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Die Ritter vom Geiste

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste - Kapitel 193
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Ritter vom Geiste
authorKarl Ferdinand Gutzkow
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-278-X
titleDie Ritter vom Geiste
created19990130
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1851
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Sie glauben, daß Helene von dem Prinzen Egon lassen, durch eine Scheidung von d'Azimont, die schon im Werke sein soll, uns die Hoffnung auf ihre Reichthümer nicht nehmen wird? Ha! Ha!

Ich zweifle sehr daran, sagte Rudhard fest, ich zweifle, daß Egon, der sich täglich mehr wiederfindet, täglich sein Inneres kräftiger entwickelt und einen Wall reinster Sittlichkeit gegen die alten Thorheiten aufrichtet, sich jemals zu solchen excentrischen Schritten, wie eine Heirath zwischen ihm und Helene sein würde, herbeiläßt...

In diesem Falle hätten wir Aussichten... Gut! Aber sie reichen weit hinaus!

So weit, Adele, wie der Fürst selbst sah. Ihre und die Jugend-Existenz Ihrer Kinder ist gesichert. Sie werden niemals glänzend leben können, das ist wahr. Sie haben es aber nicht nöthig, da Sie nicht glänzend erzogen wurden. Was Sie zur Unterhaltung Ihrer Würde, zur Ehre Ihres Standes bedürfen, das besitzen Sie. Der Fürst wollte nur die entferntere Zukunft seines Hauses, seinen Namen, das spätere Loos seiner Kinder gesichert sehen. Er war nie reich. Die Familie verarmte vollends und fühlte nur zu tief, wie mislich es ist, von den Launen des Kaisers abzuhängen und von den Wechselfällen des Geschickes. Er wollte in jenem alten russischen Bojaren-Stolze der Selbstständigkeit seiner Familie eine Stütze geben und hoffte auf zwei Möglichkeiten, entweder die Erbschaft von der reichen Gräfin d'Azimont oder die Verheirathung seiner Kinder. Baron Otto von Dystra ist sein Freund gewesen. Ein unruhiger Charakter, der zweimal die Welt umschiffte und von der Regierung zu ihren großen überseeischen Missionen benutzt wurde. Es ist wahr, er soll Schätze besitzen, die er längst schon dem Fürsten zur Verfügung stellte. Der Fürst schlug sie für sich aus, nahm aber die mir immer nur frivol erscheinenden Anerbietungen des Barons, sein unruhiges wechselvolles Leben mit einem Mitgliede seiner Familie und wär's mit Olga oder Paulowna beschließen zu dürfen, erst eben so scherzend, eben so frivol entgegen, bis aus ihnen ernstlichere Versicherungen entstanden und Baron Otto von Dystra jetzt in der That unterwegs ist, sein leichtsinnig verpfändetes Wort zu lösen. Dieser Brief, den ich heute aus London empfing, kündigt seine Ankunft so plötzlich an, daß wir ihn binnen drei Tagen erwarten dürfen.

Olga fühlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz.

Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieses Arrangements stehen, lobte die weise Sorgfalt des Fürsten, pries die Umstände Dystra's, nannte ihn, trotz seiner barocken Gestalt, einen Philosophen, ohne angeben zu können, worin seine Philosophie bestände, behauptete, daß der Fürst nur Ehrenmänner zu Freunden gehabt haben könne und schloß damit, daß auf diese Art Olga's Zukunft ja vortrefflich bestimmt wäre und es keiner Böswilligkeit ferner einfallen könne, sich in die innern Angelegenheiten ihres Hauses zu mischen.

Und Alles, Alles Das, Adele, weil... rief Rudhard, seinen Zorn unterbrechend.

Sein Gefühl, die Rücksicht übermannte ihn.

Weil? fragte die Fürstin mit einer Sicherheit, die ihm verrieth, daß ihr Charakter jetzt erst, in ihrem vierunddreißigsten Jahre, in seine Entwickelung getreten war.

Weil Sie selbst es sind, brach Rudhard hervor, Sie selbst, die Wildungen lieben und in Olga die glücklichere Nebenbuhlerin fürchten!

Rudhard glaubte in der Fürstin eine gewaltige Bewegung hervorgerufen, irgend den Ausbruch eines gewaltigen Zornes, eines längst gegen seine Bevormundung verhaltenen stillen Ingrimmes geweckt zu haben. Nichts von alledem. Die Fürstin rümpfte die Nase und sprach mit einer wegwerfenden Miene:

Wie zart und rücksichtsvoll Sie sind!

Sag' ich etwa die Unwahrheit? fuhr Rudhard, durch diese Antwort sich steigernd fort. Muß ich mir nicht die bittersten Vorwürfe machen, daß ich in blindem Vertrauen auf Ihre Selbstbeherrschung einen Freund der Kinder, einen theilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einführte, der, ohne selbst die geringste Veranlassung zu geben, in die jungen Gefühle eines Kindes den ersten Funken wirft und auch in der Asche eines Mutterherzens noch die letzten Funken zur Flamme entzündet.

Diese Worte entrüsteten die Fürstin.

Es ist genug! rief sie sich erhebend. Es ist genug, Rudhard. Ich habe das Joch Ihrer Weisheit so lange getragen, daß ich selber dumm darüber wurde! Ich habe Sie denken lassen und gethan, Jahre lang gethan, was Sie mir als gut und recht zu thun anempfahlen. Aber ich fühle, daß ich gegen Andere zurückgeblieben bin, daß ich verkürzt wurde um meine Freiheit, um mein wahres Lebensglück. Diese Zeit ist aus. Von der Botmäßigkeit, in der ich unter Ihnen stand, jetzt in eine Sklaverei kommen zu sollen, bei der ich unter meiner eigenen Tochter stehen würde, Das ist zu viel, Das vermag ich nicht zu ertragen.

Ich würde gehen, sagte Rudhard, wenn ich dem Fürsten nicht geschworen hätte, über die Kinder zu wachen, bis mein Auge bricht.

Quält Ihr mich, rief Adele, foltert Ihr mich, so wähl' ich den äußersten Fall –

Fürstin!

So bleiben Sie und ich gehe!

Die Mutter von ihren Kindern?... Adele!

Rudhard's Stimme zitterte. Er mußte einen Sitz suchen, um sich aufrecht zu erhalten.

Adele aber fuhr fort:

Versteh' ich denn jetzt, was meine Schwester bestimmen konnte, entehrende Fesseln zu brechen? Fass' ich's denn jetzt, was es heißt, das Leben hingehen lassen, ohne seine Blüten zu brechen, ohne seine Früchte zu genießen? Du kalter Mann, du schiltst das Herz, daß es liebt? Hab' ich denn je geliebt? Hab' ich denn je die Wonne empfunden, in eines Mannes Ferne vom Schauer der Sehnsucht, in seiner Nähe vom Schauer der zärtlichsten Freundschaft ergriffen zu werden? Ich habe den Fürsten geheirathet, weil es so beschlossen wurde. Ich achtete ihn, ich verehrte ihn. Ich war die treue Pflegerin seiner gemessenen Lebensjahre. Mein Leben verstrich wie der Traum einer verpuppten Raupe. Ich ahnte eine schöne Welt, ich fand sie in den mütterlichen Pflichten. Ich habe mich nie gesträubt sie zu vollziehen. Ich lebte ihnen bis diese Stunde. Aber wenn sich ein Kind in das eigene Herz der Mutter krallt, wenn es über uns hinweghüpfen, über uns hinwegtändeln, über uns hinweglachen, lieben will und die Jugend wie ein trotziges Vorrecht übt, dann komm' ich mir vor wie ein Mensch, den man lebendig begraben will, und ich schüttle mich, ich springe auf, ich lasse mich nicht in die Erde werfen, ich sage: Ich liebe! Ich liebe Siegbert Wildungen und das Schicksal ist gütig, Gott ist liebevoll wie unser Herz, ich weiß es, ich werde durch ihn nicht unglücklich sein.

Hier unterbrach ein gellendes Lachen die Worte der Fürstin.

Rudhard wandte sich und sah hinter dem halbgeöffneten Vorhange Olga stehen, wie wahnsinnig, mit geisterhaftem Blicke.

Du hier? Was willst du? herrschte die Mutter zornentbrannt.

Mutter! rief das Mädchen halb ohnmächtig mit schmelzendem Ausdruck und wollte sich in die Arme der Fürstin werfen.

Hinweg! schrie diese im höchsten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes.

Olga, so zurückgewiesen, blieb stehen, sah die Mutter mit zitternden Lippen, funkelnden Augen lange wie eine Irrsinnige an, dann lachte sie plötzlich, klatschte in die Hände und rief: Gute Nacht! Gute Nacht! lachte wieder und stürzte mit dem convulsivischen Ausbruch ihrer Gefühle schluchzend, aber auch triumphirend hinter dem Vorhange davon.

Die Fürstin folgte ihr, sah, daß das Cabinet auf den Corridor hin nicht verschlossen gewesen war und warf sich halb ohnmächtig und erschöpft auf ihr Kanapé.

Rudhard nahm die Briefe und kämpfte einen Augenblick mit sich, ob er dem Starrkrampf, in den die Fürstin gefallen schien, eine mildere Lösung geben sollte. Er war aber zu entrüstet, zu streng dazu. Auch überwältigte ihn die Trauer, daß alle Erziehung, alle Lehre nicht ausreicht, in gewissen äußersten Krisen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrücken. Er sagte nichts, als ein einfaches:

Sammeln Sie sich, Adele! Prüfen Sie ernst, was Sie bewegt. Tödten Sie Ihr Kind nicht! Es gibt einen moralischen Tod, den ich bei Olga mehr fürchte, als den physischen. Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlasse. Das weiß ich, Das hoff' ich.

Damit ging Rudhard und überlegte, als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg, ernstlich, was nun zu thun sei. Als der Sensenmann an seiner Uhr zehnmal anschlug, stand es ihm nach längerer Prüfung fest, daß hier nur Siegbert Wildungen selber helfen konnte. Er war überzeugt, daß es nur einer kurzen Aufforderung bedürfen würde, um diesen edlen jungen Mann zu bewegen, sich auf einige Zeit nicht nur von diesem Hause, sondern auch aus der Stadt und ihrem nächsten Umkreise ganz zu entfernen.

Adele aber überlegte, wie viel von Dem, was Olga möglicherweise belauscht hatte, hinreichen würde, ihre Wünsche zu erleichtern oder zu erschweren. Goethe's Wilhelm Meister nahm sie nicht wieder vor. Sie sah durch ihr Fenster hinüber in die dunklen Gärten. Im Hause der Geheimräthin von Harder war es hell und belebt. Sie mochte nicht länger hinsehen; es war ihr Alles peinlich, Alles zu eng, um sich zu klein! Erst in den heftigen Vorwürfen, mit denen sie ihr Kammermädchen wegen der nicht geschlossenen Thür überschüttete, fand sie sich zurecht und warf sich erschöpft, in verdrießlichster Misstimmung von der Welt, schmerzzerrissen, auf ihr einsames Lager.

Diese Nacht, einer uns werthen Familie so ernst und bedeutsam, sollte auch dem Kreise der Freunde, deren Schicksalen wir folgen, mit verhängnißvollen Sternen aufgehen.

Versetzen wir uns in das innerste Gewühl der großen Stadt, an die Stelle ihrer reichsten historischen Erinnerungen. Da, wo die alte Johanniskirche und die Propstei, wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte Johanniterkomthurei und das Rathhaus liegen, befindet sich auch der sogenannte Rathskeller, einer der beliebtesten Besuchsörter, ein von der gewähltesten Gesellschaft gepflegtes, alterthümliches Local. Dicht an dem Rathhause selbst gelegen, waren seine oberen Räumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der Zeiten flutartig emporgewachsenen Registraturen und Akten bestimmt und standen durch einen Hof mit dem ehrwürdigen alten Rathhause selbst in nächster Verbindung. Das untere Geschoß hatte seit den ältesten Tagen der Rathskellermeister in Besitz. Es waren dies große, feuerfeste Gewölbe, zu denen man durch eine niederwärts gehende Treppe von der Straße herabstieg und die nach jenem Verbindungshofe mit dem Rathhause wieder ihren Ausgang hatten. Der Rathskeller war immer nur den tüchtigsten und empfohlensten Küfern anvertraut worden. Es war eine Pachtung, die man vom Rathe nicht meistbietend, sondern nach einer Prüfung erstand. Die gewaltigen Vorräthe aus alter Zeit, die man mehr der Curiosität als der Nutznießung wegen gesammelt hatte, standen unter der Pflege dieses Rathskellermeisters, während der übrige Theil seines Geschäftes auf eigene Rechnung ging.

Der gegenwärtige Rathskeller war eins der beliebtesten Stelldicheins der Stadt geworden. Man fand nicht nur an den vorzüglich gehaltenen Weinen seinen Gefallen, sondern auch an der außerordentlich gemüthlichen Einrichtung dieser vielen kleinen Souterrains. Wenn man von der Straße etwa acht Stufen niedergestiegen war, betrat man einen langen Gang, der auch den ganzen Tag schon durch Gaslicht erleuchtet und an den Wänden nicht ohne Geschmack in Fresko bemalt war. Links und rechts gingen schwere eichene, größtentheils neue Thüren zu kleinen, fensterlosen, grünangestrichenen Cabineten, die alle von einer Gasflamme erhellt waren. Diese durch dicke Grundmauern getrennten Cabinete waren groß und klein, je nachdem man möglichst allein oder in größerer Gesellschaft sein wollte. Klingeln führten auf den Gang hinaus und setzten jeden noch so isolirten Besucher mit den Kellnern, die im Schurzfelle als Küfer auftraten, in Verbindung. Mit der Kellerei war eine sehr gut unterhaltene Speisewirthschaft verbunden.

Dieser Rathskeller war eins der ältesten Gebäude der Stadt. Man setzte es auf die Zeiten des vierzehnten Jahrhunderts zurück und mancher Alterthümler betrachtete voll Theilnahme seinen Giebel oder ließ sich den innern Bau zeigen, der verfallen war, unwegsam durch die hier aufgeschichteten Papiervorräthe, alten Schränke, Pulte, Stühle, aber durch seine Bauart und die Behandlung des Balkengefuges noch mannichfaches Interesse bot. Ursprünglich gehörte dies Haus denselben Templern, die in Tempelheide einen Hof hielten. Es war das Profeßhaus des Ordens gewesen, der in Deutschland sich länger erhielt als irgendwo und, wie wir wissen, auf Befehl des Papstes in den St.-Johanniterorden, ohne weitere Anfechtungen zu bestehen, überging. Bis zur Reformation gehörte dies Profeßhaus den Johannitern, und nach ihr, als diese norddeutschen geistlichen Ritter protestantisch wurden, rechnete man es gleichfalls zu jenen Besitzungen, die bei der Theilung der unglaublich ausgedehnten Güter des Ordens dem Ritter Hugo von Wildungen überwiesen wurden. Noch jetzt sah man das alte dreiblätterige Kleeblatt an den vier Enden des Kreuzes am höchsten Giebel des Rathskellers und fand es auch sonst auf sinnige Weise hier und da so zu architektonischer Verzierung benutzt, daß der kreuzliebende Don Eusebio in Calderon's Andacht zum Kreuze darüber seine freudigsten Schauer würde empfunden haben.

Es war nach sieben Uhr und schon dunkel, als in dem Verbindungshofe des Rathhauses und des Rathskellergebäudes zwei Männer standen, die einen Dritten zu erwarten schienen. Der Eine war eine hohe stattliche Gestalt mit dickem Backenbart und einem tief über die Stirn gedrückten Hute. Der Andere klein und schmächtig und wie von Hektik gebeugt, kurzathmend und klapperdürr.

Zum Henker mit Ihrer Schwerhörigkeit, sagte der Starke und Stattliche zu dem Schmächtigen, der ihn schon einige Dutzendmale mit seinem Wie? Wie sagten Sie? geplagt hatte.

Und sich dicht an das Ohr des Fragenden lehnend, rief er hinein:

Haben Sie ihm punkt Sieben gesagt?

Punkt Sieben, Herr Oberkommissair!

Der Oberkommissair Pax zog seine Uhr und ließ sie repetiren. Es war sieben Uhr. Der Erwartete kam noch immer nicht. Ungeduldig ging der Harrende auf und ab. Hier lagen alte Balken, da standen Tonnen, die zur Kellerei gehörten. In mancher Ecke hing noch eine eiserne Kette oder ein Ring, der früher zu den in den Rathhaushöfen üblichen Executionen benutzt wurde. Der Oberkommissair spielte ungeduldig mit einem dieser Ringe und sah zu den Fenstern des Rathhauses hinauf, die nach dieser Seite hin vergittert waren. Ein menschliches Wesen ließ sich sonst nicht blicken. Abgelegen und still lag dieser Hof, nur zugänglich den Leuten des Rathskellermeisters und den Subalternen des Rathhauses, wenn sie in den Fall kamen, aus den Verschlägen des alten Profeßhauses Akten oder zu feierlichen großen Sitzungen Stühle und Tische holen zu müssen. Eine andere Thür zu dem alten Gebäude als die, zu der man auf einer halben Leiter hinaufstieg, war nicht sichtbar. Ohne Zweifel hatte hier früher eine größere Steintreppe gestanden, war baufällig geworden, abgerissen und nun durch eine hölzerne Nothtreppe ersetzt, die in der That mehr den Namen einer Leiter verdiente.

Kommen Sie, Schmelzing, rief der Oberkommissair, wir bleiben einstweilen beim Rathsdiener Spieß oder wir schließen auf und gehen immer hinein.

Der zu einem Rathe in diesem Falle Aufgeforderte war in der That der ehemalige Schreiber Schmelzing, der schon lange in mancherlei Relationen zur Polizei gestanden hatte, seitdem aber Hackert's Talente von Pax erkannt und für die öffentliche Sicherheit gewonnen waren, sich gleichfalls dem Oberkommissair offener zur freien Verfügung gestellt hatte. Er war mannichfach zu verwenden. Schrieb er auch nicht so kunstvoll wie Hackert, der in der Kalligraphie ein Künstler war, so war seine Feder doch rascher, sein Auge geübter im Enträthseln schwieriger Handschriften und seine Kenntniß des Kanzleistyles zuverlässiger als bei Hackert, dem oft einfiel, seine eigenen Wege zu gehen und in die von dem Oberkommissair verlangten Berichte seine eigenen Ideen einfließen zu lassen. Die heutige Expedition war eine von denen, denen Schmelzing sich gern unterzog, da sie besonders gut bezahlt wurden und ohne ein besonderes Vertrauen der Behörde nicht gut ausgeführt werden konnten. Leider störte ihn seine Harthörigkeit, die wir schon von Nr. 87 her in der Brandgasse Nr. 9 kennen und auch jetzt gab er keine andere Antwort, als daß er äußerte:

Frau Rathsdienerin Spieß? Eine schöne Frau!

Ungeduldig hatte der Oberkommissair mit einem großen Schlüssel, den er aus der Brusttasche zog, sich an die Treppe begeben und auf ihr die Thür des alten Profeßhauses aufgeschlossen und Schmelzing aufgefordert, nach ihm einzutreten, als man eilende Fußtritte hörte. Pax hielt die Thür noch zu und sah sich um. Es war der Erwartete.

Sie kommen so spät, Hackert! Haben Sie's nicht finden können?

Da bin ich jetzt, sagte Hackert. Was soll's nun?... Die Fässer hier kenn' ich... auch die Ratten, die sich hier im Hofe jagen, sind alte Freunde...

Finden Sie sich hier zurecht? fragte Pax voll Antheil für seinen Schützling, der in gewählter Kleidung, leicht, heiter und sorglos schien.

Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu thun hatte, sagte Hackert, sprang' ich kleiner Bursch' hier auf dem Hof herum, zupfte das Gras aus und band alte Stricke an die Halseisen und kugelte die Tonnen herum, bis die Rathsdiener kamen und mir Ruhe geboten. Hier hab' ich leider zu früh Wein trinken lernen. Als zehnjähriger Junge hab' ich da in der Ecke oft betäubt gelegen und schlief meine ersten Räuschchen aus, die freilich mehr vom Dunst in den Kellern kamen, als...

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