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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Frau von Reichmeyer, die es fühlte, daß sie zu lange geschwiegen hatte, um nicht für beschränkt zu gelten, ergriff diese Gelegenheit zu der Frage:

Woher kommen nur diese Feinde?

Liebe Schwester, sagte Eugen, wer kein Geld hat, hat keine Freunde, und keine Freunde haben ist soviel, wie Feinde haben.

Der Fürst, erklärte Herr von Zeisel, setzte leider seine Würde zu oft aufs Spiel und verdarb es mit denselben Protectoren, denen er es mislich, ja schwer machte, das Wohlwollen, das sie für ihn fühlten, immer auch öffentlich zu zeigen...

Nein, nein, seien Sie aufrichtig, fiel Stromer ein. Verschweigen Sie nicht, Herr Justizdirector, wovon wir bei unsern nähern Beziehungen zur Fürstin so oft Gelegenheit hatten, uns zu überzeugen; verschweigen Sie nicht, daß es wirklich eine geheim angelegte sonderbare Mine der Intrigue gegen die Fürstin gegeben hat! Sie wissen, wie oft sie über die Bosheit und Heuchelei der Menschen bei wirklich räthselhaften Veranlassungen klagte. Sollte Ihnen entfallen sein, welche Namen sie nicht selten als die ihrer ärgsten Feinde bezeichnete? Ich erinnere Sie an eine Dame –

Stromer hielt absichtlich inne. Herr von Zeisel wurde unruhig, überroth, seine Gemahlin erblaßte, Beide blickten erschrocken bald auf den heute sehr tapfern, angeregten Pfarrer, bald auf Herrn von Harder, dem seit Erwähnung der Bilder dies Gespräch verdrießlich, ja unehrerbietig erschien.

Genug, sagte Stromer. Die Feinde des fürstlichen Hauses mögen verschuldete sein, es sind ihrer aber auch solche, die wol nur dadurch entstanden, daß die Fürstin Amanda in ihrer Jugend sehr schön, sehr liebenswürdig und von aller Welt angebetet war....

Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder. Er ahnte in ihnen eine Beziehung zu seiner Gemahlin. War er auch wenig in die eigenen Lebensbezüge derselben, die erst seit zehn Jahren seine Gattin war, verwachsen, so wußte er doch, nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung, sehr vollkommen, welche Farbe er in dieser, überhaupt in jeder Gesellschaft halten mußte. Sie sagte ihm ja immer: Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen! Und ohne daß er die Gründe dafür erfuhr, war er dann eiskalt gegen Den oder in seiner Weise glühend gegen Jenen. Er wußte vollkommen, daß seine Gattin in ältern Tagen, noch während ihrer ersten Verheirathung – mit ihm führte sie die zweite Ehe – mit der Fürstin verfeindet war; er hatte noch neuerdings, wo gerade auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenberg'schen Einrichtung betrieben wurde und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in der Residenz bedingte, bei Auseinandersetzung der Gründe, die sie scheinbar dazu bestimmt hätten, das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens beobachten können, und somit überstieg das Gespräch das Maaß Dessen, was er als Gatte und überhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhören zu dürfen....

Melanie aber rief:

Laßt die Todten ruhen! Was quälen wir uns damit, zu erforschen, was die Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefühlt haben mögen! Zürnen Sie nicht, Herr Pfarrer, daß wir so oberflächlich und weltlich sind! Unsere Religion ist die Natur, die Kunst, die Freude! Kommen Sie, wir wollen etwas Musik machen, wenn dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat, noch einige Klänge herzugeben.

Damit öffnete sie den Flügel, der noch in diesem Saale von den ehemals hier gehaltenen Betstunden stehengeblieben war. Es war ein altes verbrauchtes Instrument, dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte, leidlich eine Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen Bauernchor zu verhindern, nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen oder einen Vers um eine Terz höher zu schließen als man ihn angefangen hat....

Melanie schlug eine Polka an. Manche Saite war schon gesprungen, manche sprang jetzt erst. Sie ließ sich jedoch nicht irremachen, sondern begleitete die leicht tändelnde Melodie, die sie spielte, mit den entsprechenden Bewegungen ihres Körpers. Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klägliches Durcheinandersummen der ungestimmten Töne. Ärgerlich brach sie ab. Sie konnte aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation. Man war die feierliche Stimmung los, stand auf, nahm einige kalte Speisen zu sich, die Madame Schlurck nach dem Thee herumreichen ließ, und stellte sich in Gruppen an die Fenster, an den Flügel, an das Kanapee der freundlichen Wirthin.

Guido Stromer aber war nicht der Mann, der sich so leicht entthronen ließ. Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends, lobte Melanie's Spiel, rühmte die Speisen, erörterte die kleinsten Dinge durch piquante Commentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist, der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente, sie auszuspinnen und sinnig zu verknüpfen, finden konnte. Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann. Ohnehin neckte ihn Melanie und wußte ihn, gleich einem Magnet, der in einer Wasserschüssel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht, bald in diese bald in jene Ecke zu locken, sodaß er nahe daran war, von dem Nimbus seiner ihn umstrahlenden Würde viel einzubüßen und sich wie Einer der Andern unter den Andern zu verlieren. Als er anfing, doch auch zu freundlich zu zerschmelzen, zu geziert, wie Malvolio in Shakspeare's »Was Ihr wollt«, nach geschnörkelten Phrasen wie nach Fliegen zu haschen, entwand sich ihm das listige Mädchen und ging gerade da, wo er schon zweideutig zu flüstern begann, in einen lauten Ton über, den Alle hören sollten. Man gruppirte sich um sie. Sie neckte Alle. Sie neckte den Commerzienrath mit seinen Staatspapieren, den Justizdirector mit seinen Processen, Eugen Lasally mit seinen Wettrennen, für die er Pferde und Jockeys hungern und mager werden lassen müsse.... So hatte sie es dahin gebracht, daß Alles wieder saß und sich gefallen ließ, Räthsel und Charaden zu lösen, die sie in schnellster Gewandheit, den anwesenden Personen angepaßt, zu erfinden verstand.

Die Überladung, die das eigenthümliche Kennzeichen der Häuslichkeit Schlurck's war, brachte auch für diesen Abend, wie für jeden noch eine Collation Champagner. Dieser Wein war bei Schlurck so eingebürgert, daß man wol sagen konnte: er floß bei ihm in Strömen. Es mochte dieser Luxus daher kommen, daß Viele seiner Committenten, Viele der Personen, denen er Häuser, Güter, Geschäfte verwaltete, ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten. Ein gewisses prahlerisches Wohlleben war leider die tägliche Ordnung im Schlurck'schen Hause und für so besonnen und klug Melanie's Mutter auch im Praktischen gelten konnte, nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es, jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrüßen und zu beschließen, als ein Fest, wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkränzten.

Ja! ja! rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer, der kein Auge für Linchen, seine bescheidene Frau, den ganzen Abend über gehabt hatte, jetzt aber doch einmal zu ihr, der Dulderin, hinüberschritt mit dem Champagnerglase in der Hand; ja, ja, Lina, wie ist die Welt so schön, wenn man mit der Natur auf vertrautem Fuße steht! Da blitzt der Krystall, da lacht die Rebe, da funkeln Diamanten, auch wenn man Krystall und Diamanten nicht selbst besitzt! Im Auge liegt die Welt, im fröhlichen Auge der Liebe liegt sie gewiß; Liebe verklärt, Liebe besitzt, Liebe verjüngt! O wer sie nie gesehen hätte die schaurigen Schatten der Einsamkeit, wer nie erbebt wäre vor dem Anblicke des Todes! Da würden sie fern geblieben sein die düstern Gedanken, mit denen der grübelnde Mensch sich seinen Sonnenschein verhängt, seine Lauben in Grüfte verwandelt, seine lachenden Fernsichten in Abgründe! Ein Kind, ein Kind zu sein unter Blumen und Früchten! Lina, nichts schleppen als, jenen lieblichen dicken dresdener Jungen des Rubens ähnlich, Trauben, Trauben und Pfirsiche und kleine Kaninchen; o Seligkeit, es ist vielleicht die des Himmels auf Erden. Und wenn wir einst an die Pforte des Paradieses klopfen und sie im Jenseit genießen wollen, sagt uns Petrus: Ihr Thoren, was sucht Ihr hier oben? Die Seligkeit habt Ihr Euch auf Erden ja entgehen lassen! Steigt nun hinunter in das Zwischenreich, wo nicht die Seligen, nicht die Verdammten wohnen. Ach, ich weiß, was da hauset! Es ist die Reue! Die bittere nagende Reue!

Bravo! rief Melanie überlaut und stürzte sich mit komischem Affect Stromer'n fast zu Füßen.

Bravo, Priester! sagte sie und sprach damit die allgemeine den Pfarrer bewundernde Stimmung aus. Auf diesen Glauben gib mir deinen Segen!

Stromer'n, dessen allerdings geistreicher, eigenthümlicher und für deutsche Zustände bezüglicher Natur wir immer näher kommen werden, Stromer'n zitterte das Champagnerglas in der Hand. Einige Tropfen fielen auf Melanie's entblößte Schultern.

Guido! schalt Linchen, seine Gattin.

Mag' es fließen, rief Melanie, während Alle lachten; er taufte mich auf seinen neuen Glauben! Pfarrer! Sie müssen sich zu uns bekehren. Wollen Sie?

Damit stand sie auf und schüttete ihr Glas in das seinige. Wie eine Hebe so schön, hob sie den gerundeten nackten Arm und ließ von oben herab in wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten, daß es in Stromer's Glase aufzischte und wie mit tausend Perlen schäumte. Geblendet saß der glühende Mann da und setzte taumelnd das Glas an die Lippen!... Ah! rief Alles plötzlich erschrocken. Noch nachträglich zu den vielen gesprungenen Saiten im alten Pianoforte der Fürstin sprang eben noch eine der letzten.... Diese Mahnung wie von Geisterhand brachte Guido Stromer'n zur Besinnung. Es überrieselte ihn ein Schauer, als er der Tage gedachte, wo er hier betete und von der Sündhaftigkeit der Creatur sprach.... Aber so wirkte noch die warme Berührung seiner Kniee durch die vor ihm fast niedergesunkene Melanie in seinen zitternden Nerven nach, daß er nur noch in ihrem Anschauen lebte und mit wonniger Spannung zuhörte, als sie in ihr dunkles Haar greifend rief:

Jetzt zum Abschied für heute Abend: Wem laß' ich die Rose hier zum Andenken? Ich wollte sie verschenken. Wehe! Sie ist vom Stiel gebrochen! Armes hülfloses Hundertblatt, wer soll nun deine Stütze, dein Stab und Stengel werden? Wer soll dich mitnehmen und an sein Herz oder in sein Stammbuch oder auch nur in eine einfache Cigarrentasche legen und sich dabei sagen: Melanie gedenkt Deiner, gedenke du ihrer!

Alles sah gespannt auf den Pfarrer und Dieser, bebend, schlug die Augenwimpern nieder.

Ich concurrire nicht, sagte Eugen sogleich mit einer spöttischen, ernsten Miene über Melanie's Übermaß von Coquetterie.

Sie ziehen Ihren Einsatz zurück, Stallmeister, antwortete sie, und wissen nicht, wie Sie gewinnen,... wenn Sie schweigen! Sie haben heute soviel geschwiegen, Lasally; wüßten Sie nur, welchen Respect man vor Ihnen bekommt....

Melanie sprach diese Worte so scharf, daß sie unwillkürlich belacht werden mußten, zum großen Ärger der Commerzienräthin von Reichmeyer, die ihren Bruder liebte und Melanie's Gefallsucht umsomehr verabscheute, als auch ihr Gatte von den Netzen derselben umstrickt war. Eugen aber war eine viel harmlosere Natur.

Mein Fräulein, sagte er, Sie wissen, daß ich auf Geist keinen Anspruch mache. In meinem Kreise amüsirt man sich, wenn man gut reitet, gut schießt, Glück bei den Damen hat und die besten Cigarren hält. Um mich gründlich zu bilden und bei einem großen Genie in die Lehre zu gehen, hab ich einmal angefangen, nicht nur Schiller, sondern auch Goethe zu lesen. Ich las »Wilhelm Meister's Lehrjahre«.

Nun, rief Stromer wild. Wie wurde Ihnen da? Ergriff Sie Achtung vor der Bildung?

Bester Herr Pfarrer, antwortete Lasally trocken, als ich las, daß dieser Wilhelm Meister, dieser junge Commis und Ladenschwengel –

Entsetzlich! rief Frau von Zeisel, die Etwas auf Autoritäten hielt und auf Erziehung Ansprüche machte.

Als ich sah, ließ sich Lasally nicht irremachen, daß dieser Wilhelm Meister seine Liebhaberei für Puppenspielereien einer hübschen Schauspielerin erzählt, die dabei einschläft und immer noch von Puppenspielen erzählt, während Marianne schon in seinen Armen schnarcht, habe ich das Buch weggeworfen und mir vorgenommen, bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen... man wird da lächerlich, ohne es zu merken.

Melanie strafte ihn aber für diese böse, gegen Stromer gerichtete Anmerkung.

Ein Goetheverächter, sagte sie, bekommt meine Rose nicht.

Es wuchs die Spannung, wem sie ihre Gunst zuerkennen würde.

Dem Witzigsten! hieß es.

Dem Artigsten!.....

Dem besten Reiter! sagte man mit Spott auf den Commerzienrath.

Melanie ging mit der Rose im Kreise umher und wählte und wählte...

Ich suche seltene Vorzüge, sagte sie, irgend etwas Neues, Bedeutendes... Wer meine Gunst verdient, muß... Ah Bartusch!

Mich lassen Sie aus dem Spiele! rief Dieser komisch erschreckt und wehrte die Rose ab zum Gelächter der Übrigen.

Daß Sie heute nicht mit den Fingern rechneten, rief Melanie, nicht an den Nägeln kauten und Ihren alten bösen Husten einmal bei sich behielten, verdiente in der That eine Auszeichnung, und wenn ich bedenke, daß Sie heute sogar noch ein hübsches, glattes, sauber rasirtes Kinn haben –

Der graue Schleicher, verfolgt von Melanie'n, rief kichernd: Gute Nacht! ergriff schnell einen Leuchter und lief unter allgemeinem Spotte davon.

Die doch etwas verletzten Damen wollten seinem Beispiel folgen und aufbrechen.

Nein! sagte Melanie, ihr misgünstigen Schwestern, wird Frauengunst so verschmäht? So wenig Werth gelegt auf eine Rose, die ein Mädchen im Haar getragen? Zur Strafe für die studirten Herren, deren Gattinnen am meisten mit den Stühlen rücken, bekommt die Rose der, der die größte äußere Schönheit besitzt, den kleinsten Fuß und die weißeste Hand.... Herr Justizdirector, strecken Sie Ihren Fuß vor!

Dieser zog seinen furchtbaren Elefantenfuß rasch zurück. Henning von Harder aber merkte etwas.....

Die Hand des Commerzienrathes wurde gerühmt. Sie war rundlich und wohlgepflegt, aber viel größer als Harder's. Und seine Gemahlin bedeckte sie; sie wollte der Posse ein Ende machen.....

Harder war entzückt..... er zitterte.....

Ich hab's! rief Melanie. Meine Rose ist erobert. Excellenz.... Excellenz hat das Seltenste, was ich je gesehen....

Was? fragte man erstaunt.

Die kleinsten, zierlichsten Ohren von der Welt! sagte Melanie.

Der Contrast der Würde, die dieser Mann behauptete, und die allgemeine lautlose, starre Bewunderung seiner Ohren, die er mit geschmeichelter Befangenheit wirklich nun zuließ, war im höchsten Grade lächerlich. Die Ohren fand man rings um die Excellenz herumgehend, in der That so klein, daß Herr von Harder nicht ohne Schüchternheit gestand, daß er diesen Vorzug allerdings schon oft an sich hätte rühmen hören. Mit einer Bescheidenheit, als wenn er für eines der größten Geistestalente nichts könne, da es ihm die Natur einmal gegeben, nahm er dann von der in seinem Anschauen wie selig schwelgenden Melanie die Rose entgegen und richtete an die bestrickende Circe eine so verwirrte Anrede, daß man sich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten Galanthomme gründlichst weiden konnte. Schwerlich hatte sie bei dieser Neckerei ein Interesse. Was war ihr der Geheimrath? Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes, sie, die die zudringlichen Anträge junger Grafen und Fürsten täglich abzulehnen hatte und deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrschen und consequentes »Nein«-Sagen sein mußte.... Prinz Ottokar selbst, des Königs Bruder sogar, hatte sie schon auf Bällen ausgezeichnet... sie floh nur immer, wich immer nur aus. Was war ihr also die grenzenlose Verwirrung, die sie über den Geheimrath hervorbrachte, anders als eine Tändelei der »Lieb' im Müssiggang«?

Als sich die ganze Gesellschaft empfohlen und zerstreut hatte, brach Melanie, die Mutter umarmend, in die Worte aus:

Zürne mir nicht, gute Mutter! Wir tanzen solange über den Blumen des Lebens hin und blicken dabei unvorsichtig nach der Sonne empor, bis wir einmal zerschmettert an einem Abgrunde liegen, den wir in unserer Lust doch übersahen!

Welch ein Bild! Kind! Das wolle Gott verhüten! antwortete die Mutter besorgt. Was hast du?

Kopfweh für heute! sagte sie abgespannt. Und nun... gute Nacht!

Damit küßte sie die Mutter, der sie für weitere Fragen, Mahnungen, Besorgnisse mit graziöser Handbewegung rasch den Mund zuhielt, und verschwand in ihrem Zimmer, wo Jeannette, ihre hübsche Zofe, sie schon ungeduldig mit einem Licht erwartete....

... Das Mädchen kaute Kaffeebohnen, um an ihrem Athem zu verbergen, wie man unten im Erdgeschoß oben den Herrschaften nachahmte und sich würdig zeigte, in einem Hause zu dienen, wo nur der Materialismus herrschte....

Melanie, in Gedanken versunken, merkte nichts von den Kaffeebohnen, nichts von dem glühenden, punscherregten Gesicht des Mädchens. Sie ließ sich ruhig entkleiden. Sie duldete ohnehin niemals, daß man sie vor dem Schlafengehen aus ihren Träumen durch Plaudereien weckte, besonders so indiscrete und zweideutige, wie sie Jeannette meist zu verführen pflegte.

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