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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Zwölftes Capitel.

Eine Überraschung.

Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem großen Salon getrennt. In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begrüßen und gemeinschaftlich zu frühstücken, wenn sie nicht vorzogen, die balsamische Frische der Natur und den Kaffee in dem Garten einzuschlürfen.

Schon lange hatte am nächsten Morgen die Mutter gewartet und sich, als Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhüpfen wollte, erlaubt, leise an die Thür des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte und sie es acht Uhr schlagen hörte, klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein wenig leise an...

Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter trat ein.

Wie erschrak sie, als sie ihr Kind noch im Bett fand! Melanie erklärte sich leidend. Sie hätte eine unruhige Nacht gehabt, und fühlte sich unvermögend schon aufzustehen.

Die Mutter gerieth in nicht geringe Bestürzung.

Nein, nein, sagte Melanie, bekümmere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht einschlafen. Wie ich so mit müden Augen lag, die sich nicht schließen wollten, glaubte ich, vielleicht wäre die Hitze des Zimmers an dieser Aufregung der Nerven Schuld. Ich stand auf, zog die Vorhänge zurück, daß der helle, volle Mondenschein hereinfiel...

Da hast du dich erkältet, sagte die Mutter, als Melanie stockte...

Sie schüttelte den Kopf.

Was ist es denn? Sprich, mein Kind!

Wie ich das Fenster öffnete..., glaubt' ich unten eine Gestalt zu sehen, die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war.

Hackert! sagte die Mutter mit blinzelnd zugedrückten Augen und sich abwendend.

Ja Hackert! wiederholte Melanie seufzend. Ob ich sagen soll, daß er in seinem gewohnten nächtlichen Zustande war, weiß ich nicht. Er schien mir wach zu sein. Das Weiße seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft an. Ich schlug entsetzt das Fenster zu. Als ich dann noch einmal hinblickte, war Fritz verschwunden. Ich schlief ein, ward aber so von Träumen geängstigt, daß ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschöpft als gestärkt fühle.

Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nähe bestätigen. Lasally wollte ihn gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Theetisch zugeflüstert....

Du hast keinen Geist gesehen! sagte sie seufzend.

So sind wir denn überall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf sich wie verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers.

Gutes Kind, begann bekümmert die Mutter, beruhige dich! Ach, es ist über diesen Gegenstand schon soviel von Deinen Ältern gejammert worden, daß deine Klagen unsern Schmerz nicht erreichen! Der Vater nahm Hackert aus dem Waisenhause. Alles, was man von seiner Geburt erfahren hatte, war so dunkel und abenteuerlich, daß er unser Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen Arbeiter, den er sich von unten auf selbst erziehen wollte. Er ließ ihn unterrichten; er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich früh schon von einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen, daß er mit des Vaters geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde, als selbst Bartusch es ist. Die Folge davon war die größte Vernachlässigung seiner selbst und eine Vertraulichkeit mit der Familie...

Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Ausdruck des größten Schmerzes.

Ich denke mit Entsetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort, daß wir so blind sein konnten, in der Freude unsers glücklichen Aufschwunges, im Genusse der vielen Heiterkeit, die uns auf unserm Lebenswege lachte, das Ernsteste zu übersehen, das Gefährlichste, was sich neben uns entwickelte. Dieser Knabe wuchs mit dir auf. Listig wie er war, gewann er bei aller Häßlichkeit, aller Widerwärtigkeit seines Äußern, an die wir uns gewöhnt hatten – die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor – unser Aller Vertrauen. Ob wir, um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen, den Bedienten schickten oder Fritz diesen Dienst verrichten ließen, schien uns unglücklichen Menschen einerlei; ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor, da er verläßlicher schien als Alle und fast im Hause wie dein Bruder gehalten wurde. Unselige Vertrautheit, die ihn ermuthigte, Hoffnungen in ihm nährte und seine Sicherheit bis zum Übermuth steigerte!

Melanie schwieg eine Weile, stemmte ihr schönes Haupt auf eines ihrer Kissen und sagte zu der ängstlich sie anblickenden Mutter:

Und doch war die Strafe, die ihr über ihn nach jener schrecklichen Nacht verhängtet, zu hart! Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden für uns Alle geworden! Aus dem Hause wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich nie an ihm kannte, fast mit Füßen getreten, irrte er wie ein rachsüchtiges Thier umher und droht uns mit Allem, was er in unserm Hause erlebte, erfuhr, entdeckt hat... droht uns...

Entdeckt hat? unterbrach sie die Mutter erschreckend. Was kann er entdeckt haben als den regelmäßigen Gang eines großen ehrenvollen, vom Fleiß und dem Genie des Vaters geleiteten Geschäfts? Das Einzige, was man fürchten konnte, war der lose freche Mund des frühverdorbenen jungen Wüstlings. Ich zitterte, wenn ich nur daran dachte, wie...

Die Mutter stockte.

Was dachtest du? sagte Melanie.

Ach, ich will nichts mehr sagen! Laß es gehen!

Mit euerm ewigen Gehenlassen! Dieses stete Vertuschen und Verschweigen! Was nur dachtest du?

Melanie –!

Fürchtest du, daß er den Menschen erzählt, wie früh dieser sozusagen Halbbruder, der mit mir aufwuchs, versucht hat...

Deine Phantasie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenstücke erführe –

Mutter! rief Melanie hastig auffahrend, als könnte sie doch die zu gründliche Untersuchung dieser Wunde, die sie selbst veranlaßte, nicht länger ertragen. Schweige! Schweige! Vergiß nicht, daß dieser Unselige vorgibt, mich zu lieben, mir treu sein will mit unglaublicher Anhänglichkeit und niemals wagen wird...

Anhänglichkeit, die ich Wahnsinn, Frechheit nenne! unterbrach sie die Mutter, vor Zorn sich röthend.

Laß es gut sein!

Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmälig.

Erst erwartete sie, daß Melanie ihr zusprechen sollte. Da die Tochter aber in ihrer träumerischen Lage verblieb und mit keinem tröstenden Blicke sich ihrer Pein erbarmte, streichelte die Mutter die heiße Stirn des Kindes und küßte die zarten blauen Äderchen, die sie in Melanie's Augenwinkeln entdeckte.

Weg, weg mit diesen Sorgen, rief sie, sei heiter, Melanie! Noch gestern hast Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen. Die gefeierten Ohren des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht, als wenn Du dem Lieutenant von Aldenhoven gesagt hättest, er gliche dem Adonis. Was willst du mit dieser Eroberung?

Melanie verzog ihre ernsten, schmachtenden und erschöpften Mienen zu einem Lächeln, dem ein wehmüthiger Zug beigemischt war. Ohne auf die Frage der Mutter zu antworten, lenkte sie das Gespräch wieder auf Hackert zurück.

Gern wollt' ich beruhigt sein, sagte sie, beruhigt über Alles, was uns Hackert Schlimmes etwa anthun könnte, wenn ich ihn nur überzeugen könnte....

Wovon? Wovon, Kind? fragte die Mutter erstaunend. Kehrst Du wieder auf diesen unheimlichen Gegenstand zurück?

Melanie gab anfangs keine Antwort, dann aber sagte Sie:

Ich thue Niemanden gern weh.

Aber ich bitte Dich, Kind, Erklärungen! Erklärungen gegen einen solchen Menschen! Ein halbes Thier ist dieser Hackert....

Mutter!

Ja Melanie!... Die Mutter ließ sich in ihrer Auffassung nicht stören und hob absichtlich das an Hackert Ungefällige hervor – ja, Melanie, es ist ein Mensch von einer Unreife, die mir ein Grauen einflößt. Dies Haar, dieser Gang, diese Magerkeit! Und diese Bosheit, dies verruchte Herz –

Du übertreibst....

Nein, Kind, Das ist ein Wesen, wie ich mich entsinne, einst in einer Gesellschaft gehört zu haben, zu der mich Frau von Trompetta mitnahm. Wie hieß das Stück, das der berühmte Dichter vorlas, das Stück, wo ein so unfertiger Halbmensch vorkommt, den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt?

Der Sturm! Der Sturm, liebe Mutter!

Der Sturm! Und der böse Gast, den der Zauberer auf der wüsten Insel findet –

Caliban!

Caliban! Das ist's! Ein solcher Caliban ist dieser Fritz, fähig, seine eigenen Geschwister... zu verzehren, wenn ihn grade Hunger triebe! Ein Halbmensch, ohne Gemüth, ohne Liebe, ohne einen Funken edler Hingebung! Nur sinnlich, nur ein Wesen, das blindlings seinem Instincte folgt....

Er ist krank...

Durch sich selbst! Die Zerrüttung seiner Nerven, wer verschuldet sie?

Sein Nachtwandeln ist erst über ihn gekommen, als man ihn so grausam verstieß. Als man ihn vollends mishandelte, als Lasally –

Nein, die Wuth, der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen....

O Mutter! Ich weiß, was ihn nicht schlafen läßt! Ich lasse mich nicht irremachen. Ich habe nachgedacht über Fritz. Ich habe über ihn geweint. Das ist der Mensch, wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne den Sonnenschein des Geistes aufwächst –

Ja! Ja! Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel, als der Sturm vorgelesen und Caliban's Charakter erörtert wurde?

Mit diesen Betrachtungen, meinte Melanie, schwatzen wir unser Unrecht nicht weg. Wenn ich ihm sagen könnte: Fritz –

Melanie, fiel die Mutter ein, Du wirst doch keine Erörterungen mit ihm herbeiführen, seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen?

Der Schein, Lasally's empörendes Benehmen zu billigen, drückt mich....

Nimmermehr! Wie geht Das! entgegnete die Mutter besorgt. Die Mißhandlung, die ihm Lasally angethan hat, war roh, aber sie brachte gute Folgen. Sind wir nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben? Konnten wir sonst einen Schritt vorm Thore, im Park thun, ohne ihn aus den Büschen heraustreten zu sehen? Konnten wir das Theater besuchen, ohne beim Nachhausefahren ihn im Gedränge der Menschen an unserer Seite zu finden? Seit einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal, daß er sich wieder in unsere Nähe wagt. Er wird Lasally und seine Jockeys sehen und sich vor ihren Reitpeitschen zum zweiten male in Acht nehmen....

Erinnere mich nicht, fuhr Melanie entsetzt auf, an diese brutale Scene! Sie hat mir Eugen, den ich seines ehrlichen und offenen Charakters wegen zu schätzen im Begriffe stand, aufs tiefste entfremdet. Ich gestehe, daß ich an Lasally Gefallen hatte. Gerade, daß er als geborener Israelit nicht eine einzige der Eigenschaften zeigte, die man sonst an diesem Volke tadelt oder lächerlich finden will, hatte mich zu ihm hingezogen. Sein trockener Witz ist ganz anders als der Witz seiner Glaubensgenossen. Er gibt sich für beschränkter, ununterrichteter als er ist. Er will, während alle seine Glaubensgenossen nach Geist streben, keinen Geist haben und hat ihn. Wie er mich reiten lehrte, that er es mit soviel Bonhommie, soviel Humor, daß ich ihm wahrhaft gut war. Was soll aus mir werden? Eine Königin? Eine Herzogin? Eine Offiziersfrau? Eine Frau Assessorin? Ah... Bah! Ich konnte mir denken, der Vater stellt dem Eugen durch meine Mitgift seine Finanzen wieder her, wir bauen eine prächtige Arena, den Tummelplatz der ganzen eleganten Welt, wir verbinden sie mit einer glänzenden Erleuchtung, mit Lauben, mit Treibhäusern für Die, welche nach dem Ritte sich erholen wollen. Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen bürgerlichen Sphäre, in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war, der Gedanke, durch die Verbindung mit Lasally könnt' ich die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt fesseln, mit den schönsten Damen, den elegantesten Männern in Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln, bis ich freilich durch die größere Bekanntschaft in dieser Sphäre Eugen's, der mich in sie eingeführt hatte, ihrer überdrüssig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung erhalten würde. Es war eine Verirrung. Und doch währte es lange, bis sich meine Phantasie von Lasally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller Damen, dem galanten kühnen Reiter und gesuchten, bei allen Kunstausstellungen auf ein Dutzend Bildern dargestellten öffentlichen Charakter, lossagte. Erst als ich den Abend in unserm Garten vorm Thore, wo Lasally mit mir scheinbar harmlos lustwandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muß: Gott, da ist schon wieder Hackert über den Zaun gestiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's klägliches Geheul hörte, als Lasally selbst, wie ein Rasender, seine ganze Kaltblütigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muß, wie zwei seiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitschen grausenhaft mishandeln und Lasally, Eugen Lasally selbst, ihn mit der Reitgerte wie ein Rasender gerade über den Kopf hieb, während die Hunde seine Kleider zerrissen –

Rege Dich nicht auf! sagte die Mutter. Laß die Erinnerung, Melanie! Es ist ein Jahr her. Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du würdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen.

Ihr verschwiegt mir, daß Hackert auf den Tod lag, sagte Melanie.

Der Vater ließ für ihn sorgen....

Ich erfuhr später Alles, fuhr Melanie erregter fort. Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen. Doctor Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Gesellschaft begegnete, erzählte mir, daß er Anfälle von Raserei hätte. Wie ein wüthendes Thier schlüge er dann um sich, fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in eine Erschöpfung, die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwäche zur Folge haben würde....

Es ist traurig. Aber was läßt sich thun? sagte die Mutter bestimmt, jedoch ohne Kälte. Und der Vater handelt edel an ihm....

Doctor Hammer erzählte zuerst von seinem Nachtwandeln – in großer Gesellschaft – vor aller Welt... Meine Verzweiflung, Das anhören zu müssen! Ich hätte in die Erde sinken mögen –

Schon bei uns hieß es, er wandle bei Nacht!

Nie! sagte Melanie bestimmt.

Woher kannst Du Das so bestimmt versichern?

Nie! sag' ich! wiederholte sie der staunenden Mutter. Sein damaliges Nachtwandeln war etwas Anderes.... Und nun genug davon!

Melanie schwieg und warf sich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kissen wühlend.

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