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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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»Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entführung des Mobiliars seiner Mutter zusammen. Die Trompetta hätte erzählt, er wäre darüber bis aufs äußerste entrüstet. Frau von Trompetta hätte bemerkt, man beabsichtige bei Hofe vielleicht die schönsten Andenken dieser Einrichtung dem Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren, als Anerkennung für ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen Reubundes....«

Der Vater schriebe Das? rief Melanie lachend; von dieser blonden Magdalena? Das sind satyrische Arabesken!

Sie nahm den Brief, fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz scherzhaftem Zorne hinzu:

Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein liebloser Vater die theuersten Andenken an seine Mutter. Der alte Fürst, der Alles verspielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter seines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung, und statt sie dem Sohne zurückzugeben, schenkt man das Beste davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine geschichtliche Person zu werden. Das seh' ich vor mir! Der Prinz bittet um die Erlaubniß, bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen. Er sieht die Briefbeschwerer und Crucifixe und küßt die Stickereien, und vergißt sich und küßt auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott für den König, das Vaterland und für – sich! Nein, nein, diese Verschwörung ist entdeckt, die Fäden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so, daß der Prinz Egon nicht der Gräfin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehört, sondern zu unserer Fahne schwört, und Das gleich. Fort Bartusch, holen Sie ihn nur her! Wo ist der Prinz?

Die Mutter rief lachend:

Gemach! Gemach!

Es ist mein Ernst, sagte Melanie, sprang empor und stampfte mit komischem Zorn so auf, daß die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen zitterten.

Nur ruhig! Nur behutsam, bitt' ich, meinte Bartusch, der gewohnt war, sich immer streng an des Justizraths Befehle zu halten. Discretion!

Vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist.

Darüber, sagte Bartusch pfiffig, darüber kann ich Bericht erstatten....

Rasch! Bartusch; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf!

Muß ich nicht? Müssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen systematischen Gründlichkeit...

Nichts von Gründlichkeit! Die Mutter erläßt Ihnen heute Ihre gewöhnliche Spionage! Also...?

Erstens hätt' ich denn zu melden, fing Bartusch behaglich an, daß die alte braune Kuh, die Frau Justizräthin so lieb haben...

Was? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee. Fort doch mit der alten braunen Kuh!

Laß ihn nur, meinte lächelnd die Mutter. Es ist besser, in solchen Dingen nichts zu übereilen. Du weißt, wieviel dem Vater an der Administration liegen muß....

Aber die alte braune Kuh!...

Die vorgestern vom grünen Abhang fiel, ist wiederhergestellt; der blinde Schmied curirte sie... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmüthige Justizräthin.

Weiter!

Zweitens, die kranke Frau Müllerin –

Bartusch! Ich sterbe...

Laß doch Kind! Was ist mit der Frau Müllerin?

Sie will nicht aus der Mühle...

Wirklich nicht?

Sie will da sterben, wo sie gelebt hat.

In dem dumpfen, feuchten Gemäuer? Bei dem ewigen Klappern der Räder? Bei dem Schaume, der fast auf ihre Betten spritzt? Wie kann da die Frau je gesund werden?

Hannchen Schlurck war wirklich außer sich über diese hartnäckigen Gewohnheitsmenschen; aber Bartusch sagte:

Leben in der Mühle und sterben in der Mühle. Doctor Reinick meinte auch: Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen.

Melanie konnte über die Spannung, in der sie Bartusch erhielt, nicht entrüsteter sein als ihre Mutter über Menschen, die an der Schwindsucht leiden und nicht das Geringste für das Einathmen einer gesunden Luft thun....

Drittens, der Bauer Sandrart...

Ach! Ach! schmachtete Melanie, fast verzweifelnd.

Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen, vor uns die Mütze abzunehmen, wenn wir in den Ullagrund fahren.

Warum nicht? sagte die Mutter aufwallend.

Der Justizdirector meint, es wäre nun einmal der reichste, freieste und impertinenteste Mensch im ganzen Fürstenthum.... Jetzt, da sein Sohn in der Garde sogar Sergeant geworden wäre, käm' ihm Keiner gleich, es wäre denn der Fürst von Hohenberg selbst....

Egon, heißt der! Gott sei Dank! Sie lenken ein! Bleiben Sie auf der Fährte!

Oder der Feldwebel seines Sohnes, der in der dritten Compagnie des Leibregiments steht, unter dem Major von Werdeck...

Bartusch!

Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas; sagte Bartusch immer ruhig.

Berichten Sie's nur, beschied die Mutter, Herrn von Reichmeyer! Er war über diesen Sandrart am meisten indignirt....

Was das Schloß anbetrifft, fuhr Bartusch unerschütterlich fort, so scheinen Herr und Frau Commerzienrath von Reichmeyer sehr angenehm geruht zu haben. Sie sind schon früh im Felde spazieren gegangen, haben mit Arbeitern herablassend gesprochen und sich die Wirthschaftsgebäude wiederholt angesehen. Man kann daraus schließen, daß von dieser Seite der Gedanke, Hohenberg anzukaufen noch immer nicht ganz fallen gelassen wird.

Die Mutter nickte....

Lasally – fuhr Bartusch fort...

Was Der gethan oder nicht gethan, können Sie überschlagen! rief Melanie, aufs Äußerste gereizt.

In der That weiß ich auch nichts Weiteres von Lasally, sagte Bartusch gemüthlich, als daß er noch schläft und sich gestern Abend über Ihre Coquetterie bitter beklagt hat. Ein Opfer derselben –

Mehr Thatsachen, weniger Betrachtungen!

Ein Opfer derselben, wiederholte Bartusch sehr nachdrücklich, der Pfarrer...

Guido Stromer...

Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer häuslichen Scene gegeben haben. Ob Eifersucht der Gattin, Verzweiflung über seine seit dem Tode der Fürstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des Champagners –

Bei diesen Vermuthungen klopfte es. Man wollte die Störung nicht, deshalb sprang Melanie, ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und über die halboffene Brust zusammenschlagend, an die Thür des Zimmers, um zuzuriegeln. Doch war es nur ihr Mädchen Jeannette, die, schon zierlich geputzt, einen großen Blumenstrauß in der Hand hielt. Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als Morgengruß für Fräulein Melanie Schlurck bestimmt. Jeannette lächelte bei dieser Meldung etwas maliciös.

Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks, bemerkte Bartusch, als Jeannette auf später beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte; im Entzücken über den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen, heute früh wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden, und dieser Plan gab ohne Zweifel die Veranlassung zu einem Ausbruch längst verhaltener Gefühle.

Während die Mutter den großen frischduftenden Strauß zertheilte, um ihn vorläufig in die kleinen Wassergläser, die mit dem Frühstück gekommen waren, setzen zu können und kein weiteres Klingeln erst nöthig zu haben, sagte Melanie, die das Geschenk mit aufrichtiger Theilnahme entgegengenommen hatte:

Und wer weiß, kluger Mann, ob diese Blumen nicht heute ganz früh in der Stille im Pfarrgarten gepflückt wurden, während die gute treue Gattin und die fünf Schreihälse von Kindern noch schliefen! Laßt mir den Pfarrer!

Und die gestrige Scene? fragte die Mutter.

Die stille Frau, die hier saß, als könnte sie nicht Fünf zählen und zu Allem lächelte, sagte Bartusch, hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr geweint. Stromer aber schlug auf die Tische, drohte mit allen möglichen Entschließungen und die Kinder, aufgeschreckt aus den Betten, in denen sie schon schliefen, warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu stiften, bis die Hunde der Mühle anfingen zu bellen und die Eheleute zur Besinnung auf die geistliche Würde des Hauses zurückriefen. Die Frau schwieg, aber, wie sie gesagt haben soll, nur aus Schonung für die kranke Müllerin.

Unglückliches Bild der Ehe! seufzte Melanie's Mutter, die zwar aus ihrem eigenen Leben solche Scenen nur von ganz früh kannte, die Welt aber hinlänglich beobachtet hatte, um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen Abende, wo der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne nicht vollkommen zufrieden war, zu verstehen.

Melanie aber, aufgeregt, sagte noch nachdrücklicher:

Laßt mir nur den Pfarrer gehen! Guido Stromer kommt mir vor, wie ein Apfelbaum, dem, nachdem er lange keine Früchte getragen hat, plötzlich einfällt, im November zu blühen! Der Mama gesteh' ich's, er hat mir gar nicht misfallen. Er ist nicht schön und schon über die Jahre hinweg, wo man noch eines angenehmen Eindrucks durch sein Äußeres gewiß ist, und dennoch besitzt er eine Frische, die auf ein nur gehemmtes, nicht erstorbenes Bedürfniß zur Lebensfreude schließen läßt. Ich denke der Zeit, wo die kleinen Linien, die ich da im Spiegel im Zorn über Bartusch's mich quälende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der Stirn und den Schläfen gezeichnet sehe, einmal auch garstige Furchen sein werden, die weder Schminke noch ein Schönheitswasser fortjagen kann! Da wär' es vielleicht nur der Verstand, der sie auslöscht. Jung erhält nur der Geist. In dem Pfarrer schlummert viel.

Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen? sagte fast erschrocken die Mutter.

Warum nicht ich? Jeder! antwortete Melanie. Guido Stromer hat große schöne Augen, die er oft so gewaltig lüftet, als sollte man in eine ganz helle Krystallwelt sehen, auf der Alles anders aussieht, wie auf der unsern. Wenn der Mann mich lange und prüfend betrachtet, fühl' ich Etwas von den Vampyren, die schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen. Verpflanzt doch nur einmal einen solchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen Schulmeister, dem großen Winkelmann, erzählt hat, verpflanzt ihn aus einem Städtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Büchern und seinen häuslichen Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands.... Doch wohin verirr' ich mich? Was sind Ihnen, Bartusch, die Götter Griechenlands! Bellen Sie weiter, alter Cerberus!

Das Gebell der Hunde, fuhr Bartusch fort, indem er an den kleinen Backwerkresten kaute, die sich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde kann indessen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen Besuchern und Durchreisenden des Orts herrühren.

Endlich! Endlich!

Da ist zuvörderst zu erwähnen, sagte Bartusch, daß mitten in der Nacht eine Depesche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt sich aus der großen Eile abnehmen läßt, mit der heute schon in aller Frühe das Geschäft der Einpackung begonnen hat.

Daher also das frühe Hämmern und Poltern, das mich nicht mehr einschlafen ließ? sagte Melanie und trat ans Fenster.

Himmel, rief sie, was soll der geschmacklose Wagen?

Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im innern Hofe einen langen und breiten Transportwagen der Art, wie man sie in großen Städten bei Umzügen braucht. Die Pferde waren ausgespannt. Hinten der weitläufige Raum halb geschlossen. Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flügel schon die Excellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Thätigkeit, Befehle ertheilend, hier und da beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend, sonst aber schon in gewählter Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend, ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen Bewohnern zeigen würde. Als er eben grüßen wollte, ließ die Mutter rasch den Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Pathos hinter dem schützenden Versteck:

Bist Du es denn, Mann mit den himmlischen kleinen Ohren? Alp meiner Seele, der mich eine Nacht gekostet hat, die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe als eine verlorene ausstreichen muß! Blinzle nicht so gefahrvoll herüber! Mäßige das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quixote! Fürchtest Du nicht, daß ich, angezogen von dem süßen Lächeln Deines mit so kunstvollen pariser Zähnen geschmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reiße und rufe: Mein! Mein? Ja mein, weil Du es berührtest! Schlag es nur auf, Mann! Lächle nur! Es ist die Bibel, das Buch aller Bücher, worin das Hohe Lied Salomonis steht, das ich singen werde zur Geige und Flöte, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit Rosen zu umkränzen! Da notirt er es in einem langen Buche, vielleicht gerade Nummer sechzig, die eine schnöde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthält! Aber Bartusch, Mutter, seht nur, es ist ein Staatsdiener, der das Vertrauen seines Fürsten verdient, selbst die verwesten Blumen, die da noch in der chinesischen Vase stehen, betrachtet er, ob sie dem Staate verfallen sind oder nicht? Nimm sie! Nimm sie! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfäden für das Haar unserer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz, die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich sagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht, bereits närrisch geworden ist....

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