terlaner getrunken im Hirschengarten.«

»Der Florian! Hör' nicht ungern von ihm reden; soll so ein feiner Bursch sein. Wenn er nur einmal rüber käme. Möcht' ihn so gern sehen!«

»Glaub dir's schon. Heut hat er ein paar Rösseln gekauft; die will er einspannen.«

»Hat gewiß wieder einen guten Handel gemacht? Er versteht ja alles!«

»Ja, ja, und von dir haben wir auch geredet, Rosi!«

»So, von mir?« sagte ste munter; »was habt ihr denn diskuriert miteinander?«

»O, ich hab' nicht viel gesagt; hat schon er das mehrere gewußt.«

Gewußt, gewußt – dies Wörtlein fiel plötzlich wie ein schwerer Stein auf des Mädchens armes Herz. Seitdem vom Florian die Rede, war ihre Stimmung zusehends heitrer geworden; aber jetzo schlug sie jählings um.

»Gewußt, gewußt?« wiederholte sie ängstlich. »Das mehrere hat er gewußt! Ja, was weiß man dann von mir? Wenn man viel von einem Mädel weiß – ist viel besser, wenn man nichts weiß.« »Nu, wie's da zugeht in der Sewi, das kann man ja leicht erfahren.«

»Und müßt' ich mich denn fürchten, wenn's der Florian erführe?«

»Nu, weißt, Rosi! Das Leben in der Sewi kann man nehmen wie man will. Dem einen gefällt's, dem andern nicht.«

»Und dem Florian?«

»Gefällt's nicht.«

»Ja, was wär' denn das?« rief die Rosi in sichtbarer Bestürzung und erhob sich. »Was hat er denn auszusetzen?«

»Nu, die Maler, glaub' ich, gefallen ihm halt nicht recht.«

»Die Maler? Die sind halt auch so gekommen wie andre Gäst'. Ich habe sie nicht verschrieben; haben sich aber immer ordentlich ausgeführt. Und jetzt soll man ihnen das Haus verbieten?«

»Und daß du dich alle Jahre drei- viermal malen läßt.«

»Das ist schon hart,« sagte die Rosi traurig, »wenn man einen solchen Vorwurf hören muß, und vom Florian, der doch kein Bauer ist. Ich lasse mich ja nicht malen, aber das Anschauen kann ich doch nicht wehren!«

»Und daß du dich so hernehmen laßt wie eine Komödiantin, und daß du die Germania spielst und deklamierst!«

»O mein Gott!« seufzte die Rosi tiefgekränkt, »muß man sich da auch noch verteidigen! Da haben sie voriges Jahr so einen Festtag gehabt, den achtzehnten Oktober, wegen der Leipziger Schlacht, wo die Deutschen den Franzosen Herr worden sind, und da bin ich die Germania gewesen und hab' etliche Verslein sagen müssen, von dem deutschen Vaterland. Die Maler sprechen ja allweil' so, als wenn wir Tiroler Mädeln auch ins deutsche Vaterland gehörten, und so hab' ich's zuletzt selber geglaubt und hab' gemeint, ich darf auch mitfeiern. Und haben alle gesagt, daß mir das Gewand so gut steht, und ich hab' den ganzen Abend an den Florian denkt, wenn er jetzt nur um Gottes willen einmal käme, daß ich ihm als Germania die erste Hand geben könnte! Und der!« – Hier stockte aber ihre Stimme, und sie verhielt mit Mühe ihre Tränen.

» ›Und wer legt ihr denn nachher,‹ sagt er, ›das Gewand an bei solchen Gelegenheiten? Werden ihr wohl die Maler die Strümpf' anziehen‹?«

»Mir hat die Mutter das Gewand angelegt und die Schwester. Ist kein Mannsbild dagewesen um und um im ganzen Gaden.«

» ›Man weiß ja,‹ sagt er, ›wie die jungen Herren solche Mädeln zurichten. Was kann da,‹ sagt er, ›alles geschehen sein‹!«

»Ich – laß – mich – nicht – zurichten, Valentin!« sprach da die schöne Rosi langsam und feierlich, aber in tiefster Erregung, und hob die Hand wie schwörend gegen den Himmel. »Und was da geschehen ist, das hat unser lieber Herrgott und seine Heiligen alles sehen dürfen. – Aber das ist doch abscheulich, wie sie in Langkampfen droben mit so einem armen Mädel umgehen! – – Und soll so ein rechtschaffener Mensch sein!«

»Nu, ob er's ist oder nicht – er ist ja nicht der einzige – gibt ja andre auch!«

»Du brauchst mir aber keinen zu verraten!« entgegnete die Rosi mit verächtlicher Wendung des Hauptes, drehte sich und ging.

Dem Valentin schmeckte der Wein auch nicht mehr recht. Er griff zum Wanderstabe und trachtete heimwärts.

»Aller Anfang ist schwer!« sagte er unterwegs. »Aber es kann doch noch was werden. Und der Florian kann mich auch nicht schelten, denn ich hab' ihr nicht ein Wörtlein mehr gesagt als er mir. Und mögen tut er sie so nicht!«

Nun müssen wir aber doch sagen, wo die Rosi damals hingegangen. Die Laube oder das Sommerhäuschen, wo der Valentin eben sein Seidel getrunken, ist noch auf einem bemerkenswerten Aquarell zu sehen, das aus dem Jahr 1850 stammt und jetzt in der Sewi das »Nebenzimmer« ziert. Dieses zeigt uns deutlich, daß die Laube oder das Sommerhäuschen in jenen Tagen – jetzt ist es nicht mehr so, – gegen den Wilden Kaiser hin, am Rande eines kleinen Angers und nahe an der kleinen Leite stand, die zum Jenbach hinunterführt. Wenn nun die Rose der Sewi in diesen Zeiten einmal ein Viertelstündchen ihren Gedanken nachhängen wollte, so ging sie über die Leite hinunter in den schmalen Wiesengrund, der da an dem Bache liegt. Damals stand dort ein alter Ahorn, in dessen Schatten ein Bänklein und ein Tischlein aufgeschlagen war – eine stille liebliche Einsamkeit!

Unter diesem Ahorn war also damals die arme Rosi zu finden. So lange sie dem Valentin gegenübergestanden, hatte sie sich gegen seine oder vielmehr ihres Florians Vorwürfe, obgleich sie ihr ins tiefste Herz schnitten, wohl standhaft verteidigt und keine Träne dabei vergossen, aber jetzt, da sie allein war, gingen ihr die Augen über und die Zähren flossen reichlich. Dabei seufzte sie wehmütig in die Abendluft hinaus:

»Was Hab' ich ihm denn getan? Hab' ihn immer so hoch gehalten! Hab' mich immer so gefreut, wenn er einmal rüber käme! An Stand und Vermögen sind wir ja doch nicht so weit auseinander! Hab' ich nicht an ihn denken dürfen?«

Diese Betrachtungen spann sie noch mannigfach aus, schüttelte aber immer wieder das Haupt dazwischen, wie in schwerem Zweifel, und sprach:

»Und soll doch so ein prächtiger Mensch sein!«

Die Mutter begann endlich die Rosi zu vermissen, ging ihr in den Garten nach und fand sie auf dem Bänklein unter dem alten schattigen Ahorn. Die Tochter erzählte schluchzend, was ihr der Valentin gesagt. Die Mutter vernahm es mit Schrecken. Und endlich weinten sie zusammen und weinten und wußten sich keinen Rat. Und als sie später das Lager aufgesucht, fand sie dort keinen Schlaf, und als nach der leidlangen Nacht die Sonne aufging, brachte auch diese keinen Trost.

Ein gefühlvoller Leser wird uns sicherlich beistimmen, wenn wir die damalige Lage der schönen Rosi sehr traurig finden. Bis dahin, bis der Valentin in den Garten gekommen, schien noch nichts verloren; der Florian war noch immer in Sicht, wenn auch in unsicherer Ferne – er konnte noch immer kommen, heute so gut wie morgen. Aber jetzt, nachdem einer sozusagen seine Botschaft ausgerichtet, jetzt war es schrecklich Tag oder vielmehr Nacht geworden. Jetzt mußte sie wohl sich selbst gestehen, daß alles zusammengebrochen und verfallen sei. Einem Mädchen, das er so beurteilte, konnte er nie gewogen werden. Darum war es ihr jetzt, wie wenn ein Wolkenbruch niederginge und der Jenbach ihr Ehre, Liebe und Lebensglück mit fortschwemmte, oder auch wie wenn eine ungeheure Steinmuhr vom Wilden Kaiser herabkäme und sie mit aller Macht zudeckte, so daß sie hundert Klafter tief im Erdboden vergraben läge.

»Das schönste Mädel und die ärmste Haut!« sagte die Mutter schmerzvoll für sich, als sie am andern Morgen ihre Tochter wiedersah.

VI.

Mit dem andern Morgen war aber ein schöner Tag angebrochen und dieser war ein Tag des Herrn. Die Rosi kam spät herunter, ging nicht in die Kirche und sah sehr verkümmert aus und sehr verweint. Dieses fiel selbst ihrem Vater auf, der sonst ihr Aussehen nicht so ängstlich studierte.

Da aber der alte Thomas Hechenplaickner, ein guter Sechziger an Jahren, in unserer Geschichte nunmehr eine täglich wachsende Bedeutung entfalten wird, so ist es jetzt wohl an der Zeit, auch über ihn hier einige Worte niederzulegen.

Der liebe Gott oder die gütige Natur hatten dem Wirte von der Sewi zu ansehnlicher Größe zwar ein mächtiges Haupt, breite Schultern und breiten Brustkasten verliehen, aber nach unten hin ging er immer schmäler zu, so daß er der Gestalt nach mehr einem alten, jedoch rüstigen Helden glich, als jenen tonnenförmigen Samaritanern mit ihrem grünen Samtbarett, welche man zu damaliger Zeit als die ständigen Wahrzeichen bajuvarischer Wirtshäuser betrachten konnte. Die Maler, welche damals die stille Sewi mit gastlichem Besuche beehrten, verglichen daher ihren Wirt sehr gerne mit einem Hünen oder Recken aus dem Lied der Nibelungen. Wäre der Ausdruck seines Gesichtes nicht so bieder und so friedfertig gewesen, so hätten sie in ihm mit Vorliebe eine zweite, allerdings sehr verspätete Auflage oder Inkarnation des grimmigen Hagen gesehen, allein eben wegen seines gutmütigen Wesens erschien er gleichwohl dem edlen Rüdeger ähnlicher, dem Markgrafen von Bechelaren, dessen vortrefflicher Charakter und trauriges Ende uns ja neuerlich wieder Felix Dahn in seinem Trauerspiele gleichen Namens so großartig geschildert hat. (Als die Maler einmal so weit gegangen, lag es ihnen nicht mehr ferne, in der Frau Anastasia Hechenplaickner Rüdegers Gattin, Frau Gotelind, und in der schönen Rosi gar deren Tochter, die schöne Dietlind, wiederzufinden. Letzterer Vergleich mag sogar sehr treffend gewesen sein, nur daß die schöne Dietlind zuletzt sehr unglücklich, die schöne Rosi aber sehr glücklich geworden ist.)

Über des Wirtes Lebensgang ist wenig bekannt. In seiner Jugend mag er viel gekegelt, etwas gerauft und etwas gewildert, aber Schillers »Räuber« oder Goethes »Tasso« schwerlich gelesen haben. Tatsache ist, daß er sich sehr früh einem beschaulichen Leben ergab. An der Sewi, d. h. an seiner Wirtschaft hatte er auch nichts zu treiben – die ging von selbst. Die einsame, aber deswegen so günstige Lage des Hauses, das den Fuhrmann und den Wanderer nicht vorbei ließ, ohne ihn etwas aufzuhalten und zu erquicken, die sehr ehrenwerten Traditionen, die über Küche und Keller walteten und gewissenhaft bewahrt wurden, die guten Erträgnisse, welche Viehzucht und Ackerbau boten, in früheren Jahren das freundliche Gesicht seiner Frau und in späteren die mächtige Anziehung der jungen Rosi, dies alles half zusammen, um seinem Geschäfte einen Schwung zu verleihen, der ihn weit über irdische Sorgen hinaushob. Nicht daß er sich deshalb der überirdischen Sphäre mit besonderem Drange zugewendet und in ihrem Bereiche neue Fragen entdeckt und aufgestellt hätte, denn sein Instinkt ließ ihn fühlen, daß schon genug rätselhafte Probleme auf die Menschheit drücken und daß es nicht an ihm sei, sie noch zu vermehren. Er philosophierte wenig, aber, was auch andern zu empfehlen wäre, immer verständig. Ein gesunder Realismus ging durch alle Worte, die er während seines reifern Lebens sprach, nur daß man deren mit den Jahren immer weniger und weniger zählte. Wenn er über seine wachsende Schweigsamkeit beredet wurde, berief er sich gerne auf die Heilige Schrift, laut deren wir ja von jedem unnützen Worte jenseits Rechenschaft zu geben haben, ein Satz, den in unsern parlamentarischen Zeiten auch sehr fromme Christen fast zu oft vergessen. Nur gut, daß sich jener Spruch, wie man annimmt, nicht auf gedruckte Worte bezieht, denn sonst würde die Lage unserer gelesensten Schriftsteller jenseits wahrhaft schauerlich werden.

Obgleich der Wirt von der Sewi bald des Vieh- und Getreidehandels wegen die benachbarten Märkte, bald der Oberaufsicht halber seine Almen im Kaisergebirge oder hinten am Jochberg besuchte und obgleich er alle Jahre einmal am Tage der Kreuzerhöhung (14. September) zur heiligen Notburga auf Eben wallfahrten ging, weil nach seiner Meinung sie es war, die sein Haus, seine Kinder, und seine Rinder immerdar vor Unglück schützte, so hatte er doch den Trieb, die große Welt zu sehen nie empfunden und deshalb seinen Wanderstab über Innsbruck, Rosenheim, Kitzbühel und den Jochberg auch nie hinaus getragen.

Da es nun damals in den Landwirtshäusern von Tirol noch weniger Landkarten gab als jetzt und die Zeit für die allgemeine Erdkunde dort überhaupt noch nicht gekommen war, so mag unser Wirt in seinem geographischen Wissen gegen unsern Heinrich Kiepert, der soeben wieder ein vortreffliches »Lehrbuch der alten Geographie« ans Licht gestellt, nur ein Pygmäe, vielleicht nicht einmal so viel gewesen sein. Auch in den übrigen Wissenschaften war er schwerlich weiter gekommen, aber als er später die Rosi so eifrig über den Büchern sah, da fragte er doch einmal, ob es denn für ihn nicht auch etwas zu lesen gebe, worauf ihm der Schulmeister von Niederndorf die Geschichten vom Verfasser der »Ostereier« brachte, mit deren Lektüre er manche müßige Stunde genußreich ausfüllte. Nach diesen Vorstudien gewann ihn der Lehrer sogar sehr leicht für den Plan, sich mit ihm und dem Vikar von Ebbs die neueste Lieferung von J. J. Stafflers »Tirol und Vorarlberg« auf gemeinschaftliche Kosten kommen zu lassen. Als das Heft, welches gerade das Landgericht Kufstein enthielt, im Turnus endlich an ihn gelangt war, fand er auf Seite 855 auch die Sewi aufgeführt, was ihn sehr angenehm überraschte, denn er hätte nie geglaubt, daß dieser noch eine solche Ehre aufgehoben sei. Nachdem er aber die allerdings kurze Erwähnung seiner Heimat in sich aufgenommen, ging er auch auf andere, auf geschichtliche Notizen über, schlürfte sie lüstern ein, eignete sich manche derselben an und fand sich danach wissenschaftlich so gefestet, daß er mit ihnen am nämlichen Abend sogar die Maler unterhielt und zu unterrichten suchte, was diese für ein »Ereignis« erklärten.

Im ganzen war der alte Hechenplaickner zu seiner Zeit ein braver und ehrengeachteter Mann, ohne gewinnende Feinheit, aber auch wenn er nicht gereizt worden, ohne verletzende Derbheit, fast immer gesetzt und ruhig, aber wenn er für irgendeine Sache, namentlich in der Gemeinde auftrat, ein Kämpe von großem Gewicht – ein ernster, aber guter Vater seiner Kinder und ein sehr erträglicher Gatte seiner Frau, welche durch ihre freundliche Gesprächigkeit sein wortkarges Wesen trefflich ergänzte.

Der alle Hechenplaickner also fragte an jenem Sonntag, da er seine Tochter so niedergeschlagen sah, die Mutter um Bescheid, und diese gab gerne zu, daß das Mädchen schon längere Zeit und heute besonders so traurig sei, aber was sie bekümmere, wisse sie auch nicht.

»So viel dauern tut mich das Mädel,« sagte der ernste Vater; »möcht' ihr so gern helfen. Aber heut spielen sie zum erstenmal wieder die Passion in Erl – das Leiden Christi; das ist recht unterhaltlich; vielleicht daß sie das ein wenig aufheitert.«

»Ist schon möglich,« sagte die Wirtin, obgleich sie innerlich daran zweifelte.

»Ja, ja, die Passion,« fuhr jener fort, »das ist etwas Schönes für junge Leut' und für alte. Das gefallt ihr gewiß. Ich hab' sie jetzt schon lang' nicht mehr gesehen, die Passion, und sie noch gar nie. Wird sie recht freuen. Sag's ihr nur gleich!«

Die Mutter ging zu der Tochter, die damals einsam in dem Garten saß, und brachte ihr die Kunde.

»O nein, Mutter,« sagte da die Rosi; »ich kann nicht gehen. Ich geh' jetzt nicht unter die Leut'.«

»O geh! er meint's so gut – verdirb ihm doch die Freud' nicht. Ich möcht' es ihm nicht sagen. Wenn du nicht gehen willst, so sag's ihm lieber selber.«

Die Rosi besann sich einen Augenblick, hatte sich aber bald entschlossen und sagte nachgiebig:

»Ach, ich mag ihm auch nicht weh tun! so geh' ich halt zum bittern Leiden Jesu Christi. Ich werd' ja selbst ans Kreuz geschlagen.«

Beim Mittagessen wurde die Fahrt noch näher besprochen und erörtert, wobei man übereinkam, daß die Mutter und die Marie, die älteste Tochter nach der Rosi, der Wirtschaft halber zu Hause bleiben sollten. Nachdem die Familientafel aufgehoben war, legten alle, die zur Fahrt bestimmt waren, ihr feiertägliches Gewand an, und gegen drei Uhr bestiegen sie des Wirtes zweispännigen Wagen, der sehr gut gehalten war. Auf der einen Seite saßen der breite, hochansehnliche Vater und die schöne Rosi, auf der andern zwei jüngere Töchter, die Petronella von sechzehn und die Apollonia von vierzehn Jahren, hübsche Kinder alle beide. Auf dem Bocke waltete als Wagenlenker der neunzehnjährige Lorenz, ein stattlicher, gewandter Bursche.

Sie fuhren in raschem Trabe an den grünen Höhen, wo der lange schöne Buchenwald steht, dahin und kamen durch das anmutige Niederndorf, an dem Zollhaus und dem löblichen Gasthof zum Mühlgraben vorbei, worauf sie bald die Erler Flur erreichten und am Griese, wo das Schauspielhaus steht, wohlbehalten abstiegen.

Die trübselige Rosi hatte sich, nachdem sie ihrem Vater einmal zugesagt, immerhin, soviel es ging, zusammengenommen. – Aber der schöne Tag, der heute leuchtete, und der schöne Putz, den ihr die Mutter angelegt, die freundlichen Gesichter und die freundlichen Grüße, die ihr allenthalben entgegenkamen, sie taten doch auch das ihrige und hatten die schmerzenreiche Dulderin bald soweit aufgeheitert, daß sie mit ihrem Vater und den Schwestern hin und wieder ein harmloses Wort zu wechseln vermochte. Nichtsdestoweniger lag der Duft eines tiefen Leids gar sichtlich über ihren feinen Zügen. Diese Melancholie verlieh dem Mädchen zu allen übrigen noch den Reiz und den Zauber des Geheimnisvollen, denn niemand mochte erraten, was die Rose der Sewi so traurig stimmen konnte.

Um dieselbe Zeit war auch zu Langkampfen bekannt geworden, daß am Sonntag, am einundzwanzigsten Juli, zu Erl, in dem Dorfe, die Passion oder das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi gespielt werden solle, und schon hatten einige würdige Männer den Entschluß gefaßt, sich am andern Tag dorthin zu begeben, um das hohe Schauspiel zu betrachten.

Als der Florian damals von Kufstein heimgekommen war und beim Abendtrunk von diesem Vorhaben hörte, erklärte er sich gerne bereit, an der Ausfahrt teilzunehmen, denn auch er hatte vorher noch nie eine Passion gesehen. Es wurde ferner verabredet, daß er als Wirt wie gewöhnlich das Gefährte stellen solle, was er auch ohne Widerspruch übernahm. Er fügte nur noch bei, daß er wahrscheinlich in Nußdorf oder Flinsbach über Nacht bleiben werde, da er am Montag in Rosenheim zu tun und mit dem Posthalter Seraphin Greiderer etwas Wichtiges zu besprechen habe. Sollten sie sich also im »Gspiel« verlieren und sich nicht wieder finden und er nach dem Ende nicht ins Erler Wirtshaus kommen, so dürften sie allein und ohne weiter nach ihm zu fragen, wieder nach Hause fahren. Er sei dann schon in Bayern draußen und würde sich jedenfalls fortzuhelfen wissen.

Dieses einfache Programm teilte der Florian alsbald auch der Mutter mit, welche nicht die mindeste Einwendung erhob. Vielmehr schien sie darin einen besonderen Reiz zu finden und sprach mit schalkhaften Worten:

»Nun, das ist recht, daß du auch einmal das bittere Leiden Christi anschaust. Vielleicht schaust auch gleich die berühmte Rosi an – die wäre schon etwas süßer!«

»Ja, sehen möcht' ich sie gern einmal, die schöne Rosi, wenn's der Zufall gäbe.«

»Ist leicht möglich, daß sie kommt. Tragen dich so alleweil umeinand' mit ihr. Kannst dich gleich fangen lassen auch!«

Die letzten Worte begleitete sie mit schelmischem Lächeln, als wenn sie ihren Florian schon wirklich im Liebeskäfig gefangen sähe und eine gewisse Schadenfreude darüber nicht unterdrücken könnte.

»Nein, fangen lass ich mich nicht!« entgegnete aber der Sohn und lachte heiter über seine Mutter. »Wie ich fortgeh', komm' ich wieder heim!«

»Nun, das wollen wir sehen,« sagte diese, ebenso heiter. »Bei einem Mädel kommt gar viel darauf an, wie es aussieht.«

Die biedern Männer von Langkampfen fuhren also am andern Mittag ab, versuchten in der blauen Traube zu Kufstein den Weißen, im gastlichen Mühlgraben den Roten und trafen so gerade noch recht, nämlich ganz kurze Zeit vor Anfang des Spiels, in Erl ein.

Sie kamen bald auseinander, denn jeder hatte da oder dort »im Hause« einen guten Bekannten oder alten Freund erschaut, mit dem er heute zusammen zu sein wünschte, weil er ihn so lange nicht mehr gesehen. So war der Florian bald allein.

VII.

Das schon mehrmal genannte Erl, am Innstrom das letzte Dorf auf tirolischem Boden, in einer geräumigen, baumreichen Fläche, am Fuße des fruchtbaren, mit schönen Höfen besetzten Erler Berges gelegen, ist ein alter Ort der Römer, der zu ihrer Zeit Aurelianum, später Orilan hieß, im Lauf der Zeiten zwar selten erwähnt wird, aber vor etwa fünfzig Jahren plötzlich aus der Dunkelheit hervortrat und eine namhafte Bedeutung gewann, weil damals Adolf von Pichler, der berühmte tirolische Dichter, dort das Licht der Welt erblickte.

Ferner ist dies Dorf der weiten Nachbarschaft seit alten Tagen wohl empfohlen, weil es auf seiner ländlichen Bühne nach etlichen Jahren, in welchen die Ritterstücke zum Zuge kommen, immer wieder die »Passion« aufführt, deren Anziehung auch jetzt noch in ziemliche Ferne wirkt.

Bei unsrer heutigen Bildung ist wohl anzunehmen, daß jeder Leser und jede Leserin wisse, was ein Passionsspiel sei. Jedenfalls hat er und sie von der Passion zu Ammergau gehört, welche bekanntlich alle zehn Jahre gespielt und mit stets wachsendem Besuche aus nahen und fernen Ländern beehrt wird. Dieselbe ist, was wir kaum zu sagen brauchten, ein Volksstück in großartigstem Zuschnitt. Der Mitwirkenden sind etliche Hunderte, die Schaubühne ist lang und breit genug, um dieses Histrionenheer zu fassen, und das Drama spielt mit kurzer Unterbrechung vom Morgen bis zum Abend. Es ist nämlich der Text allenthalben durch die sogenannten »lebenden Bilder« und durch Gesangsstücke unterbrochen, welche allerdings den Verlauf des Dramas dermaßen hinhalten, daß sie in Ländern, wo die Zeit mehr Wert hat, wahrscheinlich viele Gegner finden würden.

Neben diesem weltberühmten Spiele hatte sich jedoch da und dort im bayerisch-tirolischen Grenzlande auch noch eine anspruchslosere Gattung solcher Vorstellungen erhalten, welche auf kleineren Bühnen von einem kleineren Personale in kürzerer Zeit, d. h. in einem Nachmittage oder auch nur zwischen Vesper und Gebetläuten aufgeführt, aber aus der Nachbarschaft immerhin sehr gerne besucht wurden. Eigentlich dürfen dieselben auch jetzt noch nicht als aufgegeben gelten, obgleich sie im letzten Jahrzehnt vor den Ritterstücken, welche ungemein beliebt geworden, etwas in den Hintergrund getreten sind.

Der Text des Ammergauer Spiels ist von gebildeten Klerikern schon mehrmals überarbeitet und je nach dem Geschmacke der Zeiten erneuert worden; die Texte der anderen Passionen haben aber meist nur bäuerliche Autoren, und zwar nur für Bauern zusammengesetzt. Da nun in diesen Schichten der Fortschritt des Geschmackes sich nicht übereilt und für stilistische Reformen wenig Zeit erübrigt, so sind diese altfränkischen Dichtungen, wie sich von selbst versteht, viel naiver, aber mitunter auch viel roher, als das Ammergauer Stück. So pflegte z. B. auf einer dieser ländlichen Bühnen dem Judas, nachdem er sich an den Baum gehängt, jedesmal der Bauch zu platzen und sein sämtliches Gedärm sich in langem Quirl auf die Bühne zu ergießen, worauf dann ein halbes Dutzend kleiner schwarzer Teufelchen herbeisprang und es fröhlich auffraß – eine Szene, welche die Zuschauer nicht befremdete, da sie vorher schon wußten, daß die Gedärme lauter schmackhafte Würstchen und diese der einzige Lohn waren, der der männlichen Schuljugend für ihre Mitwirkung bei der heiligen Handlung versprochen worden.

Die Theater oder »Komödiehütten« von dieser Gattung sind, wenn sie ständig, so ziemlich der gleichen Bauart und sehen ganz und gar wie große hölzerne Scheunen aus. Sie sind von Wind und Wetter tief gebräunt, und da sie außen kein Wahrzeichen, kein Bild, keine Inschrift tragen, so geht der Wanderer leicht vorbei, ohne die Nähe des Musentempels auch nur zu ahnen. Die Einrichtung der Bühne war, so lange man nur das Leiden Christi spielte, überall die gleiche; im Proszenium stand auf der einen Seite der Palast des Pilatus, auf der anderen das Haus des Kaiphas; der Hintergrund wechselte, je nachdem das Abendmahl, der Ölberg oder anderes an die Reihe kam. Mit dem Übergang zu den Ritterspielen sind auch die Dekorationen etwas mannigfaltiger und wandelbarer geworden.

Eine Eigentümlichkeit, welche die Passionsspiele mit den Ritterstücken teilten, war der Genius, oder, wie ihn die Landleute nannten, der Schutzgeist. Dieser erschien in kurzem, weißen Flügelkleide, war mit langen blonden Locken behängt und trug als sein Symbol auf vergoldetem Stabe ein funkelndes Aug' Gottes. Er zeigte sich vor jedem Akte, ging in würdigen Schritten auf der Bühne hin und her und sang dabei unter schwacher Begleitung des Orchesters einige Strophen herunter, welche die bevorstehenden Ereignisse verkündeten und zu deuten suchten. War dies geschehen, so trat er mit einer Verbeugung wieder ab. Dieser Schutzgeist kommt jetzt wohl nicht mehr vor.

Die Einrichtung des Zuschauerraumes bietet nichts Besonderes und ist sicherlich immer dieselbe gewesen. Auf einem hölzernen, aufsteigenden Unterbau ruhen etwa fünfzehn oder zwanzig Reihen von hölzernen, mit Lehnen versehenen Bänken, welche in den ersten, zweiten und dritten Platz zerfallen. Die Haltung des Publikums ist ohne Ausnahme musterhaft. Es raucht zwar seine Zigarren, selbst während des Abendmahls und der Kreuzigung, vergißt auch nicht, sich durch duftende Würstchen und die landesüblichen Getränke bei guten Kräften zu erhalten, aber es zischt nie und erlaubt sich nur, wenn etwa eine kleine Ungeschicklichkeit vorkommt, milde zu lächeln. Es steht zwar in der Regel ganz zufrieden auf, aber es ist nicht gewohnt, seine Lieblinge durch lauten Beifall oder durch Hervorruf eitel zu machen.

So viel wir wissen, war aber die Bühne zu Erl damals gerade keine ständige. Man hatte vielmehr seit vielen Jahren nicht mehr gespielt, das alte Schauspielhaus in Verfall geraten lassen und kein Geld zurückgelegt, um ein neues zu bauen. Man wollte daher nur wieder einmal einen Versuch wagen, dafür aber möglichst wenig aufs Spiel setzen. Trotzdem war die Bühne, die man fleißig ausgebessert, so ziemlich so, wie sie sein sollte, aber im Zuschauerraum fanden sich auf einem Balkengerüste, das man einstweilen für ausreichend erachtete, statt der festgefügten Sitzreihen nur allerlei Bänke, Sessel und Stühle, welche aus allen Häusern, die sie herleihen wollten, zusammengetragen worden waren. Statt eines festen Daches, das man erst später aus den Erträgnissen dieses Sommers herzustellen gedachte, war zum Schutze gegen die Strahlen der Sonne nur eine, aus vielen Stücken zusammengenähte Blahe übergespannt. Endlich hatte man unter den bekannten Texten den kürzesten gewählt, so daß das bittere Leiden nach der Vesper, d. h. gegen vier Uhr anfangen und mit Gebetläuten endigen sollte.

VIII.

Florian ging, wie sich von selbst versteht, auf den ersten Platz, wo »die bessern Leute« sitzen. Dort beschritt er, da die vordern Reihen schon ziemlich gefüllt waren, die vierte derselben und setzte sich ruhig hin, das Schauspiel zu erwarten. Weil das mehr erwähnte Dorf Erl auf der andern Seite des Inns gelegen und wohl fünf Stunden von Langkampfen entfernt ist, er sich auch nur selten in dieser Gegend zeigte, so gewahrte er im Hause nur zwei oder drei zerstreute Häupter, die er von den Märkten her kannte und daher zu grüßen hatte, blieb aber sonst ganz unbeachtet, obwohl ihm die nächsten Nachbarinnen anzusehen glaubten, daß er nicht zum gemeinen Bauernvolk gehöre.

Er war aber noch nicht lange auf seinem Platze, als sich in dem ländlichen Publikum eine merkbare Bewegung erhob. Von der schmalen Türe zur rechten Hand kam nämlich nicht ohne Hindernisse ein kleines Häuflein gutgekleideter Schaugäste herein, welches augenscheinlich zusammengehörte und unverzüglich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Voran schritt mit breiten Schultern Herr Thomas Hechenplaickner, der männiglich bekannte Wirt von der Sewi, ihm folgten seine Töchter und diesen sein Sohn. Ein frohes Summen ging durch die versammelte Menge, als wenn sich jedermann freute, daß auch sie gekommen. Die Rosi von der Sewi, die Rosi, die Rosi – flüsterten selbst unbekannte Nachbarinnen dem jungen Wirte von Langkampfen zu.

Unter diesem halblauten Schwirren näherte sich der kleine Zug der Stelle, welche unser Florian besetzt hielt. Sie kamen in die dritte Reihe, wo sich gerade noch einiger Raum bot, Haupt an Haupt hereingeschritten. Die reckenhafte Gestalt des Vaters verdeckte noch das Gefolge seiner Kinder. Endlich hatte er seinen Platz gefunden und eingenommen, womit denn auch der Vorhang weggezogen war, der bis dahin seine älteste Tochter verhüllt hatte, so daß nun die ganze blühende Rosi plötzlich in ihrer vollen Schönheit und ihrer vollen Pracht vor unserm Florian stand. Der Eindruck war überwältigend. Jene milde Trauer, die auf dem Antlitz lag, die edlen Züge, die herrliche Gestalt – die Maler, die Germania, die Strümpfe und alles war vergessen. Es ging ihm wie ein wonnevoller Blitz durch Leib und Seele – sie war die rechte, die einzige!

Und so fuhr er denn auch sogleich in die Höhe und rief wie bezaubert: »Gott sei Dank, daß ich dich auch einmal sehe, du schöne Rosi – ich bin der Florian von Langkampfen!«

Diese Worte waren aber kaum verhallt, als sich das holde Antlitz der lieblichen Maid bereits verfinstert hatte; ihre Stirne runzelte sich, ihre Augen leuchteten tödlich und sie sprach laut und hörbar: »Also du bist der, der ein ehrliches Mädel so zugrund richtet?«

»Ist das dein schönster Gruß, du wilde Dirn?« versetzte der Florian betroffen. »Und hätt'st mir so gut gefallen!«

Das Mädchen gab aber keine Antwort, sondern ließ sich auf seinen Stuhl nieder und schlug den Blick zu Boden.

Dieser Auftritt zog aller Augen nach der Mitte der Halle und auf die beiden handelnden Gestalten. Der Vater, die zwei Schwestern und der Bruder waren in der Überraschung sprachlos geworden, von den andern aber hatten, wie sich von selbst versteht, den Laut der Worte, welche die Rosi gesprochen, nur die Nächsten vernommen. Daher allgemeine Neugierde, allgemeines Flüstern, halblautes und lautes Fragen, was es denn gewesen, was sie gesagt und wer der Angesprochene sei. Allmählich wurde die Unruhe nur dadurch etwas beschwichtigt, daß vorne auf der Bühne der Schutzgeist im Flügelkleide auftrat und seinen Gesang begann, welchen das Bauernorchester mit allerlei Tonwerkzeugen kunstreich begleitete.

Aber obgleich die Vorstellung als Eröffnungsfeier gelten sollte, so waren die Hauptpersonen des Spiels vorderhand doch nicht der Heiland, Jesus Christus von Nazareth, und die Jungfrau Maria, sondern der Florian von Langkampfen und die Jungfrau Rosi, welche beide, nachdem die Röte der ersten Aufregung verflogen war, bleich und regungslos, wie marmorne Götterbilder, auf ihren Stühlen saßen. Das allgemeine »Geschau« kam immer wieder auf sie zurück, und das Geflüster pflanzte sich ununterbrochen fort und fort, bis auch dem Letzten im letzten Winkel die ersehnte Kunde geworden, was sie gesagt und wer der junge Mensch sei, den sie so hart angelassen.

Im übrigen ging das Spiel seinen ruhigen Gang. Der Heiland ritt auf seiner Eselin in Jerusalem ein, die Hierosolymitaner und Hierosolymitanerinnen begleiteten ihn mit Palmbüschen und Hosianna, die Fußwaschung und das Abendmahl zogen würdig vorüber und endlich war man auch auf dem Ölberg angekommen. Man sah die Jünger in den giftgrünen Büschen schlummern und an mehreren Stricken, die auch dem unbewaffneten Auge sichtbar, schwebte der Engel mit dem Leidenskelch heran, um auf dieselbe Weise wieder zu verschwinden. Dann kam die Schar der Widersacher mit den Spießen und den Morgensternen, an ihrer Spitze der rotbärtige Judas, der sich ehrerbietig näherte, um dem Meister den verräterischen Kuß zu bieten. Die Szene, die die schöne Rosi herbeigeführt, war für jetzt doch gänzlich zurückgetreten und aller Aufmerksamkeit in heiliger Spannung der Bühne zugewendet, als plötzlich – – –

Zuerst ein Schrei, dann zwei und drei auf einmal und sofort in schmetterndem Durcheinander alle denkbaren Äußerungen der Überraschung, des Schreckens und der Verzweiflung. Zugleich krachten die stürzenden Balken, die Bretter, die Sessel, die Stühle, die Bänke und das ganze Auditorium. In der Mitte war nämlich das Gerüste eingebrochen, und etliche Dutzend Menschenkinder, die sich eben in seligster Schaulust gewiegt, waren plötzlich wie weggefegt. Einzelne Arme und Beine gaukelten noch in den Lüften, um auch bald zu versinken. Nur wer ganz dicht am Rand des neuen Kraters stand, sah in einen wild wogenden Pfuhl von Gewändern, Schürzen, Röcken, Mänteln, von Balken, Brettern, Sesseln, Stühlen, Bänken hinunter, aus denen sich alle bekannten menschlichen Gliedmaßen unter betäubendem Lärm ihrer damaligen Besitzer herauszuwinden suchten.

Dem ersten Schrecken folgte aber unverzüglich ein zweiter. Es ist schon erwähnt worden, daß der ganze Raum, den die Zuschauer innehatten, vor den Sonnenstrahlen durch eine vielfach zusammengenähte Blahe geschützt war. Diese wurde an den vier Ecken von vier strebsamen Hopfenstangen emporgehalten, ruhte aber in einem hölzernen Ringe hauptsächlich auf einem ausgedienten Maibaum, welcher in der Mitte aufgepflanzt war. Der Maibaum ragte, die Blahe durchbohrend, weit über sie hinaus und sah vornehm auf die Hopfenstangen herunter, fast wie ein Fürst auf seine Vasallen, oder wie ein alter deutscher Kaiser auf die vier Herzoge des Reichs. Aber des Maibaums Stellung war gleichwohl nicht recht gesichert. Es fehlte ihm eine tiefere Wurzel in dem Boden; er war nur leichtfertig eingesteckt und an dem Gerüste, das die Stühle trug, nur nachlässig angebunden, so daß, als dieses eingebrochen, auch er – per sostegno manco würde Dante sagen – seinem Untergange entgegen gehen mußte. Er schüttelte einige Male bedenklich den Wipfel und wiegte sich zweifelnd hin und her, faßte dann aber plötzlich einen raschen Entschluß und stürzte unter grauenvollem Angstgeschrei des Publikums ins Volk hinunter, welches er aber nicht ganz erreichte, weil er mit dem oberen Ende auf den Palast des Pilatus auffiel, sich da niederließ und ruhig liegen blieb. Diesem Prachtgebäude hatte niemand so viel Kraft des Widerstandes zugetraut, und die Dankbarkeit für seine guten Dienste äußerte sich daher in jenen lauten Zurufen, welche man in England cheers zu nennen pflegt. Mit herzinniger Freude erkannten jetzt alle, daß die neue Gefahr vorüber und kein Schaden mehr geschehen sei. Nur eine alte Baßgeige, welche der Bumpfersimmerl an die hölzernen Mauern des Palastes gelehnt, war durch den Luftdruck drehend geworden und hatte sich wieder dröhnend in das Orchester hinuntergestürzt.

Aber die oben erwähnten Hopfenstangen wurden auch in den Fall hineingerissen und die ganze Blahe fiel nun über den Abgrund, über das wimmelnde, zappelnde, krabbelnde, kletternde, schreiende Chaos und deckte es zu. –

Nun aber dachten die Männer, die oben geblieben waren, sofort an das Rettungswerk und nahmen es mit allen Kräften in Angriff. Alle Hände zogen zunächst an der Blahe, um diese zu beseitigen. Sie zogen zwar immer kräftiger und heftiger, aber die Blahe rückte nicht von der Stelle, weil auf der linken Seite die Jünglinge von Kiefersfelden, Ober- und Niederaudorf, nämlich die bayerischen Schaugäste, standen, auf der rechten aber in ziemlich gleicher Zahl die männliche Jugend von Erl, Ebbs und Niederndorf, also die Tiroler. Es ist nämlich ein altes Herkommen im ganzen Grenzlande, daß in allen streitigen Sachen, die durch die Kraft der Arme zu entscheiden sind, die letzte Flechse aufs Spiel gesetzt wird, um den Sieg und den Ruhm für die eigene Nation zu erringen. Die edlen Bajuvaren, die unter der angestammten Herrschaft der Wittelsbacher lebten, konnten daher die Blahe ebensowenig loslassen wie ihre edlen Brüder, die jenseits des Innstroms wohnten und unter dem milden Zepter der Habsburger standen. Das Ringen ward auch auf beiden Seiten sogleich als ein kleines neckisches Nachspiel zu Anno Neune aufgefaßt und mit gellendem Kriegsgeschrei begleitet. So kämpften sie, den Helden der Vorzeit ähnlich, um die Blahe, wie um den Hort der Nibelungen, während nur noch die Linien eines Kopfes, eines Stiefels, eines Ellenbogens, die in jener vorübergehend auftauchten, von dem Leben unter der Decke Zeugnis gaben.

Die älteren und vernünftigeren Männer und noch mehr die mitleidigen Frauen konnten aber jenen Riesenkampf der deutschen Brüder nur mit tiefem Schmerze betrachten, denn er verzögerte ja nur die Rettung der Unglücklichen, die die Blahe bedeckte. Sie wendeten alle guten Worte auf, um die jungen Helden auf beiden Seiten zur Einstellung ihres verderblichen Wetteifers zu bewegen, aber es half nichts; die Ehre des engeren Vaterlandes gestattete kein Kompromiß. Der Heiland, dessen bitteres Leiden jetzt angenehm unterbrochen war, kam selbst in Leibrock und Mantel herbei, um den Frieden zu predigen, die Jungfrau Maria, der rotbärtige Judas, auch der sehr angesehene und einflußreiche Pilatus, alle rieten auf beiden Seiten zur Nachgiebigkeit, aber der Krieg und das Kriegsgeschrei dauerten immer wachsend fort, bis endlich der Schneiderjackel von Sacharang, ein friedliebender und unparteiischer Mensch, um dem Jammer abzuhelfen, den Palast des Pilatus erstieg, von da auf dem Maibaume weit herein turnte und zuletzt mit einem riesigen Satz auf Leben und Tod mitten in die Blahe hineinsprang, worauf deren sämtliche Nähte platzten und alle ihre Teile auseinandergingen.

Allgemeines Freudengeschrei begrüßte des Schneiderjackels kühne, rettende Tat. Auch die eben noch kämpfenden Burschen jubelten mit, denn sie hatten nachgerade selbst empfunden, daß einmal »ein Ende hergehen müsse,« waren ganz zufrieden, daß ein andrer den Streit aus der Welt geschafft und lachten sich gegenseitig aus.

Nun endlich konnte das Rettungswerk wahrhaft beginnen und den gewünschten Erfolg versprechen. Es wurde auch mit allem Eifer gepflogen, begegnete aber doch mancher Schwierigkeit, denn einerseits wurde der Menschenknäuel, da alle sich herauszuwickeln trachteten, nur um so verwickelter, und anderseits hatten sich die Trümmer und Splitter des zerbrochenen Holzwerks dermaßen zwischen das herabgestürzte Publikum geschoben und eingekeilt, daß sie nur mit langsamer Schonung und sorglicher Geduld entfernt werden konnten.

Endlich waren sie sämtlich beseitigt und alle Hindernisse gehoben, so daß die Erlösung der Bedrängten nunmehr rasch von statten gehen konnte. Als sie aber wieder alle auf ihre Füße gestellt und ins Freie geschafft waren, da zeigte sich bald, daß, so gefährlich die Sachlage auch erschienen, dennoch kein nennenswerter Schaden zu beklagen war. Es wurden allerdings mancherlei Prellungen und einige Schürfungen angemeldet, aber eine erhebliche Verletzung schien nicht vorgekommen zu sein. Daß eine solche gleichwohl mit untergelaufen, wird allerdings später noch berichtet werden.

Als die Dämmerung eingetreten, legte sich wieder eine tiefe, elegische Ruhe über den verlassenen Tempel der Kunst.

IX

Die Püffe und die Stöße, welche alle die Gestürzten und Zugedeckten in jener Stunde erlitten, sie können wir, wie sich wohl von selbst versteht, auch nur mit einiger Vollständigkeit nicht verfolgen; wir müssen uns deswegen aus unser liebendes Paar beschränken, obwohl dies kaum ein liebendes zu nennen ist, da dessen einer Teil, ja bereits zu lieben aufgehört hatte, als der andre eben anfangen wollte.

Wir haben wohl alle, ohne daß es die Erzählung besonders hervorhob, schon selber angenommen, daß Florian Weitenmoser von der geschilderten Katastrophe nicht unbetroffen blieb. Das letzte, was er oben gehört hatte, war der schönen Rosi Notschrei; nach diesem versank er selbst in die Dunkelheit und schlug mit dem Kopfe so hart an das Gerüste, daß er erst eine kleine Weile ganz sinnlos dalag. Als er wieder zu sich gekommen, glaubte er sich unter einer schweren, rabenschwarzen Decke von Gewändern zu befinden, welche ihm das Tageslicht vollkommen abschnitt. Bald drohte ihm auch der Atem auszugehen. Er suchte sich krampfhaft aufzurichten, aber es gelang nicht. Dann rief er mit der letzten Kraft nach Hilfe, aber es hörte ihn niemand. Das Lebenslicht schien erlöschen zu wollen, aber freilich unter den angenehmsten Umständen. Es trat nämlich, was in solchen Lagen öfter vorkommen soll, ein ganz poetisches Delirium ein, dessen reizende Bilder unser Freund jedenfalls einiger Bekanntschaft mit Wielands Oberon oder gar mit Shakespeares Mittsommernachtstraum zu danken hatte. Eine liebliche Schar von kleinen Elfen schlüpfte aus den Falten der Kleider hervor, schloß einen Reigen und umgaukelte ihn, tanzte auch und sang dabei die schönsten Tanzweisen, welche ja bekanntlich niemand schöner singen kann, als die Elfen. Dann lösten sie den Reigen und liefen einzeln auf seinem Leibe und seinen Gliedern umher, wobei sie sich ungemein zierlich neckten und zu haschen suchten. Eine der Schwestern, mit Namen Dalinda, flog auf seinem Kinne an, warf zwar die durchsichtigen Gliederchen nach allen Seiten, zeigte jedoch mit den Füßen vorzüglich nach oben, wie wenn von dort Hilfe kommen sollte. Eine andere in himmelblauem Röckchen hüpfte auch längere Zeit auf seiner Nase herum, was ihn nicht im mindesten zu belästigen schien. Zugleich warf sie ihm Kußhändchen zu und erlaubte sich noch andere seltsame Gebärden, die wir aber nicht genauer schildern wollen, um dem Rufe des Mädchens nicht zu nahe zu treten. Endlich erschien auch die Königin Titania, ein feines, sehr leicht gekleidetes, aber sehr liebreizendes Wesen mit blauen Augen, blonden Haaren und einem Krönlein darin, wie es selbst unser Herr Max Rottmanner, Juwelier (Theatinerstr. Nr. 12), nicht geschmackvoller herstellen könnte. Aus Gefälligkeit und zum Trost für den jungen Mann hatte die Königin heute die Züge angenommen, welche im wirklichen Leben die uns schon näher bekannte Rose der Sewi trug. Sie war weitaus die schönste von allen und gewiß auch die zuvorkommendste, aber ihre Vertraulichkeiten litten an einem bedenklichen Umstände. Während nämlich die anderen Elfen äußerst leicht und flatterhaft und ätherisch zu sein und gar kein Gewicht zu haben schienen, war unsere Titania zentnerschwer, und während die übrigen nur schwebten, schwankten, hüpften und tänzelten, legte sich die Königin sehr fühlbar und sehr wuchtig auf Florians Stirne. Ihm wars, als wenn diese bald unter ihr einbrechen würde, und es kam auch gar nicht besser, als sie etwas vorrückte und sich lächelnd in die Mitte seines Gesichtes setzte. Sie lächelte und lächelte zwar immer himmlischer und himmlischer, wurde aber immer schwerer und schwerer dabei. Es ist begreiflich, daß der Florian die schöne Titania, namentlich an dem Orte, den sie sich letzterhand zum Throne erwählt, nachgerade unerträglich fand, und man kanns ihm wohl nicht verübeln, wenn er zuletzt, da Arme und Füße den Dienst versagten, sogar nach ihr schnappte. Auf dieses hin hörte er zwar von oben herab einen gellenden Schrei und die Last, die über ihm lag, tat einen heftigen Ruck, aber im selben Augenblick fühlte er auch einen rächenden Tritt auf seiner Brust. Mit diesem verschwand allerdings der sonderbare Traum, aber das wache Bewußtsein kehrte doch sogleich nicht wieder zurück.

X

Der Florian lag eine gute Weile in stiller Betäubung auf dem kalten Boden. Als die Betroffenen, die einen Laut von sich geben konnten, alle herausgezogen waren, hielten die Retter das Rettungswerk für vollendet und gingen wieder anderen Zielen nach, die meisten ins Wirtshaus zum Abendtrunk, der heute sehr lebendig wurde, während die andern, die nicht in der Nähe hausten, sich auf den Heimweg begaben. Und obwohl von dem Florian bereits viel gesprochen wurde, so kümmerte sich doch niemand um ihn, am wenigsten die Langkampfener, weil sie nach der früheren Verabredung alle meinten, er werde sich schon durchgemacht haben, und weil keiner dachte, daß er noch unten auf dem finstern Grunde liege.

Als er aber erwachte, war das zertrümmerte Schauspielhaus verödet und nur der bleiche Mond schaute friedlich in die Zerstörung herein. Er kletterte nicht ohne Mühe über das zerbrochene Gerüste und die zerschmetterten Stühle hinweg, bis er ins Freie kam, wo er dann mit Vergnügen fühlte, daß er an seinem Leibe noch unversehrt und ganz sei. Auch die Seele schien nicht gelitten zu haben, denn er erinnerte sich, obwohl etwas dunkel, an alles, was vorgegangen war. Zuerst fiel ihm wieder ein, daß er zuletzt unter die Elfen geraten, deren Königin Titania ihn sehr fühlbar ausgezeichnet, daß er am Ende aber doch gezwungen gewesen, einen Akt der Notwehr auszuüben. Wie viel an diesen letzten Vorgängen Dichtung, wie viel Wahrheit, das war ihm selbst noch nicht ganz klar. Immerhin hatte er eine richtige Empfindung für das Heikle seiner Lage und war daher sehr unentschlossen, was er zunächst beginnen, wohin er sich wenden solle. So geriet er unsicheren Schrittes in die Dorfgasse und setzte sich, um ein wenig nachzudenken, auf ein Sommerbänklein, das unter einem Birnbaume stand. Er saß noch nicht lange da, als zwei Männer vorübergingen, die eben aus dem Wirtshause kamen, zwei ehrbare Familienhäupter, welche früh nach Hause trachteten. Florian kannte sie zwar nicht, aber der eine war der Dominikus Weinzierl, der biedre Wirt im Mühlgraben, und der andre der Peter Schindelholzer von Niederndorf, ein Vetter des wackeren Pfarrers Schindelholzer von Kundl, der ein sehr gebildeter Mann war, im Jahre 1867, um einmal die Welt zu sehen, zur Pariser Ausstellung reiste und vor zwei Jahren, allgemein betrauert, starb.

Sie gingen langsam ihres Weges und besprachen mit lauter Stimme das große Ereignis. Den Florian, der unter dem Birnbäume saß, bemerkten sie nicht; dieser aber hörte eine Zeitlang alles, was sie redeten.

»Ja, ja,« sagte der Peter Schindelholzer, »dies Spektakel! von dem wird man noch lang reden!«

»Und daß die Rosi bissen worden ist, das ist doch noch nie vorgekommen.«

»Ja, der Vater hat gleich einspannen lassen und ist mit ihr davon.«

»Wer sie etwa bissen hat?«

»Sie weiß's nicht, oder sie sagt's nicht. Es wird schon einer sein.«

»Vielleicht der Weberfranzel? der ist nicht weit gesessen davon.«

»Na, der Weberfranzel, sagen sie, beißt nicht.«

»Nu, wenn's der nicht ist, wird's schon ein anderer sein.«

»Vielleicht der Florian von Langkampfen; sind auch viele dafür.«

»Haben ja alleweil gesagt, der will sie heiraten.«

»Nu, jetzt hat er sie halt einmal bissen – heiraten kann er sie alleweil noch!« sagte der Schindelholzer mit hellem Lachen.

Da verklangen die Stimmen, vielmehr die Worte, denn das fröhliche Gelächter der Männer schallte noch länger durch die stille Nacht.

Nachdem der Florian dies Gespräch vernommen und gewürdigt hatte, glaubte er ganz sicher voraus zu sehen, daß er mit dem nächsten Morgen der Löwe des Tages sein würde. Mit den Langkampfenern, die vielleicht noch beim Weine saßen, jetzt nach Hause zu fahren, schien ihm ganz unerträglich. Welche Fragen hätte er da zu beantworten, wie viele unzarte Scherze hätte er anhören müssen! Dasselbe stand ihm aber bevor, wenn er im Wirtshaus zu Erl über Nacht blieb. Darum führte er seinen ersten Vorsatz aus, ging noch im hellen Mondenscheine bis nach Nußdorf, einem stillen Örtchen, das schon auf bayerischem Boden liegt, und nahm dort sein Nachtquartier.

Hier lief alles noch ganz gut ab. Man schien kaum zu wissen, daß heute in Erl die Passion gespielt worden, und noch weniger, daß dort etwas Besonderes vorgefallen sei. Anders ging es leider schon am nächsten Mittag in Rosenheim, als der Wanderer bei Seraphin Greiderer einkehrte. Dort konnte er sich in der Bauernstube alsogleich überzeugen, daß die gebissene Wirtstochter von der Sewi schon in aller Mund war, hörte die verschiedensten Vermutungen über den Täter und vernahm auch einige Male seinen eigenen Namen. Das Unangenehmste aber war, daß die Theres, die Kellnerin, dieselbe, die später beim Unterbräu diente und den Schmied von Aßling heiratete, daß diese, als sie ihm die erste Halbe brachte, dabei einen lauten Schrei abließ und, auf frühere Bekanntschaft gestützt, mit der größten Sicherheit ausrief: »Ach, mein Gott, das ist ja der Florian von Langkampfen!«

Dieser wurde sogleich feuerrot, tat, um den heißen Durst zu löschen, gleichwohl einen tiefen Trunk, warf aber dann zornig seinen Groschen hin und schritt unwirsch zur Stube hinaus, wobei ihm die zurückbleibenden Gäste alle neugierig nachschauten. Ohne umzusehen, verließ er damals das ehrsame und würdige, jetzt zur Stadt erhobene, so mächtig aufblühende Rosenheim, dessen Geschichte uns einst Otto Titan von Hefner beschrieben, dachte auch nicht mehr an das Geschäft, das er mit Herrn Seraphin Greiderer vorhatte, und war nach zwei Stunden in dem zierlichen Aibling, einem jetzt viel besuchten Badeort, wo er beim trefflichen Schuhbräu einkehrte und auf den Postwagen wartete, der ihn noch selbigen Tags nach München brachte. Dort nahm er seine Herberge beim Schlicker im Tal und setzte sich sofort auf seine Stube, um an die Mutter zu schreiben. Indem er dabei zunächst eine Phrase benützte, die ihm früher schon einige Dienste geleistet, schrieb er folgendermaßen:

»Liebe Mutter!

Ich bin zu Erl abermals unfreiwillig in ein Gefecht verwickelt worden, aber jetzt schon wieder heraußen und ganz gesund. Da ich nun in solchen Fällen, wie Du weißt, die Trätschereien der Nachbarsleute nicht ertragen kann, so bin ich dieses Mal lieber nach auswärts und ziemlich weit herein ins Bayern, nach München gegangen, wo ich ohnedem auf bevorstehender Jakobidult ein Geschäft vorhabe. Du brauchst Dich daher, liebe Mutter, gar nicht um mich zu ängstigen, um so weniger, als ich etwa in vierzehn Tagen hoffentlich wieder zu Hause sein werde.«

Ob das Geschäft auf der Jakobidult wirklich von einigem Belang gewesen, ist immer zweifelhaft geblieben; dagegen erzählte der Florian später ganz gerne, daß er seinen Urlaub benutzt habe, um zuerst nach Schleisheim zu gehen und seinen Direktor zu besuchen, der sich herzlich gefreut, ihn wieder zu sehen, die mündlichen Berichte über seine Versuche und seine Erfolge mit innigem Vergnügen angehört, ihn etliche Tage als seinen Gast behalten und auf so manches, was in der Landwirtschaft neu aufgekommen, freundlich hingewiesen habe.

Als er von dem Direktor Abschied genommen, blieb er aber noch mehr als eine Woche in München, ging wieder in die Glyptothek, in die alte Pinakothek (die neue war noch nicht aufgetan), in andere öffentliche Sammlungen und sogar in verschiedene Ateliers, zu mehreren berühmten Malern, weil er diese mittlerweile in Langkampfen als seine Gäste gesehen und die Einladung erhalten hatte, einmal auch in ihrer Werkstatt vorzusprechen. Den Nachmittag benützte er mehrfach, um rationell bewirtschaftete Güter zu besuchen und dort etwas zu sehen und zu lernen. So fuhr er einmal nach Planegg zu Herrn v. Hirsch, ein andermal nach Freiham zu Herrn Grafen v. Yrsch usw., wurde allenthalben freundlich aufgenommen und überall bereitwillig in allen Ställen herumgeführt.

Damals erlebte er auch ein kleines Abenteuer, welches nach seiner Erzählung folgenden Verlauf hatte:

Einmal nämlich, als er in der alten Pinakothek das jüngste Gericht betrachtete, welches wir dem berühmten Rubens verdanken, zupfte ihn plötzlich eine zarte Hand an der Joppe, und als er sich nach ihr umgekehrt, stand eine junge, sehr hübsche Engländerin vor ihm, eine Malerin, vielleicht die erste, die den später oft wiederholten und wohl meist gelungenen Versuch wagte, als unerfahrenes, aber liebenswürdiges Mädchen allein durch Europa oder wenigstens durch unser Land der frommen Sitte zu pilgern. Sie lächelte ihn schalkhaft an und fragte in ziemlich gutem Deutsch, ob er nicht ein Mitglied jener wilden Jägerstämme sei, welche sich noch im bayerischen Hochgebirge herumtrieben.

Florian erwiderte hierauf, er sei zwar schon ziemlich zahm und eigentlich ein Tiroler, habe aber der guten Nachbarschaft halber doch nichts dagegen, wenn sie ihn jenen interessanten Stämmen beizählen wolle.

Die britische Pilgerin war nun sehr froh, endlich gefunden zu haben, was sie schon seit ihrer Ankunft in Süddeutschland ängstlich gesucht hatte, und drückte dem wilden Jäger gar freundlich die Hand. Dann gingen sie noch etliche Säle durch und sprachen immer ganz verbindlich miteinander, bis sich die junge Dame ihm gegenüberstellte, ihn ungemein wohlwollend musterte und ihm erklärte, daß er bereits ihr volles Vertrauen genieße; er sehe so alpester, so idyllisch und arkadisch, so vorzeitlich, so urweltlich aus, daß sie sich in seiner ehrenhaften Gesinnung, mit der gewiß eine hohe Achtung des schwächeren Geschlechts verknüpft sei, wohl nicht täuschen könne und ihn daher ersuche, sie ins Hofbräuhaus zu führen.. Es sei nämlich im ganzen britischen Reich keine Örtlichkeit der Hauptstadt München so bekannt und so berühmt, wie diese, und auch sie sei nur zufällig vorher im die Pinakothek geraten, denn unter den englischen Touristinnen gelte es als Regel, vor allem ins Hofbräuhaus und dann erst in die artistischen Sammlungen zu gehen, weil nur dort die richtige Stimmung und Anlage für einen längeren Aufenthalt in München zu schöpfen sei.

Der junge Tiroler war natürlich sofort bereit, ihr den gewünschten Ritterdienst zu leisten, und so fuhren sie denn auch bald in einer Droschke vor dem Hofbräuhause an.

Unterwegs hatten sie auch ihre Namen, sowie die der beiderseitigen Wohnorte ausgetauscht und Florian dabei erfahren, daß seine neue Freundin sich Miß Lukrezia Johnson nenne und aus Carlisle, der berühmten Stadt in der englischen Grafschaft Cumberland herrühre. Als sie aber das Ziel erreicht, sprang der junge Mann sogleich heraus, geleitete Albions blonde Tochter an eines der Tischchen, die dort unter dem Holzdach stehen, und bat sie, sich da ruhig niederzulassen und zu verweilen, bis er wieder käme.

Er setzte dann über etliche jener Pfützen, welche den Eintritt ins Heiligtum zwar erschweren, aber doch nicht unmöglich machen, und eroberte sich in heißem Kampfe mit der drängenden Menge zwei frische Maßkrüge, die er jedoch nicht in Sicherheit bringen konnte, ohne vorher von allen Seiten beschüttet zu werden.

Endlich kam er, ziemlich angenetzt, wieder bei seiner Dame an, die ihm aus ihrem Kruge sehr artig Bescheid tat und dann mit ihm und den anderen Gästen, welche sich herangezogen (Studenten, Stenographen, jungen Genremalern), ganz anmutig zu plaudern wußte.

Endlich gab sie das Zeichen zum Aufbruch und erhob sich, aber da sie die langen Bänder ihres Hutes über die Stuhllehne hatte in die nächste Tischgenossenschaft hineinhängen lassen, so war nicht zu verwundern, daß sich ein anderer Zecher, der ihr rückwärts saß, darauf gelegt. Als sie aufstand, rissen daher die Bänder, wie nicht anders zu erwarten, und wären langsam zu Boden geflattert, wenn sie nicht Florian behende aufgefangen hätte, jedoch nicht um sie der britischen Jungfrau zurückzustellen, sondern um sie als ein freudiges Angedenken an diese trauliche Stunde für sich zu erbitten – eine Bitte, die ihm auch sofort gewährt wurde.

Miß Lukrezia Johnson aus Carlisle zeigte sich aber über diesen Unfall gar nicht ärgerlich, sondern zitierte ganz heiter den Ausspruch eines deutschen Dichters, daß man nicht ungestraft unter Palmen wandle.

Florian hielt es nun für seine Pflicht, dem liebenswürdigen Mädchen auch die innere Halle, vielmehr die niedere, drückende Stube zu zeigen, welche als das Elysium der bayerischen Trinker betrachtet wird. Dort saßen alle Tische voll, und in den engen Gängen, die sich dazwischen hinschlängeln, standen die biedern Zecher Mann an Mann, so daß weiteres Vordringen, wenigstens einer Dame, nicht möglich war. Miß Lukrezia bemerkte übrigens, ohne von Florian darauf hingewiesen zu werden, daß die Stube sehr übel roch, daß sie voll Tabaksqualm, daß die Tische alle naß und in der schwebenden Flüssigkeit schon viele Rettichscheibchen und Zigarrenrestchen ertrunken waren, daß der Boden ebenso schmutzig als die Tische, und das Ganze auf einen edleren Sinn sehr niederschlagend wirke.

Sie verließ die Stube mit gerümpftem Näschen; als sie aber auf dem Platzl (jetzt heißt es Plätzchen) standen, sagte sie ihrem Begleiter, es seien doch allem Anscheine nach wilde Jägerstämme, die in dieser sonst nicht unschönen Stadt die Herrschaft an sich gerissen hätten und ihr Wesen trieben, etwa wie die Hyksos in Ägypten; überhaupt verstehe sie nicht recht, was sie sehe. Was müsse man von den Bajuvaren denken, daß sie den Ort, der gewissermaßen, wie der Tempel Salomonis, ein nationales Heiligtum sei, zum Gelächter und Spott der Fremden fast aussehen lassen, wie einen italienischen Cesso. Wenn man für andere Anstalten, die doch dem Genius des Volkes viel ferner lägen, für Bilder- und Büchersammlungen, so kunstreiche Bauten aufführe, warum nicht auch für ein unentbehrliches Gambrineum? Warum nicht hierher eine hohe, prachtvolle, eines solchen Namens würdige Halle? Wozu die Glasmalerei erfinden, wenn man sie hier nicht anwenden wolle? An die Wände schöne Fresken aus der bayerischen Geschichte (allerdings etwas bessere, als jene im Nationalmuseum), der Boden ein sinnreiches Mosaik, die Tische von Ettaler Marmor. – Wenn die Kunst die Menschen veredelt, darf sie nicht auch diese veredeln?

So sprach sie noch längere Zeit fort, obgleich sie die Sache eigentlich gar nichts anging, bis ihr Florian sehr artig erklärte: die Kritik dieser Ausstellungen müsse er den Münchnern überlassen; wenn sie eine Abhilfe anstrebe, so möge sie sich an die maßgebenden Kreise, vielleicht gar an den gekrönten Kunstfreund wenden, an König Ludwig I. (welcher damals gerade regiert zu haben scheint). Dieser sei jungen Engländerinnen immer gewogen gewesen und werde sicherlich tun, was er nicht lassen könne.

Nachdem er sie mit solchen Worten beschwichtigt hatte, bot er ihr seinen Arm und fragte, wohin er sie geleiten dürfe. Sie erklärte hierauf, daß sie im Bayerischen Hofe abgestiegen sei, und Florian führte sie demgemäß durch die Pfistergasse, das Schrammer- und das kümmerliche Fingergäßchen, welch letzteres endlich seine längst ersehnte Urstände als prächtige Maffeistraße gefeiert hat, vor die Pforten jenes Hotels. Unterwegs hatten sie aber noch allerlei zu besprechen. Lukrezia fragte z. B., wo denn seine Cottage, sein Chalet oder, nachdem sie endlich das deutsche Wort gefunden, sein Alpenhäuschen stehe, ob er einen hübschen Gletscher in der Nähe habe, wie viele Gemsen er besitze usw. Endlich wollte sie auch wissen, ob in dortiger Gegend nichts zu malen sei. Florian konnte diese Frage allerdings bejahen, meinte aber mit zarter Rücksicht auf gewisse Beziehungen, sie ginge besser nach Hopfgarten oder gar nach Kitzbühel zur Frau Tiefenbrunner, welche zwar das Frauenvolk im allgemeinen nicht recht zu schätzen, aber desto besser zu speisen wisse. (Das englische Mädchen scheint diese Vorschläge auch getreulich befolgt zu haben, da sie bald darauf in Hopfgarten und Kitzbühel, auch auf der hohen Salve gesehen wurde und zuletzt sogar etliche Wochen in Maria-Stein verweilte). Endlich ersuchte ihn das britische Fräulein noch, ihr ein freundliches Gedächtnis zu bewahren, was er, gleiches erbittend, sehr gerne versprach. Dann schieden sie mit verbindlichem Händedruck unter dem Torweg des Bayerischen Hofes, wobei ihr der Florian noch aus seinem Knopfloche ein kleines Sträußchen Edelweiß verehrte.

Nachgerade ist aber vor einem Irrtum zu warnen, der dem Urteil über unsern Florian leicht gefährlich werden könnte, und zwar vor der irrtümlichen Annahme, er habe in der bayerischen Hauptstadt sich nur zu zerstreuen und die Passion zu Erl oder das bittre Leiden Jesu Christi möglichst zu vergessen gesucht, denn es ist wirklich nur das Gegenteil zu berichten. Auf Schritt und Tritt ging ihm nämlich die herrliche Rosi nach – sie war sein liebstes Sinnen und Denken – und als er einst einsam im Spatenkeller saß und sehnsüchtig ins Gebirge sah, da war es ihm, als hebe sich aus der stillen Sewi ihr teures Bild über die Berge empor und werfe ihm mit lieblichem Lächeln drei Alpenrosen in den Schoß.

Indessen erlebte er nicht immer nur »Wache Träume«, wie sie der rühmlichst bekannte Dichter Balthasar Hunold zu Innsbruck einst träumte und jetzt in fünfter vermehrter Auflage erscheinen ließ, sondern er widmete den schwierigen Beziehungen, die zwischen ihm und dem Mädchen entstanden waren, auch viele nüchterne, gedankenreiche Stunden.

Zu seiner Ehre muß vor allem festgestellt werden, daß er den Schaden, den er der armen Rosi getan, viel, viel geringer anschlug, als er wirklich war; hätte er geahnt, daß das Mädchen aus der Passion fast sterbenskrank nach Hause gekommen, so wäre sein Handeln wahrscheinlich viel rascher und entschiedener gewesen, als es sich so gestaltete.

Als sicher nahm er übrigens an, daß die Stimmung, die die arme Rosi zu jenen bösen Worten vor der Passion verleitet, von der Unvorsichtigkeit des Valentin Hinterbichler ausgehe, aber er war billig genug, seinen Jugendfreund deshalb nicht übermäßig zu belasten. »Hätt' ich's ihm nicht gesagt,« meinte er, »hätt' er's ihr nicht gesagt!«

Auch meinte er jetzt, wie sich von selbst versteht, das Leben in der Sewi doch etwas zu strenge aufgefaßt zu haben; sich malen lassen, die Germania vorstellen und am Tage der Leipziger Schlacht, deren Bedeutung auch ihm nicht unbekannt, etliche Verslein sagen, das konnte wahrhaftig mit der höchsten Reinheit der Seele Hand in Hand gehen.

Und der Valentin, der doch dort wie zu Hause, hatte im Hirschengarten seine Auffassung ja auch nicht unterstützt, sondern eher dagegen geredet.

Daß ihn die Rosi vor dem gesamten Volke in so ungewöhnlicher Weise bloßgestellt, das ging ihm eigentlich am wenigsten nach; ihm war es gerade ein Zeichen ihres Ehrgefühls und ihrer Unschuld. Sie konnte nicht anders!

Aber was nun? Die Rosi wußte, wie er von ihr denke, vielmehr gedacht habe – das was sie wußte, das mußte zurzeit wohl auch schon ihre ganze Familie wissen. Daß er jetzt die Sache anders nehme – wie konnte er's ihnen kund tun? Und ehe dies geschehen, war's doch sehr gefährlich, sich als Freier zu melden. Wie leicht hätte man ihm auf sehr unliebsame Art die Türe weisen können? Nun wissen wir zwar, daß er immer sehr viel auf einen ordentlichen Brief gehalten, allein sich jetzt an die Rosi oder ihren Vater schriftlich zu wenden, das wollte ihm doch auch nicht ratsam dünken.

So entdeckte er denn bei allem Nachdenken keinen Weg, der ihn aus diesem Wirrsal hinausführen konnte, und so glaubte er zuletzt alle Weisheit in einem alten Spruche zu finden, in dem Spruch: Kommt Zeit, kommt Rat!

XI.

Des Hechenplaickners Rößlein trabten an jenem Abend zwar munter nach Hause, und das Wägelein rollte wohl lustig dahin, aber die, die darinnen saßen, waren traurig und betrübt. Seit sie eingestiegen, schienen sich alle das tiefste Schweigen auferlegt zu haben; nur der Vater ergriff einmal, als sie unten an der Kirche von Niederndorf vorbeifuhren, das Wort und sagte zu Rosi:

»Aber was ist denn das heute gewesen? was hast denn du mit dem Florian?«

Die Rosi antwortete aber weich und bittend:

»O Vater, frag' mich nur heute nicht, denn ich kann dir nichts sagen. Ich bin schwach und krank und möchte sterben!«

Der Vater schwieg, und das Wägelein rollte in der Dämmerung lustig dahin.

Als es vor der Heimat stille hielt, kam die Wirtin, und zwar, da die Nacht schon eingebrochen, mit dem Lichte heraus und rief fröhlich:

»Nu, ist's recht schön gewesen? Hat's euch gefallen?«

Sie erhielt keine Antwort und leuchtete daher neugierig, aber doch besorgt in das Wägelein hinein. Da ersah sie der Rosi totenbleiches und ihres Mannes kummervolles Haupt und rief trostlos:

»Ja, mein Gott, was ist denn geschehen?«

»Nichts Gutes!« sagte der alte Hechenplaickner. »Das erste ist, daß die Rosi ordentlich herauskommt. Das Mädel ist bissen worden.«

»O Jesus, Jesus, Jesus!« rief die Mutter im größten Schrecken – »bissen worden? von einem wütigen Hund?«

»Man weiß noch nicht von wem.«

Weitere Fragen blieben vorderhand unbeantwortet, denn der Vater und der Lorenz, der vom Bocke gesprungen, gingen nun daran, die Rosi aus dem Wagen zu heben, was auch ganz gut gelang. Aber auf dem Boden konnte sie nicht stehen und sie mußten sie in den Armen halten.

»Tragt mich nur gleich hinauf ins Bett,« sprach sie mit schwachem Tone und gab den beiden Schwestern noch die Hand. Der Vater und der Bruder faßten sie sanft und sorgfältig an, trugen sie über die Stiege hinauf und legten sie auf ihr Lager. Da reichte sie auch ihnen noch die Hand, dankte und wünschte ihnen gute Nacht. Die Mutter blieb gleich bei ihr, nahm ihr das Gewand ab und legte einen Verband auf die Wunde, was sie in ähnlichen Fällen schon öfter geübt hatte und meisterlich verstand. Dann ließ sie eilig ein Feldbett aufschlagen, um auch in der Nacht bei der Tochter zu sein und ihrer warten zu können. Als die Leidende hinlänglich gepflegt und das Krankenzimmer eingerichtet war, kam aber der Mutter die Neugierde und die Sorge wieder und sie sprach:

»Aber, Rosi, was ist's denn heute gewesen? wie ist denn das gekommen?«

Worauf die Rost weich und bittend antwortete:

»Mutter frag' mich nicht, denn ich kann nichts sagen. Ich bin schwach und möchte sterben!«

Die Mutter suchte zu trösten und sie mit milden Bitten zum Reden zu bringen, aber das Mädchen war wirklich schwach und schlief bald ein.

Die Verletzung war übrigens nicht unerheblich, sondern so bedeutend, daß am andern Morgen ein Wundfieber eintrat. Die Kranke fing zu phantasieren an und sprach im Traum; die Mutter horchte aufmerksam auf jedes Wort, das sie flüsternd hören ließ. Der Fieberwahn schien aber, da sie oftmals dazu lächelte, ganz angenehmen Inhalts zu sein und der Held desselben kein anderer als – der Florian von Langkampfen, doch nicht als Gegner, sondern als Freund und als Geliebter.

»Kommst endlich, du böser! – ein Jahr lang hast mich warten lassen – heut' bin ich die Germania – schau nur, wie schön ich bin – o, daß du nur heute da bist – aber bald mußt wieder kommen – bald – bald bald. – Oder bleib lieber gleich bei uns –«

Der Mutter war es ein großer Trost, daß wenigstens die Bilder, die der Tochter vorschwebten, nicht wild und schrecklich, sondern freundlich und anmutig waren. Sie lauschte und lauschte und jedes Wort gab zu erkennen, daß sich die Rosi nur mit dem Florian beschäftige, aber gerade in dieser Beschäftigung sich sehr glücklich fühle.

Gegen Mittag, als der Fieberwahn vergangen, schaute die Rosi ihre Mutter liebreich an, reichte ihr die Hand und sagte:

»Hast wohl viel Elend mit mir! o Mutter, Mutter, ich bin himmelhoch heruntergestürzt und jetzt schwer krank. Ich weiß nicht, ob mir das Herz noch bricht, oder ob ich wieder aufkomme und dir wieder helfen kann in der Hauswirtschaft. Und nur eines bitt ich dich – laß mich nichts mehr hören und nichts mehr wissen von der Welt und keinen Namen darfst mir nennen und fragen darfst mich nichts, sonst könnt' ich sterben. Vielleicht geh' ich ins Kloster, wenn ich's besser überlegen kann. Am liebsten wär ich im Himmel oben!«

Frau Hechenplaickner war schmerzlich betroffen von diesen Reden. Daß das schöne Mädchen, ihre Lieblingstochter, der sie nach allen ihren Vorzügen ein Leben voll Glück und Freude vorausgesagt, nun selbst jede Hoffnung einer bessern Zukunft aufgegeben hatte und bereits ans Sterben dachte oder sich in den Frieden eines Frauenklosters zurückziehen wollte – das ging ihr tief zu Herzen. Wenn sie allein war, weinte sie fast immer, aber die Tochter ließ sie ihre Traurigkeit nicht merken.

Diese aber überstand in ihrer Jugendkraft auch ihre Leidenstage und war nach einiger Zeit wieder so weit genesen, daß sie in den Garten gehen und dort etliche Stunden verweilen konnte. Auf geselligen Umgang ließ sie sich jedoch noch gar nicht ein. Sie bat wiederholt und dringend, doch alle ihre jungen Freundinnen aus den nächsten Bauernhöfen, die so gerne gekommen wären, von ihr fern zu halten; »Mannsbilder« wollte sie noch weniger sehen.

Mit ihren Geschwistern war sie sanft und gut, sprach aber auch mit ihnen nur, was eben nötig war. Dagegen schien ihre Dankbarkeit für die Mutter täglich zuzunehmen, und wenn sie dem alten Vater begegnete, so gab sie ihm immer eine Patschhand und fragte freundlich, wie es ihm gehe. Dieser setzte sich auch manchmal zu ihr in den Garten, und dort sprachen sie von den Äpfeln und den Birnen, die damals wuchsen, von dem Türken und dem befürchteten Futtermangel, aber niemals von dem Florian.

Die Geschäfte, die ihr sonst als Schenkin in der Herrenstube obgelegen, hatte indessen die Marie, ihre Schwester, übernommen, welche damals ins zwanzigste Jahr ging und in jene höhere Stellung, wie bereits erwähnt, schon längst vorzurücken gewünscht hatte. Der Rosi wurde daher in diesen Tagen keine Arbeit zugemutet, und sie verlangte auch nicht danach.

Ehe aber die Rosi in den Garten ging, nämlich in den ersten acht Tagen nach der Passion zu Erl, kehrte in dem stillen Wirtshause der Sewi ein reges Leben ein, welches jedoch von dem Mädchen kaum beachtet wurde. Teilnahme oder Neugierde, der Trieb, einen guten Rat zu geben, sich aufzudrängen und etwas drein zu reden, sie führten jetzt an jenen einsamen Ort so manchen Gast, der schon lange nicht mehr dort gewesen war. Das Herrenstübel stand selten leer, aber auch in der Bauernstube war der Besuch jetzt lebhafter als zuvor. Jeder wackere Landmann und Familienvater, der des Weges kam, wollte der Bäuerin daheim und seinen Töchtern etwas aus der Sewi bringen, und jeder war daher beflissen, von den Weiberleuten, denn mit dem Vater war nichts zu richten, sich etwas erzählen zu lassen.

Allerdings war es nicht so schwierig, jetzt in der Sewi einige Neuigkeiten auszulesen. Die Geschichte der letzten Tage war von der Mutter gedeutet und enträtselt worden. Diese hielt es nämlich für ihre Pflicht, dem Vater und den älteren Geschwistern alles mitzuteilen, was ihr die arme Rosi anvertraut hatte, also vor allem den schlimmen Verdacht und die üblen Nachreden, die der Valentin aus dem Hirschengarten mitgebracht. Jetzt verstanden sie alle, warum die Rosi den Florian in der Passion zur Rede gestellt, vielmehr ihn ausgescholten hatte. Sie waren auch alle der Meinung, daß sie ganz recht getan; namentlich sprach der Vater öfter mit Nachdruck seine Billigung aus.

Die Mitteilungen der Mutter verursachten aber auch eine große Aufregung. Zumal der Lorenz war in den ersten Tagen ganz unbändig und verlangte vom Vater nur immer einen guten Rat, ob er den Florian auf dem nächsten Markte mit dem Messer niederstechen oder mit dem Prügel totschlagen oder mit dem Terzerol erschießen solle.

Der Vater selbst aber mahnte ihn dringend, ja nichts Unrechtes zu beginnen. Was man immer tun wolle, es könne nur vor Gericht geschehen.

Über ein wackeres junges Kleeblatt, das mit dieser Geschichte nur in sehr losem Zusammenhang stand, brachte dieselbe gleichwohl einige unangenehme Stunden. Der nachteilige Einfluß, den die deutsche Malerei auf der Rosi guten Ruf und ihre Aussichten in die Zukunft geäußert hatte, rächte sich jetzt auch an deren damaligen Vertretern in der Sewi, obgleich diese erst einige Wochen dort waren und an dem früheren Gerede keine Schuld trugen. Sie fanden, und mit Recht, daß der Wind plötzlich umgeschlagen war.

»Wenn die Maler nicht wären, hätte die Rosi jetzt den Florian!« sagte die Mutter einst im Herrenstübel, und diese Worte blieben nicht unbeachtet. Die Maler schnürten ihre Bündel, zahlten ihre Rechnung und gingen davon. Da man ihnen aber nichts Übles nachzutragen hatte, so war der Abschied doch ganz freundlich, ja von seiten der Marie und der beiden andern Töchter sogar recht herzlich. So kam man in allen Ehren auseinander.

Von den Dreien, die damals wanderten, war übrigens der eine aus Apenrade, der andere aus dem Riesengebirge, der dritte aus dem bayerischen Walde. Der erste hatte Tannenbäume, der zweite Felsenwände, der dritte Wasserstürze gemalt.

Die häufigen Gäste, die damals in die Sewi kamen, nahmen aber nicht nur die Neuigkeiten mit, sondern sie trugen auch manche herbei, die leider nicht alle ergötzlich waren. Am andern Tage gegen die Vesperzeit brachte z.B. der Maurerseppel von Durchholzen die Kunde, wer der gewesen, der die Rosi verwundet. In der Sewi hatte man bis zu jener Stunde noch keine Ahnung davon.

»Was,« sagte der Maurerseppel, als er dies bemerkte, »das wißt ihr nicht? Da seid ihr aber noch weit zurück!«

»Nu, wer ist's denn gewesen?« fragten alle, auch die Mutter, die eben von der Rosi, welche schlief, herabgekommen war.

»Nu, wer denn anders als der Florian von Langkampfen?« sagte der Maurerseppel lachend.

Die andern konnten diese Mitteilung nicht so erheiternd finden; sie sahen sich vielmehr mit erstaunten, aber ernsten Augen an.

»Und woher weiß man's denn?« fragte Marie, die Schwester.

»Das haben wir gestern im Wirtshaus zu Erl herausgebracht. Da ist der Geometer gewesen und hat gleich so einen Plan – wie sagt man denn? – so einen Stationsplan aufgezeichnet –«

»Situationsplan!« verbesserte die Marie, welche, wie man daraus ersieht, im Umgang mit den Mappierern schon einiges gelernt hatte.

»Nu ja, halt so einen Plan,« fuhr der Seppel fort, »von der dritten, der vierten und der fünften Bank und hat alle Leut' neingeschrieben, die da gesessen sind. Die sind uns glücklicherweis' noch alle eingefallen, eines nach dem andern. Und da hat sich herausgestellt, daß in derselbigen Gegend lauter junge Mädeln und Weiberleute gesessen sind und nur drei Mannsbilder, der Vater, der Lorenz und der Florian. Jetzt haben wir's schon, hat der Geometer gesagt, jetzt rechnet sich's ganz madamatisch raus; die Weiberleut, die beißen nicht – der Vater und der Bruder auch nicht, also muß es der Florian gewesen sein! Na, was wir gelacht haben!«

Des Maurerseppels Heiterkeit wirkte diesesmal nicht ansteckend. Vielmehr trieben seine letzten Worte die Zuhörer alle auseinander. Der Vater ging grimmig ans Fenster, die Marie mit den Schwestern ins Herrenstübel, der Lorenz in den Stall. Nur die Mutter hielt stand und mußte sich von dem unfeinen Gaste noch sagen lassen:

»Aber närrisch, warum fragt ihr denn die Rosi nicht? die muß es ja doch am besten wissen.«

»Wir wissen nicht, ob sie es weiß,« entgegnete die Mutter schmerzlich. »Und fragen darf man sie nicht; wenn man sie fragt, so stirbt sie.«

»Die wird aber alle Tage feiner, und jetzt dürfte sie's doch bald wohlfeiler geben!« sagte der Maurerseppel in einer Art, die leider sehr höhnisch klang. »Und wenn sie jedesmal sterben muß, so oft man sie etwas fragt, da hat sie wohl viel zu tun.« Da die Mutter kein Wort mehr sprach, sondern sich beleidigt an einen andern Tisch setzte, so wünschte er bald einen guten Abend und ging seiner Wege.

Des Maurerseppels Erscheinung hatte keinen angenehmen Eindruck hinterlassen, aber von dem Kelch, den er zuerst gereicht, sollte die Familie leider noch öfter trinken.

Es kamen nämlich gerade in den nächsten Tagen die Basen und die Gevatterinnen wie die Tattermännlein ( Samandra maculata L.) nach dem Regen aus allen Winkeln hervorgebrochen, um der betrübten Mutter angeblich einigen Trost zu bringen, eigentlich aber doch mehr um sie gründlich zu unterrichten, wie allenthalben, so weit man von der Sewi rede, über die arme Rosi gelacht werde. Manche brachten auch die schalkhaften Bemerkungen und die witzigen Einfälle mit, die sie da und dort in diesem Betreffe aufgelesen hatten. Ihrer war bald eine große Zahl.

Wenn die Mutter so die Lächerlichkeit betrachtete, der ihre vor wenigen Tagen noch so angesehene, sogar für stolz gehaltene Tochter und mit ihr die ganze Familie verfallen war, so überkam sie ein tiefes Herzeleid. Dies gab sie mitunter auch deutlich zu erkennen, aber ihre Freundinnen zeigten nicht viel Teilnahme an ihrem Kummer.

»Er soll sie nur heiraten,« sagten sie immer lustig und wohlgemut, »dann ist das ganze Gelächter vorbei.«

Dieser Ausgang wäre der Frau Hechenplaickner wohl auch der liebste gewesen, aber sie konnte ihn jetzt nicht mehr für möglich halten. Jedenfalls lag es nicht in ihrer Macht, ihn herbeizuführen oder auch nur ihn näher zu rücken.

XII.

Trübselig war auch der alte Hechenplaickner, aber er hüllte sich nicht in stille Entsagung ein, sondern dürstete nach Rache. Irgend etwas mußte geschehen, um den Frevler zu demütigen. Bald erhielt er in diesem Trachten auch Rat und Hilfe. Damals liefen nämlich im Land Tirol noch in genügender Zahl jene »Agenten« herum, welche meistens verunglückte Studenten und emporgekommene Schreiber waren, mitunter etwas bedenkliche Subjekte, die dem Bauern in seinen rechtlichen Bedürfnissen beistanden, ihm hie und da eine nutzlose Schrift verfertigten, die Kauf- und Eheverträge entwarfen usw. Wie die Landleute den »Bauerndoktern« durchschnittlich vor den studierten und promovierten Ärzten den Vorzug geben, so genossen damals auch diese Landfahrer vielfältig mehr Vertrauen, als die gediegenen, tief studierten Rechtsanwälte in der Stadt, zu denen der Bauer auch meistenteils sehr weit zu gehen hatte, während ihm jene Rechtsfreunde ihren Beistand selbst ungerufen ins Haus brachten.

Als nun das Unglück, von dem wir schon so viel gesprochen, in den nächsten Tagen ruchbar geworden, und zwar am dritten Tage danach, erschien schon einer dieser Nothelfer, den wir, da sein Name nicht überliefert ist, der Kürze halber Ulpianus nennen wollen. Er kam dem alten Hechenplaickner wie gerufen, wurde von diesem mit biedrem Handschlag aufgenommen und da es Mittag war, auch sogleich mit einem »Geröstel«, einigen Würstchen und mit rotem Wein bewirtet.

Er hatte sich aber kaum standesmäßig gelabt, als auch schon ein zweiter – Modestinus soll sein Name – und nach diesem ein dritter – Papinianus – zusprach. Das juridische Kleeblatt hatte sich nämlich beim Wirte der Sewi ein Stelldichein gegeben, denn die traurige Lage dieses Ehrenmannes sei, wie sie sagten, für redliche Leute des Faches eine dringende Aufforderung, ihm alle ihre Kenntnisse zur Verfügung zu stellen.

Der alte Hechenplaickner war über so viele Teilnahme innerlich sehr gerührt, ließ aber, wie es seine Art, von dieser Rührung äußerlich wenig merken, sondern bestellte auch für Modestinus und Papinianus ein anständiges Mittagsmahl mit einer Halben Wein.

Nachdem Hunger und Durst gestillt waren, zeigten sich die drei Praktiker sofort bereit, in die Verhandlung einzutreten und draußen im stillen Garten ein Konsilium zu bilden, bei welchem auch Vater Hechenplaickner Sitz und Stimme haben sollte. Sie setzten sich also alle an einen großen Tisch, der unter einem alten Apfelbaume stand, wo ihnen jener in lakonischer Kürze die Vorgänge des Samstags und des Sonntags mitteilte, die kränkenden Nachreden, die der Valentin Hinterbichler hergebracht, die Art und Weise, wie seine Tochter dafür Rache genommen und was sich dann weiter begeben.

Hierauf begannen die Beratungen, welche in der Tat mit aller Schonung für den schwergeprüften Vater gepflogen wurden, wie denn überhaupt diese drei Ratgeber – die Wahrheit zu sagen – von der besseren Gattung und dem Hechenplaickner aufrichtig zugetan waren, auch aus diesem Handel nicht mehr Vorteil zu ziehen gedachten, als die Rechtsgelehrten überhaupt aus solchen Sachen zu ziehen pflegen.

Ulpianus, welcher seine Stimme als der älteste zuerst abgab, meinte nun nicht mit Unrecht, die verleumderischen Ausstreuungen des Wirtes von Langkampfen würden besser außer Frage bleiben. Sollte ihretwegen Klage gestellt werden, so läge es dem Gegner sehr nahe, auch wegen des Schimpfes, den ihm die Rosi vor allem Volke zugefügt, den gleichen Schritt zu tun. Das wäre aber sehr bedenklich, denn in diesem Streite stünde ihm der Sieg wohl in sicherer Aussicht, wenn er auch in dem andern wahrscheinlich unterliegen würde. Es wäre daher geratener, das hohe Richteramt nur wegen jenes Vorfalles in Anspruch zu nehmen, welcher die Rosa Hechenplaickner aufs Krankenlager geworfen. Übrigens sei auch der Charakter des Gegners in Rechnung zu ziehen. Eine Klage auf Schmerzensgeld und Abbitte wegen jener Tatsache würde der Florian lediglich als ein Mittel ansehen, das die Ehre der Familie retten solle und ihr von der öffentlichen Meinung gleichsam aufgedrungen sei; er würde sich in die Notwendigkeit ergeben und die Klägerin sofort klaglos stellen.

Modestinus und Papinianus fanden diese Ausführung sehr wohl begründet und auch der alte Hechenplaickner trat ihr bei. Das Schmerzensgeld wurde dann nach längerer Debatte auf dreihundert Gulden angesetzt, wobei die Rechtsgelehrten allerdings ihre Zweifel aussprachen, ob der Richter auf eine so hohe Forderung eingehen werde. Der Vater hätte freilich gerne dreitausend Gulden verlangt, aber in der Tat nicht um sich zu bereichern, sondern nur aus Durst nach Rache.

Ulpianus erklärte dann, wie er sich die Klageschrift denke und gab dabei ihren Inhalt fast wörtlich an. Papinianus, welcher der jüngste war und die schönste Hand schrieb, erbot sich sofort, sie eigenhändig zu Papier zu bringen, was den andern ganz angenehm erschien. Er zog sich dann, um ungestört zu sein, in das Gartenhäuschen zurück und verfaßte dort nach Ulpians Ideen eine Klageschrift, deren Kürze jetzt noch gerühmt wird. Freilich hatten diese unstudierten Rechtsgelehrten, wie es öfter auch den studierten begegnet, einen wesentlichen Punkt übersehen, und wird dies Gebrechen erst später ans Licht treten, wenn einmal die Klage zur gerichtlichen Verhandlung kommt.

Modestinus, welcher sich gewöhnlich in Zell bei Kufstein aufhielt, übernahm es, die Schrift beim k. k. Landgericht einzureichen, und erhielt dort für den Thomas Hechenplaickner, Wirt in der Sewi, und seine Tochter Rosa eine Ladung auf den siebenten August desselben Jahres, welche er jenem ohne Verzug behändigte.

Es darf wohl hervorgehoben werden, daß die drei Rechtsfreunde dem trübsinnigen Wirt in diesen Tagen ehrlich und treu zur Seite standen. Sie hatten wirklich Mitleiden mit ihm und suchten ihn aufrecht zu erhalten und zu stärken, so viel in ihren Kräften lag. Er ließ auch bei ihrem Erscheinen immer gleich eine Halbe Wein auftragen und trank dann selber einen Tropfen mit. So kam denn jeden andern Tag einmal Ulpianus, Modestinus oder Papinianus in den Heimgarten. Am Abend vor dem Verhandlungstage aber erschienen alle drei miteinander, um die ganze Sache noch einmal durchzusprechen. Sie versicherten dem Wirte, es könne nicht gefehlt sein – er solle nur mit aller Hartnäckigkeit auf seinen Ansprüchen, dem Schmerzensgeld und der Abbitte, bestehen und weder dem Herrn Landrichter noch dem Beklagten im mindesten nachgeben. Seie er standhaft und tapfer, so werde er als Sieger zurückkehren, im andern Falle aber ausgelacht werden in alle Ewigkeit.

Diese traurigen Tage wirkten leider auch zerstörend auf den innern Verkehr der gedrückten Familie. Der Vater hatte die Sprache beinahe ganz verloren. Er redete nur noch mit seinen Rechtsbeiständen, etwa auch, wie schon angeführt, ein Viertelstündchen mit der Rosi, mit den andern Kindern aber und mit der Frau fast gar nichts mehr. Diese verfolgten wohl alles, was vorging, mit neugieriger Spannung, aber sie getrauten sich nicht zu fragen, was denn im Werke sei, und den drei Schriftgelehrten hatte der Vater bei seiner Ungnade verboten, ihnen irgend etwas zu verraten. So mußten sie also von fremden Leuten, von den Gästen, zuerst vernehmen, daß am siebenten August beim k. k. Landgericht in ihrer Sache die Verhandlung sei.

Als die Wirtin von diesen Dingen hörte, überlegte sie lange, ob sie ihre Tochter nicht auch etwas wissen lassen solle, allein diese hatte sie erst in den letzten Tagen wieder dringend gebeten, ihr doch nichts von der Welt zu erzählen, bis sie sich mit ihren Klostergedanken endgültig auseinandergesetzt. Und so schwieg die Mutter.

Am siebenten August des Morgens hatte sich der alte Hechenplaickner, wie es dort der Brauch ift, wenn angesehene Personen zu Gericht gehen, in seinen Feiertagsstaat geworfen und war dann um sieben Uhr zum Erstaunen aller Hausgenossen, ernst und schweigsam die Stiege hinaufgegangen und in den Gang getreten, wo man damals zu der Rosi Stube ging. Er pochte und schritt, nachdem er ihre Stimme vernommen, ruhig an das Lager, welches sie noch nicht verlassen hatte.

Nachdem er ihr einen guten Morgen gewünscht und sich freundlich nach ihrem Zustande erkundigt, begann er:

»Wie's halt geht, Rosi, heute müssen wir vor Gericht.«

In diesem Augenblicke wäre nicht leicht eine Botschaft zu erdenken gewesen, die die Rosi mehr überrascht hätte.

»Vor Gericht?« rief sie erschrocken aus, »ich?«

»Ja, du und ich.«

»Ja, um Gottes willen, Vater, was ist denn das? Vor Gericht? Warum?« »Du wirst's dort hören.«

Dieser geheimnisvolle Ton erhöhte noch die Angst, welche die arme Rosi ohnedem schon bedrängte. Verzweiflungsvoll erhob sie sich von dem Lager und richtete sich auf – ein herrlicher Anblick für jeden, der ihn etwa hätte genießen dürfen, da die wallenden Haare und die leuchtenden Augen, der schöne Leib und die nackten Arme ein wundervolles Bild herstellten, wie es vielleicht noch nie gemalt worden ist. In Verzweiflung faltete sie die Hände und rief heftig und wild:

»Vater, was tu ich vor Gericht? Hat mich der Florian verklagt?«

»Du wirst's dort hören! Um acht Uhr bist du fertig; dann hol' ich dich.«

Damit ging er und zog den Schlüssel der Stube ab, damit kein Verkehr zwischen ihr und den andern stattfinden könne.

Und während er auf dem Gange sprach: »Anders geht's nicht!« jammerte sie in der Stube: »O wäre ich doch im Himmel droben!«

Es dauerte wohl einige Zeit, bis die Rost sich wieder gefaßt hat. Dann aber begann sie ihr Gewand anzulegen und um acht Uhr, als sie damit zu Ende war, trat der Vater ein und holte sie.

Unten aber stand der Einspänner schon bereit. Sie stiegen ein und der Vater übernahm das Leitseil und die Peitsche. Glückliche Fahrt hatte nur die Mutter gewünscht; die andern waren lieber in der Ferne geblieben.

Die arme Rosi war aber sehr traurig. Die Welt schien für sie untergegangen. Ihr Herz war so schwer beladen, daß es fast am Brechen war. In der letzten halben Stunde verfiel sie nach all der Aufregung zuerst in einen leichten, dann in einen tiefen Schlummer, und als die bleiche, schlafende Gestalt mit ihrem Vater vor dem Dreikönig in Kufstein ankam, hätte man fast glauben können, sie sei unterwegs gestorben.

XIII.

Und nachdem seine Zeit verlaufen, verließ der Florian wieder sein liebes München, fuhr mit dem Postwagen bis Kufstein und ging dann zu Fuße nach Langkampfen, wo er vor seinem Hause am Dienstag den sechsten August eben ankam, als nach eingebrochener Dämmerung auch seine Mutter in einem Einspänner vorfuhr.

Es versteht sich von selbst, daß die Begrüßung äußerst herzlich war. Zwar fand es Florian etwas überraschend, daß auch die Mutter fast vierzehn Tage in der Welt herumgefahren, aber er war nur um so neugieriger, zu hören, welche Straßen sie gezogen, welche Orte sie gesehen und wie sie überall durchgekommen sei.

Die vollen Gläser, der kalte Braten, der Schinken und der Schweizerkäse waren auch kaum zum Abendessen aufgestellt, als sie von selbst ganz fröhlich begann:

»Ja, lieber Florian! mir ist es gerade gegangen, wie dir – ich hab' die Tratscherei nur drei Tage ausgehalten; dann bin ich auf und davon. Hätt' ich alleweil wissen sollen, wer die Sewner Rosi 'bissen hat! Und viele andere Sachen auch noch! Deinen schlauen Brief hab' ich dreimal gelesen, steht aber nichts drin. Und alleweil mehr wären gekommen, aus der Stadt und bis vom Bayerland 'rein. Na, hab' ich da zum Hansel gesagt, da könnt' eines närrisch werden mit dem ewigen Fragen – jetzt spann' ein, jetzt gehen wir auf Reisen! Die Wirtin von Langkampfen wird's wohl auch einmal probieren dürfen.«

»Das ist lustig,« sagte Florian lachend, »die Frau Mutter auf Reisen! Nu, 's Geld hast kennt?«

»O mein,« erwiderte sie, »hast mich genug gekostet, daß ich 's Zahlen gelernt hab'.«

»Und wo seid ihr denn hingereist, ins Hinterdur oder ins Paznaun?«

»Nu, zuerst sind wir nach Rattenberg und beim Ledererbräu über Nacht geblieben. Sind im Garten gesessen, haben zugeschaut, wie die Herren Kegel schieben, und Fisch gegessen – ganz gut und gar nicht teuer. Und am andern Tag sind wir aufs Schloß und haben den Turm angeschaut, wo der Kanzler – ja die Namen kann ich mir nicht merken –«

»Der Kanzler Biener,« ergänzte der Florian.

»Ja, wo der Kanzler Biener hat sein Leben lassen müssen. Soll's recht gut gemeint haben, der Biener – tröst' ihn der liebe Gott! Und nachher sind wir zur heiligen Notburg auf Eben – haben 's Fuhrwerk in Jenbach gelassen – schöne Wallfahrt, aber sonst nicht viel – und nachher nach Absam zu der Mutter Gottes in der Fensterscheiben. Hat schon viel Heiraten gestiftet, dieselbige, und weil es jetzt doch so drumrum geht, so habe ich betet, daß du eine schöne, brave Frau – nein, Florian – ich sag's aufrichtig – ich Hab' betet, daß du die Rosi kriegst.«

»Und ich bet' auch schon vierzehn Tage drum,« sagte Florian lächelnd. »Da muß's was werden.«

»Da sind wir beim Bogner im Garten gesessen und haben in die Stubeier Ferner hineingeschaut, ausgezeichnete Ferner, ganz schneeweiß, und eine Marend' bestellt. Aber die Frau Bognerin, die kann auftragen! Haben doch nicht viel zahlen müssen. Ist der Kaplan Ruf dahergekommen, vom Narrenhaus, ein lustiger Herr, haben lang gescherzt miteinander.«

»Ja derselbige,« schaltete Florian ein, »das ist ein Pfiffikus, den kennt man schon! Der hat's mit der Philosophie und liest lauter verbotene Bücher, ist aber recht unterhaltlich!«

»Und am Abend sind wir nach Hall hinein und beim Bären sind wir über Nacht geblieben. Ganz fein! Hat sich's Peppele zu uns gesetzt, die Tochter, ein nettes Mädel und sehr gebildet, haben wir lang diskuriert und eine gebratene Ente gegessen. Hat auch nicht viel gekostet mitsamt dem Frühstück. Hat der Hansel einen kleinen Affen gekriegt.«

»Und zu den Franziskanern bist nicht gegangen?«

»Freilich bin ich hinauf ins Kloster, hab' mich bedankt für die gute Lehr' und Unterweisung, die sie dir gegeben haben. Hat der Pater Guardian, der damals dein Professor gewesen ist, der hat gelacht und hat gefragt, ob du dahier keine Stunden in der griechischen Sprach' gibst.«

»Au weh,« schrie der Florian, der nun ebenfalls lachte und sich hinter den Ohren kratzte, »das ist ein böser Hieb!«

»Er läßt dich aber recht schön grüßen. – Und nachher sind wir nach Innsbruck und haben beim Gamper eingekehrt, ganz oben am Triumphbogen. Haben uns recht schön aufgewartet, allerhand gute Sachen und guten Wein – hat der Hansel wieder einen Affen gehabt – alles recht freundlich und sehr billig. Bin dreißig Jahre lang nicht mehr hinaufgekommen – schöne Stadt, dies Innsbruck – weißt nicht, wo du hinschauen sollst vor lauter Schönheit.«

»Am liebsten hab' ich die schönen Mädeln angeschaut.«

»Ja, du schon! Und nachher sind wir hinauf zum heiligen Wasser; prächtiges Wasser, aber 's ist gar so weit hinauf und da hab' ich den Wein doch lieber getrunken.«

»Ganz einverstanden, Frau Wirtin!« sagte Florian.

»Und da sind wir noch zwei oder drei Tage in Innsbruck geblieben, sind nach Amras und auf die Martinswand und nachher herunter ins Zillertal nach Fügen. Haben die Rainer singen hören zu der Zither; ja, da meinst schon, die Engel singen und die heilige Cäcilie spielt's Klavier dazu.«

»Ja, wenn sie eins hat!« sagte Florian.

»Hat der Hansel den dritten Affen gehabt. Und so sind wir wieder heimgekommen und ist die Zeit vorbei gewesen wie ein Augenblick und alles sehr schön, recht fein und ganz nobel!«

»Prächtig!« rief Florian und klatschte Beifall spendend in die Hände. »Nu, jetzt hast du die Welt gesehen, Mutter, jetzt kannst' dich zur Ruhe setzen und deine Reisebeschreibung herausgeben. Kannst' heut noch 's erste Kapitel anfangen!

»Ja, solltest halt weniger Strumpf zerreißen, daß ich nicht alleweil' flicken müßte!« versetzte die Mutter ebenso munter. Indessen fuhr sie doch gleich in einem andern Tone fort:

»Aber jetzt dürfen wir schon ernsthafter reden. Wie ist's denn nachher dir gegangen, Florian?«

Mit dieser Frage trat allerdings ein fühlbarer Ernst in die Unterhaltung.

»Nu,« sagte Florian, »die Langkampfener werden dir's schon erzählt haben – die Rosi –«

»Ja, das hat mir gar nicht übel gefallen, daß sich das Mädel so wehrt um seine Ehre. – Aber du bist nicht gut weggekommen, mein lieber Bue!«

»Das wird sich richten lassen, Mutter!«

»Aber woher kommt denn der Zorn?«

»Nun, weißt wohl, mich hat's schon alleweil geärgert, daß sie uns so verheiraten miteinander. Ist grad' gewesen, als müßt' ich sie nehmen, weils die Bauern wollen. Und der alte Hechenplaickner hat mir auch nie ein gutes Wort gegeben –hab' alleweil drauf paßt – und gesehen hab' ich sie auch nie.«

»Hättst sie halt anschauen sollen zur rechten Zeit.«

»Und argwöhnisch bin ich auch gewesen über die Herrischen, heißt das die Maler da drüben. Wenn du so ein Mädel erst aus einem ganzen Bündel Liebhaber rauswickeln mußt' –«

»So laßt du's lieber drin!«

»Und so habe ich dem Valentin also im Hirschgarten gesagt, mir taugt das Ding nicht recht und dies und das und so und so. Und der Valentin ist hingegangen und hat's ihr wieder gesagt.«

»Hätt'st du's ihm nicht gesagt, hätt' er's ihr nicht gesagt –« kritisierte Frau Euphrosyne mit Worten, die wir schon einmal gelesen zu haben glauben.

»Ist mir so leicht von Herzen gegangen – hab' gemeint, es muß heraus. Jetzt reut's mich schon lang.«

»Darf dich auch reuen! Ich sag' dir, Florian, auf der ganzen Fahrt hab' ich alle Stund' an dich denkt und an die Rosi. Und jetzt, bei dem schönen Wetter, wo alles wallfahrten geht, da haben wir überall Leut' getroffen vom Unterland, von Niederndorf, von Erl und von Ebbs – hab' mich nicht zu erkennen geben – hab' aber überall ganz hintenrum nach der Sewi gefragt und haben alle gleich von der Rosi angefangen, voller Freud', daß sie sie recht loben können. Und da oben auf Eben bei der heiligen Notburg, im Wirtshaus, da ist ein alter Bauer gewesen auf der Wallfahrt, der Mühlberger von Niederndorf, der schlagt gleich in den Tisch hinein und stampft auf den Boden und schreit: ›Wie die ist keine – gar keine auf der Welt! Die heilige Notburg muß man freilich voraus lassen, grad weil sie eine Heilige ist, aber nachher kommt g'schwind die Rosi, ganz g'schwind und mir wär' sie grad so lieb wie die andre –‹«

»Und mir noch lieber!«

»Möcht' nur wissen, warum sie alle so gern haben?«

»Ich weiß 's schon, seitdem ich sie gesehen hab'!«

»Und nach allem, was ich hör', sagen ihr die rechtschaffenen Leut nicht das mindeste nach und darum sag' ich: Geh, heirat' s, Florian, heirat' s! Jetzt hat sie einmal den Schimpf; ein andrer stoßt sich dran; der, der's tan hat, braucht ihn nicht zu scheuen.«

»Darfst mir nicht zureden, Mutter! Ich denk' an nichts andres.«

»Und mit ihrem Schimpf vergeht auch der deinige. Jetzt ist die arme Haut so tief herunter», daß sie jede Mistdirn' auslacht, und du kannst sie wieder heben auf die höchste Höhe. Und das mußt du tun, Florian!«

Da erhob sich die stattliche Frau, um zu gehen, und reichte ihm in mütterlicher Würde noch die Hand. Er drückte einen warmen Kuß darauf, was zwar unter Bauernleuten sonst nicht vorkommt, aber vielleicht für diesesmal durch seine »halbgebildete« Aufregung entschuldigt werden kann. Als aber die Mutter schlafen gegangen, kam die Leni, die Kellnerin, herein und übergab dem Florian einen »Brief« vom Landgericht, den der Gerichtsdiener schon vorige Woche gebracht habe.

Der Brief war aber eine Vorladung zum k. k. Landgericht Kufstein auf den siebenten August um neun Uhr morgens in Sachen Rosa Hechenplaickner, vertreten durch ihren Vater Thomas Hechenplaickner, Wirt in der Sewi, gegen Florian Weitenmoser, Wirt zu Langkampfen, wegen Schmerzensgeld zu dreihundert Gulden, wegen Ehrenkränkung und Abbitte. Die Klageschrift, die damals in der Sewi verfaßt worden, lag auch dabei.

Als Florian den Brief und dessen Beilage gelesen hatte, sagte er ruhig: »Kommt Zeit, kommt Rat. – Jetzt weiß ich, wie es geht und was ich zu tun habe.«

Und dann schenkte er sich den Becher bis zum Rande voll und ehe er ihn leerte, sprach er fröhlich: Auf deine Gesundheit, schöne Rosi! morgen gibt's einen guten Tag!«

XIV.

An dem Morgen desselben Tages, da die bleiche Rosi mit ihrem Vater nach Kufstein fuhr, wurde auch zu Langkampfen, in dem Dorf, ein Rößlein eingespannt, und Herr Florian Weitenmoser stieg feiertäglich aufgeputzt in das Wägelein, um gleichfalls in die Stadt zu fahren. Die Mutter, welche er beim Frühstück von dem neuen Stand der Sache unterrichtet hatte, war mit der letzten Wendung sehr zufrieden. Sie meinte in Übereinstimmung mit ihrem Sohne, jetzt müsse die traurige Geschichte doch bald jenes glückliche Ende nehmen, auf das sie sich so freue.

»Und wenn du mir,« sagte sie fröhlichen Mutes, »nicht als Hochzeiter heimkommst, so schlag' ich dir die Haustür vor der Nase zu!«

So fuhr denn der Florian in Langkampfen ab, ungefähr zur selben Zeit, wie der alte Hechenplaickner in der Sewi, denn die Entfernung ist zwar etwas kürzer, jedoch der Weg auch etwas schlechter.

Als aber der Florian damals über die Kufsteiner Brücke fuhr, stand einer da, der auf ihn wartete: Dieser trat näher und fragte: »Wo kehrst denn ein, Florian? Ich stehe schon seit einer Stunde auf der Brücke, damit du mir ja nicht auskommst.«

»Wie weißt denn du, daß ich heut um neun Uhr über die Brücke fahre?«

»Nu, heut ist ja die Verhandlung – das wissen wir in Walchsee so gut wie du – das weiß man ja überall. Ich denk' schon lang' an dich, Florian! ich wär' so gern nach Langkampfen gegangen, aber du bist ja in Bayern draußen gewesen.« Florian bestellte ihn zum Auracher Bräu, und als dort ausgespannt, das Pferd versorgt und er die Treppe hinaufgeschritten war, kam ihm der Valentin Hinterbichler schon entgegen.

»Ich hab' dir nur sagen wollen –«

»Daß du an allem schuld bist?«

»Meinen möchte man's,« entgegnete der Valentin lächelnd, »aber du kannst noch alles rechtmachen! es wird noch alles gut!«

Und damit begann derselbe die Ereignisse, die seit der Unterredung im Hirschengarten vorübergegangen, in den gehörigen Zusammenhang zu bringen. Da wir aber diesen bereits kennen, so darf sich die Erzählung kürzer fassen und braucht nur zu erwähnen, daß der Valentin seinen Vortrag mit der Behauptung schloß: Von ihm, dem Florian, hänge jetzt alles ab; aber alle, die es gut mit ihnen meinten, sähen den einzigen Ausweg aus diesen Verwickelungen in einer fröhlichen Hochzeit.

Damals erzählte der Valentin, wie sich von selbst versteht, auch das ganze Zwiegespräch, das er mit der Rosi im Garten gepflogen, und wie fein, fein, fein sie gewesen. Nicht ein schlimmes Wörtlein habe sie trotz ihrer Aufregung über den Florian herausgebracht, vielmehr immer durchblicken lassen, wie sehr er ihr am Herzen liege. Zu allerletzt nur habe sie im tiefsten Schmerze geklagt, wie abscheulich man in Langkampfen droben mit einem armen Mädel umgehe, und diese Worte könne er ihr auch nicht übel nehmen. Ihre Verteidigung habe sie vortrefflich geführt; er habe, wie der Florian ja wisse, schon vorher nichts auf das Geschwätz gehalten und jetzt glaube er wahrhaftig gar nicht mehr daran. Von allen Seiten höre man nur Gutes über das schwer betroffene Mädchen; sie sei noch immer der Liebling der ganzen Gegend. Alles nehme Teil an ihr und alles wünsche ihr Glück und Segen.

Diese Mitteilungen, die allerdings uns nichts Neues bieten, kamen dem Florian doch sehr gelegen. Er lauschte voll inniger Freude, als ihm der Valentin die Unterredung, in der das Mädchen so »fein« gewesen, in so sympathischer Darstellung berichtete. In seinen Augen bedurfte die schöne Rosi zwar keiner Reinigung mehr, aber die Art und Weise, wie der Valentin von ihr sprach, war ihm doch ein Labsal.

Deswegen war der Florian auch sehr nachsichtig mit seinem Jugendfreund. Wer die größere Schuld trage, war ohnedem nicht leicht zu bestimmen, und da keiner dem andern etwas vorwerfen wollte, so schieden sie mit einem gemütlichen Händedruck und blieben einander so gut wie sie sich vorher gewesen.

Zu unseres Valentins näherer Würdigung dürfte aber doch hervorzuheben sein, daß derselbe als heiratslustiger Bauernsohn seit mehreren Jahren schon zu verschiedenen Mädchen seiner Gattung in mehr oder weniger zarten Beziehungen stand, welch letztere er bald verwelken und bald wieder frisch ergrünen ließ, je nachdem Zeit und Umstände dieses oder jenes anzuraten schienen. Seine liebste Huldin war früher die Baumgartner Lise von der Feistenau, auch eines wohlhabenden Landmanns hübsches Töchterlein, aber diese hatte er seit längerer Zeit vernachlässigt, denn ihr Vater wollte sie nicht aus dem Hause lassen, ehe die ältere Schwester oben weggeheiratet habe. Dieses erfreuliche Ereignis schien sich jetzt endlich vorzubereiten und der Valentin war denn auch schon in der Feistenau gewesen und hatte sehr angenehme Aussichten heimgebracht. Solches war gleich nach dem Passionsspiel geschehen, denn die damalige Leidenschaft für die Rosi Hechenplaickner hatte er in der Tat sofort eingezogen, als er von der Begebenheit zu Erl gehört – was wir alles nur anführen, damit der Leser nicht etwa dem wackern Valentin ein unverdientes Mitleid zuwende – gleich als wäre Florians schöner Stern nur aus seinem Unstern herausgewachsen oder als hätte er aus Liebesgram ein vernichtetes Leben hingeschleppt.

XV.

Die Stadtuhr zu Kufstein schlug eben die neunte Stunde, als Thomas Hechenplaickner, der Wirt in der Sewi, und seine Tochter Rosa zu Gericht gingen. Sie wandelten langsam die breite Hauptstraße hinunter, nicht ohne die Neugierigen alle an die Fenster zu ziehen. Zu anderer Zeit und in anderer Stimmung wäre die Rosi auf diesem Gange wohl feuerrot geworden, aber damals war sie so todesmüde, daß sie nur bleich und trübe auf den Boden sah und kaum bemerkte, wie viele Augen auf sie gerichtet waren. Endlich traten sie in die Stube des Landrichters und fanden diesen allein, was wenigstens der Tochter einen kleinen Teil ihrer Angst benahm. Der Herr Landrichter, der damals über das Gebiet von Kufstein waltete, war als ein menschenfreundlicher Würdenträger nicht unbeliebt. Er wußte namentlich mit den Landleuten sehr gut umzugehen, nahm deswegen viele Sachen, die sich zu einem Vergleiche schickten, in die eigene Hand und versöhnte manche Gegner, die sich selbst für unversöhnlich gehalten. Allerdings fand sich in seinem Wesen auch ein gewisser humoristischer Zug, und eine vertrackte Geschichte, die trotz des üblen Anscheins einen lustigen Ausgang versprach, die ließ er schon deshalb nicht aus den Händen. Er wußte daher in engerem Kreise eine ganze Reihe der heitersten Histörchen »aus dem Gerichtssaal« zu erzählen und freute sich schon oft tagelang auf eine Gelegenheit, die möglicherweise seinen Novellenschatz bereichern konnte.

Übrigens hatte der Herr Landrichter auf seinen Amts- und Spazierfahrten die Personen des Dramas und ihre Familien schon lange vorher kennen gelernt und war ihnen, da sie sich allgemeiner Achtung erfreuten, ganz besonders zugetan. Wie viele Seidel hatte ihm nicht die Rosi in der Sewi eingeschenkt? So pflegte er auch den Herrn Florian, den er von Jugend auf kannte, noch immer zu duzen, obgleich dieser kraft seiner Bildung schon längst »geihrzt« zu werden verdiente.

Der alte Hechenplaickner und seine bleiche Tochter traten also ein und wurden mit schweigsamer Würde empfangen. Der Tochter, die auch dem Landrichter sehr angegriffen schien, bot dieser einen Stuhl – eine Ehre, welche eigentlich nur die Honoratioren anzusprechen haben. Rosi setzte sich und sah traurig auf den Boden. Der Florian war noch nicht da, weil er noch mit dem Valentin zu reden hatte.

Doch klopfte es sehr bald und er trat mit bescheidenem Gruße in das Amtszimmer. Sein erster Blick fiel auf die junge Gegnerin, welche sich bei seinem Eintritt langsam erhob; sie wußte wohl selbst nicht warum; aber Florian konnte es immerhin als eine ehrenvolle Begrüßung gelten lassen. Die eine Hand legte sie auf die Lehne des Stuhls, um sich zu stützen, aber ihn sah sie nicht an, sondern schlug die Augen nieder und schloß sie fast.

Unser Florian hatte das Mädchen, wie wir wissen, zwar schon einmal gesehen, aber nur flüchtig und unter Umständen, die eine ruhige Betrachtung doch fast ausschlossen. Jetzt dagegen war die Gelegenheit ungemein günstig – er schaute mit offenen Augen und sah vor sich die herrliche Gestalt, die tadellos war vom Scheitel bis zur Ferse. Auch trug sie ihre schönsten Feiertagskleider, den niedern, breitkrempigen Hut mit der goldnen Schnur und Quaste, den seinen weißen Spitzenkragen, die goldene Halskette mit dem goldenen Kreuze, das samtne Mieder, den schwarzseidenen Rock mit der grünseidenen Schürze und die feinen glänzenden Schuhe.

Als nun der Florian in des Mädchens edles Antlitz sah, das von der Pracht des Gewandes fast noch gehoben wurde, als er ihre verweinten Augen, die tiefe Trauer und das tiefe Leid, das auf ihren Zügen lag, betrachtete, da wurde ihm weh ums Herz und er dachte: An all diesem Elend ist doch nur einer schuld, und der bin ich!

Nun begann der Herr Landrichter mit ruhigem Ernst: »Heute, den siebenten August, ist Verhandlung in der Sache des Thomas Hechenplaickner von der Sewi als Vertreters seiner Tochter Rosa gegen den Florian Weitenmoser von Langkampfen, wegen Schmerzensgeld zu dreihundert Gulden, wegen Ehrenkränkung und Abbitte.« »Es ist aber des Richters Amt und Pflicht, vor dem Streite den Vergleich zu versuchen.«

Die Parteien schwiegen.

»Nu, meinst nicht, Hechenplaickner!« fuhr nun der Landrichter in vertraulicher und gewinnender Weise fort, »meinst gar nicht, daß wir die Sach' in der Güte austun könnten?«

»Ich will keinen Vergleich,« versetzte aber der Wirt von der Sewi ebenso trocken als fest. »Ich bleib auf meiner Klag' und was da drin steht, das verlang' ich.«

»Erkennt der Beklagte vielleicht die Forderungen an?« fragte der Landrichter den Florian.

»Nicht alle!« entgegnete dieser. »Ich bitte die Punkte einzeln vorzunehmen.«

»Also verhandeln wir den ersten Punkt,« sagte jener.

»Gerade diesen gesteh ich zu, Herr Landrichter!« sprach da der Florian und zog ein Röllchen aus seiner Brusttasche. Dieses knickte er auf und gab ihm hinten einen kleinen Druck, worauf sich sehr viele neue, glänzende Dukaten – nämlich grad so viele, als dreihundert Gulden ausmachen – über den Schreibtisch des Herrn Landrichters ergossen.

»Hier ist das Geld!« sagte er. »Mir ist's herzlich leid, wenn ich der lieben Rosi weh getan.«

»Liebe Rosi!« – das klang wie eine Stimme aus einer bessern Welt!

Die arme Dulderin erwachte wie aus einem Traume und fragte den Landrichter sanft und leise:

»Was geschieht denn da? Was bedeutet das Geld?«

»Das ist die Entschädigung für die Schmerzen, die er dir –«

»O mein Gott!« seufzte die bleiche Rosi und zuckte sichtlich zusammen. »Die verlang ich nicht.«

»So,« sagte nun der Landrichter, »der erste Punkt wäre erledigt; der Kläger kann das Schmerzensgeld einziehen!«

Der alte Hechenplaickner hatte die Goldflut auf dem Tische bisher schon mit angenehmer Rührung betrachtet, jedoch ruhig abgewartet, bis ihm die Obrigkeit den Schatz überweisen würde; nun aber, nachdem diese gesprochen, trat er näher heran und streckte die Hand aus; die Rosi dagegen fiel ihm leidenschaftlich in den Arm und rief:

»Vater, rühr' das Geld nicht an! Es ist kein Segen drauf, kein Glück und keine Ehre. Was ich erlitten, das geht nicht ins Geld. Ich bitt' dich, Vater, rühr's nicht an!«

»Nu, das gehört ja uns,« sagte der alte Hechenplaickner ruhig und suchte seinen Arm wieder freizumachen. »Der Herr Landrichter hat's ja selber gesagt.«

»Hörst, Vater,« rief aber seine Tochter in der höchsten Aufregung, »hörst, Vater, rühr' das Geld nicht an, wenn du mich am Leben halten willst. Ich spring zum Fenster hinaus und in den Inn; der nimmt mich schon mit!«

»Nu, Hechenplaickner,« sagte da der Landrichter vermittelnd, »so laß das Geld halt einstweilen auf dem Tisch liegen; da kommt nichts weg! Das können wir ja später ausmachen! Nun gehen wir an den zweiten Punkt, die Ehrenkränkung und die Abbitte – die wird also nicht zugestanden?«

»Nein,« entgegnete der Florian, »die wird nicht zugestanden, nicht die Ehrenkränkung und nicht die Abbitte.«

»So müssen wir denn die Sache verhandeln. Die Klägerin hat nach gesetzlicher Vorschrift jetzt die Geschichte zu erzählen, auf die sie ihr Verlangen stützt. Also, Rosi, fang an!«

Die bleiche Rosi fuhr kummervoll mit der Hand an die Stirne und verdeckte sich die Augen.

»O wär ich doch nie da hereingekommen!« sagte sie schmerzlich.

»Du wirst doch jetzt nicht weich werden!« sprach der Vater drohend. »Nur herzhaft!«

»Also, Rosi, fang an!« wiederholte der Landrichter in ernstem Tone. Er hatte sich die Verhandlung selbst viel lustiger gedacht.

»Also,« begann das Mädchen mit zitternder Stimme, »also – wir waren auf der Passion zu Erl, der Vater, der Bruder und wir drei Schwestern, und sitzen auf der dritten Bank und schauen zu, fort und fort, bis der Judas auf unsern Herrn Jesus zukommt – und da brechen alle Stuhl' und Bänke zusammen, ich stürz' hinunter und die Blahe fällt auf uns und ist ein schrecklicher Schrecken – aber,« sagte sie da, indem sie erschöpft auf den Stuhl sank, »ich kann – nicht – mehr – weiter.« Unser Florian fühlte ein inniges Mitleid, da er die arme Rosi so zusammensinken sah. Als der Landrichter von der gesetzlichen Vorschrift gesprochen, glaubte er nicht mehr dreinreden zu dürfen, aber als er die Angst des minniglichen Mädchens gewahrte, nahm er sich doch ein Herz und fragte: »Ist denn die Geschichtserzählung so notwendig? Kann man nicht darauf verzichten?«

»Freilich kann man verzichten,« antwortete der Landrichter, »wenn man den Vorgang zugesteht.«

»Den Vorgang gesteh' ich ja zu. Die Geschichtgerzählung schenk' ich dir, Rosi!«

Die bleiche Rosi schlug in schmerzlicher Freude die Hände zusammen. »Er ist halt doch ein braver Mensch!« rief sie. »Und nun, Florian, schenke ich dir auch die–«

»Die Abbitte,« wollte sie sagen, aber der Vater fiel noch im rechten Momente drein und fuhr sie zornig an: »Du hast nichts zu verschenken! Auf die Abbitte verzichte ich nicht!«

»Aber zu was brauchst sie denn?« fragte da der Florian.

»Das will ich dir gleich erklären,« brummte der alte Hechenplaickner, »wenn du's nicht selber verstehst. Du hast meiner Tochter – ist so ein braves Mädel – einen Schimpf angetan, und der muß über dich kommen. Der Lorenz hat dich auf dem Markte erstechen wollen, aber das ginge ans Zuchthaus und wäre nichts für meine weißen Haare. Die, die's verstehen, behaupten, man kann dir nicht weiter zu, als bis zur Abbitte. Ist ein rechter Bettel! Aber herschenken können wir sie nicht!«

»Ja, ja, Hechenplaickner,« sagte da der Florian, so bieder und gemütlich, wie er's nur aufbringen konnte, »hast wohl recht – ist ein rechter Bettel! Aber für dich ist's zu wenig und für mich ist's zuviel. Ich bin's nicht schuldig und tu's auch nicht. Aber es gibt ja noch einen anderen Weg –«

Die Rosi schlug hier die Augen auf und schaute ihn erwartungsvoll an.

Der Landrichter aber sagte:

»Ja, ja, Florian! das ist ein guter Wink; sprich dich nur deutlicher aus!«

Wogegen der alte Hechenplaickner: »Nein, nein, ich will keine Winke und keine Winkelzüge; ich bleib' auf meiner Klag'.«

Hierauf der Florian ebenso bieder und gemütlich wie zuvor:

»Schau, Vater, es hilft dir ja nichts! Es fehlt ja die Absicht. Oder, Rosi, meinst du, ich hab's mit Fleiß getan?«

Die Rosi nahm bei dieser Gewissensfrage, von der ja alles abhing, ihre ganze Kraft zusammen, sah den Florian ernsthaft aber milde an und antwortete ebenso ruhig als bestimmt:

»Nein, Florian, das trau' ich dir nicht zu. Ich kenn' dich nicht, aber ich weiß, du bist ein feiner Bursch.«

Der Vater warf einen düstern Blick auf seine Tochter. Ihm wäre viel lieber gewesen, wenn sie's ihm zugetraut hätte.

Der Florian aber konnte aus jenen Worten, wie man jetzt sagt, auch einiges »registrieren«, eine zarte Rüge nämlich, daß er dem feinsten Mädchen der Gegend nie zu Liebe gegangen.

»Nun siehst du's, Vater,« fuhr er fort, »ich hab's ja nicht mit Fleiß getan.«

»Ja, ja,« sagte der Landrichter, indem er dem jungen Manne beistimmend zunickte, »der Animus fehlt; der Animus ist nicht da.«

»Nu, wenn er nicht da ist, der Animus,« sagte der alte Wirt, »so muß man ihn halt holen lassen, wenn man ihn braucht. Wo ist er denn, der Animus?«

»Er ist nicht da,« wiederholte der Landrichter achselzuckend.

»Was geht das mich an?« sprach da der alte Hechenplaickner, der den innern Ärger kaum mehr verhalten konnte. »Die Sache ist verhandelt und das Landgericht wird das Urteil sprechen gegen – gegen ...« Hier übermannte aber den ehrlichen Vater der Zorn und er brach überlaut und derb heraus: »Gegen den niederträchtigen Menschen, der mir mein Kind in die Schand' gebracht hat und jetzt nicht tun will, was er schuldig ist.«

Die Rosi deckte sich wieder die Augen zu und rief: »O weh! Es ist vorbei!«

Die bisherige Verhandlung war in der landesüblichen Mundart geführt worden, welche jedoch in dieser Erzählung der Deutlichkeit wegen wohl etwas ermäßigt werden mußte. Bei jenen Worten aber trat der Florian an den Tisch und legte die Faust gebieterisch darauf.

Die Langkampfener hatten, wie wir wissen, schon immer behauptet, daß ihr junger Wirt, wenn er wolle, »ganz tief nach der Schrift« reden könne, und nun schien diesem wirklich die Stunde gekommen zu sein, wo er jene Behauptung erwahren und sein Talent auch vor anderen glänzen lassen solle. Er warf sich daher in eine vornehme, oratorische Stellung und hielt, gegen den Landrichter gewendet, folgende Ansprache:

»Es sind hier Worte gefallen, die ich nicht erwidern will. Die Verhandlung hat leider einen Ton angenommen, den ich sehr bedaure. Dagegen konnte die Haltung der Klägerin heute selbst den bittersten Feind begeistern. Es geht auch durch das peinliche Zerwürfnis ein unsichtbarer Faden, der noch zu einem Ausgleich führen kann und daher in blindem Eifer nicht abgerissen weiden darf. Ich bitte also um Verlegung des Urteils auf heute acht Tage, wo ich die Gegnerin zu dieser Stunde wieder hier zu treffen hoffe. Doch muß ich verlangen, daß sie ohne Begleitung erscheint.«

Nachdem er so gesprochen, verbeugte er sich ernst und achtungsvoll vor dem Herrn Landrichter, anmutig aber und freundlich vor der schönen Rosi, öffnete die Türe, zog sie wieder zu und war verschwunden.

Diese Ansprache hinterließ bei denen, die sie gehört, einen sehr verschiedenen Eindruck. Der rauhe Vater hatte von jenen »ganz tief nach der Schrift« gesprochenen Worten nur wenige, den Sinn aber gar nicht verstanden. (Dieses war auch Florians Absicht gewesen, da er nur von der Rosi erfaßt sein wollte). Jener sah daher dem jungen Sprecher ganz bedenklich nach und fragte mißmutig: »Was hat denn das zu bedeuten? Darf einer so davonlaufen vor Gericht? Das wäre doch was Neues!«

Der bleichen Rosi dagegen, die ja die Maler und ihre eigene Lektüre gebildet hatten, ihr war kein Wort und am wenigsten der Sinn entgangen. Dieser schien ihr ganz versöhnlich, und der freundliche Abschied am Ende konnte doch auch nur Gutes bedeuten. Aber der Ausgleich, von dem der Florian gesprochen, wie sollte der zustande kommen – wie? – wie? – wie? – Die Abbitte, die sie heute schon so gerne erlassen hatte, sie durfte sie ja nicht »herschenken«, und wie sollte sich der Florian dazu verstehen? Und durfte sie's vergessen, daß er sie so lieblos verleumdet hatte, und er, daß sie ihn vor allem Volke beleidigt?

So schien ihr denn die Ankunft noch ebenso verschleiert, wie vorher, und einer leisen frohen Ahnung, die sich in ihr jugendliches Gemüte stehlen wollte, konnte sie kein Vertrauen schenken.

Der Landrichter aber hatte als ein erfahrener Mann die Tragweite jener Worte sehr wohl begriffen und sie sofort günstiger gedeutet, als die verzagte Rosi. Er zweifelte nun gar nicht mehr, daß der verdrießliche Handel noch einen fröhlichen Ausgang nehmen werde und sprach daher väterlich zu dem stillen Mädchen:

»Du kannst getrost wieder heimwärts gehen, liebe Rosi! Die Sach' ist heut nicht ärger worden! Der unsichtbare Faden wird wohl bald sichtbar werden. Heute über acht Tage um diese Zeit kommen wir wieder zusammen. Vater Hechenplaickner bleibt aber dann daheim. Es kommt ja doch alles auf seine Genehmigung an; also kann nichts passieren, was ihm nicht recht wäre. Und das Geld bleibt derweilen dahier, bis der Streit zu Ende ist.«

Der alte Hechenplaickner war mit diesem Bescheide keineswegs zufrieden.

»Da herin ist man ja verraten und verkauft!« sagte er bitter und grollend, nahm seine Tochter an der Hand und ging mit ihr schweren Schritts der Türe zu, ohne dem Herrn Landrichter auch nur einen Blick zu schenken. »Dabei sein soll ich auch nicht! Aber meine Abbitte will ich haben! Die muß ich haben!«

Der Herr Landrichter hätte auf jene Worte hin allerdings sogleich wegen Amtsehrenbeleidigung einschreiten können, aber er ließ den alten Wirt und seine junge Tochter unaufgehalten davongehen.

Als auch die Klagspartei seine Stube verlassen hatte, legte der Landrichter die Dukaten in seine Truhe und sprach dabei lächelnd: »Die kommen schon noch zusammen! Wär' schad' um das saubere Paar! Macht sich doch noch gut; gibt noch eine lustige Geschichte!«

XVI.

Der alte Hechenplaickner sah ihn nicht zufriedener wieder, den Sitz seiner Ahnen. Nach der Ankunft, von der wir gleich nachher erzählen werden, ging er wortlos in seine Stube, um dort den Feiertagsrock gegen seine Alltagsjoppe zu vertauschen, fing aber während dieser Tätigkeit hörbar zu brummen an. So männlich und so tapfer er sich gehalten, er glaubte gleichwohl überlistet zu sein. Daß der andere nach einem unverständlichen Getratsch so einfach davon laufen durfte, daß der Richter das Schmerzensgeld nicht herausgab und den ihm ganz unbekannten Animus, wenn er abging, nicht holen ließ, daß er, so klar die Sache gestellt war, gleichwohl den Spruch nicht fällte, bloß weil der andere sich's verbeten hatte, daß er, der Vater selbst, bei der nächsten Tagsfahrt gar nicht anwesend sein sollte – alles dies schien ihm jedenfalls nicht den glänzenden Sieg zu bedeuten, mit dem er so gerne heimgekehrt wäre, den ihm seine Schriftgelehrten in so sichere Aussicht gestellt hatten.

Vor diesen drei Nothelfern war daher dem sonst so beherzten Manne am meisten Angst. Sie aber hatten sich voll guter Hoffnung bereits vor einer Stunde im Garten zusammengesetzt, auch auf den glücklichen Ausgang der Sache schon einmal angestoßen und Viktoria getrunken. Als sie daher erfuhren, daß der Wirt eben angekommen und auf seine Stube gegangen, sandten sie voll Neugier und Spannung die Marie hinauf und ließen ihn bitten, er möge doch herniedersteigen und ihnen Bescheid geben. Er aber sagte seiner Tochter unwirsch, es sei noch nichts entschieden, und vor acht Tagen werde es auch nichts. Dann könnten sie wiederkommen; vorher seien sie überflüssig.

Indem sie diese Äußerung hinterbrachte, bemerkte aber die Marie noch nebenbei, es dünke ihr fast, als ob es nicht nach Wunsch gegangen wäre; der Vater wenigstens scheine nicht gut aufgelegt – worauf die drei Rechtsfreunde selbst in einiger Verstimmung austranken, den Garten still verließen und sich in die Landschaft zerstreuten.

Wenn aber der Landrichter gemeint, die Sache sei bei der damaligen Verhandlung nicht ärger geworden, so zeigte sich der Widerschein dieser Meinung an der guten Rosi allerdings ganz unverkennbar.

Da nämlich durch das heitere Vertrauen und die Siegeszuversicht der drei rechtsverständigen Hausfreunde die ganze Familie angesteckt worden, hatten sich alle vor die Türe gestellt, um den rückkehrenden Einspänner fröhlich zu empfangen. Als sie aber die düstere Miene des Vaters gewahrten, trat die ganze Runde betroffen zurück und wagte ihm nicht einmal einen Gruß zu bieten, wogegen die Rosi, wie wenn alle Leiden vergessen wären, lachend aus dem Wägelein hüpfte und der Mutter, den Schwestern und dem Bruder nacheinander mit freundlichen Worten die Hand reichte.

Sehr glücklich war natürlich die Mutter, als sie die Tochter so heiter zurückkehren sah. Sie geleitete das teure Schmerzenskind auch sofort hinauf in dessen Kämmerlein, um Näheres zu vernehmen, und sprach: »Redst jetzt, Rosi? Mir ist schier, als wenn's dir anders gegangen wäre, als dem Vater – er ist so finster heimgekommen und du lachst ja grad!« –

Rosi erzählte nun und es schien, nicht ungerne, wie es bei Gericht gegangen. »Ach,« sagte sie, »wie ich in das Haus getreten bin, ja wenn sich der Boden aufgetan hätte, ich wäre hineingesprungen! Ja, Mutter! so hab' ich mir noch nicht geforchten auf dieser Welt. Ich hab' gemeint, da steht alles voller Leut' und die lachen alle über mich, und der Florian kommt mit seinen Langkampfener Burschen – ich versteh' ja nichts von solchen Sachen – und alle reden wider mich recht übel und recht bös, und der Florian wird recht feindselig, und der Vater wird recht tückisch, und zuletzt, habe ich mir denkt, tut der Florian mir ein Leid an.«

»O du armes Kind!« seufzte die Mutter, »du phantasierst ja noch!«

»Es ist aber alles anders gegangen; der Florian ist recht freundlich gewesen und hat deutlich gesagt, er will nicht abbitten, aber es gäbe ja noch einen andern Weg; nur der Vater ist so zornig und so hartnäckig und will die Abbitte nicht herschenken. Und so ist aus der ganzen Verhandlung nichts geworden, und wir sind wieder berufen, auf heut acht Tage, und da soll ich allein kommen.«

»Und fürchtest dir nimmer?«

»O nein,« sagte sie lächelnd, »vielleicht geht alles gut. Ich mein', der Florian hat keinen Zorn auf mich. Einmal hat er gesagt: die liebe Rosi –«

»So,« rief die Mutter fröhlich, »das bedeutet was!«

»Nein, das bedeutet nichts,« versetzte die Tochter. »Solang er so denkt, wie der Valentin sagt – –«

Sie ließ die Mutter das übrige erraten, bat aber bald, sie die nächsten acht Tage noch in Frieden zu lassen und auf die Sache nicht wieder zurückzukommen. Da nun jene diese Bitte gewissenhaft erfüllte, verging die ganze Zeit in ungestörter Ruhe.

Die Rosi hielt sich zwar jetzt von der Welt noch ebenso ferne wie früher und sprach kein Wort weder mit den Bekannten noch mit den fremden Leuten, plauderte aber nicht selten ganz anmutig mit allen denen, die zu ihr gehörten. Der Vater war auch in diesen Tagen recht liebreich mit ihr.

»Je länger, je lieber,« sagte er einmal im Garten, »das heißt: je länger du bei uns bleibst, desto lieber ist's mir. Wenn nicht selber einer kommt, der dir taugt, meinetwegen brauchst du keinen zu suchen.«

Solche Reden warfen einen milden Schein auf die nächste Zukunft; sie war doch sicher, daß sie aus dem Vaterhaus nicht verdrängt werden würde. Ihre Traurigkeit war von ihr gewichen, und sie sah die kommenden Zeiten vor sich liegen wie einen stillen See, auf dem allerdings das Schifflein und der Fährmann fehlte.

Und als die acht Tage vergangen waren, legte die Rosi des Morgens wieder die schönen Gewänder an, das Sammetmieder, den Seidenrock, den Hut mit der goldenen Schnur und die feinlackierten Schuhe, worauf sie sich (da die tiefe Trauerzeit doch vorüber war, wird man's wohl sagen dürfen!) nicht ohne Wohlgefallen in ihrem Spiegel betrachtete.

Dann nahm sie Urlaub von dem alten Vater, der ihr zwar noch einen Handschlag, aber zugleich die Drohung mitgab:

»Die Abbitte, Rosi, verstehst, die Abbitte! Wenn du die nicht bringst, so darfst mir nicht mehr ins Haus herein. Und der Landrichter muß sie ins Protokoll schreiben lassen, verstehst, damit man's schriftlich hat!«

Hierauf stieg sie in das Wägelein, das ihr Bruder leitete, und fuhr nach Kufstein, in die Stadt.

XVII.

Als der Florian am siebenten August um Mittag in seinem Einspänner nach Hause kam, ging ihm die Mutter an den Wagenschlag entgegen, er aber stürzte heraus, fiel ihr um den Hals und küßte sie.

Auch dieses Vorkommnis müssen wir wieder als nicht ganz bauerntümlich, daher als etwas unwahrscheinlich und problematisch hinstellen. Der einsichtige Erzähler darf in solchen Fällen immer auch sehr vorsichtig sein, da man den Dorfgeschichtenschreibern ja so gerne nachsagt, daß sie vom Bauernleben nicht das mindeste verstehen.

»Mutter, Mutter, Mutter!« rief aber der Florian, als sie auf ihrer Stube waren, in hellen Freuden aus, »brauchst mir die Tür nicht vor der Nase zuzuschlagen, – ich bin Hochzeiter – die Rosi, die Rosi, die Rosi!«

»Prächtig! Also ist's ausgemacht? Hast schon geredet mit ihr?«

»Nein, kein Wort!«

»Aber wie einfältig!« sagte Frau Euphrosyne, die einen plötzlichen Verdruß nicht verbergen konnte.

»Nur nicht so grob, Frau Wirtin!« sprach aber der Florian mit entwaffnender Heiterkeit. »Du wirst gleich sehen, daß es nicht möglich war!«

Und nun begann er zu erzählen, die ganze Verhandlung, und wie schön die bleiche Rosi gewesen, und wie fein sie sich benommen und wie sie, die doch so vieles ausgestanden, nicht eine Spur von Bitterkeit oder Rachsucht, sondern den friedlichsten, freundlichsten Willen gezeigt, ja ihrem Vater sogar in den Weg getreten sei, als er das Schmerzensgeld habe einstreichen wollen; wie er selbst von einem Vergleiche gesprochen, der Vater aber in seinem Zorn unbändig geworden, und die Verhandlung deswegen ohne Ergebnis geblieben sei.

»Das ist ein alter Brummbär,« fuhr er fort. »Aber mit seiner Tochter meint er's gut, und wenn wir zwei heiraten, hat er dieselbe Freud' wie du.«

»Aber warum hast du denn die Abbitte nicht geleistet? Da wäre ja der Frieden gleich dagewesen; hättest gleich von der Hochzeit reden können!«

»Nein, Mutter, abbitten kann ich nicht; das bin ich nicht schuldig. Das hätte der Rosi auch nichts geholfen und mir hätten sie nachgesagt, daß ich mich zu weit 'runtergelassen habe. Wenn ich dem Mädel hätt' abbitten müssen, ich hätt's wahrhaftig nimmer mögen.«

»Aha! Nu, das läßt sich hören! Aber jetzt?«

»Jetzt kommen wir in acht Tagen wieder zusammen, wir zwei – und der Alte bleibt daheim; das hab' ich eigens verlangt.«

»Und meinst denn, sie geht dir gleich so bei?« fragte die Mutter scheinbar nur neckisch, aber doch nicht ohne jeden Hintergedanken, denn nach ihrer geheimen Meinung hätte ihr lieber Sohn schon bei der ersten Zusammenkunft viel weiter, das heißt ans Ziel gelangen sollen.

»Merk' auf, Mutter!« entgegnete der Florian, »das ist das Besondere an unsrer Sach', daß wir einander heiraten müssen, und daß sich doch jedes unendlich darauf freut.« –

»Sie auch?«

»O mein! wenn du's gehört hättest: ›Er ist halt doch ein braver Mensch!‹ – ein wahrer Freudenschrei! Und wie sie mir hat die Abbitte schenken wollen – Mutter, ich weiß ganz gewiß, sie hat mich so gern, wie ich sie.«

»Und so hoff' ich, am nächsten Mittwoch halten wir die Verlobung beim Auracher in der Stadt. Gott sei Dank!«

»Aber bis die acht Tag' 'rum sind, mag ich nicht hier bleiben. Jetzt ist mir die Rederei und das Gelächter so zuwider wie vorher, und nachher lach' ich die ganze Welt aus. Morgen früh fahr' ich ins Etschland, will schauen, wie's mit dem heurigen Wein aussieht. In acht Tagen bin ich wieder da; ich komme gewiß nicht zu spät. Aber du mußt mir versprechen, daß du mit niemand redst über die Geschichte.«

»Das wird sich schwer machen lassen,« entgegnete die Mutter; »sie kümmern sich ja alle drum, und einsperren kann ich mich doch nicht den ganzen Tag.«

»Ach, so fahr' nur gleich mit ins Etschland – wird dir nicht übel gefallen – hast es so noch nicht gesehen!«

Frau Euphrosyne Weitenmoser, die rüstige Matrone, nahm den Vorschlag sehr günstig auf und willigte sofort ein. Andern Morgens um sieben Uhr wurde das zierliche Gefährte, das die werten Reisenden trug, auch schon in Kundl, um acht Uhr in Rattenberg und gegen Abend vor dem Gamper zu Innsbruck gesehen. Dann scheint es sich aus dem Gesichtskreise der Inntaler verloren und diesen erst am dreizehnten August wieder betreten zu haben. Wenigstens sah man es an diesem Tage talabwärts denselben Weg fahren, den es eine Woche vorher talaufwärts gefahren war.

XVIII.

Dasselbe Gefährte sah man auch am vierzehnten August, am Tage des heiligen Athanasius, mit den nämlichen Personen nach Kufstein rollen. Es hielt um halb neun Uhr beim Auracherbräu, woselbst Frau Euphrosyne Weitenmoser ausstieg, um in der großen Gaststube den Lauf der Dinge abzuwarten; der Florian dagegen ging unverzüglich ins Landgericht. Er war gerne um eine halbe Stunde zu früh gekommen, um vorher Wind und Wetter beobachten zu können.

»Ha, der Florian!« rief der Landrichter fröhlich, als jener in seine Stube trat. »Bringst gute Botschaft?«

»Noch gar keine; aber wenn ich das Mädel nur vorher sehen könnte! Bin gerade deswegen eine halbe Stunde früher in der Stadt.«

»Nun, die Rosi wird sich schon finden lassen. Die fährt gewiß mit dem Einspänner herein; vor neun Uhr wird sie nicht da sein wollen, und wenn du ihr jetzt entgegengehst, so kannst sie wohl etwa bei der Lorettokapelle treffen. Da kannst ihr deinen Buschen geben,« setzte er ermunternd hinzu, »meine nicht, daß sie ihn ausschlagt.«

Die letzten Worte erklären sich dadurch, daß der Florian damals in der Hand ein sehr schönes Sträußchen trug, welches er des Morgens in seinem Garten zusammengelesen und die Mutter mit einem roten Seidenbändchen umwunden hatte. Dem Landrichter war diese Blumensprache auf den ersten Blick verständlich.

Der Florian aber befolgte seinen Rat und ging ihr auf der Straße nach der Sewi entgegen. Bald hatte er die letzten Häuser des Städtleins hinter sich und die Stelle erreicht, wo jetzt der neue stattliche Wohnsitz des Herrn Buchauer, des hochgeachteten Zementfabrikanten von Ebbs, sich erhebt. Dort teilen sich die Wege; die Fahrstraße nach der Sewi geht links, der nähere Fußpfad, der von der Stadt zunächst in die Sparchen, ein romantisch gelegenes Örtlein, führt, der zieht sich rechts durch die Wiesen. Dort liegt auch ein unansehnliches Brettlein und ein unansehnlicher Stiegel, der Anfang des Gangsteigs, zu finden, welche für unsere Geschichte insoferne einige Wichtigkeit ansprechen, als sich jetzt der Florian dort aufstellte, um einen Entschluß zu fassen. Fährt sie bis in die Stadt, oder ist sie vielleicht an der Kapelle ausgestiegen, um die letzte Strecke durch die Wiesen zu gehen? So schaute er mit seinen guten Augen spähend in die Ferne und sah auf dem Sträßlein wohl den kommenden Einspänner, jedoch kein weibliches Wesen darinnen. Bald darauf aber trat aus dem Lorettokirchlein, das dort auf niederem Hügelzuge liegt, eine Frauengestalt hervor. So groß auch die Entfernung war, unser Florian erkannte doch deutlich der teuren Rosi heißersehntes Bild. Da auf solche Weite, zumal wenn die Gestalt sich gegen uns bewegt, die einzelnen Schritte nicht zu unterscheiden sind, so glaubte Florian beinahe, die ferne Erscheinung lege, wie die allerheiligste Jungfrau von Marpingen, die niedere Leite schwebend zurück, was zu der phantastischen Auffassung, die er von ihrem Wesen sich angeeignet, vollkommen paßte.

Die Erscheinung schwebte also die sanfte Leite herunter, schwebte dann unten auf dem Fußsteige dahin, über dem der junge Eichbaum steht, und erreichte endlich den gewöhnlichen Feldweg, der da zwischen hohen Türkenähren bequem dahinläuft, aber weil er sich immer schlängelt, nicht weit vorausschauen läßt. Deswegen war von der schönen Rost jetzt bald gar nichts mehr zu sehen. Sie war wie ein scheues Reh in dem Maisfelde verschwunden.

Die Rosi hatte übrigens ihren Bruder, der sie hereinführte, freundlich gebeten, sie doch bei der Lorettokapelle aussteigen zu lassen, denn sie fürchtete, wenn sie im vollen Feiertagsstaat auf ihrer Quadriga einherführe, von den neugierigen Kufsteinern, die wohl alle von des heutigen Tages Bedeutung wußten, ebenso scharf wie neulich betrachtet zu werden. So aber, zu Fuße wandelnd und die belebtesten Straßen des Städtleins vermeidend, hoffte sie ohne großes Aufsehen bis zum Landgericht vordringen zu können.

Dazu kam aber noch, daß die fromme Maid von Kindheit an gewohnt war, in der Kapelle, wenn sie mit Vater oder Mutter vorbeikam, etliche Vaterunser zu beten. Diese Übung wollte sie auch jetzt nicht unterlassen, denn es schien ihr, daß wohl noch manches Gute von oben kommen müßte, bis ihr das Leben wieder Glück und Freude brächte.

Endlich sah sie der Florian zwischen den Ähren einherkommen in ihrer Jugend vollem Glanz. Er eilte ihr, als er sie gewahrt, mit rascherem Schritte entgegen; sie aber ging still und ruhig entlang, bis sie vor ihm stand und ihren Gang nicht mehr fortsetzen konnte. Da mußte nun jedenfalls ein Gespräch eröffnet werden, und um zu zeigen, daß er etwas zu reden habe, sagte der Florian freundlich:

»Rosi –«

Darauf antwortete sie leise:

»Florian –«

Und nun fuhr dieser fort:

»Wo gehst hin, Rosi?«

»Zu Gericht.«

»Streiten?«

»Ja.«

»Mit wem?«

»Mit dir.«

»Und gern?«

»Ich muß.«

»Und der Frieden?«

»Steht bei dir!«

Damit hatte das Mädchen den Stand der Sache so klar bezeichnet, daß der Florian von dieser Klarheit fast geblendet wurde und in einiger Befangenheit nicht recht wußte, was er weiter sagen sollte. Aber die Abbitte, die allerdings der Friede war, konnte er nicht anbieten, und das Gespräch sollte doch auch nicht ausgehen. So sagte er denn etwas verlegen und unsicher:

»Hättest nur Vertrauen zu mir!«

»Hast du's zu mir?«

»Ja, Rosi, jetzt schon!«

»Bist denn anders worden?«

»Ja, ich bin anders worden, Rosi, ganz anders!« beteuerte der Florian mit allem Feuer seines heißen Herzens. »Mir kommt jetzt alles anders vor, und es ist auch alles anders.«

Und dann faltete er die Hände wie zum Gebete und fuhr in zärtlichen Lauten fort: »Ja, Rosi! wie vor einer Heiligen möchte ich niederknien vor dir und um Verzeihung bitten.«

»Dann mußt du aber auch mir vergeben!« –

»O, tausendmal – ich war ja selber schuld.«

»Und so soll alles gut sein und vergessen?«

»Ja, gut sein und vergessen!« wiederholte der Florian.

Sie nickte zustimmend mit dem Haupte; jetzt schien alles erreicht, was sie noch für möglich gehalten. Es ging ihr aber doch in der Seele vorüber, wie viel Lebensglück und Lebensfreude sie einst von diesem jungen Mann erhofft hatte und wie alle Hoffnungen jetzt zertreten waren. Drum flüsterte sie wehmütig:

»Nun leb' wohl, Florian!«

»O, so bleib' doch, Rosi! Jetzt sind wir ja wieder gut – laß dir nur ein einziges Wörtlein sagen, ein freundliches!«

Gleichwohl war sie schon dem Heimweg zugewendet, aber plötzlich kam ihr die Erinnerung an die Drohung, die ihr der Vater mitgegeben; sie kehrte sich wieder der Stadt zu und sprach trübsinnig:

»Aber so darf ich nicht heimkommen – die Abbitte muß ich bringen!«

»Vielleicht geht's noch anders,« sagte Florian und bot ihr die offene Hand; sie schien es jedoch nicht zu beachten, obwohl sie ihn mit ihren blauen Augen ganz friedlich anblickte.

»Nu, Rosi,« fragte jener, »gibst mir die Hand nicht?«

»Schon doch, wenn du sie verlangst.«

»Ich bitt' dich drum.«

Sie reichte die Rechte dar.

»O, die andre auch!«

Da lagen ihre Hände zum ersten Male ineinander und drückten sich warm und herzlich.

»Nimmst vielleicht dies Sträußel an, von mir?« – sagte er dann schmeichelnd und bot ihr den Blumenbuschen, den er für sie mitgebracht.

»Ja gern, ja gern – von dir!«

»Heut bist so lieb, du Feine, und so gut aufgelegt. Könntest wohl noch etwas annehmen –«

»Ja, was denn?«

»Einen braven Burschen, der dich unendlich gern hat!«

»Und wer ist denn der?« fragte die Rosi schalkhaft, denn nunmehr klopfte ihr das Herz vor Freude und sie wußte schon ebenso genau wie wir, was jetzt noch kommen würde.

»Wer anders, als der Florian – der Florian mit Leib und Seel', mit Haus und Hof! O nimm ihn doch, du Schöne!«

»Ja gern, ja gern, du Schöner,« erwiderte sie mit dem holdesten Lächeln, das man je an ihr gesehen.

Und so fielen sie sich um den Hals und küßten sich bei scheinender Sonne, auf der rauigen Flur, zwischen den hohen Ähren, nicht weit vom Feldkreuz, welches auf der Wiese steht. Die alte Landfeste auf ihrem reichbelaubten Felsen, der ragende Pendling, der schattige Tierberg mit seinem grauen Turm und der mächtige Kaiser mit seinen hohen Wänden – sie waren die ehrwürdigen Zeugen dieser ländlichen Liebeserklärung.

Nunmehr aber ging das anmutige Paar unter sprudelnden Gesprächen der Stadt und dem k. k. Landgericht zu.

Die Rosi erinnerte sich jetzt zuerst, in welch verzweifelnder Stimmung sie vor acht Tagen diesen Weg gekommen war und sagte es auch dem Florian, wogegen ihr dieser allerdings erwidern konnte, daß er schon damals voll der schönsten Hoffnungen gewesen, daß ihm seine Mutter, die sich so sehr auf sie freue, schon damals gedroht, er dürfe nur als Hochzeiter heimkommen, und daß sie, wenn der Vater nicht so zornig geworden, gewiß schon damals als Verlobte aus dem Landgericht gegangen wären.

Bei dem Stiegel aber, dessen schon oben gedacht ist, erwies der Florian seiner Braut den ersten Ritterdienst, indem er mit beiden Händen ihre schlanke Büste umfaßte und das Mädchen mit jugendlicher Kraft emporhob, so daß sie das Trittbrett nur leicht berührte und lächelnd wie eine Elfe hinüberzuschweben schien. Das soll ungemein zierlich ausgesehen haben.

Unsere Landleute geben sich in solchen Fällen nicht den Arm, weil es ihnen unanständig scheint; das öffentliche Zeichen höchster Vertraulichkeit oder erklärter Liebschaft ist vielmehr, sich bei den kleinen Fingern zu fassen und so freundlich schlenkernd nebeneinander herzugehen. So gingen auch der Florian und die Rosi mit dem Sträußchen damals durch die schöne Hauptstraße der Stadt Kufstein hinab, welche sie jetzt gar nicht vermeiden wollten, wo sie aber von den Leuten auf der Gasse und an den Fenstern nicht ohne Verwunderung betrachtet wurden. – »Schau, schau,« sagte Frau Ursula Zangenfeind, die junge Schneiderin, zur alten Schusterin, der Frau Kreszenzia Tiefenthaler, »jetzt gehen sie gar miteinander! – Jetzt ist der Prozeß aus! – Ein schönes Paar! Die taugen gut zusammen! – Bis jetzt haben wir sie ausgelacht, jetzt lachen sie uns aus!« –

Allerhand Menschenkinder, jung und alt, Männlein und Weiblein, kamen auch aus den Häusern und den Werkstätten heraus, gaben ihnen freundlich die Hand, freuten sich, daß es so gegangen und wünschten ihnen Glück für ihr kommendes Leben. Die Frau Landrichterin, die am offenen Fenster saß, grüßte gleichfalls sehr verbindlich herunter und rief in ihrer besten Laune: »Freut mich herzlich, herzlich, daß die Germania endlich ihren Germanikus gefunden!« – eine Äußerung, die die Geschichtsfreunde in Kufstein damals sehr witzig fanden, die aber der Florian der schönen Rosi doch etwas erläutern mußte.

So traten sie kichernd und lachend in das Amtszimmer des Herrn Landrichters. Dieser freute sich höchlich, sie als Brautpaar begrüßen zu können, und sagte scherzend:

»Jetzt haben wir doch einen Vergleich, scheint mir, und hat die Sach' so bös herg'schaut! Wär' freilich recht angenehm, wenn jeder Prozeß mit einer Hochzeit ausginge.«

»Ha,« versetzte der Florian fröhlich, »ich hab' mir denkt, heiraten steht mir besser an, als abbitten, und sie hat auch nichts dagegen, die prächtige Dirn'! Jetzt, wenn uns die Leut' auslachen, lachen wir mit!«

»Und das Schmerzensgeld,« fuhr der Landrichter fort, »geb ich jetzt der Rosi hinaus. Kannst dir gleich eine Wiege kaufen und ein Kinderwägerl!«

Die schöne Rosi wußte in ihrer jetzigen Munterkeit diesen Ton auch nicht übel zu treffen und schäkerte mit dem Herrn Landrichter fort, bis dieser die vielen Dukaten aufgezählt und ihr übergeben hatte. »Bist schon eine!« sagte er dann, »deinem Vater hast du das Geld nicht vergönnt, aber jetzt streichst du's selber ein und lachst dazu. So, nun b'hüt euch Gott, und grüßt mir die Eltern. Wenn ihr nicht glücklich werdet, dann wird's niemand mehr auf dieser Welt!«

Es wäre vielleicht zu wundern, daß bei diesen Vorgängen auf Herrn Thomas Hechenplaickner kein Bedacht genommen wurde, allein seine Genehmigung lag so sehr in der Luft, daß sie der Landrichter, der Florian und die Rosi unbedenklich als gegeben annahmen.

Man vermutete ihn zu Hause, aber er war wider Erwarten in der Stadt. Eine kurze Weile nämlich, nachdem der Einspänner mit seiner Tochter dahin war, kam ein alter Freund, der Wirt von Kössen, auf einem Wägelein daher und fütterte sein Rößlein in der Sewi, um von da in die Stadt zu fahren. Der alte Hechenplaickner, der über den Verlauf der Sache in der peinlichsten Unruhe schwebte und sich sehnlich in die Nähe des Landgerichts wünschte, sagte daher zu seinem Freunde: »Nu, ein bissel was hätt' ich auch zu tun in der Stadt; könntest mich leicht mitnehmen!«

Er saß aber kaum oben, als auch Frau Anastasia, welche von derselben Angst geplagt wurde, aus dem Hause trat und auf ihren Mann einen flehentlichen Blick richtete. Dieser verstand ihn aufs erstemal und sagte zu seinem Freunde:

»Schau, sie möchte halt auch dabei sein; steig' nur auf, Wirtin!«

Auf diese Weise war der Hechenplaickner mit seiner Frau in die Stadt gekommen und stand eben vor dem Landgericht, an dem er mißgünstig hinaufsah, als der Florian und die Rosi in der heitersten Laune herausstürzten.

»O der Vater!« riefen beide hoch erstaunt, aber doch in hellen Freuden, und der Florian fuhr gleich fort: »Lieber Vater, wir haben uns verglichen! wenn ich sie heirate, sagt die Rosi, so brauch ich ihr nicht abzubitten, und so denk ich wohl, du schenkst mir's auch.«

»Daß dich! Daß dich!« rief lachend der alte Hechenplaickner, der plötzlich so heiter und lustig, wie er seit einem Menschenalter nicht mehr gewesen, auch mit beiden Händen wonniglich auf seine Lederhose klatschte – »na, na, na! das hätt' dir aber schon lang einfallen können, Florian! Dir hätten wir sie alleweil vergunnt.«

»Dank von Herzen, lieber Vater,« entgegnete der Florian, »aber es ist jetzt auch noch recht worden. Wenn alles so ginge, wie es gehen sollte, so gäb es ja gar keine lustigen Geschichten und hätten die Leute nichts mehr zu lachen und nichts mehr zu erzählen.«

Wir nehmen gerne Akt von diesen Worten, welche schon vor vielen Jahren das dereinstige Erscheinen dieser Geschichte ahnen ließen und deren Mitteilung sozusagen auch autorisierten.

»Jetzt gehen wir aber zum Auracher!« rief der Florian, »da wartet die Mutter. Die freut sich schon lang!«

Sie wartete aber nicht allein, sondern mit ihr auch die Wirtin von der Sewi. Da nämlich der gute Freund, mit dem sie in die Stadt gefahren, beim Auracher Bräu eingestellt hatte, so ließ der alte Hechenplaickner seine Ehefrau einstweilen in die große Gaststube hinaufgehen. Dort sollte sie bleiben, bis er komme. Gar weit gerieten sie ja nicht auseinander, da der Auracher Bräu jetzt noch wie damals ganz nahe an dem k.k. Landgericht liegt.

Rosis Mutter mochte, nebenbei gesagt, wohl das traurigste Mitglied der Familie sein. Die Tochter hatte sich während der letzten Tage, wie es schien, in ihr Schicksal gefügt und schaute entsagend in eine ruhige, wenn auch freudenlose Zukunft. Den Vater beschäftigte damals nur die Abbitte und die Rache an seinem Gegner, wahrend ihm alles übrige gleichgültig war. Frau Anastasia aber empfand die Verlassenheit und Vereinsamung ihrer lieben Tochter sehr schmerzlich. Der Rechtsstreit vor dem k. k. Landgericht schien ihr nur eine überflüssige Balgerei der Mannsbilder, von welcher für die weibliche Seite gar nichts abfallen könne, denn mit dem Siege ihres Eheherrn ging ja auch noch die letzte Möglichkeit verloren, die Rosi in Langkampfen versorgt und glücklich zu sehen, eine Möglichkeit, die sie zwar selbst kaum mehr als solche anschlug, aber doch immer noch nicht vergessen wollte. Eine Niederlage dagegen konnte in jener Richtung nichts bessern und nur dem Gelächter der bösen Welt neue Nahrung geben.

Frau Anastasia Hechenplaickner ging also in das Gasthaus hinein und in die große Stube hinauf. Dort saß an dem Erkertische eine ansehnliche Frau, die ihr des gleichen Standes und friedlicher Gemütsart schien, so daß sie an demselben Orte Platz nahm und, obwohl so niedergeschlagen und bekümmert, ihr doch einen guten Morgen wünschte.

Frau Euphrosyne Weitenmoser erwiderte den Gruß und fuhr dann freundlich fort:

»Kommt Ihr schon weit her, heute?«

»Von der Sewi!« war die trübsinnige Antwort.

Frau Euphrosyne wußte nun alles, aber um dem Gespräch seinen ruhigen Lauf zu lassen, sagte sie mit scheinbarem Gleichmut:

»Habt gewiß zu tun in der Stadt?«

Rosis Mutter wischte sich eine Träne aus dem Auge und sagte in merklicher Verlegenheit:

»Ja, ich hab' so einen Wehtagen, möchte gern mit dem Doktor reden.«

Da brach aber Frau Euphrosyne munter los und rief: »Gebt mir die Hand, Frau Hechenplaickner! Ich bin die Wirtin von Langkampfen. Euren Wehtagen kenn' ich – den haben wir alle gleich, und ein Doktor macht uns alle gesund!«

»Ja, meint Ihr, es geht gut?« fragte Frau Hechenplaickner in ängstlicher Freude. Die Antwort kam von der Gasse herauf als ein schallender Juhschrei, mit welchem der Florian seiner Mutter verkündete, daß die Rosi seine Braut sei.

Sie gingen ans Fenster und grüßten mit beiden Händen hinunter:

»Hast den Doktor gehört?« fragte Frau Euphrosyne lachend die Wirtin von der Sewi, die in seligem Erstaunen sich kaum mehr verwußte.

Im nächsten Augenblicke aber waren sie um den Tisch im Erker vereinigt und da feierten der Florian und die Rosi bei fröhlichem Becherklang ihre Verlobung, und die Eltern hatten die größte Freude darob, daß sie diesen Tag noch erlebt. Nur der alte Weitenmoser konnte leider nicht dabei sein, aber der junge Lorenz wurde gleich geholt und schloß mit dem Florian ewige Freundschaft.

Und nachdem etliche Stunden in hoher Fröhlichkeit vergangen waren, stand der Florian auf und führte ihnen zu Gemüte, daß morgen Mariä Himmelfahrt, der große Frauentag sei, auf den sich alle Kräuter freuen, und die Blumen allzumal blühen da im schönsten Glanz. Also sollten auch sie sich freuen, und die herzlieben Leute von der Sewi, Eltern und Kinder, sollten alle morgen in sein väterliches Haus nach Langkampfen kommen und sich dort zum festlichen Mahle setzen.

Und am andern Tage, an Mariä Himmelfahrt, saßen Vater Hechenplaickner und seine Frau und alle seine Kinder mit dem Florian und seiner Mutter beim festlichen Mahle zu Langkampfen. Und als dies zu Ende ging, begann sich die Halle mit mancherlei Gönnern und Freunden zu füllen, die der Florian am vorigen Abend höflichst eingeladen hatte. Da erschien der Herr Landrichter mit seiner Gemahlin, der Herr Bürgermeister, der Seifensieder, der Bürstenbinder und der Nagelschmied von der Stadt, der Herr Pfarrer und der Herr Kaplan von Langkampfen, sowie der Valentin Hinterbichler von Walchsee, der's gestern noch in Kufstein gehört hatte und die Rosi zuvörderst um Verzeihung bat, die sie auch fröhlich gewährte. Ferner stellten sich die drei Maler ein, die mittlerweile ein Asyl in der bekannten Klause gefunden hatten und zuerst das Haus etwas scheu umgingen, von der Rosi und dem Florian aber bald bemerkt und freundlich hereingerufen wurden. Auch des Heißbauern Lisi und des Moosers Töchter und andere Mädchen, sowie ihre werten Väter und Mütter und alle frischen Burschen des Dorfes kamen freudig herzu.

Und damit von den Personen des Dramas bei dem fröhlichen Schlusse nicht eine einzige fehle, trat plötzlich auch Miß Lukrezia Johnson in den Saal. Sie war von Maria-Stein herabgekommen, gab dem Florian und der Rosi freundlichst und freudigst die Hand und wurde herzlichst aufgenommen.

Als aber alle die Ehrengedachten beisammen waren, traten die Spielleute ein und es begann der Tanz.

Da tat zuerst der Herr Landrichter einen Ehrentanz mit der schönen Rosi, wie auch der Florian mit der Frau Landrichterin. Hierauf hatte nach altem Brauch der »Hochzeiter« mit seiner Herzallerliebsten allein den Brauttanz auszuführen; nachher aber begannen die Burschen und die Mädeln sich unaufhaltsam in raschem Wirbel zu drehen, auch der Valentin mit der Löwin des Tages, was die vollständige Aussöhnung nicht verkennen ließ, dann auch die Maler, die heute gar so munter waren, mit der Rosi und mit dem englischen Fräulein, mit der Marie, der Petronella und der Apollonia. Und so stieg die Freudigkeit immer höher und später einmal trat sogar die Braut, »die prächtige Dirn'«, unter der großen Türe als Germania herein, »den Lorbeerkranz auf dem Scheitel, mit aufgelösten Haaren und wallendem Busen, die faltige Tunika über dem seidenen Festrock«, groß und hehr, aber wunderbar lieblich zugleich. Es bildete sich eine weite, erwartungsvolle Runde, an deren Ende sie, wie eine Überirdische, prangte und dann die Verslein deklamierte, »die Verslein, die ihr die Maler angelernt« – nämlich:

»Ans Vaterland, ans teure schließ' dich an;
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!
Dort sind die starken Wurzeln deiner Kraft.«

Diese Verse trug die Rosi mit tiefer Empfindung vor, so daß sie allen überhaupt und dem Florian insbesondere zu Herzen gingen. Letzterer konnte sich heute an der Germania, die ihm früher so bedenklich erschienen, wirklich nicht genug sehen und war so hingerissen von ihrer Schönheit und Pracht, daß er sich bald an ihren Hals stürzte und sie heiß und feurig küßte. Dies begeisterte alle die Gäste derart, daß sie in stürmische Glückwünsche ausbrachen und das Brautpaar donnernd leben ließen.

So verging der Tag in aller Herrlichkeit, und obgleich die gewöhnliche Weltgeschichte nichts von ihm erzählt, so war er doch unter den Tagen, welche der Florian und die Rosi erlebten, einer der schönsten und der glücklichsten.

Übrigens läge jeder im Irrtum, der da annehmen würde, die schöne Rosi habe damals »zum Fenster hinaus« und sozusagen in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts hereinsprechen wollen. Dies ist ihr nie eingefallen, denn unsere Geschichte spielt, wie eine exakte Forschung sicher herausstellen müßte, in den hoffnungsvollen Jahren des Vormärzes, wo die hochherzigen Tiroler auch noch zum großen deutschen Vaterlande oder wie man's damals nannte: zum Deutschen Bunde gehörten, und die Tiroler Mädeln noch die Germania vorstellen durften, ohne ihre politische Gesinnung verdächtig zu machen.

Um allen Mißverständnissen vorzubeugen, gab aber die Frau Landrichterin in Übereinstimmung mit dem weltklugen Herrn Bürstenbinder schon damals die Parole aus, die Rosi habe den Anschluß ans teure Vaterland, wenn darunter überhaupt Deutschland zu verstehen sei, nur in Bezug auf Wissenschaft und schöne Künste empfehlen wollen, und in dieser Beziehung ist derselbe auch noch heutigentags nicht bloß empfehlenswert, sondern sogar unentbehrlich.


Und auch die Hochzeit wurde bald darauf in ländlicher Pracht gefeiert, und die Ehe fiel so glücklich aus, daß noch nie eine glücklicher gewesen.

Weil aber nach der alten Sage die Götter neidisch sind, oder weil sie jene, die sie lieben, früh zu sich nehmen, so sind auch der Florian und die schöne Rosi nicht alt geworden, sondern eines bald nach dem andern, fast noch in der Blüte ihrer Jugend, dahingegangen.

Frau Anastasia Hechenplaickner soll später, nachdem ihr Mann aus dieser Welt geschieden und alle Töchter versorgt waren, ihren Wohnsitz in Langkampfen genommen und ihre letzten Jährlein mit Frau Euphrosyne Weitenmoser verlebt haben, in stetem Andenken an die lieben Kinder, deren Ruhestätte sie vom Lenz bis in den Herbst mit den schönsten Blumen zierten.

Der Herr Landrichter aber vereinigte auch diese seltsame Geschichte mit seinem Novellenschatze und erzählte sie nachher oft und gern, und leben jetzt noch einige Leute aus der damaligen Zeit, die sich recht gut daran erinnern können.

Mundartliche Anmerkungen

zu der Rose der Sewi

Die Erzählung spricht in den vorkommenden Gesprächen ungefähr die Mundart der dortigen Gegend – ungefähr, denn eine genaue Wiedergabe derselben schien nicht rätlich; man hätte sonst i oder ih für ich, aa, ah, á oder à für auch, öß oder für ihr, gsagg oder auch xagg für gesagt setzen und noch vieles andre bringen müssen, was dem Leser, der zufällig nicht im Gebiete des bajuvarischen Stammes geboren ist, die Lesung nur erschwert und deren Annehmlichkeit nicht erhöht hätte. Darum ist die Mundart so gehalten worden, daß sie jedem Deutschen von der Etsch bis in die Königsau gleich verständlich sein wird, während jeder andere Landsmann seine heimischen Laute doch ohne Mühe hineinlesen kann.

Es sind daher nur wenige Wörter hervorzuheben, die einer Erklärung bedürfen (darunter auch einige, die nicht in den Gesprächen, sondern im erzählenden Texte vorkommen) – nämlich etwa folgende:

Der Name Hechenplaickner, besser Höhenblaikner, im Unterinntal nicht selten, erklärt sich aus hoch und Blaike, »Stelle eines Berghangs, an welcher sich die Dammerde losgerissen hat und gesunken ist, so daß an demselben der Sand oder das nackte Gestein zum Vorschein kommt«. Schmeller, I, 323.

Hinterbüchler = Hinterbühler. Der Bühel, der Hügel, jetzt nach der Aussprache in Ortsnamen gewöhnlich Bichel oder Pichel, woher dann die zahlreichen Bichler oder Pichler.

Mittersackschmöller, ein Name, den die Erzählung wohl nur aufgenommen hat, um ihm eine kleine Ehre zu erweisen, da er ein vorzügliches Exemplar jener germanisierten romanischen Namen ist, die in Tirol so häufig sind. Mitter- ist ohnedies gemeinverständlich, sackschmöll aber geht auf ein ehemaliges saxum malum zurück.

Herrisch, durchaus nicht imperiosus, sondern alles, was zum Herrenvolk gehört und sich städtisch kleidet.

Die ganze Freundschaft = die ganze Verwandtschaft.

Einen Streich hat derjenige, der nach Schmeller (2, 805) »einen Sparren zuviel im Kopfe hat«, aber auch der, der ungewöhnlichen, seltsamen Neigungen und Liebhabereien nachgeht. Wenn der Valentin damals der Rosi und dem Florian einen Streich zuschrieb, so meinte er wohl damit ihre Neigung zu den Büchern und den schönen Künsten.

Feiner Bursch; das tirolische fein fällt mit dem cisalpinischen nicht ganz zusammen. Einerseits fehlt ihm der Begriff der Finesse, der Listigkeit, anderseits bedeutet es das Höchste, was gute Anlage und gute Erziehung aus einem Menschen machen können. »Ein feiner Bursch« ist so viel als ein vollendeter Gentleman. Ein feines Mädchen wird zwar immer schön, ein schönes Mädchen muß aber nicht immer fein sein.

Verraten, nicht immer prodere, sondern auch oft, wie hier, anraten, empfehlen.

Leite, Abhang eines Hügels.

Steinmuhr, Bergbruch, Felsenablösung.

Der Türken, Mais, Welschkorn.

Ein Affe, ein Räuschlein.

Hochzeiter, Hochzeiterin, haben das alte Bräutigam und Braut fast ganz verdrängt.

Ihrzen, Gegensatz zu duzen, jemanden mit Ihr oder Sie anreden.

Wehtagen, spr. Wedam, Schmerz.








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