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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Als auch ihn der Intendant der königlichen Schlösser und Gärten so mismuthig durch die Lorgnette betrachtete und dabei die höchst vernünftige Vermuthung äußerte, daß ihn wol hauptsächlich die Speculation auf Melanie's großes Vermögen an diese »bunte kleine Schlange« fesselte, sagte eben Eugen zu einem seiner Jockeys, der die Pferde hinübergeführt hatte und nun heraufkam, um die Küche zu besuchen:

Kannst du dich nicht entsinnen, Jack, was mit dem Einspänner im Walde war?

Der Einspänner? wiederholte Jack, ängstlich vor dem immer misgestimmten, zum Zorn gereizten Herrn....

Kannst nicht hören? sagte auch Dieser sogleich aufbrausend. Der Einspänner im Walde – es sprang Einer vom Bock herunter – ich hab's deutlich gesehen – hast du die Augen zugehabt?

Als der peitschenscheue Jack sich noch nicht recht zu besinnen vermochte, sagte Eugen Lasally:

Er ist ein blinder Hess'! Scher' Er sich!

Jack wollte gehen....

Lasally rief ihn noch einmal zurück und schwang die Reitgerte.

Jack blieb in einiger Entfernung.

Führe die Laura, sagte dieser, in die Schmiede unten! Das Thier hat Etwas. Es quihnt. Die Rackerei mit schlechten Reitern schadet einem guten Pferd. Es wird selbst ängstlich, wenn Einer auf ihm Angst hat. Der Schmied soll der Laura Rhabarber geben. Aber mit dem Alten sprich –

Mit dem Blinden?

Mit Dem! Der Blinde ist pfiffiger als der Junge, der taub ist.

Jack, zwar ärgerlich, daß er nicht in die Küche konnte, wo Melanie's Mädchen, Jeannette, die Manieren ihrer Herrin nachahmte und unter der Dienerschaft ebenso belebend und animirend wirkte, wie Melanie in ihrem Kreise, wandte sich jedoch gleich wieder um, sklavisch ergeben, stieg wieder den Schloßberg abwärts und wollte die Laura in die Schmiede bringen.

Läßst die Laura keine Minute aus dem Auge! rief ihm Lasally noch nach.

Wie Jack ging, wandte sich Lasally an Bartusch, der gerade vorüber wollte:

Wissen Sie, wen ich im Wald gesehen habe, Bartusch?

Eine alte Hexe, hör' ich ja.

Lieber den Teufel selbst, sagte Eugen – Hackert hab' ich gesehen.

Ach! meinte Bartusch mehr komisch als ernst verwundert; was denken Sie?

Ich gebe Ihnen mein Wort! Nehmen Sie's mit der Canaille nicht so leicht!

Wie käme Hackert...

Ich will beschwören, daß auf einem kleinen Einspänner Hackert saß und als er uns bemerkte, ins Dickicht sprang....

Daß dich –! Aber was wäre dabei zu fürchten?

Zu fürchten? Seit dem Abend... seit dem Vorfall hinterm Zaune... in der Königsvorstadt...

Es war auch arg genug, Herr Lasally!

Arg? Ich begreife Euch nicht! Ihr schont diesen Menschen.

Schonen, Herr Lasally?...

Es kommt mir vor, als hätte Schlurck Angst vor ihm....

Herr Lasally!

Ihr werft den Schlingel aus dem Hause und habt eine Zärtlichkeit für ihn....

Zärtlichkeit?

Er muß Euch in Händen haben....

Uns? In Händen? Weil ihm Schlurck Vertrauen schenkte?

So etwas. Alle denkt Ihr an den Burschen, und Keiner spricht von ihm. Ihr haßt ihn und gebt ihm täglich Beweise von Liebe. Dahinter steckt ein Geheimniß... ich bin nur zu stolz, auf Dienstboten zu hören.

Dienstboten, Herr Lasally –?

Sagen Sie der Jeannette, sie möchte, wenn sie Abends Punsch macht, unter den Bedienten, Kutschern und Jockeys nicht soviel in Euren Familiengeheimnissen kramen....

Die Jeannette?

Ich sag' Ihnen soviel, Bartusch, wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den Weg kommt... ich kenne mich selbst nicht. Es ist mir, als wäre Das mein böser Feind. Ich bin im Stande und schieß' einmal den Hund nieder.

Herr Stallmeister!

Warum schonen Sie ihn? Warum dulden Sie, daß er zudringlich ist? Was ist er? Was kann er wollen? Was kann er für Ansprüche haben?

Ansprüche? Sieh! Sieh! Hat die Jeannette etwas von Ansprüchen gesagt?

Ich weiß nichts, was die Jeannette gesagt hat und habe meinen Leuten verboten, bis in die Nacht um die Punschterrine des tollen Mädchens zu sitzen und abscheuliche Indiscretionen anzuhören.

Wirklich die Jeannette?

Lasally antwortete nicht und ließ den erschrockenen grauen Actenwurm, Herrn Bartusch, mit der Dose in der Hand, die er ergriffen hatte, um sich zu fassen, stehen....

Lasally verfiel sogleich wieder in die ihm eigene blasirte Ruhe. Seine Mienen verzogen sich nie, sein blasser, etwas gelber Teint blieb bei der größten Aufregung fast unverändert. Um elegantere Toilette zu machen, ging er auf das ihm angewiesene Zimmer, das von denen Melanie's und ihrer Mutter entlegener war, als er wünschte.

Melanie's Mutter saß schon oben vor dem Theetopf und erwartete ihre Gäste.

Man konnte die Frau Justizräthin Schlurck nicht im geringsten ehrwürdig nennen, würde aber auch sehr Unrecht thun, wollte man einen gewissen Werth an ihr unterschätzen. Im Gegentheil besaß die Frau des philosophischen Epikuräers Franz Schlurck höchst merkwürdige, höchst anerkennenswerthe Eigenschaften. Ohne eigentliche Bildung hatte sich die gewandte kleine Frau einen seltenen Reichthum von Erfahrungen erworben und eine gesunde natürliche Anlage zur Lenkerin aller ihrer oft treffenden Urtheile gemacht. Ohne ein besonderes religiöses Bedürfniß war sie mitleidig, gab gern, unterstützte Hülflose. Noch mehr, sie erkundigte sich nach den Ursachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab. Wer Geld haben wollte, Dem gab sie Lebensmittel, und wer Lebensmittel begehrte, dem gab sie zugleich Arbeit. Eine Wöchnerin in elenden Umständen erregte ihre ganze Theilnahme; doch bediente sie sich dabei keiner Phrase, sondern griff zu, handelte, wirkte, riß die Fenster auf, wo es dunstig war, schalt, strafte, wo sie eigene Vernachlässigung bemerkte. Kinder, die bettelten, schickte sie in die Schule oder zeigte sie ohne Weiteres der Polizei an. Halbes und »Quengeliges«, wie sie's nannte, konnte sie nicht leiden. Überwiegend setzte sie bei den Menschen, wie sie sagte, »leider«, das Schlechte voraus. Gute und aufopfernde Thaten mußten ihr erst bewiesen werden, bis sie daran glaubte. In ihrem Hause herrschte neben merkwürdiger Ordnung doch eine sehr große Üppigkeit, weniger weil sie selbst ihrer bedürftig war, als aus Rücksicht auf ihren Mann und Melanie, das besonders von diesem verwöhnte, aber keineswegs »verquengelte« einzige Schooßkind ihres Glückes. Denn glücklich schien Alles um sie her zu sein. Sie duldete wenigstens keinen andern Anschein. Gute Laune ging ihr über Alles. Mürrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder schlechterzogen. Sie duldete an ihrem Manne nie das träge schleichende Aufkommen einer griesgrämigen Stimmung, von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei war. Sie ließ allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zügel schießen, beförderte sie sogar oder schloß die Augen zu denen, die seinem Alter nicht ziemten. Das waren Erscheinungen, die uns wol misfallen können, aber mit ihrer Wahrheitsliebe und ungeschminkten Natürlichkeit nicht im geringsten im Widerspruche lagen. Sie wollte eben nur das Natürliche. Sie war eine Frau, von der man sagen mochte: Sie ist eine Najade; ihr Element ist das reine, frische, klare Quellwasser. Sie badete auch täglich. Und so war ihr auch zugleich geistig jedes »Muffige«, wie sie's nannte, verhaßt. Ein langer Kampf mit Leidenschaften schien ihr völlig nutzlos. Sie nahm ihren Mann, wie er war; sie nahm Melanie, wie sie war. Nur reinlich, nur sauber, nur frische Wäsche und frischer Muth! Das Übrige war ihr, wie sie's nannte, meistentheils »dummes Zeug«. Hannchen Schlurck, aus einer einfachen, aber bemittelten Bürgerfamilie, war dabei gar nicht unbelesen, gar nicht ungebildet und vollkommen fähig, in der großen Welt zu repräsentiren. Schlurck's »Hannchen« war ein Philosoph wie ihr Gatte. Auf den Genuß hielt sie selbst für sich gar nichts. Sie schenkte Andern Champagner in Strömen ein, trank aber selbst nicht. Und Melanie hatte Ähnlichkeit mit ihr. Die Mutter, verschweigen wir es nicht, die Mutter hätte von ihrer Tochter das Schlimmste vernehmen können, sie würde nur bedauert haben, wenn Melanie dabei »dumm« gehandelt hätte. Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete? Ob sie sich in allen Beziehungen beherrschte? Es ist darüber schwer Etwas zu sagen.... Nur behauptete man, daß Bartusch, das Factotum ihres Mannes, einen größern Einfluß auf sie hatte als Schlurck selbst, der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch war. Das hinderte aber nicht, daß der Justizrath mit vollem Rechte oft laut rühmen durfte: Er besäße in seinem saubern, klugen, runden, netten Hannchen die vernünftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt!

Frau Pfannenstiel, die hier nur »geduldet« wurde »aus Rücksichten«, die elegante Frau von Reichmeyer hatten sich bereits eingefunden. Etwas später kam in sehr gewählter Toilette auch Frau von Zeisel, eine sehr bestimmt auftretende unruhige, anspruchsvolle und doch gar kleinstädtische Dame. Auch die bescheidene Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein. Herr von Zeisel, dem zuviel daran lag, die Gunst des allgewaltigen Administrators zu behalten, schlenkerte neben seiner Gattin her; so lang und weitläufig er an Gestalt war, hatte er doch etwas Windspielartiges. Auch Herr von Reichmeyer kam mit Briefen und Zeitungen, die man ihm natürlich sehr gern für sich zu lesen gestattete, um nur seine üble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht günstigen Resultat der Massa-Bilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen, die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte.

Dem Pfarrer Guido Stromer hätte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen müssen, in denselben Räumen, wo er so oft mit der frommen Fürstin Amanda und allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte, jetzt einer sehr weltlichen Gesellschaft beizuwohnen. Allein dieser eigenthümliche Mann schien sich ziemlich leicht in die veränderte Stimmung dieser Atmosphäre zu finden. Es waren dieselben hohen Zimmer, die von seinem Gebete sonst widerhallten, es waren dieselben großen geöffneten Fenster, durch die die balsamische Kühle des Sommerabends jetzt erquickend hereinströmte, wo sonst die Stickluft der vielen zusammengedrängten Bauern und Bäuerinnen die Brust beengte. Aber ihm selbst schien es ganz wohl zu sein, von der Vergangenheit sich erlöst zu sehen. Ob er freilich in seiner Unterwürfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die veränderten Umstände des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging, mag sein Gewissen entscheiden. Die alte Brigitte z. B., die im Schlosse hin- und herwandelte und sich an die Wände drückte, um von all den neuen Kammerzofen, Köchinnen, Jägern, Jockeys, Bedienten nicht umgerannt zu werden, klagte den Pfarrer Guido Stromer laut genug an, daß er allerdings seinen Sinn geändert hätte. Oft stand er sonst bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem, von dem er wissen konnte, daß sie der Fürstin davon wiedererzählen würde; jetzt aber, in gewählterer Kleidung, mit bunten Tüchern und Westen, rannte Guido Stromer gleich allen andern Weltkindern an ihr vorüber und that, als wenn er sie nicht mehr kannte und ihm eine Minute verlorenginge, die er hoffen durfte, in der Nähe dieser neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen! Schon in den zwei Jahren, als der Fürst allein hier walten durfte (jedoch niemals ernstliche Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien), hatte sich Stromers frühere Gesinnung sehr abgekühlt, wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin klagte. Diese, eine sehr einfache und nur in ihrem nächsten Kreise wirkende, mit vielen Kindern geprüfte und, man kann wol sagen, von ihnen völlig zerbröckelte und zermürbte Frau, ließ sich nicht gern auf Dinge ein, die ihr in Allem stark und sehr selbstbewußt auftretender Mann allein vertheidigen mochte. Stromer gehörte zu einer gewissen Classe von Gelehrten, die man »ewige Studenten« nennen möchte. Entweder war er wirklich ein Genie oder, was für die Beurtheilung seiner Stimmung wol Dasselbe sagen will, er hielt sich dafür. Pietismus ist solchen Naturen der willkommenste Ableiter eines überstarken Selbstgefühls. Der Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich über das Urtheil der unausgewählten Menschen hinweg. Guido Stromer war Pietist, solange die Fürstin lebte. Jetzt aber, wo sich die äußern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten, jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu nichts Gewöhnlichem berufen dünkenden Gemüths hervor. Es war ihm oft, – seine arme Frau litt sehr darunter – als müßte er beengende Fesseln brechen, als wäre diese häusliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht würdig, als wären ihm dieses Weib, diese fünf Kinder nur wie von einem bösen Traume angezaubert worden. Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen. Die Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglücklichen, unruhigen Manne. Er sah das Leben in neuen ihm bisher fern entrückt gewesenen Erscheinungen wieder so sonderbar lächeln, so eigenthümlich nicken und winken. Die nächsten Ansprüche seines Berufs kamen ihm so qualvoll, so geringfügig vor, und obgleich er daheim immer eine gewisse Tobsucht, selbst in seiner frühern demüthigen Periode gezeigt hatte, so war er doch seit einiger Zeit, wie Alle wußten, förmlich aus Rand und Band, warf, die Mägde erzählten's, schon in der Frühe seine Kleider dahin und dorthin, perorirte laut, wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und sogar der Spiegel Beifall schenken wollte. Er war sich unbewußt ein Vierziger geworden. Er sah, daß ihm die »Harmonie der Seele« zwischen ihm und einer fürstlichen Durchlaucht die schöne, unersetzliche Zeit von seinem achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte. Er hatte nie zurück, nie vorwärts geblickt. Er hatte sich die große Herrschaft, die er auf die Fürstin ausübte, mit all den interessanten damit verknüpften Anregungen, den Correspondenzen, den Beziehungen zu vornehmen Menschen genügen lassen. Er hatte fast mehr auf dem Schlosse als unter seinem Pfarrdache gelebt. Und nun war die Fürstin todt. Der ausgestreute Same brachte keine Früchte. Er sah, daß er seine Jugend verstreut, verzettelt hatte. Was besaß er? Das Gefühl einer unsäglichen innern Nichtbefriedigung. Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn. Er rannte im Hause, im Felde, im Walde mit seinem langen gelbblonden, wirren Haar wie ein Besessener umher. Er quälte seine seit Jahren tief verschüchterte Frau, zankte ohne Grund die Kinder. Wie glücklich war anfangs die gequälte Mutter derselben, als die Fremden auf's Schloß kamen! Da wurde ihm anfangs wohl, da schien sein ganzes Wesen elektrisirt. Er bekämpfte wohl Schlurck's Neologie, tadelte wol Reichmeyer's Indifferentismus, aber es waren doch Damen da, die ihn ehrten, anerkannten, die Gräfin Bensheim machte wieder einmal einen flüchtigen Gegenbesuch auf Hohenberg, Frau von Sengebusch, die liebenswürdige Frau von Sänger,... alles Das gab wieder eine Sammlung, eine Anregung, einen Reiz und die innere schlummernde »Poesie« wachte auf; vollends, als Melanie zuweilen an seiner Seite rauschte.... In der Art, wie manchmal Guido Stromer jetzt sein hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte, wie er noch die rüstigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialität aus seinen Gesichtszügen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte, glich er dem Geheimrath von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre. Auch ihm war Melanie gefährlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an, was in ihm wol schlummern, in ihm gähren mochte...

Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt von der um einen runden Tisch sitzenden und Thee trinkenden Gesellschaft an die offenen Fenster postirt, wo er eine Cigarre rauchte, deren Dampf er in den Garten hinausblies, als endlich die Flügelthür aufging und Melanie eintrat. Der Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens. Sie hatte eine völlig veränderte Toilette gemacht. Etwas blaß von dem Ritt, der nach einer momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und Erschöpfung zurückläßt, hatte sie, dieser Erfahrung sich wohl bewußt, ein Kleid von rosafarbenem Krepp gewählt, das in drei mächtigen mit Atlasbändern verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umfloß. Hals und Arme von blendender Weiße waren unbedeckt und ließen nur an den Rändern ein gesticktes spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern. Dann und wann zog sie in einer sehr anmuthigen, graziösen Bewegung eine Echarpe von weißem Chinakrepp über Schultern, die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides verführerisch hervorglitten und den schönen gerundeten Nacken zeigten, den die Echarpe ebenso rasch wieder verbarg. Über dem vollen zierlich zusammengelegten schwarzen Haar lagen, zurückgekämmt mit goldenem Kamm, die Vorderlocken und ließen die Schläfe so frei erblicken, daß man das vollendete Bild griechischer Schönheit zu sehen glaubte. Die Centifolie, die voll und schwer noch als letzter Schmuck im Haar befestigt war, gebührte ihr mit ganzem Rechte, wie ihr jede Blume, jede Frucht gebührt hätte, wenn sie ein anderer Paris der größten Schönheit hätte zuerkennen sollen.

Eugen Lasally warf sogleich die Cigarre, Herr von Reichmeyer die Zeitungen von sich. Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Theetassen auf den Tisch. Sie hatten ihr Erstaunen über die rasche Metamorphose auszudrücken, deren einzelne Bestandtheile zum Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von den Frauen analysirt wurden.

Ich bitte, sagte Melanie, schweigt nun! Löst mir nicht Alles, was da jetzt fertig und angepaßt an meiner irdischen Hülle sitzt, gleich in Stoffe und in Ellenwaaren auf! Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins. Wer mir jetzt von Volants und dergleichen spricht, thut meinem Herzen weh, zu dem sie... ja, ja – seht sie Euch an! – sie reichen fast hinauf zu ihm. Nein! Ich sage Euch keine Adressen. Kein Wort von Putzmacherinnen! Wollt Ihr still sein von Mademoiselle Florentine, von Fränzchen Heunisch und Luise Eisold! Die Rose dürft Ihr besprechen. Von der sag' ich Euch: von wo sie kommt! Auch wissen sollt Ihr, wohin sie geht... Ich trage sie als Preis für Den, dem ich heute Abend die Gunst meiner Seele schenke.

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