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Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen

Gotthold August Weber: Die romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorA. Textor
titleDie romantischen Sagen des Erzgebirges. Zweites Bändchen
publisherAnnaberg, in der Freyerschen Buchhandlung
editorEwald Victorin Dietrich, A. Textor
year1824
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130903
projectid416c56a9
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II. Wela, die Unholdin des östlichen Erzgebirgs.

Erzählung von Dr. Ewald Victorin Dietrich.

Wela.
Erste Abtheilung.

Gab Dir, verehrter Leser! der erste Theil unserer vaterländischen Sagen in Böhla, der Jungfrau des Pöhlberges, das Bild einer durch religiöse Begeisterung sich erhebenden Heldenjungfrau, und belebt ihr Andenken jetzt die stolzen Höhen Annabergs: so möge nunmehr das Gegenstück derselben, so möge ein Weib, das stürmische Leidenschaften aus dem Himmel ihrer Unschuld durch die Lüste der Welt zur Hölle führten, so möge jetzt Wela, die Hexe des Geyersberges und das spuckende Ungethüm des Geißings, Kahlenbergs und der Altenberger Höhen, der Gegenstand einer Erzählung seyn, welche bereits Böhmen und das angränzende Sachsen, unter dem Namen eines von dieser Hexe in namenloses Unglück gestürzten Ritters, Hanns von Bleyleben, kennt.

Die Erzählung selbst beginnt, da die Sage auch diese Zauberin von Jahrhundert zu Jahrhundert wieder aufstehn und wirken läßt, gegen das Jahr 725 n. Chr. Geb., und setzt sich bis in spätere Zeiten fort.

Um nicht zu weitläuftig zu werden, mögen nur die Hauptmomente der alten, sich oft widersprechenden, einzelnen Sagen ausgehoben und mit steter Berücksichtigung des Ortes der Handlung dargestellt seyn.

Dich aber, lieber Leser! und vorzüglich Dich, der Du unsern ersten Versuchen in dieser Art der Erzählung gütigen Beifall schenktest und Ermunterung gabst, begleite sie zu den romantischen Gegenden des südöstlichen Sachsens, und zu Böhmens gesegneten Heilquellen, und zaubre Dich dort aus den frohen Genüssen einer lachenden Gegenwart in jene frühern Jahrhunderte des Faustrechts und des Aberglaubens, deren Finsternisse durch das Licht des Glaubens und der Ausbildung des menschlichen Geistes verschwanden.

1.

Libussens Reich war begründet, der schönste Wunsch ihres Herzens erfüllt. Sie hatte den Auserwählten gefunden; Przimislaw lenkte jetzt statt des Pflugs mit ihr das Ruder der Regierung, und führte statt der Sichel das Völkerbeherrschende Schwerdt. Sein Glück hatte ihn nicht übermüthig gemacht; bieder und groß vereinte er die erhabenen Tugenden des Fürsten mit der Einfachheit und der frommen Sitte des Landmanns, und wurde so seinem Volke, den Söhnen Czechs, das Vorbild häuslicher Glückseligkeit und Sittenreinheit.

In Libussa aber lebte der Geist des Heldenweibes, und Abhärtung ihres Volkes, durch Arbeit und Jagd, war das Mittel, wodurch sie es selbstständig und groß machen wollte. Jedes Volksfest wurde daher entweder durch Jagd oder andere ritterliche Uebungen gefeiert; und da an jedem dieser Feste Frauen Anteil nahmen, so vereinigten sich in ihnen Kraft und Grazie. Und so entstand jene gediegene, frische Schönheit und Stärke, die wir noch jetzt in den unverdorbenen Töchtern Böhmens und den Jungfrauen der sächsischen Gebirge bewundern.

*

Das glänzendste der Jagdfeste hatte begonnen, und jene Gebirge, welche jetzt theils als Gränzgebirge Sachsens und Böhmens zu den Duxer und Töplitzer Herrschaften, theils unter die Bezirke der metallreichen königl. sächs. Aemter Frauenstein und Altenberg gehören, erschollen auf ihren höchsten Fichten-umgrünten Höhen vom lauten Gebelle der Rüden und vom Rufe des Jägerhornes.

Auf milchweißem Zelter saß Libussa in der Glorie ihrer Herrlichkeit, und lenkte mit rosigen Fingern die goldenen Zügel. Schwarze Locken umwallten die heitere Stirn. Muth blitzte aus dem gebietenden schwarzen Auge der jungen Heldenfürstin. Gesundheit röthete die Wange, und der kleine Mund war der Uebergang von der Schönheit einer Juno zu der der Liebesgöttin. Ein grünes Gewand umfloß züchtig den schönen Leib, und die Schulter umrollte die fleckige Haut eines Luchses, den sie, die kühne Jägerin, einst selbst in den Wildnissen jener Urforsten erlegte, welche wir jetzt unter den Namen der Tetschner und angränzenden Cunnersdorfer Waldungen kennen.

Die Fürstin umgaben, wie einst Dianen ihre Nymphen, die schönsten Jungfrauen des Böhmerlandes. Hier lenkten ihrer Rosse Zügel die sanfteren Schwestern, die wirthliche Brela und die bedachtsame, in der Heilkunde wohlerfahrne Therba; dort bäumte den schwarzen unbändigen Streithengst die Männin Wlastana, Libussens Gürtelmagd. Sie trug der Herrscherin köstlichen Bogen, die schön gefiederten Pfeile, und die weithinschreckende Lanze; und sie war es, die durch kühnen Muth und rasche Entschlossenheit das Herz der Gebieterin zu erobern und zu fesseln wußte. Neben ihr stund, schön wie ein Engel, aber wie ein gefallener, Wela, die Tochter Wels des mächtigen Wladiken des Mittelgebirgs, der zu Bilin seinen Hof hielt. Blond waren ihre Locken, wie die Garben des reifenden Weizens, blau ihr Auge, wie der Azur des Himmels, rosig ihr Mund, schön ihr Wuchs; doch aus den Augen blickte Schwermuth unglücklicher Liebe, und ein Zug des schönen Antlitzes ließ es ahnen, daß ein innerer Kampf der Leidenschaft in ihr wüthe.

Und so war es auch. Liebe fesselte sie an Wlodog, den schönsten jugendlichen Helden im Gefolge Przimislaws; Eifersucht durchglühte ihr stolzes Herz, und ließ den Lilienbusen höhere Wellen schlagen, sah sie, daß der Unbeständige auch andern Schönheiten mit wankelmüthiger Liebe huldigte.

*

Libussa winkte, Wlastana übergab ihr die glänzenden Waffen der Jagd. Der flüchtige Edelhirsch, der gefleckte Damhirsch und das zarte Reh entstürzte, von der Meutte der Rüden aufgespürt und verfolgt, dem bergenden Dickigt. Schon spannten ihre Begleiterinnen die gekrümmten Bogen; da winkte Libussens Auge, und ihr Mund gebot: »Verschont die nicht gefahrlichen flüchtigen Thiere. Dem Eber, der mit blitzenden Hauern die Saaten zerwühlt, dem kühnen Bären, dem räuberischen Wolfe, dem verderblichen Feinde friedlicher Heerden, dem listigen Luchs, gelte diese unsere Jagd, und um unsere Kraft zu prüfen, möge dießmal nur die Lanze, nicht der Bogen unsere Waffe seyn.

Jungfrauen! zeigt Eure Stärke, daß Euch die Männer ehren lernen; denn nur auf Ehrfurcht gründet sich die Liebe. Zeigt, daß Ihr kühn seyd, wie sie es sind, und daß Eure Gewandtheit ihre Stärke ersetze. Von meinen Händen empfange der kühnste der Männer, oder die kühnste der Jungfrauen, den lohnenden Eichenzweig, und schmücke sich mit ihm das freie Haupt. Auf dann, und sucht die Ungethüme der Forsten in ihren Höhlen auf, und nur vom Schweiß geröthet legt die Lanze zu meinen Füßen nieder. –«

Dort hin sprengte sie, und ihr nach folgten in verschiedenen Gruppen die rüstigen Jungfrauen, jede den Gegenstand des harten Kampfes suchend.

*

Schon war der heiße Tag vorüber. Prächtig von der Abendsonne vergoldet, leuchteten die Gipfel der Berge. Die Töne der Jagd verklangen in der Stimme des Wiederhalls. Mehrere der Jäger und Jägerinnen ruhten, auf Felsen-Stücken sich lagernd, und labten den heißen Gaumen mit den würzigen Erdbeeren und der rieselnden Quelle des Felsen. Hochaufgethürmt lag das erjagte Wild; nur ein ungeheurer Eber, welcher mehreren der Rüden den Tod gegeben, hatte die Reihen der Jagenden durchbrochen und jeden Angriff zurückgeschlagen, Jäger und Rüden mit blitzenden Fängen verwundend, und in düstern Felsenschluchten des Geyersberges sich gestellt. Ihm nach setzte Libussa mit Wlastana, Wela und dem kühnen Jüngling Wlodog. Sein Brausen verräth das schäumende Ungethüm. Alle stürzen ihm entgegen; das Unthier, gleichsam der Frauen Zartheit spotten wollend, stürzt bei diesen vorüber dem Manne zu. Es nimmt das Roß desselben an, stürzt es, den Leib ihm aufschlitzend, zu Boden, und wendet nun die blitzenden Fänge gegen den Feinds hin. Mit Geistesgegenwart ermannt sich der Jüngling, hält ihm den Jagdspieß vor, den jedoch der Eber wie leichtes Rohr zerbricht, den Kämpfer untergrabend und umwerfend. Da wirft sich Wela auf das gewaltige Thier, und gräbt, das eigne Leben kühn auf's Spiel setzend, die scharfe Wehr ihm jagdgerecht in die keuchende Brust, daß es röchelnd und Blut ausströmend auf die kalte Erde sich streckt und verendet. –

*

Dieß war das Werk weniger Augenblicke. Von einem grausen Tod errettet, flammt in dem wankelmüthigen Jüngling die Liebe von Neuem auf; er umarmt Welas Kniee, dankt inbrünstiglich, und ihre Hand auf sein laut, klopfendes Herz legend, gelobt er ihr, der Retterin, Treue bis in den Tod! Auch Welas Herz schlägt ihm. Seine Rechte ergreifend, führet sie ihn Libussen entgegen; sie wirft sich vor der erhabenen Fürstin auf ihre Kniee, und spricht: »Dieß ist der Mann, den mein Herz erkor; Todesgefahr hat ihn an mich gekettet; für ihn ward ich geboren, er für mich. Libussa, Herzogin im Böhmer-Land, weihe als Fürstin und Beherrscherin den Bund der treuen Liebe.« So sprach sie, und ihr flammendes Auge bat Gewährung.

Aber Libußens Antlitz verfinsterte sich; ihr Auge rollte, und vom Roß herabspringend zeichnet sie mit dem Jagdspieß magische Kreise auf die Erde; höher hebt sich ihr Busen, denn mit ihr sind, so sieht man, die Mächte der Oberwelt, und sie rollen ihr das Buch der Zukunft leuchtend auf. »Nicht vermag ich's, (ruft sie jetzt) des Menschen Willen zu lenken. Doch wehe dir, Wela! traue dem wankelmüthigen Manne nicht. Bei Swantewit und Freya, den rächenden Göttern, gelobe mir, abzustehen von dieser Leidenschaft.« Aber Wela flehte von Neuem. »Nur einmal liebt das Weib, sprach sie, und der Weg der Liebe führt sie zu Freya's Sitz, oder zu den Geistern der Finsterniß. Wie es komme, sprach sie vermessen, ich folge diesem Weg meiner Liebe! Zeige mir mein Schicksal, und kühn will ich ihm entgegen gehn.« Da nahm Libussa von einer Stein-Eiche, deren Aeste herabhingen, einen Zweig, und schmückte mit diesem Wela's Haupt. Dieser Zweig, sprach sie, der kühnsten Jägerin als Lohn der Tapferkeit gebührend, sey Dir die bräutliche Krone! – aber« – – hier schwieg die Fürstin.

Verkünde sie, die traurige Zukunft, rief Wela; ich bin stark genug, die Kunde trauriger Tage zu vernehmen, und ein Augenblick der Lust ersetze mir die Leiden einer Ewigkeit!!! – – –

Libussa schwenkt jetzt gen Mitternacht den leichten Wurfspieß, und dem heitern Himmel entrollen Donnerschläge; Blitze umleuchten die untergehende Sonne. Der Sturm heult durch die Berge, die Eichen zittern, und die Scheusale der Felsen, der fleckige Salamander, die zischende schwarze Otter, und die kriechende Blindschleiche entkriechen den bergenden Schluchten; – das Herz aller Umstehenden fühlt Entsetzen, und Todesbläße bedeckt, im Vorgefühle kommender Schuld, des Jünglings Wangen. »Untreuer! ruft diesem Libussa zu. Verrathen wirst Du die Liebe der Auserwählten; doch größer als ihre Liebe wird ihre Rache seyn! Zu klein ist für ihr ergrimmtes rachevolles Herz Dein Tod. Das Geschlecht der meineidigen Männer zu vertilgen, wird sie im Gefolge wahnsinniger Weiber – (hier traf Libussens leuchtender, warnender Seherblick die kühne, an ihrer Seite stehende Wlastana) wird sie sich in die Greuel des verderblichsten Krieges stürzen; den schwarzen Göttern wird sie sich geloben, und, wenn ihre körperliche Hülle fiel, als wandelnder Geist, als Dienerin des schwarzen Gottes, die Unholdin der Berge seyn. Böhmens schreckenvolle Tage werden sie erblicken, und wehe dem Sterblichen, der ihren täuschenden Lockungen folgt! führen wird sie ihn auf den Wegen der Leidenschaft zu dem Lande der Finsterniß und der Qual!!! –

Gegenwärtig wird sie seyn auf diesen Bergen, wenn mein Land der wilde Feind bestürmt, wenn entflammter Bürgerkrieg das Schwerdt der Rache zückt – wenn einst das Heiligste des Menschen, wenn sein Glaube zum Panier des Mordes wird; verkünden wird sie in kriegerischen Gestalten von Jahrhundert zu Jahrhundert, aus dem Todesschlaf erwachend, alles Unglück, das über Böhmen kommt. Doch, Heil dem Lande! Heil seinem Volke, welches bestehen wird in der Tugend und Treue gegen seinen Fürsten. Siegen wird es über alles Ungemach. Die Erde wird im Schooß dieser Berge ihm tausendfache Schätze geben. Heiße Quellen, den Felsen entsprudelnd, werden des Lebens schönste Gabe, Wohlseyn und Gesundheit, auf der grünlichen Welle tragen. Wohlstand wird Böhmens Volk erheben, Glaube und feste Treue es beseligen. Sehen wird es, im Thale dieser Berge, in spätern Jahrhunderten die Heldenthaten seiner tapfern Söhne, sehen ...« Hier schwieg Libussa. Leuchtende Flammen entstiegen zuckend der zitternden Erde. Die Donner rollten noch einmal, und unter gieng die Sonne. Alle waren von der Rede ergriffen; doch Wela's Entschluß blieb, und Libussa weihte ihren Bund. ?

2.

Wehe dem Sterblichen, der es wagt, frevelnd in des Schicksals Rad zu greifen; es wird ihn erreichen, und im raschen Umschwung zermalmen. Die Liebe Wlodogs zu Wela war auf Leidenschaften gebaut; sie erkaltete in Wlodog und verlosch nach Wela's Niederkunft mit Wela's Reitzen. Lange kämpfte die Verlaßne, die Unglückliche, Betrogne, mit ihrem Schmerz; denn sie, die früher mit den Herzen liebender Jünglinge spielte, liebte diesen Wlodog aufrichtig und treu. Als aber Wlodogs sträfliche Flatterhaftigkeit zur Bosheit wurde, als der Lasterhafte ein edles Fräulein, die schöne Lastha, bübisch verführte, mit dieser die Ehe brach, und mit selbiger unter dem lügnerischen Namen Lio, Herr von Kaurzim, als Ehemann lebte: da erfüllte Welas Herz unversöhnlicher Zorn gegen Wlodog und alle Männer. Nach Libußens Tode stand sie als eine der furchtbarsten Kämpferinnen in dem aufrührerischen Heere jener Wahnsinnigen unter den Frauen, die im ruchlosen blutigen Kampfe, von Wlastanas Stolz, Kraft und Herrschsucht angeführt, sich gegen Przimislaw empörten, und für ihre Führerin Böhmens Scepter, für sich aber die Herrschaft über die Männer erringen wollten. In jeder Schlacht war sie die erste, welche in die feindlichen Reihen einbrach. Viele Männer bluteten unter ihren Streichen, und doch konnte ihr Schwerdt den meineidigen Wlodog nicht erreichen. Damit jede Erinnerung an ihn aufhöre, so mordet sie ihr eignes Kind. Die Macht Wlastanas fiel endlich. Przimislaw siegte; die Anführerinnen der rebellischen Frauen bluteten unter dem Schwerdte der Gerechtigkeit. Wela blieb verschont; doch ihre Strafe ist das Bewußtseyn ihrer Schuld, ihres Kind-Mordes. Feuer kocht in ihren Adern, Reue über ihre That, Rache gegen Wlodog glüht in ihrer Schmerz-zerrissenen Brust. Nun will sie die Stimme ihres Gewissens betäuben, und stürzt sich von Lust zu Lust, wird Verführerin unschuldiger Jünglinge; sie jauchzet, wenn in den Verführten, durch Wollust Entnervten, der Wurm des Schmerzes nagt, und sie früh verblüht in des Todes Arme sinken. Listig versteht sie es, die Herzen treuer Gatten in Eifersucht zu entflammen, und Zorn zu säen unter den Friedlichen. Sie ließ die Leichname ihres und Lasthas ermordeter Kinder zu Wlodog tragen, dessen Aufenthalt sie endlich erfuhr, läßt sie ihm durch einen Bösewicht, den die Sage selbst Teufel nennt, vor seine Füße werfen, daß Jammer sein verstocktes Herz erfüllt, und er erbebend die Größe seiner Missethat erkennt. Lastha stürzte sich, als sie ihr Kind ermordet hatte, in die Fluthen der Wltawa. Auch dieß erfährt Wlodog. Er irrte nun, erdrückt durch die Größe seiner Missethat, verzweifelnd in den Wäldern herum, zu feig, sich selbst zu morden; da erbarmt sich seiner sein Bruder Habart, ein edler und hochherziger Mann. Er tröstet ihn, führt ihn in jenes reitzendste Thal, welches zwischen dem Mittel-Gebirge und Erz-Gebirge innen liegt, und baut dort in Jahresfrist auf den Berghohen für sich und den unglücklichen Wlodog zwei Burgen, deren Trümmer wir itzt unter den Namen des Hundsteins und Schloßberges kennen. Die Bewohner des Thals aus dem Stamme der Bojer erkannten Habart und Wlodog, der von seinem Wahnsinn allmälig genaß, und in dem die Gewissensbisse zu ruhen schienen, als ihre Herren an. In Welas Brust aber nahm die Rachbegierde immer zu, und verwandelte sich, als sie ihr Vater verflucht, und ihre Brüder verstoßen hatten, in Verzweiflung. Die dunkelsten Wälder waren ihr Aufenthalt, das Bett des Wald-Stroms ihr Weg, sein Wasser ihre Labung, bittre Wurzeln und Kräuter ihre Nahrung. So flucht sie der Stunde ihrer Geburt, so rennt sie, wie von höllischen Geistern gegeisselt, durch die wüsten Felsenschluchten des Höllen-Grundes. Ihre Füße, von Dornen zerrissen, wollten sie nicht weiter tragen. Hunger wüthete in ihrem Eingeweide, heißer Schmerz in der ächzenden Brust. Die Nacht kommt, in selbiger ist eine Mond-Finsterniß. Die Sterne erloschen, schwarze Wolken wirbelten über ihr, schwanger vom Regen, feurige Meteore fallen. Der Donner rollte, durch die Stimme des Wiederhalls vervielfältigt, durch die Gebirge, und Blitze zerschmetterten des Waldes Bäume. Endlich brach das Gewölk; ein Guß, von Hagel untermengt, fiel auf Wela herab. Sie wühlte heulend im Staube; auf Händen und Füßen kroch sie fort, um nur irgend eine Höhle oder einen hohlen Baum zu finden, wo sie sich vor dem Wetter schützen könnte. Vergebens! Aus der Finsterniß glaubt sie ihr wimmerndes, ermordetes Kind wie einen wandelnden Schatten zu erblicken, und itzt hat die Verzweiflung ihre Höhe erreicht. » Dabol!!! Samiel!!! Czerna-Bog!!! oder wie dich die Menschen nennen, ruft sie im höchsten Schmerze aus; komm, erscheine! Nimm du mich auf in deinen Bund; diene mir in diesem Leben, und ich will dir hier und nach meinem Tode Jahrhunderte dienen!!! –« So sprach sie; der Donner verstummte, der Regen hörte auf, und vor ihr stand plötzlich ein graues Männlein höhnisch lächelnd. In seiner Rechten trug er eine Pergament-Rolle, in seiner Linken einen leuchtenden Todtenkopf. Weib! rief er Wela zu, was beginnst, was begehrst du?! Wela, den bösen Geist erkennend, antwortete: »vertilgen will ich das Volk der treulosen Männer; ich will dein seyn, damit sie es werden. Dir will ich dienen (denn ich ahn' es, wer du bist), damit ich dir zu deinem Reiche neue Unterthanen aus dem falschen Männer-Geschlechte bringen kann.« Willst du das, rief frohlockend das Männlein, so unterschreibe mit deinem Blute dieses Blatt, und deine kühnsten Wünsche sollen erfüllt seyn!! Wela unterschrieb mit ihrem Blute, das sie einer mit scharfer Nadel, dem Mordwerkzeug ihres Kindes, geritzten Brust-Wunde entlockte, das Blatt; und im Nu war das Männlein verschwunden, und der Hölle Fürst leibhaftig, in Feuer gekleidet, stand vor ihr in seiner grauenvollen Herrlichkeit. »Der Bund, brüllte er, zwischen mir und dir ist geschlossen; alle deine Wünsche sollen erfüllt seyn; durch ihre eignen Leidenschaften sollst du die Männer verderben, und durch eigne, mit freiem Willen begangene Schandthaten meinem Reiche zuführen. Ein ganzes Jahrhundert sollst du wirken, ein Jahrhundert ruhen; jede teuflisch ausgeführte That wird dich mir ähnlicher machen, jede verunglückte dir neue Schmerzen bringen! Verderbe die Männer, welche du meinem Reiche zuführen willst, an Leib und Seele! du hast die Macht dazu. In alle Gestalten sollst du dich verwandeln können; jede Schönheit sey, wenn du es willst, über dich ausgegossen. Schalte mit der Erde Schätzen; fühle in dir die Macht einer Zauberin, und gebrauche sie würdig deines Zwecks; denn du bist mein, und meines Reiches Dienerin.« So sprach Satan, und berührte Welas Haupt. Sie entschlief, und erwachte gestärkt des andern Morgens. Vor ihr steht ein mundender Imbiß, und im Gold-Becher köstlicher Meth. Sie labt sich, wüscht sich mit dem Wunsche, schöner zu seyn, als die schönste der blühenden Jungfrauen, im riselnden Quell Gesicht und Busen, und steht itzt, als das blühendste Mädchen, in der reitzendsten verführerischen Schönheit da. Ein Roß! ruft sie; und ein rabenschwarzes Edel-Roß, muthiger als es je Libussa ritt, trabt ihr, prächtig gezäumt, wiehernd entgegen. Sie besteigt es. Trage mich zu Wlodog! ruft sie dem treuen Thiere zu, und hin giengs mit ihr fast im sausenden Rennen über Berg und Thal, und dort hält es, auf der heitern Ebene, welche von Wlodogs neuer Burg beherrscht wird.

3.

Eben reitet Wlodog, als ein gewaltiger Jäger, jagdgerüstet, mit einer Kuppel zum Hetzen abgerichteter schwarzen Rüden, durch den Forst. Ha! seufzt Wela, ihn erblickend; dort ist er! Fluch ihm! er falle durch sich selbst. Sie reitet ihm entgegen; die Rüden zittern, sich furchtsam im Gebüsche verkriechend, denn sie wittern das Höllenroß; aber Wlodog erstaunt ob ihrer Schönheit, begrüßt sie ehrerbietig, und fragt sie neugierig nach ihrem Namen. Da antwortet sie mit all' jenem Liebreitze, der der Männer Herzen bezaubert: »Ich bin Palma, die Elfe dieser Thäler. Ich war Crocos Schützerin, und komme in dieses Thal, das mir so lieb ist, dem Libussa so großes Heil verkündete, es zu verschönern, seine Besitzer zu beglücken. Eine Burg will ich erbauen durch meine Zaubermacht; in ihr soll Genuß und Liebe wohnen. Gar hold und fein soll's dann in meiner Wohnung seyn! Komm, geleite mich zu jenem Berge, dem horstende Geier seinen Namen gaben!« Entzückt folgt ihr Wlodog; sein Herz erglüht von Neuem in sündiger Leidenschaft. Auch sie lächelt ihm huldreich zu, während ihr Herz vor Wuth erzitterte. So erreichen sie des Berges Höhe. »Aber du bist so traurig (rief itzt Wela); welcher Gram grub sich in deine Wangen?« Ach, erwiedert Wlodog, ein Weib, an das mich der Rausch übereilter Dankbarkeit, nicht Liebe, fesselte, die mir von Jahr zu Jahr gleichgültiger, verhaßter wurde, vergällte mein Herz. Frage nicht weiter nach ihr! – sie zu vergessen ist mein Wunsch. Sey du, holdes, überirdisches Mädchen, mein Schutz, und, willst du großmüthig den Sterblichen beglücken, auch meine Liebe!! Wirst du mir treu seyn? fragte Wela. Treu bis in den Tod! antwortet Wlodog; ein Kuß besiegle unsern Bund! an deinen Rosenlippen laß mich die Wonne des Lebens trinken, an deinem Busen in Götter-Lust schwelgen. Verjüngen wird sich durch dich mein Antlitz, erhöhen meine Kraft, stärken mein Arm, und der, welcher der schönsten der Elfen huldigt, wird der Herr dieser Berge, wird ein Gott auf Erden seyn!!«

»Es sey gewagt! antwortet Wela, ich küße dich.« Und sie küßte ihn, und das Feuer zügelloser Liebe durchglühte Wlodogs Herz. »Und, daß du meine Zauber-Macht erkennst, fuhr sie schmeichelnd fort, so erhebe sich auf mein Wort eine Burg.« Sie sprach es, und ein Wunder geschah. Es thürmte sich vor ihren Augen sichtbar wachsend eine Burg auf. Wlodog und Wela betraten sie, und stehen itzt im großen Prunksaale. Die Burg des Geyersberges, ruft Wela, soll, weil ein Kuß unsre Liebe weihte, die Burg am Kußberge heißen; Gemählde mögen sie verschönern. Wlodog blickt um sich, und taumelt vor Verwunderung, als er auf den Wänden sein Bild, seine ganze Geschichte, seine Rettung durch Wela – als er Lasthas Verführung und Tod, und seiner beiden Kinder Ermordung durch ihre Mutter nach der Natur gemahlt sieht, und nun nach seiner Führerin zurück schauend, nicht die liebliche Elfe, nein! sein unglückliches, verrathnes Weib in ihrer Jammergestalt erblickt. Wela! Wela! zittert sein Mund. Aber Wela flucht ihm in ihrem Zorn, neue Verzweiflung in seinen Busen werfend. Sie verschwindet, – Wlodog aber entstürzt der Burg der Zauberin, flieht in die Veste seines treuen, rechtschaffnen Bruders, und heult, als ein Wahnsinniger bergauf bergab durch die dunkeln Forste rennend. Seine Rüden suchen ihn auf, finden ihn, folgen ihm, und nun jagen sie mordlustig, vereint, das scheue Wild. Auch sein Roß findet er wieder, besteigt es, und eben jagt er einem Eber nach, als ihn Wela sieht. Da verflucht sie den Untreuen noch einmal, ruft Samiel an, daß er sie räche, und siehe, Blitze leuchten, Donnergrollen, die Erde thut sich auf und verschlingt den jagenden Unhold. Wlodog (so erzählt die grauenvolle Sage) stürzt in den Abgrund der Hölle, und dort wird er verdammt, als

wilder Jäger

umherzuirren auf Erden, und der Menschen Schrecken zu seyn für und für. So steigt er wieder empor zur Oberwelt; so rauscht er in den Stunden der Mitternacht mit seiner feurigen Jagd hoch über des Schloßbergs Zinnen; so sieht ihn sein Bruder auf feurigem Rosse jagend, von der Kuppel rabenschwarzer Hunde umheult, die Lüfte durchschwirren.

*

Wela aber ist fortan des Landes Fluch und Qual. Unüberwindlich war ihr Zauberschloß. Nicht nur den Großen des Landes, den Herren der Burgen, auch ihren armen Hirten wurde sie gefährlich.

*

So sah sie einst im Jahre 762 als Nezamisl, der Sohn Primislaws und Libussas, Herzog war im Böhmerland, einen armen Hirten-Knaben, der harmlos singend seine Säue am Fuße des Wachholder-Berges in des Eichwalds dunklen Schatten trieb. Schrecken haucht sie in die grunzende Heerde des Borsten-Viehes. Es brechen die Säue aus einander, und rennen Thal-einwärts.

Dort stehn sie, das lockre Erdreich zerwühlend. Plötzlich beginnt der Eber der Heerde ein fürchterlich Geschrei; sein Rüßel ist verbrüht, einer

heiß-aufsprudelnden Quelle

der Ausgang geöffnet. Die Quelle rieselt fort, und benetzt das warme Erdreich. Der Hirtenknabe staunt, weint, meldet es dem Herrn dieser Gegend, dem Wladiken Kolustey, der zu Sedenz seinen Hof hielt. Dieser kommt, sieht der heißen Quelle mächtiges Aufwallen, und nimmt sie in Besitz. Libussens Wahrsagung bestätigt sich; die Quelle wird durch ihre Heilkräfte berühmt, Gichtbrüchige und Gelähmte, die es wagen, sich in ihr zu baden, finden Schmerzenslinderung und Genesung, und bald verbreitet sich der Ruf dieser wunderthätigen Heilkräfte durchs ganze Land. Um sie desto sicherer erhalten zu können, ließ sie Kolustey ummauern, fassen, baute sich ein festes Haus an derselben, das er mit einem Graben umgab und mit Bäumen umpflanzte. Bald schließt sich an selbiges Haus ein neuer Anbau mehrerer Häuser, welcher, da ihn des Wassers warmer Duft umwehte, den Namen

tepla wice,

d. h. zu deutsch: warme Straße erhielt, die sich nach und nach vergrößerte, und unter Gottes reichem Segen zum herrlichen und wohlthätigen

Teplitz

erweiterte.

Bald sah Wela, daß eine waltende Vorsehung ihre böse Absicht weise zum Guten lenkte. Sie säete nun Neid und Uneinigkeit in das Haus des Kolustey, und war die Ursache einer Fehde Kolusteys gegen Coßal, seinen Vetter, in welcher ersterer den letztern unmittelbar am Quell mit einer Armbrust erschoß. Bald darauf stürzte Kolustey auf einer Jagd am Eichwald, und brach den Hals. Auch dieß war Welas boshaftes Werk. Nun bekam sie in dieser Gegend Keinen mehr in ihr Netz, denn Alle scheuten sie. Sie gieng daher in der Gestalt des reitzendsten Mädchens aus dieser Gegend, und durchritt auf einem mit Gold und Edelsteinen gezierten Pferde das Land. Wo sie aber hinkam, war Verführung der Männer ihre Absicht, Tod und Elend der Verführten ihre Freude. Vergebens versuchte man es, während dieser Zeit ihre Burg zu erobern, die der bösen Geister Macht beschützte. Habard, Wlodogs Bruder, starb, und seine Burg kam an Seiten-Verwandte; diesen wollte Wela bei ihrer Rückkehr neue Tücke spielen, aber ihre Zeit war für dießmal verflossen. Ihrer harrte, so wollte es Satan, der Tod. Als sie nahe an ihrer Burg durch ein Dickigt ritt, wurde sie von auflauernden Landleuten, an welchen sie tausend Bosheiten verübt hatte, erkannt, angefallen und erschlagen. » Ruhe ein Jahrhundert,« rief Satan, als sie fiel, » um ein Jahrhundert wieder dienen zu können.« Böse Geister ergriffen ihren Körper, und trugen ihn unter die Burg ihres Zaubers. In demselben Augenblicke stürzte Wlodog, der wilde Jäger, herbei; er versank mit der wilden Jagd an dem Orte, wo Wela erschlagen war, und Giftkräuter entwuchsen der Erde, die das Blut der Unholdin getränkt hatte.

*

Während des Jahrhunderts, da Wela ruhte, gewann Böhmen an Fruchtbarkeit und Wohlstand, und seine reichen Bergschätze wurden fündig! Die Fündigwerdung der Goldgruben geschah unter Udislaus, gegen das Jahr 833. Unter seinen Nachfolger Krzesomysl wurde bereits Bergbau auf Silber betrieben.

Das Gebirge, welche sich an der Mitternachts-Seite Böhmens vom Eger-Thale aus bis zu den kalten Höhen des Meißner Landes und zu den geschwisterlichen Mulden erstreckt, und an selbigen fortzieht, erhielt von seinem Erzreichthum den Namen

des Erzgebirges,

und seine Bearbeitung bedingte einen neuen Stand, den Stand des Bergmanns, der von seinem ersten Werden an durch Arbeitsamkeit, Treue, Redlichkeit und Gnügsamkeit sich auszeichnete, und, während, seine Genossen mit täglicher Lebens-Gefahr die größten Schätze zu Tage förderten, in harmloser Armuth zufrieden blieb. Durch seinen Bergbau wurde Böhmen reich; die Burgen seines Adels stiegen jetzt stolz empor. Als dieß die Meißner erfuhren, bei welchen der Bergbau edler Metalle erst später in so blühende Aufnahme kam, fielen sie in Böhmen ein und verwüsteten es schrecklich, wurden aber durch die Tapferkeit der Böhmen wieder herausgetrieben. Aber größeres Unglück drohte Böhmen durch einen neuen bürgerlichen Krieg. Der Wladiken Adel, der des herzoglichen Thrones Stütze seyn sollte, empörte sich gegen selbigen, und Familien, die von des Landes Fürsten die größten Wohlthaten genossen hatten, wurden ihre Verräther. So verstunden es die Wirsowize, welche sich selbst berechtigt glaubten, nach der Oberherrschaft Böhmens zu streben, zwischen dem Herzog Hostivitius und seinen Bruder Mistobogius Uneinigkeit und Bruderkrieg zu stiften, und, da sie immer den schwächern Theil unterstützten, zu unterhalten und nach Mistobogs Tode fortzusetzen. Geschichtliche Anmerk. Hostivitius, Neclani erstgeborner Sohn, wurde zum Herzoge erwählet Anno 873, wird aber um die Regierung von seinem Bruder Mistobogio angegriffen; Mistobogius wird überwunden, aber dennoch zur Mitregierung brüderlich angenommen. Dieser Mistobogius sagt dem christlichen König aus Mähren, Swatopluco, einen ungerechten Krieg an, wird aber vom bösen Geist elendiglich erdrosselt. Dieser Zeit florirte in Böhmen der h. Joan. Hostovicius, starb Anno 890 n. Chr. G.

Bei diesen unglücklichen Vorfällen kam ein berühmter Wladik, der die Schwester des Krasomils von Wersewitz, Gitta zur Ehe hatte, und aus dem Stamme Haralds entsprossen war, in die unglücklichsten Verhältnisse. Die Geschichte nennt ihn Löw; er führte den Namen in der That, denn er war eben so unerschrocken, als hochherzig und edel. Als der vornehmste Feldherr Hostivitii, der auf seine Treue wie auf Felsen baute, wurde er befehligt, gegen seinen Schwager Krasomisl ins Feld zu ziehen. Doch dieß vermag Löw nicht, denn die treuste Gattenliebe fesselt ihn mit den unauflöslichsten Banden an Gitta sein schönes tugendhaftes Weib, welche ihm bereits zwei holde Knaben,

Hanns und Veit,

geboren hatte. Er entsagte hochherzig dem ihm aufgetragenen Oberbefehl, weigerte sich, seine Bewegungsgründe und Ursachen offenherzig angebend, standhaft, gegen seine nächsten Bluts-Verwandte ins Feld zu ziehen, fiel deßhalb in des jähzornigen Herzogs Ungnade, wurde von ihm ins Gefängiß auf Kaßin geworfen, zum Tode verurtheilt, aber, ohngeachtet er ihnen nicht folgen wollte, durch die Wirsewitze, welche die Burg Kaßin erstürmten, gerettet. Hierauf ließ der Herzog die Veste Löw's belagern, that ihn selbst in seines Reiches Acht, und Gitta rettete sich, als Klopay erstürmt wurde, mit ihren Söhnen, Hanns und Veit, durch die Hülfe ihres treuen Dieners, welchen die Sage Hanns Bley nennt und als einen Ehrenmann schildert. Sie nahm ihre Kostbarkeiten und Juwelen mit sich, starb aber auf der Flucht. – Indeß focht Löw, ihr Gemahl, an das Heer seines Schwagers sich anschließend, in der Entscheidungs-Schlacht, welche ohnweit Budin geliefert wurde, und worin sich endlich der Sieg für Böhmens rechtmäßigen Herrscher entschied. Die Wirsewitze fielen in der Schlacht, Löw aber schlug sich durch die andringenden Feinde. Ohngeachtet ihn der Schmerz seiner Wunden brannte, so konnte er wegen der nachdringenden Feinde und der großen Belohnung, welche der Herzog auf seine Gefangennehmung gesetzt hatte, dennoch in Böhmen weder Rast noch Ruhe finden, und flüchtete sich in das bereits zum Meißner Lande gehörige Forst-umdunkelte wüste Gebirge, welches an das böhmische Erzgebirge gränzte.

*

Jenseits des hohen Schneebergs und des Elendsthals zieht sich, schon zu den Thälern des Elbhochlands (des linken Elbufers) gehörig, ein furchtbar schöner, schauererregender, majestätischer Felsengrund. Dieser majestätisch schöne, von Reisenden noch zu wenig besuchte Felsengrund heißt jetzt der Ober-Hüttengrund. Er gehört dermalen unter das K. S. Amt Pirna, und liegt unterhalb Rosenthal. Mehrere Mühlen machen ihn recht lebhaft, und bieten, wie z. B. die Geißler-Mühle, den Fremden ein sehr gutes Quartier. Sonst sollen in diesen Gründen Hüttenwerke gewesen seyn. Eine Fußreise durch den Hennerstorfer Grund, über den Schnecken- und Burkhardtsstein und den Prinzessengarten zum Oberhüttengrund, und von da zum Schneeberg, ist eben so interessant, als eine Reise in die Hohensteiner und Schandauer Gegend. Hohe gigantische Wände thürmen sich hier von beiden Seiten thronend auf, und bilden jene wundersamen Gestalten, welche die Einbildungs-Kraft für Altäre, Schwäne, Thürme, Raubschlösser, Königskronen, ja sogar menschliche Gesichter halten kann, und deshalb auch diesen Felsen manche sprechende und bedeutungsvolle Namen gegeben hat. In dem Innern der Felsen sind weite Höhlen, und den Felsengrund durchrauscht mit donnerndem Gefälle ein zum Bach gewordener Waldstrom. Dieser Grund war im 8. und 9. Jahrhundert wüste und leer; das Volk hielt ihn von Zauberern bewohnt, und floh seine Nähe. Seine ernsten Hallen betrat nun auf seiner unglücklichen Flucht Löw, der Geächtete, und ein von Felswänden wunderbar schön umruhtes Plätzchen war der Ort, wo er, erschöpft von Mattigkeit und Schmerz, seinem unglücklichen Schicksale nachdachte.

Zu demselben Grund war auch sein treuer Knappe, Hanns Bley, welcher in dieser Gegend seinen Bruder Ulrich Bey aufsuchte, mit Löws Söhnen Hanns und Veit geflüchtet. Herr und Diener begegnen sich, und wer schildert die Scene des unverhofften Wiedersehns? wer des Vaters selige Gefühle, als er seine Söhne umarmte? wer seinen Schmerz, als er nun den Tod seiner Gitta erfuhr? Löw und Bley bauen sich eine Laub-Hütte an dem Orte, welchen man jetzt den Tempel der Natur nennt; sie leben von der würzigen Erdbeere des Waldes und Kräutern, und eine Geiß (Ziege), die Bley im nachbarlichen Rosenthale kaufte, bietet den Kleinen ihr nährendes Euter dar. So führen sie ein frommes Einsiedler-Leben. Löw vergißt seine Größe, denn er hat seine Kinder wieder und einen wahren Freund gefunden; – da naht von Neuem das Unglück. – Der wackre Bley erkrankt und stirbt. Ein neuer Freund aber wird jetzt dem von Körper- und Seelenschmerz niedergeworfenen Löw. Es ist

Bernhardt,

der Einsiedler des Heinersdorfer Grundes. Dieser fromme Mann, ein Jünger des h. Hostivitius, lehrte durch Wort und Beispiel die Lehre des Heils in diesen Gegenden. Er sah und ermahnte den Unglücklichen, taufte ihn und seine Kinder, und tröstete ihn in seiner Sterbestunde. In dieser bat ihn Löw, die Kinder, ihres Standes unbewußt, in Gottesfurcht und Ehrbarkeit zur Arbeitsamkeit unter Bleys Namen zu erziehen, und ihnen einst, wenn sie es bedürfen sollten, die Juwelen der Mutter auszuhändigen. So starb er, und wurde in einer Grotte des Thals begraben. Der Eremit erzog die Knaben, bis Veit 9 und Hanns 8 Jahr alt war, und nun führte er sie zu Ulrich Bley. Dieser hielt sie zur Arbeit wacker an; sie wuchsen beide auf, wie junge Ellern, groß und stark; wohl aber war in Hannsens Gemüth ein Hang zum Leichtsinn und Jähzorn unverkennbar, welches den wackern Bley gar sehr betrübte.

Der Grundherr des Ulrich Bley war ein mächtiger, mit dem erlauchten Stamme der Burggrafen zu Meißen und den Burggrafen zu Dohna Verwandter, den Meißner Markgrafen lehnspflichtiger Herr,

Friedrich Graf zu Dachsburg

genannt. Er besaß einen großen Landesstrich im östlichen Erzgebirge und Elb-Hochland, auch große Besitzungen in Böhmen.

Dieser Graf Dachsburg war bereits seit 2 Jahren Wittber; Rudolph, der leibliche Sohn seiner Schwester und des Freiherrn von Blaubergen, war, da er selbst keinen Sohn hatte, sein Stolz; seine leibliche Tochter,

Emma

aber, ein Engel an Huld und Seelen-Adel, seine Hoffnung und des Hauses Zier.

Graf Dachsburg war übrigens ein ehrenvester und tapfrer, in seinem Hause aber höchst strenger und ahnenstolzer Mann, der seine Tochter bereits, als sie noch zartes Kind war, mit einem Burggrafen von Meißen, dessen Geschlecht fürstlichen Rang besaß, verlobt hatte. Die gewöhnliche Hofhaltung dieses Grafen war Bärenstein, ein schönes Schloß an der Müglitz. In Fehde-Zeiten aber horstete er auf dem festern Lauenstein, oder dem unwegsamen Bärenfels.

An den Hof dieses Dachsburgers that nun Ulrich Bley (der einst dort selbst Waffenknecht gewesen war) die beiden Knaben, und diese wußten bald das Herz des edlen Grafen so zu gewinnen, daß sie selbiger, als er von Bley erfuhr, wie sie von Vater- und Mutter-Seite von gutem Adel waren, in allen ritterlichen Waffen-Uebungen unterrichten ließ, zu Gesellschaftern seiner fast in gleichem Alter stehenden Kinder bestimmte, und, als sie schön und stattlich heran gewachsen waren, zu seinen Leibknappen erhob. Die Brüder Hanns und Veit begleiteten ihn nun in manche Fehde, hielten sich brav, ja Hanns rettete seinem Wohlthäter einmal das Leben. Er wurde von dieser Zeit an als Sohn des Hauses behandelt, und bald war ihm die, in wunderlieblichen Reitzen aufblühende, herrliche Emma mehr als Schwester, und von diesem Augenblicke an begann sein Unstern aufzugehen.

Graf Dachsburg war bereits ein Christ und er zog, von Heldenmuth begeistert, als ihn sein Markgraf rief, mit in den Kreuzzug wider die heidnischen Preußen, nahm Veiten mit sich, sendete seinen Sohn Rudolph von Blaubergen an den Hof des Burggrafen, und übergab hochherzig, mit väterlichem Vertrauen, Hannsen den Schutz seiner Burgen, und – dieß war sein Unglück – die Aufsicht über sein schönstes Kleinod, seine Emma.

»Wem könnte ich mein Kind sicherer anvertrauen, als Dir, lieber Hanns?« sprach er beim Lebewohl. »Du bist tapfer, und kannst sie schützen; Du bist adeliger Herkunft, und wirst auch adeligen Herzens seyn. Ich schlage Dich und Deinen Bruder zum Ritter; er beschirme mich in fernen Schlachten, Du aber beschütze und schirme als Held und Christ, was mir am liebsten ist: meine Emma

So schied er. Ach, er kannte nicht des Menschen Herz. In Emmas und Hannsens Busen senkte sich die Liebe, und wurde bald zur Leidenschaft. Einst besteigt Emma ein muthiges Roß, begleitet eine Jagd in des Bärenfelses Forste; das Roß wird scheu, bäumt, stürzt einem Abgrund entgegen; da hält Hanns das fliehende, und wird mit eigner Lebensgefahr seiner Emma Retter. Tiefer gräbt sich nun die verrätherische Liebe in das Herz der süßen Maid; Hanns war so schön als tapfer, so munter als kühn; wer konnte es dem 17jährigen Mädchen verdenken, daß er ihr lieber war, als ihr Verlobter, der alte griesgrämige Burggraf des Meißner Landes?

»Laß uns einmal das Felsenthal deiner Kindheit besuchen!« sprach eines Morgens Emma in kindlicher Vertraulichkeit zu Hannsen. Und sie verlassen die Burg, und reiten ohne Begleitung den Felsen-Gründen zu. In der Hitze des Mittags haben sie das anmuthige Zwieselthal und bald den Hennersdorfer Grund erreicht. Donnernd stürzt hier der Wasserfall von den terrassenmäßig aufgeschichteten Felsen ihnen entgegen, und heiliger Schauer bebt durch Emmas Herz bei dem majestätischen Schauspiel; ihre Wange glüht, und trunken steht sie da vom Anschauen der herrlichen Mannigfaltigkeit und Schönheit dieser Gegend. Sie traben weiter; überall finden sie neue Ansichten, neue Schönheiten, und der Blick vom Schneckensteine laßt Emma das herrliche Hochland überschauen. Dort stehen die Riesen-Felsen des Steines, des Zschirnsteins, Pfaffensteins, und jenseits des Elbstroms der majestätische Lilienstein, Ratin und Wilin mit ihren leuchtenden Burgen, den Felsen-Spitzen des mächtigen Berkowitz, von Duba, Birken und Leipa, des Freundes ihres Vaters. Nun steigen die Liebenden ins Thal herab. Allenthalben ruft ihnen die Stimme der Natur Liebe entgegen, im Hauche des Frühlings, im Gesange der Nachtigall, im Murmeln des Waldstroms, sprach sie zu ihnen: Liebe!! So erreichen sie die ernstern Gründe, so in ihnen jene Hütte, wo Hannsens frühe Kindertage harmlos vorüber giengen. In der nachbarlichen Felsen-Höhle finden sie eine alte Ritter-Rüstung, vor der Höhle ein mit Pappeln umpflanztes moosbewachsenes Grab. Hier halten sie ihr Mahl; denn wohl hatte Emma für Imbiß gesorgt, auch Hanns eine Kürbis-Flasche mit dem feurigsten Weine gefüllt mitgenommen. Sie essen und trinken; höher schlagen ihre Herzen; unbekannte Gefühle engten ihre Brust, heißer rollte das Blut durch ihre Adern, ein heiliger Schauer durchbebte alle ihre Glieder; seufzend lagen sie sich in den Armen, und Hanns schwur, schwur bei der Seligkeit desjenigen, der unter ihnen in dem Grab modre, ihr ewigewig treu zu seyn. Da bebt die Erde, und aus der Tiefe des Grabes scholl es dumpf herauf. »Mein Sohn, hier ruht dein Vater; bei seiner Seligkeit hast du geschworen. Halte, halte deinen Schwur!!!« Hanns küßte des Grabes Erde, wiederholte sein Versprechen noch einmal, und verläßt mit Emma diesen Ort. In der Kühle des Abends durchtraben sie wieder, auf ihrem Rückweg, das anmuthige Zwieselthal, steigen von den Rossen; die Rosse grasen, indeß sich die Liebenden im Schatten einer Eiche niedersetzen. Beide schwammen in einem Meer von seligen Gefühlen; mild wehte die Abendluft, würzig duften Blümlein und Kräuter, die Liebenden durchglüht ein wilderes Feuer, neue Sehnsucht ihre Herzen, – Emma fiel, – und der Engel ihrer Unschuld flieht weinend vor der Verführten, der von jetzt an tausend neue Leiden nahen! – –

*

Jetzt, lieber Leser! laß uns einen Blick ins ferne Preußen-Land werfen. Graf Friedrich war mit dem Kreutzes-Heere dort angekommen, und, nach Wundern von Tapferkeit, in einer Schlacht gefangen und von seinem Sieger zur Knechtschaft verdammt worden. In derselben Schlacht aber nahm Veit von Bley einen Fürsten der Preußen, den tapfern Bedlin, gefangen, und ließ diesen unter der Bedingung am Tage nach der Schlacht frei, daß er ihn selbst ins innere Preußen-Land mitnehme, und den gefangenen Grafen Friedrich von Dachsburg aufsuchen und befreien helfe. Nach geschlossenem Waffenstillstande geschieht dieses; Hanns sucht, findet, und befreit den alten Grafen, weilt mit ihm einige Zeit am patriarchalisch-gastfreundlichen Hofe des Fürsten Bedlin, und fühlt hier bald selbst die Rosenfesseln der Liebe, mit welchen ihn Bedlins jüngste Tochter, die wunderschöne Evi, zu umschlingen wußte. Auch sie liebte bald mit aller Hingebung ihres gefühlvollen Herzens den schönen christlichen Jüngling; Hanns folgt darauf seiner Pflicht, geht in Begleitung Graf Friedrichs, unter Bedlins Geleite, zum Christen-Heer zurück, wird aber, ehe sie es erreichen, mit seinen Begleitern von einer Räuberbande unvermuthet angefallen, der biedere Bedlin ermordet, und Veit von Graf Friedrichen (der das Christenheer glücklich erreicht) getrennt, und verwundet. Bedlins nachziehende Schaaren finden den verwundeten Veit bei der Leiche ihres ermordeten Fürsten, nehmen ihn gefangen, und führen ihn zu Bedlins Burg zurück. Dort wird er vernommen, für schuldig befunden und zum Tode verurtheilt, aber in der Nacht vor seiner Hinrichtung von seiner Evi gerettet; sie flüchtet mit ihm in Sarmatiens Wüsten; dort leben sie als Mann und Weib, dort erkennt sie das Heil der Christenlehre, und gebiehrt ihm mehrere Töchter; sie wandeln harmlos glücklich, und vorwurfsfreier, als Hanns und Emma in ihrem Vaterlande.

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Die Schuldbewußten, Hanns und Emma, giengen nun zu Rathe, wie sie den unglücklichen Folgen ihres Fehltritts begegnen könnten; Reue erfüllte ihr Herz, und sie bebten vor Furcht; denn sie kannten den Ahnenstolz und die Härte des alten Grafen Friedrich, welcher, wie sie vernahmen, nun bald zurückkehren konnte. Eines Abends saß Hanns kummervoll auf seiner Warte, da ließ sich ein Pilgrimm melden. Er wird eingelassen, und Hanns erkennt in ihm den Pater Bernhard, den Freund seiner Kindheit, und gesteht ihm offenherzig seine und Emmas Schuld. Bernhard tröstet, entdeckt ihm des Vaters Vermächtniß, und überreicht ihm die Juwelen seiner Mutter; er mahnt ihn auch, gen Prag zu ziehen, und den Herzog Borivorius, welcher der erste christliche Herzog in Böhmen war, anzufleh'n, die Acht zurück zu nehmen, die Herzog Hostivitius über Löw und sein Haus ausgesprochen hatte. Hanns folgte des Paters Rath, geht gen Prag, bittet und erhält von dem großmüthigen Herzog Gnade, und, statt seiner bereits anderweit verlehnten Erbgüter, die Herrschaft über den Geiersberg, seine Forste und die verfallene Burg des Kußbergs. Auf Flügeln der Liebe eilt er nun zu Emma zurück, und sie, die Holde, verläßt die väterliche Burg und flieht mit dem geliebten Sponsen, welcher sie in Prag, wo er seine Juwelen umsetzt, in den Schutz frommer Kloster-Frauen giebt. Hier nimmt er mit des Herzog Bewilligung einen neuen Geschlechts-Namen an, und nennt sich nach seinem Vater und Pflegevater, beide Namen verbindend,

Bley-Löwen – Bleyleben.

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Rüstig beginnt nun nach seiner Rückkehr der Bau der Burg des Geyersbergs; sein Gold schafft Thätigkeit unter den Arbeitern, und ehe 5 Monate vergehen, steht sie bewohnbar auf der schauervollen weitumschauenden Höhe. Nun holt Hanns v. Bleyleben seine Emma, die sich bereits gesegneten Leibes befand, dorthin ab.

Banges Gefühl durchströmt der liebenden Schuldbewußten Herz, als sie von Söller der Burg das herrliche Töplitzer Thal und das ernste Mittelgebirge erblicken; aber Emmas Angesicht verklärt sich, als jetzt Pater Bernhard sie heimsucht, für sie zum Himmel betet, ihnen Vermittler zu seyn verspricht zwischen ihnen und dem gerechten Zorn des Vaters, und auf ihr Verlangen den Bund der Liebe als ein geweihter Diener der allein seligmachenden Kirche segnet. Er ermahnt Hannsen zu fester Treue, bei dem Heil seiner Seele, und schenkt Emma, deren gutes Herz er kannte, ein geweihtes Amulet, welches, so lange es auf einem reinen Herzen ruhte, die bösen Geister von ihr entfernt hielt. Als die Nacht herniedersank, gehen die Vermählten in ihr Kämmerlein, nicht ahnend, welche traurige Loose in der Urne des Schicksals für sie aufbewahrt liegen. Wehe den Unglücklichen! in dieser Nacht war das Jahrhundert, wo Wela, die Hexe des Kußbergs, ruhen sollte, vorüber.

*

Eben jetzt blickte der Fürst der Hölle, als der Morgen auf der Erde graute, nach Wela, und rief, daß es dumpf und donnernd im Lande der Verdammten wiederhallte:

Wela, Wela, erwache!!!

Und die Unholdin erwacht aus dem Todesschlummer. Neue zauberische Reitze umfließen sie, und neuer Durst nach Menschen-Elend füllt ihr böses Herz. »Wandle hinauf zur Erde, ruft der König der Lüge; erfülle dein Versprechen, und die Zeit deines Wandels soll gekürzt seyn, wenn du es verstehst, in kurzer Zeit einen Menschen durch seiner Leidenschaft Macht vollkommen unglücklich zu machen. Wisse und erzittere! In den Trümmern deines Eigenthums hat sich ein mir verhaßtes christliches Paar eingenistet. Verstatte es nicht, daß ihr Wandel der Lehre ihres Glaubens entspreche. Schon fielen sie im Sinnenrausch der Leidenschaft; an ihnen hast du Macht. Wirf Wollust und Eifersucht in ihre Herzen; deine List führe sie durch die Lüste der Welt meinem Reiche zu. Schade, wo du kannst; doch hüte dich vor denen, welche reines Herzens sind. Denn an ihnen bricht die Macht meines Reichs. Damit du einen kräftigen Antrieb haben mögest, so wird Wlodog, dein Todfeind, mit dir aus seiner Höllen-Qual aufsteigen und dich begleiten, dir unterthan seyn, wenn du klug handelst – dich züchtigen, wenn du saumsälig bist.« So sprach Satan, und Wela stieg hinauf zur Erde. – – Als Nachtvogel flog sie über das Lager der Liebenden. Doch schon war Hanns, durch bange Träume erschreckt, aufgestanden, und Emma ruhte, die Hände gefaltet, im süßen Morgenschlummer. Goldne Locken deckten die schöne entfesselte Brust, und auf ihr ruhte das geweihte Amulet. So hatte Wela keine Macht an ihr; aber, durch ihre Zauber-Kräfte von allen Verhältnissen Emmas unterrichtet, fleucht sie jetzt zu Rudolph von Blaubergen, ihrem Pflege-Bruder, der nach Hannsens und Emmas Flucht wieder zum Bärenstein zurückgekehrt war.

*

Noch schlummert dieser, von Emma träumend; da steht Wela, als ein Mädchen schön und hold, vor seinen Augen. »Ich bin Dein Schutzgeist, ruft sie ihm zu; traue mir, ich mein' es gut mit Dir! Ich weis es, Dein Herz liebt Emma. So wisse denn: sie floh mit Hannsen, und ist mit ihm durch Priester-Hand verbunden. Sie leben in Böhmen, auf jenem Gebirge, das Böhmen von Sachsen trennt. Dort suche sie auf, dort prüfe Emmas Liebe.« So sprach sie, und verschwand. Sie hatte den Funken der Eifersucht und sträflicher Liebe in Rudolphs Herz geworfen, und wartete, bis er zur Flamme würde. Schnell floh sie nun in das Lager des Christen-Heers, dem alten Grafen Dachsburg seiner Tochter Flucht mit ihren Sponsen verkündend. Zorn fällte sein Herz, und Krankheit und Aergerniß warfen ihn aufs Schmerzens-Lager.

*

Indeß vergiengen Hannsen und Emma die ersten süßen Wochen wechselseitiger Liebe; bald aber fühlt Hanns, an Thätigkeit gewöhnt, lange Weile in der Nähe seines Weibes. Er besucht die nachbarlichen Burgen und ihre Ritter, und schwärmt auf jenen manche Nacht bei Festschmauß und vollen Humpen, während Emma stille Thränen weint. Mit seinen Freunden zog Hanns dem wilden Waidwerk nach, schwärmte mit schallender Meute grimmiger Rüden durch Flur und Wald, und wurde bald der leidenschaftlichste Jäger. Schon sah er kalt und grausam die Leiden der Thiere, die der Mensch zu seinem Bedarf wohl tödten, aber nicht martern soll; er sah den Todes-Kampf des verfolgten und gefangenen Hirsches, brach von ihm die Hunde ab, daß er noch einmal flüchtig würde, noch einmal die Angst der Verfolgung und die Qual des Todes fühlte, bis er zuckend verendete.

*

Eines Tages verlockt den Jagenden Wela, sich in die Gestalt einer weißen Hirschkuh verwandelnd. Hanns verläßt sein Gefolge, und schweift bald ganz allein in den wüsten Gebirgen aus der Gränze des Meißner Landes, unweit der Höllendorfer Schluchten umher. Die verfolgte Hirschkuh ist verschwunden, unter ihm bricht sein Roß, er fällt aufs Moos, und fester Schlaf fesselt bald durch Welas Zauber seine Glieder. Jetzt naht ihm Wela, entwendet ihn Schwerdt und Schärpe, und fleucht, schnell wie der Gedanke, wieder hin zu Rudolph, dem Funken seiner Leidenschaft neues Feuer gebend. »Ich, dein Schutzgeist, habe für dich gesorgt; so spricht sie; setze dich auf dein schnellstes Roß, reite auf die Geyersburg; du wirst Emma in Trauer finden ob der Abwesenheit ihres Gemahls; sie wird dich als liebende Schwester empfangen, dich bitten, daß du Vermittler seyst zwischen ihr und ihrem Vater. Sprich: Hanns wäre von dem eben heimgekehrten Grafen Friedrich gefangen, säße im Burgverließ, und erwartete sein Todes-Urtheil, wenn Emma nicht in des Vaters Arme reuig zurückkehrte; Hanns selbst bäte sie darum, und schickte ihr zum Zeichen Schwerdt und seine Schärpe. Suche, fuhr die Heuchlerin fort, Emma auf ein Roß zu bringen, reite mit ihr nach den Höllendorfer Schluchten zu. Kehre nirgends ein; ich werde im Walde auf euch harren, euch eine gute Nacht-Herberge bereiten. Lebe wohl! sey vorsichtig, listig, und Emmas Liebe wird dir lohnen.« So sprach sie, und der Same des Bösen keimte in Rudolphs Herz, der Funke der Leidenschaft wurde zur lodernden Flamme! –

*

Auf dem Söller ihrer Burg saß Emma von Bleyleben. Thränen der Wehmuth netzten ihre bleiche Wange, ein banges Sehnen hob ihren Lilienbusen, und Reue und Liebe kämpften in ihrem Herzen; da bläst der Wächter von der Zinne, einen Fremdling meldend. Vielleicht Nachricht von meinem Gemahl, ruft Emma; er sey mir willkommen, und neue Rosen der Freude blühen auf ihren Wangen. Der Fremde tritt ein, wird als Rudolph erkannt, schwesterlich empfangen, und in der Freude herzlichen Aufwallens geküßt. Er bringt, nach Welas Befehl, die lügenhafte Botschaft, und Reue, Entsetzen, Freude über des Vaters Rückkehr, den sie innig liebte, Hoffnung und Furcht für ihren Gemahl, wechseln in ihrer Brust. Allmälig siegt die Gatten-Liebe über die Furcht; sie übergiebt dem alten Knappen Georg die Aufsicht der Burg, und folgt dem Versucher. Unglücklicher Weise hatte sie an diesem Tage das Amulet anzuhängen vergessen. Sie reiten durch den Wald, verirren sich, die Nacht überfällt sie, und an des Sattelberges Gebirgsthale steht mitten im Forst ein niedliches Häuschen; dort suchen, dort erhalten sie Herberge. Die Wirthin des Hauses, eine alte Mutter, kommt den Müden entgegen, begrüßt sie, labt sie mit Wein, Brod und Früchten, und zeigt ihnen ihr Lager. Diese Wirthin war die tückische Wela. Emma schaudert vor dem einsamen vereinten Lager, will noch in dieser Stunde fliehen; da läßt die Hexe einen Platzregen aus schwarzer Gewitter-Wolke stürzen. Der Sturm heult, Erl-König zeucht feurig durch das Thal, Waldströme brausen, die Erde bebt, des Waldes Bäume brechen. Flucht ist unmöglich; bald wirkt für Emma der in den Wein gemischte Schlaftrunk, – unwiderstehlicher Schlummer fesselt ihre Sinne. Sie taumelt, – ihre Augenlieder schließen sich, und sie fällt, ihrer nicht mehr mächtig, auf das gemeinsame Lager. Bald ruht Rudolph an ihrer Seite; – beide – so will es die Hexe – entschlummern.

Nun eilt Wela, ihr teuflisches Werk zu vollbringen. Sie fleucht zu dem noch von tiefem Schlaf befangenen Hanns, weckt ihn, und ruft ihm mit gellendem Hohn-Gelächter zu: Unglücklicher! Du schläfst hier im Forste, indeß ein Bube, den du einst Freund nanntest, dein Weib entführte und all' dein Glück zerstört? – Komm, folge mir! überzeuge dich selbst. Hanns steht wie vom Donner gerührt auf, folgt der Hexe, und sie leitet ihn – vor das Waldhaus.

Verführerische Traume durchglühen eben Rudolphs Herz; sein Mund naht sich Emmas rosiger Lippe, sein Arm umschlingt sie, die von ihrem Gatten träumte; sie ruht schlummernd in Rudolphs Armen, und jetzt tritt Hanns in das Kämmerlein, welches die Flamme des Kamins verrätherisch beleuchtet. »Schändlich!! abscheulich!!« ruft er. Jähzorn durchglüht sein Herz, und er bohrt den Dolch in Rudolphs Rücken, ihn lebensgefährlich verwundend. Rudolph richtet sich lautschreiend auf, erkennt Hannsen, sinkt vom Lager, und wälzt sich in seinem Blute; und eben kommen Hannsens Knechte, die ihren Herrn suchen, am Wald-Hause an. Da befiehlt Hanns, die erwachende Emma zu fesseln und ins Burgverließ zu werfen. – Wer schildert des armen Weibes Schmerz und Schreck? – Ohnmacht fesselt ihre Glieder. Als sie erwacht, sieht sie sich in den Fesseln des Burgverließes. Vor ihr aber steht Wela, in der Gestalt ihrer Ahnen-Frau, als ehrwürdige Matrone, ihre den Tod als Ehebrecherin oder Rettung durch Flucht verkündend. – Sie lößt Emmas Ketten, und Emma folgt; leer ist das Burgverließ, als Hanns von Bleyleben tobend hereintritt, über sein untreues Weib Gericht zu halten.

Rudolphs Wunde war nicht sofort unbedingt tödtlich. Eben wälzt er sich in seinem Schmerz, als Pater Bernhardt bei dem Waldhaus vorübergeht und ihn erkennt. Den Frommen flieht die Täuschung der Hölle; er hört Rudolphs Bekenntniß, wird von seiner und Emmas Unschuld und der List der Hexe überzeugt, giebt Rudolphen die himmlische Wegzehrung; dieser verzeiht Hannsen, und stirbt, von Blutverlusten entkräftet, in des Paters Armen.

*

Kämpfend mit Schmerz und Eifersuch trabt eben Bleyleben, mit sich selbst entzweiht, durch weite Forste, Emma aufzusuchen, als Pater Bernhardt ihm begegnet. Dem Priester des Herren gelingt es, des Jähzornigen Herz zu beschwichtigen und mit Reue zu erfüllen. Wo ist sie aber? ruft Hanns. Heiße Tränen netzen die bräunliche Wange – und die verübte Missethat liegt hell vor seinen Augen. – Eben stehn sie am Ufer der Bila, jenes Wassers, das dem weiten Thale seinen Namen giebt. Ohnfern des Ufers erhebt sich Böhmens Zacken-Fels, der wundersam-schrecklich gestaltete Borzen; Grauen ergreift ihre Herzen, als sie in seinen schwarzen gähnenden Schluchten und überhängenden Felsmassen die Riesenkräfte zerstörender Naturereignisse einer Urwelt erblicken. – Wer ist das? ruft Hanns; seht! auf des Felsens Haupt wandelt ein irrender Schatten; – ists des Kußbergs teuflische Hexe? ist sie es? Eben tritt die Wandlerin hervor, sich an den jähen Abhang stellend. Es war Emma – beide erkennen sie. Gott, welch ein Anblick!

Verworren flatterte ihr Haar um ihre Brust, starr heftete ihr Blick an der Erde, bleich und eingefallen waren ihre Wangen, und ihre Arme rangen aus Verzweiflung.

Hanns erklimmt den Felsen, hält sie in seinen Armen, gesteht seine Missethat, bittet – und erhält Verzeihung; des treuen Weibes Sanftmuth ist größer als ihr Schmerz. Der Himmelskuß der Versöhnung vereint die durch der Hölle List Getrennten.

Der Wiederversöhnung Wonne ist des Himmels Vorschmack; enger knüpft sie die getrennten Herzen, fester der Liebe Band, das gegenseitige Achtung webte.

Welas Kraft scheint gebrochen; Wlodogs wilde Jagd setzt sie durch die Gebirge. Hanns, heimgekehrt in seine Burg, genießt, da eben Friede ist im Lande, des Lebens schönstes Glück, das Glück der Häuslichkeit. Sein Herzog ehrt ihn, erhebt ihn zu des Landes Gaugrafen, und Hanns wird ein gerechter Richter. –

Hanns von Bleyleben! ruft ihm eines Morgens Pater Bernhardt zu, der eben eine Reise ins westliche Erzgebirge zu den einzelnen neuen christlichen Ansiedelungen des Borssensteines, der Zöblitzer Höhen, und des herrlichen milden Olbernhauer Grundes vorhatte – Bleyleben, du bist auf dem Wege des Guten; » wache und bete, der du stehst; siehe zu, daß du nicht fällst; sey standhaft in der Wahrheit, und fliehe den Rath der Verführer! Er ist eine böse Wurzel, der das Land verderbet rings umher!« so sprach der Fromme. Doch neue Versuchungen kamen. –

Ende erster Abtheilung.

*

Wela.
Zweite Abtheilung.

Herrlicher, majestätischer hatte sich nun die Burg des Dobrauer Berges (Schloßberges) bei Töplitz erhoben. – Fünf Thürme und eben so viele Balkone waren ihre Zierden; den Berg umgab eine der Ewigkeit zu trotzen scheinende dicke Mauer, durch welche ein Thor führte, dessen Trümmer wir noch jetzt bemerken, und hohe, kühn angelegte Bollwerke erhoben sich im Schatten ehrwürdiger Eichen und Buchen. Stark, wie diese Burg, war auch ihr Besitzer, Ritter Weslaw Dobrowsky. Er war schön und reich; auch glücklich? Nein, in seinem Herzen wohnte der Friede nicht; denn ein Weib, glänzend und listig wie die Schlange, wollüstig, eitel und herrschsüchtig, war der Dämon, der sein leichtsinniges Herz vergiftete, und allmälig das Laster in seinen Busen senkte. Jeder schöne kräftige Mann war dieser Katka (dieß war der sprechende Name der schönen Unholdin) genehm, und damit den Eheherren nicht Eifersucht plage, so gab sie ihm die Freiheit, sich Dirnen, so viel er wollte, auf die Burg zu bringen, und vor ihren Augen mit ihnen zu kosen. Weslaw unterließ nicht, sich wacker dieser Freiheit zu bedienen, raubte manche Edeltochter, manche schmucke Bauerdirne (denn schön und kräftig sind die Jungfrauen des Böhmerlandes) und hatte die Freude, daß Katka, sein Weib, sich an ihrem fruchtlosen Jammer ergötzte, nicht selten sie selbst mit Hunger und Martern zwang, ihrem Manne zu gehorchen, und, waren sie willig gewesen, sie dann ermordete oder in den furchtbaren Gefängnissen der Burg, deren Trümmer man noch jetzt in den sogenannten Casematten mit Schaudern betrachtet, elend verschmachten ließ.

Kein Laster wohnt allein in des Menschen Herz; bei der Wollust weilt die Verschwendung, bei dieser Grausamkeit und Habsucht; so auch bei Weslaw. Die Unterthanen wurden gedrückt, die Nachbarn beraubt, der Handel des Landes zerstört, und sowohl vom Schloßberge herab, als von der Warte eines nachbarlichen Berges, auf welchem jetzt Kunstsinn und Betriebsamkeit die friedliche Schlackenburg, einen der angenehmsten Vergnügungsorte der schönen Curstadt Töplitz baute, geschahen die empörendsten Plackereien und Ueberfälle schuldloser reisender Kaufleute und Pilgrimme. Die ganze Gegend haßte nun den gefürchteten Raubritter, und suchte Gelegenheit, die Geißeln des Thals, ihn und die schrecklich-schöne Katka, zu vertilgen.

Es zeigte sich bald Gelegenheit. Gerade zu der Zeit, als Burggraf Hanns v. Bleyleben in seine Ehestandszwistigkeiten verwickelt war, kam – Wit, Weslaws älterer, todtgeglaubter Bruder, nach zehnjähriger Abwesenheit wieder in seine väterlichen Fluren zurück. Er hatte mit seinem Vater in Mähren gegen Kaiser Arnulf gefochten, seines Vaters Tod in blutiger Schlacht gesehen und ihn gerächt, war ein Freund des mährischen Herzogs geworden, und wollte nun, geehret und reich, die väterlichen Burgen wieder schauen, und den ihm gebührenden Theil der väterlichen Erbschaft in Besitz nehmen. Aber wehe ihm, was sah er! auf den Trümmern einst glücklicher Wohnungen, auf dem gestürzten Wohlstande ganzer Familien, dem zertretenen Glück geschändeter Unschuld, wandelte der eiserne Fuß der Selbstsucht seines Bruders, und die Spuren seiner Gegenwart und Katkas schreckenvoller Nähe waren Haß, Elend, Mißtrauen und Verzweiflung. Er betritt die Burg, des Schloßbergs Veste, und fühlt sich schon dadurch ergriffen, daß ihn sein Bruder nur dann erst erkennt, als er ihn unumstößliche Beweise giebt. Heuchlerisch wird er nun aufgenommen, und die Schlange Katka brütet, während ihr Auge Liebe heuchelt, über dem Plan seines Untergangs. Jetzt scheint er gereift, der Tod des Gerechten beschlossen. Katka bestach einen Knecht, der ihr boshaft und tapfer genug zu seyn schien, im Grunde aber ein gutes Herz hatte. Dieser sollte den Wit – meuchlerisch ums Leben bringen. Allein er hatte Mitleiden mit ihm, verrieth ihm alles, und beide flohen.

Der Knecht wandte sich nun an die Landleute, die er wider ihren Herrn aufwiegelte, und Wit suchte Hülfe bei den benachbarten Rittern, fand sie auch, weil sie schon den unbändigen Weslaw haßten. Wit überfiel nun mit 80 Reisigen und einer Horde aufrührischer Landleute den Dobrauer Berg. An die Mauer wurden Sturmleitern angelegt, und, damit die Ueberfallenen glauben mochten, die stärkere Macht des Feindes käme von einer andern Seite, so wurde das im Thale liegende Dorf, welches man jetzt Schönau nennt, angezündet.

Schrecklich schwang plötzlich auf den verlassenen Strohhütten der rothe Hahn die lodernden Flügel. Beim Leuchten der Flammen erstürmte Wit in der Nacht mit seinen Knechten, die den Fels erklommen, mit wilder Wuth das Schloß, welches Weslaw, der immer wachsame Krieger, wüthend vertheidigte.

Wit war überall; sein Pfeil schwirrte durch die zitternden Lüfte, er erstieg die innere Mauer zuerst, sein Schwerdt suchte die treulose Katka, während sein Herz für seinen Bruder sprach. Wüthend tobte eine Stunde lang der grausame Kampf; denn Weslaws Knechte hingen, durch die Bande des Lasters gefesselt, wie Kletten an ihrem Herrn, weil sie bei ihm das roheste, freieste Leben genossen, und kämpften wie Verzweifelte; aber Wits Uebermacht gab den Ausschlag. Weslaw hieb sich im Kampfe der Verzweiflung durch, und entfloh mit Katka, die im Zorn, ehe sie floh, die meisten Gefangenen, damit sie ihre erlittenen Grausamkeiten den Siegern nicht verkündeten, ermordet hatte. So flohen sie, so sahen sie die Flammen, welche bald ihrer Burg Sparrwerk ergriffen, und jede Minute wuchs ihr Zorn, ihre ohnmächtige Wuth. Wenn ein Rabe krächzte, glaubten sie die Stimme des rächenden Bruders zu vernehmen; rauschte das Gebüsch hinter ihnen, stieg ein scheues Wild auf, so hielten sie es für den Hufschlag nachstürmender feindlicher Rosse; schon wich ihre Kraft, schon stöhnte ihre heisere Brust, schon naheten sie dem Fuße des jähaufsteigenden Geiersbergs, als Katka ermattet, mit wuthfunkelnden Blicken, erschöpft zusammen sank, und jetzt eine Ohnmacht ihre Sinne und Kräfte lähmte. Im Uebermaaß des Schmerzes und des Zorns brüllt Weslaw:

»Fürst der Hölle, hilfst du mir nicht. Gewaltiger, bin ich verloren! Komm und hilf!!«

Dreimal tönte der Berge Wiederhall die gräßlichen Worte wieder, und als sie verhallt waren, rief eine gellende Stimme aus der Berge Kluft in hundertfachen Tönen, als flöße sie aus allen Bergen und Baumen heran:

»Weslaw! vergiß nicht der Hexe von Kußberg; sie kann, sie wird dir helfen!!!«

Sie wird es! tönt es in Weslaws Herzen wieder, und sogleich macht er sich, die ohnmächtige Gattin verlassend, auf den Weg. Nur dem Tugendhaften, nur dem, der reines Herzens war, war der wunderbaren Hexe furchtbares Zauberschloß unsichtbar; wer ihr aber nahte, sich ihr zu weihen, der sah es in seiner furchtbaren Herrlichkeit. Erbaut auf schimmernden Granit, umlodern es mit einem glänzenden Gürtel hellbleiche Feuerflammen; die Fähnlein der Zinnen sind zischende Schlangen, der Wächter des Thors das schreckenvolle Ungeheuer, der Greif, und in des Schlosses Umgebungen rauscht der wilde Jäger, brütet der Basilisk, dessen Anblick den Ungeweihten tödtet; tausend Raben und der hungrige Wehrwolf krächzten und heulten, um selbiges das schauderhafte Leichenlied.

Weslaw betritt den Vorhof; die Ungeheuer weichen, die Flammenpforten öffnen sich ihm gefahrlos, und vor ihm steht Wela in grauenvoller Majestät. Weslaw beugt vor ihr sein Knie, und spricht: Erhabne, mächtige Beherrscherin von Kußberg, schöne Gewaltige! ich komme, deine Hülfe anzuflehen. Wela antwortet, und wie Donner verhallen ihre Worte: »Gern helf ich den Sterblichen, wenn sie dankbar sind, und meine Hülfe erkennen, und dem, der mir die Kraft seines Wirkens gab, in seiner Kraft und Herrlichkeit erkennen.« »Willst du, Sterblicher, du kriechender Wurm der Erde, den ein Wort von mir erheben und ein Wort vernichten kann, alle meine Bedingnisse unbedingt befolgen, so neige dein Haupt, zum Beweise deines Gehorsams!« –

Weslaw thuts.

Wela. Du willst's! – wohl! – ich bin bereit. Ich weiß, was dir fehlt; du bist von deinen Gütern vertrieben?

Weslaw. Ach ja! die ich lange in Ruhe besaß – von meinem räuberischen Bruder.

Wela. Sage das nicht! ich kenne deinen Bruder, er ist ein edler Mann; das ist nur seine Rache, weil du ihn hast wollen ermorden lassen. Doch das kümmert mich nicht; ich helfe Jedermann, der von mir Hülfe sucht, und mir vertraut.

Weslaw. Dank! – Dank dir dafür? –

Wela. Nimm dieß zur einstweiligen Entschädigung deiner verlornen Güter; künftig sollst du keinen Mangel leiden.

Wela schlug mit einem Stäbchen auf die beiden Seitenwände des Felsen; da fielen haufenweise goldene Münzen auf den Boden, welche Weslaw gierig einsteckte.

Wela. In dieser Stunde noch konnte ich dir zum Besitz deiner Burg, deines gefangenen Weibes wieder verhelfen – denn eben fanden sie die Verfolger – wenn mein Plan nicht höhere Zwecke hätte. Weißt du, was die Bedingniß meiner Bereitwilligkeit ist?

Weslaw. Nein; – sage sie, – ich werde sie pünktlich erfüllen.

Wela. Jedes Wesen, das unter der Gottheit ist, hat seine Leidenschaften.

Weslaw. Wohl wahr! –

Wela. So darf es dich nicht wundern, wenn ich dir gestehe, daß ich sie auch habe.

Weslaw. Dir bleibt doch immer leicht die Befriedigung derselben, da du Macht dazu besitzest.

Wela. Glaube das nicht, Weslaw; nur mit menschlichem Beistand vermag ich meine Begierden zu stillen. – Höre mich; und schließest du mit mir den Bund, so soll es dir wohl gehen auf Erden.

»Du kennst den mächtigen Gaugrafen Hanns von Bleyleben; dort siehst du seine Veste auf des Geiersberges Höhen; durch mich ist er empor gestiegen aus dem Staube, durch mich mächtig und groß. Doch er vergaß meine Hülfe er lohnt mir mit Undank, und dem Scheinbild folgend, das er Tugend nennt, betritt er die Wege meines Meisters nicht. Ich könnte den Donnern gebieten, ihn zu vernichten. Gebieten könnt' ich dem Bächlein, daß es zum Waldstrom anwüchse, und dräuend, brausend seine Veste verheerte. Doch heißere Rache kocht in meinem Herzen; dem verschmähten Weib ist alles möglich. Ich muß ihn verderben; verderben an Leib und Seele; er falle durch sich selbst, durch seine eigne Leidenschaft. Du mußt mir behülflich seyn, mußt sein Freund werden, mußt ihn zu verführen trachten. Lehre ihn die Süßigkeiten des Rausches schmecken, so wirst du bald seine Tugend, auf die er so stolz ist, einschläfern; so wirst du Wollust und alle Leidenschaften in seiner Seele mächtig wecken, ihn durch sie zu bösen Thaten und selbst zum Mord, zum Bunde mit dem Fürsten der Hölle verleiten. Dann sey unser Triumph! vollbringe es, und Wela wird dir fürstlich lohnen.«

*

So sprach Wela, berührte mit ihrem Zauberstabe Weslaw Brust, teuflisch satanische Lust durchglühte ihn, und mit der Bosheit seines Herzens vereinigte sich nun die Hinterlist der Bösen, und die Gabe, jede Maske, selbst die der Tugend anzunehmen.

Jetzt endlich berührt Wela mit ihrem Zauberstabe die Burg; sie stürzt, so scheint es dem Erbebenden, in einer Flamme zusammen. Er, Weslaw selbst, fühlt sich fortgerissen durch Geistermacht,– seine Sinne schwinden; und als er erwacht, steht er auf den Culmer Fluren, neben ihm große schwarze Streithengste mit Feuerblitzenden Augen, und ums lodernde Wachtfeuer sitzen Reißige in schwarzer Rüstung. Auch ihre Augen glühn von wildem Feuer, grauenvoll ist ihre Nähe; denn sie sind Welas rüstige Diener, Diener des Fürsten der Finsterniß: Mit diesen durchzeucht er das Land, sucht, und findet seine Katka. – –

Auf seiner stattlichen Burg saß Johannes von Bleyleben, der Herr jener Berge, die sich jetzt wie ein grüner und erhabner Gürtel zwischen Sachsen und Böhmerland fortzieh. Glücklicher dünkt er sich als ein König, denn den Reunigen beseligte des treuesten Weibes Liebe.

Seinen Arm hat er um Emma geschlungen, sein Mund ruht auf dem ihrigen; beide dankten dem Geber für ihr Glück. Sie gelobten, es fortan durch Edelthaten zu verdienen, durch sie des Vaters gerechten Zorn zu bezähmen. Da sehn sie auf dem Dobrauer Berge eine Feuersbrunst um sich greifen; da schwirrt krächzend ein Rabe beim Fenster vorüber, – das war Wela. Sie sieht die Glücklichen, und Rache-beflügelt fleucht sie zu dem Lager ihres Freundes Weslaw. »Komm, ruft sie, die Stunde naht; sey listig, beginne; dann lasse Katkas Reitze leuchten. Der Stolze wird durch dich, den falschen Freund, verleitet, vom Wege der Tugend und Gerechtigkeit weichend, fallen; du wirst Rache nehmen an deinem Bruder, und das Land wird dich als seinen Gaugrafen begrüssen.« So sprach sie, und verschwand.

Weslaw aber erhob sich; sein falsches Herz lehrt ihm Hinterlist, – und jetzt steht er mit reißigem Gefolge vor Bleylebens stattlicher Veste auf der Höhe des Geyersbergs.

Der Thurmwächter bläst; er wird eingelassen; freundlich empfängt ihn der Burgherr, und gleisnerisch beginnt Weslaw seine Rede:

»Mein Herr und Richter! Ein Bruder nahete meiner Burg, ich nahm ihn freundlich auf; da entbrannte sein Herz für mein Weib. Sie entflieht seinen Lockungen. Rachlustig verbindet er sich mit einem treulosen Knechte, giebt vor, man wollt' ihn ermorden. Ritter, denen meine Macht verhaßt war, vereinen sich mit ihm, und Landleute, denen jeder Dienst, den ihnen ihr Stand zur Pflicht macht, eine Last ist, vergrößern aufrührerisch sein Heer. Ohne Euch, den Gaugrafen, zu fragen, ohne von Euch, dem gerechten Richter, den Richterspruch zu erwarten, bricht er räuberisch den heiligen Burgfrieden, überfallt mich bei Nacht, vertreibt mich, seinen Bruder, wirst Feuer in die Burg (seht Ihr sie rauchen?) und nimmt alle meine Habe, nimmt mein Weib, das sich weigert, seinen Lüsten zu fröhnen, das mir treu folgte auf der Flucht, wo sie ohnmächtig hinsank, gefangen, und wirft sie in der eignen Veste Burgverließ. Von Euch, Gaugraf, erwarte ich Gerechtigkeit, nicht Gnade; habe ich eine Schuld, so verdammt auch mich!«

So sprach lügnerisch der Gleisner.

Hanns von Bleyleben aber entbrannte in Zorn. Stürmisch drückte er den Abschiedskuß auf die Wangen der erbleichenden, ihr Unglück ahnenden Emma, und befiehlt sofort im raschen übereilten Entschluß, zur Fehde zu blasen.

Trompetenschall, Paukenwirbel und Waffengeklirr erscholl weit umher vom Geyersberg. Mit drei hundert blank-gewaffneten Knechten lagerte sich Hanns vor der Dobrauer Schloß-Burg, sandte einen Herold ins Schloß, und ließ dem Wit ansagen, er solle sich ergeben auf Gnade und Ungnade.

Aber dazu konnte sich Ritter Wit nicht verstehen, der so oft den Tod vor Augen hatte, nie vor ihm zitterte.

Der Sturm begann; die Burg ward nach furchtbarer Gegenwehr erobert, nichts ward geschont, und der verwundet hingesunkene Wit erhielt den Todesstoß durch frevelnde Bruderhand.

Als Weslaw seinen Bruder im Blute liegen sah, so stellte er sich, um den Gaugrafen zu täuschen, der sich über diese That selbst entsetzte, gerührt; und wehmüthig schlug er sich an seine Brust, warf sich auf seines Bruders Leiche, jammerte und klagte, und gewann so des Gaugrafen Vertrauen und Mitleid.

Weslaw schien untröstlich für den ersten Tag; selbst Katkas Rettung, der er seinen teuflischen Plan vertraute, schien ihn nicht sonderlich zu erfreuen.

Doch wich der Schmerz binnen drei Tagen aus seinem Hause und Herzen, und als er nach dem Begräbnisse Wits das Trauermahl anordnete, wozu die Burgherrn von Kostenblatt, Culm, Eisenberg, und noch viele Ritter und Herren der umliegenden Gegend mit ihren Hausfrauen eingeladen waren, bezeigte er sich recht fröhlich.

Bei diesem Mahle gieng es nun hoch her; alle Wladiken und Ritter der Umgegend waren gebeten. Da erschienen die mächtigen Wesowitz, die Hoskis, die Rosenberge und die tapfern Waldsteine und Kinsberge. Edel-Knappen bedienten die Geladenen, und was in dieser kurzen Zeit nur Forst, Feld und Wasser geben konnte, das war köstlich aufgetafelt. Auf großen schweren silbernen Schüsseln prunkte der gebratne Pfau mit dem Sternenschweif, und neben ihm als Schaugericht auf goldenen Schüsseln der edle Fasan, der in dem Thale des Schloßberges gehegt wurde. Es fehlte auch nicht die köstliche Lachsforelle, der räuberische Hecht, der gewaltige Wels, und der in den Berggegenden sonst so seltne Aal. Einladend winkte der mit Schaumgold vergüldete Kopf des Ebers mit seinen blutenden Hauern; auch fehlte nicht das Zahnbewaffnete Haupt des Bären, welches für einen Leckerbissen galt, und zu jener Zeit eben in Böhmen nicht selten war. Einen mundenden Leckerbissen gab der Zimmer des vier und zwanzigendigen Feisthirsches, der Rücken des flüchtigen Rehes, die wilde Taube, das im fruchtbaren Böhmerland so wohl gedeihende feiste Rebhuhn, und der Birkhahn. Weine spendete das stromumrauschte Melnek, die Felsen von Zsernesek und Außig. In großen silbernen Gefäßen schäumte der Meth, und jener Trank, den der Böhme aus Gerstenmalz und Hopfen so musterhaft bereitet. Auch fehlten bei diesem Mahle die Harfen nicht, und ergötzten die geladenen Gaste durch frohen Gesang und hellklingendes Saitenspiel, so daß Lust und Freude bald allgemein ward.

*

Während dieses Prunkmahls, wo die schweren Humpen kreiseten, erhob die schöne Katka den goldenen Becher, gefüllt mit dem köstlichen Podskalsker Schaumwein, dessen Rebe auf Aussigs Felsen grünt. »Dem Retter, rief sie, Dank und Ehre!« und ihr Kuß brannte auf Johann von Bleylebens Lippe; in seine Adern goß sie das Gift der Wollust, mit welcher noch jetzt die Liebe zur Gattin kämpfte. Als Nachtvogel, in der Gestalt des Todtenkopfs, (so heißt dieser schöne Schmetterling) setzte sich die Hexe des Kußbergs auf Johannes Stirn. Der erste Schritt geschah. Hanns erwiedert Katkas Kuß, während seine Gattin, von innerer Wehmuth getrieben, die Tafelrunde verlassen hatte. Heißer brannte Katkas Lippe auf der seinigen. Die Tafel ist aufgehoben, Katka und Hanns sind allein im Saal, Weslaw entfernt sich, und sie häufen Kuß auf Kuß unersättlich in hastender Eile, und Wela freuet sich des Vollbringens der grausamen List, und, ihre Rache zu beschleunigen, beschließt sie, dem Grafen Friedrich von Dachsburg Nachricht von seiner Tochter Emma Aufenthalt und von seines Sohnes Schicksal, zu geben, und seinen Zorn zu entflammen.

*

Dort, wo der Elbstrom sich durch Felsen seine Bahn bricht, und jene zerrissenen Felsen in furchtbaren Gestalten bald jähe aufsteigende Wände, bald zackige Riffe, bald hochgewölbte Portale und Riesenthore bilden, die der Wanderer noch jetzt bewundert, und deshalb diese Gegend mit dem Namen des sächß. böhm. Elb-Hochlandes (sächß. Schweiz) belegt – dort erhebt sich auf hoher Ebenheit der Koloß des Liliensteins, die furchtbare Gegend wie ein König überschauend, und zum bläulichen Elbstrom herabblickend, welcher ihn wie ein Silberband umschließt. Auf dieses Liliensteins Felsenhöhen stand eine Veste des Ritters Berkowitz v. Duba, des Ahnherrn eines großen, mächtigen Geschlechts, welches im Besitz des ganzen Hochlandes war, und außer der Veste des Liliensteins noch die des Steins, Rathin, Wilin, Belevizze, Riesenstein, Winterstein, Wildenstein, Hohnstein, Chlumen und Schreckenstein Der Königstein, Alt- und Neu-Rathen, Wehlen, Pilnitz, Bastei, Kuhstall, Winterberg, Hohnstein, Lohmen, der Schreckenstein bei Außig. – Sie sind die schönsten Parthien der sogenannten sächß. Schweitz, über welche Albina (Pirna, bei Conrad Diller) nähere Auskunft giebt. Auf der Höhe der Bastei befindet sich itzt eine recht wohl eingerichtete Wirthschaft zur Restauration. besaß, und von dem Volke, das sie fürchtete, das Geschlecht der Felsenritter genannt wurde. Berkowitz war ein Blutsverwandter des Grafen Friedrichs v. Dachsburg. Sein Freund hatte ihn besucht, um in dieser furchtbarschönen Felsenwelt seinen Schmerz zu vergessen. Es war ein schöner heißer Sommertag; da war der Graf ausgeritten, um in den einsamen Felsengründen Zerstreuung zu suchen: als Wela, die Gestalt seines Freundes, des vor Kurzem gestorbenen Ritters Werner v. Blaubergen, Rudolphs Vaters, annehmend, ihm als solcher unverhofft begegnete. Werner bereitete das Herz des alten Dachsburgs, dem von seines Schwagers Tode keine Kunde geworden, zur Nachricht, die sein Herz zerreißen sollte, vor. Von einem alten ehrwürdigen Ritter, sprach er, erfuhr ich, daß die entflohen geglaubte Tochter, während Dachsburgs Aufenthalt im Preußenlande, vom undankbaren Edelknappen Hanns v. Bleyleben geraubt, verführt und ins neuerbaute Geyersberger Schloß entführt sey. Rache glühte jetzt in des alten Grafen Brust; seine Lippe bebte für Zorn, seine Faust ballte sich. Vermessen sprach er: »nein, ich glaub's nicht!! So fest diese Felsen stehn, so fest stand Emmas Liebe zu mir. Vermagst du, mir ein Zeichen ihrer Untreue zu geben, so vollbring es, Grausamer.« Lächelnd sprach Werner: auf Felsen glaubst du Welas Treue gebaut; sie steht wie dieser Fels auf Sand; wie er herabstürzt, fiel auch sie. Siehe, Kleingläubiger, und überzeuge dich. So sprach er, und auf einem, den Sprechenden gegenüber stehenden, gar furchtbar schönen Felsen lößte sich plötzlich eine Felsenwand ab, und stürzte krachend in den Felsengrund. Dachsburg erbebte, und Furcht war über ihn gekommen. Ha, rief er aus, nun glaube ich's: untreu ist Emma ihrem Vater; ich weihe sie der Rache, und breche über ihr den Stab des Vaterfluchs. Da entschwirrten Raben und Geier den Felsenschluchten, Schlangen umzischten seine Füße; er sah vom vorspringenden Felsenstück in den gähnenden Abgrund, und gelobte in der Angst seines Herzens, eine Capelle einst hier zu bauen, hatte er die Rache an der Tochter Blut gestillt. Wo ist mein Rudolph? rief er jetzt plötzlich aus – der ausgieng, die Schwester zu suchen, die gefundene Reuevolle dem Vater zurück zu bringen? Wehe, wehe, antwortet Werner; er fand sie, er rettete sie; der Buhle folgte, und ermordete ihn. Da stürzt bei diesen Worten Graf von Dachsburg im Uebermaaß des Zornes und Schmerzes auf den harten Stein ohnmächtig nieder; Knechte wurden gerufen, und sie trugen den Ohnmächtigen durch die Hallen der Felsenthäler, den Amselgrund und die Rathener Gründe, zur Veste Neu-Rathen, welche dermalen noch in unscheinbaren Trümmern einer der schönsten Puncte des Meißn. Hochlands ist.

Als Graf Dachsburg erwachte, berief er seinen Freund, den Ritter Berkowitz, einen kühnen, rach- und raubgierigen Mann, an sein Lager, und beschwur ihn, in der Fehde ihm beizustehn. Dieser gab ihm seinen Handschlag, und der Kampf der Vertilgung gegen Hanns v. Bleyleben war beschlossen. Feuersäulen steigen auf den Bergen als Zeichen allgemeiner Bewaffnung leuchtend auf.

Waffengetöse erscholl nun bald in allen Burghöfen der Dubas und ihrer Freunde, und die Stimme des Wiederhalls trug es von Fels zu Fels weiter. Die mächtigsten Ritter des Meißner Landes, die Sleinitze, Miltitze, Oppeln, Zehmen, Carlowitze, Schönberge, Rabenaus, sandten Schaaren; zum Theil erschienen sie selbst, denn sie dürsteten nach Kampf und Thaten. Mit einem starken Heere, das in der mächtigen Veste Tetschin noch mit hundert blutdürstigen Reisigen und einigen tonkundigen Harfnern vermehrt wurde, zog die Schaar der Rache aus. Sie nahm ihren Weg an den beiden Ufern der Elbe fort, welche damals noch mit hochbestandenen Forsten majestätischer Eichen und schlanker Ellern umwachsen war. Blank war der Haufe, blank und glänzend wie die Sonne, deren Strahlen sich in ihren Harnischen spiegelten. Das bethaute Gras verwelkte unter ihren eisernen Fußtritten, und Wild und Geflügel floh vor dem Geklirr ihrer Waffen. Rache trieb die Führer vorwärts. Jetzt haben sie den Schreckenstein bei Außigk erreicht; hier laben sie sich, setzen dann über die Elbe, und nehmen nun den Weg (es war ein heißer, schwüler Tag) nach den Gebirgen zu, die jetzt Böhmen vom Meißner Lande trennen. Tiefsinnig reiten sie durch weite Felsschluchten. Jetzt ruhen sie ermattet; harte Erde ist ihre Lagerstätte, die Quelle ihre Labung, die belaubten Aeste der Bäume sind ihre Zelter. Des andern Morgens brechen sie früh auf. Als sie nun das größere Gebirge überstiegen, welches sich hinterm Culmer Berge bis gen Nollendorf erhebt und zum Sattelberge fortzieht, so sieht Graf Dachsburg einen weißen Stein glänzen, zu welchem ihn innere Ahnung hinzieht. Er bewundert ihn, und fragt, was dieses Denkmahl wohl bedeuten möge; denn es schien ihm, als ob der Stein ein Grab verdecke. Da nimmt Ritter Blauberg das Wort, und heuchlerische Thränen vergießend ruft er, Dachsburgen umarmend: » hier ruht mein und Dein Rudolph, hier ist sein Grab.« Meines Pflegesohnes Grabmahl? rief Dachsburg; hier ruht mein theuerer Rudolph? Segen deiner Asche, braver Jüngling! Du starbst für deine Tugend. Dir des Vaters Segen! dem unglücklichen Vater und Pflege-Vater die Blutrache! Als wenn ein Dolch sein Herz durchbohrte, so fuhr der alte Graf bei diesen schreckensvollen Worten, die sein Mund aussprach, zusammen. Er zog sein Schwerdt, ritzte seinen Arm, und benetzte mit seinem Blute den kalten Stein, der des Sohnes modernde Hülle deckte. Jetzt entstürzten heiße Thränen seinen Wangen. Berkowitz reicht gerührt dem Weinenden die Hand. Heil der Seele des Edlen, unschuldig Gemordeten! ruft er; und, Heil seiner Seele! rufen einmüthig, an die tönenden Schilder schlagend, die wilden Krieger insgesammt. Sie fielen zur Erde und beteten, während Blaubergen sich entfernt hatte, laut für das Wohl seiner Seele. Wie pochte dem braven Dachsburg das Herz so laut! wie flössen bittre Thränen über seine narbigen Wangen! welche Empfindung durchglühte sein Inneres! Wuth und Schmerz kämpften in seiner Seele, – Schmerz über den Verlust seines Sohnes.

Im Sturm laßt uns die Burg nehmen! rief jetzt Berkowitz zu Graf Friedrich, und bluten soll in ihr der untreue Bösewicht. Da naht sich ihm Werner, dessen Gestalt noch immer die ruchlose, vor dem Gebet zitternd entflohene, itzt zurückkehrende Hexe des Kußbergs behauptete, und sprach: schwört nicht zu hastige Rache! dem Feind verzeihen heißt: feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Rache adelt den Biedermann nicht; er will verzeihen, damit ihm der verzeihe, der nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er bekehrt werde und lebe. So wußte sie die Rache des ergrimmten Vaters zu mäßigen. Denn wäre Bleyleben jetzt gefallen, so fiel er schuldlos, und nicht in die Hände des Satans; und dieß wollte sie. An Leib und Seele verdorben, sollte er als ein Verbrecher ächzend in Verzweiflung sterben, nicht den Tod des Helden in dem blutigen Kampfe. Damit nun neues Rachgefühl dem Vater nicht übereile, so beschloß sie boshaft. Hannsen vor plötzlichem Mord zu schützen. Lebe wohl, sprach Ritter Blauberg zu dem Dachsburger; ich eile mit der Nachhut unserer Mannen, seine Burg zu umgehen, ihm jede mögliche Hülfe abzuschneiden. Lebe wohl! nochmals lebe wohl! Sie drückte des Greisen Hand. Elektrisches Feuer durchrollte seine Glieder. Er blickte zitternd um; Blauberg ist verschwunden, und vor seinen Füßen ringelt sich eine schwarze giftige Schlange, die unter den Stein sich verkriecht. Staunen ergreift Alle. In des Dachsburgers Herz aber reift der Entschluß, sich seiner Tochter unbekannt zu nahen, von ihrer Schuld oder Unschuld sich zu überzeugen, und dann, wäre sie schuldig, selbst den rächenden Dolch in ihre und ihres Buhlen Brust zu bohren. Denn warum sollen hier um ihretwillen tapfere Krieger bluten, unschuldige Landleute und Hirten Hab' und Gut und alles, was ihnen lieb ist, verlieren? Der Schuldige falle, der Schuldlose sey verschont! So dachte der Biedermann; so denkt, bei dieser Gleichung des Bildes eines geistreichen Mannes mich zu bedienen, der Adler; in seiner Felsenhöhe fliegt er kühn den Flug zur Sonn' empor; unter ihm durchrollen schwarze, sich aufrollende Wolken die schwülen Lüfte, umziehen die Gipfel der Berge, und rollen dröhnend zusammen. Der Kampf der Wetterwolken beginnt; unter Gebrüll des Donners stürzt der gluthrothen Blitze schlängelndes Feuer herab. Da ergreift Angst den Adler, nicht seinetwegen, nicht um seiner Jungen willen allein – sie horsten über den zürnenden Wolken; aber unter ihnen nisten hülflose Vöglein, seine Unterthanen. Er höret ihr Wehegeschrei, sieht das Schlagen der schwachen Fittige, das Jammern der Mutter um die unbefiederten Kleinen; er stürzt sich durch die Gewitterwolken, um die Seinigen zu retten; aber ein Blitz zerschmettert ihn; er fällt, sich selbst für seine Unterthanen opfernd. So wollte der edle Dachsburg auch allein die Gefahren für alle tragen; so eilte er neuen Prüfungen harrend entgegen. So wild auch jene Zeiten waren, so herrisch, blutdürstig und grausam viele Ritter auf ihren Felsennestern horsteten, so war doch selbst in den wildesten Tagen des Faustrechts die Dicht- und Tonkunst und der Stand der Harfner heilig und unverletzlich. Dem Harfner war es erlaubt, mitten in der Fehdezeit in des Ritters Festen ein- und auszugehn; er wurde männiglich empfangen, ihm floß der Rebensaft, ihm duftete der mundende Imbiß an der Tafel des Raubritters, der, wer er auch seyn mochte, doch immer das Recht der Gastfreundschaft für heilig hielt. Nur wenn der Harfner sich zum Kundschafter erniedrigte, nur wenn er das Recht des Vertrauens brach, harrte seiner Gefangenschaft und Tod.

*

Vermessen wählte Graf Friedrich von Dachsburg das Gewand des Harfners. Er färbte sich das Gesicht, legte ein Pflaster auf sein rechtes Auge, klebte sich einen langen silberweißen Bart an das Kinn, und gieng so vermummt nach Geyersberg. Er bat um Einlaß, und erhielt ihn. Als er itzt in den schallenden Burghöfen den majestätischen Bau der herrlichen Feste betrachtete, als er das Gewühl der Knechte und Knappen gewahrte, von denen einige wilde Streithengste tummelten, andere den blanken Flammberg und weithinschattende Lanzen schliffen, diese endlich die Meute der bellenden Rüden fütterten: da wurde er von der Macht und dem Reichthum des Hanns von Bleyleben überzeugt. Aber nur um desto starker schlug sein Herz im Gefühl des Zorns und der Rache. Doch mit diesem Rachgefühle wechselte im wankelmüthigen Herzen die Sehnsucht nach seiner Tochter Emma, dem heißgeliebten, itzt ach nur noch einzigen und verlornen Kinde. »Diese Burg also ist der Wohnsitz, ist der Aufenthalt meiner Emma, meiner entführten Tochter! rief er mit beklommenem Herzen aus; das sind ihre unübersteiglichen, felsenfesten Mauern! Schrecklich sind sie, schrecklich, wie vielleicht ihr Leben. – O! könnt' ich sie mit meinem Hauche zertrümmern, könnte ich den ruchlosen Räuber unter ihre fallenden Trümmer begraben, daß die zuckenden zerschmetterten Gliedmaßen den schwarzen Geist aushauchten! könnte ich die Tochter« – hier schwieg er für Jammer; trotz aller Wuth konnte er doch nicht das Vaterherz verleugnen. Er verdoppelte seine Schritte, weil Sehnsucht, seine Tochter wieder zu sehn, ihn mächtig antrieb. Jetzt steht er auf den Platten vor den Portalen der inneren Burg. Ein Wolf und ein Rüde halten hier Wacht, und zeigen ihm die blitzenden Fänge; hielten sie nicht schwere Ketten, zerrissen läge er bald zu den Füßen der grimmigen Bestien. Ein Knappe, mit scharfem Flammberg bewaffnet, naht sich ihm, vernimmt seine Wünsche, und meldet ihn beim Burgherrn. Der Harfner aber setzt sich auf eine steinerne Bank, stimmt die Goldbesaitete Harfe mit klopfendem Herzen, und singt in selbst erfundner Weise, mit innigem Herzergreifendem Gefühl:

Du großer Gott der Erde,
Au dem mein Herz oft spricht –
Mach', daß zu Staub ich werde;
Warum erhörst mich nicht?

Itzt kommt der Knappe zurück; er führt ihn die breite Treppe herauf, des Rittersaales Flügelpforten öffnen sich, und vor ihm steht nun Emma, seine Tochter, blaß und schön. Dieß ist sie! ruft der Harfner in der Ueberraschung und des Schmerzes Uebermaas; die Harfe entsinkt seiner Hand, er selbst taumelt und fallt erblassend ohnmächtig auf die reichen Teppiche, die des Saales Marmorsteine decken. Emma eilt mitleidigen Herzens sogleich herbei, erhebt ihn, ruft einer Dienerin, Wein herzubringen, und beträufelt mit diesem die Stirne des Ohnmächtigen. Da erwacht er in dem Arm der Tochter; er ermannt sich, um sich nicht zu verrathen. »Dank euch, edle Frau, stotterte er. Dank euch! ihr habt mich erquickt. Alterschwäche läßt mich oft in diesen Zustand fallen; itzt ists vorüber.« Emma credenzte einen Becher köstlichen Weins; er trinkt, ist erquickt, und setzt sich.

Eben tritt Hanns von Bleyleben in den Saal. Tiefer Ernst ruht auf seiner Stirn, und er, der schon Katkas verführerischen Lockungen Gehör gab, wagte es kaum, der reinen Gattin ins Gesicht zu schauen. Willkommen! ruft er dem Harfner zu; trink und sing! das Lied verscheucht die Sorgen. Singe mir ein deutsches Lied. Der Harfner erschrack beim Anblick seines Feindes. Rasch griff er in die Saiten, daß der Accord der Töne das laute Pochen seines Herzens überstimmte; itzt gehn die Accorde ins Vorspiel über; seine Brust holt tief Athem, seine Augen flammen Zorn und Schmerz, und der Gesang beginnt:

Mir wurde eine Tochter;
Sie hat die Welt geziert.
Sie hat durch List und Ränke
Ein Bube mir verführt.

Sie floh mit ihm. Ich Armer,
Ach grausames Geschick!
Umsonst steh' ich, und rufe;
Sie kehrt nicht mehr zurück.

Thränen erstickten itzt den Gesang; der Alte blickt auf Emma, die ihre Befangenheit nicht verbergen kann, und bald erröthet, bald erblaßt, und fährt gefaßter fort:

Umsonst klag' ich und ringe
Mir meine Hände wund.
Du großer Gott der Erde,
Laß schlagen meine Stund'!

Zum frohen Wiedersehen
Führt nur die kühle Gruft.
Erhöre, Herr, mein Flehen,
Daß deine Stimm' mich ruft!

Abermalige Pause. Emma und Hanns werden immer ängstlicher; itzt ändert sich des Liedes Weise, und zärtlicher schließt der Gesang:

Sähst du des Vaters Schmerzen,
Tochter, mein's Lebens Glück!
Gern gäbst du seinem Herzen
Freud' und dich selbst zurück!!

Von des Liedes Inhalt, von seinem Gemüthvollen, Herzerschütternden Vortrage waren Hanns und Emma gleich ergriffen. Hanns erglühte bald vor Zorn, bald weinte, bald erblaßte er in innerm Grauen. Der guten Emma aber zitterten Thränen innigen Mitgefühls zwischen den Augenwimpern; ihr Schwanenbusen erhob sich im Gefühl des Mitleids und der Sehnsucht. Denn sie dachte an ihren Vater, dachte sich ihn klagend und jammernd um ihren Verlust. Ein unbegreifliches Sehnen zog sie zu dem Harfner hin. Hanns bemerkte ihre Bläße; er will aufstehn, aber das innere Bewußtseyn seiner Schuld läßt ihn wie eingewurzelt sitzen, und eine plötzliche Röthe, das letzte Auflodern eines das Böse hassenden Herzens, brannte auf seinen Wangen, und unwillkührlich entstürzt wiederholt dem ernsten Auge eine Thräne.

Friedrich bemerkte diese Zeichen des erwachenden Menschengefühls und des reuevoll kämpfenden Herzens. Auch sein hartes Herz wurde gerührt, und nur mit Mühe verschlang er die Seufzer, die sich aus seiner Brust her. vordrängten.

Itzt blickt er den Harfner forschend an; sein Gesicht fragt, woher er den Stoff zu diesem Liede habe. Im Meißner Lande erfuhr ich die Begebenheit, die ich besang, erwiderte der Harfner. Dort, ohnfern von hier, weilt ein alter Graf auf hoher Ritterburg. Ich glaube, Dachsburg ist sein Name. Er ist seit Kurzem aus Preußenland zurückgekehrt. Ich kenne ihn! erwiderte Emma, und heiße Thränen entstürzten ihren Wangen. Der Harfner antwortet: so ists! und folgendes Gespräch entspinnt sich:

Hanns. Sag' die Wahrheit, Alter, ich beschwöre dich! wie steht es dort? wie geht es dem alten Grafen? Es war ein stolzer, rauher Mann; ich kenne ihn!

Harfner. Er jammert; tödtender Gram zehrt an seinem Herzen. Ihm wurde eine Tochter, schön und gut; sie war nächst seinem Pflege-Sohne, einem wackern hochherzigen Jünglinge, sein Stolz, sein Reichthum und seine Hoffnung. Sie sollte die Größe seines Hauses erheben und befestigen; Emma war ihr Name. Er hatte sie an einen jungen Prinzen von Meißen verlobt; die Tochter liebte einen Knappen, dem ihr Vater tausend Wohlthaten erwiesen hatte. Der Heuchler benutzt ihre schwache Stunde, gewann ihr Herz, und floh mit ihr. Außer sich für Zorn war der Vater, der, als die böse That geschah, abwesend gewesen war. Er kannte keine Gränzen seiner Wuth, bot alle Vasallen auf, die Räuber zu verfolgen, und als diese ihn nicht zurück brachten, da ward der Zorn zum Jammer, da besiegte die Vaterliebe den Ehrgeitz, da warf es ihn aufs schmerzenvolle Krankenbett.

Emma. Armer, kranker Vater! –

Harfner. Ja, das ist er auch! er ist ein Bild des Elends. Sein der Heilkunde erfahrner Burgpfaff versicherte mich, daß er bei diesem Herzeleid nicht mehr lange leben könnte und würde. Das ungehorsame Kind, das er so unüberschwenglich liebte, hatte ihn dem Grabe nahe gebracht. Edle Frau! ihr nehmt Antheil an den Schicksal des Unglücklichen, Eure Thränen beweisen es, das Klopfen eures mitleidigen Herzens verkündets mir. Gewiß, ihr wart folgsam euren Aeltern, und es wird euch wohl gehn und ihr lange leben auf Erden! Sagt, edle Frau, sagt: was verdiente diese Emma, diese Tochter wohl, die des treuesten Vaters Liebe hintergieng? – –

Emma ( betroffen zitternd). Was sie verdiente? – Des Vaters Ehrgeitz und sein gränzenloser Ahnenstolz, der sie nur groß, nicht glücklich sehen wollte, entschuldigt sie.

Hanns. Mitleid verdient sie, Vergebung von ihrem Vater; und gewiß, sie und ihr Gatte würden den Erbarmenden segnen, sie würden seine Freude, seine Pflege, sein Stab im schwachen Alter seyn. Heil dem Vergebenden! Widerstand dem Zornigen!!« – So schloß dieses Gespräch. Graf Friedrich aber, bei welchem, so mancher vorherrschenden Tugenden ohngeachtet, dennoch herrischer Stolz und gekränktes Ehrgefühl über Vaterliebe siegte, bezähmte seinen auffliegenden Zorn, that einige hastige Griffe in der Harfe goldene Saiten, und sprach: Ich bat von euch Eintritt, ihr gabt mir ihn; Heilig ist das Recht der Gastfreundschaft. Ich berufe mich auf dieses, und bitte itzt um Ruhe. Hiermit stand er von seinem Sessel auf. Hanns winkte einem Knappen, und dieser führte ihn in ein anständiges Gemach, und versorgte ihn hier mit Imbiß und Trank. –

Hannsen und Emma aber hatte die Rede des Harfners, in dem sie freilich nicht den schwer beleidigten Vater und Schwiegervater vermutheten, gar mächtig ergriffen – in beiden regte sich die Stimme des Gewissens. Sie wollten den Harfner reich begabt entlassen, wollten sich ihm entdecken – und ihn bitten, der Vermittler zu seyn zwischen ihnen und dem erzürnten Vater. – Der Abend sank zur Erde; sie legten sich zur Ruhe. Auch Weslaw, der boshafte Hausfreund des Unglücklichen, suchte itzt, von Wein berauscht, das Zimmer. Da steht vor ihm die zürnende Wela; – Feuer flammt im Auge, und sie spricht zu dem Erbebenden mit geflügelten Worten: »Du zauderst, und die Stunde der Entscheidung naht; die bußfertigen Sünder wollen sich bekehren. Dann ist mein Werk verloren, und allein, Elender, wirst dann du der Gegenstand, nicht mehr das Werkzeug meiner Rache seyn? Gehe, eile! wirf Argwohn in Hannsens Herz, erfülle es mit Mordgedanken! ich will ihr warnend im Traum erscheinen; dann erwecke ihn, und bringe ihn dahin, daß er den Harfner tödten lasse.« So sprach sie, und verschwand. –

*

Hanns kämpfte mit schrecklichen Träumen; er sah sich in Dachsburgs Burgverließ, sah sein Ritterschwerdt von Henkers Hand gebrochen, sah sich selbst unter dem Rade am Hochgericht zerschmettert, und grinzend lächelnd stand vor ihm sein Verräther, der Harfner. Itzt erweckt ihn Weslaw von seinen Träumen. »Eile, ruft er ihm zu; der Harfner ist ein Verräther. Er hat fremde Knappen um die Burg versammelt, will sie durch die heimliche Pforte herein lassen, und dich dem Rächer, dem Richter überliefern. Komm und vollbringe, ehe du und ich entehrt von Henkers Händen sterben, ehe deines Weibes, deiner Emma Reitze der Meißner Fürst als Buhle sich erfreut; denn nicht mehr kann sie seine Gattin werden, da sie dir folgte.« Diese Worte entbrannten Hannsens Zorn. Er ergreift das klirrende Schwerdt, und rasselt mit ihm ins stille Zimmer des gastlich aufgenommenen, unter dem Schutze des Gastrechts sicher sich glaubenden Harfners; der Harfner wird gefesselt; Wela aber, die nun das begonnene Werk rasch vollbringen und Hannsen von einer Leidenschaft zur andern forttreiben und durch Furcht und Entsetzen einschüchtern wollte, nimmt itzt durch die Kraft ihrer vom Bösen verliehenen Zaubermacht die Gestalt Friedrichs an, und erscheint seinem Freunde Berkowitz im Traume, der dort, wo sich die Culmer Höhe erhebt (und itzt ein Feld des höchsten Sieges überschaut), unter seinen Kriegern auf einer Bärenhaut schlummerte. »Eile, eile, ruft sie; ich bin gefangen und gefesselt, bin erkannt, und ehe der Morgen graut, zum martervollen Tod durch Henkers Hand geführt. Auch dich hat man ausgekundschaftet – ein Ausfall ist beschlossen, der, wenn du ihm nicht zuvorkommst, dich ins Verderben bringen, dich gefangen zum Blutgerüste liefern wird. Eile, eile! Rette den Freund und dich.« Das Traumbild verschwand. Berkowitz erwacht, und giebt seinen Mannen den Befehl zum Aufbruche. Ehe die Morgensonne des Lichtes Hochwacht auf die Berge stellt, und die jubilirende Lerche ihrem Schöpfer in reinen Aetherlüften wirbelnd ihr Morgenlied bringt, sieht die rüstige Schaar der Rache vorm Geyersberge. Hanns erschrickt, als er seine Furcht erfüllt sieht, und Entsetzen erfüllt seine Brust, als ihm der Feinde Herold verkündigt, daß der gefangne Harfner sein Schwiegervater, daß es Friedrich Graf von Dachsburg sey. Itzt ergreift Hanns sein Weib. »Wisse! ruft er ihr zu, der Harfner, den ich, da er in seiner Vermummung unkenntlich ist, im Zorn gefesselt, ist dein Vater. Löse seine Ketten, umfang seine Knie, küsse seine Stirn, erweiche ihn durch deine Thränen; wende ab von mir und dir den grausenvollen Vaterfluch.« So stürzt er mit seiner Emma in das Gemach des gefesselten Vaters, welches an der Nordseite der Burg im Erdgeschosse war, und dessen Trümmer wir noch itzt betrachten können; dort gehn sie hinein, sie lösen dem alten Mann seine Fesseln; Emma bittet, weinet, jammert, fleht, beschwört ihn bei der Asche ihrer Mutter, bei der Barmherzigkeit dessen, der da richtet über Lebendige und Todte – vergebens! In diesem Augenblick ist das Herz des sonst so hochherzigen Mannes verschlossen; er stößt sie mit den Fuße von sich, und spricht aus über sie dem grausenvollen Vaterfluch. Da wagt es auch Hanns, zu bitten; er fällt auf seine Knie, und spricht: »Vater, vergebt uns, und ihr seyd frei!« Aber der Vater vergab nicht, und indeß stürmten die Feinde. Hanns riß lautrufend sein Schwerdt aus der Scheide; durchbohren wollte er des Schwiegervaters Brust – aber noch war sein Herz nicht ganz verdorben; er überließ ihn der Aufsicht einiger Knappen, und furchtbar war der Angriff; die Gräben füllten sich mit Verwundeten und Todten, welche Steinhagel und Pfeilschüsse getroffen hatten. Von Neuem stürmen die Meißner, Viele werden in den Abgrund geworfen, den der Waldstrom donnernd durchrauscht; doch immer neue Schaaren ersetzen sie, und der Sturm beginnt abermals. Berkowitzens Schaar, alle Söhne des felsigen Elbhochlands fochten wie ergrimmte Bären; sie wollten den Geyersfelsen erstürmen – aber sie bedachten nicht, daß er härter wäre, als ihre Stürme. So oft sie anliefen, flog ihnen ein Steinhagel auf ihre Köpfe herab; Sturmleitern waren angelegt; schon hatte der erste der erstürmenden Reisigen, Nikel Schwarz aus Hohenstein, aus der Gilde felsenanklemmender kühner Steinbrecher, die höchste Sprosse erstiegen, als Ritter Weslaw ihn sammt der Leiter und allen Nachklimmenden in den Abgrund stürzte.

Als nun die Meißner sahen, daß sie durch Gewalt nichts ausrichten würden, so lange die Adler in ihrem Forste blieben, nahmen sie zur List ihre Zuflucht, fielen grausam in die Dörfer und zündeten sie an; Rauchsäulen stiegen in den Thälern auf, die Flammen prasselten, und helle Gluth verzehrte alle zu Hannsens und Weslaws Burgen gehörende Meiereien, den Hof zu Töplitz, und jene Wohnungen armer Insassen, die itzt zu blühenden Dörfern geworden sind.

*

Diese grausame Wendung des Kampfes wirkte; Hanns von Bleyleben, bei allen seinen stürmischen Leidenschaften, war hochherzig und mitleidig gegen seine Unterthanen. Er ließ die wildesten Hengste vorführen, schwang sich mit fünfzehn Knechten hinauf; den übrigen befahl er, seinen treuen Georg, sein Weib und seine Burg zu schützen. Sein Entschluß war, sich durch das Heer der Feinde durchzuschlagen, und die hundert und fünfzig Knechte abzuholen, die er im Hundstein liegen hatte. Weslaw that desgleichen, und versprach, aus seiner Burg auch so viel rüstige Männer mitzubringen. Sie durchbrechen die Feinde; hinter ihnen rasseln die Burgthore zu. Wie eine Gewitterwolke stürmen sie herab; itzt treffen sie auf die Hauptschaar, und auch hier empfinden Meißens Krieger im blutigsten Kampfe der Entscheidung, daß der Böhme an Kraft und Muth, an kühner Entschlossenheit und Stärke dem Löwen gleicht, den sein Land in seinem Wappenschilde führt.

Zurück! schrie Haubold von Bernstein, ein Meißnischer Ritter, welcher zu Berkowitzens Bundesgenossen gehörte, indem er mit einer Fluth von Kriegern dem geringen Haufen entgegen stürmte. Aber Hanns schwang sein Schwerdt, und rannte mächtig auf die Anstürmenden ein. »Wärt ihr auch alle aus der Hölle, so müßtet ihr weichen!« Hanns packte den Rufer mit nerviger Rechten bei der Brust, und warf ihn mitten in das Gewühl, daß er im Sturze noch einen Kameraden mit sich vom Pferde riß. Etlichen spaltete er die Köpfe, und Andere sanken verwundet ächzend unter seinen klingenden Streichen, welche sich verdoppelten, als auch er eine Wunde am Knie fühlte, welche ihm ein kühner Meißnischer Jüngling ans dem edlen Heldenstamm der Zehmen (die ihre Burgen in den fruchtreichen gesegneten Fluren von Glomacz hatten) der itzt zu Berkowitzens Gefolge gehörte, beigebracht hatte. Diesem stößt Hanns das Schwerdt durchs Herz. So wüthet der angeschoßne Leu gegen die kühnen anstürmenden Jäger, so ist seine Wunde ihr Verderben. Auch Weslaw, der eine andere Abtheilung führte, that Wunder der Tapferkeit. Die Sage spricht, daß, als er sich bereits dort befand, wo der Weg sich neben dem noch rauchenden Sobochleben durch Ellern-Gebüsche hindurchschlingt, und er einen Reiter der Meißner, der ihn verfolgte, hinter sich sah, sich umwandte, den Einzelnen verächtlich nicht eines Schwerdtstreichs würdigte, sondern ihn mitsammt dem schweren Gaule niederwarf, daß schwarzes Blut aus des stürzenden Feindes Mund quoll, und er, von der Last des Gauls erdrückt, stöhnend seinen Geist aushauchte. –

Hanns kam glücklich aus dem Hundstein an. Hier stürzte er einen Humpen schaumenden Podskalsky in den durstigen Gaumen, ließ sofort hundert frische Knechte kampfgerüstet sich stellen und hervorbrechen, um den Kampf gegen die Meißner zu erneuern, und ihnen in den Rücken zu fallen.

Aber während dessen hatten Berkowitzens Schaaren (welche Welas hinterlistige Zaubermacht verrätherisch unterstützte, und welche sie durch einen verborgenen Eingang in die Burg des Geyersberges führte) die Burg erobert, ein schreckliches grausames Blutbad angerichtet, und den alten Grafen Friedrich aus seiner Haft befreit, und Emma, so befahl's ihr Vater, selbst gefangen und in Fesseln geschlagen. Schon saß Graf Friedrich zornglühend auf dem schwarzen Streitroß, in der zitternden Hand das breite Schwerdt der Rache schwingend, als Hanns von Bleyleben unter dessen Kriegern stürmend Schrecken und Entsetzen verbreitete. Weslaw kam nun auch; er hatte sein Schwerdt mit schwerer Streitaxt, der alten furchtbaren Böhmen-Waffe, verwechselt, und würgte nun wie ein Tiger unter den Feinden, die, da sie den alten Grafen und seine Tochter Emma wieder in ihrer Mitte hatten, nun auch zeigen wollten, daß sie Herz und Fäuste besaßen, und nur zu siegen oder zu sterben sich entschlossen hatten. Das war freilich ein harter Kampf für unsre Böhmen, die an der Zahl weit geringer waren, als die Feinde, und zuletzt von ihnen ganz umringt wurden. Ihre Gegenwehr half nichts; Hunderte blieben von den Meißnern, aber auch die Böhmen blieben alle auf dem Platze. Graf Friedrich ließ die Geyersburg anzünden, und zog dann mit seiner Tochter zurück nach Bärenfels, einem festen, damals zum Meißner Lande gehörigen Schlosse.

Ende zweiter Abtheilung.

*

Wela
Dritte Abtheilung.

Hanns von Bleyleben war, ohne zu wissen wie, aus dem Schlachtgetümmel gekommen; es schien ihm, als jagte Graf Friedrich allein ohne Begleitung dem Walde zu. Hanns wollte diese Gelegenheit, sich rächen zu können, nicht außer Acht lassen, und rannte ihm nach. Wunderbar war es, daß alle Augen der Feinde mußten geblendet gewesen seyn; denn keiner verfolgte Hannsen. Als er sich schon tief im Walde befand, verschwand das Trugbild, und hier sah er, daß es Täuschung war. Dieß sind Zaubermächte! sprach er zu sich selbst – und grollte mit seinem Schicksal, das ihm Alles nahm, Güter, Gattin, Ehre, und ihn doch nicht sterben ließ. Verzweifelnd kehrte er um, will sich noch einmal in die Feinde stürzen, und im Kampfe der Verzweiflung den Tod, oder seine Emma, die ihm lieber, denn alle Schätze der Welt, und der er itzt, im Herzen sein Unrecht einsehend, und seine unglückliche Leidenschaft verdammend, die ihn zu Katka zog, alles Unrecht abbat, das er ihr gethan hatte, erringen. Er eilt zum Kampfplatz zurück, und immer däucht es ihm, als reite ein schwarzer Ritter mit feuerflammenden Augen an seiner Seite. Grauen erfüllt sein Herz, und dieses Grauen wird zum Entsetzen, als, so lange er ritt, er immer auf eben denselben Fleck zurück kam, und den Weg zum Kampfplatz niemals treffen konnte. Er zeucht sein Schwerdt, will sich durchbohren – es bricht unter seinen Händen; er ruft ängstlich Weslaws und seiner treuesten Knappen Namen – die Stimme des Wiederhalls tönt sie mit der Hölle Hohngelächter wieder. Da ergreift Verzweiflung sein Herz, da sinkt in ihm der Glaube an eine rettende Gottheit, die allein in des Lebens wogendem Sturme der Hoffnung Anker niemals brechen läßt, und jenseits der Gräber das Licht des Lebens zeigt. Der Unglückliche wirft sich in das nasse Gras. Seine Leidenschaften sind aufs höchste gespannt. Itzt, itzt ist der entscheidende Augenblick! – noch konnte, richtete er sein Herz zum Thron der Gnade im Gebet, er sich erheben; doch der schwache Mensch unterliegt den Prüfungen. Seine Zuversicht fällt, und die Waage des Bösen sinkt, er mit ihr zu des Lasters Tiefe. Er will sie seinem Schicksale, nachdem er – – doch vermochten seine zitternden Sinnen nicht, einen Gedanken zu fassen. Sein ermattet Roß verendet, unter ihm zusammenbrechend; er ächzt, und seinem Schicksal fluchend, wühlt er mit der Hand im Staube, als ob er sich selbst sein Grab graben wollte. Bald umfängt ihn Schlaf; unwillkührlich schließen sich seine Augen, und er träumt wüste Träume von Emmas Untreue und von Katkas lockenden Reitzen.

Die Stunde der Mitternacht war gekommen. In Felsenhöhlen heulte der Uhu mit leuchtenden Augen, und ein Heer von Fledermäusen umschwirrte ihn; er wacht, blickt um sich; er sieht, wie der Wald im Feuermeere wirbelt, und der Rauch sich röthet; wie nah aufsteigende Flammensäulen die dicken Finsternisse, die stürmische Nacht brechen, und hell wird es um ihn her, und seine Besinnung kehrt zurück.

Ach, er sieht seine feste Geyersburg brennen, sieht sich in ihrer Nähe. Vorwärts will er schreiten, und fällt über eine blutige Leiche; in ihr erkennt er seinen treuesten Waffendiener. Neue Kraft, neue Wuth kehrt in ihn zurück; ein Gedanke der Hölle erleuchtet ihn, der gräßlich ist: Satan bethört ihn. Gefaßter rennt Hanns fort über Hecken und Dornen-Gebüsche, hin zu dem fürchterlichen, ihm wohlbekannten Thale, das ob Welas Zauber die Höllenschlucht hieß. Hier hauste die mächtige furchtbare

Hexe von Kußberg.

Sie auch will er gegen die grausendste Bedingniß zu seiner Hülfe auffordern. Bald erreichte er den schrecklichen Felsen-Grund, bald stand er vor der eisernen Pforte des ihm itzt sichtbar werdenden Zauberschlosses. Die Ungeheuer grinzten ihn nicht an, sondern schmiegten sich schmeichelnd zu ihm, und leckten seine Füße. Er that den Schwerdtschlag an das Thor; es sprang auf, und vor ihm stand Wela in der furchtbarschrecklichen Majestät ihrer Zauberwelt.

Die Hexe winkte mit von zischenden Schlangen umwundenem schwarzem Zauberstab; die Erde erbebte, als drohte sie alles zu verschlingen; die Berge krachten, Feuer floß aus den Felsenwänden herab, ein Sturmwind schüttelte mit der gezauberten Residenz der Hexe, riß die festesten Eichen aus, und führte sie sausend hoch in die Lüfte.

Hanns war erstarrt vor Furcht und Entsetzen; denn immer neue Erscheinungen wechselten, und plötzlich stand, umrollt vom Feuermantel, umzischt von gewaltigen Schlangen, vor ihm Samiel, der Geist der Hölle. – Arglist leuchtete sein blitzendes Auge; in der linken Hand hielt er eine Rolle, in der rechten einen Juwelenfunkelnden, hellglänzenden Griffel. Grauenvolle Majestät umgab den Fürsten der Finsterniß. Der unglückliche Hanns von Bleyleben erbebte, seine Knie schlotterten. – Du, du, stammelte er, was willst du hier, du Gewaltiger? Wela nahm das Wort, denn Hannsens Stimme verstummte für Entsetzen. Sie sprach: der Wurm des Staubes, mächtiger Fürst, braucht deine Hülfe, und ist bereit, dir das zu weihen, was ihn über die Thiere erhebt und, weil es ihn erhebt, unglücklicher als sie seyn läßt. Verschreiben will er dir freiwillig seine unsterbliche Seele. Satan erwiedert: »will er es (denn nur freier Wille kann entscheiden, und nichts vermag ich über den Standhaften), will er der Meine seyn, so soll es ihm hier wohl gehn auf Erden.« Hanns, kämpfend mit seinen Gefühlen, rief itzt aus: o laßt mir Zeit, laßt mir Besinnung, eh' ich für zeitlich Glück das ewige aufopfere.

Satan. »Wankelmüthiger, noch kannst du wählen; aber bedenke, daß du vielleicht durch deine häufig begangenen Sünden dir schon die Seligkeit und die Gnade des Unendlichen verscherzt hast; bedenke, daß deiner vielleicht trotz dem Elende deines irdischen Lebens dieses Loos harret. Sey wenigstens hier auf Erden glücklich. Mangel und Noth, das Bewußtseyn als Jungfrauen-Räuber, als Verletzer des Gastrechts auf Graf Friedrichs Veste, wird dich von selbst zum Bösen treiben, und du wirst ohne Genuß zum Verbrecher, als Gerichteter zum Hochgerichte reifen. Sey vernünftig, und wähle; genieße, ehe du dieses mit dem ewigen verlierst, ein irdisches Glück; nimm für das zukünftige Unsichere das gewisse Irdische an.

Es sey! stottert Hanns; denn Verzweifelung hat sich seines wankelmüthigen Herzens bemächtiget.

Er neigt bejahend sein Haupt, und beugt seine Knie vor dem Gewaltigen. Itzt, spricht Wela (denn zu klein war es dem stolzen Fürsten der Finsterniß, mehr der Worte an den Wurm des Staubes zu verlieren) itzt ritze mit dem Griffel dreimal deine Brust dort, wo du des klopfenden Herzens Schläge fühlst, und unterzeichne mit dem Blute, das dieser Wunde entträufeln wird, diesen Vertrag, der auf immer bindet. Hanns thut es zitternd, und die Erde bebt, Schwefelflammen leuchten, satanisches Gelächter schallt durch die weiten Hallen; die Todten-Köpfe, welche rings umher die schaurigen Wände bekleiden, klappern mit den Zähnen, und blitzendes Feuer entflammt den leeren Augenhöhlen. Wela aber berührt Hannsen noch einmal mit dem Zauberstabe, und umgewandelt ist sein Herz. Er fühlt die Begierden der Wollust, des Stolzes, der Rache, und satanische Lust durchglüht des Sünders Busen. Sein guter Geist ist verschwunden, sein Gewissen eingeschläfert, um schrecklicher zu erwachen. Satanas verschwand unter dem Dröhnen krachender Donner. Wela überreichte aber Hannsen einen Schlüssel, welcher alle Schlösser öffnen konnte, und sprach, sein Rachgefühl entflammend: »Er wird dir jedes Schloß eröffnen. Wisse, deine Emma ist gefangen; sie trägt den Vaterfluch, und ihrer harren gräßliche Martern; alle deine Treuen sind grausam ermordet, deine Burgleute erschlagen, deine Dörfer abgebrannt, und dir bleibt nichts als die Macht, die du durch uns erhieltst, und deine Rache; denn auf Weslaws Hülfe darfst du itzt nicht trauen – er ist verlassen itzt, wie du es warst. Itzt labe dich!« Sie nahm einen Becher mit Wein, goß in ihn einige feurige Tropfen aus ihrer Phiole; Hanns trank, und plötzlich sank er, von Schlummer überwältigt, ohnmächtig nieder.

*

Als er gesund und munter erwachte, sah er sich an jener stärkenden Quelle, deren Kräfte die Landleute schon damals kannten, und die noch itzt unter dem Namen des Freßbrunnens, weil sie die verlorne Eßlust wiedergiebt, benutzt wird. Hab' ich geträumt? rief er, als er wieder zu Sinnen kam, und diese Veränderung um sich herum bemerkte; war es Wahrheit oder ein Spiel meiner erhitzten Phantasie?

Aber nein, es war Wahrheit; der große Schlüssel lag ja neben ihm, und unter seinem Herzen bluteten noch die drei Wunden, die des Satans Griffel ihm gebohrt hatte. Was für ein Labyrinth sah er vor sich! Selbstverachtung wohnte in seinem Herzen; tief, tief war er gefallen! keine Rettung, keine Hülfe war mehr möglich. Wahrlich, das Herz des Menschen gleicht einem Funken, der, ob er noch so klein ist, in hellen Flammen auflodert, wenn man ihn anbläst. Hannsens Herz war im Grunde gut gewesen, – aber seine Leidenschaften umstalteten es nach und nach zum Wohnsitz des Lasters. Wer sieht nicht in Welas Bild das Bild aller Leidenschaften? diese, wenn man sie nährt, wenn man ihnen Gehör giebt, sind unsre Verführer, und selbst Satan kann uns nicht fester in seine Bande verstricken, als unsere eigene Vernunft, mit der wir alle unsere Thaten zu beschönen und zu rechtfertigen pflegen. Wir glauben uns dann sattsam überzeugt zu haben, und werfen uns sorglos, unbekümmert, dem Laster in den Schooß.

Erst dann, wenn schon keine Rettung möglich ist, erwachen wir aus dem Taumel; aber, weil wir schon keinen Ausweg finden, stürzen wir uns mit Fleiß abermal hinein, um wenigens für diese Welt uns Entschädigung zu verschaffen. Diese Betrachtungen spricht ein früherer Erzähler dieser Sage mit frommem Herzen aus, und er hat Recht. Unsere Leidenschaften, nicht Hexen und böse Geister, sind es, die uns ins Verderben führen; in sich hat jeder Mensch seine Hölle und sein Himmelreich. Er vermeide den ersten Schritt zum Bösen, er fliehe die täuschenden Lockungen der Sünde, und er ist gerettet; er wage ihn, leicht werden die andern folgen, und er wird, wenn nicht Reue und Besserung ihn auf den Weg des Heils zurückführt, welchen der Allerbarmende, nach seiner ewigen Gnade, Niemand verschließt, seinem Verderben entgegen eilen.

*

So gieng es Ritter Hanns von Bleyleben. Rettungslos, das Heil seiner Seele verloren sehend, schwur er dem Urheber seines Unglücks, für den er, der Kurzsichtige, durch Welas schändlichen Zauber Verblendete, den alten, zwar jähzornigen und ahnenstolzen, doch gewiß biedern Grafen von Dachsburg hielt, schreckliche Rache, und wollte erst diese genießen, ehe er seinen Leidenschaften nachhängen konnte.

Graf Dachsburg, so vernahm er von einem der verwundet liegen gebliebenen feindlichen Knechte, war nicht zu Berkowitzens Felsen-Veste zurück gekehrt, sondern gen Bärenfels, einer seiner im Gebirge einsam liegenden Besten, gezogen, um dort unter seinen Augen die unglückliche Emma, die sich gesegneten Leibes befand, desto sicherer zu bewachen. Er hatte die unglückliche Tochter ins Burg-Verließ geworfen. Nach Emma strebte Hannsens Sinn; er drehte den goldenen Schlüssel, und rief, sein Gesicht gen Mitternacht wendend, mit schreckenvoller Stimme:

Wela, Wela, Wela!!!

daß es die Berge wiederhallten.

Wela stand vor ihm in der Gestalt eines Waldweibes. Du begehrst Hülfe, sprach sie zu ihm; siehe, deine Knechte harren. Ziehe hin über die Höhen des Heidelberges, und erprobe deine Männerstarke an des Dachsburgs stolzer Veste. Hanns blickt um sich, sieht Weslaw wieder, sieht neugeworbne Knechte, und zeucht nun mit ihnen dem Kampf und neuen Greueln entgegen. Bärenfels wird überfallen. Wüthend kämpften die Angegriffenen, von dem großen Burgherrn angeführt; – doch was vermochten sie gegen Geistermacht? Unüberwindbar schien Hannsens Schaar; sie stürmt, und erstürmte die unüberwindlich scheinende Veste. Ihr Schwerdt fraß Dachsburgs Mannen, und bald hört man, statt Schlachtrufes und Trommeten-Töne, nur der Verwundeten Aechzen und das Röcheln der Sterbenden. Nur der alte Graf lebt noch; ihn schützt Wela; denn Hanns soll, so will sie es, nicht Sieger, sondern ein Verbrecher werden. Wela war ein Geist der Hölle, und diese umstrickt erst ihre Opfer, ehe sie selbige verschlingt.

Durch Rauch und Flammenwirbel hatte sich indessen Hanns einen Weg gebahnt. Mit Welas mächtiger Hülfe ersteigt er die Mauer, geht, durch ihren Zauber ungeseh'n, kühn durch die Schaaren ergrimmter Feinde, steigt ins Burg-Verließ, öffnet das Gefängniß seiner Gattin, und löst ihre Ketten. Selige Gefühle durchglühn sein Herz beim Anblick des Neugebornen; noch einmal wird ihm der Genuß reinerer Himmels-Lust, der Genuß der Vaterfreude. Von der Mutter keuschem Busen nimmt er den holden Kleinen, und trägt ihn und die Mutter auf starken Schultern aus dem Verließ und dem Schlosse. Jetzt öffnet Welas satanische Heimtücke dem alten Grafen Dachsburg die Augen, und in Gestalt seines Waffen-Knechtes flüstert sie ihm zu: »Seht, gestrenger Herr! dort flieht der Räuber mit euerer Tochter und ihrem Neugebornen. Seht, eben besteigt er sein Roß; eilt, daß ihr ihn fahet!« In neuem Zorn ergrimmt der Dachsburger; Wela stärkt seine Kräfte; er haut sich durch anstürmende Gegner, und erreicht ohnweit des Schlosses seinen Todfeind. Der grimmigste Kampf beginnt; Hanns, ein dreifaches Leben vertheidigend, sieht seine Kräfte schwinden; ein Lanzenstoß trifft seinen Arm, das Kind fällt, der Dachsburger hebt es auf, und giebt es dem nacheilenden, eben angekommenen Knappen. Hanns sieht sich übermannt; da ruft er lautbrüllend nach Welas Hülfe, und siehe, der Dachsburger Graf blickt zurück, sein Zorn wird zum Schrecken, als er seine Burg in hellen Flammen sieht. Zurück itzt rasselt er, zu retten, was zu retten möglich ist; denn viele Kostbarkeiten und glänzendes Silber verschloß diese Veste. Der Knecht folgt ihm mit dem geraubten Kinde.

*

Wirbelnd drehte sich der dicke Rauch hoch in die Lüfte, rothe Funken spritzten durch selben, und die Flammen schlugen zischend an die Mauern. Brandflocken flogen bogenförmig in das Thal herab. Nichts war zu retten. In seinem Zorn verläßt Dachsburg die rauchenden Trümmer, zu Berkowitz, seinem Freunde, sich flüchtend. Das Kind übergiebt er dem Knecht, es im Walde – auszusetzen.

Ritter Hanns v. Bleyleben hatte nun sein gutes Weib gerettet; aber Abspannung folgte der ungeheuren Kraftanstrengung, dem namenlosen Vaterschmerz Schwermuth und düstrer hinbrütender Stumpfsinn. – Auch Emma's Herz war gebrochen, auch sie weinte bittre Thränen; ihre Gesundheit war auch untergraben, die Rosen der Schönheit ans ihren Wangen verblühten nach und nach; und so verließ sie nach und nach jener Zauber, der den leidenschaftlichen Mann an des Weibes Reitze kettet. So erreichen sie Geyersbergs Trümmer. Hannsens Reichthum, das Geschenk der Hölle für das Heil seiner Seele, die Zaubermacht Wela's und ihres Meisters läßt bald die Burg aus ihren Trümmern schöner und schöner aufsteigen; Herrlichkeit umgiebt sie; aber je schöner sie aufsteigt, desto tiefer nistet der Kummer in dem Herzen der Schuldigen.

Bei der Eroberung der Burg Bärenfels hatte auch Weslaw Wunder der Tapferkeit gethan, hatte selbst den stolzen Berkowitz verwundet, aber eben dadurch in dem Herzen dieses mächtigen Ritters des Meißnischen Hochlandes unversöhnlichen Haß entzündet. Enger schloß nun Berkowitz den Bund mit Dachsburg, der ihn nach der Zerstörung seiner Burg heimsuchte, und sie schwuren in schauervoller Mitternacht, in der Capelle des weitumschauenden Liliensteins, ewige Feindschaft und blutige Rache dem v. Bleyleben und seinen Freunden. Ein Uhu krächzte dazu sein schreckenvolles Todeslied; es war ein Geist der Hölle, welchen Wela sandte. Sie hinterbringt Hannsen die Kunde des Aufenthalts seines Schwiegervaters, und des zu seiner und seiner Freunde Vernichtung geschlossenen Bundes. Hanns aber bietet alle seine Nachbarn auf; sie kommen Kampf-gerüstet; sein Geld locket herrenlose Reisige aus allen Gegenden herbei, und bald umgiebt ihn ein neues mächtiges Heer.

Auf dem höchsten Gipfel des Geyersbergs stand, nach Eberswaldau zu, ein Wachthurm, der Mückenthurm genannt. Ihn hatte eines Morgens Hanns bestiegen; da sieht er aus der Gegend von Lauenstein her die Feinde nahen.

Auf wildem raschem Streithengst sprengt er zu seiner Burg zurück, giebt hier das Zeichen zum Aufbruch, und zieht nun dem Feind entgegen, befiehlt auch, daß, da dieser Kampf entscheidend würde, alle seine Vasallen und Freunde die in ihren Burgen noch zurückgelassenen Männer befehligten, die Nachhut des Heeres zu bilden. Er sagt's, und alle Hörner bließen, daß es in der ganzen weiten Gegend weit umher erscholl. Feuersäulen stiegen auf der Burg Kostenblatt, der Dobrauer Burg, der Burg Graupen und Culm, auf Milischau, selbst auf dem hohen, bei Außigk gelegenen, vom Elbstrom umspühlten Schneckenstein, und Blankenstein auf. In allen diesen Burgen rief das Heer-Horn zum Angriff, und blutdürstig zogen lautbrüllend ihre Schaaren aus, um sich dem, bereits dem Feinde entgegenziehenden Heere des Geyersberges anzuschließen. So ziehn in Polens Wäldern Schaaren heulender Wölfe auf ihren Raub, hungrig, blutdürstig, mit hellem Auge die gewisse Beute fernhin erspähend. –

*

Dort, wo an des

Sattelberges

Bergthal sich jetzt das, der weitumfassenden (zu Sachsen gehörigen) Lauensteiner Herrschaft unterthänige Dorf Brückenau erhebt, dort auf weiter Ebene treffen sich die feindlichen Heere, nicht weit von jenem verhängnißvollen Orte, wo Hanns, durch Welas boshafte List verleitet, im verderblichen Jähzorn der Mörder seines Freundes Rudolph wurde. – Wie sich die Meereswogen, von brausendem Gewittersturm aufgewiegelt, gedrängt aufthürmen, über das zürnende Meer daherwälzen, dann furchtbar dröhnend am Lande sich brechen: so drängten sich der Feinde eiserne Schaaren, von Graf Friedrich und Berkowitz geführt, rachedürstend in den Kampf. Ihnen entgegen stürmen Hannsens Mannen. Itzt stoßen sie aneinander, den Tod gebend und den Tod empfangend. Wie bei plötzlichen Wasserfluthen, wenn Wolkenbrüche im Hochland fielen, zwei vom Gebirge herabstürzende Waldströme verheerend an einander rauschen, so stürzten die blutgierigen Kämpfer-Horden an einander. Schwerdt und Streitaxt finden ihre Opfer, Lanzen und Pfeile schwirren durch die Luft, Steinwürfe zerschlagen Helm und Schild, Blut färbt die Erde in gegenseitigem Morde; und die Erbitterung ist zu groß, um im rasenden Handgemenge sich der Waffen zu bedienen. Wie wilde Bestien fallen sich Böhmer und Meißner an, sich gegenseitig niederwerfend, würgend, erdrosselnd. Die Böhmen siegen. Nur Graf Dachsburg und sein Freund Berkowitz hält sich noch; aber da naht, von höllischen Geistern zu grimmiger Wuth entflammt und von Wela's Zauber gestärkt, Weslaw der Starke, schlagt Berkowitz nieder, daß dieser vom schwarzen schnaubenden Rosse stürzt, und über ihn seine fliehenden Knappen und Knechte in heilloser Flucht fortstürzen und ihn ertreten. Graf Friedrich sieht seinen fallenden Freund, und Jammer geht wie ein schneidend Schwerdt durch sein bereits in tausend Leiden zerrissenes Herz. Er sammelt von Neuem einige treue Vasallen und Knappen, und wüthet wie ein ergrimmter Tiger; doch sein Wüthen hilft ihm nichts. Er trifft mit Hannsen zusammen, Ritter Hanns überwindet den schwachen Greis, reißt das Schwerdt aus seinen Händen, und nimmt ihn gefangen; denn noch war sein Herz nicht so verwildert, daß er ihn tödtete. – Die Schlacht (das Schlachten, das Niedermetzeln, möchte ich sagen) ist nun geendet, weil es den ergrimmten Böhmen, zu welchen bereits während des Kampfs der Nachtrab gestoßen war, an neuen Opfern fehlte. Meissens Edle hatten ritterlich gefochten; sie deckten als Leichen das blutige Schlachtfeld; Verzweiflung zerreißt das Herz des Dachsburgers, als er, aufs Roß gebunden, die Leichen seiner Freunde sieht, die für ihn ihr edles Leben opferten.

Die Eroberung des festen Lauensteins (einer der mächtigsten und allerältesten Vesten jener wilden Zeit) ist die Folge dieses mörderlichen Kampfs; sie wird geplündert, und ihre Besatzung ermordet. Vest auf Felsen von Stein gebaut, konnte nur ihr Dach von verheerenden Flammen verzehrt werden. Berkowitzens Dieser Berkowitz darf mit einem spätern Berkowitz von Duba, von dem die Erzählung Jutta von Duba ein Mehreres erzählt, nicht verwechselt werden. Dieser letztere Berkowitz lebte einige Jahrhunderte später. Leiche wurde auf dem Schlachtfelde gefunden und ehrenvoll beerdigt.

*

Auch Hanns war im Kampf von seinem Schwiegervater abermals verwundet worden; ein Schwerdtstreich hatte ihm den Helm durchschnitten, und Stirn und Wange getroffen; schmerzvoll brennt diese Wunde – schmerzvoller jene, die ihm, dem Vasallen der Hölle, im untreuen, sein Heil vergessenden Herzen brannte; denn was sind alle Leiden dieser Erde gegen die Gewissensangst des Schuldbewußten!!

Er naht als Sieger seinem Schloß; wildes Frohlocken der dort zurückgebliebenen Mannen empfängt ihn. Aber wer beschreibt sein Entsetzen, als er sieht, wie

Emma,

die unglückliche, im Kummer und Schmerz verwelkende Emma den gefangenen Vater erblickt, zu seinen Füßen jammernd stürzt, des Grafen Knie umfängt, mit seelenvollem Blicke, fähig einen Stein zu erweichen, zu dem Greise herauf schaut, um ihr Kind bittet, und, als dieser, jetzt nicht mehr Vater, sondern ein von nun an sein Schicksal verdienender Wüthrich, sie verwünschend, verhöhnend, von sich stößt, nun in Verzweiflung fällt und in zuckendem Krampfe dahin sinkt; Friedrich, ihr Vater, verfluchte die arme Leidende in den Abgrund der Hölle. So tief kann ein Vaterherz sich verirren, so tief der Stolz ein sonst edles Gemüth erniedrigen!

Auch Hanns von Bleyleben bittet, fleht, des Vaters Ketten lösend, ihn umarmend, Freiheit und die Rückgabe seiner Güter heilig gelobend, um Erbarmung – vergebens! Er bittet kniend um sein Kind; hohnlächelnd, daß er den wunden Fleck getroffen, versagt ihm dieses der Vater, heißt ihn einen Buben. Nun verläßt Hannsen sein Gleichmuth. Von gerechtem Schmerz und Wuth übermannt, läßt er den Dachsburger niederwerfen, fesseln, ins finstre, von Ratten und Schlangen wimmelnde, vom Leichengeruch bereits vermoderter, in ihren Ketten gestorbener Gefangenen verpestete, tiefe Burgverließ werfen, wo seiner Heulen und Zähne-Klappen harren.

Hanns aber betäubt seinen Schmerz, auf Weslaws Burg eilend, im feurig schäumenden Podskalsky, den ihm die listige, nach ihrer Niederkunft mit einem Sohne durch Welas Zauber in neuen verführerischen Reitzen und üppiger Frische und Schönheit blühende Buhlerin Katka aus goldnen Humpen credenzt.

*

Emma erwacht aus ihrem Jammer. Denn noch war die Stunde ihrer Prüfung nicht vorüber, noch der bittere Wermuths-Kelch der Leiden vom treuen Weibe nicht geleert.

Ein Freund nur war ihr geblieben, es war Pater Bernhardt. Dieser Bernhardt war und blieb ein Lehrer des Worts, ein Mann Gottes, im Geiste der wahren Religion ein Menschenfreund. Mild, gerecht, fromm und geduldig, wußte er, ohne der Würde seines Standes je etwas zu vergeben, jeden Unglücklichen zu trösten, zu erheben. Sein Gebet war dem Himmel angenehm und erhört. Er tröstete die tiefgebeugte Emma, und als sie, die standhafte Dulderin, als ein frommes Kind und eine gute Tochter, hochherzigen Sinnes ihren sie verfluchenden Vater zu retten wünschte, des Spruches eingedenk, den der Mittler sprach:

»Segnet, die euch fluchen; thut wohl denen, die euch hassen!«

da begleitete er sie selbst in das schauerliche, schreckliche Burgverließ, und löste mit ihr des Greises Ketten. Aber des Vaters Herz war verstockt und unversöhnlich; es flucht der segnenden Tochter, und er verwünschte sein Schicksal, daß es ihm nicht Kräfte gab, die Brut (so nannte er seine Tochter) zu vertilgen. Er floh in seinem Zorn, und dennoch segnet Emmas treues Herz den Fliehenden. – Freiwillig gestand sie ihrem heimkehrenden Gatten des andern Morgens ihre That. Hanns mußte sie in seinem Herzen billigen – und selbst durch magische Kräfte wollte er den Grafen nicht wieder in seine Gewalt zurückbringen.

Traurige Jahre in nie ruhenden Fehden vergiengen. Endlich hieß es: der alte Graf Friedrich ist von seinen Burgen verschwunden. Aengstlicher wurde es Hannsen in seinem Herzen, nagender seine Gewissensbisse. Das lockende Gold verliert vor ihm seine Reitze, der Wein betäubte ihn, ohne zu erfreuen, die Jagd zerstreute ihn nicht mehr, Katkas Küsse berauschten, aber sie nahmen nicht den Kummer von seinem Herzen.

In jedem Freunde sah er den Verräther, und Emmas Verwelken und ihre treue Selbstaufopferung, ihr stiller Schmerz gab seinem Herzen namenlose Leiden. Er schlich durch öde Felsengründe, folgte dem Bette des itzt mit Eis bedeckten Bergstroms, suchte Ruhe in den Höhlen, und fand sie nicht; Ruhe suchte er in einsam liegenden Capellen – aber das Bewußtseyn seiner Sünde trieb ihn, der selbst vor Bernhardts Tröstungen erschreckend floh, von all' den heiligen Orten zurück. Die Nacht hatte er keinen Schlaf, seine Träume waren fürchterlich, und der Morgen rief ihn zu neuen Wanderungen. Meist lag er in den Wäldern – denn es liegt in der Natur des Menschen, daß, wenn ein heimlicher Gram sein Herz erfüllt, er immer einsamere Gegenden sucht. Je fürchterlicher der Ort ist, desto lieber ist er dem, der nicht mehr reines Herzens, sich selbst verachtend, die Welt und ihre trügerischen Freuden, übersättigt, flieht und haßt.

*

An einem stürmischen Wintertage war Hanns ausgeritten. An den mitternächtlichen Gränzen seiner Herrschaft war jenseit der Gebirge ein hochbestandner Forst, den wir noch jetzt nicht ohne Furcht durchwandern. Ich meine den Zinnwald. Hinter diesem erhoben schaurige Berge ihr kahles Haupt.

Trauernd sieht der hohe Altenberg, sieht der kalte Kahlenberg und der unfruchtbare Geißing, (die in ihrem Innern viel des köstlichen Zinnes bergen) Die reichen Zinn-Bergwerke dieser Gegend, welche die Veranlassung der industriösen freien Bergstädte und Bergörter Altenberg, Geißing und Zinnwald waren, wurden erst im 15. Jahrhundert fündig. auf die reitzlose Flur. An ihrem Fuß ziehen sich wilde Thäler hin. In diesem waldigen Dunkel weilte Wela; denn auch die verstoßenen Geister fühlen den Jammer ihres ewig verlornen Glücks.

Bald kroch sie als Schlange unter den Ungethieren des schwarzen, schlammigen, von Unkraut starrenden, von üppigen Giftpflanzen bewachsenen Thals, bald heulte sie als Wehrwolf ihr Todtenlied. Vor ihrem Zauber flohen die, elende Erdhütten bewohnenden Eigner dieser Gegenden, und die unfruchtbare kalte Gegend wurde eine Wüste.

Sie betritt Hanns von Bleyleben, steigt vom Rosse, und wandelt im düstern hinbrütenden Schmerze der Selbst-Verachtung jenem Theil des Thales zu, welches sich jetzt, schauerlich wild, unter dem Hirschsprung erhebt. Eben will er über das Eis eines gefrornen Bächleins schreiten, – da springt ein Mann, mit blankem gezückten Dolche aus dem Gebüsche hervor, ihn zu durchbohren. Hanns war unbewaffnet; er fährt zusammen, den Todesstoß erwartend; aber, sieh! aus einem hohlen Baumstamme entringelt sich eine schwarze, giftige Otter, die sich in dem Augenblicke, als der Mörder seine Hand zum Morde schwang, an seinen Leib hinauf windet, und mit dem zischenden giftvollen Rachen ihm den Dolch aus der Hand reißt.

Der Mörder erbebt in Entsetzen, die Otter aber steht jetzt als Wela, Hannsen allein sichtbar, vor ihm da. »Siehe, Unvorsichtiger!« ruft sie ihm zu, »siehe den, der dich morden wollte!!« –

Hanns erkennt den Mörder, – es ist sein Schwiegervater, den Wahnsinn und Verzweiflung in diese unwirthbaren Wälder trieb.

Hanns wirft ihn nieder; leicht ist der Sieg über den wahnsinnigen Greis; er bindet ihn; der Gebundene folgt hohnlächelnd dem Sieger zur Geyersburg. Dort läßt ihn Hanns von Bleyleben ins tiefe Burgverließ werfen, und spricht über ihn das Todes-Urtheil aus. – Wer zeichnet diese Scene, als Emma nun im Geist des Vaters abgeschlagnes blutiges Haupt erblickt, und, den Tag ihrer Geburt verwünschend, in rückkehrenden Zuckungen auf die kalten Steine sinkt. Sie wird in ihr Zimmer zurückgetragen. Hier überfällt sie neue Krankheit, aus welcher sie geneset, um neuen Leiden zu unterliegen.

Katkas Reitze erheben sich von Tag zu Tage. Welas Zauber läßt sie nicht altern. In üppiger Fülle steht das schöne vollendete Weib. Immer enger und enger verstricken ihre Reitze Hannsens Herz; er ist fortdauernd in ihrem Zauber-Kreis, und erliegt der Versuchung.

Dieß war Weslaws Wunsch. Frohlockend eilt er zum Geyersberg, entdeckt Emma des eidbrüchigen Mannes verruchten Wandel, verspricht ihr, ihn jedoch auf den Weg des Bessern zurück zu bringen; auch will er ihren zum Tod verdammten Vater erretten, wenn sie ihm ein Stündlein allein mit ihr zu weilen schriftlich versprechen würde. Die unvorsichtige Emma thut es, nach langen Kämpfen, giebt Weslaw ein Handbrieflein zum Stell Dich ein, und Weslaw zeigt den Einladungsbrief Hannsen. Er entzündet in seinem Herzen die Eifersucht; Hanns verhört sein Weib, findet die Zitternde schuldig, und zur Strafe läßt er ihren Vater, der kurz vor seinem Tode den Vaterfluch von der unglücklichen Tochter zurück nimmt, vor ihrem Angesicht im Vorhofe der Geyersburg durch Henkers Hand enthaupten. Er ergreift die bei der Leiche ihres Vaters laut jammernd stehende Gattin, und wirft sie in Weslaws Arme, – – sie muß dem Bösen folgen; – aber ehe sie die Burg der Wollust erreicht, erbarmt sich ihrer mitleidig der Tod.

Schwer hatte sie für ihre Liebe gebüßt.

*

Jetzt begann Hanns, sein Gewissen zu betäuben, mit Wissen Weslaws ein buhlerisches Leben mit Katka, die, zu tief gefallen, um eifersüchtig zu seyn, ihm selbst immer neue Opfer zuführte. Bald aber erreicht die arglistige Kupplerin ihr Schicksal; ein Vater, dem sie die Tochter verführt hatte, lauert ihr auf dem Wege nach Außig auf, und erschlägt sie in jener Gegend, wo itzt die Alberti-Säule steht. Ihr faulender Körper ward erst spät, von Raubvögeln und Füchsen zerfressen, gefunden. So endete die Lasterhafte.

*

Wela aber hauchte dem, seinem grauenvollen Ende allmälig nahenden Hanns v. Bleyleben neuen Trieb zur Wollust ein; durch ihre Macht gestärkt, raubte er die Töchter nachbarlicher Ritter und seiner Unterthanen. Sein Haus wurde der Ort zügelloser Begierden, eine Schule für die Hölle.

Alle Genüsse aber konnten Hannsens Gewissensangst nicht betäuben, und er war unglücklicher, als der ärmste seiner leibeignen Knechte. Noch aber war das Maas seiner Unthaten nicht voll; um ein gewisser Raub des Satans zu werden, mußte er jede Schandthat verübt haben, schon hier auf Erden ein Teufel seyn. Sie giebt seinem Körper neue Kraft, und Jahre kommen und vergehn, die er im wüsten Sinnesrausche verlebt; doch nun naht er dem Ziele.

Sein Bruder Veit kam aus dem Polenlande unverhofft zurück. Der Todtgeglaubte hatte sich, wie wir bereits wissen, in fernen Gegenden vermählt, und war jetzt nach dem Tode seiner Evi ein trauernder Wittber, aber der glückliche Vater von 7 wunderschönen, in Herzens-Reinheit und Unschuld prangenden Jungfrauen, wovon die älteste 18, die jüngste 13 Jahre zählte. Hanns begrüßte seinen Bruder herzlich, credenzte ihm den edlen Zschernosecker im goldnen Humpen, nahm ihn brüderlich an und auf, und setzte ihn, damit er bei ihm weile, auf eine Burg, welche auf den Höhen der Höllendorfer, itzt zu Sachsen gehörigen Berge stund, und dermalen ganz verfallen ist.

Er besucht ihn täglich. Noch einmal schien Hannsens guter Geist zurück zu kehren, – aber Wela entbrennte sein Herz in sündiger Leidenschaft zu seines Bruders lieblichen Töchtern; sie, die Zauberin, entführte die holden Unschuldigen in einer Nacht, bettete sie in Hannsens Schlafgemach, der, von süßem Wein berauscht, die Blume ihrer Unschuld brach. Durch Zaubermacht waren die Mädchen gefesselt; sie erwachten aus den Träumen sündiger Liebe in der Wirklichkeit der Verzweiflung.

Da befahl Wela Hannsen, sie in festen Gemächern zu verschließen; er that es, und Veit, der seine Töchter verloren glaubte, irrte in namenloser Verzweiflung von Ort zu Ort im Lande umher, die Verlornen zu suchen.

Böhmens edle Ritter kannten Hannsens Schandthaten; sie wußten es, daß er der Räuber ihrer Töchter sey; sie alle sagten ihm ab, zogen gegen ihn und Weslaw, seinen Verführer, mit Heeresmacht, verwüsteten die Wohnungen seiner armen Unterthanen, belagerten die Burg acht Monden lang, stürmten endlich den Berg; aber ein Sturmwind brauste ihnen entgegen, Schwefelflammen entstiegen den Felsritzen, und die Stürmenden erlagen der Zaubermacht der Hölle.

Vom Geyersberg zum Schloßberg, den die höllischen Geister mit gleicher Macht vertheidigten, war ein Faden gezogen, an welchem (so sagt's die Sage) Weslaw und Hanns sich gegenseitig berauschende Getränke und Nachrichten zusandten. Veit sahe das, ergrimmte darüber, und schoß als ein trefflicher Bogenschütze mit seiner Armbrust die Flasche herab.

Sie fiel; Feuer entquoll ihr, und sie wühlt sich von selbst in die Erde. Hanns aber, durch Welas Zauberkunst zu höllischer Rachlust angefeuert, stürmt aus seiner Burg, bahnt sich mordend einen Weg durch das Heer der Belagerer, sucht seinen Bruder, beginnt mit ihm den Kampf auf Tod und Leben, und stößt das Schwerdt in seine Brust.

Vollbracht ist der Brudermord. Der Hölle Jauchzen schallt durch die zitternden Wälder, und erbebt im Wiederhall der Felsen. Hannsens Knechte schlagen dem getödteten Veit sein Haupt ab, tragen es auf den Geyersberg, und werfen das blutige in das Gefängniß-Zimmer vor seiner Töchter Füße nieder.

Eben jammerten die Unglücklichen im namenlosen Schmerze der Entbindung. Verzweiflung wühlt sich beim Anblick dieses Hauptes in ihre Herzen; der Schrecken wirkt in einer und derselben Minute, – 7 holde Kinder entwinden sich ihrem Schooße. Da haucht Wela in der Mütter Brust den Gedanken: mordet eure Kinder, die Frucht der Sünde! Schon wollen die Unglücklichen den Mord vollziehn, als ein Lichtglanz das Zimmer erhellt, eine höhere Macht die Kinder aus ihren zitternden Händen hebt, und sie entführt. Die Mütter aber fühlen die Todesangst; sie richten sich empor – die Gitter ihres Gemachs brechen; die Unglücklichen ersteigen die Fenstergeländer, so will es Wela, und stürzen sich sämmtlich ins Thal; sie fallen, und liegen bald zerschmettert am blutigen Felsen. Dieß geschah in der Stunde der Mitternacht. – –

Aber itzt war über Hannsen die Furcht des Todes gekommen. Alle seine Knechte flohen aus der Burg, mit ihnen die durch sie befreiten Gefangenen. Seine Stunde war genaht. Wie höllisches Feuer brannte die Wunde, die er sich ritzte, als er der Hölle sich verschrieb. Er blickt zurück, und er sieht sein verlornes Leben; er kann nicht beten – sein Herz ist zerrissen. Ermorden will er sich selbst, zuvor aber alle Gefangenen befreien, daß sie für ihn beten sollen; da erbebt die Erde, die Burg wankt, der Mond wurde blutroth, die Sterne sprühen Funken herab, des Himmels Saum umzieht ein schreckliches Licht, der Sturmwind durchsaußt das Gebirge; des wilden Jägers Hörnerruf ertönt, alle Scheusale der Hölle durchschwirren die Luft; feurig glänzt der von den Bergen sich stürzende Waldstrom, gräßlich klirren die leuchtenden Dachfahnen der Burg, alle Thore und Thüren rasseln. Blitze fahren kreutzweis durch Gemach, Feuer glimmt an den Wänden, höllisches Feuer glüht in des Verruchten Herzen. Hinab stürzen will sich Hanns von den Felsen: da dröhnt ein gewaltiger Donnerschlag. Umrauscht von scheuslichen Ungeheuern steht, in Feuer gehüllt, in grauenvoller Majestät vor ihm der Fürst der Hölle, neben ihm Wela. Nur das Haupt menschlicher Gestalt war ihr geblieben – die Brust war die der Hyäne, der übrige Leib der einer scheuslichen Riesenschlange. Wehe! wehe! scholl es, und hier stand der Sünder in seiner Vernichtung, und das Losungswort aller Verdammten:

Es ist zu spät!!!

stammelte sein Mund, keuchte seine Brust. Zu spät! jauchzten die Geister der Hölle. Zu spät! wiederholte dieses Wort der Verdammniß die zitternde Stimme des Wiederhalls. – Du hast vollendet, sprach Satan; das Maas deiner Laster ist voll. Wela, Dienerin meines Reiches, des Reiches der Qual, sprich du: wie hast du mir gedient? – – – Wela antwortete: Ich habe vollbracht was du wolltest; ich habe einen neuen Verdammten deinem Reiche zugeführt. An Leib und Seele verdorben, wollte er im Selbstmord sein Leben enden, sich selbst die Zeit seines Wandelns verkürzen; denn noch länger hätte ich ihm beigestanden, noch verworfener sollte er werden! »Sie hat mich verführt,« ächzte Hanns. Ihm erwiedert hohnlächelnd der Fürst der Finsterniß:

»Nicht Wela – deine Leidenschaften, deine sündigen Begierden haben dich gestürzt. Nicht folgtest du dem Rufe deines Gewissens; Begierde nach Genuß, Wollust war deine Führerin; du spottetest der Thränen der gemordeten Unschuld, der Leiden betrübter Väter und jammernder Mütter; Jungfrauenräuber, Schänder der Unschuld, Verräther an Freund und Wohlthäter, Undankbarer, Mordbrenner, Blutschänder, Brudermörder, Mörder deines dir bis in den Tod getreuen Weibes! überblicke noch einmal deine Thaten! Siehe, wie der erste Fehltritt dich zur Sünde, die Sünde zum Laster führte. Deine Thaten sprechen dein Urtheil; die ewige Erinnerung an sie soll deine Strafe seyn!! Jede Schandthat schließt sich an eine größere, und alle bilden eine Kette, die sich im Reiche der Qual und der ewigen Reue, die sich in meinem Reiche endet.« So sprach Satanas. Wehe! Wehe! Wehe! heulte Wela; wehe!! rief hundertfältig der Wiederhall. Wela aber, in ihren Mienen immer teuflischer werdend, sprach: »Tretet hervor, ihr Unglücklichen! ihr Zeugen seiner Thaten!« Und siehe, da kamen alle die Gemordeten, kenntlich durch ihre Todeswunden, und wallten schweigend, trauernd bei Hannsen vorüber. Da sah er die unglücklichen, durch ihn verführten Nichten, da den alten Grafen Friedrich, da Rudolph von Blaubergen, da seinen Bruder, da – und ein schneidend Schwerdt gieng durch seine Seele – seine Emma. – »Fürst der Hölle! ich bin dein! (brüllte Hanns) der Tod sey meiner Sünde Lohn!!« Da ergreift Satanas den in Verzweiflung Ringenden, und flog mit ihm, von dem Höllen-Weibe Wela, dem wilden Jäger, und allen den Ungeheuern begleitet, durch die klafterdicke Mauer. – – –

Eben, als Satanas mit dem Unglücklichen in den Lüften wirbelt, sieht der fromme Pater Bernhardt, der von der Gabe der Wegzehrung an einen armen in Gott sterbenden Eigner zurück kam, die grauenvolle Erscheinung. Er sieht die ganze Burg wie glühend; Flammen hatten sie überzogen, der Fels rauchte, schreckliches Getöse donnerte, höllische Ungeheuer schwärmen krächzend, heulend, bellend um das Dach, Höllengeruch und Schwefeldampf verpestet die Luft. Itzt erhebt der Fromme, den die Geistesgegenwart nie verließ (denn sie ist die Zier des Gerechten) seine Augen in die Höhe, und erblickt den leidigen Satanas mit Wela und dem Ritter, von seinen höllischen Schaaren begleitet, hoch in den Lüften.

*

Da erhebt Peter Bernhard das Kreutz, wirft sich zur Erde, betet, und zwingt den Fürsten der Hölle, daß er seine Beute fallen ließ, und mit Wela und seinen Ungeheuern, unter Donnergekrach und Sturmgeheul, verschwand. – Hanns aber sinkt schwer verwundet zu Bernhards Füßen nieder; – noch athmet er, noch ist in ihm Bewußtseyn, noch einmal schlägt er seine Augen auf. »Dank dir! stammelt er, Bernhards Hand ergreifend; – du hast mich aus des leidigen Satans Krallen errettet; – dein Gebet geleite mich, und trete versöhnend zwischen mich und meine ungeheure Missethat!!« Er küßt das Kreutz, zuckt im Todes-Kampf – und stirbt. – So war Hanns von Bleyleben das Opfer seiner Leidenschaften, so der Tod der Lohn seiner Missethat! Noch betete an seiner Leiche der fromme Mönch: da entsteigen neue Feuer-Flammen den Felsen; es kracht und dröhnt, und die von bösen Geistern erbaute Burg

des Geyersberges

versinkt, bis auf etliche Mauern, die noch von der Zerstöhrung der alten Burg zurück geblieben waren. Was die Hölle baute, nahm sie wieder. – – –

Auch über Weslaw war die bittre Reue, war das Schrecken der Verzweiflung gekommen; doppelt groß war seine Schuld, denn er war es, der, von Wela angereitzt, Hannsens Verführer wurde. Hannsens Geist erschien ihm zürnend. »Dir nach. Unglücklicher!« ruft Weslaw im herzzerreißendem Wahnsinn. Er ersteigt die hohe Warte des Schlosses, und stürzt sich von ihr den Felsenabhang herab. Seine Gliedmaaßen sind zerschmettert, sein schwarzer Geist ist entflohn. Zu spät kam Pater Bernhard, den Unglücklichen zu trösten; wohl aber erstieg er den Dobrauer Berg, sich des verlaßnen Kindes anzunehmen. Er nimmt es aus den Armen der alten, mürrischen, mißtrauischen, gegen ihren Mann, einen wackern Kämpen, gar eifersüchtigen und zänkischen Castellanin, welche in den Vorhallen des Schlosses wohnte, und trägt es gen Schönau zu der wackern Hausfrau eines Landmanns. Als er von dort noch einmal auf das Schloß zurückkehren will, die durch ihres Herrn Schicksale und gewaltsamen Tod erschrockenen Knappen und Knechte zu ermahnen, da erscheint ihm beim vordern Thor der Geist des von frevelnder Bruderhand ermordeten Veit Bley, und spricht: »Ich lebte ohne Priester-Segen mit meiner Evi; drum soll auch ich als Geist wandern auf Erden, bis die 7 Kindlein meiner unglücklichen Töchter, gezeugt in der Sünde der Blutschande, geboren, als ihre Mütter sich und ihr Schicksal verfluchten, durch eines frommen Mannes Wort und Beispiel belehrt, in Tugend und Erkenntniß wandeln. Als Geist habe ich sie gerettet, als ihre Mütter sie ermorden wollten. In des nahen Waldes Dunkel wirst du sie finden, gesaugt von einer Wölfin, die mitleidiger ist, als es ihre Mütter waren. Auch der Sohn Hannsens lebt, den Emma im Gefängniß ihm gebar. Der alte Graf v. Dachsburg wollte ihn ermorden lassen, ein Knecht warf ihn in einen Bach; aber die Welle des Bächleins ließ das jammernde Kindlein nicht versinken; bald sah es eine mitleidige Müllerin, und legte es zu dem eignen Kinde an die treue Mutterbrust, und ließ es durch einen frommen Kloster-Bruder taufen, daß es eingehen konnte in das Reich der Gnade. Ihr bin ich im Traume erschienen, und habe sie ermahnt, dir das Kindlein jeden Monat zu zeigen, und es deiner Pflege zu übergeben. Sey du der Lehrer seiner Jugend, bilde sein Herz in Gottesfurcht; denn diese ist der Weisheit Anfang und der Weg des Heils! Werden die Kinder meiner Töchter, wird Hannsens Sohn, durch ihren Wandel gut, fromm und glücklich, mich einst in ihrer Sterbestunde segnen, dann gehe ich ein zu dem Frieden der Seligen. Wela, die als ein böser Geist im Reiche der Qualen wandelt, wird, von Jahrhundert zu Jahrhundert dem Volke dieser Berge erscheinend, hinfort nur weinen, nicht mehr schaden können!« So sprach der Geist – und verschwand, als der Morgenröthe erste Strahlen der Berge dunklen Saum erleuchteten.

Bernhard suchte und fand die Kinder; er taufte die lächelnden Kleinen, segnete sie, und übergab sie dann, mit Vorwissen seines Priors, guter Menschen treuer Pflege. Er wurde später selbst Prior seines Convents, zeichnete diese Geschichte auf, und erzog, als ein frommer Knecht GOTTES, begeistert vom edlen Gefühl, für Menschenseelen zu wirken, die erwachsenden Kinder in Gottes-Furcht und Demuth. Dafür wurde ihm ein heiteres Alter und eine frohe Sterbestunde.

Hannsens Sohn wurde ein wackerer Ritter, nahm ein edles tugendhaftes Weib, lebte gottesfürchtig, und starb, an der Seite seines Fürsten, den Tod auf dem Schlachtfelde. Einer seiner spätern Nachkommen schenkte dem Kloster Maria-Schein das Dorf Sobochleben, und prächtigen Kirchen-Schmuck. Weslaws Sohn widmete sich dem geistlichen Stande, und baute am Fuß des Berges ein Kloster; die sieben Mägdlein aber wurden, der Welt und ihren Lüsten entsagend, fromme Bräute des Himmels, und alle segneten, als ihre Sterbestunde schlug, Veits wandelnden Geist, der ihnen im Lichtglanz erschien, und das Heil seiner Seele ihrem frommen Wandel verdankte. Die Burg des Geyersberges blieb in Trümmern; die des Schloßberges bei Töplitz aber wurde durch die Herzöge und Könige Böhmens wieder neu erbaut, und kam nach und nach an mehrere der edelsten böhmischen Familien, als die Pflugke, Kinsky, Tettawe, bis sie im 30jährigen Kriege noch einmal zerstört wurde. Ihre Trümmer, dermalen im Besitz des Durchlauchtigen Hauses der Fürsten Clari, der Majoratsherren von Töplitz, Graupen, Biensdorf, Hirniskretzscham, welche stets für Töplitz so human und hochherzig wirken, sind nun der Standpunct, von welchem der fruchtreichste Theil des Gartens Böhmens und seiner Kornkammer, der Leutmeritzer und Saazer Kreis, im herrlichsten Rundgemälde sich dem entzückten Blicke zeigt. Von ihnen herab erblickten die erhabnen Fürsten des heiligen Bundes im Jahr 1813 den Sieg einer über Böhmens Schicksal entscheidenden Schlacht; von ihnen herab sieht der Curgast, der in den heißen Quellen von Töplitz, der in Schönaus wundervoll wirkenden Stein-, Schlangen- und Schwefel-Bade seiner Leiden Linderung und Genesung fand, sich in ein Eden versetzt, und dankt dem HERRN, der diesen Quellen ihre Kräfte gab.

Welas Geist erschien, so sagt die Sage, den Gebirgen als spuckendes Ungethüm von Jahrhundert zu Jahrhundert; man sahe sie, als Hußens Racheschaaren wie Dämonen das Land in Verwüstungen durchzogen; sie wandelte wehklagend auf des Geyersberges, auf des Altenberges Höhen, als Waldsteins Söldner im entflammten dreißigjährigen Völker-Kriege würgten, und Trauer verkündend schlich sie durch der Gallier leuchtende Biwachten, die von diesen Bergen herab Böhmen und seinem biedern Volke Unglück drohten, und an der Culmer Berge Fuße ihr eignes fanden. Auch Weslaws, Friedrichs und Hannsens Geister wollen einst ein gewisser Kaiserl. Beamter zu Maria-Schein, Herr Franz v. Hradezky und ein ehrsamer Bürger aus Töplitz haben spucken sehen, und die Erzählung dieser Spuckgeschichte belebte die Erinnerung an die alte Sage in Böhmen von Neuem. Lebten nun aber eine Wela, ein Hanns von Bleyleben, eine Katka, ein Weslaw nur in der Phantasie des Mährchens, so hat es dennoch seinen Zweck erfüllt.

Es lehrt, daß der Samen der Sünde immer auf ein fruchtbares Land fällt, wenn es Leidenschaft auflockert, Begierde befruchtet, und Leichtsinn und Selbstsucht des Pflänzchens sorgsame Gärtner werden. Bald faßt es tiefe Wurzel, wuchert als Unkraut, und wo es steht und wächst, da verdirbt das Land, da senken Blumen und wohlthätige Gräser ihr Haupt, und das böse Unkraut wird mächtiger von Jahr zu Jahr, bis der rechte Gärtner naht, das Unkraut mit seiner Wurzel ausreißt und ins Feuer wirft.

Begierden verderben des Menschen Herz, das, weil ihm ein freier Wille ward, durch Tugend sich selbst verklären, durch Laster sich selbst verderben – und so nach des Scheinglücks verrätherischen Tagen in namenlose Leiden stürzen kann.

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