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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Armes Kind! sagte Dankmar, den Knaben tröstend. Und dir geht es umgekehrt? Dir gefällt die Heimath deiner Mutter. Dich kann ein Land nicht befriedigen, wo wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen. Dich reizt das Gewühl unserer Städte, die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen, die Verschiedenheit der Sprachen, der Luxus, die Pracht der Lebensweise, die schönen Krieger in glänzenden Uniformen – nicht so?

Selmar wurde über und über roth und lachte plötzlich.

Ei bewahre! sagte er endlich ganz verschämt.

Doch! doch! fuhr Dankmar fort. Das ist's, was dich fesselt! Für ein so schönes Schauspiel, wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmückten Krieger in funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klängen, giebst du noch Amerika's ganze Freiheit hin, alles das, was ohne Zweifel die wahre Fessel ist, die den Vater an Amerika kettet; denn aus seinen Äußerungen über das Schloß dort oben seh' ich, daß er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt.

O gewiß, Wahrheit und Vernunft liebt der Vater! sagte Selmar mit leuchtenden Augen. Dann fuhr er fort:

Glaubt nur nicht, daß ich kein Herz für die Größe der Union habe und die freie Staatsform, in der wir leben, geringschätze. Indessen –

Warum stockst du?

Ich will es auch nur aufrichtig sagen, fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit fort. An dieser Lust, die ich empfinde, Europa und Deutschland zu sehen, ist die Mutter Schuld. Sie schläft drüben in amerikanischer Erde! Aber ihre Seele, wenn es Gott gestattet, daß sie zuweilen noch auf Erden weilen darf, würde am glücklichsten sich fühlen, dürfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen. Sie umschwebt uns gewiß überall, wo wir weilen werden und zögen wir in die Wildnisse Asiens. Aber das reinste und schönste Opfer, das man ihr bringen kann, wäre das, wenn wir da lebten, wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann, die sie hier liebte und verließ, als sie nach Amerika zog.....

Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen, tief empfundenen Worte in ihrer ganzen Wahrheit. Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von denen, die ihr hier nächst dem Gatten das Liebste waren und mit halbgebrochenem Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schönen, edlen Manne folgen, der da vor ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare, noch stolz und männlich! Er konnte nachfühlen, wie hier ein Kinderherz früh getheilt war zwischen dem, was den Vater beglückte und dem, was die Sehnsucht der Mutter war. Vielleicht lebten hier noch viele Menschen, denen Selmar die Züge der frühvollendeten Mutter zurückrufen sollte; vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz für Das werden, was sie an ihr selbst verloren.....

Um der wehmüthigen Stimmung Selmar's keine neue Nahrung zu geben, lenkte Dankmar das Gespräch darauf hinüber, daß er sagte:

Ich kann mir denken, was die gute Mutter von Europa Alles mag erzählt haben und wie das früh in deinem Kopf gezündet hat. Hättest du in New-York gelebt, würde das Geräusch einer großen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so mächtig in dir haben aufkommen lassen; aber eine solche kleine Niederlassung am Missouri, unter Urwäldern und Prairien! Da mag es melancholisch genug sein und ich kann mir denken, die Sagen vom Kynast und Drachenfels, die dir in der trüben Regenzeit erzählt wurden, kamen nicht vom Vater –

Nein! fiel der Knabe ein, die kamen von der Mutter, der guten Mutter. Sie war nur Liebe und Güte.

Wie hieß sie? sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen...

Der Knabe erröthete, fast erschreckend. Er that, als hätte er die Frage überhört und machte sich mit den Sträuchern am Wege zu schaffen, von denen er einen kleinen Zweig abbrach.

Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage für zufällig. Nur daß der Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb, wie Einer, der nicht zu den Andern gehörte und sich doch wol nur als einen Aufdringling betrachten müsse, war ihm peinlich. Er blieb stehen und hätte die Fremden vielleicht ohne Abschied gehen lassen, wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in einem grünen Thalgrunde, der abwärts vom Walde nun in die Tiefe ging, aber rings vom Walde noch eingeschlossen blieb, gezeigt hätte mit den Worten:

Da ist das Jägerhaus!

Offenbar wollte er sagen: Sie begleiten uns doch?

Aber Dankmar fühlte etwas, was ihm zuflüsterte: Das Geschäft dieses Mannes im Jägerhause ist wol so eigner Art, daß du nur ein unwillkommener Zeuge sein würdest. Er sagte daher kürzer und fast schroffer, als er wollte:

Entschuldigen Sie meine Begleitung! Ich konnte dem lockenden Walde nicht widerstehen.

Damit lüftete er den Hut und nickte dem Knaben, der nachdenklich und wie eingewurzelt stand, ein freundliches Adieu! zu.

Auch Ackermann schien betroffen, wandte sich aber...

Lästig war das erneute garstige Bellen des Hundes, der seinen Namen »Bello« von der Schönheit seines Äußern weit weniger, als vom Bellen verdiente. Während Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete, gingen die Wanderer schon weiter, ohne sich anfangs nach ihm umzublicken. Nur Selmar, als sie im Grunde waren, that es noch zuweilen, aber wie verstohlen. Dankmar's Augen waren scharf genug, noch einige Zeit zu verfolgen, wie traurig dabei des Knaben Miene schien und daß beide stumm nebeneinandergingen.

Warum folgst du nicht? schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte sich selbst: Warum folgst du nicht?.....

Der Weg, der zum Jägerhause führte, erstreckte sich ziemlich lang am Rande des Waldes und der Wiese hin, die rings vom Walde eingeschlossen war und zu abschüssig ging, als daß man quer über sie hätte hinwegschreiten können. Dankmar stand an einem alten Eichenbaum und sahe, die Arme verschränkend, dem Amerikaner und seinem Sohne nach.

Was zieht mich euch Beiden nach, sagte er sich, dir du strenger Mann und dir du holder Knabe! Ist es die wunderbare ferne Welt, aus der ihr wiederkehrt und die vielleicht auch einst nur das Land sein wird, wo meine Träume reifen können? Warum trennen wir uns, da wir uns kaum begrüßten? Warum kann ich nicht gleich tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen, tüchtiger Mann, der du gewiß von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und den Spiegel kennst, in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte? Warum hab' ich nun kein Zeichen, das dir gleich gesagt hätte: Ich fühle Ehrfurcht vor deinem Antlitz, deinem Auge, deinem leise angegrauten Haar! Wenn ich dich selbst nicht lieben könnte, so lieb' ich dich in deinem Sohn! Ich weiß es schon, du Kräftiger, daß in dir Gedanken leben, die höher hinaufweisen als die gewöhnlichen Wegweiser unserer grauen Theorie! Du hast nachgedacht, du hast gefühlt, gelebt, geliebt! Ich weiß schon Alles..... Ein Weib folgte dir und vergaß ihre Thränen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses Schmerzes, das Denkmal einer Liebe, die sich noch im Tode bewährte... und die du selber ehrst, sonst würdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen, dies Land, das dich doch sicher – denn du heißest schwerlich so, wie du dich nennst! – von seinem Herzen stieß! Wo kann ich dir wieder begegnen, edler Mann? Wo mich an deiner starken Hand führen? Nie also, nirgends mehr? Das wäre so verloren! Und warum verloren? Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon? Nein! Weil du mich für einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit hältst, der nichts kann, als fremde Menschen belästigen und zwecklos ausfragen! Ich mißfiel dir; du kennst mich nicht! Warum ist nun kein Wort möglich, das mit einem Hauche sagt: Hier ist auch ein Mensch, ringend, wie du einst gerungen hast, ein Mensch ohne Ehrgeiz für sich, aber voll Ehrgeiz für das Allgemeine! Das Allgemeine? Ja das Allgemeine! Das nicht Einen, nein Tausende, Hunderttausende Gleichgesinnter braucht! Sind wir beide gleichgesinnt? Warum erkennen wir uns nicht? Die Freimaurer erkennen sich! Gerechter Gott, und was drückt das aus: ein Freimaurer! Wenig genug, wenn man Lessings Geständnisse liest. Und doch grüßen sie sich geheim, wie mit einem Gruße in der Wildniß! Man ist mit diesem Gruße nicht mehr dunkel über sich, man hat doch Eins gemein, Eins, das Gefühl der Brüderlichkeit, so misbraucht es auch wird und so lästig es dem sein muß, der das Zeichen dem erwidern soll, der ihm gleich beim ersten Blicke misfällt. Aber was führt die Männer, die sich gefallen sollten, zusammen? Wer läßt den Geist den Geist erkennen? Was kürzt uns durch einen einzigen Blick den langen Umweg ab, den wir brauchen, um die, die uns gleichgesinnt sind, erst zu erkennen – ach, wo anders erkennen wir uns, als... auf dem Schlachtfelde..... in den Gefängnissen... im Grabe!

Dankmar blickte auf. Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herübergeschaut wie mit traurigem Vorwurfe...

Um sich einem Anblick zu entziehen, der ihn zu heftig bewegte, trat Dankmar zurück und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche, den die dichten Zweige der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten...

Er spann die Gedankenreihe aus, in der wir ihn schon so oft, am meisten nach Schlurck's Äußerungen über den Reubund, belauscht haben und die, das merken wir nun wol, mit seinem glücklichen Funde in Angerode zusammenhing. Er vergegenwärtigte sich die alten Zeiten, wo das Christenthum ganz allein die Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat, wie sie jetzt die Menschheit beherrschen. Er sah die damalige Bildung, die christliche, da nicht dem Zufalle preisgegeben, sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes, den sogleich die Verbrüderungen, die Herbergen, die Agapen und dann die Mönchsorden vertraten. In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der Gefahren, die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung der Ideen mit sich bringen konnte, wenn es ausschließlich wurde. Die Orden waren Jedem zugänglich, selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen. Wenn er dann die rege Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an Gleichgesinnte, die man durch äußere Kennzeichen in der ganzen damaligen christlichen Welt antreffen konnte, bewundern mußte, so flößte ihm vollends die feine und durchdachte Gliederung besonders des späteren Jesuitenordens als Form, als kunstmäßig angelegter Bund, die größte Achtung ein...

Warum geht bei uns Alles so in der Irre! dachte er sich. Warum gruppirt man sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung! Warum verschwört man sich nur blindlings mit abenteuerlichen, leicht enthüllten Masken... Wer uns eine Stiftung brächte, die unabhängig von jeder zunächst auf der Tagesordnung stehenden Frage nur die Verständigung über sie im Allgemeinen, die Einigung über die ersten Grundsätze erleichterte! Wer uns etwas ersänne, das wie ein elektrischer Schlag Jeden träfe, der mit uns in einem geistigen Rapport steht und uns dann immerhin so ganz zufällig begegnete!... Man würde sich gleich erkennen. Wie würde man seine Erfahrungen austauschen, wie würde man sich zu einem geordneten, sicheren System des Handelns rascher vereinigen! So viel Verstand und keine Verständigung!

Und wenn sich Dankmar dann gestehen mußte, daß alle die, die etwas Großes in dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen, Mittel besitzen müssen, um die Zweifelnden und Lässigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung, das so Mancher in seiner Großherzigkeit giebt, für die Andern auch nicht gar zu abschreckend zu machen, so gedachte er der Papiere, die er in jenem Schreine gefunden hatte. Eine alte Überlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte sich plötzlich in eine mit Händen zu greifende Wahrheit verwandelt. Die Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein, die in einem gesitteten Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen, keimen, ausschlagen, blühen konnten. Er hatte die Mittel in Händen, einer seit zwei Jahrhunderten schwebenden Verhandlung über ein immer größer angewachsenes Vermögen von Häusern und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben, die sich auf die Annahme gründete: Wenn der Staat begonnen hat, jene Verlassenschaft, die Jahrhunderte lang gleichsam herrenlos war, für sich in Anspruch zu nehmen und den gegenwärtigen Nutznießern zu entziehen, warum kann sich nicht mit den sichersten und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkämpfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite stellen und Alles das, was Jener zur Begründung seiner Ansprüche mühsam und aus Zwangssätzen der Gewalt zusammenstellt, mit weit größerem Fug und Recht aus verbrieften historischen Thatsachen herleiten?

Wer weiß, fuhr er innerlichst zu erwägen fort, ob in jenem Processe, dessen inneres Getriebe mir bald kein Geheimniß mehr sein soll, nicht Assertionen genug vorkommen, die mir unbewußt über das, was noch sonst dem eingebildeten Entwickelungsgange dieses Processes einen plötzlichen Umschlag geben könnte, meinen Wettlauf mit dem Staate und jener großen mächtigen, von Schlurck vertheidigten Commune erleichtern?

Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe, die er sich gestellt hatte und die er nicht zu seinem Vortheil, sondern in der That zur Durchführung einer großen socialen Idee lösen wollte, daß ihn nun eine namenlose Angst überfiel, welches Schicksal die in Schlurck's Händen befindlichen Papiere treffen könnte... Mit dem Entschlusse, jetzt unmittelbar nach der Residenz zurückzueilen, sprang er auf, warf, um nicht gefesselt zu werden, keinen Blick mehr nach dem grünen Plane und dem Jägerhause zurück, sondern lief fast mit beflügelter Eile denselben Weg zurück, den er eben neben dem Knaben so gemüthlich geschlendert war...

Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen. Dankmar rief, feuerte ihn an und trieb zur Eile.... Da grüßte ihn ein freundliches Wort aus dem Busch. Ein Bekannter hielt ihn an, der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und plötzlich, ihn fast erschreckend, vor ihm stand. Es war der Jäger Heunisch.

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