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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 198
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Achtes Capitel.

Die neuen Templer.

Siegbert zuerst lehnte jede Gewaltthätigkeit ab. Er läugnete nicht, daß ihm der ganze status quo unserer Verfassungen, politisch und gesellschaftlich, misfalle und das Meiste davon überlebt scheine... Aber, sagte er: Ich kann mir unser Leben nur so denken wie einen Garten, den der Gärtner im März zum Frühling und Sommer vorbereitet. Der Schnee ist geschmolzen, mildere Lüfte wehen aus Westen, wenn auch noch sturmartig, doch nicht mehr schneidend. Schon bricht neben dem Laube, das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist, der kleine grüne Keim des neuen Wachsthums an den Zweigspitzen der Sträucher und Bäume hervor. Der Gärtner schont aber weder das Alte, noch das keimende Neue. Er hat die Säge in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt, was ihm überflüssig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint. Da liegt der Boden voller Äste und nicht blos voll alter, schon verdorrter, sondern auch manches vorwitzige Frühlingsreis mußte schon mit. Unsere Gartensäge ist die Debatte und das Gesetz. Ich verwerfe jede Gewaltthat. Der Mensch ist immer ein wildes Thier. Er mag nur einmal Blut vergießen, so edel, so großherzig, wie nur je ein Timoleon Tyrannenmörder war, das geleckte, gekostete Blut macht ihn sogleich wild. Es fließt sogleich mehr, als sollte. Ausrotten können wir nur das Todte, d. h. es aus dem Wege schaffen; ausrotten können wir nur das falsche Wachsthum, d. h. es im Keime ersticken. Ich bin dafür, den Menschen zu predigen: Glaubt doch nicht, daß die Geschichte morgen aufhört! Die größten Ideen haben Jahrhunderte gebraucht, um sich geltend zu machen. Warum soll denn in so kurzer Zeit Alles fertig werden, was wir jetzt für nöthig denken? Wir wollen fest im Auge behalten das edlere Ziel und nichts thun, nichts Anderes befördern, als was zu jenem Ziele führt. Müssen wir einmal der noch zu starken Gewalt nachgeben, so thue man es ja! Das zweite Mal schon wird es nicht mehr nöthig sein. Wenn ich unsern Feldzug für einen unermeßlich langen halte, so geh' ich auch viel weiter als Die, die sich für liberal halten. Ich bin nicht blos für die Einschränkung der fürstlichen Gewalt, ich bin sogar für die Republik, ich bin für die sociale Änderung unseres Gesellschaftslebens. Ich sage nicht, daß diese Änderung wirklich eintreten wird; ich sage nur, daß ich sie mir möglich denke und so lange unter der Republik nichts Wildes, Thierisches, Unsittliches gelehrt wird, sie für anstrebsam halte. So bin ich freisinniger als manche Überhitzte, die sich mit weniger Änderungen begnügen, wenn sie nur gleich Morgen eingeführt sind. Arbeitet! würde ich den Arbeitern sagen. Bildet Euch und die Eurigen! Stärkt Euch in einer freien Gesinnung! Macht Euch klar über Euren Lebensberuf! Stiftet Vereine, aus denen Ihr Alles entfernt halten müßt, was einer Verschwörung gleich sieht! Wenn Euch Einer auffordern will, für morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen, so sagt: Wir warten bis über acht Tage! Da kommt es von selbst und viel größer und besser als morgen! Nur nicht geistig die Hände in den Schooß legen. Denken, sich bilden, stark und gewissenhaft im Kampf der Meinungen, keine Gelegenheit abweisend, die Gesinnung offen zur Schau zu tragen! So kommt das Gute von selbst. Das ist meine Lehre.

Bester Freund, polterte Leidenfrost sogleich auf. Diese Lehre ist zum Auslachen! Damit soll Einer in die Willing'sche Maschinenfabrik kommen? Solche himmlische Güte wäre selbst für Willing, den die Umstände zwingen, vorsichtig und behutsam zu sein, zu schmachtend. Mein lieber Wildungen, Ihr Gleichniß von den Gärten im März paßt nicht. Denn so stumm und dumm, wie die Bäume im März dastehen und sich die Schneiderei des Gärtners gefallen lassen müssen, stehen die Ideen und Interessen des Augenblicks nicht da. Die schlagen Purzelbäume unter der Hand. Das ist ein großes Stiergefecht, wie es jetzt hergeht. Die großen Büffel wollen Farbe sehen, um Muth zu bekommen. Roth ist die Losung! Ohne Muth und unmittelbare Entschlossenheit kommt nichts mehr zu Stande. Die Menschen müssen selbst Geschichte machen, sonst geschieht nichts. Die Gesinnung allein reicht nicht aus. Sollen sich die Väter von ihren Enkeln verspotten lassen? Nichts rächt sich in der Geschichte mehr als der versäumte Augenblick. Wer die Krisis unbenutzt vorübergehen läßt, holt sie niemals wieder ein. Und haben wir nicht der Fälle genug erlebt, daß die Machthaber der Welt vollkommen wissen, welche Halfter sie den störrischen Völkern überwerfen sollen? Aus dem politischen Hader wurde die Debatte in das Religiöse hinübergespielt und ganze Epochen sind darüber eingeschlafen. Die Jesuiten, die Armeen regierten die Welt. Sie haben die Hand immer am Griff des Dolches oder Schwertes. Warum sollen wir sie in den Schooß legen? Gesetzt auch, wir wollten uns mit frommem Glauben auf bessere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Gesinnung begnügen, es würde nichts helfen. Die Stunde hat ihre dringende Mahnung. Wir wollen träumen und die Posaune ruft uns vom Lager auf. Es brennt da, wo wir sitzen, über und unter uns. Es müssen Entschlüsse gefaßt werden. Ich gesteh', ich hasse Alles, was unlogisch ist. Ich hasse auch verkehrte Theorieen und gäben sie sich noch so sehr das Ansehen der Volksbeglückung. Man will damit nur dem Muthe und der Ehrlichkeit aus dem Wege gehen. Die Frage unserer Zeit ist sehr einfach. Wer sie schwierig macht, meint es nicht redlich. Schwierig nenn' ich die gewöhnliche ordinaire Communisterei. Solche Sätze hinstellen, die ihre Unmöglichkeit in sich selber tragen, heißt die Menschen nur verwirren. Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf dem Dache, während einer in der Hand viel vortheilhafter ist. Die Communisterei ist von Stubenhockern ausgegangen, die unterleibskrank sind. Rühren und tummeln muß man sich und die Welt für kein Schlaraffenland halten. Gebratene Tauben in die Luft gemalt, sind geschmacklos. Wir leben in einem wilden Chaos, in das nie, nie volles Licht kommen wird. Arkadien ist vor der Schöpfung gewesen und mag nach der Schöpfung kommen. Hier auf Erden gibt es nur Reibung, Lärm, Zorn, Leidenschaft, Drängen, Stoßen. Das Einzige, was wir erreichen, ist: Leidliches Glück! Das leidliche Glück muß man am Zipfel festhalten, wenn's an uns vorübergeht. Es kommt nicht alle Tage. Was du der Stunde ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit dir mehr zurück, sagt der Dichter. Wollen Sie Ihre Million gut anwenden, Wildungen, so lassen Sie dafür Waffen kaufen, Pulver und Blei. Die Trommel wirbt an. Major Werdeck wird Generalissimus und wenn wir Alle erliegen, wenn unsere Glieder entweder im Felde oder auf dem Henkerplatze erbleichen, so ist doch Muth und Poesie dagewesen und der moralische Sieg unwiderleglich.

Allgemein war man der Ansicht, daß Leidenfrost in seiner gewohnten Weise hier übertrieben hatte und es schwerlich mit einer so blanken Rebellionstheorie ehrlich meine. Und dennoch blieb er dabei.

Worauf anders, sagte er, soll man denn hinauskommen, wenn man sieht, wie wenig uns die Debatte weiterbringt! Was hatten wir durch einige thatsächliche Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen! Und wie kommen wir immer wieder zurück, je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Löwen ist! Aber noch mehr, halten Sie mich für keinen Phantasten oder für keinen plumpen und gedankenlosen Radikalen! Tod! Der Tod! O, Gott, der Tod ist jetzt unsere einzige Loosung. Ich versichere Sie, wenn man im Volke lebt wie ich, so bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemüthern Aller. Gehen Sie Sonntags Nachmittags vor die Thore: Kein Spaziergang ist so besucht, wie es die Kirchhöfe sind. Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters, die an die christliche Märtyrerzeit erinnert. Man hat entweder zuviel Gefallene feierlich bestattet, zu sehr geehrt, gepriesen oder woran liegt diese Geringschätzung des Lebens? Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein grauenvolles Schauspiel, von dem man Jahre lang sprach: jetzt hat man an die Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich wie die Amputationen in einem großen Lazareth. Man erzählte sonst Wunder davon, wenn einer großartig und gefaßt in den Tod ging. Jetzt knirschen sie alle die Zähne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleist'sche Prinz von Homburg aus dem Leben. Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt es, daß wir nach so verweichlichten Zeiten plötzlich eine so spartanische bekommen? Bietet das Leben so wenig Freude? Hat man vergessen, daß wir vor zehn Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen, worin bedeutende Köpfe die persönliche Fortdauer nach dem Tode leugneten? Wie kommt es, daß man nun so gern stirbt, so gern sein Leben an eine Idee setzt, so muthvoll auf Die blickt, die uns ihre Theilnahme wohl nicht versagen werden, wenn wir fallen, sei es im Kampf, sei es von der Hand des ungroßmüthigen Siegers? Der Zug zum Tode ist wehmüthig genug jetzt in unserm Leben da. Die Geschichte will ihn, die Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht, diesen grauenvollen Tod, der Niemanden schont, Niemanden achtet, Jeden wie ein Dieb in der Nacht überfallen kann. Unenträthselt ist noch, wie diese Pest aus Asien mit dem erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam. Ich vergleiche diese Zeit mit dem Mittelalter, wo die Menschen hinstarben, den Kornähren gleich, die der Schnitter niederwirft. Damals rückten die Menschen näher zusammen, schlossen Bundsgenossenschaften, Brüderschaften und gingen in grauen Kleidern, demüthig, pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche. Es war ein Zug der Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern. Nach fünfhundert Jahren ist es nun wieder so. Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine Flagellanten, keine Geißelbrüderschaften und Weltverachtungsgilden stiften, sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf für Recht und Unrecht. Es werden bald genug üppige, feige Zeiten kommen, die Das, was wir in diesen starken versäumten, nicht einholen. Also nichts in die Länge ziehen! Nichts auf die Zukunft verschieben! Fordern, sagen was man will und für Recht hält, und dann als Mann dafür einstehen und sterben.

Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten. Werdeck stützte sein Haupt und konnte nicht umhin, Das, was Leidenfrost von der Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Thränen sprach, zu bestätigen.

Ja, es ist ein anderer Geist, sagte er sinnend, über uns Alle gekommen. Ich sehe Das am Leben des Kriegers. Wie schonte man sich sonst, wie vermied man die Gefahr! Was mislich und schwer auszuführen war, muthete man Niemanden zu. Jetzt drängen sich zehn heran, wo man nur Einen begehrt. Niemand verzieht die Miene, wo es eine That gilt. Man scherzt, man schlägt sein Leben muthwillig in die Schanze, es ist, als gehörte man schon einer doppelten Welt an, der irdischen und einer himmlischen...

Und woher kommt diese Erscheinung? rief Siegbert begeistert. Von der Bildung kommt sie. Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten. Die Frage vom Proletariat hat nicht feige, sondern tapfer gemacht. Eine Idee, eine Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben. Man fühlt sich als Glied der Gesellschaftskette, man fühlt sich als Hebelkraft der Geschichte. Das Vereinsleben, die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt. Wer klammert sich noch ängstlich an sein armseliges Ich, wo es etwas Allgemeines gilt? Stirbt man, so hat man sich für eine Idee hingegeben. Glaubt Ihr denn, daß es ohne Wirkung für die untern Klassen ist, wenn sie geschichtliche Thatsachen erfahren und von alten Zeiten hören, wie es damals war und wie jetzt und wie jede That im Buche der Geschichte verzeichnet steht? Allein grausam wäre es, wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller und mächtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren wollten! Man verachte das Leben, aber man jage Niemanden in den Tod, ehe man ihn nicht theilnehmen ließ an einer möglichen Verbesserung des Lebens! O diese Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen! Schon jetzt ist es grauenhaft, wie kalt man hinopfert, wie forcirt man sich in den militairischen und Beamtenkreisen, ja auf den Thronen als Brutusse gebehrdet, die ihre eigenen Söhne ruhig auf den Block liefern. Wenn dieser zweideutige Heroismus überhand nähme! Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es lieb gewänne, nicht blos selbst zu sterben, sondern auch sterben zu sehen... Nein, nein, Leidenfrost, lassen Sie uns versuchen, eine mildere Formel zu finden, die das große Räthsel unserer Zeit löse und die Menschenlebenfordernde Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt!

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