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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart verschönern, bemerkte Bartusch unterthänigst.

Abendcirkel? wiederholte der Intendant. Wie gestern so etwas? Hm! Gesellschaft – ein Bischen gemischt – Was?

Leider! sagte Bartusch, sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der Mauer sich hinziehenden Straße hinausblickenden Cavalier anschließend. Das bemerk' ich nirgend mehr als in meinen Büchern, wo wir nun diese schreckliche Confusion einer höchst zerrütteten Verlassenschaft zu ordnen haben. Da stehen Jud' und Christ nebeneinander, Civil und Militair, Kaufmann und Handwerker, wer nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte.

Der Intendant lächelte wieder und meinte:

Recht schlimmer Herr gewesen – der Fürst Waldemar Durchlaucht; – aber viel Bravour im Kriege gehabt – hoch gespielt in den Bädern – aber – höchstselige Majestät ihn sehr geliebt - bewundernswürdiges Attachement gewesen....

Und die Damen, nicht wahr, Exzellenz? bemerkte Bartusch lauernd. Auch davon wissen die Bücher in Zahlen zu erzählen, die in alle Brüche gehen.

Der Intendant erwiderte hierauf blos ein schmunzelndes Lächeln, was indessen einer jener Gesichtszüge war, mit denen er in gewissen Fällen Ermuthigung bezeichnen wollte.

Die Tänzerin Persiani! sagte Bartusch; die Polin Sobolewska – die Kunstreiterin La Houppe – die drei Wandstablers – Dore, Flore, Lore –

Ein leichtes Meckern, ziegenartig, verrieth, daß Excellenz sich dieser Namen wohl erinnerten und piquanten Antheil nahmen. Doch schien sie das Gehen zu echauffiren. Herr von Harder nahm den feinen weißen Castorhut ab und strich einige mal sehr behutsam über seine außerordentlich glatt anliegende Tour vom glänzendsten pariser Bagnohaar... ein sehr schönes südeuropäisches Schwarz bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest... Herr von Harder war zwar schon in den Sechzigen, doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jüngern Mannes bewahrt und konnte auf den ersten Blick jeden Prüfer zweifelhaft lassen, ob er ihn der noch anspruchsvollen, unternehmenden Generation zurechnen sollte oder der schon entsagenden.

Er fing nun von der »Gesellschaft« an.

Da ist eine Frau von Pfannenstiel... Wer ist Das? fragte er.

Madame Pfannenstiel? antwortete Bartusch achselzuckend; Wirthschaftsräthin.

Nicht üble Frau – ein bischen dumm. Was?

Excellenz wissen in diesem Punkte gewiß das Richtige zu treffen....

Aber reich?

Leider!

Wie so leider?

Weil sie Geld hat, ist sie hier. Dumme Menschen sind lästig. Mir wäre lieber, ihr Mann wäre da. Es läßt sich leben mit ihm.

Warum ist der Mann nicht da?

Wagt's nicht. Da er früher hier wirthschaftete und das Volk geschunden hat, wie seinen armen Fürsten, so traut er sich nicht herzukommen.

Ah!... Madame Schlurck ist eine charmante Frau... fuhr der Geheimrath fort, der nun gesprächiger wurde.

Bartusch schlug die Augen nieder, aus Gründen, die der Geheimrath nicht zu kennen schien und die auch wir erst später kennen lernen werden.

Die muntere Blondine... sehr charmant....

Frau von Sänger....

Frau von?...

Frau von Sänger, die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von Sänger. Sind nach Randhartingen zurückgereist.

Wohin?

Randhartingen, Excellenz! Dort hinüber – zwei Stunden weit – rechts beim Ullagrund.

Ah!... Allerliebste Frau.

Bartusch ließ dem Geheimrath Zeit, sich zu besinnen. Er kam, da er eine junge erwähnt hatte, jetzt auf eine ältere.

Die magere? sagte er.

Welche, Excellenz?

Die mit der – die mit dem – die...

Mit den großen Zähnen, wenn sie lacht....

Ah! Ja!

Frau Pfarrer Stromer.

Keine schöne Frau.

Gute Frau. Hat viel Kinder.

Und die starke? Wissen Sie, die kleine runde?

Frau von Reichmeyer, die Schwester des Herrn Lasally...

Nein, die nicht!

Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel, eine geborene von Nutzholz-Dünkerke.

Nutzholz-Dünkerke? Gute Familie! Apropos. Was will denn der famose Stallmeister Lasally hier?

Der Geheimrath fragte fast unmuthig und nicht ohne besondern Nachdruck.

Es ist des Commerzienraths Schwager, Bruder der Frau von Reichmeyer, wie Sie vielleicht wissen; Reichmeyer hat 50.000 Thaler noch von der großen Lotterie her zu fordern....

Lasally hat doch wol schwerlich dabei eingeschossen... meinte der Geheimrath; sein Stall ist ja, soviel ich weiß, sequestrirt; seine Pferde auf dem Rennen gewinnen nicht mehr. Lasally muß ganz im Misère stecken....

Weiß ich nicht, antwortete Bartusch diplomatisch – die Pferde, die er mitbrachte, reiten sich gut. Dies bemerkte gestern Fräulein Melanie....

Hat Pferde mitgebracht! Famose Idee! Warum – Pferde?

Man glaubte, der Aufenthalt würde sich in die Länge ziehen, man rechnete auf ein fröhliches Beisammenleben. Da sollten Bälle gegeben werden, soweit die Jahreszeit und die plessener Musik das Tanzen möglichmachte, da sollte gehüpft, gesprungen, gesungen und geritten werden. Jeder versprach seine rosenfarbene Laune mitzubringen und Freunde, soviel deren von verträglicher Sorte nur aufzutreiben waren. Was ist nun geworden? Einer versteht den Andern nicht und mit Schlurck's Abreise ist Alles wie auseinandergesprengt.

Der Intendant sagte:

Brave Leute Das hier, aber kein Ton! Graf Bensheim, Frau von Sengebusch eingeladen – wie war Das möglich! Pure Dissonanz! Haltung – Haltung ist viel – sehr viel ist Haltung. Feste zu arrangiren, erfodert Kopf und wie gesagt.... Geburt....

Was Feste arrangiren heißt, sah man am letzten Geburtstage der Königin, bemerkte Bartusch mit höflicher Verbeugung. Das arkadische Schäferfest suchte seines Gleichen, Excellenz....

Recht schön gewesen, äußerte der Intendant geschmeichelt und fast gleichgültig. Ich war wegen der Costüms selbst in Dresden – wissen Sie – um mir die Porzellansammlung anzusehen. Alle Menschen... sehr hübsch wie von Porzellan gewesen – war sehr niedlich und richtig! Alles nach echtem meißner Porzellan. Professor Lüders hat Alles sehr richtig gefunden.

Nur eine Stimme darüber! bemerkte Bartusch. An uns gewöhnliche Menschen kommt davon nur so ein Blick durchs Gitter und auch der ist verboten; aber Excellenz sollen sich in dem Porzellanball wirklich selbst übertroffen haben.

Als der Intendant lächelte, verbeugte sich der schlaue Graurock, der es in der Kunst, mit allerlei »Gemenschel«, wie er zuweilen verächtlich sagte, umzugehen, weit gebracht hatte. Doch kaum hatte er sich empfohlen, kehrte er, da er Etwas vergessen zu haben schien, zurück und sagte zu dem Intendanten, der seinen Blick unverwandt in die Gegend schweifen ließ, von wo die Cavalcade zurückkehren mußte:

Noch ein Wort, Excellenz. Die Bilder wollt' ich doch gehorsamst erinnert haben –

Bilder? Was für Bilder?

Die Familienbilder! – Morgen bei der Verpackung! betonte Bartusch.

Welche Familienbilder? sagte Herr von Harder plötzlich mit Amtsmiene und fast ungehalten.

Bleiben bei der Masse – testamentarische Verfügung –

Weiß Alles. Schon gut –

Dürft' ich mir erlauben, diese Stücke an mich zu nehmen und zur weitern Verfügung zurückzubehalten?

Verfügung? Zurückzubehalten? Wer verfügt? Ich verfüge!

Bartusch erstaunte über diese kategorische Antwort, die von einem so bösen Blick begleitet war, daß die ganze freundliche Herablassung des vergangenen Gesprächs wie in Nichts verronnen erschien. Bartusch stand einen Augenblick rathlos, ob er unterwürfig bleiben sollte oder entschieden auftreten. Noch zog er den ersten Ton vor und sagte:

Excellenz kennen des seligen Fürsten letzte Bestimmung, daß die Familienbilder von dem Kauf ausgeschlossen sind. Es war das Gewissen, das aus ihm sprach, die Ehre....

Familienbilder! sagte der Intendant mit großem Nachdruck, und verrieth durch seine Sicherheit, daß er hier nicht aus sich, sondern nach einer Instruction sprach. Se. Majestät werden den letzten Willen Sr. Durchlaucht wohl zu ehren wissen,... indessen, mein lieber Herr – was reden Sie von Gewissen, von Ehre? Herr –...

Bartusch! ergänzte dieser, als der brüske Intendant den Namen suchte.

Bartusch, mein lieber Herr Bartusch! Der Intendant sprach diese Worte mit einem Anflug von Schlauheit, der den starren Zügen etwas höhnisch Lächelndes gab – Was sind Familienbilder?

Bilder der Fürstin, des Fürsten, des Prinzen Egon – fiel Bartusch erregter ein.

Haben Sie den Fürsten gekannt?

Ich denke wol – antwortete Bartusch malitiös.

Die Fürstin haben Sie nicht gekannt.

Wenn nicht ich, so kennt sie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind.

Kind... im Dorfe? Ist das eine Autorität? Eine Autorität für einen allerhöchsten Specialbefehl, den ich zu vollziehen die Ehre habe? Kannten Sie die geborene Gräfin von Bury, welches die Mutter der Fürstin gewesen ist? Kannten Sie den k. k. österreichischen Generalfeldzeugmeister Grafen von Hohenberg, der in zweiter Linie mit dem Fürsten von Hohenberg Durchlaucht verwandt war? Familienbilder sind ein sehr allgemeiner Begriff – mein lieber Herr Bartusch – ein sehr allgemeiner. Man wird die Bilder nach der Residenz nehmen, alle – alle – alle – und Prinz Egon, Prinz Egon wird entscheiden, welche davon zur Familie gehören oder nicht. Haben sie verstanden, Herr Bartusch?... Wer verfügt? Ich verfüge! Verstanden?

Mit diesen kurz abgestoßenen, kalten, schneidenden, bösen Worten entfernte sich der vornehme impertinente Mann. Bartusch hatte Mühe, ansichzuhalten. Er besaß Verstand genug, einzusehen, daß diese Überlegung nicht aus Herrn von Harder's Kopfe kam, sondern der Wortlaut einer ausdrücklich ihm gegebenen Instruction war. Die Wendung, die so kräftig betont wurde: »Familienbilder sind ein allgemeiner Begriff« entsprach den Begriffen des Intendanten keineswegs.

Das hat ihm Jemand so oft vorgesagt, bis er das schwere Wort behielt und sich Etwas darunter vorstellen konnte! murmelte Bartusch vor sich hin, und in der Überzeugung, daß es mit den Zimmern der Fürstin eine doch sonderbare, seine ganze Neugier spannende Bewandtniß haben müsse, lenkte er nachdenklich seinen etwas schlorrenden und schleichenden Schritt dem Tempel zu, wo er mehre von den Damen, die jetzt das Schloß bewohnten, Andere, die es eben besuchten, erblickte, wie sie nickend mit Tüchern in die Ferne wehten. Dieser Gruß galt Melanie und ihren Begleitern, die soeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe zurückkehrten.

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