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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 196
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Louis harrte schon in der Nähe des Rathskellers. Die Freunde schüttelten ihm die Hand. Alle Drei hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeschlossen, als bisher. Louis war nach all' den Ansprüchen, die Egon's Freundschaft auf ihn gemacht hatte, jetzt mit erneutem Eifer an seine Arbeit gegangen und hatte Talente entwickelt, die jedem Einsichtsvollen Achtung abgewannen. Mit Genugthuung sah man, wie unausgesetzt theilnehmend er dem öffentlichen Leben seines neuen Aufenthaltsortes folgte, wie gespannt er die Entwickelung Egon's überwachte und jeden Einfluß, den ihm dieser nur gestattete, darauf verwandte, ihn seinen früheren Gesinnungen treu zu erhalten. Freilich hatte er den Freunden eingestehen müssen, daß seit einiger Zeit mit Egon eine Veränderung vor sich gegangen war. Er hatte ihnen genau den Tag, die Stunde bezeichnet, seitdem ihm vorkäme, als hätte Egon ein neues, fremdes Element in sich aufgenommen. Es war dies jener Abend, an welchem die Freunde einer Aufforderung Egon's gefolgt waren, ihm in einer gewagten, aber von seiner wildesten Erregung für nothwendig erklärten Unternehmung beizustehen. Rudhard hatte dem jungen Fürsten die Verwechselung mit dem Thomas a Kempis eingestanden, er hatte von Pax, von Schlurck selbst in der Hauptsache erfahren, was mit dem Bilde vor sich gegangen war. Daß Pauline von Harder die Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda besaß, stand ihnen Allen fest. Wozu sich neuen Unterschlagungen, einer völligen Vernichtung derselben aussetzen? Nein, hatte Egon gerufen, die Nacht birgt uns in ihr schützendes Dunkel! Wohlan, ich gehe zu jener Elenden, ich verlasse nicht ihr Haus, nicht ihr geheimstes Zimmer, bis diese Umtriebe entlarvt, die entwandten Schätze zurückerobert sind. Louis und die Brüder Wildungen sollten Egon sein kühnes Werk auszuführen unterstützen. Rudhard widerrieth, aber die jungen Leute fühlten sich von dem Abenteuer zu sehr gereizt. Sie folgten Egon und standen schon in Begriff, gewaltsam in das einsame Haus zu dringen und der gefährlichen Frau das geraubte Gut zu entwinden, als sich der uns bekannte mildere Ausweg gefunden hatte. Aber Egon's seither mannichfach geändertes Wesen konnte nicht geleugnet werden. Man hatte vermuthet, daß die aristokratische Gesinnung der Gräfin d'Azimont sicher versuchen würde, Einfluß auf den Prinzen zu gewinnen. Dies hatte Louis in Abrede gestellt. Eher gestand er zu, daß Rudhard's politische Ansichten, die den ihrigen völlig entgegengesetzt waren, wohl einmal einen bedenklichen Einfluß auf Egon gewinnen könnten. In der Hauptsache aber gestand er dabei, daß seit dem September-Sonntage eine auffallende Veränderung mit dem Fürsten vorgegangen wäre. Er hätte ihn damals an diesem regnerischen Sonntage, selbst verstimmt, besucht, um sich aufzuheitern, hätte Egon aber in eine Trauer, eine Abwesenheit versunken gesehen, die ihn wahrhaft erschreckt hätte. Auf genauere Fragen hätt' er nicht Rede gestanden und nur zuletzt eingeräumt, daß ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen Mittheilungen seiner Mutter mit tiefster Trauer über die Vergangenheit erfüllten. Wie man aber, fügte Louis Armand hinzu, wie man aus Trauer leichtsinnig, aus Schmerz verschwenderisch werden kann, begreif' ich nicht. Die Freunde hatten Louis um Aufklärung dieses Widerspruchs gebeten und Louis hatte ihnen gesagt: Alle guten Vorsätze, die Egon für sein Hauswesen gefaßt, sind plötzlich verschwunden. Jede Mahnung an die Ersparnisse, die er sich auferlegte, wies er ab. Menschen, die ihm verhaßt waren, die er nicht mehr um sich leiden mochte, behielt er. Als ich ihn nach der Ursache dieses Widerspruchs fragte, sagte er scheinbar scherzend, aber doch voll Ernst: Bester Freund, die Rücksicht auf Ahnen ist kein leerer Wahn! Mein Vater hat Das so geordnet. Ich will es so lassen. Und nun statt irgend etwas von Dem, was er sich vorgenommen, wahrzumachen, erlebt' ich, daß er den Bankier von Reichmeyer zu sich kommen ließ, sich erst mit ihm über dessen Ansprüche verständigte und sogleich ein neues bedeutendes Anlehen schloß...

Darüber waren die Freunde erstaunt genug und begriffen nun, wie Egon plötzlich einige neue glänzende Equipagen zeigte, seinen Stall von Lasally und dem pferdekundigen Levi neu ergänzen ließ, die Zahl seiner Bedienten vermehrte und ihnen allen eine Livree vorschrieb, die er selbst zeichnete. Alles Das in einem Zeitraum von vierzehn Tagen, mitten in der raschen, ihm von Justus, dem Volksmanne, erwirkten Nachwahl, mitten in den Vorbereitungen des Zusammentrittes der Stände.

Auch die Beziehung zu Pauline von Harder, zu Guido Stromer, zu der Zeitung »Das Jahrhundert« war zur Sprache gekommen. Niemand begriff, wie nun sich Egon jener Frau so eng anschließen konnte. Alle Welt wußte bereits, was sie der Mutter des Fürsten und ihm selbst schon angethan hatte, und dennoch dieses enge Band! Über Guido Stromer hatte Dankmar selbst schon vor einigen Tagen zu Egon gesagt: Lieber Freund – diese traulichen Bezeichnungen dauerten natürlich noch fort – Lieber Freund, du duldest da einen sehr zweideutigen Mann in deiner Nähe! Dieser Stromer ist Pfarrer, Vater, Gatte und schleudert sich hier mit Gewalt in eine Laufbahn, bei der er Würde und Alles daran gibt! Ich streite ihm die bedeutendsten Gaben nicht ab. Er hat unfehlbar einen reichen, cultivirten Geist und viel Beruf, Dinge, die in der Menschenbrust schlummern, auszusprechen. Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen Beispiele vorgekommen ist, so ist es bei diesem Guido Stromer. Ein Gelehrter, ein Stubenmensch, ohne Weltton, ohne Lebensauffassung, wird plötzlich, wie soll ich's nennen, wild! Es fällt ihm ein, daß er schwärmen könne, und wie schwärmt er? Die Seinigen läßt er daheim, seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Lüge zur andern. Das sind die gefährlichsten Repräsentanten des Geistes, die, alles Charakters baar, nur nach ihren persönlichen Stimmungen sich bald für Dies, bald für Jenes erklären. Weiß er nicht jeder Auffassung eine gefällige Form zu geben? Erfüllt er nicht die innere Leere seines Charakters dadurch, daß er mit Haut und Haar in jede fremde Natur hineinspringt und aus ihr, sie lobpreisend, hervorkokettirt? Gib diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln, irgend eine reelle Aufgabe des Lebens durchzuführen, er wird sie verfahren und wenn er sie nicht ehrlos mit Füßen tritt, sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwürdigen! Unfähig, irgend eine geschlossene Production hervorzubringen, raisonnirt er nur und läßt die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen, wie die Facetten eines Diamanten. Dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zugänglich. Wer seinen Styl lobt, dem gibt er alle seine Ideen preis. Wer vollends sagt, daß seine stumpfe Nase griechisch, seine geschlitzten Augen kaukasisch, seine Hände ebenso zart und weiß, wie sie roth sind, wären, dem stellt er alle seine Eingebungen, das ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfügung. Er wird roth, wenn man seine Manschetten lobt. Kurz er ist ein Mann, der aus der Concentration eines gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird. Anstößig ist schon die geringe Achtung, in die er sich versetzt durch sein leicht entzündliches Herz und die Narrheit, mit der er sich in jede Frau, die einmal seine jeanpaulisirende Schreibweise lobte, verliebt stellt.

Egon hatte damals über diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck gesprochen, die sich Stromer's zudringlicher Huldigung nicht erwehren könne, während er doch glaube, daß dieser wildgewordene Pedant selbst den Fräuleins Wandstabler nachliefe, wenn diese ihn zufällig einmal in einem Beugungswinkel, wenn auch nur von 175 Graden, ansähen.

Egon erzählte dann auch, daß er die liebenswürdige Tochter des Justizraths Schlurck zuweilen bei Paulinen träfe und verlangte von Dankmar eine genauere Angabe der eigenthümlichen Beziehungen, in denen er zu diesem bildschönen Wesen gestanden hätte. Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich auf Das, was Egon von der Hohenberger Reise schon wußte. Auf die Frage, die er dafür an Egon richtete, ob er ihm nicht eine Parallele zwischen Melanie und Helene ziehen könne, wollte seinerseits wieder der Prinz nicht antworten. Man scherzte, man lachte, man war über die Maaßen vertraut gegen einander und doch hatte sich zwischen Egon und die Freunde etwas gedrängt, wofür sie keinen Namen anzugeben hatten...

Die vier Gefährten stiegen nun die Stufen hinunter, die in den Rathskeller führten. Wie die in einem Gewichte gehende Thür hinter ihnen zufiel, sahen sie am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Thür huschen.

Kommen auch Damen in den Rathskeller? fragte Dankmar erstaunt und wandte sich zu dem Küfer, der sie schon erwartet hatte und in das vom Major bestellte Kabinet führte.

Es sind wol Fremde! sagte der Angeredete lachend. Ein Herr mit zwei Damen will dort Champagner trinken.

Wohl bekomm's Ihnen! sagte Leidenfrost. Worüber werden wir uns denn einigen?

Sie waren in der grünen, gaserleuchteten Trinkzelle und stellten die kräftigen neu gebeizten Eichenstühle um einen runden Tisch. Der Major war noch nicht da. Der Kellner aber sagte, daß er des Majors Geschmack kenne – Rüdesheimer.

Bringen Sie Rüdesheimer! antwortete Dankmar, und so viel Beefsteaks, wie Sie fertig haben.

Das ist vernünftig, sagte Leidenfrost, denn ich esse deren mindestens zwei. Die Leckereien bei der guten Moskowiterin haben mir so den Magen verdorben, daß ich mich nur mit Beefsteaks wieder herstellen kann.

Sie sind ja so einsylbig, Louis? fragte Siegbert. Was haben Sie?

Ich war bis jetzt in der Kammer, antwortete Louis Armand.

In der Abendsitzung? Nun, wie war es? rief man einstimmig.

Die Regierung verlangt eine Abänderung der Geschäftsordnung. Das Ministerium will zu jeder Zeit die Erlaubniß haben, vor, während und nach der Debatte seine Meinungen zu äußern...

Empörend! unterbrach Dankmar. Als wenn das Ministerium die Kammer bei sich zu Gaste hätte und nicht die Kammer das Ministerium! Aber der Antrag geht nicht durch.

Das Ministerium machte die äußersten Anstrengungen.

Das glaub' ich wohl, ergänzte Leidenfrost und trommelte auf den Tisch, der ihm so glatt, so eben schien, daß er vielleicht an seine Schwefelhölzer dachte; eine Debatte kann da im besten Abschluß sein, die Halben, die Furchtsamen sogar sind vielleicht für die populaire Auffassung gewonnen, man will abstimmen und plötzlich erheben sich die Herren Minister und bringen wieder neue Materialien an, sollten sie auch nur in einer Drohung gegen Die bestehen, die von ihnen abhängig sind und gegen sie stimmen wollten.

Die Minister haben ja aus diesem Gegenstand eine Kabinetsfrage gemacht, ergänzte Dankmar.

Das läßt sich leicht erklären, sagte Leidenfrost. Sie wissen, daß sie unhaltbar sind und ergreifen die erste Gelegenheit, sich aus allen Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen.

Es hieß nun: Sprach Egon nichts?

Louis erzählte, daß Justus, der eine Partei in der Kammer zu vertreten scheine, Egon veranlassen wollte, diese Debatte kurz durch einige treffende Worte zu beenden. Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Justus' Benehmen, seiner Unterhaltung und Gestikulation erkannt. Befremdet aber hätte es ihn, wie Justus selbst, daß Egon ihm Auseinandersetzungen machte, die nicht mit der Majorität übereinzustimmen schienen.

Man behauptete erstaunt, daß sich Louis wol geirrt hätte und war der festen Meinung, Egon hätte nur nicht sprechen wollen, würde aber mit der Majorität stimmen. Louis konnte nichts erwidern, denn er erzählte, in Mitte der heftigsten Debatte wäre er gegangen, da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen wollte. Die Sitzung könnte sich so, wie sie angefangen, bis in die Nacht hinziehen...

Indem trat der Major von Werdeck ein. Er kam in seiner Uniform, die ein Mantel verhüllte, grüßte sehr freundlich, bot Louis Armand, der ihm vorgestellt wurde, leutselig die Hand und fragte, ob er es mit der Wahl dieses kleinen Closetts recht getroffen hätte?

Man fand dies kleine grüne, blendendhelle Kabinet allerliebst und kündigte dem Major an, daß man schon in seinem Sinne gehandelt zu haben glaubte, als man Rüdesheimer bestellte.

Wohl, sagte er, die Traube vom Thurm des alten Brömsers gehört in diese Kellerhöhle. Er soll uns die Zunge lösen und die Flammen der Mittheilung schüren. Wissen Sie schon, daß das Ministerium diese Nacht nicht überlebt?

Wir hörten eben, daß es aus einer Frage der Geschäftsordnung eine Kabinetsfrage gemacht hat, sagte Dankmar.

Es ist ein Coup der Verzweiflung, meinte Werdeck. Die Herren nehmen den ersten besten Strick von unten und warten nicht erst, bis die seidene Schnur von oben kommt. Hanf oder Seide, es thut hier denselben Dienst.

Der Kellner brachte die Beefsteaks. Man setzte sich um den runden Tisch. Louis, voll Spannung und schüchtern, doch bald von Werdeck's feinem weltmännischen Tone ermuntert. Der Major wandte sich vorzugsweise an ihn, bewunderte seine Fertigkeit, sich deutsch auszudrücken, pries die politische Haltung seines Freundes, des Prinzen Egon, der unstreitig der Volkssache große Dienste leisten würde, und dafür sei das Vaterland eigentlich ihm verbunden. Denn man wisse Alles, was Egon und Louis zusammen erlebt hätten.

Louis wagte so viel Zugeständnisse kaum anzunehmen. Er erwiderte, und wenn diese Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu Stande gebracht hätte, als daß die Stände einmal ein wenig durcheinander gerüttelt worden, so wäre Das schon ein Resultat.

Siegbert thaute ein wenig auf. Bewegt von dem Vorfalle mit Olga, vorwurfsvoll über sich selbst und ernst gestimmt, hatte er zuweilen empor geblickt und seine Gedanken, wie manche mathematische Denker pflegen, an der Decke gesammelt. Da fiel ihm auf, daß hinter dem Blechschirm, der die Gasflamme umgab, die Wölbung dieses Raumes in dem ihm und dem Bruder so wichtigen Kreuze zusammenlief. Mit einem Winke machte er den Bruder auf das Kreuz aufmerksam...

Wohl! sagte Dankmar, Das weißt du nicht, daß wir hier auf eignem Grund und Boden sind? Dies kleine Luftloch führt durch die dicke Zwischenmauer in das Rathhausarchiv, in die Aktensammlungen unserer wohllöblichen Gegnerin, der ehrsamen und tugendbelobten Stadt. Wir wollen, wenn wir auf dies Kreuz blicken, denken: in hoc signo vincemus!

In diesem Kreuze werden wir siegen! wiederholte der unterrichtete Werdeck. Wie ist es denn mit Ihrem Proceß?

Man zündete sich Cigarren an, stellte die Gläser, Leidenfrost füllte sie.

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