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Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen

Gotthold August Weber: Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen - Kapitel 7
Quellenangabe
typelegend
authorA. Textor
titleDie romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen
publisherAnnaberg, in der Freyerschen Buchhandlung
editorEwald Victorin Dietrich, A. Textor
year1824
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectid416c56a9
wgs9114
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V. Sanct Annens Gnadenbrunnen.

Eine Legende.
Erzählt von Dr. Ewald Victorin Dietrich.

Häuslichkeit und fromme Sitte waren der Reichthum des Ehrbertschen Hauses. Vater Ehrbert, der waid- und forstgerechte Jäger zu Streitwald Streitwald, Dorf bei Lößnitz, unter Fürstl. Schönburgischer Herrschaft, liegt ¼ Stunde von dem guten Brunnen und 1 Stunde von Zwönitz entfernt. Schon im ersten Theile der Sagen ist eine dergleichen von dieser Gegend befindlich., war im Dienste seines Herrn, des erlauchten Grafen von Hartenstein, ergraut. Er war ein Mann von Weltkenntniß und Erfahrung, die er sich auf seinen Reisen durch die Schweitz, Italien, Frankreich und die Niederlande, als Leibjäger und Begleiter des Grafen erworben hatte. War es ein langer Aufenthalt in Rom, oder der Umgang mit den wahrhaft edlen barmherzigen Brüdern zu Prag, die ihn einst bei einer gefahrvollen Krankheit so hochherzig, so liebreich gepflegt hatten – eine tiefe Ehrfurcht gegen die Kirche und ihre Diener, ein fester Wunderglaube an ihre Heiligen hatte sich so fest in sein Herz geprägt, daß, wer ihn reden hörte, ohne seinen Stand zu kennen, ihn eher für einen predigenden Priester, als für einen Forstmann halten mußte.

Wenn an schönen heitern Sommerabenden sein Weib und seine Kinder sich um ihn unter der großen Linde bei seinem Forsthause versammelten, da floß sein Mund über von heiligen Legenden, von den Wunderthaten der Heiligen, deren Wahrheit er mit dem Feuereifer eines Apostels verkündigte.

Die heilige Anna, die Mutter der hochgebenedeieten Jungfrau, war die Schutzpatronin seiner Frau und seiner Tochter; sein Patron war der heilige Blasius.

Mutter Marthe, des Försters Weib, eine für ihre Kinder höchst besorgte, liebende Mutter, lebte mehr der Wirthschaft und dem häuslichen Leben, als den Wundern einer höhern Welt. Oft unterbrach sie seine apostolischen Reden mit prosaischen Fragen des häuslichen Treibens und Wirkens, und dieses gab zu manchem Streite Veranlassung.

»Du wirst sie schon noch kennen lernen, die Macht des Wunderglaubens! und bedürfen wir ihrer nicht?« setzte der ehrliche Alte weinend hinzu; denn die gefühlvollste Seite seines Herzens war berührt.

Schluchzend erhob jetzt die Mutter die ihr zu Füßen sitzende Tochter, drückte das liebe Mädchen an ihr bewegtes Herz, richtete ihre Augen zum Himmel, und sprach: Ja, Gott wird helfen!

Fragen wirst du, lieber Leser, wozu? – Nun, wisse:

Des Forstmanns jüngste Tochter war erblindet; geschlossen war das Licht ihrer Augen seit ihrem fünften Jahre, vom verderblichen Blattergift ihre Sehkraft vernichtet. – Wohl brach's der Aeltern Herz, ihre gute Tochter, ihr Aendchen ( Anna war des Mägdleins Name) so zu sehen; und um so größer war die Trauer, da sie sahen, daß das liebe Kind sonst in so hold-erfreulicher Schönheit empor wuchs. – Wenn die Abendsonne das kindliche Engelsgesicht mit ihrem scheidenden Purpurstrahl erleuchtete, die blonden wogenden Locken in schönen Wellenlinien um Stirn und Hals und Nacken rollten, und des Kindes zarte Händchen zu der Mutter liebkosend sich empor hoben: – o da gab's Scenen inniger Wehmuth, bittersüßen Schmerzes. – Anna war jetzt dreizehn Jahr geworden, das Kind war zur holden lieblichen Jungfrau heran gewachsen; des schlanken Wuchses Grazie, ihr heiteres demuthsvolles Wesen, ihre Anhänglichlichkeit an ihre Aeltern, ihr gottesfürchtig frommer Sinn, ihre, den bedürftigen Armen so mild, so liebreich gespendeten Gaben, hatten ihr Aller Herzen gewönnen.

Der erlauchte Graf (von jeher war das Haus Schönburg ein Vorbild hoher Rittertugend und edler Seelengröße) hatte väterlich für sie gesorgt, die erfahrensten Aerzte, die in der Augenheilkunde geübtesten Männer seiner Zeit hatte er ihretwegen um Rath gefragt; – doch in jenem Jahrhundert lag diese Wissenschaft noch in der Wiege, – diese Männer traueten ihren Kräften nicht, und verwiesen – im frommen Sinne des damaligen Zeitalters – auf göttliche Hülfe. –

Ja wohl! nur diese kann uns retten! sprach fest vertrauend dann Vater Ehrbert, und sah der Hülfe irgend eines Schutzheiligen seines Hauses entgegen.

*

So erschien der Tag der heiligen Anna (der 26. Tag des Heumonds). Festgesänge und Flötentöne begrüßten seine aufgehende Sonne. Blumengeschmückte Mädchen trugen freundliche Gaben zum Altare der Heiligen, und Schaaren von andächtigen Brüderschaften schickten sich an zur feierlichen Procession. Der erste Blick seines aufgehenden Lichts sah Vater Ehrbert und sein Weib auf den Knien in der kleinen Hauscapelle, inbrünstig betend für der Tochter Wohl. – Aendchen war unbemerkt den Aeltern gefolgt, ergriffen von den heiligen Schauern, den Hochgefühlen eines andächtig kindlichen Herzens; auch sie erhob Herz und Sinn zu der Patronin, nicht ihr Heil, (denn es gieng ihr ja so wohl im lieben älterlichen Hause), nein, nur ihrer Aeltern Trost von der Holdsäligen erflehend.

Jetzt richtete der Vater seinen Blick gegen das holdsälige Mädchen; doch er erschrack – Anna schlummert; noch bebten des Mägdleins Lippen, als betete sie, – noch hob sich ahnungsvoll der jugendliche Busen, noch waren ihre Hände gefaltet – aber ihr Haupt hatte sich geneigt und ruhete auf dem Hausaltare der hohen Schützerin.

»Erwache, Anna!« – rief der Vater aus – »erwache!« Erwecken wollt' er sie; da war es ihm, als ob eine überirdische Macht ihn zurückhielte – da sah er eine Glorie leuchten um das Haupt; hohe, selige Himmelsträume schienen sie zu erquicken, und lieblicher, anmuthsvoller als je, schien jetzt ihr holdes Antlitz. –

Auch die Mutter entsetzte sich über den hellen Schein, der um der Tochter Stirn strahlte. Da sprach der Vater: »Die Heilige »ist ihr genaht; vertraut auf sie, sie wird's »wohl machen!«

Inbrünstiger erhoben jetzt die Aeltern ihre Augen zu dem Herrn Herrn, der der Herr ist in den Himmeln und auf Erden, – der der Vater ist des Heils und aller Hülfe – und immer froher schlug ihr Herz, voll Vertrauens und seliger Hoffnung!

Sieh, da erwachte Anna. Preißet die, die mir erschienen – rief sie aus – die Hülf ist nahe! Ich sahe die Heilige in ihrer Himmels-Klarheit, in unbeschreiblicher Schönheit sah' ich sie, – wie des Kindes Auge sie einst auf dem Bilde des Altars erblickte, doch hehrer, milder, lieblicher. Engel umgaben sie mit rauschendem Fittig, und Engel prießen ihr Lob in lauten harmonischen Jubelchören. Mir aber nahte die Erbarmende mit mütterlicher Huld; sie ergriff meine Hand, und führte mich in das Dunkel des Streitwaldes. Dort (und begeistert zeigte Anna auf den nachbarlichen Forst), dort quillt ein Brünnlein auf mooriger Wiese, von Wasserlilien umblüht, umgrünt von Kresse und duftend hohen Gräsern. Knien hieß mich die Heilige an des Brünnleins blumenvollen grünen Strand; dann segnete sie den Quell, und erhob sich unter himmlischen Gesängen begleitender Engel – und finster war es wiederum vor meinen Augen.«

So endete Anna die Erzählung ihrer Erscheinung. Ein Traum nur, sprach die Mutter, der Wehmuths-Thränen entstürzten ob der getäuschten Hoffnung für ihre Augen. Doch ernster wurde Vater Ehrberts Miene. »Wer den Glauben hat, dem wird Gott helfen – rief er aus – zage nicht! Auf Gott vertraut, heißt: wohl gebaut.« Und nach patriarchalischer Sitte nahm er seinen Stab, und sprach zu den Seinen: »Kommt mit mir! zu dem Brünnlein laßt uns wallen. Wohl kenne ich sie, die nachbarlichen Quellen; oft haben sie mich bei des Tages Hitze wohl erquickt; doch besondre Heilkraft ahnete ich in ihnen nie. Wohl aber geht's uns so. Von fern her suchen wir oft Hülfe, indeß ein gütiger Himmel sie uns nah' bereitet.« –

Und sie giengen. – Als sie nun des Forstes Dunkel betraten, fanden sie da, wo von Zwönitz aus sich ein schmaler Fußsteig durch himmelan-strebende Tannenreihen zum Altare der heiligen Afra ( Afrae altare, jetzt Affalter genannt) hinwindet, die Moorwiese des Streitwaldes.

Drei Brünnlein – welche die Nachkommen den guten Brunnen, den Kreß- und Augenbrunnen nannten – ergossen hier ihr silberhelles Wasser, und aus dem Wasserspiegel stiegen Luftbläschen hervor, hell und durchsichtig, wie kostbare Perlen. Anna aber, bis jetzt von der Mutter sorgsamen Armes und bedächtig geleitet, gieng nun getrost und sichern Ganges vorwärts; ihr Fuß strauchelte nicht; und als sie der einen Quelle nah'te, rief sie aus:

»Hierher führte mich die Heilige im Traume; hier will ich, auf Gottes Hülfe trauend, meine Rettung suchen.« –

Kniend schöpfte sie jetzt mit den rosigen Händchen den klaren Quell, und nach kurzem stillen Flehn zum Vater des Erbarmens wusch sie mit seinem erquickenden Naß die erblindeten Augen; und als sie dreimal dieß gethan, da rief sie mit dem Rufe des Entzückens: »Gelobt sey der Herr! Gelobt sey die Retterin! Ich sehe! – Heil mir, ich sehe

Und Entsetzen faßte die Aeltern, und sie nahten ihr und sahen, wie sich ihre Aeuglein wieder öffneten, und wie die Nebelhülle, die den Augenstern verdeckte, gewichen war, und dieser, umgeben von des Himmels heitrer Farbe, wiederum des Lichtes Strahlen in sich sog. Aber ein neues Leben war Annen erwacht; das unendliche Sehnen nach dem Lichte war gestillt, und aus der Finsterniß hervorblickend ruhte ihr erster Blick auf den liebenden Aeltern, und Freude und Entzücken warf sie in ihre Umarmung.

Die sorgsame Mutter bedeckte jetzt der Beglückten Antlitz, daß das Licht des Tages sie nicht blende, und bat die Tochter heimzukehren, um ihrer Ruhe wohl zu pflegen. – Und als sie zurückgiengen, da verkündete der alte Ehrbert das neue Wunder dem zur frommen Wallfahrt auf der Straße durch den Streitwald nach Lößnitz eilenden Volke.

Strömend wogte die jauchzende Menge den Segensquellen zu, und zum Ruhme St. Annens erschollen festliche Gesänge, und des Volkes Stimme nannte diese Brunnen: Gnadenbrunnen, St. Annens gute Brunnen.

Aendchens Augen genasen vollkommen; da wuchs des Volkes Glaube an der Brunnen Heilkraft; da strömten Kranke zu ihnen, suchten ihr Heil in allerlei Krankheiten, und fanden es, wie die Legende sagt.

*

Die Genesene war nun zur herrlichen Jungfrau herangereift; sie weihte sich dem Dienste des Herrn, nahm in ihrem sechszehnten Jahre den Schleier, und blieb als Nonne ein Vorbild wahrer Gottesfurcht und Tugend. Als sie nun dem väterlichen Hause ihr Lebewohl sagte – es war St. Annens Jahrstag wieder –: da setzte der Vater der Heiligen zu Ehren drei junge Tannen, und als die drei Tannen um die Quelle im magischen Dreieck stunden, trugen sie in dessen Mitte den Hausaltar und das Bild der Heiligen, die von nun an hier verehret wurde.

*

Vater Ehrbert faßte die Brünnlein in Marmorstein, und erwarb sich durch den Ankauf eines Guts in Nieder-Zwönitz ihren Besitz. – Er erlebte von seinen übrigen Kindern Glück und Freude, und als er heim gieng zu seinen Vätern, umschloß seine Asche die geweihte Erde des Friedhofs zu St. Blasius in Niederzwönitz. Bald folgte seine Gattin. Der Ruf der Gnadenbrunnen aber blieb, – und unser aufgeklärtes Jahrhundert möge jetzt, nach sorgfältiger Prüfung, den Werth und die Heilkraft der wiederaufgefundnen Quellen bestimmen und über sie entscheiden.

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