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Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen

Gotthold August Weber: Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
authorA. Textor
titleDie romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen
publisherAnnaberg, in der Freyerschen Buchhandlung
editorEwald Victorin Dietrich, A. Textor
year1824
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectid416c56a9
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VI. Friedrich Myconius, sein Leben und Wirken im Gebirge.

Erzählt von A. Textor.

Wohl gehört es unter die heiligen Pflichten späterer Jahrhunderte, das Andenken an berühmte Männer früherer Zeiten nicht untergehn zu lassen, und wirkten sie besonders wohlthätig für die Mit- und Nachwelt, so ist es gerecht und billig, daß auch der späte Enkel noch dankbar und mit Ehrfurcht ihrer gedenke.

So ist es mit dem Manne, dessen segenvolles Andenken wir hierdurch unter uns erneuern wollen, und der als treuer Freund und Gehülfe unsers Luthers unter die Heroen der Reformations-Periode mit dem größten Recht gezählt zu werden verdient.

Unbekannt ist seine frühere Jugendzeit und seine Erziehungsgeschichte uns geblieben; nur so viel weiß man, daß Lichtenfels am Main seine Vaterstadt ist, und der erste Weihnachts-Feiertag des Jahres 1491 sein Geburtstag, so wie Friedrich Mecum sein eigentlicher Name war, den er jedoch späterhin mit der griechischen Uebersetzung desselben vertauschte. Sein Vater, über welchen keine weitern Nachrichten vorhanden sind, muß übrigens ein ansehnlicher, einsichtsvoller und helldenkender Mann gewesen seyn, wie wir in dem Gespräch, welches unser Freund mit Tezels Gehülfen bei seiner ersten Anwesenheit in Annaberg hielt, so wie aus dem, was uns Myconius weiter unten von dem Unterrichte, den er in der frühen Jugend von seinem Vater genossen habe, erzählt, deutlich sehen werden.

Erst mit dem Jahre 1508 werden wir mit unserm Myconio bekannt, da er in diesem Jahre die lateinische Schule zu Annaberg bezog, welche zu derselben Zeit unter dem Rektorate des M. Georg Merula ihre ersten Blüthen trug. Zuverlässig kam Myconius wohlvorbereitet auf diese Schule, da er sie 1510 schon wieder verließ, und dennoch späterhin unter die ersten Gelehrten und besten Prediger seiner Zeit gerechnet wurde.

Und was jene Differenz mit dem Ablaß-Prediger betrifft, auf welche wir unsere Leser an einem andern Orte aufmerksam zu machen gedenken Vergl.: Der Ablaßprediger Tezel und sein Treiben im Gebirge., so mag Myconius diesen Vorgang selbst erzählen S. Myconius, ein Fragment aus der Reformationsgeschichte, von M. Mudre, 17 ff.; desgl. Fenisius in Hist. Annaeb.; und die Schriften Luthers, herausgegeben von Walch, Tom. 15; S. 447.:

»Zwei Jahre lang bethörte schon jener berühmte Ablaßprediger des römischen Papstes, Johann Tezel, aus dem Dominicaner-Orden, in der neu erbaueten Stadt Annaberg die Leute, so daß endlich Jedermann glaubte: es sey kein anderes Mittel, Vergebung der Sünden und ewiges Leben zu erlangen, als die eigne Genugthuung durch unsere Werke, welches eben, wie er lehrte, ganz und gar unmöglich sey. Der einzige noch übrige Weg sey der, wenn man sie für baares Geld von päpstlicher Heiligkeit erkaufte, und sich auf diese Weise den päpstlichen Ablaß verdiente. Diesen beschrieb nun Tezel als die wahrhaftige Vergebung der Sünden und den gewissen Eingang in das ewige Leben. Schreckliche und fast unglaubliche Dinge könnte ich erzählen, die ich diese zwei Jahre hindurch gehöret habe. Tezel predigte alle Tage. A. d. V. Ich hörte ihm aufmerksam zu, so daß ich endlich ganze Predigten den Leuten hererzählen, und sogar seine Minen, Bewegungen und Aussprache nachmachen konnte; und dieß that ich nicht etwa im Scherz, sondern im ganzen Ernst. Denn ich glaubte, das waren alles göttliche Aussprüche, und was der Papst zu uns schicke, das käme von Christo selbst. Endlich drohete er, gegen das Pfingstfest dieses Jahres (1510), er werde das aufgerichtete Kreutz hinweg nehmen, und die geöffneten Himmelsthore zuschließen, und nach diesem würde Niemand mehr den Himmel und die Vergebung der Sünden um so weniges Geld erlangen können. Es sey auch nichd die geringste Hoffnung übrig, daß der römische Stuhl, so lange die Welt stünde, jemals wieder eine solche Freigebigkeit gegen Deutschland beweisen werde. Er ermahne demnach einen Jeden, daß er auf sein eigen Seelenheil sowohl, als auf das Seelenheil seiner verstorbenen Freunde ernstlich bedacht seyn möge. Jetzt sey der Tag des Heils. Jetzt sey die angenehme Zeit. ›Ach, versäume ja Niemand‹ – wiederholte er in seinen Predigten oft – ›seiner Seelen Seligkeit. Denn habt ihr nicht Ablaßbriefe vom Papste, so wird Euch Niemand von sehr vielen Sünden und vorbehaltenen Fällen lossprechen können.‹

Man schlug öffentlich an die Thore und Wände der Kirchen gedruckte Schreiben an, worin bekannt gemacht wurde: ›daß zum Beweise einiger Erkenntlichkeit für den Eifer der deutschen Nation die Ablaßbriefe und jene unumschränkte Macht, Sünde zu vergeben, nicht mehr um einen so hohen Preis, als Anfangs, sondern um ein geringeres Geld verkauft werden sollten.‹ Am Ende weiter unten waren diese Worte hinzugefügt: › Den Armen soll der Ablaß umsonst um Gottes willen ertheilet werden.‹ Dieß war die Ursache, warum ich anfieng, mich mit den Ablaßkrämern in eine Unterhandlung einzulassen. Allein das war nichts anders, als eine Wirkung, Erweckung und ein Antrieb »des heiligen Geistes, ob ich gleich damals selbst nicht einsah, was ich eigentlich vorhatte.

Mein Vater hatte mich in meiner Jugend, ja, da ich nur noch ein Kind war, die zehen Gebote, das Vaterunser und den Glauben gelehrt, und hielt mich stets zum fleißigen Gebete an. ›Denn alles Gute in uns‹ – sagte er – rühre von ›Gott her, und er werde auch mich regieren, wenn ich fleißig beten würde. Das Blut Jesu Christi‹ – setzte er hinzu – ›sey ja das Lösegeld für die Sünden der Welt, und dieser Glaube sey einem jeden Christen unentbehrlich. Ja, wenn auch nur drei Menschen durch Christum selig zu werden hoffeten, so müsse man dennoch gewiß glauben, man sey einer von diesen dreien. Es sey eine wahrhaftige Schmach, die man dem Blute Christi anthue, wenn man daran zweifeln wolle. Die päpstlichen Ablaßbriefe wären nichts anders als Netze, mit welchen man das Geld einfältiger Leute wegzufischen suchte. Es sey gewiß, daß die Vergebung der Sünden und das ewige Leben nicht für Geld erkauft werden könne. Aber die Pfaffen würden sehr aufgebracht, wenn man das öffentlich sage.‹

Jedoch, da ich in den Predigten Tezels und seiner Verbündeten nichts als Lobeserhebungen des Ablasses hörte, und kein Wort von der Gnade Christi und seiner Genugthung für die Sünden der Welt vernahm, so glaubte ich, daß nur die an dem Tode Christi Antheil haben könnten, welche ihn entweder durch gute Werke verdient, oder für baar Geld erkauft hätten. Ich blieb also in meiner Unwissenheit, und war zweifelhaft, ob ich den Priestern oder meinem Vater mehr glauben sollte. Aber ich glaubte doch den Pfaffen mehr. Nur das Einzige lag mir am Herzen, daß man keine Vergebung der Sünde erlangen könne, wenn man nicht Geld hinzählte, insonderheit was die Armen betraf. O wie vortrefflich gefiel mir hier der Zusatz am Schlusse des päpstlichen Ausschreibens: Den Armen soll Ablaß umsonst gegeben werden. –

Drei Tage waren noch, nach denen das Kreuz mit großem Gepränge hinweg genommen und die Stufen der Himmelsleiter eingerissen werden sollten. – Da trieb mich der Geist gewaltig an, um Ablaßbriefe über die den Armen versprochene unentgeltliche Vergebung der Sünden zu bitten, und dabei anzuführen: ich sey ein Sünder und armer Mensch, der einer unentgeltlichen Vergebung der Sünde und der Theilnehmung an der Versöhnung Christi sehr bedürftig wäre. Den folgenden Tag gegen den Abend begab ich mich also in das Haus Laurentii Pfloks, wo Tezel mit den Beichtvätern und dem ganzen Haufen sich aufhielt. Ich wendete mich an die ganze Gesellschaft, und bat in einer lateinischen Rede: man möchte mir doch nach dem ausgeschriebenen Befehle, als einem Armen, Erlaubniß ertheilen, daß ich um Absolution von allen Sünden, keine einzige ausgenommen, und zwar um solche Absolution bitten dürfte, die umsonst, um Gottes willen, gegeben werde, und daß man mir hierüber ein im Namen des Papstes ertheiltes schriftliches Zeugniß ertheilen möchte. Die Pfaffen verwunderten sich über meine lateinische Rede; denn das war damals bei jungen Leuten etwas ganz außerordentliches. Sie giengen daher sogleich aus der Versammlungs-Stube ins Schlafgemach zu dem Abgeordneten Tezel, trugen ihm meine Bitte vor, und baten zugleich für mich: er möchte mir doch einen Ablaßbrief umsonst geben. Nach einer langen Berathschlagung kamen sie zurück, und brachten mir zur Antwort:

›Wir haben deine Bitte, lieber Sohn! dem Herrn Abgeordneten mit allem Fleiß vorgetragen; allein er spricht: er wolle zwar deine Bitte von Herzen gern erfüllen, wenn er es nur möglich machen könnte. Und wenn er es auch thun wollte, so würde diese Gnade doch ungültig und vergeblich seyn. Denn er hat uns ganz besonders zu erkennen gegeben: wie nur diejenigen des reichlichsten Ablasses fähig und theilhaftig werden könnten, welche eine hülfreiche Hand darreichten (d. h. Geld zahlten) etc.‹

Ich suchte sie nun aus dem öffentlichen, an den Kirchthüren angeschlagenen Ausschreiben zu überzeugen, daß ja eben der heilige Vater befohlen habe: man solle den Armen den Ablaß umsonst, um Gottes willen, ertheilen, und es stehe ja dabei ausdrücklich geschrieben: Auf ausdrücklichen Befehl des Herrn Papstes.

Hierauf giengen sie zum andern Mal hinaus zu Tezeln in seine Kammer, und baten diesen über alle Maßen stolzen und aufgeblasenen Mönch: ›Er möchte doch meine Bitte statt finden lassen. Es sey der Bittende ein kluger und beredter junger Mensch, und daher wohl werth, daß er mir vor Andern eine Wohlthat erzeige.‹ Allein auch dießmal kamen sie unverrichteter Sache, und genau mit der vorigen Antwort zurück: daß nur die allein des Ablasses würdig wären, die mit hülfreicher Hand die heiligen Absichten des römischen Hofes befördern hülfen etc. – Ich beharrete darauf, daß sie unrecht an mir Armem handelten, welchen weder Gott noch Papst von der Gnade ausgeschlossen wissen wollten: er aber – Tezel – wollte mich um einiger Groschen wegen (die ich auch in der That nicht besaß), von dieser Gnade zurückweisen. – Endlich schlug man mir vor: ich sollte, damit ich nur etwas gäbe, und die behülfliche Hand nicht ganz mangelte, nur Einen Groschen erlegen. – ›Auch so viel habe ich nicht; ich gehöre zu den Armen.‹ Zuletzt verlangte man nur wenigstens sechs Pfennige, und meine Antwort war: ich habe auch nicht einen Pfennig. – Hierauf begaben sich die Beichtväter und wer noch sonst dazu gehörte, hinweg, und berathschlagten sich unter einander. Von dieser Berathschlagung konnte ich jedoch so viel verstehen, daß die Herren durch zweierlei in große Verlegenheit gesetzt wurden. Erstlich: man könne mich doch nicht ganz und gar ohne Ablaßbrief fortschicken, damit, wenn die Sache vielleicht von Andern angestellt, und ich nur ein Versucher wäre, durch mich nicht etwa eine Art von Trauerspiel erregt würde, da das Ausschreiben in der That die Clausel enthielt: den Armen umsonst. Und Zweitens: man müsse wenigstens eine Kleinigkeit von mir nehmen, damit sie nicht, wenn es Andere erführen, daß man den Ablaß auch umsonst gäbe, von der ganzen Menge der Schüler und anderer Bettler überfallen würden, und nicht ein Jeder umsonst Ablaß haben wolle.

Nach geendigter Berathschlagung wendete man sich wieder von Neuem zu mir, und bot mir sechs Pfennige an, damit ich solche dem päpstlichen Abgeordneten geben, und auf diese Art den Tempel Petri zu Rom bauen, so wie auch die Türken bekriegen helfen, dadurch aber sowohl der Gnade Jesu Christi, als auch des Ablasses fähig und theilhaftig werden möchte. Allein ich gab ihnen, durch einen innern Antrieb des Geistes, aufrichtig zu erkennen: › Wenn ich erkauften Ablaß verlangte, so hätte ich wohl irgend ein Buch verhandeln und ihn mit meinem wenigen Gelde erkaufen können. Allein ich wollte ohne Geld und um Gottes willen Ablaß haben, oder sie würden Gott dafür Rechenschaft geben müssen, daß sie um sechs Pfennige willen das Heil meiner Seele vernachlässiget hätten, da es doch Gottes und des Papstes Befehl wäre, daß auch ich an der Vergebung der Sünden, die Christus erworben hat und uns schenkt, Antheil haben sollte. Dennoch aber glaubte ich, daß sie allein dem römischen Papste anvertraut wäre, daß er sie einem Jeden nach seinem Verdienste, den Armen aber umsonst austheilen solle.‹ Endlich aber fragten sie mich: von wem ich denn hierher abgeschickt sey? Ich antwortete (wie es sich denn auch so verhielt): ›Von gar keinem Menschen. Niemand hätte mich darauf gebracht, Niemand dazu angereitzt; sondern ich hätte für mich ganz allein, ohne Rathschläge irgend eines Menschen, allein im Vertrauen auf die unentgeltliche Vergebung, die in dem Ausschreiben versprochen wäre, diese Bitte unternommen. Niemals hätte ich mit so großen Männern eine solche Zusammenkunft gehabt; denn ich wäre von Natur nicht unbescheiden, und wenn mich nicht das sehnliche Verlangen nach der Gnade Gottes und der Vergebung der Sünden dazu genöthigt hätte, so würde ich um vieles Geld mich nicht zu einer solchen Versammlung begeben haben.‹

Die Mönche versprachen mir nun abermals einen Ablaßbrief, den sie an meiner statt für sechs Pfennige kaufen, und mir ihn alsdann umsonst einhändigen und schenken wollten. Aber ich bestand fest darauf: ich wollte von dem, der im Namen und auf Befehl des Papstes Macht hätte, Sünde zu vergeben, eine unentgeltliche Vergebung der Sünde haben, oder die Sache Gott anheim stellen. Und so gaben mir diese heiligen Diebe mit Betrübniß den Abschied.«

Tiefbekümmert gieng der fromme Jüngling von dannen. Sein bisher so fester Glaube war bis zu den Grundfesten erschüttert. Er hatte mit dem vollsten Vertrauen einen päpstlichen Gnadengesandten gesucht, welcher den reuigen Sündern Vergebung bringe, und hatte einen großen Heuchler gefunden. Er war gänzlich irre geworden in seinem Glauben. Nach einem harten Kampfe wurde es hell in seiner Seele. Sein Ideengang nahm, von jetzt an, allmälig eine ganz andere Richtung, und führte ihn von Stufe zur Stufe aus der dicksten Finsterniß zum Tempel des Lichts empor. – Seine damaligen Gefühle hat er in Folgendem sehr rührend geschildert:

»Bald bejammerte ich es, daß ich keinen Ablaßbrief bekommen hatte – bald freuete ich mich, daß doch noch ein Gott im Himmel lebe, welcher die Sünde den reuigen Sündern, auch ohne Geldzahlung, gnädig erlassen wolle, so wie ich oft schon gesungen hatte: ›So wahr ich lebe! spricht der Herr, ich will nicht den Tod des Sünders etc.‹ Herr Gott! du weißt, daß ich nicht ein einziges unwahres Wort rede: denn ich befand mich dort noch in der tiefsten Finsterniß. – Nachdem ich das Haus verlassen hatte, in welchem der päpstliche Abgeordnete mit seinem Gefolge wohnte, bewegte der Geist Gottes mein ganzes Herz und meinen Körper so sehr, daß ich aus tiefer Rührung und Erschütterung unterwegs ganz in Thränen schwamm, und Gott in stillen Seufzern flehendlich bat: daß, weil mir diese Mönche Gottes Gnade, um des Geldmangels willen, abschlügen, er sich meiner erbarmen, und mein gnädiger Gott seyn und bleiben und mich selbst loszählen wolle.

So kam ich nach Hause, gieng in mein Kämmerlein, ergriff das Bild des gekreutzigten Heilandes, welches seinen gewöhnlichen Platz auf dem Tische in meiner Studierstube hatte, und warf mich mit demselben auf die Erde zum Gebete nieder. Unaussprechlich war die Bewegung meines Herzens, mit welcher ich betete, und der Geist der Gnade und Erhörung kam von Gott auf mich herab. Ich bemerkte, daß mein ganzes Wesen verändert wurde, und ich wünschte einzig und allein mit Gott zu leben, auf daß ich ihm wohlgefallen möchte etc.«

Wer wird nicht gern der Freund des jungen frommen Beters? Er strebte nach Wahrheit und Licht; allein wer sollte ihn unterrichten, wer sollte ihn führen auf dem dunkeln Pfade, zu einer Zeit, wo das geistige Leben und Licht der Menschen mit der dicksten Finsterniß menschlicher Traditionen und Satzungen bedeckt lag? – Von Christo herrschte dazumal entweder ein tiefes Schweigen, oder er wurde von denen, so da lehrten, als der unerbittlichste Richter geschildert, welchen kaum seine Mutter und alle Heiligen im Himmel mit ihren blutigen Thränen aussöhnen könnten, und doch nur in so weit, daß er einen Bußfertigen für eine jede Todsünde zu siebenjähriger Strafe ins Fegefeuer hinabstürzte, welches von der Hölle nur in Hinsicht auf die Unendlichkeit verschieden sey.

Alle diese Vorstellungen beängstigten die Seele dieses wahrhaft Frommen in hohem Grade; seine Zweifel drängten ihn mehrere Tage hindurch, und die große Frage: was muß ich thun, daß ich selig werde? stand mit Flammenschrift vor seinen Augen. – Er hatte viel von dem heiligen und ganz schuldlosen Klosterleben gehört, kannte aber die Laster nicht, die in den Klöstern überhand genommen hatten. Seinen Vorsatz: als guter frommer Mensch zu leben, glaubte er im Kloster am ersten ausführen zu können, und er fühlte einen wahren und heiligen Beruf dazu in seinem Herzen. Um hierüber ganz ins Klare zu kommen, entdeckte er sich einem seiner Lehrer, dem damals an dieser Schule angestellten M. Andreas Staffelstein, und dieser rieth ihm mit großem Ernst, in das Franciscaner-Kloster zu gehen, welches zu dieser Zeit in der Stadt Annaberg gebauet wurde, und damit sein Schüler nicht wieder in seinem Vorsatz wankend würde, so gieng der eifrige Staffelstein mit demselben zu den Mönchen, welche sich noch vor der Einführung bereits in diesem noch nicht ganz vollendeten Kloster sammelten und der (erst zwei Jahre später erfolgenden) Einweihung harreten, stellete ihnen diesen jungen Menschen vor, entdeckte seinen Vorsatz, rühmte seine Frömmigkeit und Geschicklichkeit, und man that nun von Seiten dieser Mönche alles, was den aufgeregten Myconius in seinem gefaßten Vorsatz stärken und befestigen konnte. Auf seine Bemerkung: daß er es seinen Aeltern vorher schreiben wolle, da er ihr einziger Sohn und Erbe sey, stellte man ihm die Meinung des heiligen Hieronymus vor: daß man einen gefallenen Vater und eine liegende Mutter mit Füßen treten, und zu dem Kreutze Christi fliehen, d. h. ins Kloster gehen müsse; daß er in Ewigkeit nicht selig werden könne, wenn er die von Gott erlangte Gnade (des Klosterlebens) nicht augenblicklich annehmen wolle u. s. w. – Um dieser peinlichen Lage zu entgehen, versprach Myconius endlich, daß er nach drei Tagen wiederkommen und seine Probezeit antreten wolle.

Am Tage vor dem Feste der Apostel-Theilung führte nun dieser Jüngling seinen Vorsatz aus, und gieng Nachmittags 2 Uhr, von seinem Lehrer, auch einigen Mitschülern begleitet, nach dem neuerbaueten Franciscaner-Kloster hin, um hier für seine Seele Ruhe zu suchen. Einige fromme Frauen, die schon in ihm den künftigen Heiligen ahneten, aber wohl nicht glaubten, daß er auf einem ganz andern Wege ein in der Kirche berühmter Mann werden würde, schlossen sich dem Zuge an. An der Klosterpforte entdeckte er seinen Begleitern die Ursachen, welche ihn dazu vermocht hätten, in der schönsten Blüthe seiner Jugend der Welt mit allen ihren Freuden zu entsagen, und sich in die Stille des Klosterlebens zu begeben. (Und es wählten wohl nur Wenige aus so ganz reinen Absichten diese Lebensart). Er bat sie tiefgerührt, daß sie Gott für ihn bitten möchten. Alle weinten, und wünschten ihm unter häufigen Thränen Gottes Segen zu seinem heiligen Beruf. Nun nahm er Abschied von ihnen, und trat muthig durch die Klosterpforte aus dem Weltleben in das zukünftige Mönchsleben ein. Mit Freuden empfiengen die Mönche den künftigen Bruder, und führten ihn in den Speisesaal, bis Abends die Klosterglocke die Brüder zum Gebete rief. Hier sang er zum erstenmal den Psalm zum Lobe Gottes mit ihnen, und als es Zeit zur Ruhe war, begleitete man ihn in seine künftige Celle, wo er ein Lager von Stroh fand, mit Kissen, die zum Zeichen der gelobten Armuth mit alten Tuchlappen überzogen waren, und nun ließ man ihn allein. Mit voller Seele warf er sich zum Gebete vor Gott nieder, und legte sich dann schlafen. Alles um ihn her trug das Gepräge der Neuheit. Aufgeregt war seine Phantasie im höchsten Grade; kein Wunder war es also wohl, wenn diese in einem sehr merkwürdigen Traume wirkte, den man wohl einen prophetischen nennen möchte, und welchen wir unsern Myconius selbst erzählen lassen wollen:

»Als ich eingeschlafen war – spricht er in einer von ihm hinterlassenen Schrift – oder vielmehr schlafend wachte, sah ich mich in die traurigste Wüstenei versetzt, wo ich nichts erblickte, als eine ungeheure wüste wilde Einöde, an einander hangende Steinklippen und spitzige Felsen, etwa so, wie man sie (in jener Zeit) unter dem Bilde des gekreutzigten Christi zu malen und auszuhauen pflegte, oder wie man sie in der Gegend des Schlosses zu Stolpen in Meissen wirklich trifft. Nun schien mir die ganze Welt weiter nichts zu seyn, als eine steinigte Wüste. Und in dieser irrte ich ohne Wegweiser angstvoll umher. Da war kein Baum, kein Strauch, keine Blume noch Gras anzutreffen. Ich suchte einen Ausweg, in welchem ich wieder in eine angebaute Gegend kommen möchte; denn dort, wo ich über die Klippen bald auf- bald abwärts kletterte, war nur ein fürchterlicher leerer Raum. Endlich fieng ich bei meiner großen Müdigkeit zu verzagen und zu verzweifeln an, ob ich jemals wieder aus dieser sich bis in das Unendliche erstreckenden Wüste heraus kommen könnte. Von weitem erblickte ich eine Steinklippe, welche über alle andern emporragte, und ich erkletterte sie, und hoffte, von ihrer Spitze einen Ausweg zu sehen, auf welchem ich mich aus dieser Wüste retten könnte. Allein ich konnte auch dort nichts weiter erblicken, als rings umher die traurigste der Einöden. Nun sank mein Muth völlig dahin, und ich fieng an ganz zu verzweifeln. Traurig kletterte ich wiederum herab.

Am Fuße des Felsen fand ich eine Art von Höhle, und da ich wohl sahe, daß ich in dieser Wüste sterben müsse, so wählte ich dieselbe zu meinem Sterbeplatze, und hob meine Augen und Hände betend empor, meine Seele Gott befehlend. Da trat urplötzlich ein Mann vor mich hin, genau so gestaltet und gekleidet, wie man den Apostel Paulum abzubilden pflegt. Er war es selbst. Er fragte mich liebreich: was machst du hier? – ›Ach!‹ – antwortete ich ihm – ›ich bin in diese schreckliche Wüste gerathen, und weiß nicht, wie ich wieder heraus kommen soll, da sie sich bis ins Unendliche erstreckt. Alle meine Kräfte haben mich verlassen. – Ich schicke mich jetzt zu meinem Tode an, und bitte Gott, daß er mir Sünder gnädig seyn, und meiner armen Seele sich erbarmen möge.‹ Und dieses war ich vor Mattigkeit kaum noch zu sprechen vermögend. Da trat der Apostel näher zu mir hin, und faßte meine linke Hand mit seiner Rechten. – ›Stehe auf, mein Sohn, und folge mir nach!‹ sprach er freundlich zu mir – ›deine Noth wird sich bald enden.‹ Ich stund auf, und wollte ihm folgen; doch meine Schwachheit war so groß, daß ich es kaum und nur mit der größten Anstrengung vermochte; der Apostel aber umfieng mich sanft mit seinem rechten Arm, und geleitete mich halb tragend auf den engen Felsenpfaden, welche fast mit jedem Schritte besser und freundlicher wurden. Und als wir noch ein wenig weiter hin kamen, verwandelte sich die bisherige fürchterliche Wüste in das herrlichste lachendste Thal, das je eines Sterblichen Auge sah. Eine prächtige grüne Wiese wurde von einem krystallhellen Bächlein durchschlängelt, und auf dem Boden sahe ich Steinchen und Sand, gleich dem köstlichsten Golde glänzend. An den Spitzen der Grashalmen hiengen Thautropfen, welche den schönsten Edelsteinen glichen. Die köstlichsten Blumen wuchsen auf dieser Wiese, und ihren Geruch vermag ich nicht zu beschreiben. Das höchste Entzücken bemächtigte sich meiner ganzen Seele, und mein Führer mußte mich antreiben, daß ich weiter gieng. Ich wollte aus dem Bächlein mich erquicken; doch der Apostel sprach zu mir: ›nur noch wenig Schritte, und du wirst deinen Durst aus der Quelle selbst stillen können.‹ Und in der That entsprang nur eine kleine Strecke davon diese Krystall-Quelle aus einem schneeweißen Marmorfelsen, und fiel unmittelbar in ein Becken. ›Hier trinke, mein Sohn!‹ – sprach freundlich mein Begleiter – ›doch zuvor erst danke Gott dafür.‹ Vom höchsten Danke erfüllt warf ich mich jetzt zum Gebete nieder, und als ich mich wieder erhob, und zum Wasser mich hinab bückte, erblickte ich mit Staunen in dem klaren Wasserspiegel das Bildniß des gekreutzigten Erlösers; und dieser unerwartete Anblick warf mich aufs Neue auf die Erde nieder. Der Apostel aber ergriff mich jetzt mit starker Hand, und tauchte mich in den spiegelhellen Quell ganz unter, so daß ich zu ertrinken wähnte. Doch schnell kam ich wieder an die Luft, und des wunderbaren Wassers Kraft hatte mich ganz und gar durchdrungen, und ich war wie neu belebt. Mein Führer sprach mich freundlich an: ›der Herr hat Großes mit dir vor; dazu mußtest du jetzt die Weihe in dieser Lebensquelle haben.‹

Wir giengen weiter; doch nicht lange, da zeigte sich uns ein frisch gepflügtes Feld, und des besten Samens enthielt ein köstliches Gefäß. ›Auf, mein Sohn! und arbeite rüstig; sieh hier das Feld des Herrn! Arbeite rüstig und streue diesen Samen aus; denn dazu hat dich unser Herr und Meister erkoren. Auf! zur Arbeit, und folge diesem Beispiel.‹ Ich säumte nicht, und als ich des Samens mit meinen Händen gefaßt hatte und um mich blickte, siehe! da thaten andere Arbeiter, die ich vorher nicht gesehen, auch desgleichen. Mich dünkte, sie trugen geistliche Kleider. Nun merkte ich erst, wohin mein Führer mit seiner Rede zielte. Ich gesellte mich einem Manne zu, zu dem mein Herz mich besonders hinzog, und dieser arbeitete von allen am meisten. Unsere Arbeit gerieth uns wohl, und in wenig Augenblicken sahen wir schon den Samen aufgehen und lustig grünen. Da traten wir zusammen, beteten, und lobten den Herrn, unsern Gott. –

Bald war die Saat gewachsen und die Aehren zur Aerndte reif; da rief mein Begleiter laut: ›Auf! und sehet, der Tag der Aerndte ist herbei gekommen. Ergreifet die Sicheln und schneidet, bindet die Garben, und sammelt sie ein in die Scheuer unsers Herrn!‹ –

Wir ergriffen nun die Sicheln, und stellten uns zur Arbeit an. Ich hielt mich zu jenem rüstigen Säer, der im Aerndten nicht minder eifrig war, so daß ich ihm nur mit großer Mühe folgen konnte. ›Schneidet nur die Aehren, und lasset das Stroh stehen‹, rief jetzt mein Führer uns Arbeitern allen zu. Und wir thaten, wie er geboten hatte.

Unermeßlich groß war das Feld der Aerndte, an dem wir arbeiteten; doch war auch groß der Arbeiter Zahl. Drückend wirkte die Hitze des Tages auf unsere Kräfte ein, und einer um den andern von uns legte sich müde und matt auf den Boden nieder, um von des Tages Last und Hitze auszuruhen. Mein Gefährte, welcher schon bei der Saat und jetzt auch bei der Aerndte von allen fast am rüstigsten gearbeitet, und bisher die Ruhe verschmähet hatte, sank endlich auch entkräftet auf den weichen Rasen hin, und bald darauf war ich auch gezwungen, seinem Beispiele zu folgen, und die Sichel entsank meinen bisher so thätigen Händen. Meine müden Augen neigten sich dem Schlafe zu; doch eh' sie sich noch schlossen, stellte sich mir das Bild des Erlösers wieder vor Augen. Er winkte mir, und der, so mich aus jener Wildniß bis hieher geleitet hatte, wies mit der Hand nach dem Erlöser hin, und sprach: »Diesem müßt ihr alle ähnlich werden; dann gehet ihr am Abend nach der Arbeit ein zur ew'gen Ruh' des Himmels.«

Myconius erwachte, und verschwunden war das ganze prophetische Gesicht vor seinen Augen. Schlaflos lag er jetzt auf seinem Lager, und dachte dem nach, was er im Traum gesehen hatte; doch unerklärlich war ihm noch das Meiste. Nur erst dann, als er sechs und dreißig Jahr später, müde und matt von dem großen Tagewerk, das er vollendet, sich anschickte einzugehen zur ewigen Ruhe, da erinnerte er sich dieses Gesichts noch einmal mit der größten Lebhaftigkeit, und nun verstand er seine Deutung ganz vollkommen. Er sah, daß es seinen nun vollendeten Lauf auf der Bahn des Lebens ihm im Bilde dargestellt hatte. Nur erst vor wenig Tagen war sein Freund, der rüstige Arbeiter im Säen und Aerndten ( Luther) zur ewigen Ruhe eingegangen. Daß er ihm bald folgen werde, war ihm klar; und mit Freuden sah er der Wiedervereinigung mit seinem Herzensfreunde entgegen.

Als Mönchs-Novize aber schwebte er noch in der Dunkelheit; doch strebte er auf dem Wege der Wissenschaften unverdrossen nach Licht und Wahrheit. Er wendete redlich jede Stunde, die ihm übrig blieb, zum Studieren an, und schrieb zu den Werken früherer Gelehrten Gloßen, als Zeichen, daß er sie begriffen und verstanden habe. So schritt er rastlos auf dem Wege des Wissens vor, in seinem frommen Herzen blieb es aber leer. Er wurde Vorleser bei Tische, las nun sieben Jahr hindurch die lateinische Bibel mit des gelehrten Lyra Nicolaus de Lyra lebte um das Jahr 1320 als Professor zu Paris, und war ein sehr geschickter Ausleger der Bibel. Man hat ein Sprüchwort von ihm: Si Lyra non lyrasset, Lutherus non saltasset (d. h. hätte Lyra nicht geleiert, so hätte Luther wohl gefeiert.) Auslegung, und wußte sie endlich fast auswendig; doch war sie ihm nach seinem eignen Bekenntnisse noch immer ein verschlossenes Buch.

Als nun aber Myconius das Leben im Kloster ganz kennen gelernt hatte, so sah' er wohl, daß er auf diesem Wege sein Ziel nicht erreichen werde; und die Mönche konnten es wieder an ihrem Theile dem Mitbruder nicht verzeihen, daß er nicht mit ihnen auf einem Wege wandelte. So lebte unser frommer Freund sieben Jahre lang im Kloster, und wurde in dieser Zeit, 1516, in dem Kloster zu Weimar zum Priester geweiht, wo er in Gegenwart der beiden sächsischen Herzöge Johannes (hernachmals Churfürsten von Sachsen) und dessen ältesten Prinzen Johann Friedrich (welcher 1547 als Churfürst bei Mühlberg gefangen wurde) die erste Messe sang. – Daß aber dieses Klosterleben des Myconius zu Annaberg, bei seinen gespannten Verhältnissen mit den übrigen Mönchen, keinesweges vergnügt gewesen sey, läßt sich leicht erachten; denn seine Ansichten waren von den ihrigen durch ihre Erhabenheit weit verschieden. Er predigte das Evangelium von Jesu Christo; und ihm wurde die Canzel verboten. Er bekannte diese Lehre überall laut, und man legte ihm Stillschweigen auf. Fünfmal wurde er in den Bann gethan. Achtzehn Monate hindurch wurde er so streng beobachtet, daß er mit keinem Menschen sprechen, keinen Brief an Jemand schreiben, noch Briefe annehmen durfte. Man drohete ihm mit der Einmauerung, sowie es Johann Hilten zu Eisenach geschehen war; und er bekennt es selbst, daß ihn die Mönche sieben Jahre hindurch gemartert hätten; doch fanden sich auch treue Freunde und mit ihm engverschwisterte Seelen unter diesen falschen Brüdern, welche sich durch das Band der Freundschaft die Nacht der Trübsal gegenseitig zu erhellen suchten.

Da brach endlich am unvergeßlichen 31. Octobertage des Jahres 1517 die Morgenröthe der Geistes-Aufklärung an, und mit Sturmwindes Schnelle verbreiteten sich die Sätze, die der unsterbliche Luther an die Schloßkirche in Wittenberg angeschlagen hatte, durch ganz Europa, und selbst in den Mönchsklöstern waren sie gar bald bekannt.

Myconius war auf der Reise, und befand sich in Weimar, als die erste Nachricht von den Wittenberger Lehrsätzen daselbst ankam. Zufällig bekam er ein Exemplar davon in seine Hände, und wie Blitzstrahlen durchzuckten die darin enthaltenen Wahrheiten seine Seele. Lange hatte er vergebens und umsonst gesucht, was er hier klar und deutlich fand. Eine heftige Sehnsucht nach dem Manne, der dieses aus der heiligen Schrift lehrte, bemächtigte sich seiner Seele; doch wurde diese Sehnsucht erst im Jahre 1523 gestillt, wo diese beiden hernach, und bis ans Ende, so innigen Freunde einander zum erstenmale sahen, und bald hernach den süßen Bund unwandelbarer Freundschaft mit einander schlossen. Bis zum Frühling 1524 aber lebte Myconius in seinen ehemaligen Verhältnissen, und besuchte mehrere Klöster seines Ordens. Als er nun wieder nach Annaberg in sein Kloster zurückkehren wollte, so erfuhr er nicht weit von dieser Stadt, welche Bande daselbst seiner warteten, und daß seiner Mitbrüder Drohung, ihn lebendig zu vermauern, jetzt wohl an ihm in Erfüllung gebracht werden dürfte, da man erst vor wenig Tagen seinen Freund und Klosterbruder, P. Johann Bindmann, auf Befehl des Herzogs in Verhaft genommen, weil er es gewagt hatte, sich in seinen Predigten nur an das Evangelium, nicht an die Lehren und Satzungen der Väter zu halten, was dem Herzog Georg, welcher Luthern und sein Unternehmen sehr haßte, gar nicht gefiel. Nicht aber als Märtyrer zu leiden, sondern das Evangelium zu predigen war der Beruf, zu dem ihn sein Herz hinführte, und sein Entschluß deshalb gar bald gefaßt. –

Mit dem Aufkommen der Bergwerke und der Erbauung Annabergs hatte sich in der Nachbarschaft ebenfalls ergiebiger Bergbau erregt, und auf dem churfürstlichen Gebiete, jenseit des Sehmabachs, im Süden, von Annaberg aus, war dieser neuen Bergstadt eine Schwester geworden, von dem Buchenwalde, in und an dem sie lag, St. Catharinenberg im Buchholz (späterhin aber und in unsern Tagen, ohne jenen Vornamen, Buchholz) genannt. Sehr zeitig waren die durch den Bergbau gesegneten Einwohner derselben, nach dem Beispiele ihres Herrn, des Churfürsten Friedrichs des Weisen, der evangelischen Lehre Luthers hold geworden, so daß schon vom Jahre 1520 an der Pfarrer des Orts in seinen Predigten des Evangelit und seiner Lehre fleißig gedacht, und die bisher gebräuchlichen Legenden der Heiligen zurückgesetzt, auch mit diesen Predigten bei seinen Kirchkindern sowohl, als den Einwohnern der benachbarten Bergstadt St. Annaberg großen Beifall, und selbst unter diesen letztern immer mehr und fleißige Zuhörer gefunden, welche es nicht geachtet, daß sie dieses Kirchgehens wegen bei der Obrigkeit Annabergs viel Verdruß hatten.

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Es waltete aber zu dieser Zeit der eifrige Freund der Reformation, Matthias Busch, als churfürstlicher Berg-Voigt in der neuen Stadt St. Catharinenberg im Buchholz, und begünstigte diese Predigten über alle Maaßen. Da trat, kurz vor dem Pfingstfeste 1524, an einem Abend spät noch ein Franciscaner-Mönch vor seiner Thür, und bat um Einlaß. Es war Myconius, welcher den Berg-Voigt um einen sichern Zufluchtsort in der Verfolgung bat. Nur wenig Worte, die sie mit einander sprachen, überzeugten den welterfahrnen Busch, wen er vor sich habe, und es war ihm genug, zu hören, daß der Flüchtling des Evangelii halber im Elend sey, um ihn sogleich brüderlich in seinem Hause einzuführen, ihm den kräftigsten Schutz verheißend. So lebte er mehrere Wochen ruhig in diesem Asyl, schrieb zuweilen an seinen Freund Luther, erquickte sich dann an den Tröstungen dieses Unvergeßlichen, und gedachte fast nicht mehr der erlittenen Drangsale. Da wurde ihm an einem Abend ein hoher Genuß unverhofft bereitet.

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Der biedere Berg-Voigt kam mit heiterm Gesicht zu ihm auf sein Kämmerlein, und holte ihn zu dem Nachtmahl ab. Wer schildert uns jedoch sein Erstaunen, als ihm hier sein klösterlicher Mitbruder und engster Freund Gabriel Didymus mit ausgebreiteten Armen entgegen kam.

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»Wie! Freund! – Bruder! – ich wähnte dich noch im Kloster zu Annaberg, und ...«

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»Nein, Bruder! jene Bande habe nun auch ich abgestreift, verlassen das Klosterleben, und mich einzig und allein gewidmet dem Dienste des Evangelii. Unser Freund und Vater Luther läßt dich herzlich grüssen. Er kennt deinen verborgenen Aufenthalt, und sendet dir durch mich dieses Schreiben. – Laß dir auch hier diesen Mann als Freund empfohlen seyn.«

Und Wenzeslaus Linke Dieser war von Colditz gebürtig, so wie Didymus, von welchem übrigens keine weitern Nachrichten vorhanden sind, von Joachimsthal, trat in den Augustiner-Orden, war eine Zeitlang in dem Kloster zu Nürnberg Prediger, nachher der Augustiner-Mönche in Sachsen Vicarius, kam 1522 nach Altenburg, und predigte daselbst anfänglich unter einer großen Linde, dann in einem Bürgerhause, hernach in der Pfarrkirche zu St. Bartholomäi daselbst das Evangelium, und theilte das Abendmahl unter beiderlei Gestalt aus; trat daselbst 1524 in Gegenwart Luthers in den Ehestand; predigte im Sommer dieses Jahres in Buchholz, und wurde endlich im folgenden zum ersten evangelischen Pfarrer nach Nürnberg berufen. Er unterschrieb die Schmalkaldischen Artikel mit, und starb am 11. März 1546 wenig Tage nach Luthern, und kurz vor Myconio, seinem Freunde bis ans Ende. A. d. V. trat herzu, und bot dem Myconius freundlich die Hand zum Bunde der Liebe und Freundschaft; dieser aber war hoch erfreut, und diese drei Freunde beredeten sich nun, daß sie in dieser Stadt das Evangelium Jesu Christi treulich lehren und predigen wollten. Und es geschah also.

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Am Johannisfeste predigten Linke und Didymus öffentlich, in der Pfarrkirche zu Buchholz, das Evangelium und seine Lehren nach Luthers Uebersetzung. Linke predigte Vormittags, und Didymus Nachmittags. Beide Male war die Kirche mit Zuhörern überfüllt; und da der Letztere nur eine schwache Stimme, aber einen zum Herzen dringenden Vortrag hatte, so drängten sich die Zuhörer nach der Canzel in seine Nahe hin, um von seinen Worten ja keines zu versäumen. Seine Predigt aber handelte vom Glauben und der Gnade in Christo. Kaum war der Gottesdienst vollendet, als die Bürger sich versammelten und ihn baten, als Lehrer bei ihnen zu bleiben, weil ihnen Luther ohnedem auf ihre Bitte einen Pfarrer schicken würde.

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Am Feste der Heimsuchung Mariä trat nun Myconius auf, und hob aus der ganzen Bibel diejenigen Stellen aus, welche von der Sünde, dem Glauben, der Liebe und der Hoffnung handeln. Er predigte, nach der alten Nachricht, welche wir zugleich mit benutzten, gewaltiglich und mit großem Eifer; erfreuete sich auch, so wie Linke und Didymus, einer außerordentlich großen Zuhörerzahl, so daß die ziemlich große Kirche in Buchholz bei weitem nicht alle zu fassen vermochte, sondern viele von denselben Fahrten an die geöffneten Kirchfenster anzulegen und auf denselben der Predigt zuzuhören gezwungen waren; obgleich aber seine Predigt an drei Stunden lang währete, so war man doch so wenig müde, ihm zuzuhören, daß – nach einer alten Ueberlieferung – im Gegentheil viele von seinen Zuhörern, als er endlich schloß, in die Worte ausbrachen: » Ach! es ist schon alle

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Da nun aber unter den Zuhörern sich eine große Anzahl Annaberger Einwohner befanden, welche zwischen diesen Predigern und ihrem Pfarrer Zeidler Dieser war der letzte katholische Pfarrer an der Hauptkirche zu Annaberg, und als Prediger, so wie als Mensch gleich schlecht, weshalb er auch zuletzt in die größte Verachtung gerieth. A. d. V. Vergleichungen anzustellen Gelegenheit nahmen, welche freilich nicht zum Vortheil des Letztern ausfielen: so mehrten sich die Zuhörer, welche aus Annaberg nach Buchholz zogen, um dort die Predigt zu hören, mit jedem Sonntage, so daß man sie schon an jenem Marienfeste auf mehr als Tausend schätzte; in Annaberg aber wurden die Kirchen immer leerer. Diesem Auslaufen, wie man es nannte, setzte sich nun aber der Rath zu Annaberg und die Geistlichkeit mit Gewalt entgegen, und es beobachteten die Rathsherren dieser Stadt jene Kirchgänger genau, schrieben ihre Namen auf, und ließen sie dann bei ihrer Zurückkunft verhaften, wo verschiedene von diesen Bürgern wegen des verbotenen Kirchengehens auf des Herzogs Befehl die Stadt verlassen mußten, welches auch unter andern den Rathsherrn Anton Beuther, und einen aufgeklärten Gelehrten Christoph Ehring betraf: Andere aber dafür harte Strafe erlitten. Es gab sogar Beispiele, daß Einige mit Staupenschlag und Hinterlassung ihrer Habe aus der Stadt verwiesen wurden. Denen gieng es noch am besten, welchen man an ihren Namen das schimpfen sollende Prädicat Ketzer vorsetzte. Da gab es einen Ketzer Hanns, Ketzer Michel etc.; und diese Benennung, welche in jener Zeit der Drangsal gewissermaßen ein Ehrenname war, wurde späterhin zum forterbenden Spitznamen, welcher auf spätere Geschlechter übergieng, und woher selbst noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einige wenige Personen übrig waren, welche von ihren Vorältern diesen Spitznamen geerbt hatten; nur erst in den Epidemien der Jahre 1771 und 1772 hörten sie völlig auf.

Herzog Georg aber, welcher früher der Stadt Annaberg den schönen Beinamen »die Liebste« gegeben, und sie mit Privilegien und Begnadigungen gleichsam überschüttet hatte, wurde, Luthern und seiner Reformation ohnedem sehr abhold, ihr jetzt so feind, daß er derselben seine Gnade entzog, und an deren Stelle die härteste Ungnade treten ließ. Die meisten jener harten Maßregeln gegen das sogenannte Auslaufen (worunter der Kirchgang nach Buchholz verstanden wurde) wurden auf seinen Befehl veranstaltet, und er gab eine neue Bergordnung heraus, d. d. Sonnabends nach Reminiscere MDXXIII, in welcher der CXXV. Artikel allein wider diesen Kirchgang gerichtet ist; und da er nicht allein zur Erläuterung des Obigen dient, sondern auch den Geist jener Zeit deutlich ausspricht, so möge er hier eine Stelle finden.

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»Wir wollen erstlich, und vermahnen alle und jede getreue Unterthanen, Einwohner, und die sich sonst auf denen Bergen enthalten, daß sie sich die neuen ungeschickten Lehren und Zwiespältigkeit, welche durch die, so sich evangelisch nennen, und doch dem Evangelio mit den Werken nicht nachsetzen, sondern dasselbe mißbrauchen, und verführerischer Lehre anhangen, eingeführt werden, nicht verleiten noch auf irrige Wege bringen lassen. Und begehren nochmals, daß ein Jeder bei der Verordnung und Aussetzung der christlichen Kirchen bleibe, wie die von seinen Aeltern und Vorfahren auf ihn gekommen sind, bis so lange eine andere Ordnung durch Eingebung des heiligen Geistes in der christlichen Kirchen gemacht, durch göttliche Concilia, wie man die kürzlich aufzurichten in Arbeit steht. Dabei gedenken Wir mit Hülfe Gottes bei dem Unsern zu bleiben, und, als Gott will, dadurch selig zu werden. Würde aber Jemandes, weß Standes oder Würden er sey, anderer neuen Weise sich unterstehen, mit Essen ungewöhnlicher Speise in der heiligen Zeit, Nehmen des heiligen Sacraments auf die neue Weise, mit Verachtung der hochgelobten Jungfrauen Marien, Mutter Gottes, und der lieben Heiligen, der heiligen Beichte, des heiligen göttlichen Amts und anderer heiligen Sacramente. Oder auch wider die Ordnung der christlichen Kirchen freventlich murmeln, reden, singen oder schreiben, so gedenken Wirs von ihm nicht zu leiden oder zu erdulden; sondern wollen ihn an Leib und Gut darum strafen, darnach sich ein Jeder habe zu richten.«

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»Zum Andern verbieten Wir bei Strafe an Leib und Gut, daß keiner hinfürder Schandlied, Sprüch oder Reim, darin von Jemands, geistlichen oder weltlichen Standes, insgemein oder insonderheit, schmählich gesungen Hier bezieht sich das Verbot auf das Spottlied: Johannes im Korbe. S. des Ablaßpredigers Tezels Treiben etc. Welches zwar im Gebiete des Herzogs hierdurch einigermaßen unterdrückt, im angränzenden churfürstlichen Gebiete aber desto fleißiger gesungen wurde. A. d. V., geredt oder gesagt wird, dichten, singen, reimen, sagen, noch auch in Druck und unter die Leute bringen, oder ausbreiten sollen. Wo auch ein Wirth im Hause, oder sonst Jemandes von Einem solches hörte, und innen würde, und er, soviel an ihm ist, dasselbe unserm Hauptmann oder Bürgermeistern dieser Stadt nicht ansaget, der soll gleich dem, der dasselbe gedicht, gesungen, gereimt oder gelesen, gestraft werden. Und nachdem Etliche viel Zettel und Briefe (Schandbriefe genannt) haben fallen gelassen und an Orte gesteckt, wo sie befunden worden, und doch nicht also redlich gewesen sind, daß sie ihres Namens Meldung dabei gethan hätten; also wollen Wir denjenigen, so Uns oder Unserm bemeldeten Hauptmanne oder Bürgermeistern dieselbigen, so es allbereit gethan hätten, oder dessen noch vollbringen, (anzeigen,) reichlich begnadigen etc.«

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Dieses Reskript aber, so scharf es auch war, und so sehr es auch in der Folge noch geschärft wurde, hatte doch ebenfalls das Schicksal aller Verbote gegen die Geistesfreiheit: Es reitzte zur Uebertretung, und machte das Verbotene noch lieber. Denn es wurden, trotz den verhangenen scharfen Strafen, die Predigten zu Buchholz von den Annabergern noch immer besucht, wenn auch nur heimlich und verstohlen; und das Verbot hatte nur dazu gedient, sie erst recht begierig darauf zu machen, und Viele setzten willig alles daran, um nur die Predigt des Evangelii zu hören.

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Eben so wenig fruchtete auch die Gesandtschaft, welche der Herzog Georg in seinen Räthen Heinrich von Schleinitz und Georg von Carlowitz an den Churfürsten Friedrich den Weisen sendete, um bei demselben ein Verbot jener » Mönchspredigten« auszuwirken. Friedrich benahm sich weise, gab eine halb befriedigende, halb ausweichende Antwort, und ließ nur den Predigern in Buchholz in der Stille eine weise Mäßigung anrathen. Das Beste, was bei dieser Sache geschehen konnte, wäre nun freilich wohl gewesen: den in jeder Hinsicht unwürdigen Pfarrer Johannes Zeidler zu Annaberg mit einem andern geschicktern und würdigern zu vertauschen, und durch ausgezeichnete Prediger den Unterschied minder fühlbar zu machen; allein dieß geschah nicht, und so blieb es denn nicht allein beim Alten bis zu dem, im Jahre 1539 erfolgten Tode des Herzogs Georg, wo die Regierung auf seinen Bruder Heinrich übergieng, welcher sich schon seit mehreren Jahren zum Protestantismus bekannt hatte, und diesen jetzt in seinen geerbten Ländern überall einführte; sondern es mehrten sich auch selbst alles Widerstrebens Georgs ohngeachtet die Bekenner des Evangelii in den herzoglichen Landen, besonders aber im Gebirge, von Jahr zu Jahr, so daß man die gedachte Umwandlung des religiösen Cultus zu Annaberg im Jahre 1539, bei welcher zugleich das Franciscaner-Kloster daselbst mit aufgehoben wurde, als längst erwartet ansah, und ohne die geringste Schwierigkeit sie annahm.

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Kehren wir nun jetzt zu unserm Myconius zurück. Seine Predigten und sein frommer Lebenswandel, so wie sein liebevolles Betragen gegen Jedermann, erwarb ihm bald die herzliche Liebe und Hochachtung seiner Zuhörer. Es war daher für sie sehr niederschlagend, als er ihre Bitte, bei ihnen zu bleiben, nicht gewähren konnte, weil er einen Ruf vom Herzog Johannes (Bruder des Churfürsten Friedrich) nach Gotha erhalten hatte, dort das Kirchenwesen umzuwandeln, und dem neuen Werke als Superintendent vorzustehen. Sein Abschied von ihnen war ein wahrer Tag der Trauer und der Thränen. Tausende zogen mit ihm eine Strecke Weges fort, und schieden endlich tief betrübt.

In Gotha segnete Gott sein Werk mit Gedeihen; sein Freundschaftsbund mit Luthern nahm mit jedem Jahre an Kraft und Innigkeit zu, und der große Reformator liebte und schätzte unsern Freund wegen seiner Gelehrsamkeit und Frömmigkeit über Alles, und blieb sein Freund unwandelbar bis ans Ende. Und als der Allgütige nach seinem weisen Rathe endlich dieses so innige Freundschaftsband trennte, und Luthern am 18. Febr. 1546 zu sich ins Land der ewigen Belohnung rief, vereinigte er gar bald die treuen Freunde wieder; denn Myconius folgte ihm schon am 7. April d. J. dahin nach. Beide konnten aber noch durch Gottes Gnade am Abend des Müh- und Arbeitvollen Lebenstages sich ihres Tagwerks freuen, und sahen den Baum, den sie gepflanzt, herrlich grünen und blühen. Ja, obgleich zur Zeit, als sie von der Erde schieden, sich von allen Seiten her schwarze Wetterwolken aufthürmten: so schieden sie doch getrost. Denn der allmächtige Gott war es ja, auf den sie ihr Lebenlang so fest gebaut hatten; und er hat auch das große Werk beschützt bis auf den heutigen Tag, so wie sein Thun und Walten stets gut und weise war, auch seyn und bleiben wird von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Segen dem Andenken der Glaubenshelden bis in die letzten Zeiten!

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