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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Ah! sagte man allgemein, von der Anekdote vortrefflich unterhalten. Alle lachten, selbst Frau Pfannenstiel. Nur Einem schien dieses Durcheinander von Lachen, Erzählen und Fragen im höchsten Grad unheimlich, dem Pfarrer Guido Stromer. Die Ausdrücke: Maler, Schwan, Schwanenorden, Leda, Solitude, Gethsemane – gingen so bunt an seinem Ohr übereinander weg, daß ihm schwindelte. Aber die heilige Entrüstung, die er sonst bei einer Erzählung würde gefühlt haben, die so ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Räume paßte, überkam ihn zu seinem eigenen Staunen nicht mehr. Zu lachen vermochte er freilich nicht. Fehlten ihm doch die Verbindungsfäden näherer Bekanntschaft mit den Personen und die genauern Details. Aber es war da Etwas in ihm von eigenthümlichen Jugenderinnerungen, die ihn ergriffen und ihn wonnig überrieselten. Er gedachte, so im Stillen grübelnd, der Zeiten, wo er noch in akademischen Jahren den Trieb hatte, bei einem berühmten Archäologen Kunstgeschichte zu hören, wo er noch mit aufmerksamer, herzinniger Betrachtung durch die Säle einer Kunstausstellung schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Tholuck, den er in Halle später hörte, noch nicht Götzenbilder nannte! Er strich sich nachdenkend über die Augen, er, der außer Melanie der Einzige war, der etwas Genaueres von der Mythe der Leda, die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte, verstand und diese Mythe zu deuten wußte. Als nach dem Lachen eine Pause eingetreten war und Alles nun zu ihm, dem heiligen schweigenden Manne, mit einer gewissen Befangenheit hinblickte, sagte er mit sehr leiser Stimme:

Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben, was es mit dem vorhin mehrerwähnten Gethsemane der Frau von Trompetta für eine Bewandtniß hat?

Melanie erklärte es ihm, indem sie noch einige Entdeckungen über die Art, wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen geräuschvollen Wohlthätigkeit zu widmen verstand, zu erzählen wußte.

So! so! war Stromer's ganze Antwort. Er versank in ein stilles Nachdenken und spann Betrachtungen für sich aus, die ihn auch auf die große Ähnlichkeit führten, die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie und der reizenden Melanie bestand. Er blickte nieder, brütend, abwesend und nur unheimlich schoß sein Auge zuweilen einen Blick empor, der forschend über die Versammlung glitt. Er überdachte einen andern Entwickelungsweg, den er hätte zurücklegen können, wenn die hohe Frau, die ihn an den Pietismus, an sein einfaches Weib, an seine fünf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte, nicht eine Fürstin gewesen wäre....

Nachdem sich, wie immer, wenn ein Gegenstand erschöpft ist, um den Theetisch eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefühl, durch interessante Entdeckungen eine ganze, wenn auch seiner nicht würdige Gesellschaft angeregt zu haben, sich wiegte, versuchte nun auch der Commerzienrath von Reichmeyer sich geltendzumachen. Er stellte seine Theetasse auf den runden Tisch, auf dem inzwischen schon die große Lampe aufgetragen wurde, räusperte sich und bemerkte:

Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris.

Wer kennt den Prinzen Egon? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit, ohne jedoch aufzuhören, sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos und fast abgespannt mit einem Fächer von Maraboutfedern zu spielen.

Als Alles schwieg, richtete sie ihren Blick auf den Intendanten und sagte:

Sie vielleicht, Excellenz?

Ich habe nicht die Ehre, Se. Durchlaucht zu kennen, bemerkte Herr von Harder.

Commerzienrath von Reichmeyer theilte daher mit, was er wußte.

Der Prinz, sagte er, kann jetzt etwas über sechsundzwanzig Jahre alt sein. Er wurde von seinem zwölften Jahre in Genf erzogen, kam achtzehn Jahre alt nach Deutschland zurück, um jedoch sogleich die Universitäten von Bonn und Heidelberg zu besuchen. Er versuchte dann ein Jahr in der Nähe seiner Familie zu leben, war aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen, daß er Deutschland wieder verließ, nach der Schweiz zurückkehrte und auf Reisen theils in Frankreich, theils in England zubrachte. Eben im Begriff nach Nordamerika sich einzuschiffen, traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls. Mit der bestimmten Erklärung, sich den Antritt seines überschuldeten Vermögens noch vorzubehalten, einer Erklärung, die er an die Curatoren der Masse vorausschickte, ist er nun zurückgekehrt; indessen hoffen wir Alle, daß er sich von diesem Entschlusse abbringen läßt und durch weise Sparsamkeit von den Besitzungen, die einmal seinen Namen tragen, soviel rettet, als noch zu retten ist.

Melanie nannte Das geschäftliche Äußerlichkeiten. Sie wollte Anderes von dem Prinzen Egon hören. Wie sein Äußeres wäre, sein Wuchs, die Farbe seiner Haare, sein Wesen und Benehmen....

Nach Allem, was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat, sagte sie mit trockenem ironischem Humor, muß man wol darauf rechnen, in ihm eine große Ähnlichkeit mit Sr. Excellenz zu finden.

Diese Bemerkung fiel natürlich allgemein auf.

Wie so? In der That? Mit Excellenz?

Da wir nicht hoffen können, fuhr der Schalk fort, daß der Prinz mit meinem guten Vater, den er zu hassen scheint, weil er sein Herz nicht kennt, verkehrt, so bleibt uns nichts übrig als uns an Diejenigen zu halten, die ihm ähnlich sehen. Man rühmte mir schon oft den eleganten Fuß und die kleine weiße Hand des Fürsten....

Über diese Spitzbüberei brummte die Mutter etwas erschrocken vor sich hin und Alle fühlten, daß Melanie die Gesellschaft auf Kosten eines Mannes, der den Spott nicht merkte, unterhalten wollte. Harder erröthete, er wurde unruhig. Er rückte mit dem Stuhl und schien plötzlich sprachunfähig.

Auch Eugen Lasally erschrak. Er schien an Melanie's Komödienstreichen keinen Gefallen zu finden und drückte Dies genugsam durch die Schärfe des Tones aus, mit dem er das Wort ergriff und sagte:

Prinz Egon gilt unter den Leuten, die ihn kennen, für einen halben Gelehrten. Manche seiner Universitätsfreunde nennen ihn überstudirt. Er soll erst die Rechte getrieben haben, jetzt aber ein Narr sein. Man sagt, er hat drei Handwerke, Tischler, Schlosser und noch eins gelernt, ich weiß nicht, Horndrechsler, Friseur, Kammmacher oder welches andre solide Metier!

Während jetzt besonders Herr und Frau von Zeisel über diese Äußerung eines kecken jungen Fremdlings erschraken, bestand Melanie sogleich darauf, diese dritte Profession müßte die Kammacherei sein....

Das Haar ist die schönste Zierde des Menschen, rief sie. Ob ein Haar sich gefällig lockt oder schlicht am Scheitel fällt, ob es die Stirn bedeckt oder ihre Fläche frei erglänzen läßt, immer ist es der lebendigste Sprecher für den Charakter, der in dem Kopf unter ihm schlummert. Kammmacher, nicht wahr, Excellenz?

Herrn von Harder war diese Bemerkung allein gewidmet. Sie galt seinem Haar. Aber, im Hause des Gehenkten ist nicht gut von Stricken reden. Der Blick auf seine pariser Bagno-Perrücke, die Franz, sein Bedienter, wie das natürlichste Haar zu kräuseln verstand, erschreckte ihn doch. Es war ihm daher nur erwünscht, daß man vom Scherz auf Ernstes zurücklenkte....

Wir lachen, sagte der innerlich etwas entrüstete Justizdirector von Zeisel mit beklommener Stimme, wir lachen über die wunderlichen Sagen, die man sich von Sr. Durchlaucht, meinem gnädigsten Prinzen Egon erzählt. Soviel steht allerdings fest, daß Prinz Egon ein... ein... ein sehr unglücklicher junger Mann ist. Denn... erlauben Sie die Bemerkung... denn denken Sie sich eine Jugend, die allerdings nicht behaglicher, angenehmer sein konnte, als noch die reichen Mittel des Vaters, ich sage, als diese noch... noch beisammen waren. Aber schon im genfer Pensionat muß er gefühlt haben, wieviel... sozusagen... wieviel Störungen in dem Hauswesen seiner Ältern eintraten. Als er, es war gerade Winter und die Fürstin in der Residenz, von Genf zurückkam... entdeckte er ohne Zweifel die gewaltige, wie soll ich's nennen? allerdings... die Zerrüttung des schon lange gestörten... oder ist Das zuviel gesagt?... nein! allerdings – des gestörten häuslichen Friedens zwischen den beiden hohen Personen. Wir sahen ihn hier gar nicht. Er bezog sogleich im nächsten Frühjahr die Universität. Nach seinen akademischen Studien lebte er mit seiner Mutter einige Wochen auf den Gütern der Familie, über die sie damals noch... hm! hm!... ja noch!... im obern Gebirge frei... ja allerdings – frei zu schalten hatte. Dann ist er, wie ganz richtig erzählt wurde, sozusagen verschollen, und was man von ihm erfuhr, war in der That ein wunderbares Durcheinander der seltsamsten Dinge, die er, wie man erzählt – hm! hm! treiben, wenn man diesen Ausdruck brauchen darf – treiben soll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht über seinen Entschluß, sich... wie soll ich's nur nennen? ja allerdings... sozusagen, sich mechanische Fertigkeiten anzueignen.

Und niemals war er in Hohenberg? fragte man, nach dieser höchst discreten Rede eines taktvollen und feinfühlenden Beamten, allgemein erstaunt und sah dabei auf Guido Stromer, der noch immer abwesend und wie in Träumen verloren schien.

Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! hieß es, wo waren Sie?

Ei! ich wette, sagte Melanie, Sie sind noch immer bei der Scene mit dem Maler Heinrichson. Ja! Ja! Sie überlegten, wieviel Genuß Ihrer verstorbenen Freundin, der Frau Fürstin, die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von Trompetta verschafft haben würde.

Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene, aber im völlig andern Sinne. Dennoch sammelte er sich und sagte:

Ich leugne nicht, daß ich das Vertrauen der Fürstin in seltenem Grade besaß, und überlegte bei mir im Stillen, wie sie wol eine so erpreßte Wohlthätigkeit, von der Fräulein Melanie erzählte, beurtheilt haben würde. In ihrem Geiste sagte ich mir: Wenn der Künstler soll mit Gewalt gezwungen werden, in das Gethsemane einen Beitrag zu stiften, so ist ja in der That dieses Album recht ein Thränengarten, wie der Name bedeutet, und Judas der Verräther lauert ja mit dem falschen Kuß der Liebe an seinem Eingang. Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus, der den Reichen das Leder stahl, um den Armen daraus Schuhe zu machen. Nimmermehr würde die selige Fürstin eine solche Unternehmung, etwa durch Übernahme von Loosen, unterstützt haben. Denn es liegt doch wol kein Segen in Dem, was nicht aus reiner Quelle fließt....

Nun, Herr Pfarrer, meinte Herr von Reichmeyer, der erst seit seinem letzten Knaben Christ war, wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag, ich will einmal sagen, an das Waisenhaus käme, um den Kindern daraus warme Jacken anzuschaffen; die Jacken halten ebenso warm, ob nun das Album zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde.

Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene. Und gleichsam als würdigte er ihn keiner Antwort, wich er der weitern Debatte mit den leisen Worten aus:

Irr' ich nicht, so hört' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwähnen?

Melanie, die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte aufkommen lassen, bestätigte diese Bemerkung.

Allerdings! sagte sie. Er ist ganz frisch von Paris angekommen. Kennen Sie ihn, Herr Pfarrer?

Geistig sehr wohl, sagte Stromer. Gesehen hab' ich ihn niemals.

Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg? bemerkte Herr von Zeisel und fügte bei:

Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend.

Doch! doch! lieber Herr Justizdirector, erzählte Stromer; Prinz Egon lebte bis in sein vierzehntes Jahr größtentheils hier in Hohenberg. Mein Amtsvorgänger war damals sein Erzieher. Später verbrachte er, nach vollendeten Universitätsstudien einmal acht Tage hier – acht Tage – wo Sie eine Inspectionsreise machten und ich, entsinnst du dich, Linchen, lag ja wol krank?

Linchen, seine Frau, nickte. Sie war so schüchtern, kaum ein leises Ja! zu flüstern.

Als ich wieder vom Krankenlager erstand, fuhr Stromer fort, erzählte mir die Fürstin, wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verständigen könne. Beide Gemüther, in so vielen Dingen nahe verwandt, trennten sich gerade in den wichtigsten Lebensfragen. Sie liebte den Prinzen, ihr einziges Kind, mit einer Leidenschaft, deren Ausbrüche mich oft in Angst versetzten. Nie konnte sie seiner ohne Thränen gedenken. Wenn sie einen Brief von ihm empfing, klopfte ihr das Herz mit hörbaren Schlägen. Sie schluchzte, indem sie ihn las, und gestand mir, daß sie sich durch dies Kind oft unglücklicher fühle, als selbst ein Mutterherz tragen könne. Rudhart, mein Amtsvorgänger, hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen seiner Bildung gegeben. Es war Dies ein strenger, unfreundlicher Mann, der in der Religion nur eine gegenseitige Übereinkunft der Menschen sah, sich nicht zu morden und zu bestehlen. Diese Übereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so oder so verbrämt, bunt und willkürlich ausgeschmückt, sodaß er Christenthum und Islam ineinanderwarf, wenn nur der äußerste Zweck einer gewissen moralischen Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde. Als dieser Seelsorger, ein sonst sehr achtbarer Mann, unserer Gemeinde entsagte und zu einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog – er scheint jetzt verschollen –, war mit der Fürstin schon längere Zeit jene Veränderung vorsichgegangen, die sie bestimmte, nicht nur einen Geistlichen der jüngern und neuern Richtung zu wählen, sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die Anstalt des Professors Monnard, wo sie gewiß sein durfte, ihn nach ihren Principien erzogen zu sehen. Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte, erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte, aber doch in religiöser Hinsicht beruhigende Briefe. Man konnte oft zweifeln, ob diese Briefe der reine Erguß seines Innern oder nur Schulübungen waren. O Gott, rief sie einst aus, wenn diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen würden, um auch ihren Geist so zu corrigiren wie die Sprachfehler! Wenn Egon nur aus Furcht, seinen Lehrern zu misfallen, so schriebe, wie ich wünschte, daß es ihm aus innerster Seele käme! Als ich sie dann, die treffliche Frau, damit zu beruhigen suchte, wie ja Allem, was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle, doch wol erst etwas Äußerliches und anderswoher Entlehntes vorangehen müsse, antwortete sie: Wie aber, wenn dies ungern Aufgenommene in Egon's Seele nicht haften bliebe, sich nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedürfniß nach himmlischer Stärke ergänzt würde! Leider trafen diese Befürchtungen ein. Als Prinz Egon, neunzehn Jahre alt, in der Residenz mit der Mutter zusammentraf und die Universität beziehen wollte, schrieb sie mir, wie kalt, ich wiederhole ihre Worte, wie kalt sie sein Herz gefunden hätte. Eis, sagte sie, gab er mir für die Glut meiner Liebe. Ich suchte sie damals zu trösten; ich verfiel, ich weiß nicht wie, auf die Wendung, daß vielleicht einmal ein großes Unglück ihm heilsam werden könnte. Diesen Gedanken hielt sie, als sie nach Hohenberg zurückkam, mit auffallender Zähigkeit fest. Immer wieder kam sie darauf zurück, daß man nur durch Trübsale und Prüfungen zur Erkenntniß seines wahren Heils gelange. Und Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! rief sie eines Tages ganz krampfhaft aus und sank erschöpft in ihren Sessel zurück. Die zerrütteten Finanzen des Vaters gaben viel Veranlassung, dem Prinzen fühlbar zu machen, wie abhängig er doch im Grunde von äußern Umständen und Bedrängnissen war. Aber der Bruch blieb. Mit dem Vater und der Mutter zerfallen, lebte er auf der Universität, ich kann wol sagen, wild in den Tag hinein, schrieb oft in einem halben Jahre nur einmal nach Hause; dem Vater ohnehin nie. Zuletzt bezog er die Summen, deren er benöthigt war, vom Herrn Justizrath Schlurck, der ihm auch den Tod der Mutter, später den des Vaters anzeigte. In den letzten Wochen vor ihrem Tode hatte die Fürstin die Freude, auf Anlaß ihrer immer mehr zunehmenden Krankheit noch einen hingebenden, recht zärtlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten. Sie küßte ihn unter Thränen, sagte dann aber, ernst sich aufrichtend und auf ein Bild des Erlösers blickend: Der ist die Wahrheit und das Leben! – Sie hatte damals noch ihre letzten Kräfte zusammengerafft, um ihr Testament, ein längeres Vermächtniß, an ihren Sohn niederzuschreiben. Ob es in die Hände des Vaters gekommen; ich weiß es nicht. Sie starb, ich wiederhole Brigitten's Erzählung, mit dem sonderbaren Ausrufe: Das Bild –! Mit diesen, wahrscheinlich auf ein Crucifix sich beziehenden Worten lähmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war sie verschieden.

Auf jenen letzten Ruf der Fürstin hin, ergänzte der inzwischen leise schleichend eingetretene Bartusch die eine feierliche Stille verbreitende Erzählung; auf diesen Ruf hin hat der Fürst beim Verkauf des Nachlasses seiner Gemahlin auch angeordnet...

Bartusch stockte, mit einem Blick auf den Geheimrath, der vom Tode nicht gern erzählen hörte.

Was angeordnet? fragte man allgemein.

Ich vermuthe wenigstens, sagte Bartusch, den Geheimrath dreist fixirend; ich vermuthe, daß die letztwillige Erklärung des verstorbenen Fürsten, alle Familienbilder auf Hohenberg sollten dem Sohne übergeben und von dem Verkauf an das königliche Haus ausgeschlossen bleiben, auf diesen letzten Worten seiner Gemahlin beruht.

Der Geheimrath machte eine unruhige Bewegung.

Herr von Zeisel glaubte ihn zu verstehen und fiel rasch ein:

O, mein Herr Bartusch, es ist diese Anordnung doch wol nur die schuldige Rücksicht eines berühmten Geschlechts auf seine eigene Ehre oder sozusagen... den Glanz seines Hauses. Nicht wahr, Eugenie?

Eugenie, seine Gemahlin, bestätigte diese Worte mit einem kurzen vornehmen:

Allerdings!

Sie war eine geborene von Nutzholz-Dünkerke.

Nun! Nur soviel weiß ich, vertheidigte sich Bartusch mit vieler Trockenheit und wollte den ihm von der Justizräthin zugeworfenen Wink nicht verstehen; soviel weiß ich, die Fürstin war ohne alles Vermögen. Prinz Egon konnte ein mütterliches Eigenthum nicht beanspruchen. Die Familienbilder und eine aus der Verwaltung des Schuldenwesens für ihn sich herauswerfende Apanage von jährlichen sechstausend Thalern bilden in diesem Augenblick seinen ganzen Besitz. Es wird ihm in Deutschland nicht lange behagen, zumal wenn es wahr ist, daß er Bier trinkt, in die Vereine der Handwerker geht, Colonieen stiften will und ähnliche Phantastereien treibt, mit denen man sich bei uns höchstens eine vorübergehende Popularität erwirbt, aber die vielen Feinde, die sich das Haus Hohenberg so schon zugezogen hat, in den obern Regionen leicht vermehren würde.

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