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Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen

Gotthold August Weber: Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen - Kapitel 6
Quellenangabe
typelegend
authorA. Textor
titleDie romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen
publisherAnnaberg, in der Freyerschen Buchhandlung
editorEwald Victorin Dietrich, A. Textor
year1824
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectid416c56a9
wgs9114
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IV. Hochherzigkeit und Unerschrockenheit des Magistrats zu Freiberg im Jahre 1446.

Aus Andreas Molitor Theatr. Fryb. P. 11. p. 89.
Erzählt von A. Textor.

Ein unglücklicher Zwist hatte die Herzen der Söhne Friedrichs des Streitbaren entflammt. Der gegenseitige Haß wurde durch hinterlistige Rathgeber genährt, und endete mit offner Bruder-Fehde und verderblichem Bürgerkrieg, welcher gegen 6 Jahr dauerte. Die erste Veranlassung dieses für Land und Fürsten gleich unglücksäligen Kampfes soll ein Ritter an H. Wilhelms glänzendem Hofe, Apel Vizthum gegeben haben. Die edelsten Familien des Landes geriethen dadurch gegenseitig in unversöhnlichen Haß und Feindschaft, und die Bürger der sächsischen Städte, welche alle Gräuel des verheerenden Hussiten-Krieges Birken giebt von diesen Hussiten-Gräueln folgende Nachricht. Im J. 1429 im Monat October waren die Böhmen (Hussiten) in Meißen eingefallen, hatten
Pirna, Hayn und Meißen
berennet, und das Bergwerk bei Scharffenberg verschüttet. Sie durchraubten das Land bis an Magdeburg, verbrannten Strehle, Belgern und die Vorstädte von Torgau, und wütheten fürchterlicher, grausamer, als Türken und Tatarn, allermeist aber gegen die Geistlichen.
Diese Wuth mußte vor andern das Bisthum Meißen fühlen, weil der Bischof ihren Johann Huß zu Costniz verdammen helfen. Sie giengen endlich über die Elbe, in die Mark und Lausitz, plünderten das Kloster Neuenzell, und hieben den München Hände und Füße ab. Als der Rath zu Görlitz etliche aus ihrem Mittel zu ihnen hinaus schickte, sie hinweg zu kaufen, steckten sie diese Gesandten in Säcke, warfen sie in die Neiße, und ließen sie also wieder nach der Stadt schwimmen. Sie thäten diesen Zug in unglaublicher Eile, und kamen mit einer großen Beute wieder nach Hause. Die Leute hatten sich in die Städte, wie das Vieh in die Ställe, verschlossen.
Im folgenden 1430. Jahr kamen sie wieder auf den vorigen Weg, verbrennten Oschatz, und eilten in das Osterland, als sie vernahmen, daß der Churfürst wieder sie eine Reuterei sammlet. Sie schlugen auch die Hälfte derselben bei Grimm, 400 Mann, und bekamen 150 gefangen. Dietrichen v. Witzleben gruben sie noch die Augen aus, als er schon in Todtes-Zügen lage. Der Churfürst befand sich neben seinem Bruder, auch Erzbischof Günthern von Magdeburg, auch Markgraf Friedrichen von Brandenburg, zu Leipzig, da sie einer Belagerung sich besorgten, aber die Feinde zogen fort neben Grimm und Colditz hinweg auf Altenburg. Diese Stadt hatten die Bürger verlassen, und der Adel war auf das Schloß entwichen: also fanden sie eine volle Stadt, die sie bald nicht allein leer, sondern fast gar zu nichts machten. Sie steckten sie zugleich oben und unten an, warfen in das eine Feuer die Alten, Kranken und andere Leute, so nicht entwichen waren, in das andere aber die in den Kirchen und Klöstern gefundene Bilder. Also wurde diese alte schöne Stadt in die Asche gelegt. Sie riefen hierbei, dieß alles geschehe, den unschuldigen Johann Huß zu rächen. Anmerk. d. V.
so standhaft ertragen hatten, tranken von Neuem aus dem bittern Kelch unverschuldeter Leiden, gaben aber auch einen neuen Beweis ihrer Selbstaufopferung, und Treue gegen ihre Fürsten. Die Brüder Churfürst Friedrich und Herzog Wilhelm hatten über ihre Lande einen Theilungs-Vertrag abgeschlossen. Durch diesen erhielt der Churfürst die Länder Sachsen und Meißen, außer der Stadt

Freiberg,

deren Berg-Einkünfte beide Brüder jährlich mit einander theilen wollten. Hierzu kamen noch die 3 Städte

Altenburg, Chemnitz und Zwickau

sammt ihrem Zubehör, und im Osterland

Leipzig, Torgau und Delitzsch,

mit noch etlichen kleinen Städten, auch Burgau bei Jena wegen der Weinberge. Weida im Voigtlande sollten sie gemeinschaftlich haben, Herzog Wilhelm aber bekam das ganze Thüringen, Weißenfels im Osterlande, die

Voigtei zu Freiberg,

Coburg, Königsberg, Heldburg, Hilperhausen, Eißfeld etc.

Die Streitkräfte in dem unglücklichen heillosen Brüder-Kriege waren sich also fast gleich; desto erbitterter aber und unentschiedener blieb der Kampf.

Unter allen den Städten Sachsens aber war Freiberg, dessen Berg-Einkünfte zweien sich befeindenden Herren zugleich gehörten, der Zank-Apfel, und nur die Seelengröße und Hochherzigkeit seines damaligen Magistrats konnte es vom Untergange retten.

Churfürst Friedrich, der sich späterhin den Namen des Sanftmüthigen erwarb, kam unversehends nach

Freiberg,

welche Stadt, wie bereits erwähnt, beiden Brüdern mit Pflichten zugethan und verwandt war. Er wollte die Selbstständigkeit und Treue seiner Bürger prüfen; denn er wußte wohl, daß das Volk, welches gegen einen Herrn wankelmüthig ist, nie dem andern treu bleiben wird, und daß Bürgertreue nicht in glänzenden Worten, sondern in der That bestehe. Er zog also mit Heeresmacht in die Stadt, setzte sich, von glänzender Ritterschaft umgeben, auf den Markt, und ließ durch einen Herold ausrufen,

»daß der Rath und die Bürgerschaft bei Verlust Gutes und Lebens
Ihm allein huldigen,
seinen Bruder verschwören, und wider denselben ihm zu Hülfe thun sollten.«

Nach wiederholtem Ausruf giengen alle Raths-Personen barhäuptig, je zween und zween, vom Rathhaus in Procession nach dem Markt, und traten in den gemachten Kreis, jeder seinen Sterb-Kittel am Arm tragend. Der Bürgermeister Niclas Weller von Molsdorf thäte das Wort, und sagte: »Sie und gemeine Stadt waren ja so bereitwillig als schuldig, ihrem gnädigsten Herrn, dem Churfürsten zu Sachsen, unterthänigsten Gehorsam zu leisten. Nun wüßten sie aber, und hätten es nie anders erfahren, wollten sich auch dessen ferner, in Demuth versehen, daß Seine Churfürstliche Gnaden dero Regierung und Fürnehmen, als ein Christlöblichster Fürst, zu Ehre Gottes und dero Unterthanen zeitlich' und ewigem Besten jederzeit gerichtet und noch richten würden. Es wäre ja ihnen gegenwärtige Trennung der fürstlichen Gebrüder ein herzliches Leidwesen, welches Gott, wie sie hofften, eher, als es bösen Leuten lieb seyn möchte, abstellen würde. Sie bäten aber um Gottes willen, demnach sie Herzog Wilhelmen mit gleichen Pflichten verhaftet, und solcher von ihme noch nicht erlassen wären, auch mit gutem Gewissen keinem Theil Schaden zufügen könnten: man sollte sie doch dabei lassen, und zu keinem Widrigen zwingen. Sie wollten sonst, wann es nicht wider den Bruder gienge, Leib, Ehre und Gut bei ihrem gnädigsten Herrn, dem Churfürsten, zusetzen. Dafern mann aber in sie dringen wollte, gedächten sie lieber zu sterben, als sich in solche Seelen-Gefahr zu stürzen: massen er für seine Person gern der erste seyn, und seinen alten grauen Kopf ihm wollte abhauen lassen.« Der Churfürst, durch diese Rede erweichet, warf sein Pferd herum, ritte zu Wellern, klopfte ihn auf die Achsel, und sagte: »Nicht Kopf weg, Alter! nicht Kopf weg! wir bedürfen solcher ehrlichen Leute noch länger, die ihr Eid und Pflicht also in acht nehmen!! Hierauf hieße er sie wieder auf das Rathhaus gehen, dahin er, obschon die Kriegs-Gurgeln ihm zur Schärfe riethen, ihnen folgte, sie hierum lobte, und von seinem Begehren abstunde. Dieses merkwürdige Fürbild der Treue und Frömmigkeit So sagt Birken, und er schrieb im Jahre 1677., die heutiges Tags gar theuer ist, mag jetzigen Läuften zu Beschämung dienen. Es hat aber der Churfürst die andere Hälfte der Freibergischen Bergwerk-Einkünfte zu der Seinen gezogen, und seinem Bruder nichts abfolgen lassen.

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