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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Oskar Meding

(Gregor Samarow)

Die Römerfahrt der Epigonen

I. Band.

Erstes Capitel.

Ein reges Leben herrschte in der alten Reichsstadt Goslar, der einst so glänzenden Residenz Kaiser Heinrichs, dessen hochragendes Schloß in Ruinen daliegt und traurig hinabblickt auf die Stadt am Harz.

Lange waren sie vorüber die Tage des alten Glanzes, und still hatte das Leben in der vergessenen Bergstadt sich von Jahr zu Jahr hingezogen – wie träumend nur hatten sie herübergerauscht die Sagen von den verschwundenen Zeiten aus den dunkeln Wäldern des Harzes her, in denen einst der große kaiserliche Vogelsteller sein Netz spannte, – und die alte Kaiserresidenz war zur kleinen Provinzialstadt des Königreichs Hannover geworden, in welche kaum einmal ein Fremder seinen Fuß setzte, wenn nicht ein Alterthumsforscher den Spuren der großen Vergangenheit nachging.

Dann aber war plötzlich in den neuesten Tagen das alte Goslar ein Sammelpunkt von Fremden aus aller Herren Länder geworden, – aber nicht wegen der Alterthümer kamen sie, sondern wegen der wunderbaren Heiltränke, welche der Schuster Lampe aus den Kräutern des Harzes zu brauen verstand und von deren Wirkungen bei sonst unheilbaren Krankheiten man sich die unglaublichsten Dinge erzählte. Wer von den Aerzten aufgegeben war, der kam nach Goslar zu dem wunderthätigen Schuster und verbreitete dann den Ruf von dessen Tränken weiter. Wohl hatten die zünftigen Aerzte den eigenthümlichen Naturarzt verfolgt und ein Verbot seiner Kuren erwirkt, – aber der König von Hannover hatte seine Tränke höchstpersönlich geprüft und ihre heilsame Wirkung empfunden, und der Facultät zum Trotz dem Schuster Lampe die Erlaubniß gegeben, den Leidenden zu helfen mit seinen waldduftenden Harzkräutern. Der König selbst war mit seinem Hof nach Goslar gekommen und brauchte die Lampe'sche Kur, fremde Fürsten waren ihm gefolgt, – die hannöverschen Minister und hohen Staatsbeamten kamen zu den Vorträgen und Berathungen hinüber, und von da ab füllten sich die Häuser der Bürger von Goslar mehr und mehr mit Fremden, – die alte Harzstadt gewann das Ansehen eines frequenten und eleganten Badeortes und ein Strom von Gold ergoß sich aus allen Ländern über ihre glücklichen Bewohner.

Es war im Juli 1863.

Hoch über der Stadt Goslar liegt das alte Klostergebäude, der Frankenberg, ein alterthümliches Haus in schönem Garten mit prachtvoller Aussicht nach den Bergen und über die Stadt hin. Hier hatte der König Georg von Hannover mit der Königin, dem Kronprinzen und den Prinzessinnen ihre Residenz aufgeschlagen, in ländlicher Einsamkeit lebte die Königliche Familie hier still und ruhig, und wenn keine Besuche aus Hannover kamen, die eine größere Entfaltung königlichen Glanzes veranlaßten, so war der Hofhalt von der äußersten Einfachheit, ganz der ziemlich strengen Diät der Lampe'schen Kur angepaßt.

In seinem großen und geräumigen, aber mit einer ganz bürgerlichen Anspruchslosigkeit meublierten Wohnzimmer im ersten Stockwerk des Frankenberger Klosters saß der König Georg V. in einem Lehnstuhl mit hölzernen Seitenlehnen vor seinem Schreibtisch.

Der König war damals vierundvierzig Jahre alt, – sein edles Gesicht mit dem schönen scharf geschnittenen Profil hätte in seiner vollen blühenden Frische und Gesundheit kaum jenes Alter errathen lassen, – der fehlende Blick des sehenden Auges nahm diesem schönen und sympathischen Gesicht nicht den geistig lebensvollen Ausdruck, wie man dies sonst wohl bei blinden Personen findet, – das lebhafte Mienenspiel, die beredte und anmuthig verbindliche Bewegung der Lippen beim Sprechen erfüllt die Züge des Gesichts mit dem Glanze geistigen Lichtes, und bei der eigenthümlichen Sicherheit, mit welcher der König stets die Augen scharf auf denjenigen richtete, mit dem er sprach, wollten die Personen, welche nicht regelmäßig mit ihm verkehrten, selten an den völligen Verlust seines Augenlichtes glauben.

Der König trug die Uniform der Gardejäger ohne Epauletten mit dem kleinen Kreuz des Guelphenordens, – unter dem unterhalb aufgeknöpften Waffenrock sah man das große blaue Band des Ordens vom Hosenbande. Er rauchte eine Cigarre aus einer langen Holzspitze.

Dem Könige gegenüber saß sein Geheimer Cabinets-Rath Dr. Lex, – ein kleiner unscheinbar bescheidener Mann von fünfzig Jahren, mager und trocken, mit kleinem, faltenreichem, bartlosem Gesicht, das fast immer einen leicht mürrischen Ausdruck zeigte und sich nur bei längerer Unterhaltung mit näheren Bekannten zu einer gemüthlichen Heiterkeit aufhellte.

Der Geheime Cabinets-Rath las dem Könige die aus Hannover eingegangenen Berichte vor.

»Der Minister Windthorst berichtet über die Thätigkeit des großdeutschen Vereins,« sagte der Geheime Cabinets-Rath, indem er einen Bogen entfaltete, – »auch der Ober-Gerichts-Director Witte hat mir einen Privatbrief über denselben Gegenstand geschrieben.«

»Nun, was macht denn dieser vortreffliche Verein?« fragte der König mit leichtem Lächeln, indem er eine lange Rauchwolke aus den gespitzten Lippen hervorblies.

»Er bereitet abermals eine Versammlung mit Resolutionen über die deutschen Angelegenheiten vor,« erwiderte der Geheime Cabinets-Rath.

»Und welche Resolution will man fassen,« fragte der König.

Der Geheime Cabinets-Rath blickte in den Bericht und sprach:

»Der großdeutsche Verein erkennt in dem Vorgehn Dänemarks zur völligen Trennung Schleswigs von Holstein eine Beeinträchtigung der Rechte Deutschlands –«

Der König nickte mit dem Kopfe, – »eine unumstößliche Wahrheit!« sagte er halb für sich.

»– und der großdeutsche Verein,« fuhr der Geheime Cabinets-Rath fort, »erwartet daher, daß alle deutschen Regierungen, insbesondere auch die hannöverische diesem Vorgehen energisch entgegentreten werde.«

»Sehr hübsch,« sagte der König, abermals lächelnd, – »es ist gewiß nichts gegen diese Resolution einzuwenden, – nur sollte sie sich in allererster Linie an die beiden ersten Mächte des Deutschen Bundes, an Preußen und Oesterreich richten, – denn wenn diese einig, wahrhaft einig sind, so ist der deutsche Bund die erste Macht in Europa und an keinem Punkte wird deutsches Recht beschädigt werden können. – Daß ich, wo es die Ehre und das Recht Deutschlands gilt, meine Schuldigkeit thun werde, versteht sich von selbst, – aber was kann Hannover allein thun, – warum gerade Hannover besonders hervorheben? – Möchten doch jene beiden großen Mächte an der Spitze des Bundes ernsthaft handelnd auftreten, so wäre ja Alles gethan, – statt dessen lancirt man von Wien aus Ideen über die Bundesreform in die öffentliche Meinung hinein, und greift damit die Grundlage des Rechts, der Ruhe und des Friedens nicht nur in Deutschland, sondern in Europa an. – Der deutsche Bund,« fuhr er lebhaft fort, »ist nicht reformirbar – sein Fehler liegt nur darin, daß er eine Vereinigung rechtlich gleicher Glieder bildet, unter denen zwei an Macht so gewaltig die übrigen überragen, daß ohne sie nichts geschehen kann und daß es keine Gewalt giebt, welche jene zwingen könnte, sich den Gesetzen des Bundes zu unterwerfen, wenn sie es nicht wollen. Keine Bundesreform kann dies Mißverständniß beseitigen, und darum sollte man nicht an Reformen des Bundes denken, sondern alle Fürsten und Regierungen, die es wahrhaft gut mit Deutschland meinen, sollten unablässig danach streben, die beiden deutschen Großmächte in fester Einigkeit aneinander zu schließen und jedes Mißtrauen und Mißverständniß zu beseitigen. Ich wenigstens halte das für meine höchste Pflicht, der gemäß ich auch gehandelt habe – und wie ich glaube, mit Erfolg gehandelt, – als ich den König von Preußen veranlaßte, nicht allein nach Baden-Baden zu gehen, sondern umgeben von den übrigen Königen in Deutschland dem französischen Kaiser entgegenzutreten. – Glauben Sie mir, lieber Lex,« fuhr er nach einem langen Athemzug fort, – »die Einigkeit zwischen Preußen und Oesterreich ist die Lebensbedingung des Deutschen Bundes – keine der beiden Mächte kann und wird die andere unterwerfen, – und an dem Tage, an welchem jene Einigkeit ernstlich gestört werden sollte, wird man sagen können, finis Germaniae!« –

»Hat der großdeutsche Verein also die müßige Theorie der Bundesreform aufgegeben?« fragte er weiter.

»Doch nicht, Majestät,« sagte der Geheime Cabinets-Rath kopfschüttelnd, – »der Verein will in seiner Resolution auf die Nothwendigkeit der Bundesreform hinweisen, – welche,« fuhr er die Stelle des Berichtes vorlesend fort, »insbesondere auch die Herstellung einer auf die Kriegsverfassung des Bundes gestützten schlagfertigen Militairorganisation der Bundesstreitkräfte in's Auge fassen soll. Als Grundbedingung dafür bezeichnet der Verein die Zusammenfassung der Streitkräfte der deutschen Mittel- und Kleinstaaten zu einem selbstständig und einheitlich bewegbaren Armeekörper.«

Der König blies das Ende seiner Cigarre aus der Spitze und rief lebhaft:

»Das ist der einzige vernünftige Gedanke in der ganzen Resolution. Die alleinige Möglichkeit für alle kleineren Glieder des Bundes ernstlich und nachhaltig auf die Einigkeit der beiden Großmächte zu wirken, liegt darin, daß sie zunächst unter einander einig sind, namentlich auch militairisch geeinigt, denn so allein können sie ein wirkliches Gewicht in die Wagschale werfen und ihrem Rath Gehör schaffen.«

Man hörte einen Wagen in den stillen Hof des Klosters rollen, – bald darauf ertönten Stimmen und heiteres Lachen im Vorzimmer.

»Lampe!« rief der König.

Der Kammerdiener erschien in der rasch geöffneten Flügelthür mit den Worten:

»Ihre Majestät die Königin!«

Unmittelbar darauf trat die Königin Marie ein. Sie war mit dem Könige gleich alt, aber noch weniger als dies bei ihrem Gemahl der Fall war, ließ ihr Aussehen dies Alter vermuthen. Ihre Gestalt hatte noch die ganze schlanke Elasticität der Jugend. – Die Züge ihres runden, vollen und anmuthigen Gesichts waren so frisch und heiter, daß man darüber den kränklich blassen Teint vergaß und die vollen Flechten ihres Haupthaares waren weder in ihrem reichen Wachsthum noch in ihrer schönen braunen Farbe von der dahin fliehenden Zeit berührt worden.

Die Königin trug ein leichtes Sommerkleid, einen runden Strohhut mit einem frischen Blumenstrauß geschmückt in der Hand. Sie trat laut und fröhlich lachend in das Cabinet.

Ihr folgte auf dem Fuße eine eigenthümliche Erscheinung, ein Mann von fast siebenzig Jahren, ausgetrocknet und dürr, Ausdruck und Haltung ohne Anmuth, aber doch durch eine gewisse leichte und selbstbewußte Sicherheit über die Gewöhnlichkeit erhaben. Die unregelmäßigen Züge seines Gesichts zeigten eine gewisse verbissene Verschlossenheit, und die tief unter der etwas hervortretenden Stirn heraufblickenden Augen waren ebenso voll kalter scharfer Beobachtung als voll eigenthümlichen, orientalisch glühenden Fanatismus.

Diese sonderbare Erscheinung war der berühmte Naturheilkünstler Lampe – er trug einen kurzen Rock von originellem Schnitt mit aufstehendem Kragen und mit schwarzen Schnüren nach Art der alten polnischen Kurtkas besetzt, und hielt eine österreichische Mütze mit großem Schirm in der Hand.

Der König hatte sich beim Eintritt seiner Gemahlin erhoben und war vor seinem Stuhl stehen geblieben, während der Geheime Cabinets-Rath mit tiefer Verbeugung Ihre Majestät begrüßte.

»Lampe ist sehr ungnädig, Männchen,« sagte die Königin immer noch lachend, – »er hat auf meinem Frühstückstisch Kaffee gefunden, – und ich kann es allerdings nicht läugnen, daß ich mir heute diesen von der Regel seiner Kur abweichenden Genuß erlaubt habe, – da ist er so böse geworden, daß ich mich vor seinem Schelten hier unter Deinen Schutz flüchten muß.«

»Das wird Ihrer Majestät, meiner allergnädigsten Königin gar nichts helfen,« sagte Lampe mit seiner trockenen, kurzen Stimme in sehr ausgesprochenem Harzer Dialect, – »Hier in Goslar sind alle Patienten, welche die Kräuterkur brauchen wollen, meine Unterthanen, und ich kann gar keine Abweichung von meinen Gesetzen dulden, – ich habe keine Instanz über mir und kein Parlament neben mir – ich frage Niemand und gebe keine Rechenschaft, und wer gesund werden will, muß mir gehorchen.«

Der König lachte herzlich.

»Glücklicher Lampe,« rief er, – »das kann kein anderer Souverain von sich sagen, – fast sollte ich Lust bekommen, mein Herrschaftsgebiet mit dem Ihrigen zu vertauschen.«

»Gegen den Tausch würde ich ganz gehorsamst protestiren,« rief Lampe seine Hände gegen den König erhebend, – »Eure Majestät haben mir zu viele gesunde Unterthanen, mit denen mag ich Nichts zu thun haben, – ich ziehe die Kranken vor, – die müssen sich schon fügen, – und haben den Vorzug, daß sie ihre Steuern gern und willig zahlen.«

»Da ich also kein Recht bei Dir finde, sagte die Königin, »so muß ich mich wohl entschließen, die Opposition aufzugeben und den Kaffee von meinem Frühstückstisch zu verbannen.«

»Es wird Eurer Majestät nichts Anderes übrig bleiben,« murrte Lampe, – »ich habe Ihnen in der That noch keine zu strengen Diätregeln vorgeschrieben.«

»Doch jetzt den Kurrapport,« rief der König, – und lächelnd hob er einen Finger empor, »sprechen darf man ja dabei nicht.«

Die Königin trat an ein Fenster.

Lampe betrachtete den König scharf und prüfend aus seinen stechenden Augen und sagte kurz: »Ich werde Eurer Majestät in einer Stunde den heutigen Trank senden.«

»Ich muß Ihnen übrigens sagen, mein lieber Lampe,« sprach Georg V. weiter, »daß Ihr Einreiber Lentje fürchterlich mit mir umgeht, um mir Ihre harzigen Salben in die Haut dringen zu lassen. – Er behandelt mich in der That wenig rücksichtsvoll.«

»Gut, gut,« rief Lampe, – »das ist seine Pflicht, – er muß die Glieder tüchtig kneten, – sonst dringt der Saft nicht ein, – ich würde ihn fortschicken, wenn er Rücksichten nehmen wollte.«

»A propos,« sagte der König lachend, – »was macht denn mein Professor Pernice, den Sie in der Kur haben, ich habe ihn seit einigen Tagen nicht gesehen, – ist er schon schlanker geworden?«

»Bei dem guten Pernice,« sagte die Königin, welche zu ihrem Gemahl getreten war, – »trifft wenigstens zu, was der Bürgermeister Sandvoß über Lampe's Kur sagt, – die Kur ist gewiß ganz gut – aber es gehört eine feste Gesundheit dazu.«

Und schalkhaft lächelnd blickte sie auf den Naturarzt, welcher roth vor Zorn wurde und mit funkelnden Augen rief: »Der Bürgermeister Sandvoß versteht davon gar Nichts, – gar Nichts, – und wenn er seine ungehörigen Bemerkungen nicht unterläßt, so werde ich ihm zeigen, daß ich Herr in Goslar bin und daß die Bürgerschaft mir und nicht ihm gehorcht, – übrigens,« fuhr er fort, – »hätte sich der Professor Pernice viel mehr über meine Vorschriften zu beklagen, als Eure Majestät, – denn ihm habe ich verordnet, jeder Morgen zwei Stunden lang auf einem Beine zu stehen, während er zwei Flaschen Kräutersaft trinkt, – und es bekommt ihm vortrefflich, – ich lasse ihn jeden Abend wiegen und er nimmt täglich um zwei Loth an Gewicht ab.«

Der König rieb sich die Hände und brach in helles Lachen aus.

»Das ist herrlich,« rief er, – »Pernice auf einem Bein stehend, – das ist ja die pikanteste Situation, die man erfinden kann, – jetzt fehlt nur noch, daß Sie meinen Geheimen Cabinets-Rath da in die Kur nehmen, – aber den bekommen Sie nicht so leicht.«

»Wenn ich einmal medicinisch gemißhandelt werden soll,« sagte der Cabinets-Rath trocken, – »so ziehe ich vor, daß dies nach den Regeln der Facultät geschieht.«

Lampe warf ihm einen Blick stummer Verachtung zu.

»Der Geheime Rath Graf Decken von Ringelheim ist angekommen und bittet Eure Majestät um Audienz,« meldete der Kammerdiener.

»Graf Decken!« rief der König lebhaft, – »er soll kommen, führen Sie ihn gleich hierher!«

»Und ich will Lampe mit fortnehmen,« sagte die Königin, – »er soll die Kinder noch sehen, – Graf Decken wird ja nachher wohl zu mir kommen.«

»Er wird zu Tisch hier bleiben, – ich hoffe ihn einige Tage zu behalten,« sagte der König, und küßte die Königin zärtlich auf die Stirn.

Ihre Majestät verließ das Cabinet, Lampe verbeugte sich tief gegen den König und folgte ihr.

»Haben Eure Majestät für mich noch Befehle?« fragte der Geheime Cabinets-Rath.

»Ich danke Ihnen, lieber Lex,« erwiderte der König, – »erholen Sie sich ein wenig – ich werde heute Vormittag nicht mehr arbeiten.«

Der Geheime Cabinets-Rath entfernte sich mit seinen Papieren.

Wenige Augenblicke später trat Graf Decken ein.

Dieser Sohn des berühmten hannöverisch-englischen General-Feldzeugmeisters war ungefähr zehn bis zwölf Jahre älter als der König, hatte indeß in seiner Haltung noch viel jugendliche Frische, die nur durch den in Folge heftigen podagrischen Leidens etwas schleppenden Gang beeinträchtigt wurde. Sein blasses Gesicht war scharf geschnitten und hatte durch den hochaufgedrehten langen Schnurrbart, einen militairischen Ausdruck; seine gutmüthigen blauen Augen blickten lebhaft, und man sah ihnen an, daß sie scharf zu beobachten gewöhnt waren. Er trug die kleine Uniform der Kammerherren, blauen Frack mit roth umgeschlagenem Kragen.

»Wie freue ich mich, mein lieber Graf, Sie hier in Goslar zu begrüßen,« rief der König, dem Eintretenden die Hand reichend, – »setzen Sie sich zu mir, Sie haben mir viel von Ihrer Reise zu erzählen, – ich habe mit großem Interesse Ihre Briefe gelesen, die mir Meding alle mitgetheilt hat, und die mir so viele höchst wichtige Aufschlüsse gebracht haben.«

»Eure Majestät sind sehr gnädig,« erwiderte der Graf, – »ich habe gethan, was ich konnte, um mich über die Lage der Verhältnisse in Deutschland zu unterrichten und bin sehr glücklich, wenn meine Mittheilungen für Eure Majestät von einigem Werth gewesen sind. Ich habe Eure Majestät sogleich hier aufzusuchen mir erlaubt, um Ihnen mündlich noch Manches zu berichten.«

»Ich danke Ihnen dafür,« sagte der König, – »und freue mich besonders, Sie gerade hier in Goslar wieder bei mir zu sehen, wo Sie ja mit mir jene denkwürdigen Tage verlebt haben, als ich die Commission wegen der Katechismusfrage hier versammelt hatte.«

»Zur Zeit des hannöverschen Religionskrieges,« sagte Graf Decken lächelnd.

»Es war eine ernste und eigentlich recht traurige Sache,« sagte der König das Haupt neigend, – »ich glaubte einem von der Geistlichkeit mir kundgegebenen Bedürfniß der Gemeinden zu entsprechen, als ich den alten Katechismus Luthers in seiner Reinheit wieder herstellen wollte, – und fand plötzlich, daß das ganze Land sich dagegen erhob, – es war traurig und schmerzlich.«

»Die Herren Geistlichen hatten sich eben getäuscht und Nichts gethan, um ihre Gemeinden aufzuklären, so daß diese den alten Katechismus für einen neuen hielten und glaubten, es solle ihnen ein neuer Glauben aufgedrungen werden,« bemerkte Graf Decken.

»Bei allem Ernst der Sache,« sagte der König mit leichtem Lächeln, »boten die hiesigen Berathungen doch auch unendlich komische Episoden, – denken Sie sich,« rief er, lebhaft mit der Hand auf sein Knie schlagend, »daß der Erblanddrost von Bar, der damals den Cultusminister vertrat, den Katechismus einfach durch die Gensdarmen einführen wollte und auf die Bemerkung der Consistorialräthe Uhlhorn und Niemann, – die Väter der ganzen Sache, – daß das bei dem Widerstande der Gemeinden ohne Gewissenszwang nicht möglich sei, – einfach erwiderte: ›Das kommt ja gar nicht darauf an, – sie brauchen es ja nicht zu glauben, wenn sie das Buch nur einführen!‹«

Er lachte laut und herzlich.

»Eine vortreffliche Ansicht für einen Cultusminister,« sagte Graf Decken, – »ich hätte wohl die Gesichter der Consistorialräthe sehen mögen!«

»Sie sollen fast von ihren Stühlen gefallen sein,« sagte der König, – doch fuhr er dann ernst fort, – »erzählen Sie nun von Ihrer Reise, ich bin sehr gespannt, die mündliche Ergänzung Ihrer Berichte zu hören.«

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